{"id":4778,"date":"2019-01-13T14:43:14","date_gmt":"2019-01-13T12:43:14","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4778"},"modified":"2019-01-13T14:43:14","modified_gmt":"2019-01-13T12:43:14","slug":"russland-1918-fabrikkomitees-arbeiterkontrolle-und-bewegungszerfall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4778","title":{"rendered":"Russland 1918. Fabrikkomitees: Arbeiterkontrolle und Bewegungszerfall"},"content":{"rendered":"<p>Wenn wir die Bewegung der Meschotschniki kennen, k\u00f6nnen wir nun das praktische Auslaufen der Fabrikkomitees als wirksame Kraft ab Mitte Dezember 1917 besser verstehen. Der soziale Alltagskampf \u201eum\u2018s Brot\u201c hatte sich<!--more--> notgedrungen vom betrieblichen Terrain auf die Mobilit\u00e4t verlagert. F\u00fcr das konkrete Verhalten bei Mobilisierungen und die politische Orientierung war die Erfahrung mit der Lebensmittelnot wichtiger als betriebsbezogene K\u00e4mpfe um Arbeiterkontrolle und entschlossene Aneignungsaktionen geworden.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>\u00a0Diese steckten trotz aller Diskussionen in einer Sackgasse, weil materiell in dieser Situation nicht viel zu gewinnen war. Vor allem die gro\u00dfen R\u00fcstungsbetriebe, die von Staatsauftr\u00e4gen abh\u00e4ngig waren, befanden sich in der Krise und entlie\u00dfen die Randbelegschaften oder verzichteten auf Bauernarbeiter, die im Kampf am radikalsten gewesen waren. Von ihnen wurde militant gleiche Bezahlung und Lohnfortzahlung f\u00fcr alle gefordert, um zumindest einen Lohnausgleich wegen der Teuerung zu erhalten, was von den neuen parteitreuen Arbeiterkontrolleuren aus den Facharbeiterschichten abgelehnt wurde.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>\u00a0Von den Bolschewiki wurden viele Militante abgezogen und ihnen Posten in den Gewerkschaften und staatlichen Verwaltungen gegeben, mit der Folge von Entsolidarisierungen und zus\u00e4tzlichen Fraktionierungen.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>\u00a0So geschw\u00e4cht konnten die Fabrikkomitees klar und deutlich mit den Beschl\u00fcssen auf dem\u00a0<em>Ersten Gesamtrussischen Gewerkschaftskongress in Petrograd<\/em>\u00a0vom 7.- 14. Januar 1918 kaltgestellt und den Gewerkschaften untergeordnet werden. Solches war aber nur m\u00f6glich auf dem Hintergrund der sozialen Ausd\u00fcnnung durch Abwanderung und K\u00fcndigungen, den katastrophalen Lebensbedingungen und den Spaltungen, die seit dem Oktober in die Bewegung hineingetrieben wurden.<\/p>\n<p>Damit war unter dem Strich die Geschichte der revolution\u00e4ren Fabrikkomitees beendet und die Bolschewiki waren als Teil der sozialen Bewegung erledigt. [Die linken oder linksradikalen Bewertungen der Bolschewiki werden sich ab diesem Zeitpunkt elementar unterscheiden bzw. haben sich unterschieden.] Nach der Februarrevolution waren die Komitees zuerst von den Betriebskadern der Sozialrevolution\u00e4re und der Menschewiki gepr\u00e4gt worden, als die Bolschewiki auf Betriebsebene zahlenm\u00e4\u00dfig noch unbedeutend waren: Im Verlaufe des Mai hatten sich die Bolschewiki im Verlauf der K\u00e4mpfe und auf der Grundlage der Aprilthesen Lenins verbreitert, weil sie sich als einzige regul\u00e4re Partei f\u00fcr das sofortige Kriegsende in Frontstellung gegen die Regierung einsetzten. Die Reden Lenins und anderer auf dem ersten stadtweiten Kongress der Fabrikkomitees Ende Mai\/Anfang Juni stehen daf\u00fcr. Da die gem\u00e4\u00dfigten Parteien mit der neuen Frontoffensive die eigene Basis vor den Kopf stie\u00dfen und sich dazu noch deutlich von den Arbeitermilizen und deren betrieblichen Aktionen distanzierten, er\u00f6ffnete sich ein breites Feld f\u00fcr harsche Kritik von links und von der Basis. So ermunterte z.B. der Vorsitzende des ersten Kongresses der Petrograder Fabrikkomitees Ende Mai, ein linker Sozialrevolution\u00e4r namens Levin, die Bolschewiki, sich an der gemeinsamen Front von unten zu beteiligen, und unterst\u00fctzte damit den gemeinsamen \u201eMilitantisierungs\u201c-Prozess.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>\u00a0Im Ergebnis kann man die historische Phase der massenhaften Bolschewisierung an der Basis auf die Zeit von Ende Mai 17 bis Mitte Dezember 1917 begrenzen. Die nun angelaufene \u201eVerstaatung\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>\u00a0der Bewegung durch die \u201eDiktatur des Proletariats\u201c brachte eine ganz andere Art \u201eZustimmung\u201c zum Parteiregime mit sich, einschlie\u00dflich anderer Schichten, die sich auf die Seite der Regierung stellten.<\/p>\n<p>Diese Art von Zustimmung durch neue Spaltung konformer und nicht parteikonformer K\u00e4mpfer_innen steht im zeitlichen Zusammenhang mit dem Beginn willk\u00fcrlicher staatlicher Gewalt im Umgang mit den politischen Gegnern. Pl\u00f6tzlich wird die staatliche Rede von der Revolution zur absto\u00dfenden Propaganda, weil die Inhalte der Revolution bisher gegen die Gewalt des Staates gerichtet waren; das hatte sich immer beispielhaft in den Protesten gegen die Todesstrafe und K\u00f6rperstrafen und bei der verbreiteten Flucht aus der Kriegsgewalt gezeigt.