{"id":4725,"date":"2019-01-05T17:25:52","date_gmt":"2019-01-05T15:25:52","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4725"},"modified":"2019-01-05T17:25:52","modified_gmt":"2019-01-05T15:25:52","slug":"ukraine-vormarsch-gegen-russland-auf-allen-ebenen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4725","title":{"rendered":"Ukraine: Vormarsch gegen Russland auf allen Ebenen"},"content":{"rendered":"<p><em>Hannes Hofbauer.<\/em> Durch das st\u00e4ndige Drehen an der Sanktionsschraube gegen Russland hat sich die Welt seit bald f\u00fcnf Jahren an einen Wirtschaftskrieg gew\u00f6hnt, der vor allem der russischen Volkswirtschaft, aber auch<!--more--> EU-europ\u00e4ischen Unternehmen schadet, w\u00e4hrend die USA davon profitieren. Doch die vom Westen betriebene Schw\u00e4chung Russlands findet l\u00e4ngst nicht mehr nur auf \u00f6konomischem Feld statt, sondern wird auch milit\u00e4risch und kulturell-religi\u00f6s betrieben.<\/p>\n<p>Die Auseinandersetzung um die Meeresenge von Kertsch und das dahinter liegende Asowsche Meer sowie die Anerkennung der Abspaltung der orthodoxen Kirche in der Ukraine von Moskau durch den \u00d6kumenischen Patriarchen von Konstantinopel sind besorgniserregende Anzeichen eines sich versch\u00e4rfenden Konflikts. Moskau kann nicht anders, als diese auf unterschiedlichen Ebenen stattfindenden Interventionen als eine Politik der Einkreisung zu empfinden. In EU-Europa und den USA wiederum \u00fcberwiegen die Stimmen, die ihrerseits Russland als einen Aggressor darstellen, der in seine Schranken verwiesen werden muss.<\/p>\n<p><strong>Der Konflikt um das Asowsche Meer als Kriegsausl\u00f6ser?<\/strong><\/p>\n<p>Wer an hei\u00dfen Sommertagen im russischen Taganrog, der Geburtsstadt von Anton Tschechow, Abk\u00fchlung am Strand des Asowschen Meeres erwartet, wird entt\u00e4uscht. Man muss schon mehrere hundert Meter durch warmen Schlamm waten, um sich die Badehose nass machen zu k\u00f6nnen, von Schwimmen kann mangels Tiefgang keine Rede sein.<\/p>\n<p>Andererseits verehren die BewohnerInnen der ukrainischen Stadt Berdjansk das durch den Fluss Don gespeiste Meer wegen des sogenannten &#8222;Ern\u00e4hrerfisches&#8220; (Bitschok), der die Bev\u00f6lkerung w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges vor dem Hunger bewahrt hatte. Die ukrainische Hafenstadt Mariupol wiederum verlor durch die Abspaltung der Donezker Volksrepublik ihr wirtschaftliches Hinterland, sprich die M\u00f6glichkeit zur Verschiffung von Kohle und Stahl. Noch vor der M\u00fcndung des Don in das Asowsche Meer liegt die einzige Gro\u00dfstadt der Region, die russische Millionenmetropole Rostow mit einem stattlichen Kriegshafen.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine ukrainisch-russische Seeschlacht scheint das Asowsche Meer wie geschaffen. Zwei gr\u00f6\u00dfere H\u00e4fen (Mariupol und Rostow), nur teilweise schiffbar, und in der schmalen Meerenge von Kertsch reicht schon ein l\u00e4ngerer Tanker, um diese zu blockieren. Einen Vorgeschmack auf ein solches Szenario gab es am 25. November 2018, als die russische K\u00fcstenwache drei ukrainische Kriegsschiffe aufbrachte, die sich &#8211; so die russische Version der Geschichte &#8211; nicht ordnungsgem\u00e4\u00df f\u00fcr die Durchfahrt ins Asowsche Meer angemeldet hatten.<\/p>\n<p>Eine zwischen der Ukraine und Russland im Dezember 2003 geschlossenen Vereinbarung garantiert beiden L\u00e4ndern die Nutzung des Binnenmeeres, erlaubt aber auch gegenseitige Kontrollen. Zwischen &#8222;freier Fahrt&#8220; und dem Anmeldungsprozedere f\u00fcr Kontrollen besteht genau jener Interpretationsspielraum, der die Eskalation vom 25. November 2018 m\u00f6glich machte.