{"id":4707,"date":"2019-01-02T16:37:59","date_gmt":"2019-01-02T14:37:59","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4707"},"modified":"2019-01-02T16:48:14","modified_gmt":"2019-01-02T14:48:14","slug":"100-jahre-kpd-gruendung-schwere-geburt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4707","title":{"rendered":"100 Jahre KPD-Gr\u00fcndung: Schwere Geburt"},"content":{"rendered":"<p><em>Bruno Tesch. <\/em><strong>Im November 1918 brach in Deutschland die Revolution aus. Nicht nur das morsche monarchistische System hatte sich \u00fcberlebt. Der Kapitalismus selbst stand zur Disposition.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Die traditionelle ArbeiterInnenf\u00fchrung, die SPD, hatte 1914 Klassenverrat begangen und den imperialistischen Krieg unterst\u00fctzt. Im Verlauf des Krieges spaltete sie sich in Mehrheitspartei und Unabh\u00e4ngige SozialistInnen (USPD).<\/p>\n<p><strong>Revolution\u00e4re Krise<\/strong><\/p>\n<p>Die ArbeiterInnenmassen waren ausgehungert und aufr\u00fchrerisch. Die politischen und gesellschaftlichen Strukturen befanden sich in Aufl\u00f6sung. Am Ende des Ersten Weltkrieges steckte Deutschland in einer revolution\u00e4ren Krise.<\/p>\n<p>Spontan bildeten sich in vielen Orten R\u00e4te aus ArbeiterInnen und heimkehrenden Frontsoldaten, die den Machtfreiraum \u2013 die Bourgeoisie war wie gel\u00e4hmt \u2013 zun\u00e4chst ausf\u00fcllten. Revolution\u00e4rInnen waren in ihnen jedoch klar in der Minderheit.<\/p>\n<p>Anders als die Bolschewiki, die in Russland vor der Revolution 1917 schon einen jahrzehntelangen unerbittlichen Fraktionskampf gegen den reformistischen Menschewismus gef\u00fchrt hatten, setzte sich die deutsche revolution\u00e4re Linke aus einer Vielzahl von Str\u00f6mungen und Gruppen zusammen, deren kleinster gemeinsamer Nenner in der Absetzung von der Sozialdemokratie bestand. Einige von ihnen wie z. B. der Lichtstrahlen-Kreis aus Berlin entstand au\u00dferhalb der Sozialdemokratie, w\u00e4hrend die bedeutendste Formation, der Spartakusbund um Luxemburg und Liebknecht, sich erst 1918 von der zentristischen USPD abgespalten hatte.<\/p>\n<p>Diese Gruppen standen in mehr oder minder engem Zusammenhang und stimmten auf dem R\u00e4tekongress Mitte Dezember 1918, der \u00fcber das weitere Schicksal der R\u00e4teorgane und der politischen Zukunft des Landes befinden sollte, oft gemeinsam ab, vor allem in der Frage der Macht im k\u00fcnftigen Staatswesen. Sie traten f\u00fcr eine R\u00e4terepublik ein. Es gelang ihnen jedoch nicht, die Mehrheit der Delegierten daf\u00fcr zu gewinnen. Hier setzte sich klar die Linie des Gewerkschaftsbundes ADGB durch, der die Macht dem Regierungsprovisorium unter Ebert (SPD) \u00fcbertragen wollte.<\/p>\n<p>Ebert war der letzte Trumpf, den die Bourgeoisie ausspielen konnte, um ihre Herrschaft abzusichern, denn sie selbst war damals nicht in der Lage, die Revolution zu bremsen. Ebert hatte einen klaren Fahrplan f\u00fcr die demokratische Konterrevolution im Visier. Er orientierte auf die Durchsetzung demokratischer Rechte, parlamentarische Wahlen und eine neue b\u00fcrgerlich-demokratische verfassunggebende Versammlung. Dies vertrug sich nat\u00fcrlich nicht mit der Aufrechterhaltung der Doppelmachtsituation zwischen Regierung und R\u00e4ten.