{"id":4625,"date":"2018-12-15T12:31:27","date_gmt":"2018-12-15T10:31:27","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4625"},"modified":"2018-12-15T12:31:27","modified_gmt":"2018-12-15T10:31:27","slug":"die-aufstaende-an-den-verkehrskreiseln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4625","title":{"rendered":"Die Aufst\u00e4nde an den Verkehrskreiseln"},"content":{"rendered":"<p><em>Joshua Clover. <\/em><strong>Frankreich, das der Welt \u2018links\u2019 und \u2018rechts\u2019 als Kategorien der politischen Orientierung geschenkt hat, scheint gerade fest dazu entschlossen zu sein, die Dynamiken einer Situation zu erkunden, in der dieses<!--more--> althergebrachte Spektrum nicht l\u00e4nger wie \u00fcblich funktioniert. Auf dieser Abstraktionsebene scheint die Topografie vor Ort gerade einem gleichschenkligem Dreieck zu gleichen.<\/strong><\/p>\n<p>Die Rechte wird dabei vom Rassemblement national beherrscht. Sie hat sich au\u00dferdem\u2014was noch weitaus schlimmer ist\u2014einem nationalistischen Kurs folgend radikalisiert. Die radikale Linke bildet mangels Konkurrenz die einzige Alternative dazu, obwohl sie durch die Pasokifizierung, die die Sozialisten erledigt hat, arg in Mitleidenschaft gezogen wurde.<\/p>\n<p>Beide sind dazu verdammt einem technokratischem Zentrum gegen\u00fcberstehen und zwar in einer Art und Weise, die sie formal zu Verb\u00fcndeten macht: Sowohl nationalistische Chauvinisten als auch die,\u00a0 die sich noch immer des Weckrufs des Kommunismus und Anarchismus entsinnen k\u00f6nnen, stehen gezwungenerma\u00dfen einem gemeinsamen Feind gegen\u00fcber. Auf der Stra\u00dfe sehen sie sich jedoch dazu veranlasst, sich dauernd gegenseitig zu bek\u00e4mpfen. Dann wird der Mittelsmann\u2014Macron\u2014ausgeblendet.<\/p>\n<p>Dieses Dreiecksdrama verdeutlicht allm\u00e4hlich, warum sich der Aufstand der Gilets Jaunes aus der Ferne betrachtet (und vielleicht auch aus der N\u00e4he) so chaotisch darstellt\u2014warum er so schwer zu fassen ist. Viele der daran Beteiligten bezeichnen sich selbst als apolitisch. Sie leben im Zentrum des Dreiecks, sind st\u00e4ndig vom sozialen Abstieg bedroht und den Verlockungen jedweder Partei gegen\u00fcber abgeneigt. Wenn es jedoch lediglich um gestiegene Benzinpreise und den Verlust von Kaufkraft ginge, warum kommt es dann zu\u00a0<a href=\"https:\/\/twitter.com\/crimethinc\/status\/1069366365553864705\">Handgemenge zwischen Faschisten und Antifaschisten<\/a>? Jeder Standpunkt muss sich jeweils gegen\u00fcber den beiden anderen Eckpunkten des Dreiecks in politischen Positionierungsk\u00e4mpfen und direkt auf der Stra\u00dfe behaupten. Und auch das ist eine schematische Vereinfachung.<\/p>\n<p>Meine Erfahrung gebietet es mir\u00a0<a href=\"https:\/\/www.versobooks.com\/blogs\/4157-the-yellow-vest-a-floating-signifier?fbclid=IwAR0HHo8fAzT8B5rWKkV8xV31GcLFI3a2lkmNwXPG-EyiGaC23SPZMnyPPUU\">die detailgetreue Darstellung der vielschichtigen sozialen Kr\u00e4fte denen zu \u00fcberlassen, die \u00fcber mehr lokale Expertise verf\u00fcgen<\/a>. \u00a0Zus\u00e4tzlich zu dem durch die Akteure gebildeten, komplizierten Spannungsfeld, haben auch die Zustands- und Erscheinungsformen der Bewegung f\u00fcr einige Verwirrung gesorgt.