<\/p>\n<p>Dem feindlichen Akt der russischen Seite, zu dem auch die Festnahme von 24 ukrainischen Marinesoldaten und Geheimdienstleuten geh\u00f6rte, gingen allerdings monatelange Provokationen von Seiten Kiews voraus, die im Westen kaum registriert worden waren. So kaperte die ukrainische Marine bereits zwei Jahre zuvor einen unter tansanischer Flagge fahrenden Frachter, der zivile G\u00fcter geladen hatte, die auf der Krim gel\u00f6scht werden sollten.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>\u00a0Der Kapit\u00e4n wurde angeklagt und das Schiff beschlagnahmt. Auch Fischerboote, die auf der Krim registriert und im Asowschen Meer unterwegs sind, werden schon mal von der ukrainischen K\u00fcstenwache aufgebracht und beschlagnahmt, weil Kiew die russische Registrierung in Krim-H\u00e4fen als illegal empfindet. Krim-Fischern wird damit die Lebensgrundlage entzogen.<\/p>\n<p>Moskau reagierte seinerseits auf die st\u00e4ndigen ukrainischen Sticheleien, indem die russische K\u00fcstenwache grunds\u00e4tzlich vorgesehene Kontrollen administrativ derma\u00dfen in die L\u00e4nge zog, dass sie bereits einer Behinderung der Weiterfahrt gleichkamen.<\/p>\n<p>Die ukrainische Regierung arbeitet seit Jahren unerm\u00fcdlich daran, die seit dem Fr\u00fchjahr 2014 an Russland angeschlossene Halbinsel Krim zu isolieren. Vom Norden her \u00fcber den Landweg ist dies weitgehend gelungen, die vom ukrainischen Kernland kommende Energieversorgung wurde eingestellt, die Wasserleitung unterbrochen und die Eisenbahnverbindung stillgelegt. Gegen die Blockaden zu Land und zur See lie\u00df Moskau in Windeseile insgesamt \u00fcber 19 Kilometer lange Br\u00fcckenverbindungen \u00fcber die Meeresenge zwischen Taman und Kertsch bauen, deren Planung zwar bereits auf freundschaftlichere Zeiten zur\u00fcckgeht, mit der nun aber vollendete Tatsachen geschaffen wurden; neben der seit 2018 in Betrieb befindlichen Stra\u00dfenverbindung soll der Zugverkehr \u00fcber die Br\u00fccke noch in diesem Jahr aufgenommen werden.<\/p>\n<p>Nur vier Tage nach der Beschlagnahmung der drei ukrainischen Kriegsschiffe durch die russische K\u00fcstenwache forderte Pr\u00e4sident Petro Poroschenko am 29. November 2018 die NATO offen auf, sich gegen Russland milit\u00e4risch in Stellung zu bringen. &#8222;Deutschland geh\u00f6rt zu unseren engsten Verb\u00fcndeten&#8220;, meinte er in einem\u00a0<a href=\"https:\/\/www.bild.de\/politik\/inland\/politik-inland\/interview-mit-praesident-poroschenko-glauben-sie-putins-luegen-nicht-58710576.bild.html\">Interview<\/a>\u00a0mit dem Boulevard-Blatt Bild, &#8222;und wir hoffen, dass in der Nato jetzt Staaten bereit sind, Marineschiffe ins Asowsche Meer zu verlegen, um der Ukraine beizustehen und f\u00fcr Sicherheit zu sorgen. Die einzige Sprache, die er (Putin) versteht, ist die Geschlossenheit der westlichen Welt. Wir k\u00f6nnen diese aggressive Politik Russlands nicht hinnehmen &#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Poroschenko erh\u00e4lt Zustimmung von westlichen Scharfmachern, die sich immer wieder mit bellizistischen T\u00f6nen vernehmen lassen, wenn sie beispielsweise \u00f6ffentlich mit dem Gedanken spielen, ob es nicht sinnvoll w\u00e4re, die neue Lebensader zwischen Festland-Russland und der Krim zu kappen. So schlug beispielsweise der Russland-Spezialist des &#8222;American Foreign Policy Council&#8220; in Washington, Stephen Blank, vor, dass &#8222;die Ukraine die USA und die NATO einladen solle, eine bewaffnete Flotte nach Mariupol, der wichtigsten Stadt des Asowschen Meeres, zu senden&#8220;. Zugleich\u00a0<a href=\"https:\/\/www.atlanticcouncil.org\/blogs\/ukrainealert\/russia-s-provocations-in-the-sea-of-azov-what-should-be-done\">forderte<\/a>\u00a0er Kiew auf, &#8222;sorgf\u00e4ltig eine Spezialoperation in Erw\u00e4gung zu ziehen, um die von Moskau gebaute Br\u00fccke zu unterbrechen&#8220;, mit welchen Mitteln immer er sich eine solche Untat vorstellt.