{"id":4620,"date":"2018-12-14T17:14:45","date_gmt":"2018-12-14T15:14:45","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4620"},"modified":"2018-12-14T17:16:01","modified_gmt":"2018-12-14T15:16:01","slug":"zur-entwicklung-der-faschismustheorie-trotzkis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4620","title":{"rendered":"Zur Entwicklung der Faschismustheorie Trotzkis"},"content":{"rendered":"<p><em>J\u00fcrgen Roth. <\/em>Was stellt der Faschismus dar? Diese Frage stellten sich b\u00fcrgerliche Intelligenz, zahllose HistorikerInnen wie TheoretikerInnen der ArbeiterInnenbewegung schon vor mehr als 90 Jahren. Dieser Aufsatz<!--more--> bewertet einige der bedeutendsten Antworten darauf. Den Schwerpunkt bildet die Entwicklung der Faschismustheorie Trotzkis, beginnend mit seinen ersten \u00c4u\u00dferungen zum Thema 1922. Dabei ist es unverzichtbar, seine Gedanken in den Kontext der damaligen Debatte innerhalb der (III.) Kommunistischen Internationale (Komintern, KI) zu stellen. Ab 1929 entstand dann sein bedeutend umfangreicher ausgearbeitetes Theoriegebilde, dessen wesentliche Eckpunkte dargestellt und mit den Vorstellungen anderer Str\u00f6mungen der ArbeiterInnenbewegung verglichen werden sollen. Im Mittelpunkt stehen dabei die unterschiedlichen Konzepte, wie der Nationalsozialismus geschlagen werden kann. Zum Schluss versucht dieser Artikel, einen kurzen Ausblick auf aktuelle Probleme zu geben. Die Hauptfrage dabei lautet: Inwieweit kann Trotzkis Theorie uns dabei hilfreich sein?<\/p>\n<p><strong>Trotzkis Position in der Faschismusdebatte der jungen Komintern 1922\u20131924<\/strong><\/p>\n<p><em><u>Italien und der III. Weltkongress (WK)<\/u><\/em><\/p>\n<p>Bis Mitte 1921 sprach die KI summarisch vom konterrevolution\u00e4ren \u201ewei\u00dfen Terror\u201c, zu dem sie Horthy in Ungarn, Kapp und die \u201ewei\u00dfe Sozialdemokratie\u201c in Deutschland sowie Elemente der ehemaligen zaristischen Geheimpolizei Ochrana z\u00e4hlte <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>.<\/p>\n<p>Im Zuge der taktischen Wende auf dem III. WK (22. Juni\u201312. Juli 1921) zur Einheitsfront (\u201eHeran an die Massen!\u201c) setzte eine differenziertere Betrachtung ein. Zwischen diesen beiden Kongressen wurde die internationale Diskussion \u00fcber den Faschismus im Lichte der italienischen Erfahrung vertieft. Zum einen ging es um die Analyse des Faschismus in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, zum anderen um die einzuschlagende Taktik gegen\u00fcber dieser Gefahr.<\/p>\n<p>Mitte 1921 bis Ende 1922 herrschte weitgehend Einigkeit dar\u00fcber, dass das Ziel des italienischen Faschismus die Zertr\u00fcmmerung der proletarischen Bewegung bzw. die Atomisierung der italienischen ArbeiterInnenklasse sei und seine sozialen Wurzeln im Kleinb\u00fcrgertum l\u00e4gen. \u00dcber die Frage seines politischen Verh\u00e4ltnisses zum Gro\u00dfkapital gingen jedoch die Meinungen, nicht nur in der Kommunistischen Partei Italiens (KPI), auseinander. Deren ultralinke Mehrheit (Bordiga, Gennari) ging von einer \u201egro\u00dfkapitalistischen Funktion\u201c der kleinb\u00fcrgerlichen Massenbewegung aus. Gramsci dagegen ortete 1921 einen Widerspruch zwischen \u201eparlamentarischem\u201c und \u201eunvers\u00f6hnlichem\u201c Faschismus. Letzterer werde im Gegensatz zu ersterem seine antiproletarische Richtung beibehalten. Ein drittes Lager betonte die Autonomie der faschistischen Bewegung als eigenst\u00e4ndige Kraft, die sich in einen fundamentalen Gegensatz zur italienischen Gro\u00dfbourgeoisie hinentwickeln m\u00fcsse (Rosso).<\/p>\n<p>Auch das Verh\u00e4ltnis der faschistischen Bewegung zur b\u00fcrgerlich-parlamentarischen Demokratie wurde kontrovers diskutiert. Der III. WK konstatierte die Zusammenarbeit demokratischer Staatsinstitutionen mit den FaschistInnen parallel zu deren Terror gegen die ArbeiterInnenbewegung. Das Exekutivkomitee der KI (EKKI) nahm scharf Stellung gegen die sozialdemokratische Konzeption, mithilfe des b\u00fcrgerlichen Staatsapparats die Faschisten schlagen zu wollen. Die ultralinke KPI-Mehrheit ging sogar von einer Identit\u00e4t von b\u00fcrgerlich-demokratischer und faschistischer Herrschaft aus. Terracini meinte, Faschismus sei ein vor\u00fcbergehender Gewaltzustand seitens der herrschenden Klassen, untrennbar von den bereits bestehenden b\u00fcrgerlichen Parteien. Diese Meinung wurde gen\u00e4hrt von der weitgehend unblutigen Macht\u00fcbernahme Mussolinis. Die Unterdr\u00fcckungs- und Verhaftungswelle setzte erst sp\u00e4ter ein. Die Gleichsetzung von Faschismus und b\u00fcrgerlicher Demokratie wurde von der EKKI-Mehrheit nicht geteilt.<\/p>\n<p><em><u>Die Taktik der ArbeiterInneneinheitsfront (nicht nur) gegen den Faschismus<\/u><\/em><\/p>\n<p>Trotzki war einer der wesentlichen Bef\u00fcrworter der Einheitsfronttaktik. Diese spielte besonders f\u00fcr kommunistische Parteien eine Rolle, die \u00fcber keinen Massenanhang verf\u00fcgten, und bedeutete Einheit in der Aktion f\u00fcr gemeinsame Ziele mit anderen Parteien und Organisationen der ArbeiterInnenbewegung bei Bewahrung vollst\u00e4ndiger politischer Unabh\u00e4ngigkeit voneinander: Getrennt marschieren, vereint schlagen! Freiheit der Kritik (auch an den zeitweiligen B\u00fcndnispartnerInnen), Einheit in der Aktion! Vorschlag und Aufforderung zur Aktion richteten sich sowohl an die Basis wie die F\u00fchrungen der Arbeiterorganisationen. Eine zweite Grundvoraussetzung, um die Mehrheit der ArbeiterInnenklasse f\u00fcr den Kommunismus in der und durch die gemeinsame Aktion zu erlangen, war die getrennte Organisierung der KommunistInnen in einer eigenen, unabh\u00e4ngigen Partei und der Kampf f\u00fcr ihr Programm: keine gemeinsame Propaganda, kein Verwischen der Fahnen und Prinzipien. Die KommunistInnen sollten die besten und energischsten VerfechterInnen f\u00fcr die Ziele der Einheitsfront sein, ohne auch nur f\u00fcr einen Moment ihre Kritik an den Unzul\u00e4nglichkeiten und Halbheiten ihrer KontrahentInnen und EinheitsfrontpartnerInnen einzustellen oder abzuschw\u00e4chen, v.\u00a0a. wenn letztere sich nicht mit voller Kampfkraft f\u00fcr die gemeinsamen Ziele einsetzten \u2013 aber nat\u00fcrlich auch dar\u00fcber hinaus.<\/p>\n<p>Diese Mehrheitslinie des EKKI musste auch im Kampf gegen den Faschismus gegen rechte wie ultralinke Abweichungen verteidigt werden. Die rechte KPD-F\u00fchrung unterzeichnete mit SPD, USPD und Gewerkschaften z.\u00a0B. eine gemeinsame Erkl\u00e4rung vor dem Hintergrund der Massendemonstrationen anl\u00e4sslich der Ermordung Rathenaus (24. Juni 1922), welche die inhaltsleere \u201eDemokratisierung der Republik\u201c forderte. Die italienischen Ultralinken sahen in der Einheitsfronttaktik den Verzicht auf kommunistischer Eigenst\u00e4ndigkeit und lie\u00dfen ein Zusammengehen mit anderen ArbeiterInnenorganisationen gegen die FaschistInnen nur auf Gewerkschaftsebene gelten.<\/p>\n<p>Zur Vorbereitung des IV. WK der KI (5. November\u20135. Dezember 1922) nahm Trotzki zum ersten Mal in einer Rede anl\u00e4sslich des 5. Jahrestages der Russischen Revolution vor der Moskauer Parteiorganisation der RKP (Russische Kommunistische Partei) ausf\u00fchrlicher zum Faschismus Stellung. Er hielt seine Rede Ende Oktober 1922 vor dem Hintergrund der aktuellen italienischen Entwicklung, denn nach Mussolinis Marsch auf Rom setzten die Verfolgungen ein. Trotzki machte eine ernstzunehmende Niederlage des Proletariats als Folge der verpassten Macht\u00fcbernahme 1920\u20131921 aus. Er blieb im Hinblick auf die sozialen Wurzeln der faschistischen Banden unbestimmt (\u201eb\u00fcrgerlich\u201c wie \u201ekleinb\u00fcrgerlich\u201c). Ihre politische Funktion sah er allerdings ganz im Interesse des Gro\u00dfkapitals \u2013 als dessen Rache. Er konstatierte weder einen Gegensatz zwischen b\u00fcrgerlich-demokratischer und faschistischer Herrschaftsform noch deren Identit\u00e4t, legte sich diesbez\u00fcglich also (noch) nicht fest. \u00dcberdies war er der Ansicht, dass es sich beim Faschismus um keine rein italienische Angelegenheit handle, denn dieser habe sich in allen L\u00e4ndern ausgebreitet (z.\u00a0B. Orgesch in Deutschland).<\/p>\n<p><em><u>Der IV. Weltkongress<\/u><\/em><\/p>\n<p>Die Diskussion dort spiegelte das oben skizzierte Meinungsspektrum in der Faschismusfrage wie in der einzuschlagenden Taktik gegen die FaschistInnen wider. Im Gegensatz zu den italienischen Ultralinken sah Radek, Hauptredner zum Thema \u201eTaktik\u201c, im Sieg des italienischen Faschismus die gr\u00f6\u00dfte Niederlage seit Beginn der Weltrevolution. Seine Rede enthielt aber auch ein rechtes Element, das in den zuk\u00fcnftigen Faschismusanalysen der KI bzw. der KPD 1923 zentral werden sollte. Er unterschied \u2013 \u00e4hnlich wie zuvor Gramsci \u2013 im Faschismus einen progressiven, \u201edemokratischen\u201c Fl\u00fcgel von einem reaktion\u00e4ren.<\/p>\n<p><em>\u201eNat\u00fcrlich waren die faschistischen Massenbewegungen, die \u00fcber das Kleinb\u00fcrgertum hinaus auch in der Arbeiterschaft Anh\u00e4nger hatten, sozial und politisch tendenziell heterogen. Allerdings \u2013 als Bestandteil der faschistischen Bewegung mit klar anti-proletarischem Programm und Praxis \u2013 hatte diese Heterogenit\u00e4t f\u00fcr die Arbeiterbewegung erst dann eine Bedeutung, wenn es ihr gel\u00e4nge, durch einen frontalen Angriff auf die faschistische Bewegung insgesamt diese in ihre einzelnen Bestandteile zu zerlegen. Radeks Feststellung eines ,demokratischen faschistischen Fl\u00fcgels\u2019 widersprach seiner Ausgangsposition, den Faschismus als konterrevolution\u00e4re, anti-proletarische Bewegung im Dienste der Monopolbourgeoisie zu charakterisieren. Die Konstatierung eines ,demokratischen Fl\u00fcgels\u2019 stand im Gegensatz zu einer Bewegung, deren Programm im radikalen Kampf gegen die Demokratie, angefangen mit der Zerschlagung der Arbeiterbewegung, bestand.\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Sinowjew forderte die Einheitsfront f\u00fcr Italien, ging aber weiter als andere RednerInnen, als er der KPI vorschlug, in bestimmten Situationen auch mit faschistischen \u201eGewerkschaften\u201c eine Front zu bilden.\u00a0<em>\u201eTrotzki unterschied sich\u2026 methodisch von sp\u00e4teren Ans\u00e4tzen in der Kominternpolitik, Kleinb\u00fcrger als Bestandteile der faschistischen Bewegung f\u00fcr die Unterst\u00fctzung der Arbeiterbewegung zu gewinnen, anstatt diese \u00fcber Methoden des Klassenkampfes aus dem Lager des Faschismus zu brechen.\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Die \u201eTaktikresolution\u201c folgte weder den rechten noch den ultralinken Positionen: Neben der Notwendigkeit der antifaschistischen ArbeiterInneneinheitsfront wurde der Unterschied zwischen demokratischer und faschistischer Herrschaft betont und damit die Position der ultralinken KPI-Mehrheit zur\u00fcckgewiesen. Radeks These eines \u201edemokratischen faschistischen Fl\u00fcgels\u201c wurde nicht aufgegriffen.<\/p>\n<p>Trotzki und die KI-Mehrheit verstanden zur Zeit des IV. WK Faschismus und Demokratie als unterschiedliche b\u00fcrgerliche Herrschaftsformen, ohne genau zu analysieren, wie der Faschismus zur Macht gelange. Die M\u00f6glichkeit eines organischen Hineinwachsens der b\u00fcrgerlichen Demokratie in den Faschismus wurde offengelassen.<\/p>\n<p><em><u>Deutschland 1923<\/u><\/em><\/p>\n<p>Die Ruhrbesatzung durch franz\u00f6sische und belgische Truppen am 11. Januar 1923 leitete eine revolution\u00e4re Krise ein, die bis Oktober des Jahres andauerte.\u00a0<em>\u201eDie politische Krise, der Entzug der Verf\u00fcgungsgewalt \u00fcber das Ruhrgebiet, ging einher mit der \u00f6konomischen. Die Inflation, die bis zum November 1923 astronomische Ausma\u00dfe annahm\u2026, ersch\u00fctterte die b\u00fcrgerliche Gesellschaft in ihren Grundfesten; Arbeitslosenunruhen, Demonstrationen, Streiks bis hin zu Arbeiteraufst\u00e4nden waren die Folge (April 1923: Aufstandsversuch in M\u00fchlheim [heutige Schreibweise: M\u00fclheim, d. Red.]; Mai-Aufruhr in Gelsenkirchen). Ab Mitte Mai wurde das Ruhrgebiet von einer Massenstreikwelle erfasst, wobei die Losung der Dortmunder Bergarbeiter lautete: ,Die Ruhrgruben dem Proletariat\u2019. Ihren H\u00f6hepunkt fand die Streikbewegung im unbesetzten Teil Deutschlands in den Auguststreiks, die zum R\u00fccktritt der Regierung Cuno f\u00fchrten.