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.viewpointmag.com\/2018\/12\/06\/on-a-ridgeline-notes-on-the-yellow-vests-movement\/\">Das Pariser Kollektiv Plateforme d\u2019Enqu\u00eates Militantes<\/a>\u00a0schreibt dazu etwa: \u201cDie Unordnung des Schlachtfeldes: Dieses Bild beschreibt die Bewegung, die Frankreich seit ein paar Wochen in Atem h\u00e4lt. Sie gepr\u00e4gt durch eine soziale Zusammensetzung und politischen Themen, wie Besteuerung und Kaufkraft, die mit unseren klassischen Interpretationsmustern brechen.\u201d In den USA zeichnet sich der Chicago Reader durch eine noch weitaus tiefer gehende Missdeutung der Ereignisse aus: \u201cDas k\u00f6nnte Chicago von den massiven Arbeitsk\u00e4mpfen in Paris lernen.\u201d Es muss darauf hingewiesen werden, dass sich der Aufstand der Gilets Jaunes weder ausschlie\u00dflich in Paris abspielt, noch sich grundlegend um diese Stadt dreht. Dar\u00fcber hinaus ist es schlichtweg falsch, ihn als Arbeitskampf zu deuten.<\/p>\n<p><strong>Zirkulation und Subsistenz<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt wenig Anlass daf\u00fcr, derart verwirrt zu sein: Die Bewegung der Gilets Jaunes hat sich ihrer Gestalt nach geradezu idealtypisch herausgebildet. Sie ist\u00a0<a href=\"https:\/\/www.versobooks.com\/books\/2084-riot-strike-riot\">ein Riot, wie wir ihn aus dem Lehrbuch<\/a> kennen. Die Forderungen der an einem Arbeitskampf Beteiligten\u2014um das zu wiederholen, was eigentlich auf der Hand liegen sollte\u2014zielen auf die Sph\u00e4re der Arbeit selbst ab. In ihrer Rolle als ArbeiterInnen k\u00e4mpfen ArbeiterInnen daf\u00fcr, die H\u00f6he ihrer Entlohnung f\u00fcr geleistete Arbeit, sowie die Bedingungen, unter denen sie diese Arbeit ableisten mussten, festzulegen. Beim Arbeitskampf handelt sich also um eine Aktionsform, die sich in der Sph\u00e4re der Produktion, der Bereitstellung von Waren und Dienstleisten und der Schaffung von Wert entfaltet. Dem entgegen ist der klassische Riot, wie er sich im mittelalterlichen und fr\u00fchneuzeitlichen Europa herausbildet hat, eine Form des kollektiven Handelns, welche:<\/p>\n<ol>\n<li>auf die Festsetzung der Preise auf dem Markt dr\u00e4ngt;<\/li>\n<li>Menschen zusammenbringt, die nichts verbindet als ihre Enteignung;<\/li>\n<li>sich in der Sph\u00e4re der Konsumption entfaltet und dabei auf die St\u00f6rung der Warenzirkulation setzt.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Vom 14. bis zum 18. Jahrhundert ging es dabei oft darum, das Gemeinwesen zu mobilisieren um gegen einen B\u00e4cker oder\u2014\u00f6fter noch\u2014einen Getreideh\u00e4ndler vorzugehen. Diese wurden dazu gedr\u00e4ngt, ihre Waren vor Ort und zu einem annehmbaren Preis zu verkaufen. Es handelte sich folglich um eine Auseinandersetzung, die sich auf dem Marktplatz abspielte; eine Auseinandersetzung also, bei der es um die Kosten der individuellen Reproduktion ging. Im Folgenden wird deutlich werden, dass sich die Bewegung der Gilets Jaunes ziemlich genau an dieses Muster h\u00e4lt\u2014und das nicht, weil die Gewaltt\u00e4tigkeit und Z\u00fcgellosigkeit der Bewegung dem Ordnungsempfinden des Staates\u2014dem b\u00fcrgerlichen Ma\u00dfstab des Riots\u2014 widerspricht. Vielmehr gr\u00fcndet und st\u00fctzt sich die Bewegung auf die Forderung, dass ein bestimmtes Reproduktionsmittel zu einem niedrigen Preis angeboten werden muss, damit die proletarische Reproduktion aufrechterhalten werden kann. Das Aufkommen der Bewegung ist ein klares Zeichen daf\u00fcr, dass sich der