<\/p>\n<p>Isaak Steinberg als Beteiligter weist auf den richtigen Zusammenhang hin: Exakt mit dem Ende der radikalen Kampfphase der Arbeiter*innen im Dezember 1917 begann der abstrakte Terror mit der Gr\u00fcndung der Tscheka und den Angriffen auf die Mitglieder der Kadetten.<\/p>\n<p>Schon im Sommer h\u00e4tten die Bolschewiki eine Agitationstechnik bevorzugt, die die Kritik der herrschenden Disziplin grenzenlos personalisiert habe, indem durchweg Einzelpersonen schuldhaftes Verhalten vorgeworfen wurde.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a>\u00a0Nicht nur ein Vorarbeiter oder Meister, der sich wirklich sch\u00e4ndlich benommen hatte, wurde angegriffen und dem Volkszorn \u00fcberlassen, sondern jeglicher Bourgeois als solcher, alle Manager wurden f\u00fcr \u201eunmoralisch\u201c erkl\u00e4rt und als Klassenfeind gegei\u00dfelt. Man verurteilte sie nicht nur politisch, sondern auch charakterlich und moralisch und gab sie zum \u201eAbschuss\u201c frei. Politisch konnte das an die berechtigte revolution\u00e4re erste Wut im Februar gegen die Repressionskr\u00e4fte ankn\u00fcpfen, schrieb diese fort und kn\u00fcpfte an volkst\u00fcmliche Formen der Selbstjustiz auf dem Dorf an. Soweit sei das verst\u00e4ndlich. Aber eine Partei von Intellektuellen habe nicht die Aufgabe, ein solches Vorgehen zu unterst\u00fctzen, auszunutzen oder zu verst\u00e4rken. Das primitive Eingehen auf die d\u00f6rflichen Rechtsgebr\u00e4uche und \u00fcberhaupt auf einen alten, unabstrakten Stil der \u201eSchuldsuche\u201c, der nicht Normen oder verbindliche Ma\u00dfst\u00e4be anwende und konkrete Schuld nachweise, sondern relativ emotional Unmut projiziere sei eine S\u00fcnde gegen die revolution\u00e4ren Werte, vor allem wenn \u201eSelbstjustiz\u201c als Erlaubnis zur Willk\u00fcr propagiert werde. Steinberg als erster Volkskommissar f\u00fcr Justiz erkl\u00e4rte sp\u00e4ter selbstkritisch, dass solche Praktiken den Anfang vom Ende bedeutet h\u00e4tten. Nun, nach dem Oktober, da jeglicher sozialer Kampf durch die Umst\u00e4nde blockiert war, sei es den Bolschewiki darum gegangen, S\u00fcndenb\u00f6cke zu finden und Parteimitglieder feindlicher Parteien dazu zu machen, indem sie unabh\u00e4ngig von konkretem Tun oder Lassen f\u00fcr vogelfrei erkl\u00e4rt wurden:<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>\u201e<em>Es war die Erkl\u00e4rung vom Dezember 1917 gegen die b\u00fcrgerlich-liberale Kadettenpartei. Die letztere wurde \u201aau\u00dferhalb des Gesetzes gestellt\u2018. Die Kennzeichnung der Kadetten als Konterrevolution\u00e4re mag richtig sein; das Dekret selbst ist aber zu einer unheimlich-gef\u00e4hrlichen Tat geworden. Denn es bedeutete, da\u00df von nun an keine reale Person wegen eines realen Verbrechens angeklagt wurde und da\u00df eine politische und soziale\u00a0Abstraktion\u00a0(\u201adie Kadettenpartei\u2018) dem allgemeinen Verdacht, der allgemeinen Wut ausgeliefert wurde, da\u00df ferner die zu dieser Abstraktion geh\u00f6renden\u00a0Menschen\u00a0als lebende und leidende Wesen zu existieren aufh\u00f6rten, da\u00df das Volk im Augenblick seines Zornes oder seiner Ohnmacht seine Vergeltung gegen sie richtigen durfte. Mit diesem mit dem Geist des Sozialismus in schreiendem Widerspruch stehenden Akt sagte man den Massen zum ersten Male: bei euren gegenw\u00e4rtigen oder zuk\u00fcnftigen Leiden seid ihr nicht mehr verpflichtet, nach der Schuld der Schuldigen zu forschen, die Schuld auch\u00a0in euch selber\u00a0und in den Bedingungen der Lage zu suchen, Institutionen umzubauen und die Klassenfeinde\u00a0sozial\u00a0unsch\u00e4dlich zu machen; ihr k\u00f6nnt einfach an einem gegebenen S\u00fcndenbock Vergeltung \u00fcben, euch direkt r\u00e4chen und eure Feinde wie Kriminalverbrecher strafen und vernichten. Erst durch dieses Dekret der R\u00e4teregierung wurden die gegenseitige Haftpflicht und die Institution der Festnahmen von Geiseln, die jetzt wie ein eiserner Reifen, die ganze Revolution umklammern, geschaffen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Im November und Dezember 1917 gab es die Abschiedsvorstellung des zeitweiligen Zusammengehens zwischen Bolschewiki-Spitze und Arbeiter*innenradikalismus in den gro\u00dfen Fabriken. Man spricht in der englischsprachigen Literatur von \u201eRed Guards Attack\u201c, also einer Rote-Garden-Offensive, einer Hochphase von Fabrik\u00fcbernahmen, die verzahnt waren mit der ausf\u00fchrlichen Diskussion \u00fcber das Dekret \u00fcber die Arbeiterkontrolle vom 14. November 1917 in seinen verschiedenen Fassungen und Teilen.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a>\u00a0Br\u00fcgmann nennt diese Phase \u201eBetriebskomitees in der Offensive.\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a>\u00a0Aus unserer Sicht stimmt es nicht, wenn Br\u00fcgmann schreibt: \u201eDas Dekret \u00fcber die Arbeiterkontrolle hatte die Revolution unmittelbar in die Betriebe hineingetragen\u201c. Wenn er betont, die Revolution sei durch ein Dekret in die Fabriken gekommen, setzt er den Akzent auf die Bolschewiki an der Staatsmacht: wir stellen andersherum fest, dass der diesbez\u00fcgliche Aktionismus schon im Mai brodelte, dass schon damals die Kontrolle durch Arbeiter \u00fcbernommen wurde, vor allem in den gro\u00dfen Staatsbetrieben, in denen zuvor zaristische B\u00fcrokraten in Offiziersr\u00e4ngen betriebliche Aufgaben gehabt hatten; diese hatten teilweise von ganz allein die Posten ger\u00e4umt und Aufgaben hinterlassen, die anschlie\u00dfend von engagierten Leuten aus der Belegschaft \u00fcbernommen wurden. Schon im Mai k\u00e4mpften z.B. die Milizen heftig und erfolgreich um die regul\u00e4re Bezahlung durch die Unternehmen. Die Milizen st\u00fctzten viele Streiks, indem sie unternehmerische Zwangseingriffe unm\u00f6glich machten und damit eine Machtumkehr, mindestens aber eine radikale Beschneidung der \u201eunternehmerischen Freiheit\u201c in den Fabriken durchsetzten.