{"id":4767,"date":"2019-01-11T12:12:20","date_gmt":"2019-01-11T10:12:20","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4767"},"modified":"2019-01-11T12:12:20","modified_gmt":"2019-01-11T10:12:20","slug":"ein-interview-mit-leo-trotzki-vom-januar-1918","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4767","title":{"rendered":"Ein Interview mit Leo Trotzki vom Januar 1918"},"content":{"rendered":"<p><em>Manfred Scharinger. <\/em><strong>Vorwort. <\/strong>Am 24. Februar 1918 erschien in der\u00a0<em>Neuen Freien Presse<\/em>\u00a0in Wien auf den Seiten 3 und 4 ein gro\u00dfes Interview mit Leo Trotzki, damals Volkskommissar f\u00fcr\u00a0\u00e4u\u00dfere Angelegenheiten. Das Interview<!--more--> war bereits am 25. Januar 1918 in Petrograd im Smolny-Institut aufgenommen worden, jenem urspr\u00fcnglich als\u00a0Kloster konzipierten Komplex, der unter dem Zarismus als Bildungsanstalt f\u00fcr adelige M\u00e4dchen und 1917 dem\u00a0Petrograder Sowjet als Tagungsort gedient hatte. In der Folge hatte nach der Revolution der Rat der Volkskommissare, die erste Revolutionsregierung, hier ihren Sitz.<\/p>\n<p>Das Interview mit Leo Trotzki fand in einer besonders kritischen Phase der R\u00e4teregierung statt: Am 19. Januar war die\u00a0<em>Konstituante<\/em>\u00a0aufgel\u00f6st worden (nach dem alten Kalender am 6. Januar, wir verwenden hier, wenn nicht anders angegeben, die Z\u00e4hlung nach dem neuen Kalender). Die noch vor der Oktoberrevolution von der provisorischen Regierung angesetzten Wahlen zur verfassunggebenden Versammlung waren von der neuen R\u00e4teregierung erlaubt und am 12.\/25. November 1917 durchgef\u00fchrt worden. Das Ergebnis war, dass die Bolschewiki etwa ein Viertel der Stimmen erhielten und dabei klare Gewinner in russischen St\u00e4dten und unter den Soldaten der Westfront waren. Die Sozialrevolution\u00e4re hatten knapp 60 Prozent erhalten und waren besonders unter der Landbev\u00f6lkerung pr\u00e4sent. Nach einer Spaltung unterst\u00fctzten die linken Sozialrevolution\u00e4re aber nun die Bolschewiki und traten in die R\u00e4teregierung ein. So stellte sich also die Frage, ob sich im Zweifelsfall die Sowjets der Konstituante oder die Verfassunggebende Versammlung den R\u00e4ten unterordnen sollten. H\u00e4tten die Bolschewiki vorbehaltlos das Wahlergebnis der Konstituante anerkannt, h\u00e4tten Sozialrevolution\u00e4re und Menschewiki\u00a0die Regierung gebildet, die Revolution w\u00e4re verloren gewesen.<\/p>\n<p>Am 26. Dezember hatte Lenin\u00a0<em>Thesen zur konstituierenden Versammlung<\/em>\u00a0publiziert, in denen er argumentierte, dass die Sowjets eine h\u00f6here Form der Demokratie seien als die gew\u00f6hnliche b\u00fcrgerliche Republik mit einer Versammlung. Die Interessen der Revolution st\u00fcnden h\u00f6her als die formalen Rechte der Versammlung. Am 6.\/19. Januar war die Frage jedenfalls durch die Aufl\u00f6sung der Konstituante von den Bolschewiki entschieden worden.<\/p>\n<p>Die entscheidende au\u00dfenpolitische Frage dieser Wochen war aber nat\u00fcrlich die Frage der Beendigung des Krieges.\u00a0Am 15. Dezember 1917 war der Waffenstillstand mit der deutschen Heeresleitung in Brest-Litowsk unterzeichnet worden, am 22. Dezember hatten die Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk begonnen. Und am 9. Januar 1918 hatte Leo Trotzki die Leitung der russischen Delegation in Brest-Litowsk \u00fcbernommen. Unter den Bolschewiki standen sich mehrere Str\u00f6mungen gegen\u00fcber: Lenin argumentierte, dass die einzige M\u00f6glichkeit der sofortige Abschluss eines Separatfriedens mit Deutschland sei, w\u00e4hrend Bucharin f\u00fcr die Fortf\u00fchrung eines \u201erevolution\u00e4ren Krieges\u201c argumentierte. Trotzkis Formel \u201eWeder Krieg noch Frieden\u201c erhielt im Zentralkomitee die Mehrheit.<\/p>\n<p>Am 7. Januar 1918 hatte Trotzki Joffe als Delegationsf\u00fchrer in Brest-Litowsk abgel\u00f6st. Trotzkis Taktik war es, den Fortgang der Gespr\u00e4che zu verlangsamen, denn er setzte seine Hoffnungen auf einen raschen Fortschritt der Revolution in \u00d6sterreich-Ungarn und Deutschland \u2013 wir erinnern uns, dass es\u00a0schon Anfang 1917 in Wien aufgrund der Nahrungsmittelknappheit zu Streiks gekommen war und sich im Winter 1917\/18 die Lage dramatisch zugespitzt hatte.\u00a0Zwischen dem 3. und 25. J\u00e4nner 1918 erfasste der J\u00e4nnerstreik weite Teile der Donau-Monarchie. \u00dcber 700.000 Arbeiter traten in den Ausstand, vor allem wegen der materiell bedr\u00e4ngten Situation, aber auch wegen der durch die\u00a0Verhandlungen mit dem revolution\u00e4ren Russland gen\u00e4hrten Friedenserwartungen.