\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Im Sommer 1923 hatte die KPD im deutschen Proletariat die SPD \u00fcberfl\u00fcgelt. Die rechte KPD-F\u00fchrung unter Brandler\/Thalheimer, beraten von Radek, betrieb nach den bitteren Erfahrungen der putschistischen M\u00e4rz-Aktion 1923 eine defensive Politik, die hinter den st\u00fcrmischen Ereignissen zur\u00fcckblieb; die ultralinke Opposition um Fischer\/Maslow zeigte keine revolution\u00e4re Alternative dazu auf. <a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>In der Behandlung der deutschen nationalen Frage w\u00e4hrend der Ruhrbesatzung zeigte sich ein Schwanken der KPD. Anfangs verurteilten KPD und EKKI den Einmarsch der Invasionstruppen, verweigerten aber einen Burgfrieden mit der Reichsregierung (Essener Konferenz), nur die unabh\u00e4ngige Mobilisierung der deutschen, franz\u00f6sischen und belgischen ArbeiterInnenklassen k\u00f6nne die Ruhrkrise l\u00f6sen. Diese Position des revolution\u00e4ren Def\u00e4tismus wurde jedoch von der KPD-F\u00fchrung zunehmend unterh\u00f6hlt. August Thalheimer sprach im Februar 1923 davon, die Lage des deutschen B\u00fcrgertums habe dieses dazu gef\u00fchrt, nach au\u00dfen \u201eobjektiv revolution\u00e4r\u201c aufzutreten. Offensichtlich waren f\u00fcr Brandler, Thalheimer und Radek, insbesondere im Verh\u00e4ltnis zu Frankreich, das Deutsche Reich kein imperialistisches Land und die Regierung keine Vertretung des deutschen Kapitals mehr, sondern eine Art Halbkolonie bzw. Kleinb\u00fcrgerregierung. Der Kampf gegen die Regierung wurde (auch) auf der Grundlage einer konsequenteren Vertretung deutscher nationaler Interessen gef\u00fchrt. Diese populistische, \u201enationalbolschewistische\u201c Haltung gipfelte in der Parole der \u201eRoten Fahne\u201c, dem KPD-Zentralorgan vom 29. Mai 1923: \u201eNieder mit der Regierung der nationalen Schmach und des Volksverrats!\u201c Beil\u00e4ufig bemerkt: Dagegen gab es genauso wenig Einspruch seitens der ultralinken Opposition um Fischer wie gegen die sp\u00e4tere Schlageter-Linie. In der Logik dieser Position lag also die Anbiederung an die nationalistische Bewegung; z.\u00a0B. unterschied der Zentralausschuss (ZA) zwischen vom \u201eKapital gekauften Elementen\u201c und \u201eirregef\u00fchrten Kleinb\u00fcrgern\u201c. Die Konferenz des erweiterten EKKI vom 12.\u201323. Juni 1923 diskutierte zum Ungl\u00fcck nicht die revolution\u00e4re Situation in Deutschland. Zetkin fasste in ihrem Einleitungsreferat zur Lage in Italien die Faschismusanalyse es IV. WK eindringlich zusammen und betonte die Notwendigkeit gesonderter kommunistischer Agitation unter den kleinb\u00fcrgerlichen Schichten und des Aufbaus der ArbeiterInneneinheitsfront, des proletarischen Selbstschutzes gegen die faschistische Gefahr. Die \u00c4hnlichkeit mit Radeks Rede auf dem IV. WK lag in der These der Heterogenit\u00e4t der faschistischen Bewegung; diese bestehe sowohl aus konterrevolution\u00e4ren wie revolution\u00e4ren Elementen. Die sich anschlie\u00dfende \u201eSchlageter-Rede\u201c Radeks mit ihrer Anlehnung an schw\u00fclstiges v\u00f6lkisches Vokabular sollte zur Entfesselung dieser revolution\u00e4ren Elemente beitragen. Die bisherige rechte Politik der KPD in der Faschismusfrage wurde in dieser Rede auf die Spitze getrieben.<\/p>\n<p><em>\u201eWenn es richtig war, dass es ,revolution\u00e4re\u2019 Faschisten gab, dann war es nur konsequent, dass man mit solchen Teilen der faschistischen Bewegung auf der Basis der ,deutschen Arbeit\u2019 gegen die Franzosen und die deutschen ,Erf\u00fcllungspolitiker\u2019 gemeinsame Sache machte. Das neue an Radeks Programmatik war also, dass er mehr oder minder direkt die Bildung eines Blockes mit Teilen der faschistischen Bewegung bef\u00fcrwortete, den die KPD dann mit der Politik der ,Schlageter-Linie\u2019 herzustellen versuchte.\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Die Resolution des EKKI-Plenums \u00fcbernahm einige Elemente Zetkins (revolution\u00e4re Tendenzen im Faschismus), nicht jedoch die Radeks, und wich damit tendenziell von den bisherigen Beschl\u00fcssen der KI ab, betonte jedoch weiterhin, der Faschismus sei eine gef\u00e4hrliche Macht der Gegenrevolution. Trotzki nahm am Plenum nicht teil und \u00e4u\u00dferte sich auch nicht zur \u201eSchlageter-Rede\u201c. Seine davor get\u00e4tigten \u00c4u\u00dferungen lehnten eine Einheitsfront mit den FaschistInnen jedoch klar ab. Die \u201eRote Fahne\u201c druckte sie jedoch am 26. Juni 1923 ab als Auftakt zu einer Debatte mit den NationalsozialistInnen. Zur Ehrenrettung sei gesagt, dass die Schlageter-Politik nicht die Hauptachse der antifaschistischen KPD-Politik darstellte. Konferenzen im Januar und M\u00e4rz sowie der Antifaschistentag am 29. Juli hatten zur Mobilisierung gegen die FaschistInnen aufgerufen. Im Herbst 1923 verlief die Schlageter-Linie im Sande, nachdem die FaschistInnen mit der KPD nicht weiter debattieren wollten. Eine seri\u00f6se Aufarbeitung dieser opportunistischen Abweichung erfolgte aber nicht <a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a>.<\/p>\n<p><em><u>Trotzkis Position im Oktober 1923<\/u><\/em><\/p>\n<p>Hier wollen wir uns nicht mit seiner Beurteilung der Lage und Aufstandsplanung <a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> besch\u00e4ftigen, sondern mit seiner Charakterisierung \u201efaschistischer\u201c Elemente. Trotzki sah drei konterrevolution\u00e4re Kr\u00e4fte: die von faschistischen Offizieren gef\u00fchrte Reichswehr; faschistische Schockbataillone wie die \u201eschwarze Reichswehr\u201c, abh\u00e4ngig vom Reichswehrkommando; die Schutzpolizei. Er sprach von der Herrschaft eines \u201emoderaten Faschismus\u201c in Bayern. Doch weder von Kahr noch von Seeckt oder dessen Adjutant M\u00fcller waren Faschisten.<\/p>\n<p>Aufgrund der damals vorliegenden Erfahrungen war es allerdings schwierig bis unm\u00f6glich, im rechtsextremen Lager Unterschiede festzustellen. NSDAP, SA, Heimschutz, vaterl\u00e4ndische Verb\u00e4nde, \u201eschwarze Reichswehr\u201c, bonapartistische und monarchistische Elemente bis hin zu Deutschnationalen und Bayerischer Volkspartei traten terroristisch auf, um die \u201erote Gefahr\u201c auszumerzen. Der \u201eNationalsozialismus\u201c unter Hitler, Ludendorff und R\u00f6hm steckte selbst noch in einem Kl\u00e4rungsprozess. Erst der Ludendorff-Hitler-Putsch in M\u00fcnchen im November 1923 kl\u00e4rte die Fronten zwischen FaschistInnen und anderen Bestandteilen des rechtsextremen Lagers: christliche, f\u00f6deralistisch und wittelsbachisch gesonnene Kr\u00e4fte bildeten die b\u00fcrgerlich-konservative Komponente. NSDAP\/SA mobilisierten das Kleinb\u00fcrgertum f\u00fcr ein \u201enationalrevolution\u00e4res\u201c, gesamtdeutsches Programm. Von Kahr, gest\u00fctzt auf die bayerische Generalit\u00e4t und vom Reich mit Sondervollmachten f\u00fcr Bayern ausgestattet, lavierte zwischen diesen Kr\u00e4ften und stellte gegen die Zentralregierung die besondere Rolle Bayerns heraus. Die von Seeckt-Exekutive bildete zwischen September 1923 und Februar 1924 eine bonapartistische Diktatur. Bis Oktober 1924 herrschte danach ein ziviler Ausnahmezustand, \u00e4hnlich der heutigen Situation in Brasilien.<\/p>\n<p>Die Charakterisierung von Seeckts als Faschisten hat diesen in falscher Weise zu sehr mit Mussolini gleichgesetzt. Die unterschiedlichen Wurzeln (Armee\/Reichswehr, kleinb\u00fcrgerliche Massenbewegung) wurden nicht ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p>Trotzki entwickelte den Bonapartismusbegriff erst in den 1930er Jahren. Seine bisherige Faschismusdefinition als \u201eSturmtruppenorganisation der Konterrevolution\u201c erwies sich als zu grob. Er konnte sich weder die Differenzen in Bayern, beginnend mit Hitlers \u201eBierhallenputsch\u201c (Marsch auf die Feldherrnhalle), noch die zwischen Bayern und Berlin im November 1923 erkl\u00e4ren. Die These vom Seeckt-Faschismus implizierte, dass der Entscheidungskampf zwischen Faschismus und proletarischer Revolution direkt anstehe. Damit verbunden war zweitens eine Fehleinsch\u00e4tzung der politischen Situation im Oktober <a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a>. Das bonapartistische Lager sowie die Widerstandskraft des b\u00fcrgerlich-demokratischen Lagers, vor allem der SPD, wurden untersch\u00e4tzt. Der undifferenzierte Faschismusbegriff, den Trotzki z.\u00a0B. mit Brandler, Thalheimer, Radek, Kamenew, Sinowjew und Stalin teilte, sollte sich bei der aufkommenden stalinistischen Faschismusinterpretation als Nachteil erweisen.<\/p>\n<p><em><u>Die Auseinandersetzungen in der KI nach der deutschen Niederlage und die Entstehung der \u201eSozialfaschismustheorie\u201c<\/u><\/em><\/p>\n<p>1923 kann als Schicksalsjahr f\u00fcr die kommunistische Weltbewegung bezeichnet werden. Die Herausbildung und das j\u00e4he Ende einer revolution\u00e4ren Situation in Deutschland hatten tiefe Auswirkungen auf den B\u00fcrokratisierungsprozess in der Sowjetunion. Sinowjew hatte sowohl den Aufstandsplan als auch den R\u00fcckzug Brandlers und Radeks in Chemnitz als auch das Experiment mit den Landes\u201earbeiterInnenregierungen\u201c unterst\u00fctzt. Der letzte Artikel seiner Serie \u201eDie Probleme der deutschen Revolution\u201c zog die Konsequenz, die SPD habe den Weg f\u00fcr eine Macht\u00fcbernahme der FaschistInnen geebnet. Ins gleiche Horn stie\u00df die KPD-Leitung in ihrem Thesenpapier \u201eDer Sieg des Faschismus \u00fcber die Novemberrepublik und die Aufgaben der Kommunistischen Partei Deutschlands\u201c (3. November 1923). Im November 1923 begann sich Sinowjew langsam von der Brandler-F\u00fchrung abzusetzen und kritisierte die Praxis der KPD in Sachsen und Th\u00fcringen als sozialdemokratisch-opportunistisch. In seinem Artikel \u201eDer deutsche Koltschak\u201c ging er wie die KPD von einer faschistischen Diktatur von Seeckts aus, ebenfalls wie die KPD von einem organischen Hin\u00fcberwachsen der b\u00fcrgerlichen Demokratie in den Faschismus. Im Gegensatz zur KPD-Rechten, die er deshalb scharf kritisierte, sah Sinowjew jedoch im Faschismus nicht einen Sieg \u00fcber die demokratische Novemberrepublik, nicht ihre Abschaffung, sondern ihre Kr\u00f6nung. Ebert und von Seeckt seien zwei Seiten der gleichen Medaille.<\/p>\n<p>Vor 1923 vertrat diese Gleichsetzung nur die ultralinke KPI-Mehrheit. Das EKKI hatte dies zwar zur\u00fcckgewiesen, jedoch nicht die Frage beantwortet, in welcher Weise der Faschismus die b\u00fcrgerlich-parlamentarische Republik ersetze! Wenn nun aber Ende 1923 Brandler, Thalheimer, Radek wie auch die Moskauer EKKI-Mitglieder einhellig Deutschland unter General von Seeckt als faschistisch bezeichneten, dann musste die Demokratie in den Faschismus hineingewachsen sein \u2013 ganz ohne B\u00fcrgerkrieg! Folglich legte Sinowjew mit seinem Artikel den Grundstein f\u00fcr die Sozialfaschismustheorie. Die Analogie zwischen von Seeckt und Koltschak war zwar richtig, aber Faschisten waren beide nicht! Dar\u00fcber hinaus verharmloste Sinowjew den Faschismus auch noch, indem er Hitler mit Purischkewitsch verglich. Beide seien mehr Narren und Spa\u00dfmacher als ernsthafte Agenten der Konterrevolution.<\/p>\n<p>Die russische linke Opposition nahm zur deutschen Frage nicht geschlossen Stellung. Radek verteidigte die rechte KPD-Linie. Von ein paar allgemeinen Bemerkungen abgesehen, schwieg Trotzki.<\/p>\n<p>Das EKKI-Plenum von Januar 1924 endete mit einem Sieg des Triumvirats aus Kamenew\/Sinowjew\/Stalin und vervollst\u00e4ndigte die Niederlage der linken Opposition auf der gleichzeitig tagenden 13. russischen Parteikonferenz. Die EKKI-Resolution vom 19. Januar wich einer definitiven Stellungnahme zum Oktoberr\u00fcckzug aus, der von der KPD-Linken im Nachhinein heftig kritisiert worden war. Wesentlich waren drei Punkte: Der Oktober 1923 wurde nicht als eine entscheidende Niederlage gewertet, sondern lediglich als verlorene Schlacht; die Sozialdemokratie wurde zusammen mit der von Seeckt-Diktatur als faschistisch bezeichnet. Au\u00dferdem wurde das bisherige Einheitsfrontkonzept zugunsten einer Politik der \u201eEinheitsfront von unten\u201c aufgegeben. Der Triumviratsfraktion ging es dabei weniger um eine Aufarbeitung der Fehler kommunistischer Politik 1923, sondern um eine Verhinderung der Formierung einer internationalen Opposition gegen ihre Apparatherrschaft in der UdSSR.<\/p>\n<p><em>\u201eDie ,Sozialfaschismustheorie\u2019 war also 1923\/24 ein wichtiges ideologisches Instrument zur Durchsetzung der Herrschaft der russischen B\u00fcrokratie. Die programmatischen Unklarheiten der bisherigen Faschismusanalyse der Komintern konnten bei der Formulierung dieser ,Theorie\u2019 genutzt werden. Die Opposition gegen die Neuauflage der ultralinken Politik hatte hier ein entscheidendes Defizit, da sie die Grundlage der .Sozialfaschismustheorie\u2019, Seeckt-Faschismus und ,organisches Hineinwachsen der Demokratie in den Faschismus\u2019 teilte.