{"id":4752,"date":"2019-01-09T11:13:37","date_gmt":"2019-01-09T09:13:37","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4752"},"modified":"2019-01-09T11:13:37","modified_gmt":"2019-01-09T09:13:37","slug":"rosa-luxemburg-und-der-massenstreik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4752","title":{"rendered":"Rosa Luxemburg und der Massenstreik"},"content":{"rendered":"<p><em>Eduardo Castilla.<\/em> <strong>Massenbewegungen wie aktuell in Frankreich oder gro\u00dfe Streiks, wie es sie 2018 in ganz Europa zuhauf gab, zeigen immer wieder ihr Potenzial f\u00fcr die L\u00e4hmung der Wirtschaft. Angesichts des<!--more--> 100. Jahrestages der Ermordung Rosa Luxemburgs wollen wir ihre Perspektive auf eine Debatte wieder aufnehmen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts die europ\u00e4ische Sozialdemokratie durchdrungen hat. Es stellte sich die Frage, wie man die enorme soziale Macht der arbeitenden Massen freisetzen kann.<\/strong><\/p>\n<p>Immer wieder sto\u00dfen fortschrittliche Bewegungen der Massen an die Grenzen ihrer Macht, die ihnen von einer b\u00fcrokratischen Kaste an der Spitze der Gewerkschaften aufgezwungen werden. Das aktuellste Beispiel f\u00fcr diese Dynamik ist die Bewegung der Gelbwesten in Frankreich, die es bisher nicht vermocht hat,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/europa-2018-bye-bye-merkel-hallo-massenmobilisierungen\/\"><strong>den Gewerkschaftsspitzen den Generalstreik aufzuzwingen<\/strong><\/a>.<\/p>\n<p>Ohne Angst zu haben, das Ziel zu verfehlen, k\u00f6nnte man sagen, dass die Debatten \u00fcber diesen Widerspruch inzwischen mehr als hundert Jahre alt sind. In diesem Rahmen und trotz aller Unterschiede zu damals wollen wir hier auf eine der Diskussionen zur\u00fcckkommen, die die internationale sozialistische Bewegung in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts gepr\u00e4gt haben.<\/p>\n<p>Damals kreuzte die polnische Revolution\u00e4rin Rosa Luxemburg Lanzen mit Karl Kautsky, dem wichtigsten Theoretiker der Sozialdemokratie. Die Polemik besch\u00e4ftigte bei weitem nicht nur ihre beiden Hauptakteur*innen, sondern umfasste eine Vielzahl von Akteur*innen und Publikationen. Es gibt nicht wenige Lehren, die aus dieser interessanten Diskussion gezogen werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p><strong>Frische Luft aus dem Osten<\/strong><\/p>\n<p>Die Diskussion war von einem Kontext enormer sozialer Umbr\u00fcche gepr\u00e4gt. In Europa fand gerade der \u00dcbergang zum Klang des \u201ebewaffneten Friedens\u201c vor dem Ersten Weltkrieg statt. Seit Jahren war die Arbeiter*innenklasse des Kontinents Protagonistin einer m\u00e4chtigen Streikbewegung. In politischer und wirtschaftlicher Hinsicht erlebte die ganze Welt die Konsolidierung einer neuen \u00c4ra unter imperialistischer Herrschaft.<\/p>\n<p>Der neue historische Moment bedeutete auch die R\u00fcckkehr der sozialen Revolution, nach drei Jahrzehnten Abwesenheit. 1905 beteiligte sich die russische Arbeiter*innenklasse an einer m\u00e4chtigen Bewegung gegen den Zarismus. Der politische Generalstreik wurde zur Methode des Kampfes\u00a0<em>par excellence<\/em>.<\/p>\n<p>Die Splitter der russischen Explosion erreichen den europ\u00e4ischen Kontinent und Deutschland. Dort wartete der unruhige Geist von Rosa Luxemburg.