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Strategische Partnerschaft&#8220; zwischen Kiew und Washington<\/strong><\/p>\n<p>Die besondere Gef\u00e4hrlichkeit der aktuellen Lage besteht darin, dass sich der ukrainisch-russische Schlagabtausch vor dem Hintergrund einer erst k\u00fcrzlich beschlossenen &#8222;strategischen Partnerschaft&#8220; zwischen Kiew und Washington abspielt. Am 16. November 2018, also keine zehn Tage vor dem milit\u00e4rischen Zwischenfall bei Kertsch, unterzeichneten der US-amerikanische Au\u00dfenminister Mike Pompeo und sein ukrainischer Amtskollege Pavlo Klimkin eine\u00a0<a href=\"https:\/\/www.state.gov\/r\/pa\/prs\/ps\/2018\/11\/287241.htm\">gemeinsame Erkl\u00e4rung<\/a>, die de facto die Rahmenbedingungen eines Milit\u00e4rb\u00fcndnisses darstellt. Darin werden langatmig &#8222;gemeinsame Interessen und Werte wie die Unterst\u00fctzung von Demokratie, \u00f6konomischer Freiheit, Wohlstand, Souver\u00e4nit\u00e4t, territorialer Integrit\u00e4t, Energiesicherheit, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit&#8220; beschrieben, bevor es zum Kern des Partnerschaftsabkommens geht: &#8222;Wir (die Ukraine und die USA, d.A.) haben die Bildung von drei bilateralen Arbeitsgruppen beschlossen, um der (&#8230;) russischen Aggression begegnen zu k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p>Zugleich unterstreicht das Protokoll der gemeinsamen Erkl\u00e4rung die ukrainische Dankbarkeit gegen\u00fcber den USA, die &#8222;seit der Revolution (gemeint ist der Regimewechsel im Februar 2014, d.A.) 2,8 Mrd. US-Dollar bereitgestellt und eine Mrd. US-Dollar als Kredite vergeben haben, um der Ukraine bei der Verteidigung ihres Territoriums und der Implementierung wichtiger Reformen zu helfen.&#8220; Waffenlieferungen wie z.B. Panzerabwehrraketen des Typs Javelin erg\u00e4nzen das partnerschaftliche Miteinander.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Dieses strategische Abkommen zwischen Kiew und Washington d\u00fcrfte Poroschenko auch dazu verleitet haben, eine noch h\u00e4rtere Gangart gegen Moskau einzuschlagen und nach dem Aufbringen von drei ukrainischen Kriegsschiffen durch die russische K\u00fcstenwache die NATO um Hilfe zu ersuchen. Das als Reaktion auf die Eskalation vor Kertsch ausgerufene Kriegsrecht in Teilen der Ukraine best\u00e4tigt den aggressiveren Kurs. Faktisch galt ein solches allerdings bereits seit Januar 2018, als das Parlament in Kiew das sogenannte\u00a0<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Bereitet-Kiew-eine-Offensive-im-Donbass-vor-4056129.html\">Donbass-Gesetz<\/a>\u00a0verabschiedete. Damit wurden die Donezker und Luhansker Volksrepubliken als &#8222;von Russland besetzte Gebiete&#8220; eingestuft, deren R\u00fcckeroberung oberste Priorit\u00e4t habe. Der ukrainische Pr\u00e4sident erhielt daf\u00fcr uneingeschr\u00e4nkte milit\u00e4rische Vollmacht, das Parlament entmachtete sich selbst.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Das Donbass-Gesetz steht in krassem Widerspruch zu dem von westlicher Seite immer wieder in die Debatte geworfenen &#8222;Minsker Abkommen&#8220;. Dieses am 12. Februar 2015 in Anwesenheit von Fran\u00e7ois Hollande und Angela Merkel zwischen Wladimir Putin und Petro Poroschenko verhandelte Papier legt in knapp gehaltenen 13 Punkten Schritt f\u00fcr Schritt fest, wie die abtr\u00fcnnigen Gebiete Donezk und Luhansk wiederum der Ukraine angeschlossen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Anders als in Westmedien und neuerdings auch von westlichen Politikern kolportiert, liegt die Bringschuld zur Einhaltung des