{"id":4723,"date":"2019-01-05T17:03:40","date_gmt":"2019-01-05T15:03:40","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4723"},"modified":"2019-01-05T17:03:40","modified_gmt":"2019-01-05T15:03:40","slug":"brasilien-wie-kann-der-faschist-bolsonaro-bekaempft-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4723","title":{"rendered":"Brasilien: Wie kann der Faschist Bolsonaro bek\u00e4mpft werden?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mit Jair Bolsonaro regiert seit dem 1. Januar 2019 ein Neofaschist in Brasilien. Gest\u00fctzt auf das Milit\u00e4r und mit einer Massenbewegung im R\u00fccken holt er zum Generalangriff auf die Linke aus. Seitens<!--more--> marx21 sprach Martin Haller mit dem Aktivisten Lucas Orlando \u00fcber die Ursachen des Rechtsrucks in Brasilien und warum sich die Linke noch l\u00e4ngst nicht geschlagen gibt. Lucas Orlando ist ein brasilianischer Aktivist und Mitglied der Linkspartei Partido Socialismo e Liberdade (<a href=\"http:\/\/psol50.org.br\/\">PSOL<\/a>, Partei f\u00fcr Sozialismus und Freiheit).<\/strong><\/p>\n<p><strong>marx21: Ende Oktober wurde der Neofaschist Jair\u00a0<\/strong><a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/bolsonaro-brasilien-praesident-neofaschist-analyse\/\"><strong>Bolsonaro<\/strong><\/a><strong>\u00a0zum brasilianischen Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt. Wie hat sich die Situation im Land seither entwickelt?<\/strong><\/p>\n<p>Lucas Orlando: Die Lage ist angespannt. Nach Bolsonaros Sieg hielten Soldaten in Rio de Janeiro spontane Milit\u00e4rparaden ab, w\u00e4hrend seine Anh\u00e4nger jubelnd skandierten: \u00bbDie Diktatur ist angekommen!\u00ab Auf der anderen Seite haben wir in den letzten Monaten aber auch ein Aufbl\u00fchen des antifaschistischen Widerstands und eine Massenbewegung gegen Bolsonaro auf den Stra\u00dfen erlebt.<\/p>\n<p><strong>Wie gro\u00df sch\u00e4tzt du die Gefahr ein, dass es unter Bolsonaro zu offener Repression und Verfolgung von Linken und Antifaschistinnen kommt?<\/strong><\/p>\n<p>Die Gefahr ist gro\u00df. Bolsonaro hat bereits vor seiner Amts\u00fcbernahme versucht, \u00fcber das Parlament drastische Gesetzesversch\u00e4rfungen herbeizuf\u00fchren. Mithilfe einer Versch\u00e4rfung des Antiterrorgesetzes will er die sozialen Bewegungen kriminalisieren und die Demonstrationsfreiheit beschneiden. Streiks, Demonstrationen und Besetzungen sollen als terroristische Aktionen gewertet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Das klingt nach einem Frontalangriff.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, Bolsonaro hat mehrfach klargemacht, wen er als seinen Hauptfeind ansieht: die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/brasilien-massenstreiks-die-extreme-rechte-und-die-macht-des-militaers\/\">gro\u00dfen sozialen Bewegungen<\/a>\u00a0der Landarbeiter ohne Boden (MST) und obdachlosen Arbeiter (MTST) sowie \u00bbdie F\u00fchrer\u00ab der Linkspartei PSOL und der Arbeiterpartei PT. Auch die Einsch\u00fcchterungsversuche der Polizei gegen die Studierendenbewegung \u2013 eine der dynamischsten und am besten organisierten Protestbewegungen der letzten Jahre \u2013 sind ein klares Zeichen, dass Bolsonaro bereits eine Offensive gegen die gesellschaftliche Linke organisiert.<\/p>\n<p><strong>Wie ist der antifaschistische Widerstand nach der Wahlniederlage aufgestellt?