<\/p>\n<p>In ihrer Brosch\u00fcre\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/luxemburg\/1906\/mapage\/index.htm\"><strong>Massenstreik, Partei und Gewerkschaften<\/strong><\/a>\u00a0(1906) erkl\u00e4rte die Revolution\u00e4rin, dass \u201edie russische Revolution eine gr\u00fcndliche Revision des alten Standpunkts des Marxismus zum Massenstreik erforderlich macht\u201c.<\/p>\n<p>Davon ausgehend entwickelte sie einen permanenten Kampf gegen die b\u00fcrokratische Gewerkschaftsf\u00fchrung, einen konservativer Faktor in der deutschen politischen Landschaft. Im gleichen Text hei\u00dft es:<\/p>\n<p><em>Die Gewerkschaften vertreten nur die Gruppeninteressen und eine Entwicklungsstufe der Arbeiterbewegung. Die Sozialdemokratie vertritt die Arbeiterklasse und ihre Befreiungsinteressen im ganzen.<\/em><\/p>\n<p>Der zunehmende Prozess der B\u00fcrokratisierung in Gewerkschaften dr\u00fcckt sich auf der organisatorischen Ebene auf. Noch im selben Jahr veranstaltet die SPD in Mannheim einen neuen Parteitag, auf dem dieser B\u00fcrokratie eine weitgehende Autonomie gew\u00e4hrt wird.<\/p>\n<p><strong>Duell der Titanen<\/strong><\/p>\n<p>Die Debatte \u00fcber den Massenstreik wurde 1910 reaktiviert, in der Hitze starker Mobilisierungen, die eine Wahlreform in Preu\u00dfen fordern.<\/p>\n<p>Rosa Luxemburg st\u00fcrzte sich in die Arena, um eine Perspektive der Radikalisierung des Prozesses voranzutreiben. Diesmal stand Karl Kautsky, der wichtigste ideologische Anf\u00fchrer der internationalen sozialistischen Bewegung, ihr gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Wieder war die Spannung der Revolution\u00e4rin auf den Kampf gegen den konservativen Apparat der Gewerkschaften fokussiert. Der Kampf implizierte auch, auf die freie Entwicklung der politischen Selbstt\u00e4tigkeit der Arbeiter*innenklasse zu setzen. In ihren \u00dcberlegungen scheint die Perspektive des Massenstreiks mit Marx\u2018 Definition verbunden zu sein, dass die Befreiung der Arbeiter*innenklasse ihr eigenes Werk sein wird.<\/p>\n<p>In dem Artikel, der die Debatte er\u00f6ffnete,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/luxemburg\/1910\/03\/weiter.htm\"><strong>bemerkte Rosa<\/strong><\/a>:<\/p>\n<p>Mag ein allgemeiner politischer Massenstreik im ersten Gefolge die Schw\u00e4chung oder Besch\u00e4digung mancher Gewerkschaft nach sich ziehen \u2013 nach kurzer Zeit werden nicht blo\u00df die alten Organisationen neu aufbl\u00fchen, sondern die gro\u00dfe Aktion wird ganz neue Schichten des Proletariats aufr\u00fctteln.<\/p>\n<p>Bereits in der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/luxemburg\/1910\/ermokampf\/kap5.htm\"><strong>ersten Antwort auf Kautsky<\/strong><\/a>\u00a0argumentierte Rosa, dass die Agitation \u00fcber die Idee eines Generalstreiks<\/p>\n<p><em>die M\u00f6glichkeit [gibt], die ganze politische Situation, die Gruppierung der Klassen und Parteien in Deutschland in sch\u00e4rfster Weise zu beleuchten, die politische Reife der Massen zu steigern, ihr Kraftgef\u00fchl, ihre Kampffreude zu wecken, an den Idealismus der Massen zu appellieren, neue Horizonte dem Proletariat zu zeigen.<\/em><\/p>\n<p>Im Denken der polnischen Revolution\u00e4rin erscheint der Massenstreik als ein gewaltiger Hebel, um die Energie der Arbeiter*innenklasse als Ganzes zu freizusetzen und ihre verschiedenen Teile in Aktion zu bringen.