<\/p>\n<p><strong>Obleute<\/strong><\/p>\n<p>Ein entscheidender Faktor f\u00fcr die weitere Weichenstellung waren die revolution\u00e4ren Obleute, die w\u00e4hrend des Krieges F\u00fchrerInnen von Massenstreiks waren und eine wichtige Rolle bei der Entstehung der R\u00e4te spielten. Sie waren gr\u00f6\u00dftenteils in der USPD organisiert und hatten in wichtigen Fragen mit der alten SPD-Politik gebrochen. Doch in der entscheidenden Frage der Errichtung einer R\u00e4terepublik, d. h. der \u00dcbernahme der ganzen Staatsmacht und der Zerschlagung des b\u00fcrgerlichen Staates, nahmen sie eine z\u00f6gerliche Haltung ein.<\/p>\n<p>Statt den provisorischen Rat der Volksbeauftragten unter Ebert zu kontrollieren und ihm klare Weisungen zu erteilen, lie\u00dfen sich die Angeordneten der R\u00e4te oft vor vollendete Tatsachen stellen. Ebert und seine HelfershelferInnen nutzten derweil ihre alten Verbindungen mit dem Herrschaftsapparat in Verwaltung und Milit\u00e4r aus, bauten die angeschlagene alte Machtmaschinerie wieder auf und erm\u00f6glichten und ermunterten schlie\u00dflich die Offensive der Konterrevolution und den Terror der reaktion\u00e4ren Freikorps, dem bald auch Luxemburg und Liebknecht zum Opfer fallen sollten.<\/p>\n<p>Der R\u00e4tekongress entmachtete sich durch sein mehrheitliches Votum f\u00fcr den Kurs auf eine Nationalversammlung praktisch selbst. Damit war die einmalige Chance vertan, die ArbeiterInnenrevolution in Deutschland in einem Zug zum Sieg zu f\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Kinderkrankheiten<\/strong><\/p>\n<p>Erst nach diesem herben R\u00fcckschlag f\u00fcr die Revolution, dem Scheitern der R\u00e4tebewegung, erfolgte zur Jahreswende 1918\/1919 die Gr\u00fcndung einer Partei, die sich die sozialistische Revolution auf die Fahnen geschrieben hatte: der KPD. Der Sch\u00e4rfe des Klassenkampfes entsprach die, mit der die unterschiedlichen Str\u00f6mungen, die an der Parteigr\u00fcndung beteiligt waren, aufeinanderprallten und an der die junge Partei fast schon gescheitert w\u00e4re, noch ehe sie gegr\u00fcndet war.<\/p>\n<p>Die KPD kam mit einigen Geburtsfehlern zur Welt. Die Notwendigkeit der Revolution zwang die Revolution\u00e4rInnen zum Hissen einer revolution\u00e4ren Parteifahne, aber diese war ein Flickenteppich. Der Diskussions- und Kl\u00e4rungsprozess vor der Parteigr\u00fcndung war oft unzureichend. Vor allem gelang es nicht, die revolution\u00e4ren Obleute dabei einzubeziehen und f\u00fcr die KPD zu gewinnen.<\/p>\n<p>Das Parteiprogramm, vor allem aber die politische Praxis lie\u00dfen Einheitlichkeit und klare Linie vermissen. Selbst der Spartakusbund war keineswegs homogen. Dies schlug sich in Form der Parteistrukturen nieder. Die KPD blieb zun\u00e4chst eher f\u00f6deralistisch organisiert, wirklichen demokratischen Zentralismus gab es nicht.<\/p>\n<p>Die widerstrebenden Interessen brachten es mit sich, dass sich in der Organisation eher Str\u00f6mungen durchsetzten, die eine antibolschewistische Ausrichtung verfolgten und einen nationalen Sonderweg bevorzugten. Auch in der Frage, ob in den Gewerkschaften oder nur bei den revolution\u00e4re Obleuten interveniert werden sollte, wurde keine Einigkeit erzielt. Das taktische Eingehen auf eine Nationalversammlung, wie Rosa Luxemburg es vertrat, lehnte die Mehrheit ab. Stattdessen lie\u00df sie sich unter F\u00fchrung von Liebknecht im Januar 1919 in ein milit\u00e4risches Abenteuer ziehen, den sog. Spartakus-Aufstand in Berlin.