\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p><em><u>Trotzkis Position vom November 1923 bis Januar 1924<\/u><\/em><\/p>\n<p>Au\u00dfer der \u00c4u\u00dferung im August 1933 im Gespr\u00e4ch mit Walcher (siehe Endnote 9) erschien dazu im Dezember 1923 Trotzkis Beitrag\u00a0<em>\u201eTradition und revolution\u00e4re Politik\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a>. Dort konstatiert er die falsche Einstellung der KPD zur politischen Entwicklung seit Mai bzw. Juli bis zum November (\u201ekalter\u201c Putsch von Seeckts) 1923. Eine konservative, hemmende, \u201ehalbautomatische\u201c Tradition habe in dieser Periode eine Neuorientierung, eine j\u00e4he taktische Wendung behindert. Nur indirekt deutete er eine entscheidende Niederlage der Partei im Oktober an. Die Verantwortung der KI findet in seiner Kritik hier ebenso wenig Niederschlag, wie die Fehler w\u00e4hrend der vorangegangenen Ruhrbesatzung erw\u00e4hnt werden. Diese allgemein gehaltenen Bemerkungen unterscheiden sich in der Substanz weder von Radek, Sinowjew noch der EKKI-Resolution. Diese gaben ja durchaus M\u00e4ngel im Zeitraum vor Oktober zu.<\/p>\n<p>Im russischen Fraktionskampf 1923\/24 ist gegen Trotzki immer wieder der Vorwurf erhoben worden, Trotzki habe die Linie der KPD-Rechten unterst\u00fctzt. Zu diesem Eindruck hatte Radeks Intervention auf dem EKKI-Plenum beigetragen, der gemeinsam mit Trotzki vorbereitete Thesen zur deutschen Frage ank\u00fcndigte und damit eine Einvernehmlichkeit mit letzterem suggerierte, der dieser nicht \u00f6ffentlich entgegentrat. \u00c4u\u00dferungen Trotzkis aus dem Zeitraum 1922\/23 legen allerdings nahe, dass er Anfang 1924 weder die Charakterisierung der SPD als faschistisch noch das Konzept der \u201eEinheitsfront von unten\u201c geteilt h\u00e4tte. Trotzki solidarisierte sich auch nicht politisch mit Brandler, sondern wandte sich gegen dessen b\u00fcrokratische Absetzung von oben durch die KI. Gem\u00e4\u00df seinem Verst\u00e4ndnis fiel die Wahl einer neuen F\u00fchrung bevorzugt in die Verantwortung einer jeden nationalen Sektion. Eine selbstst\u00e4ndig abgegrenzte Position Trotzkis im Unterschied zur KPD-Rechten und EKKI-Mehrheit l\u00e4sst sich auch in der Aufstandsfrage schwer erkennen. \u201eTradition und revolution\u00e4re Politik\u201c macht allerdings deutlich, dass das Aufstandsfiasko f\u00fcr ihn nicht das entscheidende Element darstellte, sondern eines in einer Kette schwerer Vers\u00e4umnisse. Die Hervorhebung eines \u201ekampflosen R\u00fcckzugs\u201c der KPD-F\u00fchrung legt jedoch Kritik an deren Vorgehensweise (auch) im Oktober nahe. Folgende Mutma\u00dfung hat sehr wahrscheinlich recht:\u00a0<em>\u201eMan k\u00f6nne \u2013 spekulativ \u2013 folgern, dass Trotzki f\u00fcr den Oktober\/November 1923 begrenzte Widerstandsaktionen im Sinne hatte, z.\u00a0B. die eigenst\u00e4ndige Durchf\u00fchrung eines defensiven Generalstreiks gegen M\u00fcller in Sachsen, analog etwa zur Politik im Juli 1917\u2026\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> in Petrograd.<\/p>\n<p>Fazit: Trotzkis Zur\u00fcckhaltung in der deutschen Frage war ein weiterer Baustein f\u00fcr die Niederlage der linken Opposition gegen den Stalinismus.<\/p>\n<p><strong>Trotzkis Opposition gegen den ultralinken Kurs der Komintern 1924<\/strong><\/p>\n<p>In seiner Rede in Tiflis (Hauptstadt Georgiens; 11. April 1924) sprach Trotzki erstmals von einer entscheidenden Niederlage der deutschen Revolution, die er allerdings f\u00e4lschlich mit dem Sieg des Faschismus gleichsetzte. Von gr\u00f6\u00dferer Bedeutung ist allerdings sein Vorwort zu\u00a0<em>\u201eDie ersten f\u00fcnf Jahre der Kommunistischen Internationale\u201c<\/em>\u00a0(Mai 1924) <a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a>. Dort formulierte er seine grunds\u00e4tzliche Kritik des stalinistischen ultralinken Kurses, pr\u00e4zisierte auf systematische Weise seine bisherigen \u00c4u\u00dferungen zur neuen internationalen Lage im Allgemeinen und zur deutschen im Besonderen. Letztere sei nicht an objektiven Bedingungen, sondern wegen taktischer Fehler gescheitert. Der Oktoberr\u00fcckzug wurde verurteilt, KPD-Linke wie -Rechte einte ein gemeinsamer fatalistischer Zug.<\/p>\n<p>Seine Faschismuseinsch\u00e4tzung zu dieser Zeit war gepr\u00e4gt von einer allgemeinen Einsch\u00e4tzung der internationalen Situation (proletarischer Ansturm bzw. revolution\u00e4re Ebbe), von der er die Herrschaftsform der Bourgeoisie (Demokratie oder Faschismus) abh\u00e4ngig machte. In Italien sah er Mussolini Kurs auf eine \u201eparlamentarische ,Regulierung\u2019 seiner Politik\u201c nehmen, eine Herrschaft des Faschismus also tendenziell schwinden. In Deutschland stellte er zwar einen Rechtsschwenk, aber innerhalb des parlamentarischen Rahmens fest. Seine Charakterisierung von Seeckts 1923 als Faschisten revidierte er jedoch nicht und teilte mit der EKKI-Mehrheit immer noch das Verst\u00e4ndnis vom\u00a0<em>\u201eHineinwachsen der Demokratie in den Faschismus\u201c. Im Gegensatz zur Ansicht der Komintern-F\u00fchrung vertrat er aber die Meinung, der Faschismus habe die Macht wieder an die Demokratie abgegeben (Deutschland) bzw. sei auf dem Weg dahin (Italien). \u201eDieses Verst\u00e4ndnis einer ,evolution\u00e4ren\u2019 faschistischen Macht\u00fcbernahme [und \u2013abgabe] entlang der jeweiligen politischen Konjunktur l\u00e4sst sich auch in seinen folgenden Publikationen des Jahres 1924 feststellen\u2026Verstrickt in eine Parteidisziplin, deren Rahmen jetzt von einer B\u00fcrokratenfraktion mit eigenen Interessen ausgelegt wurde, erkannte Trotzki nicht in vollem Ausma\u00df die Tiefe der Differenzen und die Bedeutung der Stalin-Fraktion.\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>Der V. WK (17. Juni\u20138. Juli 1924) bekr\u00e4ftigte die Resolution des Januar-EKKI-Plenums zur Faschismusfrage, zur Charakterisierung der Sozialdemokratie und zur Einheitsfront. Auf dem Kongress verteidigte Radek seine Deutschlandpolitik von 1923, w\u00e4hrend Trotzki nicht eingriff und damit seine letzte Chance vergab, vor der KI f\u00fcr seine Positionen zur russischen und internationalen Situation zu k\u00e4mpfen. Sein passives Verhalten trug sicher dazu bei, dass nach der deutschen Oktoberniederlage in der KPD eine leninistische Alternative so gut wie nicht pr\u00e4sent war. Im Juni und Juli 1924 ging Trotzki einen Schritt weiter und definierte Faschismus als B\u00fcrgerkriegsformation des Kapitals <a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a>. Die faschistische Herrschaft werde nicht von langer Dauer sein, gewisserma\u00dfen werde sich der Prozess des \u201eHineinwachsens der b\u00fcrgerlichen Demokratie in den Faschismus\u201c umkehren. Damit war zumindest der Anschluss an die fr\u00fche KI-Programmatik wiederhergestellt, die in Faschismus und parlamentarischer Demokratie zwei unterschiedliche Herrschaftsformen des Kapitals gesehen hatte. Der jetzt \u00fcblich gewordene inflation\u00e4re Gebrauch des Faschismusbegriffs konnte nun von Trotzki kritisiert werden.<\/p>\n<p>Die Analyse als B\u00fcrgerkriegsformation bildete eine Br\u00fccke zur sp\u00e4teren, reifen Faschismusdefinition Trotzkis.\u00a0<em>\u201eF\u00fcr Trotzki konnte der Faschismus auch eine kleinb\u00fcrgerliche Bewegung sein. Im Gegensatz zu seiner sp\u00e4teren Analyse war er dies jedoch nicht ausschlie\u00dflich. Damit hatte die politische Funktion des Faschismus, die vor allem von KPI-Mitgliedern analysierte Atomisierung des Proletariats, die nur durch eine Massenbewegung erf\u00fcllt werden kann, f\u00fcr Trotzki keinerlei spezifische Bedeutung.\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> Trotzki erfasste die faschistische Bewegung in ihrer Funktion als pro-b\u00fcrgerliche, konterrevolution\u00e4re, bewaffnete Kraft, beantwortete die Frage nach der Art und Weise ihrer Machtergreifung (und Entmachtung) mittels einer \u201eevolution\u00e4ren\u201c Interpretation: nach Wiederherstellung der Ruhe entwickle sich der Faschismus wieder zur\u00fcck zur \u201enormalen\u201c b\u00fcrgerlichen Demokratie. Bei der Unterscheidung dieser beiden Herrschaftsformen blieb er gegen\u00fcber der KI-Mehrheit unbeweglich. Die Sicherung der b\u00fcrgerlichen Interessen mittels einer dritten Herrschaftsform (Bonapartismus\/C\u00e4sarismus, monarchischer Absolutismus, Milit\u00e4rdiktatur, Halbfaschismus\u2026) wurde von ihm erst nach 1924 als M\u00f6glichkeit entwickelt.<\/p>\n<p><strong>III. Die Grundelemente von Trotzkis Faschismustheorie ab 1929<\/strong><\/p>\n<p>Mandel nennt hier:<\/p>\n<ol>\n<li>a) Das Aufkommen des Faschismus ist Ausdruck einer schweren gesellschaftlichen Krise des Sp\u00e4tkapitalismus\u2026 Die historische Funktion der faschistischen Machtergreifung besteht darin, diese Verwertungsbedingungen schlagartig und gewaltsam zugunsten der entscheidenden Gruppen des Monopolkapitalismus zu \u00e4ndern.<\/li>\n<li>b) Die politische Herrschaft des B\u00fcrgertums wird unter den Bedingungen des Imperialismus und der historisch gewachsenen, modernen Arbeiterbewegung am g\u00fcnstigsten, d.\u00a0h. mit den geringsten Unkosten, auf dem Wege der b\u00fcrgerlich-parlamentarischen Demokratie ausge\u00fcbt.<\/li>\n<li>c) Unter den Bedingungen des modernen industriellen Monopolkapitalismus und der zahlenm\u00e4\u00dfig ungeheuren Disproportion zwischen Lohnabh\u00e4ngigen und Gro\u00dfkapitalbesitzern ist eine gewaltsame Zentralisierung der Staatsgewalt mit Ausschaltung der meisten (wenn nicht aller) Errungenschaften der modernen Arbeiterbewegung\u2026 praktisch mit rein technischen Mitteln unm\u00f6glich. Weder eine Milit\u00e4rdiktatur noch ein reiner Polizeistaat, ganz zu schweigen von einer absolutistischen Monarchie, verf\u00fcgen \u00fcber zureichende Mittel, um eine millionenstarke, bewusste Gesellschaftsklasse f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit zu atomisieren, zu entmutigen und zu demoralisieren. Dazu ist eine Massenbewegung notwendig, die ihrerseits gro\u00dfe Menschenmengen in Bewegung bringt, die bewussteren Teile des Proletariats in systematischem Massenterror, in Kleinkrieg und Stra\u00dfenkrieg zerm\u00fcrbt und demoralisiert und es nach der Macht\u00fcbernahme durch v\u00f6llige Zerschlagung der Massenorganisationen nicht nur atomisiert, sondern auch entmutigt und resignieren l\u00e4sst.<\/li>\n<li>d) Eine solche Massenbewegung kann nur auf dem Boden der dritten Gesellschaftsklasse entstehen, die im Kapitalismus neben B\u00fcrgertum und Proletariat existiert: des Kleinb\u00fcrgertums. Dabei handelt es sich um eine kleinb\u00fcrgerliche Bewegung, die extremen Nationalismus und, zumindest verbal ausgepr\u00e4gte, antikapitalistische Demagogie <a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> mit gr\u00f6\u00dfter Feindschaft gegen\u00fcber der organisierten Arbeiterbewegung\u2026 verkn\u00fcpft.<\/li>\n<li>e) Die vorherige Zerm\u00fcrbung und Zur\u00fcckschlagung der Arbeiterbewegung, die, wenn die faschistische Diktatur ihre historische Rolle erf\u00fcllen will, unerl\u00e4sslich ist, ist jedoch nur m\u00f6glich, wenn sich in der der Machtergreifung vorangehenden Periode die Waagschale entscheidend zugunsten der faschistischen Banden und zuungunsten der Lohnabh\u00e4ngigen senkt\u2026 Der Aufstieg der faschistischen Massenbewegung kommt sozusagen einer Institutionalisierung des B\u00fcrgerkriegs gleich, in dem jedoch objektiv gesehen beide Seiten eine Erfolgschance besitzen.<\/li>\n<li>f) Ist es dem Faschismus gelungen, \u201eals Rammbock die Arbeiterbewegung zu zerschlagen\u201c, dann hat er vom Standpunkt der Monopolkapitalisten seine Schuldigkeit getan. Seine Massenbewegung wird verb\u00fcrokratisiert und dem b\u00fcrgerlichen Staatsapparat weitgehend einverleibt, was nur geschehen kann, wenn die extremsten Formen plebejisch-kleinb\u00fcrgerlicher Demagogie, die zu den \u201eZielen der Bewegung\u201c geh\u00f6rten, von der Oberfl\u00e4che verschwinden\u2026 Ist aber die Arbeiterbewegung besiegt und haben sich die Verwertungsbedingungen des Kapitals im Inneren entscheidend zugunsten des Gro\u00dfkapitals ver\u00e4ndert, so konzentriert sich dessen politisches Interesse mit Notwendigkeit auf eine \u00e4hnliche \u00c4nderung auf dem Weltmarkt. Der Faschismus verwandelt sich in der Phase seines Niedergangs in eine besondere Form des Bonapartismus zur\u00fcck.