<\/p>\n<p>Er ist auch ein grundlegendes Instrument zur St\u00e4rkung des Vertrauens der Klasse in ihre eigenen Kr\u00e4fte, im Gegensatz zu einer vers\u00f6hnlichen Politik gegen\u00fcber der liberalen Bourgeoisie.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/luxemburg\/1910\/ermokampf\/kap5.htm\"><strong>Rosa schrieb<\/strong><\/a>:<\/p>\n<p><em>Nicht darauf kommt es an, pl\u00f6tzlich von heute auf morgen einen Massenstreik in Preu\u00dfen zu kommandieren (\u2026), sondern (\u2026) geschichtlich, \u00f6konomisch, politisch den Massen klarzumachen, da\u00df sie nicht auf b\u00fcrgerliche Bundesgenossen und nicht auf die parlamentarische Aktion, sondern blo\u00df auf sich selbst, auf die eigene entschlossene Klassenaktion angewiesen sind.<\/em><\/p>\n<p><strong>Der Generalstreik und die Macht der Arbeiter*innenklasse<\/strong><\/p>\n<p>In ihrm Buch\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/ermattung-oder-kampf-zwei-entgegengesetzte-strategien\/\"><strong>Sozialistische Strategie und Milit\u00e4rkunst<\/strong><\/a>\u00a0erkl\u00e4ren Emilio Albamonte und Mat\u00edas Maiello, dass\u00a0<em>\u201edas, was in Luxemburg als Diskussion \u00fcber Taktiken zur Intervention in Ereignisse beginnt, Kautsky in Begriffen der Strategie umformuliert\u201c.<\/em><\/p>\n<p>So stellte Kautsky, der Autor von\u00a0<em>Der Weg zur Macht<\/em>, seine Perspektive der\u00a0<em>Ermattungsstrategie<\/em>\u00a0derjenigen der\u00a0<em>Niederwerfungsstrategie<\/em>\u00a0entgegen, die er Rosa zuschrieb.<\/p>\n<p>Die erste\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/kautsky\/1910\/xx\/strategie.htm\"><strong>definierte er als diejenige<\/strong><\/a>, die\u00a0<em>\u201edie Gesamtheit der bisherigen Praxis des sozialdemokratischen Proletariats seit dem Ende der sechziger Jahre\u201c<\/em>\u00a0charakterisiert. Eine Praxis, die darauf abzielt, dass sich in der Konfrontation mit dem kapitalistischen Staat\u00a0<em>\u201edas Proletariat best\u00e4ndig st\u00e4rkt, seine Gegner best\u00e4ndig schw\u00e4cht, ohne sich dabei zu einer Entscheidungsschlacht provozieren zu lassen, solange wir die Schw\u00e4cheren sind\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>Indem Kautsky die Fakten und Worte verbiegt, erhebt er Friedrich Engels in den Rang eines \u201eVaters\u201c dieser Konzeption. Er tat dies ausgehend von seiner (gek\u00fcrzten)\u00a0<a href=\"http:\/\/www.mlwerke.de\/me\/me22\/me22_509.htm\"><strong>Einleitung von 1895<\/strong><\/a>\u00a0in die Schrift\u00a0<em>Klassenk\u00e4mpfe in Frankreich 1848 bis 1850<\/em>.<\/p>\n<p>Kautsky schlug vor, \u00fcber den Massenstreik zu polemisieren. F\u00fcr ihn w\u00fcrden die Bedingungen in Deutschland eine andere Dynamik entwickeln als das, was in Russland geschah: Die kraftvolle politische und organisatorische Entwicklung der deutschen Sozialdemokratie stehe einem Staat gegen\u00fcber, der von einer hochkonzentrierten Bourgeoisie unterst\u00fctzt wird.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang unterschied er zwischen <em>Demonstrationsstreiks<\/em> und <em>Zwangsstreiks<\/em>. Rosa Luxemburg kritisierte ihn gerade daf\u00fcr, dass er diese Taktik auf die Idee eines friedlichen Streiks beschr\u00e4nkte, der von der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften geplant wird, um etwas von der Regierung zu verlangen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die polnischen Revolution\u00e4rin bestand der politische Streik demgegen\u00fcber aus einem viel breiteren Prozess, der die Radikalisierung von Massensektoren mit der Aktion der Partei verbindet, um diese voranzutreiben und ihr eine politische Richtung zu geben.