{"id":4709,"date":"2019-01-02T16:47:25","date_gmt":"2019-01-02T14:47:25","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4709"},"modified":"2019-01-02T16:47:25","modified_gmt":"2019-01-02T14:47:25","slug":"deutschland-kampf-gegen-unterdrueckung-frauenstreik-ja-bitte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4709","title":{"rendered":"Deutschland: Kampf gegen Unterdr\u00fcckung: Frauenstreik \u2013 ja bitte!"},"content":{"rendered":"<p><em>Katharina Wagner. <\/em>Am 10. November fand in G\u00f6ttingen das erste Vernetzungstreffen zur Planung eines internationalen Frauenstreiks am 8. M\u00e4rz 2019 statt. Rund 300 Teilnehmerinnen aus dem gesamten<!--more--> Bundesgebiet versammelten sich. Neben Organisationen wie der IL und der FAU waren auch zahlreiche lokale feministische Gruppen, das B\u00fcndnis f\u00fcr sexuelle Selbstbestimmung und das kurdische Frauenb\u00fcro vertreten. Als Rednerinnen waren G\u00e4ste aus Spanien, Gro\u00dfbritannien und Thailand eingeladen, die haupts\u00e4chlich \u00fcber Erfahrungen und Lehren bisheriger Frauenstreiks sprachen. Ziel war zum einen die Erstellung eines gemeinsamen Aufrufes, zum anderen die weitere Planung der erforderlichen Organisationsstrukturen, um auch in Deutschland einen Frauenstreik durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Historische Vorbilder<\/strong><\/p>\n<p>Vorbilder f\u00fcr einen Frauenstreik gibt es einige. So legten am 24. Oktober 1975 anl\u00e4sslich des Internationalen Jahres der Frau etwa 90 % der weiblichen Bev\u00f6lkerung Islands ihre Arbeit nieder, um f\u00fcr Gleichberechtigung, gerechtere Bezahlung und bessere Betreuungsangebote f\u00fcr Kinder zu k\u00e4mpfen. Organisiert wurde der Protesttag von einem Komitee verschiedener Frauenorganisationen unter dem Namen \u201eFrauen-Ruhetag\u201c. Auch Hausfrauen waren dazu aufgerufen, ihre h\u00e4uslichen Arbeiten niederzulegen und sich ebenfalls zu beteiligen. An der Demonstration in Reykjav\u00edk beteiligten sich neben rund 25.000 Frauen auch einige M\u00e4nner. Die Protestaktion wurde absichtlich nicht als Streik bezeichnet, da es im Vorfeld heftige Diskussionen dar\u00fcber gab. Die radikalfeministische Rote-Socken-Bewegung, auch Teil des Komitees, forderte bereits seit einigen Jahren einen Streik. Sie wurde allerdings von den anderen Organisationen \u00fcberstimmt, die aus Angst vor den Folgen eines \u201epolitischen Streiks\u201c die Protestaktion lieber als \u201eRuhetag\u201c bezeichnen wollten.<\/p>\n<p>Auch die Schweiz ist ein gutes Beispiel. Eine Million Schweizerinnen beteiligte sich am14. Juni 1991 an einem Frauenstreik, der unter dem Motto \u201eWenn Frau will, steht alles still\u201c durchgef\u00fchrt wurde und sich haupts\u00e4chlich gegen ungerechte L\u00f6hne richtete. Diesmal war es der schweizerische Gewerkschaftsbund, der zum Streik aufrief. Unterst\u00fctzung kam von diversen Frauenorganisationen.