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Dies sind die konstitutiven Elemente von Trotzkis Faschismustheorie. Sie fu\u00dft auf einer Analyse der besonderen Bedingungen, unter denen sich der Klassenkampf in den hochindustrialisierten L\u00e4ndern w\u00e4hrend der sp\u00e4tkapitalistischen Strukturkrise\u2026 entwickelt, und auf einer besonderen, f\u00fcr Trotzkis Marxismus charakteristischen, Verbindung objektiver und subjektiver Faktoren in der Theorie des Klassenkampfs wie beim Versuch, ihn praktisch zu beeinflussen <a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a>:<\/p>\n<p>Diese ad\u00e4quate Charakterisierung belegt zweierlei: Trotzki hatte ab 1929 die L\u00fccken in seiner Theorie gef\u00fcllt, s\u00e4mtliche Zweideutigkeiten beseitigt; zudem erf\u00fcllt seine Faschismusanalyse die strengen methodischen Anspr\u00fcche, die an eine historisch-materialistische Geschichtsschreibung gebieterisch gestellt werden m\u00fcssen <a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a>!<\/p>\n<p><strong>Die L\u00f6sung der strukturellen kapitalistischen Verwertungskrise durch den Machtantritt der NSDAP<\/strong><\/p>\n<p>Worin bestand nun die strukturelle Verwertungskrise des deutschen Monopolkapitals?\u00a0<em>\u201eDie Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 33 l\u00e4\u00dft sich als die direkte Auswirkung dieses ,unentschiedenen\u2019 Kr\u00e4ftegleichgewichts der Klassen der Gesellschaft einerseits und als Ausdruck der schon in der gesamten Phase seit 1924 vorhandenen immanenten Tendenzen und strukturellen Schwierigkeiten des internationalen Kapitals verstehen. Die Weltwirtschaftskrise verlief in zwei Etappen:<\/em><\/p>\n<p><em>,Als ,einfache\u2019 zyklische Krise\u2026bis 1931\u2026In der folgenden zweiten Phase der Krise bildeten sich Merkmale heraus, die die Weltwirtschaftskrise von allen fr\u00fcheren kapitalistischen Krisen unterscheiden und schlie\u00dflich auch zu weiteren Strukturver\u00e4nderungen des kapitalistischen Systems f\u00fchrten. Zun\u00e4chst war die Weltwirtschaftskrise in der Tat nicht nur eine konjunkturelle, sondern eine strukturelle Krise insofern, als hier negative Strukturelemente kulminierten, die bereits die gesamte Nachkriegsentwicklung bestimmt hatten, aber in den Jahren einer relativen Prosperit\u00e4t \u00fcberdeckt worden waren\u2026 durch die Rationalisierungs- und Konzentrationsbestrebungen der 20er Jahre au\u00dferordentliche Disparit\u00e4t zwischen industriellen Produktionskapazit\u00e4ten\u2026 und den Absatzm\u00f6glichkeiten der deutschen Industrie\u2026 Agrarkrise\u2026 Dazu kamen der weltweite Charakter der Krise, die\u2026 nach und nach alle L\u00e4nder erfasste und damit die M\u00f6glichkeit eines ,Exportventils\u2019\u2026 verschloss; der Zusammenbruch des Welt- und des internationalen Kapitalmarktes; die verst\u00e4rkten Tendenzen zur Monopolisierung\u2026 in der Absicht, die Widerspr\u00fcche der kapitalistischen Entwicklung, die sich in der Krise versch\u00e4rften\u2026<\/em><\/p>\n<p><em>Eingeleitet wurde die Weltwirtschaftskrise durch eine allgemeine Produktions-Krise (1932 betrug die Gesamtproduktion Deutschlands nur noch 60\u00a0% derjenigen von 1929\u2026 Erst mit dem Zusammenbruch des Finanzsystems 1931 fielen auch die Exporte rapide ab. Die Lohnk\u00fcrzungen\u2026 versch\u00e4rften noch die Lage auf dem Inlandsmarkt.<\/em><\/p>\n<p><em>In ihrer entscheidenden Phase ab 1931 stellte sich die Weltwirtschaftskrise haupts\u00e4chlich als internationale Finanzkrise dar\u2026 Als die ausl\u00e4ndischen Gl\u00e4ubiger (vor allem aus den USA) selbst immer mehr in finanzielle Schwierigkeiten gerieten, forderten sie von den deutschen Banken die R\u00fcckzahlung der kurzfristig vergebenen Kredite. Diese hatten die Banken aber \u2013 zwecks ,Stabilisierung\u2019 \u2013 als langfristige Kredite an die Einzelkapitalisten weitergeleitet, die diese Gelder nat\u00fcrlich nicht so schnell zur\u00fcckzahlen konnten. Die Folge war das reihenweise Zusammenbrechen von Banken, die auch ihre enge wirtschaftliche und personelle Verflechtung mit dem Staatsapparat \u2013 der ja ebenfalls unglaublich verschuldet war \u2013 nicht vor dem Bankrott retten konnte; in der Folge davon der Bankrott tausender von Betrieben, der schlagartige R\u00fcckgang der Produktions- und Exportziffern, wirtschaftlicher Ruin gro\u00dfer Teile des Kleinb\u00fcrgertums und gr\u00f6\u00dftes Elend auf Seiten der Arbeiterklasse.<\/em><\/p>\n<p><em>\u2026 Das Gleichgewicht, das in der Zeit von 1924 bis 1928 erreicht werden konnte, war nur eine tr\u00fcgerische Ruhe vor dem Sturm von 1929, denn unter der Oberfl\u00e4che der \u201eKonsolidierung\u201c der M\u00e4rkte lagen weiterhin die alten Widerspr\u00fcche im Kampf miteinander, die schon zur ,Bereinigungskrise\u2019 des I. Weltkriegs gef\u00fchrt hatten. Trotz seiner milit\u00e4rischen Niederlage wurde mit dem Krieg Deutschland als Konkurrent auf dem Weltmarkt nicht ausgeschaltet, sondern konnte sogar England und Frankreich den Platz der f\u00fchrenden europ\u00e4ischen Wirtschaftsm\u00e4chte streitig machen, denn weder entsprach der politischen Macht Englands und Frankreichs eine entsprechende wirtschaftliche Macht, noch war damals die Vorherrschaft der USA \u00fcber die anderen kapitalistischen Staaten so \u00fcberm\u00e4chtig und sicher, wie dies nach dem II. Weltkrieg der Fall war.\u201c\u00a0<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\"><strong>[20]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p>Die innen- wie au\u00dfenpolitische Konsequenz dieser Situation bestand in Folgendem:<\/p>\n<p><em>\u201eEine Wiederbelebung des kapitalistischen Systems, eine \u00dcberwindung der schwersten \u00f6konomischen Krise, die dieses System jemals erlebt hatte, konnte nur noch dann stattfinden, wenn keinerlei Zugest\u00e4ndnisse mehr an die Arbeiter gemacht werden mu\u00dften, wenn das Kapital die H\u00e4ppchen und Brocken,\u2026 diesen wegnehmen und dem ,Allgemeininteresse\u2019 zuf\u00fchren konnte. Das \u00dcberlebensinteresse des deutschen Kapitals dr\u00e4ngte auf eine imperialistische Offensive auf dem Weltmarkt, nach einer Zur\u00fcckdr\u00e4ngung der europ\u00e4ischen Konkurrenten, die nur auf der Grundlage v\u00f6llig ver\u00e4nderter nationaler Verwertungsbedingungen erfolgversprechend in Angriff genommen werden konnte.\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn21\" name=\"_ftnref21\">[21]<\/a><\/p>\n<p>Wie sah die drastische Verbesserung der Verwertungssituation im Inneren aus? Das Verschwinden der Massenarbeitslosigkeit f\u00fchrte zu keiner bedeutsamen Erh\u00f6hung der Lohns\u00e4tze. Der Durchschnittsstundenlohn lag 1929 bei 95,9 Rpf. und noch im Oktober mit 80,8 Rpf. weit darunter. Konzentration und Zentralisation des Kapitals nahmen dagegen bedeutend zu: Das Gesamtkapital aller deutschen Aktiengesellschaften stieg erheblich; gleichzeitig sank die Anzahl der Aktiengesellschaften zwischen 1931 und 1942 um fast die H\u00e4lfte. Der steilste Sinkflug erfolgte dabei zwischen 1931 und 1938, nicht, wie man h\u00e4tte vermuten k\u00f6nnen, zwischen 1938 und 1942. Der Staat beg\u00fcnstigte diese Konzentrationsprozesse durch Zwangskartellierungen, Zusammenschl\u00fcsse unter \u201eWehrwirtschaftsf\u00fchrern\u201c, Organisation von \u201eReichsvereinigungen\u201c und \u201eGauwirtschaftskammern\u201c als h\u00f6chste Formen von Fusion zwischen Monopolkapital und faschistischem Staat. Die grundlegende Tendenz war dabei nicht die Verstaatlichung, sondern die Reprivatisierung. Man k\u00f6nnte annehmen, dass die R\u00fcstungsindustrie verstaatlicht worden w\u00e4re oder wenigstens mehr als die H\u00e4lfte der Aufsichtsr\u00e4temitglieder aus direkten Staats- und WehrmachtsvertreterInnen bestanden h\u00e4tte, alles aus den Bed\u00fcrfnissen einer wirksameren Kriegsf\u00fchrung ableitbar. Doch auch die barbarische Kriegsf\u00fchrung musste vor den Geboten der Kapitalakkumulation Halt machen <a href=\"#_ftn22\" name=\"_ftnref22\">[22]<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Der Nationalsozialismus an der Macht: Primat der Politik oder des Monopolkapitals?<\/strong><\/p>\n<p>Die mit Tim Masons Aufsatz\u00a0<em>\u201eDas Primat der Politik \u2013 Politik und Wirtschaft im Nationalsozialismus\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn23\" name=\"_ftnref23\">[23]<\/a> angesto\u00dfene, teils sehr heftig gef\u00fchrte, Debatte zog viele DiskussionsteilnehmerInnen an. F\u00fcr Mandel war es unverst\u00e4ndlich, dass Mason f\u00fcr die Phase zwischen 1936 bis 1939 von einer \u201eZersetzung des industriellen Machtblocks\u201c im faschistischen Deutschland, seiner Aufl\u00f6sung in einzelne egoistische Firmeninteressen, sprechen konnte.\u00a0<em>\u201eGerade auf Grund dieser einwandfrei feststellbaren Entwicklung, die nicht nur dem demagogischen Programm der Nazis, sondern auch ihrem &gt;&gt;politischen Sonderinteresse&lt;&lt; (der Konservierung einer breiten Massenbasis in Mittelstand, Kleinb\u00fcrgertum und Kleinbetrieb) direkt widersprach, ist unverst\u00e4ndlich, wie Tim Mason zu dem Schluss kommen kann,\u2026Monopolkapitalismus ist nicht &gt;&gt;Aufl\u00f6sung&lt;&lt; des Systems in eine &gt;&gt;reine Anh\u00e4ufung von Firmenegoismen&lt;&lt;, sondern immer zunehmende Identifizierung des Systems mit den Firmenegoismen von einigen Dutzend Gro\u00dfkonzernen, auch auf Kosten der Masse der Klein- und Mittelbetriebe. Und das ist ja gerade im faschistischen Deutschland in einem vorher wie nachher noch nicht wiederholten Ausma\u00df geschehen.\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn24\" name=\"_ftnref24\">[24]<\/a> Gegen Masons Argument, die politische Willensbildung und die Innen- und Au\u00dfenpolitik der nationalsozialistischen Staatsf\u00fchrung sei ab 1936 in zunehmendem Ma\u00dfe von der Bestimmung durch die \u00f6konomisch herrschenden Klassen unabh\u00e4ngig geworden, wendet er ein:\u00a0<em>\u201e\u2026da\u00df also Klassengesellschaften bis zu einem gewissen Grade eine Verselbst\u00e4ndigung nicht nur von Religion und Philosophie, sondern auch von Staat und Armee kennen. Worauf es ankommt ist nicht, zu wissen, ob eine Gruppe von Bankiers oder Gro\u00dfindustriellen dem Regierungschef oder Armeef\u00fchrer seine [ihre, d. Red.] Beschl\u00fcsse unmittelbar &gt;&gt;diktiert&lt;&lt;, sondern ob diese Beschl\u00fcsse dem Klasseninteresse dieser Gro\u00dffinanz oder der Gro\u00dfkonzerne entsprechen und aus der inneren Logik der Verteidigung der gegebenen Produktionsweise heraus verst\u00e4ndlich werden.<\/em><\/p>\n<p><em>Tim Mason \u00fcbersieht, da\u00df Militarismus und Kriege diese Autonomie schon sehr weitgehend im Rahmen des Monopolkapitalismus, lange bevor die NSDAP geboren wurde, erlangt hatten. Ja, der ganze Begriff des &gt;&gt;Primats der Politik&lt;&lt; ist gerade aus dem Komplex des Ersten Weltkriegs geboren.\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn25\" name=\"_ftnref25\">[25]<\/a><\/p>\n<p>Richard Saage zeichnet die gesamte Kontroverse ausf\u00fchrlich nach und untersucht das Verh\u00e4ltnis zwischen gro\u00dfindustriellen Interessen und nationalsozialistischer Herrschaft einerseits sowie zwischen Nationalsozialismus und seiner Massenbasis andererseits. Zum ersten Themenkomplex h\u00e4tten sich seiner Ansicht nach drei Gruppen gebildet: F\u00fcr die erste ist das Verh\u00e4ltnis von Faschismus und Kapital kontingent, also zuf\u00e4llig; f\u00fcr die zweite existiert eine strukturelle Identit\u00e4t. Hierunter f\u00e4llt v.\u00a0a. die stalinistische Geschichtsschreibung. Die dritte zeichnet die Definition von Faschismus als tendenziell verselbstst\u00e4ndigte Exekutive aus. Seine Parteinahme f\u00fcr das dritte Lager m\u00fcndet in ein recht ausgewogenes Urteil, das zu dem Mandels nicht im Widerspruch steht, aber ihm gegen\u00fcber den Vorzug aufweist, allen Analysen zu dieser Frage bis in ihre feinsten Schattierungen nachzugehen:\u00a0<em>\u201e\u2026 darum werden auch die politischen Einflu\u00dfnahmen auf die Wirtschaft implizit \u00fcbersch\u00e4tzt. Alle wissenschaftliche Aufmerksamkeit gilt den Lenkungsma\u00dfnahmen, wenig Beachtung hingegen dem ungemein dynamischen Proze\u00df des \u00f6ffentlichen Lebens selbst, der gelenkt werden soll: der deutschen Wirtschaft\u2026 Dies vorausgesetzt, steht also der Konflikt der verschiedenen Machtgruppen keineswegs im Gegensatz zum monolithischen Charakter des Systems.\u201c<\/em> <a href=\"#_ftn26\" name=\"_ftnref26\">[26]<\/a> Das Verh\u00e4ltnis zwischen Staat und Wirtschaft unterm Faschismus entspricht also vollst\u00e4ndig dem von Trotzki aufgezeigten Bild vom Faschismus an der Macht als \u2013 besonderer \u2013 Herrschaftsform des Monopolkapitals. Es zeigt die Liaison zwischen Staat und Kapital, wie sie f\u00fcr bonapartistische Regime typisch ist! Doch im hier behandelten Fall handelt es sich ja um einen besonderen Bonapartismustyp: einen faschistischen. Was pr\u00e4sentiert uns Saage im zweiten Teil seines Buchs? Suggeriert er nicht einen Unterschied zu Trotzki (und Mandel), die ja von einem Abbau der faschistischen Massenbewegung ausgehen? Der Vorzug von Saages Analyse besteht in seiner differenzierten Antwort, die ebenso wie Trotzki die Bedeutung der faschistischen Massenbasis betont, obwohl diese keinen Bewegungscharakter mehr annimmt \u2013 au\u00dfer unter Kontrolle und nach Aufforderung durch den Staat (\u201eReichskristallnacht\u201c, \u201eEuthanasie\u201c-Programme) und nur insoweit Teilen ihrer Sozialdemagogie nachgeht. Diese auf die Spitze getriebene Fusion zwischen Staat und Monopolkapital mit ihren Folgen u.