\u00a0Trotzki selbst schrieb \u00fcber das Vorgehen der bolschewistischen Delegation:<\/p>\n<p>\u201eIn die Friedensverhandlungen traten wir mit der Hoffnung ein, die Arbeitermassen Deutschlands und \u00d6sterreich-Ungarns wie auch der Ententel\u00e4nder aufzur\u00fctteln. Zu diesem Zweck war es n\u00f6tig, die Verhandlungen m\u00f6glichst in die L\u00e4nge zu ziehen, damit die europ\u00e4ischen Arbeiter Zeit h\u00e4tten, die Tatsache der Sowjetrevolution und im Besonderen ihre Friedenspolitik geh\u00f6rig zu erfassen. (\u2026) Die Hoffnung auf eine rasche revolution\u00e4re Entwicklung in Europa gaben wir selbstverst\u00e4ndlich nicht auf.\u201c<\/p>\n<p>Daher wurde Trotzki nicht m\u00fcde, lange Propagandareden zu halten, was die Geduld vor allem der deutschen Delegation strapazierte. General Hoffmann wies Trotzki am 18. Januar 1918 zurecht: \u201eDie russische Delegation spricht mit uns, als ob sie siegreich in unserem Lande st\u00fcnde und uns Bedingungen diktieren k\u00f6nnte. Ich m\u00f6chte darauf hinweisen, dass die Tatsachen entgegengesetzt sind.\u201c Nachdem Hoffmann mit Nachdruck die deutschen Forderungen f\u00fcr einen Friedensvertrag gestellt hatte, bat Trotzki um eine Verhandlungspause. Noch am 18. Januar 1918 kehrte er nach\u00a0Petrograd zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Am Tag darauf war die Konstituante aufgel\u00f6st worden, w\u00e4hrend in \u00d6sterreich-Ungarn der J\u00e4nnerstreik immer gr\u00f6\u00dfere Ausma\u00dfe annahm. In dieser turbulenten Situation gelang es Trotzki, die bolschewistische F\u00fchrung einschlie\u00dflich Lenins davon zu \u00fcberzeugen, die Friedensverhandlungen zu verlassen, ohne einen Friedensvertrag unterzeichnet zu haben, eben weder Krieg zu f\u00fchren noch den Frieden zu unterzeichnen. Am 30. Januar 1918 kehrte Trotzki schlie\u00dflich an den Verhandlungstisch zur\u00fcck.\u00a0Angesichts der Massenstreiks in \u00d6sterreich-Ungarn und auch in Deutschland erhielt er von der F\u00fchrung der Bolschewiki noch weitergehende Vollmachten, die Verhandlungen zu verz\u00f6gern.<\/p>\n<p>Trotzkis Ansatz ging bekanntlich nicht auf: Die Mittelm\u00e4chte schlossen mit der Regierung der\u00a0Ukrainischen Volksrepublik am 9. Februar 1918 einen Separatfrieden, und der J\u00e4nnerstreik konnte schon vorher unter t\u00e4tiger Mithilfe des sozialdemokratischen Parteif\u00fchrung abgew\u00fcrgt werden. Der Parteivorstand selbst hatte eine Regierungserkl\u00e4rung verfasst, die zahlreiche Zugest\u00e4ndnisse an die Streikenden enthielt, darunter auch die Zusicherung, die katastrophale Lebensmittelversorgung zu verbessern und sich um Friedensverhandlungen zu bem\u00fchen. Doch auch nach dem Beschluss zum Streikabbruch am 20. J\u00e4nner gelang es nicht, wieder vollst\u00e4ndig die Ruhe herstellen. Am 22. J\u00e4nner 1918 streikten die Arsenalarbeiter im Kriegshafen\u00a0Pola, dem sich die Matrosen der im Hafen liegenden Schiffe der\u00a0kaiserlich-k\u00f6niglichen Kriegsmarine anschlossen,\u00a0am 29. J\u00e4nner streikten die Arbeiter in\u00a0M\u00e4hrisch-Ostrau, und am 1. Februar kam es im heutigen Montenegro bei der in der\u00a0Bucht von Kotor vor Anker liegenden k. u. k.\u00a0U-Boot-Flotte zum\u00a0Matrosenaufstand von Cattaro. Doch all das \u00e4nderte nichts daran, dass Ende Februar 1918 die russische R\u00e4teregierung die Friedensverhandlungen wieder aufnehmen und am 3. M\u00e4rz den Friedensvertrag in Brest-Litowsk unterzeichnen musste.<\/p>\n<p>Das folgende Interview vom 25. Januar 1918 nimmt auf alle diese Ereignisse \u2013 die Friedensverhandlungen, die Aufl\u00f6sung der Konstituante etc. \u2013 Bezug. Bezeichnender Weise wurde dieses gro\u00df aufgemachte Interview von der sozialdemokratischen Presse totgeschwiegen \u2013 wenn wir nichts \u00fcbersehen haben, ist in den Tagen nach dem 24. Februar 1918 jedenfalls kein Bezug auf das Interview in der\u00a0<em>Arbeiter-Zeitung<\/em>\u00a0zu finden. Der sozialdemokratische Parteivorstand und die\u00a0<em>Arbeiter-Zeitung<\/em>\u00a0hatten offensichtlich kein Interesse daran, sich zu einer Zeit n\u00e4her mit den offen ausgesprochenen revolution\u00e4ren Zielen Trotzkis und der russischen R\u00e4teregierung auseinanderzusetzen, als die \u201eGefahr\u201c des J\u00e4nnerstreiks, zumindest in seiner unmittelbarsten Form, gerade \u00fcberstanden war. Da war es wohl besser, das Interview Trotzkis in der\u00a0<em>Neuen Freien Presse<\/em>\u00a0nobel mit Schweigen zu \u00fcbergehen.