traditionelle Vertrag zwischen den Klassen in einer Krise befindet. Der Brotaufstand ist zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Und dabei war er doch nie wirklich von der Bildfl\u00e4che verschwunden. Insbesondere die Aufst\u00e4nde, die sich um die Kosten f\u00fcr den Zugang zu zwingend notwendigen Verkehrsmitteln drehen, sind ein fester Bestandteil der Gegenwart: Von den\u00a0<a href=\"https:\/\/www.npr.org\/2018\/07\/15\/629198841\/haitis-prime-minister-resigns-after-riots-over-fuel-price-hike\">durch die Zur\u00fccknahme der Treibstoffsubventionen ausgel\u00f6sten landesweiten Riots in Haiti<\/a>, zu den wiederholt auftretenden\u00a0<a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2017\/jan\/04\/gasolinazo-mexico-gasoline-price-hike-protests-petrol\">Gasolinazo Protesten in Mexiko<\/a>\u00a0und anderswo, oder\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2013\/06\/14\/world\/americas\/bus-fare-protests-hit-brazils-two-biggest-cities.html\">der insurrektionistischen Wucht, die durch die Erh\u00f6hung der Fahrpreise f\u00fcr den Bus in Brasilien entfesselte<\/a>\u00a0wurde. Immer dann, wenn der\u00a0 Zugang zu Verkehrsmitteln unerl\u00e4sslich f\u00fcr das \u00dcberleben wird, wird ihr Preis Teil des Subsistenzpakets und damit zum Schauplatz f\u00fcr Auseinandersetzungen. Das Hauptaugenmerk lag bisher unmissverst\u00e4ndlich auf den\u00a0<a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2018\/dec\/07\/macrons-arrogance-unites-us-on-the-barricades-with-frances-gilets-jaunes\">\u201cVerkehrskreisel-Protesten\u201d,<\/a>\u00a0wie sie einer der an diesen Stra\u00dfenblockaden Beteiligten au\u00dferhalb von Toulouse bezeichnete. Die Protestierenden versammeln sich dort, um den Verkehr zu blockieren. Anderswo attackieren sie Mautstationen oder Autohersteller\u2014all die physischen Verk\u00f6rperungen der Zirkulation also.<\/p>\n<p>Jedoch verschleiert der alleinige Fokus auf die Verkehrsmittel, dass es sich bei einem Riot um einen \u201cZirkulationskampf\u201d in einem weitaus tiefer gehenden Sinn handelt. Im Zuge des Endes des Wachstums des produzierendem Gewerbes im \u00fcberentwickelten Westen offenbart das Aufkommen des Riots als vorherrschender Zirkulationskampf, die Schw\u00e4che der traditionellen ArbeiterInnenbewegung, sowie die Restrukturierung der Klassenverh\u00e4ltnisse und des Kapitals auf nationaler und internationaler Ebene. Formal gesprochen beschreibt Zirkulation eine Reihe von miteinander verbundenen Ph\u00e4nomenen: Erstens, den Markt, oder etwas weiter gefasst, die soziale Arena des Transfers von Eigent\u00fcmerschaft und der Konsumption von Waren und Dienstleistungen. Zweitens, die eigentliche Bewegung von vorher produzierten Waren durch den Markt hin zur Konsumption. Und drittens, die verschiedenen Formen von Arbeit, die zur Zirkulation dieser Waren\u2014und damit zur Realisierung ihres Wertes\u2014notwendig sind.