<\/p>\n<p>Nun radikalisierten sich die K\u00e4mpfe nach dem Oktoberumsturz in einer neuen Welle, weil die sozialen Bedingungen wie auch gleichzeitig die \u00f6konomische Situation mit dem Rohstoffmangel und dem Ende der Staatsauftr\u00e4ge abst\u00fcrzten. Sie waren ebenfalls f\u00fcr eine kurze Phase- vielleicht nicht l\u00e4nger als bis Anfang Dezember \u2013 Zeichen neuer Ermutigung durch das Dekret zur Arbeiterkontrolle. Dass so ein Dekret ein sch\u00f6nes Dokument im Sinne der ge\u00fcbten Praxis war, steht au\u00dfer Frage. \u201eAlle Verf\u00fcgungen, die die Rechte der Betriebskomitees einschr\u00e4nkten wurden aufgehoben. Die Entscheidungen der gew\u00e4hlten Organe der Arbeiterkontrolle wurden f\u00fcr den Unternehmer verbindlich.\u201c<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a>\u00a0Ebenso steht au\u00dfer Frage, dass es zwei Monate sp\u00e4ter Schnee von gestern war, weil die Unternehmensf\u00fchrungen nun andere waren und die Rechte der Belegschaften zunehmend von parteitreuen Gewerkschaftlern, also nicht mehr unmittelbar von der Basis selbst vertreten wurden. Dieser \u00dcbergang von Entscheidungen von Kollegen*innenversammlungen in der Fabrik auf die Kaderebene der Gewerkschaften, die wiederum an die Partei der Bolschewiki angebunden waren, ist schon h\u00e4ufig dargestellt worden. Parallel dazu schritt die Partei zur Entmachtung der Stadtteilsowjets und sorgte f\u00fcr deren \u00dcbergang in die Bedeutungslosigkeit.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>In den Betrieben standen Fragen an, wie die Produktion \u00fcberhaupt aufrechtzuerhalten w\u00e4re, wie Auftr\u00e4ge zu bekommen w\u00e4ren und in welcher H\u00f6he L\u00f6hne \u00fcberhaupt ausgezahlt werden k\u00f6nnten.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a>\u00a0Das war dr\u00e4ngend, da der regul\u00e4re Lohn schon lange nicht mehr ausreichte, Lebensmittel zu kaufen und andere Wege viel Zeit in Anspruch nahmen. In der Folge waren die Belegschaften nicht mit der Produktion besch\u00e4ftigt, sondern hatten sich vor allem um die Reproduktion zu k\u00fcmmern und sie wo m\u00f6glich kollektiv zu organisieren. Dass letzteres Vorrang hatte, um das Verhungern der Kinder zu stoppen, versteht sich. Die Betriebsversammlungen sahen nun in der direkten \u00dcbernahme und mit den Instrumenten der Arbeiterkontrolle zun\u00e4chst ein scharfes Mittel, die Unternehmer zu zwingen, ihre Ressourcen finanziell und materiell herauszur\u00fccken. Sie konnten offiziell Einsicht in die Gesch\u00e4ftsunterlagen verlangen.<\/p>\n<p>Die neue Methode, per Arbeiterkontrolle auf Betriebsverm\u00f6gen zuzugreifen, entsprach aber nicht unmittelbar einem Auftrag von oben. Dort wurde schon angestrengt nachgedacht, wie die Gewerkschaften die Dezentralit\u00e4t und Autonomie der K\u00e4mpfe in den Griff bekommen k\u00f6nnten. Aus heutiger Sicht mutet \u201eArbeiterkontrolle\u201c wie ein radikales Mitbestimmungsinstrumentarium an; dessen genaue Fassung mit weitreichenden M\u00f6glichkeiten war zwischen Menschewiki, gem\u00e4\u00dfigten Bolschewiki und radikalen Vertretern der Fabrikkomitees ein erstrangiges Streitthema, solange es den Gegner in Form des Einzelkapitals noch gab. Die Bewegung, also die Komitees und die Versammlungen, entschieden vor Ort nach Lage der Dinge. Sie beschlagnahmten die Gesch\u00e4ftsb\u00fccher, durchleuchteten verst\u00e4rkt Betriebe mit den Mitteln der Arbeiterkontrolle, und diskutierten Fragen der Aufrechterhaltung des Betriebes. Altrichter bedenkt:<\/p>\n<p>\u201e<em>Was half es, einen bankrotten oder stillgelegten Betrieb \u201awiederzuer\u00f6ffnen\u2018, wenn ihm tats\u00e4chlich die Rohstoffe und die Energie fehlten? Wenn niemand wusste, wie die L\u00f6hne weitergezahlt werden sollten? Wenn die produzierten schwerindustriellen G\u00fcter keiner mehr haben wollte? Und wie wollte man die Fortexistenz des eigenen Unternehmens sichern, wenn sein Umfeld zusammenbrach? Die Betriebskomitees waren mit dieser Aufgabe \u00fcberfordert.\u201c<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\"><strong>[13]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p>Dieser Schluss bei Altrichter \u201esie waren \u00fcberfordert\u201c, weist zwar zu Recht auf die Notsituation hin, weil der Rahmen, die staatliche Finanzsituation, zusammengebrochen war, stellt aber nicht die Frage nach einer neuen strukturellen Ausrichtung des Ganzen, einer nun von Grund auf revolutionierten Wirtschaftsverfassung. Im Rahmen des Gesamtspektrums wurden weitergehende Ausgleichsmittel und \u00dcberg\u00e4nge als m\u00f6glich angesehen und gefordert. Kritiker*innen von Links aus dem radikalen Spektrum wurden mit demagogischen Mitteln ausgegrenzt. Allerdings d\u00fcrften die Belegschaften vor Ort sehr viel lebendiger gestritten haben, als wir das hier aus wenigen Texten entnehmen k\u00f6nnen. Um das zu belegen, fehlen uns die russisch-sprachigen Quellen.