Minsker Abkommens jedoch zuallererst bei Kiew, das &#8211; urspr\u00fcnglich bis Ende 2015 &#8211; dem Osten des Landes weitestgehende Autonomierechte einzur\u00e4umen gehabt h\u00e4tte. Diese sollten lokale Selbstverwaltung inklusive Vetorecht bei Ernennung von Gerichten und Staatsanw\u00e4lten, die Aufstellung einer eigenen Volksmiliz sowie die wirtschaftliche Hoheit \u00fcber Aus- und Einfuhren des Donbass umfassen. Die ukrainische Staatlichkeit ist im &#8222;Minsker Abkommen&#8220; nur als formale Klammer vorgesehen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>\u00a0Mit der gesetzlich verankerten offiziellen Sicht Kiews auf den Donbass als &#8222;von Russland besetztes Gebiet&#8220; wurde dem &#8222;Minsker Abkommen&#8220; der Todessto\u00df versetzt.<\/p>\n<p><strong>Nach Moskau soll nicht mehr gebetet werden<\/strong><\/p>\n<p>Am 15. Oktober 2018 entschied die Russisch-Orthodoxe Kirche, mit dem \u00d6kumenischen Patriarchat von Konstantinopel zu brechen und jeden Kontakt zu unterbinden. Zuvor hatte das im Istanbuler Stadtteil Phanar ans\u00e4ssige ostr\u00f6mische Kirchenoberhaupt Bartholomaios I. dem Druck der ukrainischen Staatsf\u00fchrung und der USA nachgegeben und der Anerkennung der von Moskau bereits 1992 abgespaltenen ukrainisch-orthodoxen Kirche (Kiewer Patriarchat) seinen Segen gegeben. Damit betet in Hinkunft ca. die H\u00e4lfte der ukrainischen Gl\u00e4ubigen nicht mehr in Richtung Moskau, sondern nach Kiew.<\/p>\n<p>Die von Bartolomaios I. verf\u00fcgte Selbst\u00e4ndigkeit der ukrainischen Orthodoxie, in der Religionssprache Autokephalie genannt, verleiht der ukrainischen Kirchenhierarchie nicht nur kanonische Legitimit\u00e4t, sondern \u00fcbergibt ihr damit auch die Herrschaft \u00fcber betr\u00e4chtliche Besitzungen. Mitte Dezember 2018 erfolgte dann die offizielle Einweihung des neuen ukrainischen Patriarchen als Staatsakt in Anwesenheit von Pr\u00e4sident Petro Poroschenko.<\/p>\n<p>Wer glaubt, es handele sich bei diesen Streitigkeiten um religi\u00f6sen Firlefanz, sollte die kulturelle und geopolitische Dimension dieses Bruches nicht \u00fcbersehen. Denn das bislang letzte gro\u00dfe Schisma der Christenheit liegt fast 1000 Jahre zur\u00fcck. Damals, im Jahr 1054, spaltete sich die christliche in eine westr\u00f6misch-katholische und eine ostr\u00f6misch-orthodoxe Welt, nachdem der r\u00f6mischen Papst Leo IX. den Patriarchen von Konstantinopel exkommuniziert hatte. Auch die formelle Vereinigung der Kiewer Metropolie mit dem Moskauer Patriarchat im Jahre 1686 liegt schon \u00fcber 300 Jahre zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die von Konstantinopel nun anerkannte Selbst\u00e4ndigkeit der ukrainischen Kirche ist also von historischer Bedeutung. Dessen war sich auch Poroschenko bewusst, als er k\u00fcrzlich an die ersten Christentaufen auf ukrainischem Boden im Jahr 988 erinnerte und meinte, das Volk h\u00e4tte 1030 Jahre warten m\u00fcssen, um sich religi\u00f6s zu befreien. Der russischen Orthodoxie, die seit damals auf dem Territorium der heutigen Ukraine heimisch ist und bis zuletzt die gro\u00dfe Mehrheit der Kirchenh\u00e4user bespielte,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.rt.com\/443400-ukraine-paroshenko-orthodox-church\/\">schleuderte<\/a>\u00a0er in aggressivem Tonfall entgegen: &#8222;Geht nach Hause. Das hier sind unsere Kirchen, unsere Truppen, unsere Waffen.&#8220; In Anspielung auf den H\u00f6hepunkt der christlichen Liturgie, die Wandlung, setzte Poroschenko noch freudig hinzu: &#8222;Die Ukraine trinkt nicht l\u00e4nger das Gift aus dem Moskauer Kelch.