<\/p>\n<p><strong>Frauenstreik 1994<\/strong><\/p>\n<p>In Deutschland selbst fand am 8. M\u00e4rz 1994 ein gro\u00dfer Frauenstreik mit knapp einer Million Teilnehmerinnen statt. Sie k\u00e4mpften gegen schlechte Arbeitsbedingungen und ungleiche L\u00f6hne, gegen den Abbau von Sozialleistungen ebenso wie f\u00fcr das Recht auf sexuelle und k\u00f6rperliche Selbstbestimmung. Im Aufruf von 1994 hei\u00dft es: \u201eJetzt streiken wir! Frauen werden die Hausarbeit niederlegen, betriebliche Aktionen bis zum Streik durchf\u00fchren, nicht einkaufen, nicht mehr h\u00f6flich l\u00e4cheln, nicht nett sein, keinen Kaffee kochen und die Kinder den M\u00e4nnern mit auf die Arbeit geben.\u201c Aber auch hier gab es im Vorfeld heftige Kontroversen um die Frage der Protestform. Innerhalb der autonomen Frauenbewegung war Streik als altes Kampfmittel der ArbeiterInnenklasse umstritten. Auch die Gewerkschaften konnten nur zur Unterst\u00fctzung eines \u201eFrauenprotesttages\u201c und nicht zum Aufruf f\u00fcr betriebliche Streiks gewonnen werden, auch wenn sie gr\u00f6\u00dftenteils die Forderungen unterst\u00fctzten. Zu gro\u00df war die (vorgeschobene) Angst vor den Folgen eines politischen Streiks, der in Deutschland de facto als illegal eingestuft wird.<\/p>\n<p>In den beiden letzten Jahren nahm die Frauenbewegung in zahlreichen L\u00e4ndern massenhaften Umfang an. Hunderttausende oder gar Millionen beteiligten sich anderen Aktionen wie von \u201eNi una menos\u201c (Nicht eine Frau weniger) in Argentinien, gegen sexuelle Gewalt in Indien, gegen Trump in den USA oder unter dem Motto \u201eEle nao\u201c (Er nicht) gegen den Rechtsextremen Bolsonaro in Brasilien.<\/p>\n<p>Das st\u00e4rkste Vorbild f\u00fcr einen Frauenstreik stellt aber die Protestaktion in Spanien anl\u00e4sslich des 8. M\u00e4rz 2018 dar. 6 Millionen Frauen \u2013 und M\u00e4nner \u2013 traten in 300 spanischen St\u00e4dten f\u00fcr 2 Stunden in den Streik, einige sogar den ganzen Tag lang. Neben Betrieben wurden auch Universit\u00e4ten und Schulen bestreikt. Dass 40 % aller Lohnabh\u00e4ngigen Spaniens die Arbeit niederlegten, ist vor allem auf die Gewinnung der Gewerkschaftsbasis zur\u00fcckzuf\u00fchren. Zwar traten auch in diesem Fall die Gewerkschaftsfunktion\u00e4rInnen aus Angst vor einem politischen Streik nicht offen f\u00fcr eine Aufforderung dazu ein, allerdings stellte sich die Basis ihrer F\u00fchrung entgegen und organisierte selbstst\u00e4ndig die betrieblichen Streiks.<\/p>\n<p><strong>Lehren und Perspektiven<\/strong><\/p>\n<p>Welche Lehren k\u00f6nnen wir aus den vergangenen Frauenstreiks ziehen und was bedeutet dies f\u00fcr die weitere Arbeit? Zum einen ist es aus unserer Sicht notwendig, die Gewerkschaften in die Mobilisierung mit einzubeziehen, um dar\u00fcber ihre Basis in den verschiedenen Betrieben zu erreichen. Vor allem der spanische Frauenstreik zeigt das enorme Mobilisierungspotential, welches von ihr ausgeht. Aber nicht nur die Betriebe, auch Universit\u00e4ten und andere Bereiche, in denen Frauen vertreten sind, sollten in die Mobilisierung mit einbezogen werden. Um auch Frauen eine Beteiligung am Frauenstreik zu erm\u00f6glichen, die z. B. aufgrund der Pflege von Familienangeh\u00f6rigen nicht aktiv dazu in der Lage sind, k\u00f6nnen auch solidarische Streikformen integriert werden, welche ein Bewusstsein schaffen f\u00fcr die spezifischen Situationen, in denen sich viele Frauen befinden. Beim spanischen Frauenstreik waren dies wei\u00dfe Sch\u00fcrzen oder lilafarbene Fahnen, welche in Fenster von H\u00e4usern geh\u00e4ngt wurden, in denen sich Frauen der Kinderbetreuung oder der Pflege widmeten und nicht selbst am Streik teilnehmen konnten.