\u00a0a. der forcierten Enteignung des Kleinb\u00fcrgertums und Mittelstandes \u2013 auch der Bauernschaft (Reichserbhofgesetz) \u2013 wird nur mit kleinb\u00fcrgerlich-rechtsextremer F\u00e4rbung versehen. Zu dieser F\u00e4rbung z\u00e4hlt auch ein St\u00fcck \u201ePrimat der Politik\u201c bei der Durchsetzung der absoluten Mehrwertproduktion:\u00a0<em>\u201eZwar hat die faschistische Partei das absolute Monopol des Politischen, aber sie \u00fcbt es aus im Namen einer Bourgeoisie, die ihre ,objektiven\u2019 Interessen nur noch auf der Grundlage der absoluten Mehrwertproduktion festmachen kann\u2026 Wenn Sohn-Rethel n\u00e4mlich den gesellschaftlichen Rahmen der unterm Faschismus praktizierten absoluten Mehrwertproduktion dadurch charakterisiert sieht, da\u00df dieser ,nach innen und nach au\u00dfen\u2026 die Brachialgewalt an die Stelle der \u00f6konomischen Kapitalsfunktion (setzt)\u2019, bringt er ,damit das Kapital wieder auf den Nenner seines Ursprungs, seine Akkumulation auf den der sog. &gt;urspr\u00fcnglichen&lt;\u2019.\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn27\" name=\"_ftnref27\">[27]<\/a> Ein wichtiger Gedanke und richtig insoweit, als das NS-Regime durch seinen Zwangscharakter und die barbarischen Methoden die Produktion absoluten Mehrwerts (Verl\u00e4ngerung des Arbeitstags, Intensivierung der Arbeit, Lohnsenkungen) effektiv durchsetzen konnte. Doch nur indirekt richtig ist die Gleichsetzung von Produktionsmethoden des absoluten Mehrwerts mit urspr\u00fcnglicher Akkumulation, der Schaffung des doppelt freien LohnarbeiterInnentyps. Diese erh\u00f6ht real \u201enur\u201c die Masse des Mehrwerts, wenn die freigesetzten ehemaligen KleinbesitzerInnen als produktive ArbeiterInnen Besch\u00e4ftigung finden. Zweitens forciert der Nationalsozialismus an der Regierung auch die f\u00fcr die gro\u00dfe Industrie typischen Methoden des relativen Mehrwerts (Konzentration und Zentralisation, forcierte Produktion von Produktionsmitteln und R\u00fcstungsg\u00fctern, Erh\u00f6hung der organischen Zusammensetzung des Kapitals durch Einf\u00fchrung neuer und von mehr Maschinerie). Indirekt erh\u00f6ht die durch urspr\u00fcngliche Akkumulation gebildete zus\u00e4tzliche Masse an LohnarbeiterInnen durch Vergr\u00f6\u00dferung der industriellen Reservearmee auch den Druck auf die L\u00f6hne der Besch\u00e4ftigten nach unten und den Mehrwert\/die Mehrwertrate nach oben. Bei aller Richtigkeit der von Sohn-Rethel betonten \u00e4u\u00dfersten M\u00f6glichkeiten des NS-Zwangsregimes f\u00fcr die Produktion absoluten Mehrwerts gilt dort auch weiterhin der kombinierte Charakter (aller Methoden) der Mehrwertproduktion.<\/p>\n<p>Die plebiszit\u00e4re Mobilisierbarkeit der faschistischen Massenbewegung nach der Machtergreifung spielte im NS-Deutschland eine wichtige Rolle bei der f\u00fcr die Kriegswirtschaft elementaren Mobilisierung von ZwangsarbeiterInnen, einer Art urspr\u00fcnglicher Akkumulation durch Zwangsenteignung von Hab und Gut \u2013 allerdings nicht mit dem Resultat der Schaffung neuer Lohnarbeitskr\u00e4fte, sondern eines millionenstarken Heeres von de facto SklavInnen. In diesem Sinn macht auch Sohn-Rethels Hypothese mehr als Sinn.<\/p>\n<p>Die Parole vom \u201eLebensraum im Osten\u201c erwies sich als zugkr\u00e4ftiges Versprechen f\u00fcr die enteigneten Kleinb\u00fcrgerInnen im Reich, ihren Status als LohnarbeiterInnen dort bald aufgeben und ihren alten bzw. sogar besseren Status wiedererlangen zu k\u00f6nnen. Dazu mussten aber Juden und J\u00fcdinnen und \u201eslawische Untermenschen\u201c besiegt, vertrieben, enteignet und durch Zwangsarbeit vernichtet werden. Diese \u201ePerspektive\u201c f\u00fcrs ehemalige deklassierte Kleinb\u00fcrgerInnentum machte es zum Rammbock in Uniform. Theorien, denen zufolge der Faschismus eine neue totalit\u00e4re Form von Klassengesellschaft darstelle, finden in diesen Tatsachen mehr als ein K\u00f6rnchen Nahrung. Auch Trotzki spekulierte kurz vor seinem Tod, wenn auch beil\u00e4ufig, mit dieser m\u00f6glichen Perspektive. Ehemalige TrotzkistInnen wie Burnham favorisierten die Idee einer universellen totalit\u00e4ren Managerklassengesellschaft, wobei Trotzki diese Bezeichnung f\u00fcr die stalinistische Sowjetunion kritisierte. Auch methodisch ist diese Annahme \u00e4u\u00dferst fraglich, bezeichnete doch Marx im \u201eVorwort zur Kritik der Politischen \u00d6konomie\u201c als h\u00f6chste Klassengesellschaft die, die die menschliche \u201eVorgeschichte\u201c der unbewussten, hinter dem R\u00fccken vor sich gehende, unkontrollierte, indirekten Vergesellschaftung aus unfreien St\u00fccken abschlie\u00dfe. Der Faschismus und insbesondere der deutsche Nationalsozialismus zeigen aber die barbarischen Umrisse eines drohenden Zerfalls der Zivilisation, ein \u201eEnde der Geschichte\u201c in der Katastrophe. Er ist ein Menetekel dessen, was der Menschheit durch einen Superfaschismus mit den heutigen Massenvernichtungswaffen drohen kann: die Ausl\u00f6schung der Menschengattung, wenn die von Rosa Luxemburg genial zugespitzte Alternative \u201eSozialismus oder Barbarei\u201c von der internationalen ArbeiterInnenklasse nicht zugunsten der ersteren entschieden wird! Doch schlie\u00dfen wir das Thema Massenbasis und NS-Regime nach der faschistischen Machtergreifung mit Saages Res\u00fcmee: \u201e<em>Schon im Ansatz verstellt er (Heinrich August Winkler; d. Red.) sich damit den Blick daf\u00fcr, da\u00df die NSDAP nur in Zusammenarbeit mit den traditionellen Eliten die Macht erwerben und erhalten konnte und da\u00df sie gleichzeitig zur Aufrechterhaltung ihrer ,Identit\u00e4t\u2019 des st\u00e4ndigen plebiszit\u00e4ren Rekurses auf die mobilisierbaren mittelst\u00e4ndischen Massen bedurfte.\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn28\" name=\"_ftnref28\">[28]<\/a><\/p>\n<p><strong>Faschismusanalyse anderer Str\u00f6mungen der ArbeiterInnenbewegung<\/strong><\/p>\n<p><em><u>Die Sozialdemokratie<\/u><\/em><\/p>\n<p>Die sozialdemokratische Literatur zu unserem Thema ist vor allem pragmatisch-apologetischer Natur: Das eigene Versagen ist \u201eSchuld des\/r GegnerIn\u201c. Die \u201eGewalt der objektiven Bedingungen\u201c gesellt sich eintr\u00e4chtig dazu. Die \u201eKr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse\u201c erlaubten halt nichts Besseres. Dass das eigene Handeln dieses h\u00e4tte \u00e4ndern bzw. abwenden k\u00f6nnen, das passt nicht zur politischen Passivit\u00e4t der SPD. Eine weitere These schiebt der radikalen Agitation der KommunistInnen die Schuld in die Schuhe, dass n\u00e4mlich dem Faschismus die M\u00f6glichkeit bzw. der Vorwand zur Mobilisierung der ver\u00e4ngstigten konservativen Bev\u00f6lkerungsschichten geliefert worden sei. Dabei war es doch gerade der Bankrott der \u201egem\u00e4\u00dfigten\u201c parlamentarischen Alltagspolitik unter den Bedingungen der versch\u00e4rften Strukturkrise, der die verzweifelten Kleinb\u00fcrgerInnen in die Arme der FaschistInnen trieb. Wird ihnen keine klassenk\u00e4mpferische Alternative angeboten und bleibt dem deklassierten, pauperisierten Mittelstand nur die Wahl zwischen ohnm\u00e4chtigem Parlament und aufmarschierendem Faschismus, wird er sich f\u00fcr letzteren entscheiden. Besonders hilflos ist die Haltung, um jeden Preis an der Legalit\u00e4t festhalten zu wollen. So argumentiert die Sozialdemokratie: Wenn die Nazis den Boden der Legalit\u00e4t verlassen, m\u00fcssten die Organisationen der Lohnabh\u00e4ngigen umso fester und ausschlie\u00dflich auf ihm ausharren. \u201eLegalit\u00e4t\u201c und \u201eStaat\u201c sind aber immer Institutionen und Ausdruck konkreter Gesellschaftsinteressen der herrschenden Klasse. In der Endphase der Weimarer Republik standen die RichterInnen, Oberste und Majore der Reichswehr fest an der Seite ihrer \u201eKameraden\u201c von \u201eStahlhelm\u201c und SS. Sie hassten und bek\u00e4mpften die organisierte ArbeiterInnenbewegung genauso wie es parallel die FaschistInnen taten, nur ziviler und \u201elegal\u201c.<\/p>\n<p>Auch die Faktoren Wirtschaftskrise und Erwerbslosigkeit werden ins Feld gef\u00fchrt, als ob ein Konjunkturaufschwung den Aufstieg Hitlers automatisch gestoppt h\u00e4tte. Erstens handelte es sich um mehr als eine konjunkturelle Rezession, zweitens stoppte z.B. die Besch\u00e4ftigungs\u201eplanwirtschaft\u201c (Arbeitsbeschaffungsprogramme) der belgischen Sozialdemokratie unter Spaak und de Man, die mit der Preisgabe wichtiger Errungenschaften der belgischen ArbeiterInnenschaft bezahlt wurden, keineswegs das Wachstum des belgischen Faschismus!<\/p>\n<p>Einzig L\u00e9on Blum sprach die Wahrheit aus \u00fcber den Kern hinter diesen sozialdemokratischen Rechtfertigungsideologien. Diese Wahrheit fiel genau entgegengesetzt zu den Weisheiten dieser TheoretikerInnen aus. Der Sieg Hitlers, so Blum, sei die Strafe daf\u00fcr, dass die SPD nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs die Ans\u00e4tze zur proletarischen Revolution erstickt und dadurch alle jene Faktoren entfesselt und best\u00e4rkt habe \u2013 von der Reichswehr bis zu den Freikorps, die sie nun schm\u00e4hlich davonjagen w\u00fcrden.<\/p>\n<p><em><u>Komintern<\/u><\/em><\/p>\n<p>Die Faschismusideologie der KI besteht aus f\u00fcnf Elementen: a) Verkennung des eigenst\u00e4ndigen Massencharakters der faschistischen Bewegung, Reduzierung des Faschismus auf einen reinen Agenten und direkten Ausdruck der Interessen der \u201eaggressivsten Teile des Monopolkapitals\u201c; b) Theorie des Faschismus als \u201eZwilling\u201c der Sozialdemokratie; c) Theorie der graduellen, schrittweisen \u201eFaschisierung\u201c, die die Werkt\u00e4tigen \u00fcber den katastrophalen Charakter der faschistischen Machtergreifung t\u00e4uscht und sie vom Kampf gegen noch bevorstehende Gefahren abh\u00e4lt; d) Theorie des \u201eSozialfaschismus\u201c in extremer Form: erst m\u00fcsse man die SPD geschlagen haben, bevor man den Faschismus schlagen k\u00f6nne; e) der typisch sozialdemokratisch-def\u00e4tistische Zusatz, Hitler w\u00fcrde rasch abwirtschaften (durch seine Unf\u00e4higkeit, die Wirtschaftskrise zu l\u00f6sen) und \u201enach Hitler kommen wir\u201c. Das bedeutete praktisch, sich bereits mit der Unabwendbarkeit der Hitler\u2019schen Machtergreifung abgefunden zu haben und wiederum ihre Auswirkung auf die Zerschlagung der ArbeiterInnenbewegung zu untersch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Erst 25 Jahre sp\u00e4ter zog die offizielle kommunistische, moskaustalinistische Weltbewegung (Togliatti, DDR-\u201eGeschichte der deutschen Arbeiterbewegung\u201c) ansatzweise die Lehren aus dieser Ideologie. Praktisch hatte die KI sie bereits vorher revidiert, aber erst, als es bereits zu sp\u00e4t war. Der VII. WK verwarf 1935 die Theorie vom \u201eSozialfaschismus\u201c und vollzog eine sprunghafte Rechtswende zur Volksfrontpolitik. Diese war noch fehlerhafter als das Ultralinkstum der 3. Periode, Ausdruck des \u00dcbergangs vom Zentrismus zum Reformismus ab 1934.\u00a0<em>\u201eIn der Theorie vom &gt;&gt;Sozialfaschismus&lt;&lt; wird die objektive Rolle der sozialdemokratischen F\u00fchrung\u2026 gegen\u00fcber ihrer Massenbasis und ihrer spezifischen Form (die das Fortbestehen der Arbeiterorganisationen impliziert) willk\u00fcrlich isoliert; in der Volksfronttheorie wird dagegen der antifaschistische Wille der Massen und der Zwang der sozialdemokratischen F\u00fchrung, sich gegen die Gefahr der Vernichtung durch den Faschismus zur Wehr zu setzen, ebenso willk\u00fcrlich vom gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang der Strukturkrise des Kapitalismus isoliert. Im ersten Fall werden die Massen durch Spaltung paralysiert, im zweiten durch R\u00fccksichtnahme auf den &gt;&gt;liberal&lt;&lt;-b\u00fcrgerlichen Partner der Volksfrontpolitik entscheidend gebremst.\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn29\" name=\"_ftnref29\">[29]<\/a><\/p>\n<p>Die Politik der Volksfront stellt, wie der Faschismus zur Rechten, zur Linken die letzte Karte der Bourgeoisie dar, durch Klassenzusammenarbeit von offen b\u00fcrgerlichen Parteien, Organisationen oder auch nur einzelnen Repr\u00e4sentantInnen (\u201eSchatten\u201c der Bourgeoisie, meistens Armeeoffiziere) mit reformistischen Arbeiterparteien in Zeiten einer zugespitzten (vor-)revolution\u00e4ren Krise den Vormarsch zur proletarischen Revolution entscheidend zu bremsen. Beispiele f\u00fcr eine solche Politik sind Spanien 1936\u201339 und Chile 1970\u201373. In modifizierter Form gilt dies auch f\u00fcr die russische Kerenski-Regierung 1917 und die zwischen Ebert und der General Groener von der Obersten Heeresleitung 1918\u201319.