<\/p>\n<p>Der Zirkulationskampf stellt dabei die soziale Auseinandersetzung derer dar, die aus der Sph\u00e4re der Produktion\u00a0 gedr\u00e4ngt wurden. Dies passiert genau in dem Augenblick, in dem die Produktion selbst abnimmt und das Kapital, auf der Suche nach Profit, sich vermehrt Strategien annimmt, die in Marxens \u201cger\u00e4uschvollen\u00a0 Sph\u00e4re der Zirkulation\u201d verortet sind. Die Charaktere,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2018\/12\/02\/world\/europe\/france-yellow-vest-protests.html?action=click&amp;module=Top%20Stories&amp;pgtype=Homepage\">die dieser journalistische Bericht zusammenbringt<\/a>, sind bezeichnend f\u00fcr diesen Zustand. Alles beginnt dort, wo es muss: Nicht am Arbeitsplatz, sondern auf dem Markt einer weit von Paris entfernten Stadt, die ihren eigenen Kreisverkehr und ihre Gruppe von Gelbwesten besitzt. Zu dieser geh\u00f6ren ein arbeitsloser St\u00f6rungsmelder, eine Nachtschwester, ein selbstst\u00e4ndiger Teppichverleger, ein Fahrer eines Betonmischers. Diese Gruppe verk\u00f6rpert ein bestimmtes Spektrum: Die \u00dcbriggebliebenen des Baugewerbes, den stagnierende Dienstleistungsbereich, die Prek\u00e4ren und Verdr\u00e4ngten. Nicht, dass sie nicht arbeiten w\u00fcrden\u2014einige tun es, andere nicht. Man kann sich jedoch schwerlich einen Arbeitskampf vorstellen, der diese grundverschiedene Typen \u00fcber Regional- und Nationalgrenzen hinweg zusammenbringen k\u00f6nnte. Was sie jedoch verbindet, sind die Kosten der Dinge, die sie verarmen lassen. Bei ihrem Protest geht es also um die Festsetzung der Warenpreise.<\/p>\n<p><strong>Die Auseinandersetzung innerhalb der Auseinandersetzung<\/strong><\/p>\n<p>Es muss aber auch das angesprochen werden, was der Artikel ausspart. Die Erz\u00e4hlung in la France profonde beginnen zulassen\u2014und damit in der \u2018wei\u00dfen\u2019 Provinz, die gegen die Arroganz und den Elitarismus der Klassen der Metropole aufbegehrt\u2014spielt zwar auf die Rolle und die Bedeutung von Nationalisten innerhalb dieser vermeintlich f\u00fchrerlosen Bewegung an. Sie verkennt dabei jedoch deren St\u00e4rke.\u00a0<a href=\"https:\/\/crimethinc.com\/2018\/11\/27\/the-yellow-vest-movement-in-france-between-ecological-neoliberalism-and-apolitical-movements\">Nationalisten formten die Bewegung ma\u00dfgeblich mit und nutzen sie, um gegen die MigrantInnen der an den R\u00e4ndern der St\u00e4dte gelegenen Banlieus, zu wettern.<\/a>\u00a0Dies\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nouvelobs.com\/politique\/20181129.OBS6307\/gilets-jaunes-on-a-decortique-chacune-des-42-revendications-du-mouvement.html\">verdeutlicht beispielsweise ein bekannt gewordener Forderungskatalog<\/a>. Das\u00a0 wiederum er\u00f6ffnet Le Pens Partei die M\u00f6glichkeit in Hinblick auf die Wahlen 2022 die Initiative zu ergreifen\u2014vorausgesetzt, dass die Regierung nicht schon jetzt zusammenbricht. Der Ruf nach Macrons R\u00fccktritt, der nun laut geworden ist, ist Frankreichs Version von \u201cDas Volk fordert den Fall des Regimes.\u201d Wir wissen alle leider nur zu gut, dass ein sich Einlassen auf diese spektakul\u00e4re\u00a0 Entmachtungsforderung katastrophale Auswirkungen nach sich ziehen kann. Im besten Fall stellt sie eine Demonstration der St\u00e4rke dar, die Gefahr l\u00e4uft einfach nur einen Ersatzmann an die Macht zubringen. Im schlechtesten Fall bereitet sie jedoch das Feld f\u00fcr einen aufstrebenden Diktator.<\/p>\n<p>Die Suche nach dem wahren Subjekt eines Aufruhrs verkennt immer die Mannigfaltigkeit der Masse. Von Anfang an waren auch St\u00e4dter und Banlieusards unter den Gelbwesten zu finden. Es w\u00e4re auch falsch die franz\u00f6sischen Peripherien eines uniformen Populismus zu bezichtigen, dem es um nichts anderes als der \u00dcberwindung von Konsumdefiziten geht.