{"id":4743,"date":"2019-01-08T09:21:31","date_gmt":"2019-01-08T07:21:31","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4743"},"modified":"2019-01-08T09:21:31","modified_gmt":"2019-01-08T07:21:31","slug":"paris-ein-wintermaerchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4743","title":{"rendered":"Paris, ein Winterm\u00e4rchen"},"content":{"rendered":"<p><em>Sebastian Lotzer.<\/em> Ein Samstagabend in Paris. Es ist kalt, nicht eiseskalt, aber kalt. Passanten t\u00e4tigen ihre letzten Eink\u00e4ufe, Freunde treffen sich im Bistro, essen eine Kleinigkeit, danach werden sie ins Kino gehen, oder in die Bar.<!--more--> Das \u00fcbliche Leben im Viertel. Aus einer kleinen Seitenstra\u00dfe ergie\u00dft sich ein Strom, nein eher ein Rinnsal von Menschen. Manche von ihnen haben sich gelbe Westen \u00fcbergestreift. Die Art von Westen, die unter anderen Umst\u00e4nden jahrelang unbenutzt und scheinbar sinnlos in irgendeiner Ecke des Kofferraums des Autos herum liegen. Hier und heute hat ihre scheinbare Nutzlosigkeit ein Ende. Hier und heute verleihen sie Identit\u00e4t, und, was noch wichtiger erscheint, Zugeh\u00f6rigkeit. F\u00fcr Jene, deren Ekel \u00fcber die allgegenw\u00e4rtige Beliebigkeit und Trostlosigkeit sich nicht in der bourgeoisen S\u00fcffisanz eines Houellebecq ersch\u00f6pft. Aus einem Transistor oder ist es ein Megaphon, wer wei\u00df das schon und was spielt das auch f\u00fcr eine Rolle, pl\u00e4rrt verzerrt Joe Dassin: Aux Champs-\u00c9lys\u00e9es. Einige der Demonstranten, denn um solche handelt es sich bei jenen Menschen, die sich diese gelben Westen \u00fcber gestreift haben, wippen mit dem Kopf im Takt der Musik. Dieses Chanson der Sehnsucht, des Versprechens auf heitere Tage markiert zugleich ihr grunds\u00e4tzliche Begehren auf ein leichteres Leben als auch den konkreten Fluchtpunkt ihres heutigen Marsches, der in den fr\u00fchen Stunden des Tages begann und der sie quer durch die Stadt gef\u00fchrt hat. Trotz des langen Marsches und den Strapazen des Tages liegt auf ihren Gesichtern keine Ermattung, kein Schatten. Nein, es scheint eher Zuversicht und Vertrauen in sich und ihre Sache zu sein, die sich in ihren Z\u00fcgen widerspiegelt. Einige von ihnen werden heute noch die Champs-\u00c9lys\u00e9es erreichen, andere werden, von den Bullen gejagt und mit Tr\u00e4nengas und Gummigeschossen attackiert, ihr Vorhaben aufgeben. Aber nur f\u00fcr heute und deshalb wird es keine Rolle spielen. Sie werden am n\u00e4chsten Wochenende wieder auf den Stra\u00dfen unterwegs sein. All die M\u00fchen und Strapazen, all die Gefahren wieder auf sich nehmen. Weil ihr Leben, ihr allt\u00e4gliches Leben eben genauso ist, Tag f\u00fcr Tag. Und weil sich das \u00e4ndern soll, muss.<\/p>\n<p>Wenn die franz\u00f6sische Regierung die Hoffnung gehegt hatte, die Feiertage und der Winter werden ihr diese l\u00e4stige Bewegung der Gilets Jaunes irgendwie vom Halse schaffen, so hielt der gestrige Samstag f\u00fcr sie eine Entt\u00e4uschung bereit. Landesweit waren es \u00fcber einhunderttausend Demonstranten, die an den verschiedenen Protesten, Demonstrationen und Aktionen teilnahmen. Und damit mehr, als an dem letzten Aktionswochenende vor Weihnachten. Pariser Genossen hatten im Vorfeld geschrieben, dass dieser Tag von entscheidender Bedeutung sei. Wenn es nicht gelinge, eine massive Mobilisierung auf die Beine zu bringen, drohe die ganze Angelegenheit zu versanden. Auch sei es notwendig, auch in Paris selber wieder st\u00e4rker pr\u00e4sent zu sein, an dem letzten Aktionstag hatten in Paris nur noch um die 3000 Leute teilgenommen. Ebenso sei es notwendig, wieder im Zentrum der Hauptstadt zu demonstrieren, sich nicht in die Au\u00dfenbezirke verdr\u00e4ngen zu lassen. Um diese Ziele zu erreichen, sei es notwendig in den Tagen vor dem 5. Januar mit den Nachbarn, den Freunden, den Arbeitskollegen, den Genossen zu diskutieren. Ihre Vorbehalte und Bedenken anzuh\u00f6ren, ernst zu nehmen, sie unter allen Umst\u00e4nde dazu gewinnen, sich den Aktionen anzuschlie\u00dfen. Und auch wenn Paris eben nicht der Nabel der Welt sei, auch wenn viele Pariser dies vielleicht insgeheim d\u00e4chten, so sei doch hier die mediale<em>\u00a0<\/em>Aufmerksamkeit wesentlich h\u00f6her als bei Aktionen in anderen St\u00e4dten.