<\/p>\n<p>Die Theorien von der \u201egraduellen Faschisierung\u201c und vom \u201eSozialfaschismus\u201c sind gewisserma\u00dfen Zwillinge.\u00a0<em>\u201eDer Faschismus ist nicht blo\u00df eine neue Etappe der St\u00e4rkung und Verselbst\u00e4ndigung der Exekutive des b\u00fcrgerlichen Staates. Er ist nicht blo\u00df &gt;&gt;die offene Diktatur des Monopolkapitals&lt;&lt;. Er ist eine besondere Form der &gt;&gt;starken Exekutive&lt;&lt; und der &gt;&gt;offenen Diktatur&lt;&lt;, die sich durch v\u00f6llige Zerschlagung s\u00e4mtlicher Arbeiterorganisationen, auch der gem\u00e4\u00dfigten, sicher der sozialdemokratischen \u2013 kennzeichnet. Er ist der Versuch, durch v\u00f6llige Atomisierung der Werkt\u00e4tigen jegliche Form des organisierten Klassenkampfes, der organisierten Selbstverteidigung der Lohnabh\u00e4ngigen, gewaltsam zu verhindern. Man sieht, wie falsch die Theorie ist, die besagt: weil die Sozialdemokratie dem Faschismus den Weg ebne, seien Faschismus und Sozialdemokratie Verb\u00fcndete, und man k\u00f6nne sich nicht mit der letzteren gegen den ersteren verb\u00fcnden.<\/em><\/p>\n<p><em>Gerade das Umgekehrte trifft zu. Die Sozialdemokratie bereitete tats\u00e4chlich die Machtergreifung des Faschismus vor, indem sie die Kampfkraft der Werkt\u00e4tigen durch ihre Politik der Klassenkollaboration untergrub und sich mit dem Bankrott der parlamentarischen Demokratie identifizierte. Die Machtergreifung des Faschismus ist aber gleichzeitig der Untergang der Sozialdemokratie.\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn30\" name=\"_ftnref30\">[30]<\/a><\/p>\n<p>In der Theorie von der \u201eFaschisierung\u201c liegt jedoch zugleich auch ein richtiges Element: \u201e<em>Es w\u00e4re aber falsch, etwa den Regierungsantritt Hitlers im Fr\u00fchjahr 1933 zeitlich gleichzusetzen mit jener alles entscheidenden Niederlage, die der Faschismus an der Macht f\u00fcr das Proletariat bedeutet.<\/em><\/p>\n<p><em>Die faschistische Diktatur wird nicht von einem Tag zum anderen installiert. Mit dem Machtanritt der Faschistsne [Faschisten; d. Red.] ver\u00e4ndern sich die Bedingungen zuungunsten des Proletariats. Damit die Gefahr des B\u00fcrgerkriegs aber endg\u00fcltig beseitigt werden kann, ben\u00f6tigt der Faschismus eine gewisse Zeitspanne, um sich als Regime zu festigen. Die L\u00e4nge dieser Zeitspanne wird davon bestimmt, in wie kurzer Zeit die Organisationen der Arbeiterklasse aufgel\u00f6st, wie schnell die politischen Gegner ausgeschaltet und die Fraktionsk\u00e4mpfe in den eigenen Reihen beendet werden k\u00f6nnen. Nur in diesem Zusammenhang kann man den Begriff der ,Faschisierung\u2019 verwenden: als Prozess der Konsolidierung des faschistischen Regimes\u2026\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn31\" name=\"_ftnref31\">[31]<\/a><\/p>\n<p>Die L\u00e4nge dieser Zeitspanne kann genauer als nur summarisch bestimmt werden. Die ArbeiterInnenorganisationen wurden in folgender Reihenfolge verboten bzw. gleichgeschaltet: KPD \u2013 SPD \u2013 ADGB, zuletzt die b\u00fcrgerlichen Parteien mithilfe des Gesetzes \u201eGegen die Neubildung von Parteien\u201c vom 14. Juli 1933, darunter auch die kurzzeitige NSDAP-Koalitionspartnerin DNVP. Bereits am 24. M\u00e4rz hatte sich der \u201eF\u00fchrer\u201c s\u00e4mtliche legislative Gewalt im \u201eErm\u00e4chtigungsgesetz\u201c gesichert. Damit und mit der Verhaftung aller bedeutenderen ArbeiterInnenfunktion\u00e4rInnen ab 1. M\u00e4rz 1933 war der kalte, einseitige B\u00fcrgerkrieg de facto beendet. Einseitig, weil SPD und Gewerkschaften keinen Widerstand leisteten. Die offen b\u00fcrgerlichen Parteien stimmten dem \u201eErm\u00e4chtigungsgesetz\u201c allesamt zu, nur die 94 Abgeordneten der SPD dagegen. Die Sitze der KPD waren bereits einkassiert. Damit konnte die NSDAP\u00a0\u00a0 den konsequenten Aufbau einer totalit\u00e4r-bonapartistischen Diktatur beginnen. 1934 wurde ihre urspr\u00fcngliche radikale Massenbasis quasi entwaffnet (\u201eR\u00f6hm-Putsch\u201c), um die milit\u00e4rischen Funktionen der SS zu \u00fcbergeben.<\/p>\n<p>Die unter a) genannte Reduzierung des Faschismus auf lediglich eine Agentenrolle der aggressivsten Teile des Monopolkapitals, kn\u00fcpft in verballhornter Form an die Hilferding\u2019sche These von der Kongruenz zwischen der politischen Macht im b\u00fcrgerlichen Staat und der \u201eh\u00f6chsten Form der Konzentration des Kapitals\u201c, dem Finanzkapital, an, die schon im Jahre 1907 bei aller Genialit\u00e4t eine Vereinfachung implizierte, der zufolge der b\u00fcrgerliche Staat einfach \u00fcbernommen werden und \u00fcber das \u201eGeneralkartell\u201c der Kapitalismus friedlich in den Sozialismus hineinwachsen k\u00f6nne. Letzteres brach mit Marx\u2019 Feststellung, die Konkurrenz geh\u00f6re essenziell zum Begriff des Kapitals, sowie mit der Engels\u2019schenThese , das Staatseigentum sei nicht die \u00dcberwindung des Kapitalismus, biete jedoch eine bessere Handhabe daf\u00fcr. Die Hilferding\u2019sche Formel war also 1907 bestenfalls potenziell opportunistisch, in den Jahren vor und nach Hitlers Macht\u00fcbernahme unzutreffend. Max Horkheimer \u201el\u00f6ste\u201c sie zugunsten einer Variante der Kominternhypothese, die 1935 die Grundlage f\u00fcr Dimitroffs Volksfrontkonzept lieferte. Er bezeichnete den Faschismus als modernste Form der monopolkapitalistischen Gesellschaft. Paul Sering (Richard L\u00f6wenthal) favorisierte die andere m\u00f6gliche \u201eL\u00f6sung\u201c: F\u00fcr ihn war der NS-Staat ein \u201ePlanimperialismus\u201c.\u00a0<em>\u201eMan kann den Faschismus nicht begreifen, wenn man von zwei entscheidenden Momenten der Analyse abstrahiert: da\u00df die h\u00f6chste Form der Zentralisation des b\u00fcrgerlichen Staates nur durch die politische Selbstentmachtung des B\u00fcrgertums erreicht werden kann\u2026 , und da\u00df es sich nicht um die &gt;&gt;modernste Form der monopolkapitalistischen Gesellschaft&lt;&lt;, sondern um den Ausdruck der sch\u00e4rfsten Form der Krise dieser Gesellschaft handelt.\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn32\" name=\"_ftnref32\">[32]<\/a><\/p>\n<p><em><u>Otto Bauer<\/u><\/em><\/p>\n<p>Otto Bauer, Cheftheoretiker des Austromarxismus und von 1918 bis 1934 stellvertretender Parteivorsitzender der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei \u00d6sterreichs (SDAP-\u00d6), sieht im Faschismus <a href=\"#_ftn33\" name=\"_ftnref33\">[33]<\/a> eine Verbindung dreier Momente: Deklassierung von Teilen des Kleinb\u00fcrgertums im Krieg; Verelendung weiter Teile des Mittelstands durch die Wirtschaftskrise, die zu deren Bruch mit der b\u00fcrgerlichen Demokratie f\u00fchrte; Interesse des Gro\u00dfkapitals an vermehrter Ausbeutung der Arbeitskraft, wozu der Widerstand der ArbeiterInnenorganisationen notwendig gebrochen werden muss. Der Faschismus habe gesiegt, als das Proletariat l\u00e4ngst geschw\u00e4cht und in die Defensive gedr\u00e4ngt gewesen sei. Folglich habe die Kapitalistenklasse die Staatsmacht den faschistischen Gewalthaufen nicht \u00fcbertragen, um einen revolution\u00e4ren Sozialismus zu unterdr\u00fccken, sondern um die Errungenschaften des \u201ereformistischen Sozialismus\u201c zu zerschlagen. Dieser Ansatz, so sehr er auch der rechtsreformistischen Position \u00fcberlegen ist, demzufolge Mussolinis und Hitlers Siege Resultate der \u201ebolschewistischen\u201c Agitation verk\u00f6rperten, untersch\u00e4tzt die kapitalistische Strukturkrise 1918\u20131927 in Italien und 1929\u20131933 in Deutschland. Sie ersch\u00fctterte und schw\u00e4chte diese Gesellschaftsordnungen und verbesserte dadurch zugleich die objektiven M\u00f6glichkeiten einer Machteroberung durch die ArbeiterInnenklasse. Der Sieg des Faschismus ist eben keine zwangsl\u00e4ufige Folge nach der Niederschlagung der Ans\u00e4tze proletarischer Revolution 1921 bzw. 1923. Die 15 Jahre von 1918 bis 1933 in Deutschland waren keineswegs durch einen geradlinigen Abstieg revolution\u00e4rer M\u00f6glichkeiten gekennzeichnet, sondern durch deren periodisches Auf und Ab.<\/p>\n<p>Diese Analyse von Otto Bauer f\u00fchrte zu schweren taktischen Fehlern: Da man sich in einer \u201edefensiven Phase\u201c befand, glaubte Bauer, sich Gewehr bei Fu\u00df aufs Abwarten beschr\u00e4nken zu m\u00fcssen, bis die ArbeiterInnenorganisationen von der klerikal-faschistische Reaktion angegriffen wurden. So f\u00fchrte der heroische Schutzbundkampf vom Februar 1934 zu einer Niederlage, wenn auch zu einer weit weniger schmachvollen als in Deutschland. Die Tiefe der Strukturkrise machte es notwendig, dass die ArbeiterInnenbewegung ihren Willen zum Ausdruck brachte, sie mit eigenen Mitteln, d.h. ihrer Machteroberung, zu l\u00f6sen. Nur so h\u00e4tte es ihr gelingen k\u00f6nnen, die am Status quo (und auch an der blo\u00dfen Verteidigung der ArbeiterInnenorganisationen) nicht mehr interessierten Mittelschichten und schwankenden Bev\u00f6lkerungsteile auf ihre Seite zu ziehen. Es blieben 1930 noch drei Jahre Zeit, um durch aktiven Kampf der ArbeiterInnenschaft zwar nicht die b\u00fcrgerliche Demokratie zu retten <a href=\"#_ftn34\" name=\"_ftnref34\">[34]<\/a>, aber die Bollwerke der ArbeiterInnendemokratie und sozialen Errungenschaften innerhalb des b\u00fcrgerlich-parlamentarischen Systems, die es zu erhalten lohnte, in den Sozialismus mit her\u00fcberzunehmen. Dazu war aber erforderlich, dass die proletarischen F\u00fchrungen nicht versagten.<\/p>\n<p>Bauer folgerte \u00fcberdies eine Symmetrie zwischen Faschismus und Bolschewismus <a href=\"#_ftn35\" name=\"_ftnref35\">[35]<\/a>.\u00a0<em>\u201eAus der Ideologie des ,neutralen, demokratisch-parlamentarischen Staates\u2019, in dem Sozialdemokraten des linken Fl\u00fcgels f\u00fcr die Machtergreifung des Proletariats k\u00e4mpfen wollten, ergab sich mit logischer Konsequenz die Ideologie des ,neutralen\u2019, ,unabh\u00e4ngigen\u2019 ,\u00fcber den Klassen stehenden\u2019 Bonapartimus\/Faschismus (bzw. Bolschewismus). Diese Herrschaftsformen seien, wie Bauer postulierte, ,\u00fcber den Klassen stehende Diktaturen\u2019\u2026\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn36\" name=\"_ftnref36\">[36]<\/a><\/p>\n<p><em><u>August Thalheimer<\/u><\/em><\/p>\n<p>August Thalheimers Analyse kommt derjenigen Trotzkis am n\u00e4chsten. Das Aktionsprogramm der KPD-O von 1931 n\u00e4herte sich in seiner Perspektive der Linken Opposition an. Es enthielt nicht nur unmittelbare Tagesforderungen, sondern auch ein Verst\u00e4ndnis von \u00dcbergangslosungen, die das Proletariat aus seiner \u201eVerteidigung gegen den Faschismus und die Angriffe auf seine Lebensgrundlagen bis zum Kampf um die staatliche Macht vorantreiben\u201c sollten. F\u00fchrte die SPD den Kampf als \u201eVerteidigung der Demokratie\u201c und unterst\u00fctzte das Kabinett Br\u00fcning bedingungslos und die KPD zuallererst den gegen die Sozialdemokratie, so wurde f\u00fcr die KPD-O der Kampf gegen die Br\u00fcning-Regierung zur Voraussetzung der proletarischen antifaschistischen Einheitsfront.<\/p>\n<p>Ihr taktischer Fehler resultierte letzten Endes aus ihrer Theorie der \u201eschrittweisen Faschisierung\u201c und einer zu engen Anlehnung an die Marx\u2019sche Analyse des Bonapartismus des 19. Jahrhunderts. Ferner reduzierte Thalheimer das Faschismusproblem auf die gesellschaftspolitischen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse, ohne den Zusammenhang mit der Strukturkrise zu beleuchten: Die ArbeiterInnenschaft sei noch nicht f\u00e4hig, die politische Herrschaft auszu\u00fcben, das Gro\u00dfb\u00fcrgertum bereits nicht mehr. Er untersch\u00e4tzte den qualitativen Unterschied zwischen Bonapartismus und Faschismus, verwechselte die objektiv-historisch bedingte Unreife der franz\u00f6sischen ArbeiterInnenklasse in den Jahren 1848\u20131850 mit der nur subjektiven (F\u00fchrungskrise) der deutschen ArbeiterInnenbewegung1918\u20131933. Aufgrund einer mechanischen, schematischen Gegen\u00fcberstellung einzelner Elemente beider Herrschaftsformen konnte er letztlich im Faschismus nur noch eine \u201eErg\u00e4nzung\u201c, \u201eVollendung\u201c des bonapartistischen Regimes sehen, das als \u201e\u00dcbergangsprogramm des Faschismus\u201c bezeichnet wurde. Die faschistische Partei ist f\u00fcr ihn das Gegenst\u00fcck zur \u201eDezemberbande\u201c des Louis Bonaparte; die Klassenkampfsituation nach 1850 sei die gleiche wie beim \u00dcbergang von von Schleicher zu Hitler. Der Faschismus ist aber eben keine milit\u00e4rische Verschw\u00f6rung, sondern eine kleinb\u00fcrgerliche Massenbewegung, \u2013 was das franz\u00f6sische Kleinb\u00fcrgertum (Parzellenbauernschaft) des 19. Jahrhunderts nicht war \u2013 Es war im Wesentlichen nur plebiszit\u00e4r passiver Unterst\u00fctzer Napoleons des III. Zwischen aufsteigendem franz\u00f6sischem Kapitalismus und deutschem Imperialismus liegt zudem die \u201eKleinigkeit\u201c einer ganzen Epoche <a href=\"#_ftn37\" name=\"_ftnref37\">[37]<\/a>! Eine Differenzierung zwischen faschistischer Massenbewegung w\u00e4hrend ihres Aufstiegs und ihrer Machtergreifung und dem sich danach mehr und mehr in einen Bonapartismus verwandelnden Herrschaftsapparat kann auf dieser Basis erst recht nicht gelingen <a href=\"#_ftn38\" name=\"_ftnref38\">[38]<\/a>.