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine genaueres Studium dieser Phase w\u00e4re zu fragen, wie sich die Fabrikkomitees und die Kollegen*innen allgemein zu Problemen w\u00e4hrend und nach dem Aktionismus der Betriebs-\u00dcbernahmen\/ Verstaatlichungen verhalten haben:<\/p>\n<ul>\n<li>Welche Auseinandersetzungen gab es direkt nach dem Oktober zur Angleichung der L\u00f6hne der untersten Lohngruppen an die oberen angesichts der Preissteigerungen? Wie setzten sich die Komitees mit den militanten Forderungen nach Angleichung der L\u00f6hne \u201e[Gleicher Lohn f\u00fcr alle\u201c] auseinander?<\/li>\n<li>Wie gingen die Fabrikkomitees mit dem Rationierungssystem f\u00fcr Lebensmittel um, in dem nach gesellschaftlichen Kategorien, nach der Art der Arbeit und zuletzt (1920) auch nach erbrachter Arbeitsleistung der Zugang zu den Lebensmitteln beschr\u00e4nkt wurde? Die Menge der offiziell auf Karte erh\u00e4ltlichen Lebensmittel wurde hierarchisiert. Gab es eine Debatte dazu?<\/li>\n<li>Wie gingen die Fabrikkomitees mit dem Verbot des Handels mit Lebensmitteln um bzw. wie gingen die Gewerkschaften damit ab Januar um? Beteiligten sich die Belegschaften offiziell oder inoffiziell oder am selbstorganisierten, also \u201eschwarzen\u201c Handel und der Beschaffung vom Dorfe her? Gab es politische Positionierungen zur \u201eVersorgungsdiktatur\u201c also den Dekreten mit dem besonderen Schnitt im Mai 1918?\u00a0<a href=\"http:\/\/www.1000dokumente.de\/index.html?c=dokument_ru&amp;dokument=0012_kom&amp;l=de\">http:\/\/www.1000dokumente.de\/index.html?c=dokument_ru&amp;dokument=0012_kom&amp;l=de<\/a><\/li>\n<li>Wie gingen ab Anfang 1918 die Fabrikkomitees bzw. die Belegschaften mit der Wiedereinf\u00fchrung des Akkordsystems und den Versuchen, das Taylorsystem zu propagieren oder durchzusetzen, um? Und sp\u00e4ter mit der Militarisierung der Arbeit?<\/li>\n<li>Gab es noch Fabrikkomitees 1918, als sich die AVD (Au\u00dferordentliche Versammlung der Delegierten der Petrograder Fabriken und Betriebe) zwischen M\u00e4rz und Juli parteiunabh\u00e4ngig organisierte oder gab es neue Komitees ohne die Bolschewiki? Wer waren die Aktiven und wie arbeiteten die Anh\u00e4nger der AVD vor Ort in der Fabrik?<\/li>\n<li>Im Rahmen der kommunistischen Kulturrevolution wurden Gro\u00dfkantinen und proletarische Gastst\u00e4tten eingerichtet und das Essen gemeinsam organisiert, teilweise als Entlastung der Frauen gedacht. Wie nahmen die Fabrikkomitees an der Verpflegung \u00fcber Gro\u00dfkantinen teil? Wie entlastete das von der Lebensmittelnot?<\/li>\n<li>Wie beurteilte die Basis in den Betrieben die Tatsache, dass die aktivsten Genossen und Genossinnen in den Staatsapparat \u00fcberwechselten? Gab es Statements, gibt es Dokumente aus den Versammlungen dazu?<\/li>\n<li>Wie diskutierten die Kollegen*innen die neuen Gewaltma\u00dfnahmen der Staatsmacht durch die Tscheka und das Vorgehen gegen die Partei der Kadetten? Gab es kritische Stimmen an der Basis?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese Fragen k\u00f6nnen wir hier nur stellen, aber nicht beantworten. Vielleicht gibt es Forschungen dazu. Unsere Vermutung geht dahin, dass es zu den genannten Fragen Fraktionierungen gab, die sich nach ihrer jeweiligen N\u00e4he zur Parteif\u00fchrung oder zu oppositionellen Str\u00f6mungen unterschieden.<\/p>\n<p>Welchen Kurs steuerte die neue Staatsmacht zwischen anhaltender sozialrevolution\u00e4rer Bewegung und sozialdemokratischen Verfechtern vorgegebener Sachzw\u00e4nge?<\/p>\n<p>Lenin ermunterte die Koordination der Fabrikkomitees noch im November, sich \u00fcber die exakten Vorschriften seines eigenen Dekrets hinwegzusetzen, weil es ihm momentan darum ging, den politischen Einfluss der gem\u00e4\u00dfigten Bolschewiki, die eine Koalition aller sozialistischer Parteien anstrebte, zu schw\u00e4chen bzw. auszuschalten.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a>\u00a0Es war die Zeit, in der die (sog. gem\u00e4\u00dfigte) Mehrheitsfraktion der Bolschewiki noch versuchte, in den sog. Viksel-Gespr\u00e4chen<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a>\u00a0eine breiter aufgestellte Koalition zu erreichen. Lenin stellte sich also zun\u00e4chst nach dem Oktober hinter die Welle der aktionistischen Betriebs\u00fcbernahmen, um eine Koalition seiner Parteigenossen mit der \u201eGegenseite\u201c, f\u00fcr die er sie hielt, zu torpedieren. Diese Gem\u00e4\u00dfigten votierten etwas fr\u00fcher genau f\u00fcr das, was er selbst einen Monat sp\u00e4ter auch favorisierte, n\u00e4mlich vorrangig die Arbeitsdisziplin wiederherzustellen, um aus dem Zusammenbruch der industriellen Produktion einen Ausweg zu finden. In diesem Moment, in dem es darum ging, die eigene Position zu st\u00e4rken, zerschlug er die Mehrheitsmeinung seiner eigenen Bolschewiki, die f\u00fcr einen Kompromiss mit anderen Parteien waren, mit der Methode des Sommers; er griff die Vision eines sozialdemokratisch geb\u00e4ndigten