<\/p>\n<p>Die Konterrevolution ermordete noch vor den Wahlen zudem mit Luxemburg und Liebknecht sowie im M\u00e4rz mit Jogiches die wichtigsten F\u00fchrerInnen der jungen KPD. Von diesem Schlag erholte sich die Partei erst allm\u00e4hlich.<\/p>\n<p>Trotz aller Unreife war ihre Gr\u00fcndung ein historisch notwendiger und bedeutender Schritt, um eine eigenst\u00e4ndige politische Entwicklung und Organisierung von revolution\u00e4ren MarxistInnen zu erm\u00f6glichen. Nur eine solche eigenst\u00e4ndige Partei konnte \u00fcberhaupt einen politischen und organisatorischen Attraktionspol f\u00fcr die ArbeiterInnenklasse verk\u00f6rpern. Trotz vieler Fehler und Schwankungen der KPD in den Jahren bis 1933 erwies sich, dass sie f\u00fcr die Vorhut der Klasse, f\u00fcr die k\u00e4mpferischsten Teile durchaus eine Alternative zu Reformismus und Zentrismus darstellte.<\/p>\n<p><strong>M\u00f6glichkeiten<\/strong><\/p>\n<p>Nach 1918 gab es mehrere revolution\u00e4re Situationen, zun\u00e4chst der Kapp-Putsch 1920, der darauf folgende Generalstreik und die K\u00e4mpfe der Roten Ruhrarmee. Auch der von der jungen Sowjetunion gewonnene B\u00fcrgerkrieg und die Festigung der Sowjetmacht hatten international gro\u00dfe Anziehungskraft auf die ArbeiterInnenmassen. In vielen L\u00e4ndern entstanden danach revolution\u00e4re Parteien.<\/p>\n<p>Der Durchbruch der KPD zur ArbeiterInnenmassenpartei erfolgte aber erst, als die zentristische USPD zerfiel und sich Ende 1920 immerhin 300.000 USPDlerInnen mit der KPD vereinigten (VKPD). Die KPD verf\u00fcgte bis dahin h\u00f6chstens \u00fcber ein F\u00fcnftel dieser Mitgliedschaft \u2013 auch als Folge zahlreicher innerparteilicher Konflikte, Ausschl\u00fcsse und Austritte.<\/p>\n<p>Der politische, aber auch zahlenm\u00e4\u00dfige Niedergang begann nach den politischen Fehlern von 1923, als die KPD (und die Komintern) die tiefe revolution\u00e4re Krise im Sommer viel zu sp\u00e4t erkannt hatten und dann einen inkonsequenten Kurs auf den Aufstand verfolgten.<\/p>\n<p>Die blutige Festigung der b\u00fcrgerlichen Herrschaft nach 1923 in Deutschland \u2013 Sturz der \u201eArbeiterInnenregierungen\u201c in Sachsen und Th\u00fcringen durch die Armee, Niederschlagung des Hamburger Aufstandes \u2013 sowie der Aufstieg Stalins, die Macht\u00fcbernahme durch die B\u00fcrokratie und die Beseitigung der innerparteilichen ArbeiterInnendemokratie in der Sowjetunion waren dabei weitere wesentliche Faktoren. Selbst 1932 z\u00e4hlte die KPD immer noch nicht mehr als 320.000 Mitglieder!<\/p>\n<p>Doch noch viel st\u00e4rker wirkte sich aus, dass sie unter Th\u00e4lmann endg\u00fcltig eine stalinistische Organisation geworden war: zun\u00e4chst zentristisch, ab 1935 \u2013 mit der Annahme der Volksfrontstrategie \u2013 sogar reformistisch.<\/p>\n<p>Sie war aufgrund ihrer von Moskau aufgezwungenen Doktrin au\u00dferstande, eine ArbeiterInneneinheitsfront gegen den Faschismus zu schaffen und unterlag ihm schlie\u00dflich \u2013 kampflos. Bei aller Kritik d\u00fcrfen wir allerdings nicht den revolution\u00e4ren Opfermut, den Willen und die Tatkraft der KPD-GenossInnen vergessen \u2013 aus ihren, oft bitteren, Erfahrungen m\u00fcssen wir lernen!<\/p>\n<p><strong>Lehren<\/strong><\/p>\n<p>Momentan gibt es in Deutschland keine revolution\u00e4re Situation. Aber der Kapitalismus ist weltweit in einer tiefen strukturellen Krise. Deshalb werden die Klassenk\u00e4mpfe zunehmen.