<\/strong><\/p>\n<p>Schon in der Woche vor der Stichwahl hat sich eine entscheidende Entwicklung vollzogen: Nachdem Bolsonaro der Opposition mit \u00bbS\u00e4uberungen\u00ab gedroht hatte, bildete sich eine Massenbewegung zur Verteidigung der Demokratie auf den Stra\u00dfen Brasiliens. Aus den Protesten unter dem Motto #EleN\u00e3o (#ErNicht) entwickelte sich eine breite linke und demokratische Front gegen den designierten Pr\u00e4sidenten.<\/p>\n<p><strong>Wer steht hinter dieser Front?<\/strong><\/p>\n<p>Die meisten Aktionen wurden von den \u00bbKomitees f\u00fcr Demokratie\u00ab koordiniert; das sind breit aufgestellte Foren zum Aufbau einer Graswurzelbewegung in den Stadtteilen, Betrieben, Schulen und Hochschulen im ganzen Land. Die Bewegung geht jedoch noch weit \u00fcber die Komitees hinaus: An vielen Orten gab es spontane Demos und Protestaktionen gegen Bolsonaro. F\u00fcr viele, die vor der Stichwahl auf die Stra\u00dfe gingen, war es die erste bewusste politische Aktion ihres Lebens.<\/p>\n<p><strong>Warum hat die Bewegung dennoch verloren?<\/strong><\/p>\n<p>Die breite Einheitsfront gegen Bolsonaro kam schlicht und einfach zu sp\u00e4t. Doch obwohl es nicht zur Verhinderung seines Wahlsiegs gereicht hat, ist es uns gelungen, den Vorsprung von Bolsonaro deutlich zu schm\u00e4lern. Der Sozialdemokrat Fernando Haddad von der Arbeiterpartei (PT) konnte im Vergleich zur ersten Wahlrunde zehn Millionen Stimmen dazu gewinnen. In manchen St\u00e4dten hat sich sein Ergebnis mehr als verdoppelt.<\/p>\n<p><strong>Was sind nun die unmittelbaren Herausforderungen f\u00fcr den antifaschistischen Widerstand in Brasilien?<\/strong><\/p>\n<p>Die Hauptaufgabe besteht aktuell darin, gegen die Angst anzuk\u00e4mpfen, die Bolsonaros Schl\u00e4gertruppen und die Polizei verbreiten. Die Angriffe seiner Leute, die allein zwischen den beiden Wahlrunden in vier Morden, \u00fcber 50 gewaltt\u00e4tigen Attacken und zahlreichen Einsch\u00fcchterungsversuchen durch die Polizei m\u00fcndeten, haben ihr Ziel nicht verfehlt: Viele haben Angst, gegen Bolsonaro zu protestieren, weil sie sich um ihre Sicherheit sorgen. Diese Angst zu \u00fcberwinden, ist die Grundvoraussetzung f\u00fcr jeden weiteren Widerstand. Und den werden wir brauchen. Ohne massenhafte Aktionen gegen Bolsonaros politische und \u00f6konomische Agenda sind ihm T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet f\u00fcr den Angriff auf soziale Rechte und demokratische Freiheiten. Daher auch der Name der Protestbewegung: \u00bbPovo Sem Medo\u00ab (deutsch: \u00bbMenschen ohne Angst\u00ab).<\/p>\n<p><strong>Bolsonaro hat mehrfach eine R\u00fcckkehr zur Milit\u00e4rdiktatur ins Spiel gebracht. Wie stehen die Milit\u00e4rs zu ihm?<\/strong><\/p>\n<p>Richtig ist, dass Bolsonaro bei jeder Gelegenheit die Milit\u00e4rdiktatur preist und deren schlimmste Folterknechte als Nationalhelden feiert. Aber w\u00e4hrend seiner Wahlkampagne hat er sich nicht f\u00fcr eine R\u00fcckkehr zur Milit\u00e4rdiktatur ausgesprochen. Offiziell behauptet er, er halte sich an die Verfassung. Allerdings bestand sein Wahlkampfkomitee fast ausschlie\u00dflich aus rechten Hardlinern aus dem Milit\u00e4r und auch sein Regierungskabinett wird wohl mehrheitlich mit Offizieren besetzt.<\/p>\n<p><strong>Also steht die Milit\u00e4rf\u00fchrung hinter ihm?