<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz muss es sich bei dem Frauenstreik um einen politischen Streik handeln, der neben zahlreichen Forderungen wie etwa der nach sexueller und k\u00f6rperlicher Selbstbestimmung oder nach gleichen L\u00f6hnen und besseren Arbeitsbedingungen f\u00fcr Frauen auch antikapitalistische und antiimperialistische Positionen aufgreift. Da aus unserer Sicht die Frauenunterdr\u00fcckung eng mit dem Bestehen von Klassengesellschaften verbunden ist, muss der Kampf zur Frauenbefreiung mit dem Klassenkampf und somit dem Sturz des Kapitalismus verbunden werden. Daher treten wir auch daf\u00fcr ein, unter den m\u00e4nnlichen Arbeitern ein Bewusstsein f\u00fcr die Forderungen der Frauen zu schaffen und sie ebenfalls f\u00fcr den Streik zu mobilisieren. Denn nur ein gemeinsamer Kampf unter F\u00fchrung der Frauen kann einen starken Druck auf die herrschende Klasse aus\u00fcben und Streikbruch seitens der M\u00e4nner verhindern.<\/p>\n<p><strong>Gemeinsamer Aufruf und zahlreiche Forderungen<\/strong><\/p>\n<p>Am Ende des zweit\u00e4gigen Vernetzungstreffens in G\u00f6ttingen waren sich die Teilnehmerinnen dar\u00fcber einig, dass die Gewerkschaften aktiv dazu aufgefordert werden sollten, zum Frauenstreik aufzurufen und die Forderungen zu unterst\u00fctzen. Auch wurde ein gemeinsamer Aufruf unter dem Titel \u201eWenn wir die Arbeit niederlegen, steht die Welt still\u201c verabschiedet, welcher zahlreiche Forderungen enth\u00e4lt, die wir unterst\u00fctzen:<\/p>\n<ul>\n<li>Gleiche Rechte, unabh\u00e4ngig von Geschlecht oder Herkunft<\/li>\n<li>Recht auf sexuelle und k\u00f6rperliche Selbstbestimmung<\/li>\n<li>Kampf gegen jede Art von Gewalt gegen Frauen oder Queers<\/li>\n<li>Gleiches Recht auf bezahlbaren Wohnraum, Bildung und Gesundheitsvorsorge<\/li>\n<li>Gleicher Lohn und bessere Arbeitsbedingungen<\/li>\n<li>Ende der R\u00fcstungsexporte, Stopp von Abschiebungen und Lagerunterbringung<\/li>\n<li>Beendigung des Pflegenotstands und Schaffung ausreichender kostenloser Kinderbetreuung<\/li>\n<\/ul>\n<p>Dar\u00fcber hinaus haben sich Anfang Dezember Ortsgruppen in 18 St\u00e4dten gebildet, darunter in Hamburg, Berlin, Leipzig und Augsburg Streikversammlungen gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Aktuelle Infos:\u00a0<a href=\"https:\/\/frauenstreik.org\/\">https:\/\/frauenstreik.org<\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2018\/12\/08\/kampf-gegen-unterdrueckung-frauenstreik-ja-bitte\/\"><em>Neue Internationale 234&#8230;<\/em><\/a><em> vom 2. Januar 2018 <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Katharina Wagner. Am 10. November fand in G\u00f6ttingen das erste Vernetzungstreffen zur Planung eines internationalen Frauenstreiks am 8. M\u00e4rz 2019 statt. 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