Kapitalismus an, um mit der Kraft der sozialen Bewegung und mit Hilfe des Aktionismus des k\u00e4mpferischen Bauernproletariats machtpolitische Ziele ganz anderer Richtung zu erreichen. So \u201ezerschoss\u201c das Zweigespann Lenin und Trotzki als den Exponenten der technokratisch-staatsfixierten Bolschewiki-Vision im November\/Dezember 1917 die Viksel-Kompromissm\u00f6glichkeiten, indem sie sich zeitweilig auf die Seite der gerade ablaufenden Aneignungswelle gegen die Gem\u00e4\u00dfigten stellten. An dieser fraktionellen Weggabelung wurde der Pfad zum Einparteien-Regime eingeschlagen. Ob ein Mehrparteienregime substantiell etwas anderes als die Leninisten zur Disziplinierung der Klasse h\u00e4tte machen k\u00f6nnen, ist angesichts der gleichen technokratischen Elite, die in beiden F\u00e4llen am Steuer gesessen h\u00e4tte, zu bezweifeln. Jedenfalls ging es jetzt in Richtung Absolutismus der Bolschewiki, womit gleichzeitig die Totenglocke f\u00fcr Menschenrechte in Russland f\u00fcr das 20. Jahrhundert gel\u00e4utet wurde. Der aktivistischen Basis und den linkssozialrevolution\u00e4ren\/anarchistischen Str\u00f6mungen war dies noch nicht klar, sie waren erst als n\u00e4chste \u201edran\u201c. Jedoch wurden bis Mitte\/Ende Januar die Weichen in Richtung technokratischer Staatskapitalismus in zwei Phasen gestellt, nachdem zuerst die gem\u00e4\u00dfigte Fraktion und im zweiten Schritt die radikale Basis aus dem machtpolitischen Zentrum zur\u00fcckgedr\u00e4ngt worden waren. Die Einzelheiten k\u00f6nnen bei Rabinowitch nachgelesen werden.<\/p>\n<p>Lenin und Trotzki argumentierten nach gewonnener Schlacht gegen die Gem\u00e4\u00dfigten einen Monat sp\u00e4ter genau umgekehrt gegen \u201elinke Kinderkrankheiten\u201c, wie er sie sp\u00e4ter nannte. In einem Text Lenins von 1920, an dem sich die radikale Linke hierzulande nach der APO-Zeit abgearbeitet und damals ihre Distanz zum Marxismus-Leninismus gewonnen hatte, wird sein Grundverst\u00e4ndnis noch mal aufgerollt.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a>\u00a0Lenins Bewegungs-Arbeiterklasse der Sozialrevolution war nun nicht mehr angesagt, sondern eine andere Arbeiterklasse. Diese \u00fcbte die Diktatur des Proletariats als Herrin des Staats und gleicherma\u00dfen der Produktion ohne Gewaltenteilung aus.<\/p>\n<p>Die Fabrikkomitees hatten zuvor die Betriebe autonom angeeignet, wesentlich begr\u00fcndet mit sozialer Not durch die Hungerkrise und ihr Verst\u00e4ndnis einer sozial gerechten Umverteilung von Besitzrechten. Die Zielrichtung war aber nicht eine neue Verf\u00fcgungsmacht von oben, sondern eine von unten gewesen.<\/p>\n<p>Aus der Sicht der neuen Volkskommissare bedeutete die Kampfst\u00e4rke der ArbeiterInnen aber, dass vorl\u00e4ufig nichts vorhanden war, worauf sich eine klassische Staatsmacht noch st\u00fctzen konnte, keine Arbeitsdisziplin, keine gesellschaftlich sinnvolle Versorgungsstruktur, keine Armee mehr und keine Sicherheitsorgane unabh\u00e4ngig von selbstorganisierten meist unprofessionellen Milizen. Auf dem flachen Land galt diese Situation ebenso, dort war das \u00fcbergreifende Staatswesen restlos zerschlagen. Die Tscheka war gerade erst im Anlaufen und funktionierte auch noch lange nicht.<\/p>\n<p>In den Diskussionen \u00fcber die Arbeiterkontrolle konkurrierten drei Str\u00f6mungen, die im Sommer in der gro\u00dfen sozialen Revolution noch meist zusammen agierten, nun jedoch gegeneinander standen (wir hatten sie oben schon skizziert):<\/p>\n<ul>\n<li>Die gem\u00e4\u00dfigte Str\u00f6mung erfahrener Betriebskader, die das sozialdemokratische Modell einer verst\u00e4rkten innerbetrieblichen Vertretungsmacht f\u00fcr Arbeitsbedingungen verankern und die allgemeinen Lohnfragen bei den Gewerkschaften als Gegen\u00fcber der Unternehmerverb\u00e4nde verankern wollten. Dieser klassische westliche Ansatz wurde von Menschewiki, der gem\u00e4\u00dfigten Mehrheit der Bolschewiki und auch Teilen der Sozialrevolution\u00e4re vertreten, die entweder von einer Mehrparteien-Sowjetmacht oder von einer parlamentarischen Republik als zu erstrebender Staatsform ausgingen;<\/li>\n<li>zweitens die staatskapitalistisch-technokratische Fraktion Lenins, die eine Zentralit\u00e4t und straffe Einheit von Staat und Wirtschaftsf\u00fchrung anstrebte. Sie konnte sich ebenso wie die Gem\u00e4\u00dfigten auf den Vorlauf in den neuen sozialwissenschaftlichen Expertenst\u00e4ben unter dem Zaren und aus der Zeit der prov. Regierung st\u00fctzen und bezog von daher ihre Vision von effektiver Staatsmacht unter dem Titel \u201eDiktatur des Proletariats\u201c. Sie orientierte sich am Trend der Kriegs\u00f6konomie, wie sie in Deutschland scheinbar wegweisend organisiert war; \u2013 dort allerdings ohne das Eigentum in Frage zu stellen. Sie schickte sich an, die drei relevanten Hauptelemente des politischen Russlands in der zuk\u00fcnftigen Sowjetmacht zu verschmelzen: den westlichen Progressismus, als entscheidenden ideologischen und technologischen Zukunftsraum des Kapitals; die klassischen Elemente der russischen Alleinherrschaft (Todesstrafe, B\u00fcrokratismus, Zentralismus, Geheimdienst-Terror und Unterdr\u00fcckung der Meinungsfreiheit) sowie die Hoffnungen, Traditionen und Praktiken der sozialen Gleichheit