<\/strong><\/p>\n<p>Die Beziehungen sind sehr eng. Bolsonaro hat gro\u00dfen R\u00fcckhalt im Milit\u00e4r \u2013 sowohl unter den Offizieren als auch den niedrigen R\u00e4ngen. Das gleiche gilt \u00fcbrigens f\u00fcr die Polizei. Eines seiner Wahlversprechen war, Polizisten im Einsatz einen Freibrief zum T\u00f6ten zu geben. Es liegt also tats\u00e4chlich eine milit\u00e4rische und diktatorische Stimmung in der Luft.<\/p>\n<p><strong>Wie konnte es soweit kommen?<\/strong><\/p>\n<p>Bolsonaro ist die reaktion\u00e4re Antwort auf die \u00f6konomische und soziale Krise und das Wachstum der Linken und der sozialen Bewegungen. Ihr Erstarken in den letzten Jahren hat aus Sicht der Herrschenden zu politischer Instabilit\u00e4t gef\u00fchrt. Bolsonaro repr\u00e4sentiert die \u00bbL\u00f6sung\u00ab, um Brasilien mithilfe von Gewalt zu \u00bbstabilisieren\u00ab und eine radikale Austerit\u00e4tspolitik durchzusetzen.<\/p>\n<p><strong>Ist eine direkte Macht\u00fcbernahme des Milit\u00e4rs eine Option?<\/strong><\/p>\n<p>Ein klassischer Milit\u00e4rputsch ist nicht das wahrscheinlichste Szenario \u2013 obwohl ich auch das nicht ausschlie\u00dfen w\u00fcrde. Klar ist auf jeden Fall, dass das Regime der \u00bbNova Rep\u00fablica\u00ab, das nach dem Ende der Milit\u00e4rdiktatur 1985 errichtet wurde, sich im Niedergang befindet und seinem Ende entgegengeht.<\/p>\n<p><strong>Was bedeutet das?<\/strong><\/p>\n<p>Bolsonaro wird zun\u00e4chst versuchen, seine autorit\u00e4re Politik mithilfe von Verfassungs\u00e4nderungen durchzusetzen. Er f\u00fchrt bereits Verhandlungen, um die daf\u00fcr n\u00f6tige Mehrheit im Nationalkongress hinter sich zu bringen.<\/p>\n<p><strong>Wie ist das Verh\u00e4ltnis von Bolsonaro zur herrschenden Klasse Brasiliens? Unterst\u00fctzt das brasilianische Kapital den Faschisten?<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal war Bolsonaro nicht der Wunschkandidat der Bourgeoisie. Aber die Schw\u00e4che der Kandidaten der traditionellen Rechten und die relative St\u00e4rke der Arbeiterpartei f\u00fchrten dazu, dass die gro\u00dfen Wirtschaftsverb\u00e4nde Verhandlungen mit ihm aufnahmen, um ihn zu unterst\u00fctzen. Mittlerweile stehen die wichtigsten Fraktionen der herrschenden Klasse Brasiliens klar hinter ihm.<\/p>\n<p><strong>Welche Fraktionen sind das?<\/strong><\/p>\n<p>Die Kapitalisten im bedeutenden Agrarsektor und das Finanzkapital, sowohl das brasilianische als auch das internationale, sind seine enthusiastischsten Unterst\u00fctzer. Das hat sich auch an der Entwicklung der Aktienkurse nach der Wahl gezeigt. Bolsonaro hat w\u00e4hrend des Wahlkampfs jedoch sehr wenig \u00fcber sein Wirtschaftsprogramm gesprochen. Alles, was wir wissen, ist, dass er einen radikalen Neoliberalismus anstrebt und Brasilien im internationalen Handel im B\u00fcndnis mit den USA und gegen China verorten will.<\/p>\n<p><strong>Welche Teile der herrschenden Klasse haben ein Problem mit einem solchen Kurs?<\/strong><\/p>\n<p>Bislang keine \u2013 das kann aber noch kommen. So haben sich die brasilianischen Industriekapitalisten bereits gegen die angestrebte \u00d6ffnung der heimischen M\u00e4rkte f\u00fcr die USA ausgesprochen. Stattdessen wollen sie ihre Stellung in Mercosur st\u00e4rken, also dem gemeinsamen Binnenmarkt in S\u00fcdamerika, in dem Brasilien bereits jetzt eine dominante Rolle einnimmt. Bolsonaros k\u00fcnftiger Wirtschafts- und Finanzminister ist dagegen auf Distanz zu Mercosur gegangen, wodurch die Bosse in der Industrie die sub-imperialistische Stellung Brasiliens in Lateinamerika gef\u00e4hrdet sehen k\u00f6nnten. Es gibt also durchaus unterschiedliche Interessen innerhalb der herrschenden Klasse und zwischen verschiedenen Kapitalfraktionen. Es wird sich zeigen, inwieweit es Bolsonaro gelingen wird, diese auszubalancieren.