<\/p>\n<p>Wer die gestrigen Berichterstattung \u00fcber den Acte VIII verfolgt hat, wei\u00df, dass dieses Vorhaben der Genossen als gelungen bezeichnet werden darf. Von Al Jazeera bis zur Tagesschau waren die Meldungen \u00fcber die Proteste und Krawalle prominent platziert, in den franz\u00f6sischen Medien bot sich ein \u00e4hnliches Bild. Aber fangen wir von vorne an. Am Vormittag versammelten auf den Champs-\u00c9lys\u00e9es 2000 \u2013 3000 Leute, misstrauisch be\u00e4ugt von Gendarmerie und CRS. Nach einiger Zeit setzte man sich gem\u00e4chlich in Bewegung, unaufh\u00f6rlich stie\u00dfen weitere Demonstranten hinzu, viele von ausw\u00e4rts angereist. Auf dem Platz vor dem Pariser Rathaus d\u00fcrften dann so um die 10.000 Menschen versammelt gewesen sein, ebenso \u00fcberfl\u00fcssige wie eloquente Reden wurden geschwungen. Irgendwann setzte sich die Menge in Bewegung, ein kurzer Zusammensto\u00df mit einer Bulleneinheit, dann ging es weiter in Richtung Regierungsviertel. Die Bullen hatten erstmals ein zur\u00fcckhaltendes Konzept, beschr\u00e4nkten sich weitgehend auf Absperrma\u00dfnahmen in Richtung Nationalversammlung. Mehrmals stie\u00df die Demo auf solche Absperrungen, \u00e4nderte die Richtung und gelangte schlie\u00dflich an das Ufer der Seine. Die Nationalversammlung fast in Sichtweite ergab sich aber das Problem, dass s\u00e4mtliche Br\u00fccken \u00fcber die Seine von den Bullen besetzt waren. Einige Durchbruchsversuche waren eher halbherziger Natur, wohl auch weil eigentlich allen klar war, dass es nicht m\u00f6glich sein w\u00fcrde, heute zur Nationalversammlung zu gelangen. W\u00e4hrend also ein Teil der Demonstranten sich noch Scharm\u00fctzel mit den Bullen an einer der Br\u00fccke \u00fcber die Seine lieferte, war ein anderer Teil schon weiter gezogen und marschierte \u00fcber den Boulevard Saint-Germain. Hier gingen einige Scheiben zu Bruch, Motorroller und Autos von carsharing Unternehmen gingen in Flammen auf, aus Bauabsperrungen und Stadtmobiliar wurden Barrikaden errichtet. Das besondere Highlight des Tages war aber ohne Zweifel das Eindringen in das Ministerium, in dem sich zu diesem Zeitpunkt der Regierungssprecher von Macron aufhielt. Sichtlich ersch\u00fcttert, berichtete er sp\u00e4ter gegen\u00fcber Medien davon, das \u201eeine Gruppe von 15 Vermummten, scheinbar wild entschlossen, teilweise ganz in schwarz gekleidet, teilweise eine gelbe Weste tragend, das massive Tor mithilfe einer Baumaschine aufgebrochen und so in den Hof gelangt sei. Dort habe die Gruppe einige Fahrzeuge besch\u00e4digt, er sei mit seinem Stab fluchtartig evakuiert worden\u201c. Wie auch immer, am Ende des Tages schloss sich der Kreis und trotz massiver Bullenpr\u00e4senz und dem Einsatz von enormen Mengen von Tr\u00e4nengas gelangte eine nicht unerhebliche Anzahl von Demonstranten erneut auf die Champs-\u00c9lys\u00e9es und lieferte sich Scharm\u00fctzel mit den Bullen, die nicht immer zu deren Vorteil ausgingen.<\/p>\n<p>Kommen wir zum Rest von Frankreich, der f\u00fcr viele Pariser in der Wahrnehmung keine wirkliche Rolle spielt, aber hier entstand die Bewegung der Gilets Jaunes und hier wird sich auch ihr Schicksal entscheiden. Es ist nahezu unm\u00f6glich, all die Orte und St\u00e4dte aufzuz\u00e4hlen, an und in denen es gestern zu Aktionen kam. Eine willk\u00fcrliche Auswahl. In Rennes brechen Demonstranten die T\u00fcr zum Rathaus auf und dringen in das Geb\u00e4ude eine. In Dijon ziehen die Gilets Jaunes zur Kaserne der Gendarmerie, woraufhin die darin verbliebenen \u201eStallwachen\u201c hektisch mit Tr\u00e4nengas und Gummigeschossen um sich ballern. In Nantes kommt es vor der Pr\u00e4fektur zu Zusammenst\u00f6\u00dfen, \u00fcber Stunden liegt die Innenstadt im Tr\u00e4nengasnebel. In Toulouse und Bordeaux brennen Barrikaden, Zusammenst\u00f6\u00dfe mit den Bullen. In Caen, einer Kleinstadt mit 100.000 Einwohnern, dauern die K\u00e4mpfe von den Vormittagsstunden bis in den sp\u00e4ten Abend an, \u00fcberall brennt es, die Bullen haben die Kontrolle verloren.