aus der Geschichte der slawischen Bauern. Dazu w\u00fcrde es geh\u00f6ren, sendungsbewusst die russischen Bauernmassen zum Neuen Menschen zu formieren<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a>, das Staatskapital zentral zu steuern, die schnelle Angleichung an westliche industrielle Gesellschaften und das Aufholen im Sinne der Aufhebung von R\u00fcckst\u00e4ndigkeit anzustreben; eine k\u00e4mpferische Basis hatte die Lenin\u2018sche Diktatur-Fraktion in der jungen Generation, die weitgehend ideologisch unbelastet enthusiastisch \u201eRevolution\u201c mit v\u00f6llig neuen Chancen verband und auch bereit war, sich gegen normale Menschen mobilisieren zu lassen, wenn die Partei das als gerecht (als \u201eKlassenkampf\u201c) propagierte;<\/li>\n<li>drittens die linken sozialrevolution\u00e4ren, radikal kommunistischen, anarchistischen und bauernkommunistischen Str\u00f6mungen, die an den Egalitarismus und die Eigentumslosigkeit der russischen (und trikontinentalen) Bauerngesellschaft wie auch die weltweite Arbeiterinnenbewegung ankn\u00fcpften bzw. deren Teil waren; sie lehnten das kapitalistische Reichtumsstreben und eine Konkurrenzgesellschaft nach westlichem Vorbild ebenso wie die Staatskommunisten*innen ab, waren aber progressiv basisdemokratisch\/ menschenrechtlich im Einklang mit den Gerechtigkeitsvorstellungen von unten. Naturgem\u00e4\u00df waren sie kein B\u00fcndnispartner der Staatskommunisten, obwohl es Grauzonen und Wechsler*innen gab, wie heute auch; ab Juli 1918 wurden sie verfolgt oder zur Anpassung gezwungen. \u201eAgrarsozialismus\u201c als inhaltliche Klammerbezeichnung f\u00fcr diese dritte Str\u00f6mung spielt ihre Bedeutung \u2013 vielleicht aus Unkenntnis \u2013 herunter, ebenso wie die Zuschreibung von Bedeutungslosigkeit oder Naivit\u00e4t (bei Figes), weil es sich um anarchistische Utopie handele: l\u00e4ngst tauschten sich auf globaler Ebene die russischen Linksradikalen mit syndikalistischen Ans\u00e4tzen wie den Wobblies (IWW) (viele Emigranten waren aus den USA zur\u00fcckgekehrt) aus, mit Anarchosyndikalisten oder den Militanten der KAPD \/AAU in Deutschland. Keine linke Sozialrevolution\u00e4rin vertrat noch einen r\u00fcckw\u00e4rtsorientierten nur an der obschtschina orientierten Gesellschaftsaufbau, wie der \u201eVolkswille\u201c oder die \u201eSchwarze Umteilung\u201c in den 1880er Jahren; dennoch ging es wie selbstverst\u00e4ndlich um den Erhalt der slawisch- sozialrevolution\u00e4ren Freiheitswerte f\u00fcr den Aufbau des Kommunismus bzw. einer zukunftsorientierten Gesellschaft.<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a>Die Frage einer globalen sozialrevolution\u00e4ren Einheit von unten stellte sich schon vor 100 Jahren. Auch Migrationen vor allem in die USA waren damals schon Tr\u00e4ger des Transports von sozial \u00fcbergreifenden Inhalten.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Mit letzterer Perspektive war der Aktionismus der Basis und auch der Bauernmassen konform, wenn man ber\u00fccksichtigt, um was f\u00fcr eine \u201eArbeiterklasse\u201c es sich in Petrograd und anderswo handelte. Die landverbundenen Bauernarbeiter*innen \u00fcbernahmen die Betriebe exakt so, wie es Nachbarn, Freunde und Bekannte schon seit dem Februar auf dem Lande praktizierten. Das war keine Zuf\u00e4lligkeit, sondern lag in der Natur des \u201erevolution\u00e4ren Subjekts\u201c, seiner Migrations-Geschichte in den K\u00e4mpfen. Wie wir schon h\u00e4ufiger gesagt haben, hatten diese \u00dcbernahmen nichts mit marxistischer Vorbildung zu Eigentumsfragen zu tun. Sie waren auch nicht \u201espontanes\u201c Reagieren auf die Not. Sie praktizierten die Revolution, indem sie soziale Gerechtigkeit als Zukunftsentwurf imaginierten, und diesen Entwurf aus der Erfahrung des slawischen Gemeineigentums im Mir, der Feindschaft gegen\u00fcber den Herren und der Entw\u00fcrdigungen in neuen K\u00e4mpfen durchsetzten.<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a>\u00a0Lenins Fraktion in den Bolschewiki wusste dies alles und bezog es in die Legitimation f\u00fcr den staatlichen Sonderweg der Kapitalakkumulation ein. Ob es wirklich ein Sonderweg war, kann wegen der analogen Geschichte von China hinterfragt werden. Zeitlich kam dieser \u201eModernisierungspfad\u201c nat\u00fcrlich nach dem westeurop\u00e4ischen.<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a><\/p>\n<p><em>Auszug aus: <\/em><a href=\"http:\/\/materialien1917.org\/\"><em>Materialien zur Russischen Revolution<\/em><\/a><em>. Materialien f\u00fcr einen neuen Antiimperialismus, Nr. 10, 2017<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/materialien1917.org\/12-fabrikkomitees-arbeiterkontrolle-und-bewegungszerfall\/\"><em>materialien1917.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 1. Januar 2019<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Zur praktischen Bedeutung des Dekrets z.B. Smith, Red Petrograd, 210-216.\u00a0Smith, 211.: \u201eThe importance of the Decree was more symbolic than real. As it existed, it was unworkable, for it envisaged a hierarchy of control organs at enterprise, district, city and national level, which would have proved too cumbersome. Further problems arose from the fact that the Decree did not spell out in concrete detail how workers\u2018 control was to be implemented.