<\/p>\n<p>Der Kern der Anh\u00e4ngerschaft Bolsonaros sind die Mittelklassen<\/p>\n<p><strong>Kommen wir auf seine Anh\u00e4ngerschaft zu sprechen. In seinen verbalen Entgleisungen stellt Bolsonaro Donald Trump mit Leichtigkeit in den Schatten. Wie ist es m\u00f6glich, dass ein offensichtlich durchgeknallter Rassist und Sexist mit einer harten neoliberalen Agenda eine Mehrheit bekommen konnte und auch unter Nicht-Wei\u00dfen, Frauen und Armen Unterst\u00fctzung findet?<\/strong><\/p>\n<p>Der Kern der Anh\u00e4ngerschaft Bolsonaros sind die Mittelklassen. Sie bilden die soziale Basis seiner Bewegung. Er war jedoch auch in der Lage, bedeutende Teile der Arbeiterklasse zu mobilisieren. Hier spielt auch die Unterst\u00fctzung von Bolsonaro durch die christlich-evangelikalen Fundamentalisten eine Rolle. Seit die Arbeiterpartei ihren Charakter als Bewegungspartei weitgehend verloren hat, konnten diese Gruppen innerhalb der Arbeiterklasse tiefe Wurzeln schlagen.<\/p>\n<p><strong>Was hat die PT falsch gemacht?<\/strong><\/p>\n<p>In gro\u00dfen Teilen der Arbeiterklasse herrscht viel Frust und Entt\u00e4uschung \u00fcber die PT. Die Arbeiterpartei ist Teil des politischen Systems geworden, das sie zu bek\u00e4mpfen versprochen hatte. Mit der Wirtschaftskrise und der Zunahme von Gewalt in den St\u00e4dten ist zudem die Sehnsucht nach einem \u00bbstarken Mann\u00ab gewachsen, der \u00bbaufr\u00e4umt\u00ab und gegen Korruption, Misswirtschaft und Kriminalit\u00e4t hart durchgreift. Bolsonaros Botschaft, dass die Linke an allem schuld ist, genau wie sein Versprechen, mit Repression und Bewaffnung der B\u00fcrger gegen Kriminalit\u00e4t vorzugehen, ist da auf fruchtbaren Boden gefallen.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle hat das Thema Kriminalit\u00e4t und Gewalt im Wahlkampf gespielt?<\/strong><\/p>\n<p>Eine wesentliche, allerdings fast ausschlie\u00dflich auf einer instrumentellen Ebene. Damit meine ich, dass es nicht darum ging, woher die Gewalt kommt und wie wir sie effektiv bek\u00e4mpfen. Die Erfahrung mit der milit\u00e4rischen Intervention in die \u00f6ffentliche Sicherheit in Rio de Janeiro zeigt eindeutig, dass die Gewalt daraufhin nicht abgenommen, sondern sogar noch zugenommen hat. In Bolsonaros Propaganda ging es jedoch ausschlie\u00dflich um eine St\u00e4rkung von Polizei und Armee und darum, ihnen die Lizenz zum T\u00f6ten zu geben.<\/p>\n<p><strong>Warum hat nicht die PSOL von der Entt\u00e4uschung mit der PT profitiert, sondern die radikale Rechte?<\/strong><\/p>\n<p>Dass wir nicht profitieren konnten, ist falsch. Unsere Partei ist in der letzten Wahlperiode deutlich gewachsen. Trotz der verbreiteten Stimmung gegen die Linke konnten wir die Zahl unserer Parlamentssitze im Nationalkongress verdoppeln. Wir sind sehr gut in der breiteren gesellschaftlichen Linken verankert und werden von vielen als die koh\u00e4renteste linke Partei betrachtet. Viele geben ihre Stimme bei Pr\u00e4sidentschaftswahlen der PT und w\u00e4hlen bei Parlamentswahlen PSOL.<\/p>\n<p>Aber abgesehen von den Wahlergebnissen sind wir als PSOL in den sozialen Bewegungen wesentlich st\u00e4rker geworden. Die Wahlallianz mit dem Anf\u00fchrer der MTST-Bewegung, Guilherme Boulos, als unserem Pr\u00e4sidentschaftskandidaten hat unseren Charakter als Bewegungspartei noch einmal unterstrichen. Unser Wachstum der letzten Jahre reflektiert daher in gewisser Weise auch die Entwicklung der sozialen Bewegungen.