<\/p>\n<p>Weshalb die\u00a0<em>Neue Freie Presse<\/em>, das Aush\u00e4ngeschild der b\u00fcrgerlich-liberalen Wiener Publizistik, ein Interview mit Leo Trotzki abdruckte, dar\u00fcber k\u00f6nnen wir nur spekulieren. Dass auch Karl Marx f\u00fcr kurze Zeit als\u00a0Korrespondent aus London f\u00fcr die \u201eNeue Freie Presse\u201c gearbeitet hatte, kann es nicht gewesen sein. Da werden wohl aktuelle (innen-) politische Erw\u00e4gungen eine gewichtige Rolle gespielt haben. Das w\u00fcrde auch erkl\u00e4ren, warum die\u00a0<em>Neue Freie Presse<\/em>\u00a0das Interview gerade am 24. Februar abdruckte: Nachdem ab 17. Februar 1918 die deutsche Armee die Kampfhandlungen gegen Russland wieder aufgenommen hatte und auf praktisch keine Gegenwehr gesto\u00dfen war, musste angesichts der katastrophalen Lage die Regierung Sowjetrusslands die Mittelm\u00e4chte um Frieden bitten. Am 24. Februar war dann an die deutsche, die \u00f6sterreichisch-ungarische, die osmanische und die bulgarische Regierung folgendes Telegramm ergangen: \u201eGem\u00e4\u00df der vom ausf\u00fchrenden Hauptausschuss und vom Rate der Vertreter der Arbeiter, Bauern und Soldaten am 24. Februar um 4 Uhr 39 Minuten fr\u00fch getroffenen Entscheidung hat der Rat der Volksbeauftragten beschlossen, die von der deutschen Regierung gestellten Friedensbedingungen anzunehmen und eine Abordnung zur Unterzeichnung des Friedens nach Brest-Litowsk zu senden.\u201c Unterzeichnet war das Telegramm vom Vorsitzenden des Rates der Volksbeauftragten, Wladimir Lenin, und dem Volksbeauftragten f\u00fcr ausw\u00e4rtige Angelegenheiten, Leo Trotzki. Und dieses Telegramm war in der Arbeiter-Zeitung am 26. Februar 1918 prominent auf der ersten Seite abgedruckt \u2013 dass die russischen Revolution\u00e4re um Frieden ansuchten, passte eher ins Konzept als eine ausf\u00fchrliche Stellungnahme Leo Trotzkis zu den anstehenden Fragen.<\/p>\n<p>Noch ein Wort zu\u00a0John Alexander L\u00f6nnegren, der das Interview Ende Januar 1917 in Petrograd f\u00fchrte und der eine unr\u00fchmliche Fu\u00dfnote in der schwedischen Geschichte bekam. Der schwedische Journalist und Gesch\u00e4ftsmann wurde 1888 in Lulea geboren, studierte in Uppsala und sp\u00e4ter in Greifswald, wo er 1916 in Staatswissenschaften promovierte. Ab 1903 arbeitete L\u00f6nnegren bei der schwedischen b\u00fcrgerlich-liberalen Zeitung\u00a0<em>Svenska Dagbladet<\/em>\u00a0und wurde f\u00fcr 15 Jahre deren Korrespondent in Paris, London, zuletzt in Berlin. In dieser Funktion scheint er auch das Interview mit Leo Trotzki gef\u00fchrt zu haben. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er Unternehmer und Bankdirektor, 1924 brasilianischer Honorarkonsul. In der Wirtschaftskrise verarmt, war er ab 1931 an der brasilianischen Gesandtschaft in Stockholm besch\u00e4ftigt. L\u00f6nnegren wurde dann 1938 Leiter des Stockholmer B\u00fcros der deutsch kontrollierten Nachrichtenagentur\u00a0<em>Skandinavisk Telegrambureau<\/em>. Ins Licht der \u00d6ffentlichkeit r\u00fcckte er nach seiner Verhaftung im Dezember 1944 im Zuge der\u00a0<em>Paulson-L\u00f6nnegren-Aff\u00e4re<\/em>\u00a0wegen seiner Rolle bei der Bespitzelung von Fl\u00fcchtlingen in Schweden durch Angeh\u00f6rige der deutschen Gesandtschaft, f\u00fcr die der gest\u00e4ndige L\u00f6nnegren zu zwei Jahren Strafarbeit verurteilt wurde. L\u00f6nnegren starb 1949 in Stockholm.<\/p>\n<p>Dass L\u00f6nnegren das Interview f\u00fcr eine schwedische Tageszeitung f\u00fchrte (das erst sp\u00e4ter von der\u00a0<em>Neuen Freien Presse<\/em>\u00a0\u00fcbernommen wurde), hatte nat\u00fcrlich auch inhaltlich einige Konsequenzen. So wird etwa relativ breit die Frage der\u00a0<em>\u00c5landinseln diskutiert. Seit 1809\u00a0<\/em>geh\u00f6rte \u00c5land zum Zarenreich und wurde Teil des autonomen\u00a0Gro\u00dff\u00fcrstentums Finnland. Nachdem Finnland am 6.\u00a0Dezember 1917 seine Unabh\u00e4ngigkeit von Russland erkl\u00e4rt hatte, wurde auf den schwedisch besiedelten \u00c5land-Inseln offen \u00fcber einen Anschluss an Schweden nachgedacht. Im Winter 1917\/18 sammelten Aktivisten in der kaum 20.000 Einwohner z\u00e4hlenden Inselgruppe \u00fcber 7.000 Unterschriften unter eine\u00a0Petition, die den Anschluss an Schweden forderte. Letztlich verblieb die Inselgruppe bei Finnland und bildet heute eine politisch weitgehend\u00a0autonome Region\u00a0Finnlands.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist das Interview keine tiefsch\u00fcrfende theoretische Abhandlung, aber daf\u00fcr ein agitatorisch und propagandistisch hochinteressantes Dokument, in dem einer der F\u00fchrer der Oktoberrevolution zu den aktuellen Ereignissen Stellung nimmt. In unaufgeregter Sprache legt es Zeugnis ab von Trotzkis revolution\u00e4rem Optimismus, aber auch seiner Prinzipienfestigkeit, etwa in der Frage des Selbstbestimmungsrechts der V\u00f6lker oder in der Erkl\u00e4rung der Aufl\u00f6sung der Konstituante. Und nicht zuletzt gibt es auch einen pers\u00f6nlichen Einblick in das Petrograd der ersten Monate unmittelbar nach der Oktoberrevolution und in das \u201eNervenzentrum des revolution\u00e4ren Russland\u201c, wie Leo Trotzkis B\u00fcro von L\u00f6nnegren im Text genannt wird. Wir denken, dass das Interview Wert ist, ein Jahrhundert nach seiner erstmaligen Publikation wieder ver\u00f6ffentlicht zu werden.