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> David Mandel, The Petrograd Workers and the Soviet Seizure of Power, 358.\u00a0Ebbinghaus verweist im Anschluss an Carr darauf, dass es nach dem Oktober keine Ans\u00e4tze seitens der Bolschewiki-Spitze f\u00fcr \u201eGleichen Lohn f\u00fcr alle\u201c gab und sie sich von den eigenen Parolen zur Lohngleichheit distanzierte. Ebbinghaus, Arbeiter und Arbeitswissenschaft, 207.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> David Mandel, The Petrograd Workers and the Soviet Seizure of Power, Kap. 7 und 8, zum Verschwinden der Bolschewiki aus den Fabriken. Das Buch gibt\u2019s online: Diese Kapitel: <a href=\"http:\/\/www.europe-solidaire.org\/spip.php?article16626\">http:\/\/www.europe-solidaire.org\/spip.php?article16626<\/a>.\u00a0Dabei f\u00e4llt auf, dass im Februar\/M\u00e4rz 1918 gerade die militante Basis der Bolschewiki an die Front geschickt wurde, also genau das, wogegen sie selbst im Sommer 1917 Sturm in den Kasernen gelaufen waren. Die Arbeiter wussten, dass das Regime die politische Basisst\u00e4rke in Petrograd durch deren Zerstreuung aufl\u00f6sen wollte, aber erst die Bolschewiki konnten es praktisch umsetzen. Mandel, a.a.O., 383.<\/p>\n<p>Bei Smith ist einiges zu den F\u00fchrungsstrukturen der Fabrikkomitees zu finden, d.h. der ambivalenten Abh\u00e4ngigkeit der Basis von erfahrenen Leuten, Smith, Red Petrograd, 204-208. Nach dem Oktober wurden mit dem Einheitsargument die radikaleren Forderungen und Aktionen ausgebremst.\u00a0Vgl. Mandel, 358.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Melancon, Michael (2002): \u201eInto the Hands of the Factory Commitees\u201c: The Petrograd Committee Movement and Discourses, February to June 1917, in: Michael Melancon &amp; Alice K. Pate (2002): New Labor History.\u00a0Worker Identity and Experience in Russia, 1840 \u2013 1918, Bloomington\/ Indiana: Slavica, 177-206, zur Konferenz vom 30.5. bis 3.6.17: 189-198.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Mit \u201eVerstaatung\u201c soll die Hereinnahme der sozialen Bewegung in die Reformpolitik des Staates gekennzeichnet werden. Damit ist die soziale Bewegung nicht mehr oppositionell oder gar antagonistisch, sondern wird selbst zum aktiven Teil von Herrschaftsmodernisierung. Das kann unter Reformaspekten den sozialen Wandel positiv beeinflussen, kann aber auch Teil der Gegenrevolution sein, wie in Russland. Der Prozess selbst wird meist durch gezielt eingesetzte \u00f6konomische oder auch freiwillig eingegangene Abh\u00e4ngigkeiten erreicht, indem aus ehemaligen Aktivistinnen und Aktivisten bezahlte Funktion\u00e4re werden, die nun in einer systemkonformen Gewerkschaft, Partei oder sonstigen Verb\u00e4nden arbeiten. Der Vorgang ist wohlvertraut aus der Geschichte der BRD-Linken. Das Problem muss allerdings im Kontext von Globalisierung und Migration neu diskutiert werden, ist komplexer als fr\u00fcher.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Isaak Steinberg (1974): Gewalt und Terror in der Revolution, Berlin: Karin Kramer Verlag, 35. Hendrik Wallat (2013): Oktoberrevolution oder Bolschewismus. Studien zu Leben und Werk von Isaak N. Steinberg, M\u00fcnster: edition assemblage, 42-44.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Steinberg, a.a.O., 35.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Vladimir N. Brovkin, (1987): The Mensheviks after October. Socialist Opposition and the Rise of the Bolshevik Dictatorship, Ithaca and London: Cornell University Press, 50 f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Uwe Br\u00fcgmann (1972): Die russischen Gewerkschaften in Revolution und B\u00fcrgerkrieg 1917-1919. (Raubdruck 1973)\u00a0 Frankfurt: Europ\u00e4ische Verlagsanstalt; neu aufgelegt 1991, 138-144. Br\u00fcgmanns lesenswertes Buch ist von Anfang der Siebziger und die meisten englischsprachigen Ver\u00f6ffentlichungen stammen aus den 80ern oder sp\u00e4ter wie die von Wade, Smith, Mandel, Koenker, Rosenberg, Melancon, Kevin Murphy. Brinton war als Ausnahme ganz fr\u00fch ins Deutsche \u00fcbersetzt worden, schon 1971. Daneben gab es auf Deutsch den Klassiker zur Geschichte der R\u00e4te von Anweiler, der fr\u00fch bei den radikaleren APO-Nachfolge-Gruppen wegen der Lenin-Kritik rezipiert wurde.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Plogstedt (Anm.3), 26.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Helmut Altrichter, (1997): Ru\u00dfland 1917. Ein Land auf der Suche nach sich selbst, Paderborn etc. Neuauflage: 2016, 300-306; Maurice Brinton (1976): Die Bolschewiki und die Arbeiterkontrolle. Der Staat und die Konterrevolution, Hamburg: Verlag Assoziation; Uwe Br\u00fcgmann (1972): Die russischen Gewerkschaften in Revolution und B\u00fcrgerkrieg 1917-1919. (Raubdruck 1973)\u00a0Frankfurt: Europ\u00e4ische Verlagsanstalt; neu aufgelegt 1991, 128-165; Manfred Hildermeier (1998): Geschichte der Sowjetunion 1917-1991. Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates, M\u00fcnchen: C. H.Beck, 125-127; Richard Lorenz (1981): Die russische Revolution 1917. Der Aufstand der Arbeiter, Bauern und Soldaten. Eine Dokumentation, M\u00fcnchen: Nymphenburger Verlagshandlung. [enth\u00e4lt das Dekret \u00fcber die Arbeiterkontrolle]; Anna Michailovna Pankratova (1976): Fabrikr\u00e4te in Russland. Der Kampf um die sozialistische Fabrik. Frankfurt a. M: Fischer-Taschenbuch-Verlag.