<\/p>\n<p>In der Bewegung der Gelbwesten vereinigen sich schlichtweg Menschen, mit ganz unterschiedlichen Bed\u00fcrfnissen. Sie sto\u00dfen zu dieser Bewegung ohne wirklich zu wissen, wo es hingehen soll. Sie folgen einer zaghaften Intuition, wobei die Ereignisse ihnen als eine Art Schule dient. Das erregende Moment eines Riots, einer Bewegung, oder eines Aufstandes ist niemals identisch mit seiner bzw. ihrer Bedeutung. Von Anfang ist er gepr\u00e4gt durch eine Auseinandersetzung innerhalb der Auseinandersetzung, einen Kampf um seine Sto\u00dfrichtung. Hier, in diesem Aufeinandertreffen, verbirgt sich immer eine revolution\u00e4re M\u00f6glichkeit. Obwohl wir mit Bewegungen der Stra\u00dfe vertraut sind, die nach Rechts abdrifteten\u2014wie das desastr\u00f6se Beispiel in Brasilien etwa\u2014haben es die Gilets Jaunes vermocht, diesen Kurs in bestimmten Momenten der Unruhen umzukehren. Besonders da die allw\u00f6chentliche Mobilisierung am Samstag eine gewisse Urbanisierung der Bewegung mit sich brachte und sie einer breiteren, proletarischen Basis zug\u00e4nglich machte, zu der Akteure wie\u00a0<a href=\"https:\/\/ediciones-ineditos.com\/2018\/11\/28\/on-the-gilets-jaunes-dispatches-from-france\/\">das Adama Komitee<\/a>\u00a0z\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Das Komitee \u201cAufkl\u00e4rung und Gerechtigkeit f\u00fcr Adama Traor\u00e9\u201d bildete sich 2016 nach Traor\u00e9s Tod in Polizeigewahrsam. Dieses Ereignis rief \u00e4hnliche, wenn auch nicht ganz so heftige, Riots hervor, wie die, die 2005 von Clichy-sous-Bois aus auf andere Viertel Paris \u00fcbergriffen und schlie\u00dflich auch in anderen franz\u00f6sischen Vorst\u00e4dten und \u00fcberdiese hinaus ausbrachen. Der durch staatliche Gewalt gegen aufm\u00fcpfige\u2014in Europa meist gleichbedeutend mit migrantischen\u2014Gemeinschaften ausgel\u00f6ste \u201cRace Riot\u201d\u2014wie die anglophone Fehlbezeichnung lautet\u2014oder \u201cVorstadt-Riot\u201d bildet das Gegenst\u00fcck zum Aufstand der Gilets Jaunes. Dies sind die beiden Seiten des Zirkulationskampfes: Auf der einen Seite die, denen der Zugang zum Lohn verwehrt wird. Auf der anderen die, deren L\u00f6hne nicht l\u00e4nger ausreichen, das zum \u00dcberleben Notwendige zu kaufen. Das sind gekoppelte Ph\u00e4nomene einer stagnierenden und r\u00fcckl\u00e4ufigen Produktion, eine polit\u00f6konomische Situation in der der Lohn und die Disziplinierung durch den Lohn diese nicht l\u00e4nger zu stabilisieren verm\u00f6gen. Wie bei echten Gegenst\u00fccken treffen diese beiden Spielarten des Zirkulationskampfes st\u00e4ndig aufeinander. Man k\u00f6nnte seine Zeit auch mit wesentlich unn\u00fctzeren Dingen vertr\u00f6deln, als eine Bilanz der Gegenwart aufzustellen, die es einem erm\u00f6glicht, \u00fcber die Verbindungen dieser beiden Ausformungen des Zirkulationskampfes nachzudenken.<\/p>\n<p><strong>Gegen den gr\u00fcnen Nationalismus<\/strong><\/p>\n<p>Beide Arten des Riots verweisen\u2014egal wodurch sie nun im speziellen hervorgerufen worden sind\u2014zwangsl\u00e4ufig auf die Themen Migration, Staatsgrenzen, \u00f6konomischen Nationalismus und so weiter. Diese sind Begleiterscheinungen der Zunahme von Zirkulationsk\u00e4mpfen: In Zeiten, in denen die abnehmende Produktion und die damit einhergehende Rekomposition der Klasse auf Xenophobie trifft und sich in dieser verf\u00e4ngt, sind es die Zirkulationsk\u00e4mpfe, die den nationalistischen Chauvinismus auf die Agenda bringen. Es gibt jedoch keine ernstzunehmende linke Politik, die nicht von Grund auf antirassistisch w\u00e4re.