{"id":4623,"date":"2018-12-14T19:05:19","date_gmt":"2018-12-14T17:05:19","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4623"},"modified":"2018-12-14T19:05:19","modified_gmt":"2018-12-14T17:05:19","slug":"syngenta-ein-mord-in-brasilien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4623","title":{"rendered":"Syngenta: Ein Mord in Brasilien"},"content":{"rendered":"<p><em>Bettina Dyttrich. <\/em>K\u00fcrzlich sorgte Syngenta f\u00fcr Emp\u00f6rung. Der Basler Chemie- und Saatgutkonzern hatte vor zwei Jahren eine Gewinnbeteiligung versprochen: In der Schweiz sollte 2017 jeder und jede Angestellte<!--more--> 1200 Dollar bekommen. Das war kurz vor der \u00dcbernahme durch die chinesische Chemchina, die inzwischen vom Staatskonzern Sinochem geschluckt wurde. Auf das versprochene Geld warten die Angestellten noch heute.<\/p>\n<p>Eine andere Neuigkeit fand hingegen keine Beachtung: Ende November hat ein brasilianisches Gericht in einem Zivilprozess Syngenta zweitinstanzlich als verantwortlich f\u00fcr Mord und Mordversuch zu Schadenersatz verpflichtet. Keine einzige Deutschschweizer Zeitung berichtete bisher dar\u00fcber.<\/p>\n<p>Die Verbrechen geschahen 2007 und sind gut dokumentiert. Damals besass Syngenta ein Gel\u00e4nde im Bundesstaat Paran\u00e0, nur vier Kilometer vom Igua\u00e7u-Nationalpark mit seinen ber\u00fchmten Wasserf\u00e4llen entfernt. 2005 entdeckten B\u00e4uerInnen, dass Syngenta dort mit Gentechsoja experimentierte\u00a0\u2013 was so nahe am Nationalpark illegal war. Die brasilianische Umweltbeh\u00f6rde b\u00fcsste den Konzern. Doch Syngenta weigerte sich zu bezahlen. Bald stellte sich heraus, dass auch Versuche mit Gentechmais stattfanden. Nun besetzte die Landlosenbewegung MST mehrmals das Gel\u00e4nde. Auf die dritte Besetzung im Herbst\u00a02007 reagierte Syngenta brutal: Sie liess die Miliz N.\u00a0F. Seguran\u00e7a auffahren, die sofort zu schiessen begann. Die Pistoleros richteten den Aktivisten Valmir Mota de Oliveira regelrecht hin, schossen der Kleinb\u00e4uerin Isabel Nascimento de Souza ins Auge und verletzten weitere Anwesende.<\/p>\n<p>Amnesty International und viele weitere Organisationen protestierten, die b\u00e4uerliche Bewegung Via Campesina demonstrierte vor dem Syngenta-Hauptsitz in Basel. Der damalige Schweizer Botschafter in Brasilien entschuldigte sich bei der Witwe des Ermordeten. Unter Druck geraten, \u00fcbergab Syngenta das Versuchsgel\u00e4nde dem brasilianischen Staat. 2015 sprach dann ein regionales Gericht den Konzern schuldig. Nun hat das Gericht des Bundesstaats Paran\u00e0 das Urteil best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Der MST ist eine der gr\u00f6ssten und am besten organisierten b\u00e4uerlichen Bewegungen der Welt. Mehr als eineinhalb Millionen Menschen geh\u00f6ren ihm an, Hunderttausende haben sich bereits Zugang zu Land erk\u00e4mpft. Ungenutztes Agrarland soll einer Landreform zugef\u00fchrt werden: Das steht in der brasilianischen Verfassung. Doch ohne die Besetzungen des MST ginge die Umsetzung kaum voran.<\/p>\n<p>Der MST betreibt eigene Schulen, Produktions- und Verarbeitungsgenossenschaften, betont die Gleichberechtigung der Geschlechter und geh\u00f6rt zu den Pionieren der \u00f6kologischen Landwirtschaft in Brasilien. Doch den GrossgrundbesitzerInnen, die mit Saatgut und Maschinen multinationaler Firmen und enormem Pestizideinsatz Soja, Mais, Zuckerrohr und Fleisch f\u00fcr den Export produzieren lassen, war er schon immer l\u00e4stig.<\/p>\n<p>Der Aufstieg des rechtsextremen neuen Pr\u00e4sidenten Jair Bolsonaro macht sie \u00fcberm\u00fctig. In der Wahlnacht \u00fcberfielen Schl\u00e4gertrupps ein MST-Camp, zwei Tage sp\u00e4ter z\u00fcndeten Bolsonaro-Anh\u00e4ngerInnen ein anderes an. Letzte Woche schossen Vermummte auf MST-AktivistInnen und t\u00f6teten zwei. In dieser Atmosph\u00e4re ist die Verurteilung von Syngenta ein Erfolg f\u00fcr alle, die sich f\u00fcr Menschenrechte und gegen Straflosigkeit einsetzen. Und ein Signal: Menschen darf man nicht einfach erschiessen, auch wenn sie Land besetzen.<\/p>\n<p>Die Schweiz tr\u00e4umt von einem Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten, zu denen Brasilien geh\u00f6rt. Freihandel w\u00fcrde den Agrarexport st\u00e4rken\u00a0\u2013 und damit genau jene brutalen GrossgrundbesitzerInnen, die auch vor Mord nicht zur\u00fcckschrecken. Diese Woche hat die linke NGO Solifonds eine Petition eingereicht: Die Schweiz soll sich f\u00fcr die Menschenrechte in Brasilien einsetzen und darf in der heutigen Situation kein Freihandelsabkommen abschliessen.<\/p>\n<p>Syngenta schreibt auf Anfrage der WOZ auf Englisch, man sei \u00abtieftraurig\u00bb \u00fcber den \u00abVorfall\u00bb von 2007, der sich \u00abzwischen gewaltt\u00e4tigen Gruppen\u00bb ereignet habe. Syngenta habe nichts mit der \u00abtragischen Konfrontation\u00bb zu tun und werde das Urteil weiterziehen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/1850\/syngenta\/ein-mord-in-brasilien\"><em>woz.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 14. Dezember 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bettina Dyttrich. K\u00fcrzlich sorgte Syngenta f\u00fcr Emp\u00f6rung. 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