<\/p>\n<p>*****<\/p>\n<p><strong>Leo Trotzki im Smolny-Institut. <\/strong>Eine Unterredung mit dem russischen Volkskommiss\u00e4r. Von unserem Sonderberichterstatter. Petersburg, 25. Januar. [Neue Freie Presse 24.2.1918 S.3-4]<\/p>\n<p>Fr\u00fch morgens nahm ich einen Iswoschtschik und fahre von meinem Hotel Medvsched auf dem Newsky Prospekt nach dem Smolny-Institut. Unterwegs passiere ich das Taurische Palais, das noch immer von Matrosen, Soldaten und Roten Gardisten stark bewacht ist. Schon vorher sehe ich mehrere Barrikaden, die Ruinen des Gerichtshofes und des Untersuchungsgef\u00e4ngnisses bei der Liteiny, wo so viele Angeklagte verurteilt wurden. W\u00e4hrend der Revolution wurden diese Geb\u00e4ude von der rasenden Volksmenge angez\u00fcndet und erst\u00fcrmt und zugleich wurden alle aufgefundenen Rechtsdokumente und Protokolle verbrannt. Von dem Gerichtsgeb\u00e4ude stehen nur noch die Mauern. Das Gef\u00e4ngnis aber hat sich \u00e4u\u00dferlich besser erhalten, obgleich innen alles zerschlagen und zerst\u00f6rt ist.<\/p>\n<p>Je mehr man sich dem Smolny-Institut n\u00e4hert, desto zahlreicher werden die bewaffneten Posten auf Stra\u00dfen und Pl\u00e4tzen, die uns mit mehr oder weniger misstrauischen Blicken mustern, da sie eine fremde Sprache h\u00f6ren. In der Ferne h\u00f6rt man Sch\u00fcsse fallen. Alles geht jedoch gut, und endlich stehen wir vor den Toren des m\u00e4chtigen Geb\u00e4udes. Eine Menge von Fahrzeugen steht hier und wartet, einige kommen, andere gehen, abwechselnd Automobile und Schlitten. Durch die Gittertore des Vorgartens flie\u00dft ein gleichm\u00e4\u00dfiger Strom Kommender und Gehender, meistens Soldaten und Matrosen, aber auch Zivilisten beiderlei Geschlechtes. Viele bewaffnete M\u00e4nner in Uniform oder Zivil bewachen den Eingang, aber keiner k\u00fcmmert sich um uns und wir passieren ohne weiteres. Der Vorhof ist \u00fcberf\u00fcllt von Panzerautomobilen, Kanonen und Maschinengewehren, alle fertig zur Aktion, und auch die bedienende Mannschaft ist bereit. Ich gehe unangetastet weiter und komme durch ein ziemlich unansehnliches Portal in den Palast. In dem gro\u00dfen Hauptkorridor wimmelt es von Menschen, meistens Milit\u00e4r verschiedener Waffengattungen. Auch hier k\u00fcmmert sich niemand um mich und ich gehe weiter durch den riesenhaften dunkeln Tunnel bis zu dem Zimmer, wo die Eintrittskarten ausgestellt werden.<\/p>\n<p>An zwei Schreibtischen sitzen einige Soldaten und sehen die Legitimationspapiere der Suchenden durch. Ich denke mir, dass der eine Schreibtisch f\u00fcr diejenigen ist, die Lenin sehen wollen, w\u00e4hrend der andere f\u00fcr diejenigen ist, die Trotzki zu treffen w\u00fcnschen, aber ich kann leider nicht konstatieren, ob es so ist. Mit milder Gewalt dr\u00e4nge ich mich rasch durch die Menge russischer Soldaten, die einen kleinen Puff nicht \u00fcbelnehmen, wenn man ihn nur mit einem \u201eEntschuldige, Kamerad\u201c begleitet. H\u00e4tte ich gewartet, bis ich an der Reihe war, h\u00e4tte es wohl eine Weile gedauert, bevor ich das wichtige Papier endlich erhalten h\u00e4tte, das mir den Weg \u00f6ffnen soll zum Nervenzentrum des revolution\u00e4ren Russland. Aber diesmal setze ich die R\u00fccksichtnahme auf das gute Recht anderer beiseite, und es gl\u00fcckt mir, innerhalb einiger Minuten bis zu Trotzkis Tisch vorzudringen.<\/p>\n<p>Das Empfehlungsschreiben des schwedischen Gesandten und mein Pass werden schnell gepr\u00fcft und \u201eder Kamerad\u201c am Tisch schreibt einige russische Worte auf ein St\u00fcck Papier, das noch mit einem Stempel versehen wird.<\/p>\n<p>Trotzki wohnt hoch oben in einem sonnigen Eck-Zimmer des Smolny-Instituts, von wo aus man eine herrliche Aussicht \u00fcber einen Teil der Metropole hat.<\/p>\n<p>Aber bevor ich dort bin, wird meine Eintrittskarte noch zweimal von bewaffneten Wachtposten gepr\u00fcft. Der erste steht an dem unteren Treppenaufgang und markiert seine Kontrolle, indem er das magische St\u00fcckchen Papier zur H\u00e4lfte zerrei\u00dft, der andere steht weiter oben und pr\u00fcft mich und das Papier nur fl\u00fcchtig, bevor er mich hineinl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Vor der T\u00fcr des Dienstzimmers des Ministers des \u00c4u\u00dfern nimmt ein Wachtposten meine Visitenkarte und geht hinein, um mich anzumelden. Unmittelbar darauf kommt er wieder, schl\u00e4gt die Fl\u00fcgelt\u00fcren auf und ich trete ein. An einem Tische nahe der T\u00fcr in dem gro\u00dfen, kahlen, fast unm\u00f6blierten Zimmer sitzt Trotzki, in ein lebhaftes Gespr\u00e4ch mit einer Roten-Kreuz-Schwester verwickelt. Nach einigen Minuten kommt er auf mich zu, sch\u00fcttelt mir die Hand und f\u00fchrt mich in eine Ecke, die wie in ein separates Zimmer abgeteilt ist, wo wir uns zur Seite eines Schreibtisches niederlassen.