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem sollte es auch auf der Hand liegen, dass soziale Bewegungen heute verst\u00e4rkt Stellung bez\u00fcglich der sich anbahnenden \u00f6kologischen Katastrophe beziehen m\u00fcssen. Eine der Neuheiten in Zusammenhang mit der Bewegung der Gilets Jaunes ist, dass der Staat \u00f6kologische Belange als Ausrede daf\u00fcr benutzt, die Sozialkosten f\u00fcr die Reproduktion auf seine Untergebenen abzuw\u00e4lzen. Das scheint eine d\u00fcstere aber zutreffende Prognose zu sein: Man kann sich sehr gut vorstellen wie in den \u00fcberentwickelten L\u00e4ndern die \u00d6ko-Logik in Zukunft als staatliches Werkzeug zur Durchsetzung von Austerit\u00e4tsma\u00dfnahmen gebraucht wird. Es ist daher grundlegend falsch, die Forderungen gegen den Benzinpreisaufschlag als anti\u00f6kologisch zu deuten. Insofern der Staat auch weiterhin als Koordinationskomitee des Kapitals fungiert\u2014und daran hat sich bisher nichts ge\u00e4ndert\u2014wird es unm\u00f6glich sein, sich f\u00fcr das \u00dcberleben der Zivilisation zu engagieren, w\u00e4hrend man dem Staat die \u201c\u00d6kologie\u201d als Waffe \u00fcberl\u00e4sst. Es muss heute eine der Hauptaufgaben der Linken sein, dem Staat diese Waffe zu entrei\u00dfen.<\/p>\n<p>Hier zeigt sich die wahre Schlagkraft der Gelbwesten. Sie weisen ein Gebot, welches der Staat im Namen der Sicherheit hervorgebracht hat, als ein warnendes Beispiel daf\u00fcr zur\u00fcck, dass es der Staat ist, der Unsicherheit sch\u00fcrt. Dabei handelt es sich um nichts geringeres als eine \u00f6kologische Allegorie, die die Frage aufwirft, wer die Rechnung f\u00fcr den Erhalt von Sicherheit und \u00dcberleben zahlen muss: Der Staat oder die Menschen? Diese dramatische Zur\u00fcckweisung zeigt sich sehr deutlich in einer geradezu ironischen Entwicklung der Bewegung: Wie uns gesagt wird, diese aus Millionen von aufgebrachten Autofahrern, die zur\u00a0<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=VyQwoEkJubE\">franz\u00f6sischen Mode des Anfackelns von Autos<\/a>\u00a0\u00fcbergegangen sind, als w\u00fcrden sie damit ihre Komplizenschaft mit den Vorstadtriots signalisieren. Was k\u00f6nnte \u00f6kologisch einf\u00fchlsamer sein als das?<\/p>\n<p>Es scheint angebracht zu sein, die Ereignisse rund um die Gilets Jaunes als einen fr\u00fchen Klimariot zu fassen, ebenso wie die gegenw\u00e4rtige Migration als durch\u00a0<a href=\"https:\/\/climateandcapitalism.com\/2018\/03\/17\/malm-revolutionary-strategy\/\">den Kollaps des Klimas<\/a>\u00a0befeuert begriffen werden muss. Diese beiden Problemfelder\u2014die globale Zirkulation von Populationen und die \u00f6kologische Krise\u2014 werden nicht einfach nur der Konsolidierung der Staatsmacht als Anlass dienen. Vielmehr k\u00f6nnte in den n\u00e4chsten zehn Jahren aus ihrem Zusammengehen und dem damit verbundenen Diskurs um Ressourcenerhaltung und vermeintlich humanit\u00e4ren Vorkehrungen gegen Klimafl\u00fcchtlinge eine Art \u201cgr\u00fcner Nationalismus\u201d hervorgehen. Es existiert jedoch kein Universalismus, der sich nicht dieser Entwicklung durch K\u00e4mpfe f\u00fcr offene Grenzen und kommunale Selbstverwaltung in \u00f6kologischen Angelegenheiten entgegenstellt.