<\/p>\n<p>Umgekehrt bestand Thalheimers Analyse aus einer Aufz\u00e4hlung von \u00c4u\u00dferlichkeiten. Den Faschismus verstand er als gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Quantit\u00e4t an Repression. Das f\u00fchrte ihn zur Ablehnung der Analogie zwischen den vorfaschistischen Regimen in Deutschland und dem Bonapartismus:\u00a0<em>\u201eDieselben Stalinisten und Brandlerianer lehnten sich auf gegen die Analogie zwischen dem vorfaschistischen Regime in Deutschland (&gt;&gt;Pr\u00e4sidial&lt;&lt;-Kabinette) und dem Bonapartismus. Sie z\u00e4hlten Dutzende von Z\u00fcgen auf, durch die sich das Papen-Schleicher-Regime vom klassischen Bonapartismus unterschied, und \u00fcbersahen dar\u00fcber jenen Grundzug, der sie einander n\u00e4herte: das Balancieren zweier unvers\u00f6hnlicher Lager\u2026Jetzt kann man schon ohne weiteres von einer tiefen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit der &gt;&gt;bonapartistischen&gt;&gt; \u00dcbergangsperiode zwischen Parlamentarismus und Faschismus sprechen.\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn39\" name=\"_ftnref39\">[39]<\/a><\/p>\n<p>Ein gutes Res\u00fcmee der Widerspr\u00fcche im KPD-O-Konzept zieht Dahl-Arnold:\u00a0<em>\u201eThalheimer ging nicht von einer absoluten Verselbst\u00e4ndigung der Exekutivgewalt aus, sondern sehr wohl \u2013 und hier blieb er Marx und Engels treu \u2013 beim Faschismus\/Bonapartismus von einer spezifischen Klassendiktatur der Bourgeoisie\u2026 Im Gegensatz zu Trotzkis Analyse identifizierte Thalheimer tendenziell Bonapartismus und Faschismus, w\u00e4hrend er Trotzkis Analyse des pr\u00e4faschistischen Bonapartismus rundheraus ablehnte\u2026 Entgegen der Analyse der Linken Opposition subsumierten die ,Brandlerianer\u2019 sowohl das faschistische Regime als auch den ,Bonapartismus faschistischen Ursprungs\u2019, der sich von seiner kleinb\u00fcrgerlichen Basis gel\u00f6st hat, unter den Begriff Faschismus.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Identifizierung von Faschismus und Bonapartismus f\u00fchrte die KPD-O dar\u00fcber hinaus zum ,\u00dcberspringen\u2019 der Periode der Vorbereitung des faschistischen Staatsstreiches durch den Bonapartismus Br\u00fcnings und Papen\/Schleichers\u2026 Praktisch f\u00fchrte diese Position die KPD-O dazu, nicht un\u00e4hnlich der KPD, eine ,Faschisierung\u2019 der staatlichen Institutionen der Weimarer Republik festzustellen und bei der Abl\u00f6sung des Br\u00fcning-Regimes im Sommer 1932 voreilig den ,ersten Akt des faschistischen Staatsstreichs\u2019 zu konstatieren\u2026\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn40\" name=\"_ftnref40\">[40]<\/a><\/p>\n<p>Die Widerspr\u00fcche \u00e4u\u00dferten sich in einer schwankenden Praxis zwischen Ultralinkstum und linkssozialdemokratischem Opportunismus: \u201eFaschisierung\u201c \u2013 ja, aber nicht schleichend <a href=\"#_ftn41\" name=\"_ftnref41\">[41]<\/a>; Einheitsfront mit der SPD \u2013 ja, aber zuvor muss sie die Unterst\u00fctzung Br\u00fcnings aufgeben; die proletarische Machtergreifung \u2013 ja, aber durch eine (strategische) Einheitsfront, also als Hybrid zwischen Partei und Aktionseinheit.<\/p>\n<p><strong>Lehren f\u00fcr heute<\/strong><\/p>\n<p>Hier k\u00f6nnen wir festhalten: die ausgereifte Faschismustheorie nach 1929 ist allen Konkurrentinnen \u00fcberlegen. Im Kern besteht sie aus dem Zusammenhang zwischen schwerer Strukturkrise des Kapitalismus und der unzureichenden Politik der ArbeiterInnenf\u00fchrungen; der Analyse des Klassencharakters der faschistischen Massenbasis wie des Faschismus an der Macht; Ablehnung der Sozialfaschismus- wie der Volksfronttheorie der KI; Ablehnung des b\u00fcrgerlichen Legalismus der Sozialdemokratie, ihrer Unterst\u00fctzung b\u00fcrgerlicher Regierungen und Pr\u00e4sidialkabinette; Anwendung der klassischen Einheitsfronttaktik der KI in Form der antifaschistischen ArbeiterInneneinheitsfront gegen ultralinke (Einheitsfront nur von unten) wie opportunistische (Volksfront, strategisch-programmatische Einheitsfront) Abweichungen; Verteidigung der Errungenschaften der ArbeiterInnenbewegung (Bollwerke) innerhalb der b\u00fcrgerlichen Demokratie statt Verteidigung parlamentarisch-demokratischer Herrschaftsform als Endzweck; Zusammenhang zwischen antifaschistischer Selbstverteidigung und dem Kampf um die Staatsmacht.<\/p>\n<p>Trotzkis Analyse entstand im Zusammenhang mit dem Aufkommen des Faschismus in imperialistischen L\u00e4ndern. Dies bedeutet nicht, dass faschistische Massenbewegungen in Halbkolonien nicht existieren k\u00f6nnen. Sie spielten oft Steigb\u00fcgelhalterinnen f\u00fcr Milit\u00e4r- bzw. halbfaschistische Diktaturen (Franco-Spanien, Indonesien, Chile) oder kamen unter deutsch-italienischer Schutzherrschaft sogar an die Macht (kroatische Ustascha). Doch k\u00f6nnen sie kein eigenes imperialistisches Regime errichten, das nach der Weltmacht greift, und bleiben Vasallen des ausl\u00e4ndischen Monopolkapitals.<\/p>\n<p>Das Aufkommen rechtspopulistischer Bewegungen \u2013 ein Schwerpunkt dieser Ausgabe des Revolution\u00e4ren Marxismus \u2013 verleitet viele Linke, ihnen ein faschistisches Etikett aufzukleben. Dieser inflation\u00e4re Gebrauch der Faschismusdefinition bildet die eine Gefahr. Die andere verk\u00f6rpert eine Blindheit gegen\u00fcber Instrumentalisierungsversuchen des Rechtspopulismus durch echte FaschistInnen. MSI in Italien und Front National in Frankreich stellten vor einigen Jahren faschistische Frontparteien dar, \u00fcberwiegend gef\u00fchrt von faschistischen Kadern, die eine extrem nationalistische und rassistische Politik verfolgten. Von einer solchen Organisation k\u00f6nnen wir heute in beiden F\u00e4llen zwar nicht (mehr) sprechen \u2013 der FN hat sich in eine rechtspopulistische Partei wie viele andere verwandelt, die MSI existiert nicht mehr \u2013 aber AfD und Co. bieten ein weites Bet\u00e4tigungsfeld f\u00fcr die FaschistInnen. Wo sie zu rassistischer Hetze mobilisieren und gemeinsam mit diesen marschieren wie in Chemnitz m\u00fcssen wir ihnen mit den gleichen physischen Mitteln entgegentreten wie damals der SA.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2018\/12\/03\/zur-entwicklung-der-faschismustheorie-trotzkis\/\"><em>Revolution\u00e4rer Marxismus 50&#8230;<\/em><\/a><em> vom 14. Dezember 2018<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Wir folgen in diesem Kapitel weitgehend der dankenswerterweise vom Autor zur Verf\u00fcgung gestellten Arbeit von Dahl-Arnold, Henning: \u201eTrotzkismus\u201c und Faschismus 1922\u20131933. Magisterarbeit am Fachbereich Geschichtswissenschaften der Freien Universit\u00e4t Berlin. Berlin 1991, S. 6\u201339.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> a.\u00a0a.\u00a0O., S. 15.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> a.\u00a0a.\u00a0O., S. 16.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> a.\u00a0a.\u00a0O., S. 18.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Die Polemik Dahl-Arnolds gegen die Anwendung der ArbeiterInnenregierungstaktik l\u00e4sst zumindest Fragen offen. Er schlie\u00dft aus der Formulierung des VIII. KPD-Parteitags in Leipzig:\u00a0<em>\u201eDie Arbeiterregierung ist weder die Diktatur des Proletariats noch ein friedlicher parlamentarischer Aufstieg zu ihr\u201c,<\/em>\u00a0dass\u00a0<em>\u201edie KPD ihre Bereitschaft zur Bildung einer SPD\/KPD-Koalition im Rahmen des Parlamentarismus\u2026, de facto zum Eintritt in eine b\u00fcrgerliche Regierung\u201c<\/em>\u00a0erkl\u00e4rt habe. Die Parteitagsformel ist zwar ungenauer als die Resolution des IV. WK, aber nicht opportunistisch. Der Autor geht nicht auf die Frage ein, ob die o.\u00a0a. KI-Resolution auch unter sein Verdikt f\u00e4llt. Wenn er ihren wesentlichen Gehalt teilen sollte, n\u00e4mlich dass eine echte ArbeiterInnenregierung die T\u00fcr zur Diktatur des Proletariats (DdP) aufst\u00f6\u00dft, aber nicht mit dieser identisch ist, sondern eine \u2013 nicht zwingend ins Leben tretende \u2013 \u00dcbergangsregierung dazu, so ist seine Kritik an Ruth Fischer zumindest verwirrend:\u00a0<em>\u201eFischer argumentierte dabei allerdings auf einer Grundlage, die prinzipiell die Bildung einer Arbeiterregierung \u2013 verantwortlich ausschlie\u00dflich proletarischen Organen \u2013 als Weg zur Festigung der Arbeiterdiktatur ausschlo\u00df\u2026\u201c<\/em>\u00a0Das kann doch nur hei\u00dfen: Festigung einer DdP, oder welche \u201eArbeiterdiktatur\u201c kennt Dahl-Arnold noch? Aber die proletarische Staatsmacht ist ja bereits die Krone der echten ArbeiterInnenregierung und hat das \u00dcbergangsstadium, wo der Staat von einer zur anderen Klasse \u00fcbertragen wird, bereits hinter sich. Bestenfalls hat er hier (unfreiwillig?) die Fischer\u2019sche These, ArbeiterInnenregierung k\u00f6nne nur ein popul\u00e4rer Ausdruck f\u00fcr die DdP sein, best\u00e4tigt. Der IV. WK h\u00e4tte sich seine ganze M\u00fche sparen k\u00f6nnen! Allerdings stellten die Politik der loyalen Opposition gg\u00fc. einer Koalition aus SPD und offen b\u00fcrgerlicher DDP (Deutsche Demokratische Partei, linksliberal) in Th\u00fcringen (diese wurde von der USPD sogar geduldet) sowie der Tolerierung (Duldung, Mehrheitsbeschaffung als Blankoscheck ohne Regierungseintritt der KPD) der SPD (Sachsen) bzw. SPD\/USPD-Koalition (Th\u00fcringen) rechte Abweichungen von der korrekten taktischen Linie dar. Das Gleiche gilt f\u00fcr den Eintritt in die dortigen Landesregierungen und ihre Bezeichnung als (echte) ArbeiterInnenregierung.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> a.\u00a0a.\u00a0O., S. 22.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Dahl-Arnold geht auch auf den Umgang mit der revolution\u00e4ren deutschen Situation durch KPD und KI ein. Die KI wurde erst nach dem Antifaschistentag Ende Juli \u2013 viel zu sp\u00e4t \u2013 hellh\u00f6rig. Er schildert auch interessante Details zur Rolle Sinowjews und Trotzkis. Sein Urteil, dem wir uns anschlie\u00dfen, lautet: \u201eZu sp\u00e4t, und dann der bereits r\u00fcckl\u00e4ufigen revolution\u00e4ren Welle nicht angepasst. Reagierte nicht nur die KPD-F\u00fchrung, sondern auch die Komintern-F\u00fchrung mechanisch auf die deutsche Entwicklung.\u201c A.\u00a0a.\u00a0O., S. 23.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Siehe dazu: a.\u00a0a.\u00a0O., S. 24 f. Dahl-Arnold spricht von einer\u00a0<em>\u201evollst\u00e4ndigen \u00dcbersch\u00e4tzung des bisher erreichten kommunistischen Einflusses\u201c<\/em>. Trotzkis Verteidigung des Eintritts in die s\u00e4chsische und th\u00fcringische Landesregierung h\u00e4lt er f\u00fcr falsch, was er jedoch nicht seiner Konzeption, sondern seiner verfehlten Einsch\u00e4tzung der Lage dort anlastet.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Im August 1923 pr\u00e4zisierte Trotzki seine Position zur Aufstandsfrage im Oktober 1923 in Deutschland dahingehend, dass er nicht die Absage des Aufstands im Oktober f\u00fcr falsch hielt. Die verpassten Chancen lagen viel fr\u00fcher, v.\u00a0a. im August (Streik gegen die Cuno-Regierung). Notes sur les conversations entre Trotsky et Walcher. Arbeterr\u00f6relsen Arkiv, Stockholm; Trotsky, L\u00e9on: Oeuvres 2, S. 91\u2013110. Zur Einsch\u00e4tzung in Trotzkis \u201eLehren des Oktober\u201c (Berlin 1925, Reprint) siehe: Dahl-Arnold, a.\u00a0a.\u00a0O., S. 113, Anm. 166.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Dahl-Arnold, a.\u00a0a.\u00a0O., S. 31 f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Dieser Artikel lag den Delegierten der 13. Parteikonferenz der RKP erst Mitte Januar 1924 vor. Siehe Trotzki, Leo: Der Neue Kurs (Dezember 1923 \u2013 Januar 1924), Kapitel V. In: Schriften 3, Band 3.1. Linke Opposition und IV. Internationale 1923\u20131926 (Hrsg. Dahmer, Helmut u.\u00a0a.). Hamburg 1997, S. 209\u2013314. Laut Dahl-Arnold (a.\u00a0a.\u00a0O.) scheint die englische \u00dcbersetzung gegen\u00fcber der deutschen Ausgabe (Trotzki, Leo: Der Neue Kurs, Berlin\/West 1972 [Intarlit]) pr\u00e4ziser zu sein (ders.: Challenge of the Left Opposition 1923\u20131925. New York 1975).