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> In Saint-Nazaire Verw\u00fcstungen an der Pr\u00e4fektur, Angriffe auf ein Bullenrevier. In Troyes wird der Bahnhof besetzt und der Bahnverkehr lahmgelegt, mehrere Autobahnen und wichtige Nationalstra\u00dfen werden in ganz Frankreich teilweise \u00fcber Stunden blockiert. Zusammenst\u00f6\u00dfe auch in Rouen, Lille, Beauvais, Montpellier,\u2026<\/p>\n<p>Wie wird es weiter gehen? Wer wei\u00df? Bewegungen haben ihre eigenen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten. Vielleicht gelingt Macron mit weiteren Zugest\u00e4ndnissen und Partizipationsangeboten eine Spaltung der Bewegung. Die Forderung nach einem \u201er\u00e9f\u00e9rendum d\u2019initiative citoyenne\u201c (RIC), die in den letzten Wochen verst\u00e4rkt auf den Demonstrationen und in den sozialen Medien erhoben wird, k\u00f6nnte ein Ansatzpunkt f\u00fcr eine Spaltung sein. Die Bewegung ist sehr heterogen und auch wenn es gelungen ist, eine Einflussnahme der radikalen Rechten weitgehend zu verhindern bzw. ihre offensichtliche Pr\u00e4senz auf den Aktionen teilweise auch handfest unterbunden wurde, ist sie dennoch keine Bewegung ohne Forderungen. Die klugen Leute von Commercy<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> haben deshalb eine Initiative lanciert, um zu verhindern, dass sich nicht legitimierte Wortf\u00fchrer etablieren k\u00f6nnen oder die Bewegung sich an inhaltlichen Fragen auseinanderdividiert. Ob das gelingen wird, muss bei allem Wohlwollen bezweifelt werden. Auf jeden Fall wird sich die Bewegung erst einmal in den n\u00e4chsten Wochen auf dem Niveau, dass sie an diesem Wochenende etabliert hat, halten k\u00f6nnen. Vielleicht wird es auch emotionalisierende Ereignisse geben, es gab ja bisher schon einige Tote, die meisten bei Verkehrsunf\u00e4llen, aber in Marseille ist eine 80j\u00e4hrige Frau von einer Tr\u00e4nengaskartusche am Kopf t\u00f6dlich verletzt worden, als sie das Fenster ihrer Wohnung im vierten Stock ihres Hauses schlie\u00dfen wollte. Und bei der Brutalit\u00e4t, f\u00fcr die die franz\u00f6sischen Bullen bekannt sind, kann es jederzeit nicht nur zu weiteren Schwerverletzten, sondern auch zu Toten kommen. Diese Option ist ja sogar vom franz\u00f6sischen Innenminister als Drohkulissse \u00f6ffentlich aufgebaut worden. Bald geht die Schule wieder los und die Uni f\u00e4ngt wieder an, dann werden auch wieder Aktionen der Sch\u00fcler und Studenten in die gesellschaftliche Konfliktualit\u00e4t intervenieren. Das Winterm\u00e4rchen ist noch nicht zu Ende.<\/p>\n<p><em>Quelle\u00a0: <\/em><em><a href=\"https:\/\/non.copyriot.com\/paris-ein-wintermaerchen\/\">non.copyriot.com&#8230;<\/a><\/em><em> vom 8. <\/em><em>Januar 2018 <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=oLbJbqH0h4A\"><em>https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=oLbJbqH0h4A<\/em><\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <em>Der zweite Aufruf von Commercy: Den Aufbau der Versammlungen generalisieren: <\/em><a href=\"https:\/\/non.copyriot.com\/der-zweite-aufruf-von-commercy-den-aufbau-der-versammlungen-zu-generalisieren\/\"><em>https:\/\/non.copyriot.com\/der-zweite-aufruf-von-commercy-den-aufbau-der-versammlungen-zu-generalisieren\/<\/em><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sebastian Lotzer. Ein Samstagabend in Paris. Es ist kalt, nicht eiseskalt, aber kalt. 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