<\/p>\n<p>Die Geschichte zeigt, dass sich gerade in zugespitzten Situationen die Sozialdemokratie als v\u00f6llig unbrauchbar erwiesen hat \u2013 nicht nur f\u00fcr die \u00dcberwindung des Kapitalismus, sondern auch bei der Verteidigung grundlegender Errungenschaften der ArbeiterInnenklasse. Doch auch der linke Reformismus oder der Zentrismus stellten keine Alternative zur SPD dar, wie das Schicksal der USPD und gegenw\u00e4rtig die Linkspartei zeigen.<\/p>\n<p>Die KPD war insofern ein notwendiges, ein logisches Resultat des Versagens von SPD und USPD. Doch zugleich zeigte sich, dass die KPD im Unterschied zu den Bolschewiki in Russland angesichts gro\u00dfer historischer Chancen und deutlich besserer objektiver Bedingungen zum Aufbau des Sozialismus nicht in der Lage war, die F\u00fchrung der Klasse im Kampf zu erringen und den Kapitalismus zu st\u00fcrzen.<\/p>\n<p>Was waren die entscheidenden Unterschiede zwischen der Entstehung der KPD und jener der Bolschewiki?<\/p>\n<p>Die MarxistInnen um Lenin f\u00fchrten schon fr\u00fchzeitig einen kompromisslosen politischen Kampf innerhalb der russischen Sozialdemokratie um Fragen der Perspektive der Revolution und des Parteiaufbaus. Was damals viele, darunter auch Trotzki, als \u00fcberspitzte, sektiererische Man\u00f6ver ansahen, erwies sich 1917 als entscheidend. Lenins bolschewistische Partei erwarb in diesen fraktionellen K\u00e4mpfen gerade jene Eigenschaften, die den Bolschewiki in der Revolution den Erfolg brachten: eine Beharrlichkeit in programmatischen Grundfragen, die zugleich mit der Flexibilit\u00e4t verbunden war, die eigene Politik an der Praxis zu messen und, wenn n\u00f6tig, zu ver\u00e4ndern, und einen geschulten, gest\u00e4hlten Kaderkern, der im Feuer der Revolution standhielt.<\/p>\n<p>Anders als Lenin vers\u00e4umte es Rosa Luxemburg aber viel zu lange, ihren politischen Kampf gegen den aufkommenden Reformismus in der SPD \u2013 den sie viel eher und klarer sah als Lenin \u2013 mit entsprechenden organisatorischen Schritten zu verbinden. Indem sie einen Fraktionskampf ablehnte, erschwerte sie nicht nur die politische und organisatorische Polarisierung in der SPD, sie verz\u00f6gerte damit auch entscheidend die politisch-programmatische Kl\u00e4rung innerhalb der revolution\u00e4ren Kr\u00e4fte. Als die Revolution dann auf der Tagesordnung stand, gab es keine dieser Aufgabe gewachsene kommunistische Partei.<\/p>\n<p>Luxemburgs Fehler und Schw\u00e4chen \u2013 so tragisch sie vielfach waren \u2013 tun dem revolution\u00e4ren Charakter ihrer Politik aber keinen Abbruch. Sie geh\u00f6rt ganz ohne Zweifel zu den wichtigsten kommunistischen TheorikerInnen und PolitikerInnen.<\/p>\n<p>Die Geburtsschw\u00e4chen der KPD m\u00fcssen uns jedoch heute eine politische Lehre sein. Der Kampf f\u00fcr eine revolution\u00e4re ArbeiterInnenpartei und die Entwicklung einer kommunistischen Programmatik d\u00fcrfen nicht leichtfertig auf die Zukunft verschoben werden. Er muss hier und jetzt gef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2018\/12\/08\/100-jahre-kpd-gruendung-schwere-geburt\/\"><em>Neue Internationale 234&#8230;<\/em><\/a><em> vom 2. Januar 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bruno Tesch. 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