<\/p>\n<p>Klar und fest beantwortet er alle Fragen, gibt ein Expos\u00e9 \u00fcber den gegenw\u00e4rtigen Stand der Friedensverhandlungen, ber\u00fchrt das Verh\u00e4ltnis zu Finnland und Schweden, schneidet die Alandsfrage an und spricht sich schlie\u00dflich offen \u00fcber die Pl\u00e4ne der Bolschewiki aus.<\/p>\n<p>\u201eDie Aufgabe der Friedensverhandlungen,\u201c erkl\u00e4rte Trotzki, \u201eist die, Klarheit \u00fcber die Kriegsziele und Friedensbedingungen der verschiedenen Parteien zu schaffen, nicht aber gegenseitig zu \u00fcberzeugen. Diese Klarheit ist notwendig, da die Einigkeit in den am 25. Dezember formulierten Friedensprinzipien nur scheinbar war und eine gewisse Unklarheit hinterlie\u00df. Deutschland und \u00d6sterreich-Ungarn hatten wohl nominell die Prinzipien eines Friedens ohne Annexionen und Kontributionen sowie Selbstbestimmungsrecht f\u00fcr jedes Volk gutgehei\u00dfen, aber eigentlich meinten sie etwas anderes damit als wir. Unser Prinzip, dass alle V\u00f6lker und Volksst\u00e4mme im fr\u00fcheren russischen Reiche selbst \u00fcber ihr Schicksal entscheiden sollen, wollten wir nat\u00fcrlich auch auf die Teile des Reiches ausdehnen, die augenblicklich von den Zentralm\u00e4chten besetzt sind. Daraufhin erkl\u00e4rten die Delegierten der Zentralm\u00e4chte \u2013 eine Antwort, die schriftlich auf eine direkte Frage abgegeben wurde \u2013 dass eine R\u00e4umung der besetzten Gebiete nicht vor sich gehen k\u00f6nnte, bevor der Krieg definitiv abgeschlossen w\u00e4re. Dies fassten unsere Repr\u00e4sentanten so auf, dass die genannten Gebiete ger\u00e4umt werden sollen, sobald der allgemeine Friede geschlossen sei. Nun zeigt sich, dass die deutschen Repr\u00e4sentanten einer ganz anderen Auffassung sind. Auf meine Frage antwortete K\u00fchlmann, dass man keine Verpflichtung \u00fcbernehmen k\u00f6nne, die besetzten Gebiete zu irgendeinem bestimmten Zeitpunkte zu r\u00e4umen, und gleichzeitig behalte man sich das Recht vor, verschiedenartige Vertr\u00e4ge mit den besetzten Gebieten einzugehen, wodurch das Verh\u00e4ltnis zwischen diesen und den Zentralm\u00e4chten besonders intim werden kann. Unter diesen Umst\u00e4nden k\u00f6nnen wir nicht ersehen, dass diese Gebiete das Selbstbestimmungsrecht erhalten, das eines der vornehmsten Prinzipien der Friedensverhandlungen ausmacht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie wird Russland sich zu den entstandenen Komplikationen stellen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDar\u00fcber kann ich mich nicht \u00e4u\u00dfern, da ein Entschluss von unseren ma\u00dfgebenden Stellen noch nicht gefasst ist. Ich kann nur so viel sagen, dass wir keineswegs, wie man in Deutschland behauptete, die Verhandlungen in die L\u00e4nge ziehen. Wie es in Zukunft mit den Friedensverhandlungen gehen wird, wei\u00df ich nicht. Da sind viele Faktoren, die auf die Verhandlungen einwirken. Der wichtigste ist wohl die Friedenssehnsucht des Volkes in allen L\u00e4ndern, die sich immer st\u00e4rker hervordr\u00e4ngt, je weiter die Zeit fortschreitet.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAngenommen, dass Ihrem Beispiel in anderen L\u00e4ndern nicht Folge geleistet w\u00fcrde, dass die russische sozialistische Revolution in der Hauptsache auf Ihr Land beschr\u00e4nkt bleibt und alle Probleme und Schwierigkeiten, innere und \u00e4u\u00dfere, allein l\u00f6sen muss; zwischen der Ukraine und Gro\u00dfrussland besteht ja jetzt schon ein scharfer Konflikt, Kaledin und seine Anh\u00e4nger r\u00fcsten best\u00e4ndig, und es ist wohl anzunehmen, dass wenigstens eine gro\u00dfe Minorit\u00e4t des russischen Volkes, besonders die Intelligenz, die Beamten, Kaufleute, Industrielle fortgesetzt gegen Sie sind und passiven, ja vielleicht sogar aktiven Widerstand leisten werden?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWir werden siegen,\u201c antwortete Trotzki, \u201eauch wenn wir gegen alle Vermutung isoliert werden w\u00fcrden, das ist meine feste \u00dcberzeugung. Nat\u00fcrlich sind noch viele Schwierigkeiten zu \u00fcberwinden, nat\u00fcrlich wehrt sich die B\u00fcrgerklasse und ein gro\u00dfer Teil der Intelligenz mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen gegen die Umw\u00e4lzung und die neue Gesellschaftsordnung.