<\/p>\n<p><strong>Ihr habt also von eurer Verankerung in den sozialen K\u00e4mpfen profitiert?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, bergauf ging es sp\u00e4testens mit den gro\u00dfen Demonstrationen im Sommer 2013. Darauf folgte die Protestwelle der feministischen Bewegung, der LGBT-Bewegung, der antirassistischen, Studierenden- und der Obdachlosenbewegung. Sie alle haben mit ihrem Protest ihre Alltagserfahrungen in die Politik getragen und damit zumindest teilweise die politische und soziale Agenda bestimmt. All diesen Bewegungen ist es gelungen, Angriffe der Regierung auf den Stra\u00dfen abzuwehren (Lies hier ein Interview zur Frage:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/brasilien-und-das-scheitern-der-klassenversoehnung\/\">\u00bbBrasilien und das Scheitern der Klassenvers\u00f6hnung\u00ab<\/a>). Es ist daher auch kein Zufall, dass Bolsonaro genau diese Bewegungen nun zum Hauptfeind erkl\u00e4rt. Er ist unter anderem die politische Reaktion auf ihre Siege.<\/p>\n<p><strong>Bolsonaro mag ein Neofaschist sein, aber noch ist es ihm nicht gelungen, eine faschistische Partei aufzubauen. Versucht er, das zu \u00e4ndern?<\/strong><\/p>\n<p>Ihm ist es gelungen, Anfang 2018 die rechtskonservative Sozial-Liberale Partei (PSL) \u2013 bis dahin eine unbedeutende Splitterpartei \u2013 zu \u00fcbernehmen und zu einem Instrument f\u00fcr seinen Wahlantritt zu machen. Nun haben er und die PSL eine Kampagne gestartet, mit dem Ziel, zehn Millionen Mitglieder f\u00fcr die Partei zu gewinnen. Inwieweit das Erfolg haben wird, l\u00e4sst sich aber noch nicht sagen.<\/p>\n<p>Dennoch, seine Partei hatte zuvor einen einzigen Abgeordneten im Nationalkongress und stellt nun mit 52 Mandaten die zweitst\u00e4rkste Fraktion. All diese Abgeordneten haben im Wahlkampf Bolsonaros Slogans und Agenda \u00fcbernommen. Er hat also bereits eine starke parlamentarische Basis hinter sich. Und obwohl er noch keine Massenpartei aufbauen konnte, hat er bereits eine Massenbewegung. Im ganzen Land organisierten seine Anh\u00e4nger w\u00e4hrend des Wahlkampfs Demonstrationen.<\/p>\n<p><strong>Aber seine Anh\u00e4nger sind nicht alles Faschisten.<\/strong><\/p>\n<p>Nein, auf keinen Fall. Aber nat\u00fcrlich findet Bolsonaro auch Gefolgschaft unter offenen Nazi-Gruppen, die auch f\u00fcr die gewaltt\u00e4tigen Angriffe auf seine Gegner verantwortlich sind. Es sind also viele der Zutaten vorhanden, die es braucht, um eine faschistische Massenpartei aufzubauen. Ob ihm das gelingen wird, h\u00e4ngt nicht zuletzt vom Erfolg unseres Widerstands ab.<\/p>\n<p><strong>Vor welchen Aufgaben und zentralen Herausforderungen stehen die Linke und die sozialen Bewegungen jetzt?<\/strong><\/p>\n<p>Zum einen m\u00fcssen wir die Bewegungen der Frauen und der Jugend, die bislang den Widerstand gegen Bolsonaro gef\u00fchrt haben, weiterentwickeln und st\u00e4rken. Gleichzeitig besteht eine der gr\u00f6\u00dften Herausforderung f\u00fcr die PSOL und die radikale Linke, ihren Einfluss in der Gewerkschaftsbewegung auszubauen.<\/p>\n<p>Sie war der entscheidende Faktor, um die Rentenreform im Jahr 2017 zu verhindern. Die Gewerkschaften werden auch f\u00fcr den Kampf gegen Bolsonaro und die faschistische Gefahr eine ausschlaggebende Rolle spielen. W\u00e4hrend des Wahlkampfs haben sie sich jedoch gr\u00f6\u00dftenteils zur\u00fcckgehalten.