<\/p>\n<p>Es lohnt sich, einen Moment \u00fcber\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/kautsky\/1910\/xx\/strategie.htm\"><strong>Kautskys Definition des Massenstreiks<\/strong><\/a>\u00a0nachzudenken:<\/p>\n<p><em>Der Massenstreik wirkt dadurch, da\u00df er die Staatsgewalt zu der au\u00dferordentlichsten Machtentfaltung zwingt und gleichzeitig ihre Machtmittel m\u00f6glichst l\u00e4hmt. Dies bewirkt er schon durch seine Massenhaftigkeit. Er wirkt um so st\u00e4rker, je mehr die Lohnarbeiterschaft in ihn eintritt; nicht blo\u00df in den Gro\u00dfst\u00e4dten und den Industriegegenden, sondern auch in abgelegenen Fabrikorten. Besonders wirksam w\u00fcrde er, wenn auch die Landarbeiter auf den gro\u00dfen G\u00fctern in ihn eintr\u00e4ten.<\/em><\/p>\n<p>Die Definition veranschaulicht eine riesige Distanz zwischen einer isolierten Kampfma\u00dfnahme \u2013 wie einem einzelnen landesweiten Streik \u2013 und einem politischen Generalstreik, der die Grundlagen der kapitalistischen Macht trifft.<\/p>\n<p>Logischerweise er\u00f6ffnet diese Dynamik die Perspektive der Konfrontation durch die Staatsmacht, wie sie 1905 in Russland stattgefunden hatte. Dieses Problem bemerkte Kautsky selbst, der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/kautsky\/1910\/xx\/strategie.htm\"><strong>schrieb<\/strong><\/a>:<\/p>\n<p><em>Ich vermag mir unter Verh\u00e4ltnissen, wie sie in Deutschland bestehen, einen politischen Massenstreik nur als ein einmaliges Ereignis vorzustellen, in den das ganze Proletariat des Reiches mit seiner ganzen Macht eintritt, als einen Kampf auf Leben und Tod, als einen Kampf, der unsere Gegner niederringt oder die Gesamtheit unserer Organisationen und unsere ganze Macht f\u00fcr Jahre hinaus zerschmettert oder mindestens l\u00e4hmt.<\/em><\/p>\n<p>In der Debatte blieb diese wesentliche Frage von der polnischen Revolution\u00e4rin unbeantwortet. Die Grenze von Rosas Konzeption liegt in der mangelnden Definition angesichts dieser Situation. Der politische Generalstreik wirft das Problem der Macht auf, l\u00f6st es aber nicht. Nur ein\u00a0<em>wissenschaftlich vorbereiteter Aufstand<\/em>\u00a0kann die Staatsmacht erobern und den Triumph der Arbeiter*innenklasse vollenden, indem er die gesamte Wirtschaft l\u00e4hmt.<\/p>\n<p><strong>Von Strategien und Interessen<\/strong><\/p>\n<p>Insgesamt fungiert Kautskys politischer und theoretischer Diskurs als Rechtfertigung f\u00fcr eine Praxis, die nach mehreren Jahrzehnten dazu f\u00fchrte, konservative Fraktionen innerhalb der Sozialdemokratie zu st\u00e4rken. Sie festigten sich rund um den Gewerkschaftsapparat und den mit der parlamentarischen Wahltaktik verbundenen Sektor der Partei.<\/p>\n<p>Dies\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/luxemburg\/1910\/ermokampf\/kap3.htm\"><strong>hob Rosa hervor<\/strong><\/a><\/p>\n<p><em>Da Genosse Kautsky nun\u00a0diesem\u00a0so gedachten Massenstreik unsere altbew\u00e4hrte Taktik des Parlamentarismus entgegenstellt, empfiehlt er in Wirklichkeit vorl\u00e4ufig und f\u00fcr die gegenw\u00e4rtige Situation einfach\u00a0Nichtsalsparlamentarismus; nicht im Gegensatz zum utopischen Barrikadensozialismus, wie Engels, sondern im Gegensatz zur sozialdemokratischen Massenaktion des Proletariats zur Erringung und Aus\u00fcbung politischer Rechte.