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber wie kann das mit demokratischen und sozialistischen Prinzipien \u00fcbereinstimmen, dass die Generalversammlung, welche vom russischen Volk durch allgemeine, gleiche und direkte Wahlen nach den demokratischesten Bestimmungen gew\u00e4hlt wurde, aufgel\u00f6st wird?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie konstituierende Generalversammlung, die wir nun gesprengt haben, kr\u00f6nte nur das Werk der Februarrevolution, sie hatte sich selbst \u00fcberlebt, trotzdem sie nicht Gelegenheit hatte, zu arbeiten, denn die Zeit hat schneller gearbeitet. Die Deputierten der Konstituante wurden nach alten Kandidatenlisten gew\u00e4hlt, die nach damaligen Parteiverh\u00e4ltnissen aufgestellt waren, die seitdem und vor allem seit der Oktoberrevolution radikal ver\u00e4ndert worden sind. Als diese Listen aufgestellt wurden, waren zum Beispiel die Sozialrevolution\u00e4re eine einheitliche Partei, w\u00e4hrend nun, wie bekannt, der eine Teil mit uns geht, und der andere Teil eifrig gegen uns k\u00e4mpft. Damals waren die gro\u00dfen Massen der Bauern noch nicht von unseren Ideen durchdrungen, was jetzt aber in hohem Grade der Fall ist. Darum f\u00fchlen wir und wissen, dass wir die \u00fcberwiegende Majorit\u00e4t des arbeitenden Volkes repr\u00e4sentieren, und dies hat uns den politischen Mut und das moralische Recht gegeben, die Nationalversammlung aufzul\u00f6sen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs ist also ein Experiment, das Sie gegenw\u00e4rtig machen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa gewiss, ein gro\u00dfes, ein welthistorisches Experiment, und ein Experiment, das gl\u00fccken wird, davon bin ich fest \u00fcberzeugt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAlso wenn die finnischen Sozialisten, die doch tats\u00e4chlich in der Minorit\u00e4t sind, in dem auf Grund des freiesten Wahlrechts der Welt gew\u00e4hlten Landtag, versuchen w\u00fcrden, mit Gewalt den Landtag zu sprengen, den Senat zu verhaften und eine sozialistische finnische Republik auszurufen, w\u00fcrde der russische Milit\u00e4rismus ihnen in Finnland behilflich sein? Das freie, sozialistische und demokratische Russland, das selbst aller V\u00f6lker Selbstbestimmungsrecht proklamiert, w\u00fcrde seine Soldaten sich einmischen lassen in die inneren Angelegenheiten eines anderen Volkes und w\u00e4hrend eines B\u00fcrgerkrieges eine Minorit\u00e4t gegen eine Majorit\u00e4t unterst\u00fctzen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNat\u00fcrlich w\u00fcnschen wir die Verbreitung unserer Ideen \u00fcberall und nat\u00fcrlich hoffen wir in erster Linie auf deren Verbreitung bei unseren n\u00e4chsten Nachbarn. Ich habe mit Erstaunen unsere finnischen Parteifreunde gefragt, warum sie unserem Beispiel nicht folgen und die sozialistische Republik in Finnland nicht durchf\u00fchren. W\u00fcrden sie dies tun, bek\u00e4men sie unzweifelhaft vom russischen Milit\u00e4r Hilfe. Da die finnischen Sozialisten indessen noch nichts in dieser Richtung machen konnten oder wollten, so haben wir, unseren Prinzipien \u00fcber das Selbstbestimmungsrecht des Volkes getreu, Finnland als ein freies und unabh\u00e4ngiges Land anerkannt, trotzdem es eine B\u00fcrgerregierung an seiner Spitze hat. Wir meinen es ernst mit diesem Anerkennen, und wir gedenken auch, Finnland r\u00e4umen zu lassen, sobald der Friede geschlossen ist. Die Frage der Minorit\u00e4t und Majorit\u00e4t aus sozialistischen Gesichtspunkten habe ich teilweise schon vorher beantwortet. F\u00fchlen die finnischen Sozialisten wie wir, dass sie wirklich das Volk auf ihrer Seite haben und dass die Gelegenheit sich jetzt bietet, ihr Programm durchzuf\u00fchren, so sehe ich nicht ein, warum sie es nicht tun, und sich unserer Hilfe, wenn n\u00f6tig, nicht bedienen sollen. Haben sie dagegen dieses Gef\u00fchl und die \u00dcberzeugung nicht, wissen sie, dass sie nur an St\u00fctzen in weiteren Kreisen verlieren und in wirkliche Minorit\u00e4t kommen w\u00fcrden, so ist es ja gen\u00fcgend Erkl\u00e4rung f\u00fcr ihre Unt\u00e4tigkeit. Das russische Milit\u00e4r wird nicht aus eigener Initiative eingreifen, sondern nur, wenn seine Hilfe von den finnischen sozialistischen Kreisen verlangt wird.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie ist es mit der Lebensmittelfrage? Man glaubt allgemein in den b\u00fcrgerlichen Kreisen, dass Petersburg in kurzem Hungersnot haben wird und dass dies den Untergang der Bolschewiki bedeutet. Und wie fungieren die wichtigen Maschinerien des Staatsministeriums und der Banken? Wie stellt man sich zur Sabotage der Beamten und Dienstleute?