{"id":4727,"date":"2019-01-07T08:53:03","date_gmt":"2019-01-07T06:53:03","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4727"},"modified":"2019-01-07T09:00:57","modified_gmt":"2019-01-07T07:00:57","slug":"kommunismus-fuer-alle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4727","title":{"rendered":"Kommunismus f\u00fcr alle"},"content":{"rendered":"<p><em>Wladek Flakin.<\/em> <strong>Vor 100 Jahren war Deutschland neben Russland ein Epizentrum des Kommunismus. Eine Buchrezension des Sammelbandes &#8222;Weimar Communism as a Mass Movement&#8220;, herausgegeben<!--more--> von Ralf Hoffrogge und Norman LaPorte.<\/strong><\/p>\n<p>Deutschland gilt heute als Bastion kapitalistischer Stabilit\u00e4t. Es f\u00e4llt fast schwer zu glauben, dass dieses Land vor 100 Jahren gleich hinter Russland als Epizentrum der Weltrevolution angesehen wurde: Die Kommunistische Internationale hielt ihre ersten Kongresse, obwohl alle in Moskau, in deutscher Sprache ab, die Jugendinternationale sa\u00df in Berlin. Und zuweilen vergisst man schon hierzulande fast, dass die deutsche KP eine Massenpartei mit bis zu 300 000 Mitgliedern war. In Berlin bekam die Partei bei den letzten freien Wahlen der Weimarer Republik sogar 38 Prozent der Stimmen.<\/p>\n<p>Noch weniger ist all das im Ausland bekannt. Dem soll nun der Sammelband \u00bbWeimar Communism as a Mass Movement\u00ab abhelfen, den der in Bochum forschende Berliner Historiker Ralf Hoffrogge mit dem walisischen Dozenten Norman LaPorte zusammengestellt hat. 13 \u00fcberwiegend junge Forscher*innen, die sich mit dem deutschen Parteikommunismus befassen, haben in knappen Aufs\u00e4tzen meist ihre Doktorarbeiten zusammengefasst. Insofern bringt der Band auch ein deutschsprachiges Publikum auf den j\u00fcngsten Stand, nur eben in englischer Sprache.<\/p>\n<p>Die KPD wurde Silvester 1918 von zwei Gruppen gegr\u00fcndet \u2013 dem Spartakusbund um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sowie den Internationalen Kommunisten Deutschlands (IKD). Letztere sind freilich kaum bekannt. W\u00e4hrend des Weltkrieges hatten Mehrheitssozialdemokraten und gem\u00e4\u00dfigte Unabh\u00e4ngige die alte SPD unter sich aufgeteilt, in Bremen aber \u00fcbernahmen Linksradikale die Organisation. Aus dieser Gruppe \u2013 angef\u00fchrt von Johann Knief, Paul Fr\u00f6lich und Karl Radek \u2013 gingen die IKD hervor. W\u00e4hrend die Spartakisten trotz aller Kritik mehr als anderthalb Jahre mit Karl Kautsky und Eduard Bernstein in der USPD ausgeharrt hatten, riefen die \u00bbBremer Linksradikalen\u00ab bereits ab 1916 zur Bildung einer neuen, revolution\u00e4ren Partei auf \u2013 und konnten die Spartakisten erst sp\u00e4t \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p>Aber nicht nur \u00fcber diese zweite Wurzel der Partei kann man hier Neues erfahren. Florian Wilde fasst seine k\u00fcrzlich erschienene Biografie des KPD-Vorsitzenden Ernst Meyer zusammen, Mario Kessler stellt Ruth Fischer vor, die den \u00e4u\u00dfersten linken Parteifl\u00fcgel anf\u00fchrte und 1924 mit nur 29 Jahren Vorsitzende wurde, Ralf Hoffrogge widmet sich Werner Scholem, der als ultralinker \u00bbOrgleiter\u00ab unter Fischer diente, Norman LaPorte gibt eine Vorschau auf seine erste englischsprachigen Biografie \u00fcber Ernst Th\u00e4lmann. Auch ein Beitrag zum \u00bbroten Million\u00e4r\u00ab Willi M\u00fcnzenberg fehlt nicht, der die Kommunistische Jugendinternationale in einem Neuk\u00f6llner Kneipenhinterzimmer gr\u00fcndete und dann ein kommunistisches Medienimperium aufbaute.<\/p>\n<p>In der historischen Kommunismusforschung liegen Biografien gerade voll im Trend, auch der Autor dieser Zeilen hat j\u00fcngst eine vorgelegt. Das Genre l\u00e4sst das Menschliche \u2013 die Zweifel, die Aff\u00e4ren, die Entt\u00e4uschungen \u2013 von sonst \u00bb\u00fcberlebensgro\u00dfen\u00ab Revolution\u00e4ren entdecken. Doch bergen Biografien auch die Gefahr, dass die Entwicklung der KPD zu sehr als Zusammenprall individueller Charaktere erz\u00e4hlt wird \u2013 der vorsichtige Stratege Meyer gegen die rastlose Agitatorin Fischer und so weiter.<\/p>\n<p>Deshalb ist es gut, dass Marcel Bois seinen 600-Seiten-W\u00e4lzer \u00fcber die linke, gegen die Stalinisierung antretende Parteiopposition hier auf 15 Seiten zusammenfasst. Nicht weniger interessant sind Beitr\u00e4ge \u00fcber eine \u00bbrote Gewerkschaft\u00ab unter Berliner Metallarbeitern oder kommunistische Arbeit unter bayerischen Bauern. Leider grenzt der Beitrag \u00fcber einen internationalen \u00bbEinheitsverband der Seeleute\u00ab trotz des faszinierenden Themas an Unlesbarkeit und sticht etwas negativ hervor.<\/p>\n<p>Der Sammelband endet wie die KPD selbst: Neu zug\u00e4ngliche Archivmaterialien liefern neue Belege f\u00fcr die heillose Verwirrung in Moskau nach der Macht\u00fcbergabe an Hitler. W\u00e4hrend tausende deutsche Kommunist*innen eingesperrt wurden, hielt die Komintern-F\u00fchrung unter Stalin offiziell daran fest, dass Hitler bald von alleine abwirtschaften w\u00fcrde \u2013 w\u00e4hrend im Hintergrund bereits der sp\u00e4tere Pakt mit Hitler vorbereitet wurde.<\/p>\n<p><em>Ralf Hoffrogge, Norman LaPorte (Hg.): Weimar Communism as a Mass Movement 1918-1933. <\/em><em>Lawrence and Wishart, 276 Seiten. 20 Pfund.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/kommunismus-fuer-alle\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 7. Januar 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wladek Flakin. Vor 100 Jahren war Deutschland neben Russland ein Epizentrum des Kommunismus. 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