<\/em><\/p>\n<p>Der Opportunismus in der Spitze der Sozialdemokratie wuchs in der Folgezeit sprunghaft an. Die Realit\u00e4t gab der polnischen Revolution\u00e4rin im Laufe der Debatte eine weiteres Mal recht. Im Juli 1910 stimmte eine Fraktion der sozialdemokratischen Abgeordneten des Landes Baden f\u00fcr den Staatshaushalt. Damit brachen sie logischerweise mit der Parteidisziplin.<\/p>\n<p><strong>Ideen und St\u00e4rke<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 1906\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/luxemburg\/1906\/mapage\/kap8.htm\"><strong>bemerkte Rosa<\/strong><\/a>:<\/p>\n<p><em>Wird es in Deutschland aus irgendeinem Anla\u00df und in irgendeinem Zeitpunkt zu gro\u00dfen politischen K\u00e4mpfen, zu Massenstreiks kommen, so wird das zugleich eine \u00c4ra gewaltiger gewerkschaftlicher K\u00e4mpfe in Deutschland er\u00f6ffnen, wobei die Ereignisse nicht im mindesten danach fragen werden, ob die Gewerkschaftsf\u00fchrer zu der Bewegung ihre Zustimmung gegeben haben oder nicht. Stehen sie auf der Seite oder suchen sich gar der Bewegung zu widersetzen, so wird der Erfolg dieses Verhaltens nur der sein, da\u00df die Gewerkschaftsf\u00fchrer, genau wie die Parteif\u00fchrer im analogen Fall, von der Welle der Ereignisse einfach auf die Seite geschoben und die \u00f6konomischen wie die politischen K\u00e4mpfe der Masse ohne sie ausgek\u00e4mpft werden.<\/em><\/p>\n<p>Die polnische Revolution\u00e4rin zeigte damit ein beeindruckendes Vertrauen in die Kraft des\u00a0<em>spontanen<\/em>\u00a0Dranges der Massen, in ihre F\u00e4higkeit, ihre b\u00fcrokratisierten F\u00fchrungen zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>Dies offenbarte jedoch einen Schwachpunkt in ihrer Konzeption. Streng genommen hatte die Gewerkschafts- und Parteib\u00fcrokratie bereits ihre Macht unter Beweis gestellt, die Tendenzen zur Mobilisierung der Massen im Kampf f\u00fcr die Wahlreform zu l\u00e4hmen. Rosa selbst war gezwungen, es in der Debatte zu akzeptieren, indem sie darauf hinwies, dass \u201edie Stra\u00dfendemonstrationen von den Leitungsorganen der Partei einfach abgesagt wurden\u201c.<\/p>\n<p>Allgemeiner gesprochen \u00fcbersah sie jedoch die Kluft, die bereits zwischen der Arbeiter*innenb\u00fcrokratie an der Spitze der Gewerkschaften und breiten Schichten der Arbeiter*innenklasse bestand. In dieser Kluft m\u00fcssen wir nach den tiefsten Gr\u00fcnden f\u00fcr die Strategie der kautskyanischen Ermattung suchen.<\/p>\n<p>In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts kam es zur Entwicklung und Konsolidierung der imperialistischen Expansion auf weltweiter Ebene. Gleichzeitig entstand in der Welt der Lohnarbeiter*innen ein\u00a0<em>horizontaler Bruch<\/em>\u00a0zwischen der \u00fcberwiegenden Mehrheit der Klasse und einem Minderheitensektor, einer wahren Arbeiter*innenaristokratie, verbunden mit den enormen Profiten, die von den Halbkolonien in die Metropolen flossen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/sites.google.com\/site\/sozialistischeklassiker2punkt0\/lenin\/lenin-1915\/wladimir-i-lenin-der-zusammenbruch-der-ii-internationale\"><strong>1915 erkl\u00e4rte Lenin<\/strong><\/a>, der