&#8220;<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Bereits 1991 fand im Westen der Ukraine, dem vormals zur \u00f6sterreichisch-ungarischen Monarchie geh\u00f6rendem Galizien, ein Kampf um die Kirchen statt. Die Bruchlinie verlief damals zwischen Rom und Moskau, das \u00d6kumenische Patriarchat von Konstantinopel hielt sich im Hintergrund. Der katholischen Kirche gelang es dabei, die seit der Union von Brest im Jahre 1596 erfolgte Unierung ostr\u00f6mischer Kirchen mit Rom, die in der Sowjetunion aufgehoben worden war, wieder herzustellen. Aus russisch-orthodoxen wurden griechisch-katholische Gottesh\u00e4user.<\/p>\n<p>Unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion traten in Rom und Wien geschulte Priester auf den Plan, um die R\u00fcckgabe von vormals mit Rom uniert gewesenen Gebetsh\u00e4usern zu fordern. Diese waren nach dem Zweiten Weltkrieg unter Stalin dem Moskauer Patriarchat zugeschlagen worden. Die unierte Glaubensgemeinschaft, der die russische Orthodoxie schon immer Proselytismus &#8211; die Abwerbung von Gl\u00e4ubigen &#8211; vorgeworfen hatten, wurde verboten. Im Kampf um die westukrainischen Gottesh\u00e4user gab es Anfang der 1990er-Jahre Tote und Verletzte, wie der in Lwow\/Lwiw ans\u00e4ssige Bischof des Moskauer Patriarchats anl\u00e4sslich eines Vortrages in Wien beklagte.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a>\u00a0Die rechtsradikale &#8222;Swoboda&#8220;-Partei wiederum\u00a0<a href=\"http:\/\/en.svoboda.org\/about\/history\/\">br\u00fcstete<\/a>\u00a0sich noch zu Zeiten der Auseinandersetzungen auf dem Maidan Anfang 2014 auf ihrer Homepage damit, sich im westukrainischen Kirchenkampf gest\u00e4hlt und den &#8222;Moskowitern&#8220; eine schwere Niederlage zugef\u00fcgt zu haben.<\/p>\n<p>Nun hat sich der Kulturkampf auf die quantitativ unvergleichlich h\u00f6here Ebene der inner-orthodoxen Auseinandersetzung ausgeweitet. Die ukrainische Argumentation folgt der nationalen Erz\u00e4hlung, nach der das Land seit der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung im Jahr 1991 eben eine national eigenst\u00e4ndige Kirche ben\u00f6tige. Sie folgt damit der Logik ostr\u00f6mischer Kirchenstrukturen, die &#8211; anders als der katholisch-p\u00e4pstliche universelle Anspruch &#8211; national organisiert sind.<\/p>\n<p>F\u00fcr die russische Seite wiederum handelt es sich um einen gemeinsamen Kulturkreis, der seit der Kiewer Rus im 10. Jahrhundert die Ostslawen in dieser Region religi\u00f6s-kulturell vereint. Zudem verweist das Moskauer Patriarchat mit gewisser Berechtigung auf die Tatsache, dass die orthodoxe Kirche in der Ukraine unter dem Moskauer Patriarchat als &#8222;autonome Kirche&#8220; gef\u00fchrt wurde, in der bis auf wenige, vor allem personelle Entscheidungen, selbst\u00e4ndig agiert werden konnte.<\/p>\n<p><strong>Kirchenspaltung ist geopolitisch brisant<\/strong><\/p>\n<p>Dass es bei der nun vollzogenen Kirchenspaltung auch um eine geopolitisch \u00e4u\u00dferst brisante Auseinandersetzung geht, zeigt nicht nur die oben zitierte \u00c4u\u00dferung des ukrainischen Pr\u00e4sidenten, in der er Kirche, Staat und Milit\u00e4r in einem Atemzug als identit\u00e4tsbildend nennt; auch die unmittelbare Reaktion aus Moskau, mit dem &#8222;Primus inter pares&#8220;, dem \u00d6kumenischen Patriarchen aus Konstantinopel zu brechen, unterstreicht die Wichtigkeit dieses Kampfes. Dieser findet nicht nur zwischen Kiew und Moskau statt, auch die USA spielen darin eine bedeutende Rolle.<\/p>\n<p>Das in New York stationierte Griechisch-Orthodoxe Erzbistum der USA, das zu den wesentlichen Geldgebern des Patriarchats von Konstantinopel z\u00e4hlt, d\u00fcrfte hinter den Kulissen f\u00fcr die Anerkennung der Abspaltung der ukrainischen Orthodoxie von Moskau lobbyiert haben. Russische Quellen\u00a0<a href=\"https:\/\/blogfactory.co.uk\/2018\/11\/22\/us-state-dept-paid-25-mil-bribe-to-patriarch-of-constantinople-to-foment-religious-chaos-in-ukraine\/\">schreiben<\/a>\u00a0von undurchsichtigen Gesch\u00e4ften der amerikanischen Orthodoxen, durch die sie sich von hohen Schulden befreien wollten. Dadurch wurden sie jedoch in der Folge erpressbar. Das US-Au\u00dfenministerium soll davon Kenntnis gehabt haben.