\u201c<\/p>\n<p>\u201e\u00dcber die Lebensmittelfrage werden wir nicht fallen. Der Konflikt mit der Ukraine jagt uns keinen Schrecken ein. Die ukrainische Rada, die nur eine schlechte Kopie des Kerenskischen Systems ist, sieht ihre Macht t\u00e4glich mehr schwinden. Ein Gebiet nach dem andern macht sich von dessen Macht frei, um sich uns anzuschlie\u00dfen oder um eigene, autonome Gebiete zu bilden. Es sind reiche Vorr\u00e4te an Getreide im S\u00fcden und in Sibirien vorhanden. Die Schwierigkeiten bestehen nur im Transport hieher. Aber auch dies wird besser und besser, wenn wir nur erst alles organisiert haben. In Poltawa allein liegen 15 Millionen Pud Getreide und dieser Distrikt geh\u00f6rt zu uns. Charkow hat eine eigene Republik gebildet, die auch mit uns h\u00e4lt. Die Bauern im Dondistrikt haben sich mit f\u00fcnf Sechsteln der Majorit\u00e4t f\u00fcr uns ausgesprochen. Der ganze Kohlendistrikt im S\u00fcden ist in unseren H\u00e4nden. Kaledin muss sich in der Defensive halten. Indem die sichtbaren Vorr\u00e4te herbeigeschafft werden, indem von den gr\u00f6\u00dferen Bauern requiriert wird und indem durch die Demobilisierung der Kriegsindustrie f\u00fcr die Landwirtschaftsger\u00e4te usw. der Bauern gesorgt und die Produktion von Lebensmitteln erh\u00f6ht wird, werden wir sicherlich die Knappheit an Lebensmitteln \u00fcberwinden, die ja in Russland nur lokaler Natur ist.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber wird es nicht schwer, die gro\u00dfen Scharen Soldaten und die anderen, die sich daran gew\u00f6hnt haben, arbeitslos w\u00e4hrend des Krieges und der Revolution herumzulaufen, zu bewegen, die regelm\u00e4\u00dfige Arbeit wieder aufzunehmen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDiese Schwierigkeit existiert mehr oder weniger wohl in allen L\u00e4ndern, aber am wenigsten doch wohl in Russland, wo die gro\u00dfe Masse der Soldaten Bauern [sind] und [die] Bauern [bereit sind,] zu[r\u00fcckzu]kommen und die Landarbeit aufzunehmen. Im \u00dcbrigen soll der Druck der Masse auf die Mitglieder organisiert und mit gro\u00dfer Energie ausge\u00fcbt werden. Berufsgerichte sollen eingerichtet werden und der Faulenzer soll verurteilt und gezwungen werden, f\u00fcr das Heil des Ganzen zu arbeiten. Dass die Gesellschaft durch die Geburtswehen der Revolution ins Wanken geriet, ist nat\u00fcrlich. Uns missfallen die Exzesse und Gewalttaten, die hie und da vorkommen, sehr, aber sie sind einzig und allein der Ausdruck des B\u00f6sen, das sich seit langen Zeiten angesammelt hat. Allm\u00e4hlich wird auch das Gleichgewicht durch die eigene Kontrolle des Volkes wiederkehren. Diejenigen, die Schingarew und Kokoschkin ermordet haben, sind auf unseren Befehl verhaftet worden, und die Allgemeinheit hat reichliche Ermahnungen, sich ruhig zu verhalten, erhalten. Jede Gewalttat wird in Zukunft streng bestraft werden. Wir wollen kein Blutvergie\u00dfen, wenn wir es vermeiden k\u00f6nnen. Nur wenn man uns angreift, werden wir die strengsten Mittel nicht scheuen. Das Ger\u00fccht, dass die sabotierenden Regierungsbeamten und Bankleute erschossen werden w\u00fcrden, ist vollkommen aus der Luft gegriffen. Nat\u00fcrlich hat ihre Sabotage uns gewisse Unannehmlichkeiten verursacht und die Staatsmaschinerie am normalen Fungieren verhindert, was ja umso unbehaglicher ist, als die gr\u00f6\u00dften Schwierigkeiten beim Durchf\u00fchren unseres Programms rein technischer Art sind. Aber ich glaube, dass der Streik der Bankleute aus falscher Auffassung hervorgegangen ist, weil sie glaubten, unser Regime h\u00e4tte nur kurze Dauer. Wenn sie nun sehen, dass unsere Regierung von Dauer ist, so werden sie sicher bald ihre Vernunft zu Rate ziehen und in ihrem eigenen Interesse sowohl wie in dem der Allgemeinheit zu ihrem Dienst zur\u00fcckkehren.\u201c<\/p>\n<p>\u201eApropos, Banken, man kann ja nicht Geld aus einer Petersburger Bank auf einen im Auslande, beziehungsweise in Schweden ausgestellten Scheck erhalten. Was ist die Ursache hief\u00fcr?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDarauf will ich Ihnen mit einer Gegenfrage antworten: Warum l\u00e4sst die schwedische Regierung an unseren Gesandten Worowski nicht Russlands Guthaben, mehr als einige Millionen Kronen, auszahlen? Anstatt dessen stehen die Gelder zur Verf\u00fcgung des fr\u00fcheren russischen Ministers Gulkewitsch, was ja juristisch und moralisch unrecht ist, da Herr Gulkewitsch abgesetzt ist.\u201c<\/p>\n<p>\u201eD\u00fcrfte die Anerkennung der Bolschewikiregierung von Bedeutung f\u00fcr das gute Einvernehmen zwischen Schweden und Russland sein?