dieses Ph\u00e4nomen auf europ\u00e4ischer Ebene darstellte:<\/p>\n<p><em>Der Opportunismus entstand im Laufe von Jahrzehnten kraft der Besonderheiten jener Entwicklungsepoche des Kapitalismus, in der die verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig friedliche und kulturelle Existenz einer privilegierten Arbeiterschicht sie \u201everb\u00fcrgerlichte\u201c, ihr von den Profiten des eigenen nationalen Kapitals gewisse Brocken zukommen lie\u00df und sie vom Elend, von den Leiden und revolution\u00e4ren Stimmungen der ausgebeuteten und verarmten Massen isolierte.<\/em><\/p>\n<p>Die Entstehung der Arbeiter*innenb\u00fcrokratie innerhalb der Gewerkschaftsorganisationen war eine historische Neuerung und bedeutete einen\u00a0<em>qualitativen Wandel<\/em>\u00a0im Charakter der strategischen K\u00e4mpfe innerhalb der Arbeiter*innenbewegung.<\/p>\n<p>Rosa Luxemburgs politisch-ideologischer Kampf scheiterte an dieser materiellen Realit\u00e4t. Die Forderung an die sozialdemokratische F\u00fchrung, einen revolution\u00e4ren Kurs einzuschlagen, war logischerweise machtlos.<\/p>\n<p>Um die soziale Macht der Arbeiter*innenklasse im Hinblick auf die Konfrontation mit dem Staat und der kapitalistischen Macht zu entwickeln, ist es notwendig, eine andere politische Kraft aufzubauen, die die k\u00e4mpferischsten Sektoren des Proletariats zum Ausdruck bringt.<\/p>\n<p>Es lohnt sich, noch einmal auf Albamonte und Maiello hinzuweisen, die in ihrem Buch schreiben:<\/p>\n<p><em>Diese Konfrontation von Strategien, im Gegensatz zu all den (unz\u00e4hligen) K\u00e4mpfen von Tendenzen innerhalb der Arbeiter*innenbewegung im 19. Jahrhundert (\u2026), ergab sich nicht mehr nur im Hinblick auf den ideologisch-politischen Kampf, sondern auch im Hinblick auf die Konfrontation zwischen materiellen Kr\u00e4ften.<\/em><\/p>\n<p>Es war Lenin, der aus der russischen Erfahrung eine neue Konzeption der Partei entwickelte, die auf die Schaffung einer materiellen Parteikraft abzielte, die in die entgegengesetzte Richtung der B\u00fcrokratie geht, das hei\u00dft in eine revolution\u00e4re Richtung.<\/p>\n<p>Betrachtet man die Debatte von 1910 in historischer Hinsicht, so liegt die Vernunft ganz auf der Seite von Rosa Luxemburg. Die reformistische Degeneration der Sozialdemokratie erfuhr einen qualitativen Sprung zu Beginn des Ersten Weltkriegs, als ihre F\u00fchrung dieses immense imperialistische Blutbad politisch begleitete.<\/p>\n<p>Die Aktualit\u00e4t dieser Kontroverse liegt in der Kontinuit\u00e4t einer der Akteure. Der Prozess der B\u00fcrokratisierung von Gewerkschaftsorganisationen hat sich im letzten Jahrhundert nur noch weiter verst\u00e4rkt. Rosa Luxemburgs Kampf um die Freisetzung der Kampfkraft der Arbeiter*innenklasse geht weiter.<\/p>\n<p><em>Dies ist eine leicht ver\u00e4nderte Fassung eines Artikels vom Juli 2018 in\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/Rosa-Luxemburgo-y-la-huelga-de-masas-o-como-liberar-la-fuerza-del-proletariado\"><strong><em>Ideas de Izquierda<\/em><\/strong><\/a><em>.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/rosa-luxemburg-und-der-massenstreik-oder-wie-man-die-kraft-des-proletariats-freisetzt\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 9. Januar 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eduardo Castilla. 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