<\/p>\n<p>Wie dem auch sei: Fest steht, dass es hochrangige Mitglieder der amerikanischen orthodoxen Kirche waren, die den Patriarchen von Konstantinopel gedr\u00e4ngt haben, die ukrainisch-orthodoxe Kirche als selbstst\u00e4ndige anzuerkennen, indem sie ihrerseits mit Abspaltung drohten. Dies berichtet der Leiter der Informationsabteilung der Berliner Di\u00f6zese der russischen orthodoxen Kirche, Evgeny Murzin.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Am 11. September 2018 meldete sich dann der US-Botschafter f\u00fcr Internationale Religionsfreiheit, Sam Brownback, zu Wort und erkl\u00e4rte, &#8222;dass die Vereinigten Staaten auch in Zukunft die Ukraine beim Kampf zur Wiederherstellung der Souver\u00e4nit\u00e4t und der territorialen Integrit\u00e4t unterst\u00fctzen werden und das Recht haben auf eine einige autokephale orthodoxe Kirche.&#8220;<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a>\u00a0Ganz selbstverst\u00e4ndlich wird darin die Verschr\u00e4nkung von Politik, Milit\u00e4r und Kirche zum Ausdruck gebracht, drei Fronten, an denen der Westen auf Seite der Ukraine gegen Russland steht.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Ukraine-Vormarsch-gegen-Russland-4264186.html\"><em>Telepolis&#8230;<\/em><\/a><em> vom 5. Januar 2018<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <em>Siehe: J\u00f6rg Kronauer, Stresstest. Der Konflikt im Asowschen Meer &#8230;, in: Konkret 1\/2019, S. 14f.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <em>Die Presse vom 2. Mai 2018.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> <em>Der Standard vom 18. Januar 2018.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> <em>Das &#8222;Minsker Abkommen&#8220; in der \u00dcbersetzung von Andreas Stein.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> <em>Die Presse vom 16. Dezember 2018.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> <em>89. \u00d6kumenisches Symposion der Stiftung &#8222;Pro Oriente&#8220; zum Thema &#8222;Arthodoxie und Griechisch-Unierte in der Westukraine. Mitschrift vom 30. Juni 1998.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> <em>Evgeny Murzin, Wem nutzt es? Die orthodoxe Kirche in der Ukraine. In: Welt-Trends. Das au\u00dfenpolitische Journal, Nr. 146\/ Dezember 2018, S. 12f.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> <em>Ebd., S. 15.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hannes Hofbauer. Durch das st\u00e4ndige Drehen an der Sanktionsschraube gegen Russland hat sich die Welt seit bald f\u00fcnf Jahren an einen Wirtschaftskrieg gew\u00f6hnt, der vor allem der russischen Volkswirtschaft, aber auch<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7],"tags":[41,18,76,49,27,19,46],"class_list":["post-4725","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-europa","tag-imperialismus","tag-neue-rechte","tag-repression","tag-russland","tag-ukraine","tag-usa"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4725","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4725"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4725\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4726,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4725\/revisions\/4726"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4725"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4725"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4725"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}