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Altrichter, 302.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Altrichter, 303.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Gennady Shkliarevsky (1993): Labor in the Russian Revolution: Factory Committees and Trade Unions 1917-1918, St Martin\u2019s Press: New York, 118.\u00a0Zu den Viksel-Gespr\u00e4chen im Detail: Rabinowitch, Die Sowjetmacht, 47-58.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Bei Rabinowitch in der deutschen Ausgabe hei\u00dfen sie Wikschel-Gespr\u00e4che: Wikschel ist die Abk\u00fcrzung f\u00fcr den Gesamtrussischen Eisenbahnerverband, der unter Menschewiki-Kontrolle stand. Alexander Rabinowitch (2010): Die Sowjetmacht. Das erste Jahr, Essen: Mehring, 36 ff. Es lohnt sich, diese spannende Phase bei Rabinowitch nach zulesen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> <u><a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/lenin\/1920\/linksrad\/\">https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/lenin\/1920\/linksrad\/<\/a><\/u>\u00a0bes. Abschnitt V., wo es gegen sozialrevolution\u00e4re Syndikalisten und die Anh\u00e4nger*innen von KAPD, AAU usw. geht: \u201eVerneinung des Parteibegriffs und der Parteidisziplin \u2013 das ist es, was bei der Opposition herausgekommen ist. Das aber ist gleichbedeutend mit v\u00f6lliger Entwaffnung des Proletariats zugunsten der Bourgeoisie. Das ist gleichbedeutend eben mit jener kleinb\u00fcrgerlichen Zersplitterung, Unbest\u00e4ndigkeit und Unf\u00e4higkeit zur Konsequenz, zur Vereinigung, zu geschlossenem Vorgehen, die unweigerlich jede proletarische revolution\u00e4re Bewegung zugrunde richten wird, wenn man ihr die Z\u00fcgel schie\u00dfen l\u00e4\u00dft.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Wichtig zum Verst\u00e4ndnis: Angelika Ebbinghaus (1994): Intelligenz und gesellschaftlicher Fortschritt. Ein Essay zur Mechanisierung des Menschen in Sowjetrussland, Teil II, in: 1999. Zeitschrift f\u00fcr Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, 4\/1994, 51-97. Au\u00dferdem ihre Texte von 1975 und 1984, die als erste das Thema \u201eTaylor in Russland\u201c in der Linken bekannt machten. Ferner: Melanie Tatur (1979): \u201eWissenschaftliche Arbeitsorganisation\u201c. Arbeitswissenschaften und Arbeitsorganisation in der Sowjetunion 1921-1935, Berlin: Harrassowitz: Sibylle Plogstedt (1980): Arbeitsk\u00e4mpfe in der sowjetischen Industrie (1917 -1933), Frankfurt\/M.: Campus. Zu den Vorkriegsk\u00e4mpfen siehe Heather Hogan in Kap.2. Demn\u00e4chst erscheint eine Synthese von Detlef Hartmann.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Vgl. Boris Kamkov (1920): Zum Verh\u00e4ltnis von Stadt und Land, in: Gottfried Mergner (Hg.) (1972): Die russische Arbeiteropposition. Die Gewerkschaften in der Revolution, Reinbek: Rowohlt, 85-90. \u00dcber die Krise des sozialrevolution\u00e4ren Programms vor dem Weltkrieg: Manfred Hildermeier (1978): Die sozialrevolution\u00e4re Partei Russlands. Agrarsozialismus und Modernisierung im Zarenreich (1900-1914), K\u00f6ln, Wien: B\u00f6hlau, 348-354.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> So wurde auch von Zeitgenossen der Aktionismus der Bauernarbeiter berurteilt. Menschewiki sprachen von einer\u00a0<strong>\u201e\u00dcbernahme der russischen Arbeiterklasse durch die Bauern\u201c<\/strong>\u00a0(\u201ethe peasant takeover of the Russian working class\u201c) Siehe: Brovkin (1987): The Mensheviks, 52.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> Ein russischer Historiker pl\u00e4diert daf\u00fcr, man solle die Modernisierungstheorie als Grundlage f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der russischen Revolution nicht vorschnell beiseiteschieben: Boris Mironov (2012): The Standard of Living and Revolutions in Russia, 1700 -1917, London and New York: Routledge, 433-454.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn wir die Bewegung der Meschotschniki kennen, k\u00f6nnen wir nun das praktische Auslaufen der Fabrikkomitees als wirksame Kraft ab Mitte Dezember 1917 besser verstehen. Der soziale Alltagskampf \u201eum\u2018s Brot\u201c hatte sich<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6],"tags":[25,12,22,49,38,27,4,21],"class_list":["post-4778","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","tag-arbeiterbewegung","tag-lenin","tag-politische-oekonomie","tag-repression","tag-russische-revolution","tag-russland","tag-strategie","tag-trotzki"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4778","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4778"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4778\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4779,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4778\/revisions\/4779"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4778"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4778"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4778"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}