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNat\u00fcrlich w\u00fcrden wir mit Vergn\u00fcgen Schwedens Anerkennung entgegennehmen, was ja eigentlich nur eine Konsequenz der Anerkennung der Selbst\u00e4ndigkeit Finnlands w\u00e4re, vielleicht sogar in erster Linie deshalb, weil diese von uns anerkannt wurde. Nun anerkennt man das Kind, ohne die Mutter anerkennen zu wollen. Das macht aber in jedem Falle nichts. Man lebt auch gut, ohne anerkannt zu sein. Aber dies kann ja seine Nachteile auch f\u00fcr die andere Partei haben. Solange Schweden uns nicht anerkannt hat, kann es keine offiziellen Verhandlungen mit uns betreffs der Alandsfrage f\u00fchren, die Sie ja f\u00fcr so wichtig ansehen. Im \u00dcbrigen legen wir nat\u00fcrlich gro\u00dfen Wert auf ein gutes Einvernehmen zwischen Schweden und Russland ebenso wie zu den \u00fcbrigen skandinavischen L\u00e4ndern und unseren Nachbarn \u00fcberhaupt. Wir haben auch viele wichtige gemeinsame Interessen mit den skandinavischen L\u00e4ndern und Finnland. Vor allem ist es von gro\u00dfer Bedeutung, dass die wichtige baltische Frage gel\u00f6st wird, so dass keine Konflikte und Komplikationen entstehen. In dieser Hinsicht hat Russland dasselbe Interesse wie Schweden, Finnland und D\u00e4nemark, und deshalb ist es wichtig, dass auch diese Staaten ein Wort mitzusprechen haben, wenn die baltische Frage geregelt wird. Diese Frage ist durch die deutsche Besetzung der baltischen Inseln und des Moonsundes erheblich alteriert worden. Am besten d\u00fcrfte dieses Problem vielleicht bei dem kommenden allgemeinen Friedenskongress behandelt werden, wo die Frage, betreffend s\u00e4mtliche Meerengen, die wichtigsten internationalen Innenseen und Fahrwasser behandelt werden wird. Aus diesem Gesichtspunkte ist es nicht w\u00fcnschenswert, die baltische Frage durch bindende Verabredungen durch Deutschland und \u00d6sterreich-Ungarn schon jetzt zu erledigen. Wir glauben, dass die Interessen der kleinen Staaten gerade durch diesen Antagonismus zwischen den Gro\u00dfm\u00e4chten am besten vertreten werden k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd glauben Sie, dass Russland dem Auslande Getreide und andere wichtige Rohwaren liefern kann? Sie wissen, dass die Lebensmittelfrage fast \u00fcberall eine brennende ist.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch hoffe es. Der Lebensmittelmangel ist ja nunmehr eine internationale Erscheinung, die beinahe in allen L\u00e4ndern Europas auftritt. Ich h\u00f6rte unter anderm von Tschitscherin, dass die Lebensmittelverh\u00e4ltnisse in England besonders schlecht sind und vor allem in letzter Zeit sich sehr verschlechtert haben. Russland hat Getreide genug, wenn es nur verteilt werden k\u00f6nnte. Nun werden ja die Transporte durch die inneren Streitigkeiten im S\u00fcden erschwert. Innerhalb ein bis zwei Monaten hoffe ich aber, dass der B\u00fcrgerkrieg im S\u00fcden beendigt sein wird, und dann kann der Transport nach Norden und Westen wohl in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfstabe aufgenommen werden. Ein Teil des \u00dcberschusses \u2013 wenn ein solcher, wie ich hoffe, sich ergibt \u2013 wird wohl nach \u00d6sterreich und Deutschland gehen, aber auch Skandinavien liegt uns ja so nahe, dass diese L\u00e4nder sicher einen Teil von Getreide, \u00d6l, Tee usw. von uns werden bekommen k\u00f6nnen. Als Kompensation sind besonders landwirtschaftliche Maschinen erw\u00fcnscht\u2026\u201c<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch hatte gute f\u00fcnf Viertelstunden gedauert. Nun stieg ich wieder die breiten Steintreppen hinunter, die jetzt von schmutzigen, schweren Soldatenstiefeln ausgetreten werden, wo fr\u00fcher zierliche, adelige M\u00e4dchen leicht hinuntertrippelten. Drau\u00dfen vor dem Portal werden gewaltige Zeitungspakete abgeladen, ob beschlagnahmte Oppositionsbl\u00e4tter oder Bolschewiki-Propagandaliteratur, wei\u00df ich nicht. Durch die Menge der Soldaten, Matrosen, Rote Gardisten, Automobile und Schlitten dr\u00e4nge ich mich zum Portalgitter durch. Auch der ganze gro\u00dfe Garten vor dem Smolny-Institut wimmelt von Milit\u00e4r, und als ich endlich den Weg hindurch gefunden hatte, sehe ich, dass der Zutritt zur anderen Seite durch Wachposten gesperrt ist. Ich komme jedoch trotzdem unangetastet durch und nehme zur Abwechslung die elektrische Bahn zum Newsky Prospekt. \u00dcberf\u00fcllt mit Soldaten und Matrosen, wie gew\u00f6hnlich.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/klassenkampf.net\/ein-interview-mit-leo-trotzki-vom-januar-1918\/\"><em>klassenkampf.net&#8230;<\/em><\/a><em> vom 11. Januar 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manfred Scharinger. Vorwort. Am 24. Februar 1918 erschien in der\u00a0Neuen Freien Presse\u00a0in Wien auf den Seiten 3 und 4 ein gro\u00dfes Interview mit Leo Trotzki, damals Volkskommissar f\u00fcr\u00a0\u00e4u\u00dfere Angelegenheiten. 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