<\/p>\n<p><strong>Zur\u00fcck zum Politischen<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben erst k\u00fcrzlich den zehnten Jahrestag der Ermordung Alexis Rigopoulos durch die griechische Polizei und der darauf folgenden gro\u00dffl\u00e4chigen Riots hinter uns gelassen. Wer nach einem m\u00f6glichen Ausgangspunkt des gegenw\u00e4rtigen Zyklus von Zirkulationsk\u00e4mpfen sucht, der findet ihn m\u00f6glicherweise in diesem Moment und innerhalb des breiteren Kontextes in dem er sich einpasst: Die globale Wirtschaftskrise und die damit verbundene Massenarbeitslosigkeit, die sich besonders stark in Griechenland bemerkbar machte, wo sie auf eine bereits bestehende Tradition von dynamischen Auseinandersetzung traf. Wenn man das gro\u00dfe Gl\u00fcck hatte, diese K\u00e4mpfe aus der Distanz analysieren zu k\u00f6nnen\u2014was einem davor bewahrte, zunehmend frustrierter zu werden angesichts der sich wiederholenden Zusammenst\u00f6\u00dfen mit der Polizei und den Parlamentsbesetzungen\u2014konnte man nicht anders als die Militanz dieser K\u00e4mpfe zu bewundern. Die Schw\u00e4che eines Riots, der von staatlicher Gewalt hervorgerufen wurde, besteht darin, dass er oft genau an dieser Stellen steckenbleibt. Allzu oft wird ihm durch kosmetische Modifikationen des Staatsapparates beigekommen: Ein Amtstr\u00e4ger tritt zur\u00fcck, eine Expertengruppe tritt zusammen, usw.<\/p>\n<p>Was die St\u00e4rke des Riots, der den Zweck der Warenpreisfestsetzung verfolgt, ausmacht, ist, dass er direkt bei der Wirtschaft ansetzt. Dies stellt gleichzeitig jedoch auch seine Schw\u00e4che dar, wie die Bewegung der Gilets Jaunes verdeutlicht, indem sie einer abzulehnenden Politik einen Raum er\u00f6ffnet, sowie den expliziten Antirassismus und impliziten Abolutionismus [des staatlichen Repressionsapparates] des Vorstadtriots vermissen l\u00e4sst. Die Bewegung \u00f6ffnet sich nur allzu leicht revanchistischen Gel\u00fcsten nach dem Klassenvertrag der les trentes glorieuses [den Drei Golden Nachkriegsjahrzehnten] und dessen beschr\u00e4nktem Verst\u00e4ndnis von denen, die darunter gefasst sein. Es ist diese Zeit, und die sie pr\u00e4genden Exklusionen, die die Masse meint, wenn sie die Marseillaise anstimmt\u2014nicht 1792.<\/p>\n<p>Jedoch gibt es etwas, das uns das Aufkommen des Zirkulationskampfes deutlich vor Augen f\u00fchrt. N\u00e4mlich, dass diese Zeit eben nicht wiederkommen wird, weder f\u00fcr Linke noch f\u00fcr Nationalisten. Gegenw\u00e4rtig ist es wichtig ins Auge zu fassen mit welcher Geschwindigkeit sich eine einfache \u00f6konomische Forderung, die im Quellgebiet der Bewegung aufkam, \u00fcber seine Grenzen hinausausbreitet und damit ein Schritt hin zu einer politischen Krise gemacht wurde. \u201cDie Wirtschaft\u201d in ihrer gegenw\u00e4rtigen Abstraktion, muss in Wirklichkeit durch den Staat vertreten werden. Man kann vielleicht pl\u00fcndernd den Champs-\u00c9lys\u00e9es auf- und abziehen\u2014wobei Pl\u00fcndern wunderbarerweise einer Warenpreisfestsetzung bei Null gleichkommt. Jedoch ist doch jedem bewusst, dass Macrons Regierungspalast das Winterpalais des Geldes darstellt. Die Leute w\u00fcnschen jedoch nicht mit ihm zu sprechen, was auch eine St\u00e4rke der Bewegung ist. Bei all dem Gefasel ob der Bedeutung der Symbole und Plakate der Protestierenden ist es doch den Gilets Jaunes gelungen, ihrer urspr\u00fcnglichen Forderung nicht durch kommunikativen El\u00e1n, sondern durch direkte Interventionen Ausdruck zu verleihen\u2014von Blockaden von Verkehrskreiseln zu der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=bHYPuA1fSvA\">Belagerung des Arc de Triomphe<\/a>, diesem Kreisel im Zentrum der Dinge.