<\/p>\n<p><strong>Die Gewerkschaften haben sich nicht an den Protesten gegen Bolsonaro beteiligt?<\/strong><\/p>\n<p>Viele Mitglieder schon, aber die Gewerkschaftsf\u00fchrungen haben nicht dazu aufgerufen. Es gibt in diesem Bereich f\u00fcr die Linke also eine gro\u00dfe politische Herausforderung. Wir m\u00fcssen den \u00d6konomismus bek\u00e4mpfen, der in gro\u00dfen Teilen der Gewerkschaftsbewegung vorherrscht und sie oft davon abh\u00e4lt, in politische Auseinandersetzungen einzugreifen. Ob es gelingt, den B\u00fcrokratismus und \u00d6konomismus in den Gewerkschaften zu \u00fcberwinden und sie zum Kampf gegen Bolsonaro zu mobilisieren, h\u00e4ngt auch davon ab, inwiefern die PSOL und die sozialen Bewegungen den Einfluss der PT zur\u00fcckdr\u00e4ngen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Was passiert, wenn Bolsonaro seine neoliberalen Forderungen umsetzt?<\/strong><\/p>\n<p>Was die Sozial- und Wirtschaftspolitik angeht, wird seine erste Ma\u00dfnahme wahrscheinlich ein zweiter Anlauf zur Durchsetzung der neoliberalen Rentenreform sein, die im Jahr 2017 durch einen Generalstreik von vierzig Millionen Arbeiterinnen und Arbeitern verhindert wurde.<\/p>\n<p>Es sieht also so aus, dass es bereits zu Beginn seiner Regierungszeit gro\u00dfes Potenzial f\u00fcr soziale Konflikte geben wird. Tats\u00e4chlich versuchte Bolsonaro schon vor Amtsantritt, die bisherige Regierung zu \u00fcberzeugen, die Rentenreform erneut einzubringen. Diese weigert sich jedoch bislang, da die Ma\u00dfnahme extrem unpopul\u00e4r ist. Alle wollen die Reform, aber niemand will unmittelbar verantwortlich daf\u00fcr sein.<\/p>\n<p><strong>Also wei\u00df auch Bolsonaro, dass es kein einfacher Kampf wird?<\/strong><\/p>\n<p>Trotz der vielen Probleme der brasilianischen Linken und trotz unserer defensiven Lage gibt es einen hohen Grad an Organisierung und Basisaktivit\u00e4t sowie ein hohes Klassenbewusstsein unter den Ausgebeuteten und Unterdr\u00fcckten. Die Linke hat es in den letzten Jahren geschafft, Massen zu mobilisieren und politisch Einfluss zu nehmen. Die jetzige Zuspitzung der Auseinandersetzung ist auch eine Folge der Tatsache, dass wir st\u00e4rker wurden. Das wei\u00df auch Bolsonaro.<\/p>\n<p><strong>Das klingt nach Hoffnung.<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben Schlachten verloren, wie beim parlamentarischen Putsch 2016, der Arbeitsmarktreform im Jahr darauf und nun mit der Wahl Bolsonaros. Aber wir sind noch nicht geschlagen.<\/p>\n<p><strong>Steht Brasilien nun an einem Wendepunkt?<\/strong><\/p>\n<p>Definitiv. Ich glaube nicht, dass Bolsonaro seine Amtszeit von vier Jahren \u00bbnormal\u00ab durchregieren k\u00f6nnen wird. Entweder werden wir ihn st\u00fcrzen oder sein Regime wird sich behaupten und unter neuen, repressiven Bedingungen fortbestehen. Die Situation ist offen, aber wir sind bereit und entschlossen zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/brasilien-bolsonaro-ursachen-rechtsruck-linke\/\"><em>marx21.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 5. Januar 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Jair Bolsonaro regiert seit dem 1. Januar 2019 ein Neofaschist in Brasilien. Gest\u00fctzt auf das Milit\u00e4r und mit einer Massenbewegung im R\u00fccken holt er zum Generalangriff auf die Linke aus. 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