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Dahl-Arnold, a.\u00a0a.\u00a0O., S. 33. Die Analogie zu den russischen Julitagen galt vollst\u00e4ndig f\u00fcr die \u201eM\u00e4rzaktion\u201c 1921 im Mansfelder Revier (heute: Sachsen-Anhalt), wo die KPD ganz anders als knapp vier Jahre zuvor sich in einen abenteuerlichen Aufstandsversuch hineinziehen lie\u00df. F\u00fcr den Oktober 1923 hinkt sie jedoch; hier handelte es sich nicht um einen spontanen, unverantwortlichen Aufstand. Dahl-Arnold ist in der Sache aber vollst\u00e4ndig recht zu geben. Die Paralyse der KPD zeigte sich im Fehlen eines Planes B, den er durchaus zutreffend skizziert. Ihr Repertoire bestand im Oktober 1923 nur aus den Alternativen Absage oder Durchf\u00fchrung eines Aufstandes, was die Komplexit\u00e4t der Situation inad\u00e4quat widerspiegelte. Um die Bedingungen f\u00fcr einen siegreichen Aufstand zu verbessern, musste man dem Hauptelement der gegebenen Situation Rechnung tragen und das konnte nur hei\u00dfen: ArbeiterInneneinheitsfront \u2013 durchaus nicht nur in Sachsen und Th\u00fcringen \u2013 gegen einen drohenden Milit\u00e4rputsch, Bonapartismus im ganzen Reich. General von Seeckt war kein deutscher Mussolini, sondern ein preu\u00dfischer Kornilow. Eine analog zu der von den Bolschewiki w\u00e4hrend der Kornilowiade im August 1917 durchgef\u00fchrten Einheitsfrontpolitik h\u00e4tte sich diese als Schl\u00fcssel f\u00fcr den Sieg des deutschen Kommunismus erweisen k\u00f6nnen, als welche sie sich in Russland erwies. Sie war der einzige Weg aus der Sackgasse und die wahre, vollst\u00e4ndige Analogie zur Russischen Revolution!<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Trotsky, Leon: The first five years of the Communist International, 2 B\u00e4nde. New York 1972.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Dahl-Arnold, a.\u00a0a.\u00a0O., S. 35 f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Trotzki, Leo: Faschismus und Reformismus, in: Leo Trotzki \u2013 Schriften \u00fcber Deutschland (S\u00fcD; Hrsg: Dahmer, Helmut), Band 2, S. 721 sowie ders.: Aussichten der Weltentwicklung, in: Wohin treibt England? \u2013 Europa und Amerika. Berlin\/West 1972. Werk 2, S. 17.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Dahl-Arnold, a.\u00a0a.\u00a0O., S. 39.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Mandel betont, dass nur bestimmte Formen des Kapitalismus angegriffen werden wie \u201eZinsknechtschaft\u201c, Warenh\u00e4user, \u201eraffendes\u201c im Gegensatz zu \u201eschaffendem\u201c Kapital. Wir w\u00fcrden \u201ej\u00fcdisches\u201c Kapital hinzuf\u00fcgen. Privateigentum als solches oder Unternehmerherrschaft im Betrieb wird nicht attackiert. Mandel, Ernest: Einleitung. Trotzkis Faschismustheorie. In: Leo Trotzki \u2013 Schriften \u00fcber Deutschland (S\u00fcD; Hrsg: Dahmer, Helmut), Band 1. Frankfurt am Main 1971, S. 24, Anm. 21.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Mandel, Ernest: Einleitung. Trotzkis Faschismustheorie. In: Leo Trotzki \u2013 Schriften \u00fcber Deutschland (S\u00fcD; Hrsg: Dahmer, Helmut), Band 1. Frankfurt am Main 1971, a.\u00a0a.\u00a0O., S. 21\u201326.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> Allerdings bedeutet das nicht, dass er Fehlurteilen entgangen w\u00e4re oder schwankende Einsch\u00e4tzungen vermieden h\u00e4tte. Dahl-Arnold weist darauf hin, dass Trotzki auf seine Fehleinsch\u00e4tzung der von Seeckt-Diktatur 1923\u201324 nicht mehr eingegangen sei (a.\u00a0a.\u00a0O., S. 59) und stellt dies in Zusammenhang mit dem Ausbleiben einer systematischen Diskussion innerhalb der Internationalen Linken Opposition (ILO, Vorl\u00e4uferin der IV. Internationale) \u00fcber die Niederlage der deutschen Revolution 1923. Trotzki hatte zu Anfang der 1920er Jahre in Nebenbemerkungen die Regime Zankows in Bulgarien sowie Horthys in Ungarn als faschistisch bezeichnet, ebenso 1926 die Milit\u00e4rdiktatur Pilsudskis. \u00dcber letzteres gab es einen Disput in der ILO. Ausf\u00fchrlich widerrufen hat Trotzki sp\u00e4ter seine fr\u00fchere Charakterisierung der Regierungen Primo de Riveras in Spanien und Tschiang Kai Scheks in China als faschistische (a.\u00a0a.\u00a0O., S. 60 f.). Fraglich beim Pilsudski-Regime war auch, ob der Ausgangspunkt \u00fcberhaupt richtig war, es unter einem pr\u00e4faschistischen Gesichtspunkt zu diskutieren. Die Geschichte, nicht nur des Monopolkapitalismus, kennt bonapartistische Regime auch ohne diesen Kontext (Portugal, Spanien, Afrika, Asien, Lateinamerika). Auch Trotzkis Bemerkung, der Sieg des Faschismus habe dazu gef\u00fchrt, dass sich das Finanzkapital aller Einrichtungen und Organe der Herrschaft, Verwaltung und Erziehung direkt und unmittelbar bem\u00e4chtigt, kann als Widerspruch zur Argumentation der politischen Enteignung des B\u00fcrgertums verstanden werden (a.\u00a0a.\u00a0O., S. 117, Anm. 49).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> Spartacusbund\/IKL: Faschismus \u2013 eine historisch-materialistische Analyse. Ergebnisse &amp; Perspektiven, Theoretisches Organ von: Spartacusbund [BRD] \u2013 Internationale Kommunistische Liga [\u00d6sterreich], Nr. 9, Frankfurt am Main Juni 1979, S. 7 f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref21\" name=\"_ftn21\">[21]<\/a> a.\u00a0a.\u00a0O., S. 9.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref22\" name=\"_ftn22\">[22]<\/a> Zahlen bei Mandel, Ernest: Einleitung\u2026A.\u00a0a.\u00a0O., S. 38\u201345.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref23\" name=\"_ftn23\">[23]<\/a> In: Das Argument 41 \u2013 Staat und Gesellschaft im Faschismus. Faschismus-Theorien (IV). 8. Jahrgang, Heft 6. Berlin\/West 1966, S. 473\u2013494.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref24\" name=\"_ftn24\">[24]<\/a> Mandel, Ernest: Einleitung\u2026A.\u00a0a.\u00a0O., S. 40 f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref25\" name=\"_ftn25\">[25]<\/a> a.\u00a0a.\u00a0O., S. 41, Anm. 52.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref26\" name=\"_ftn26\">[26]<\/a> Saage, Richard: Faschismustheorien. M\u00fcnchen 1972, S. 80 f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref27\" name=\"_ftn27\">[27]<\/a> a.\u00a0a.\u00a0O., S. 68 f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref28\" name=\"_ftn28\">[28]<\/a> a.\u00a0a.\u00a0O., S. 141.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref29\" name=\"_ftn29\">[29]<\/a> Mandel, Ernest: Einleitung\u2026, a.\u00a0a.\u00a0O., S. 31 f., Anm. 32.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref30\" name=\"_ftn30\">[30]<\/a> a.\u00a0a.\u00a0O., S. 32 f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref31\" name=\"_ftn31\">[31]<\/a> Spartacusbund\/IKL: Faschismus, a.\u00a0a.\u00a0O., S. 27.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref32\" name=\"_ftn32\">[32]<\/a> Mandel, Einleitung\u2026, a.\u00a0a.\u00a0O., S. 33 f. Mandel liefert noch einen wichtigen Gedanken bez\u00fcglich der Selbstentmachtung des B\u00fcrgertums:\u00a0<em>\u201eEs w\u00e4re interessant, die tieferen Wurzeln dieses Zwangs zu untersuchen. Er liegt u.\u00a0E. nicht nur in der Notwendigkeit, die Atomisierung der Arbeiterklasse durch Massenterror zu gew\u00e4hrleisten, wozu ein &gt;&gt;normaler&lt;&lt; Repressionsapparat nicht ausreicht, sondern auch in der Natur der auf Privateigentum an Produktionsmitteln errichteten Produktionsweise selbst, der immer ein Element der Konkurrenz anhaftet, und in der es den direkten Vertretern der Konzerne nur auf dem Umweg des Feilschens und der gegenseitigen Auss\u00f6hnung widerspruchsvoller Teilinteressen gelingen kann, zum Gesamtinteresse der Klasse (oder genauer: ihrer entscheidenden Schicht) vorzusto\u00dfen. Soll dieses Gesamtinteresse unmittelbar und zentralisiert, also ohne lange Besprechungen und schwierige Verhandlungen sich auswirken, dann mu\u00df die Interessenvertretung des Gesamtinteresses von der gleichzeitigen Verteidigung von Patikularinteressen getrennt werden, d.\u00a0h.: dann mu\u00df die Personalunion der Gro\u00dfkonzerne und der politischen F\u00fchrung aufgehoben werden. Deshalb die Neigung der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft zur politischen Selbstentmachtung in Krisenzeiten, in ihrer st\u00fcrmischen Jugend ebenso wie in ihrem dekadenten Alter.\u201c<\/em>\u00a0(a.\u00a0a.\u00a0O., 33 f., Anm. 56) Mandel meint mit \u201eSelbstentmachtung in ihrer st\u00fcrmischen Jugend\u201c offensichtlich die Integration der monarchisch-absolutistischen Staatsmaschine in die b\u00fcrgerliche Produktionsweise unter Zur\u00fcckdr\u00e4ngung ihres feudalen Aspekts. Engels hat dies am Beispiel Bismarcks und der Verwandlung des junkerlich-feudalen Staatsapparats in den preu\u00dfisch-deutschen bonapartistischen untersucht.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref33\" name=\"_ftn33\">[33]<\/a> Bauer, Otto: Der Faschismus. Aus: Zwischen zwei Weltkriegen? Die Krise der Weltwirtschaft, der Demokratie und des Sozialismus. Bratislawa 1936. In: Abendroth, Wolfgang: Faschismus und Kapitalismus. Theorien \u00fcber die sozialen Urspr\u00fcnge und die Funktion des Faschismus. Frankfurt am Main 19742, S. 145\u2013167.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref34\" name=\"_ftn34\">[34]<\/a> Nur in diesem Sinne muss die ArbeiterInnenbewegung die b\u00fcrgerlich-parlamentarische Demokratie verteidigen, nicht als Selbstzweck. Innerhalb des Kapitalismus musste das jedoch den Eintritt f\u00fcr den Erhalt der vollen B\u00fcrgerrechte bedeuten. Trotzki gei\u00dfelte die KPD-O, deren F\u00fchrer Brandler und Thalheimer nur \u201ef\u00fcr die demokratischen Rechte der Werkt\u00e4tigen: Versammlungs-, Vereinsrecht, Pressefreiheit, Koalitions- und Streikrecht\u201c ins Feld zogen:\u00a0<em>\u201eVersammlungs- und Pressefreiheit nur f\u00fcr die Werkt\u00e4tigen ist nicht anders denkbar als unter der Diktatur des Proletariats\u2026\u201c<\/em>\u00a0(Trotzki, Leo: Faschismus und demokratische Losungen. Prinkipo, 14. Juli 1933. In: S\u00fcD, Band 2, a.\u00a0a.\u00a0O., S. 601.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref35\" name=\"_ftn35\">[35]<\/a> Bauer, Otto: Das Gleichgewicht der Klassenkr\u00e4fte, in: Der Kampf 17, 1924, S. 57\u201367. Quelle zitiert nach Dahl-Arnold, a.\u00a0a.\u00a0O., S. 120, Anm. 87.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref36\" name=\"_ftn36\">[36]<\/a> Dahl-Arnold, a.\u00a0a.\u00a0O., S. 57.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref37\" name=\"_ftn37\">[37]<\/a> Spartacusbund\/IKL: Faschismus\u2026A.\u00a0a.\u00a0O., S. 20.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref38\" name=\"_ftn38\">[38]<\/a> Siehe: a.\u00a0a.\u00a0O., S. 17\u201320; auch: Mandel, Ernest: Einleitung\u2026, a.\u00a0a.\u00a0O., S. 35\u201336.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref39\" name=\"_ftn39\">[39]<\/a> Trotzki, Leo: Der \u201e4. August\u201c (Prinkipo, 4. Juni 1933). In: S\u00fcD, Band 2, a.\u00a0a.\u00a0O., S. 568.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref40\" name=\"_ftn40\">[40]<\/a> Dahl-Arnold, a.\u00a0a.\u00a0O., S. 58.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref41\" name=\"_ftn41\">[41]<\/a> Eine Variante davon stellte die Faschisierungsthese des Kommunistischen Bundes\/Nord (KB\/Nord) dar. Siehe die Polemik dagegen in: Spartacusbund\/IKL, a.\u00a0a.\u00a0O., S. 52\u201358.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J\u00fcrgen Roth. Was stellt der Faschismus dar? Diese Frage stellten sich b\u00fcrgerliche Intelligenz, zahllose HistorikerInnen wie TheoretikerInnen der ArbeiterInnenbewegung schon vor mehr als 90 Jahren. Dieser Aufsatz<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6],"tags":[25,65,34,80,26,12,13,76,22,62,42,4,21],"class_list":["post-4620","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","tag-arbeiterbewegung","tag-ernest-mandel","tag-faschismus","tag-friedrich-engels","tag-gewerkschaften","tag-lenin","tag-marx","tag-neue-rechte","tag-politische-oekonomie","tag-rosa-luxemburg","tag-sozialdemokratie","tag-strategie","tag-trotzki"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4620","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4620"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4620\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4621,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4620\/revisions\/4621"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4620"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4620"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4620"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}