<\/p>\n<p>\u201cSoziale K\u00e4mpfe, denen man urspr\u00fcnglich durch minimale Konzessionen bezogen auf die Forderungen der sozialen Bewegungen beikommen konnte (durch staatliche Strategien in Boomzeiten), greifen jetzt auf insurrektionistische Mittel zur\u00fcck. \u201dDas zeichnet auf jeden Fall den besonderen Charakter der Gegenwart aus, wie er auch\u00a0<a href=\"https:\/\/communemag.com\/introducing-commune\/\">anderswo ausf\u00fchrlich beschrieben wurde<\/a>. Dies offenbart auch die Hinf\u00e4lligkeit der CGT, Frankreichs einstmals m\u00e4chtiger Gewerkschaft, die zwar ihrer Gr\u00f6\u00dfe nach immer noch relativ beeindruckend ist, jedoch einfach nicht in der Lage ist die Eindringlichkeit an den Tag zu legen, die der gegenw\u00e4rtige Kampf erfordert. Erst relativ sp\u00e4t ist sie der Bewegung der Gilets Jaunes beigetreten, was deren todbringenden Verfall zu signalisieren schien.<\/p>\n<p>Es k\u00f6nnte in der Tat bereits vorbei sein. Ihr urspr\u00fcngliches Ziel hat die Bewegung erreicht. Die Gelbwesten haben dar\u00fcber hinaus damit begonnen, die Einheit des Politischen und des \u00d6konomischen wieder zu entdecken\u2014diese der sozialen Existenz zugrundeliegenden Wahrheit, die zu verbergen der b\u00fcrgerliche Fetischist sich eben anstrengt. Parteien werden nun versuchen, die noch vorhandenen Energien zu kanalisieren. Es gibt gute Gr\u00fcnde daf\u00fcr sich vor diesem Nachlassen selbst und dessen Ergebnissen zu f\u00fcrchten. Jedoch sollte jeder Linken, die diesen auch Namen verdient, die vorangegangene Bestandsaufnahme und die sich daraus ergebenden Lehren einleuchten und eine klare Agenda f\u00fcr die unmittelbare Zukunft vorgeben.<\/p>\n<p>\u00dcbersetzung: Richard A. Bachmann<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/non.copyriot.com\/die-verkehrskreisel-riots\/\"><em>non.copyriot.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 15. Dezember 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joshua Clover. Frankreich, das der Welt \u2018links\u2019 und \u2018rechts\u2019 als Kategorien der politischen Orientierung geschenkt hat, scheint gerade fest dazu entschlossen zu sein, die Dynamiken einer Situation zu erkunden, in der dieses<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,5],"tags":[25,61,45,76,49,37,73,4,17],"class_list":["post-4625","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-frankreich","tag-neoliberalismus","tag-neue-rechte","tag-repression","tag-service-public","tag-steuerpolitik","tag-strategie","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4625","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4625"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4625\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4626,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4625\/revisions\/4626"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4625"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4625"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4625"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}