{"id":4788,"date":"2019-01-15T09:12:00","date_gmt":"2019-01-15T07:12:00","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4788"},"modified":"2019-01-15T09:12:00","modified_gmt":"2019-01-15T07:12:00","slug":"aus-dem-alltag-eines-marxisten-von-einem-moechtegern-antifaschisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4788","title":{"rendered":"Aus dem Alltag eines Marxisten \u2013 Von einem M\u00f6chtegern-Antifaschisten"},"content":{"rendered":"<p><em>Nils Goldberg.<\/em> Ich \u2013 ein weisser Mitteleurop\u00e4er, Anfang zwanzig, Sohn von zwei lohnabh\u00e4ngigen Akademikereltern \u2013 laufe die Einkaufsstrasse einer s\u00fcddeutschen Kleinstadt entlang. Ich sehe einen Aufkleber auf einem Regenrohr<!--more--> kleben. Er ist in dem schwarz-gelben Layout der Identit\u00e4ren gehalten \u2013 geh\u00f6rt wohl zu deren Corporate-Identity. Wer ist die \u201eIdentit\u00e4re Bewegung\u201c fragst du dich. Mit einem Wort: Hipster-Nazis. Mit ihrem moderat-b\u00fcrgerlichen Auftreten versuchen sie, ihre Vorstellung eines rassisch reinen Europas wieder aus der ideologischen Schmuddelkiste zu holen und salonf\u00e4hig zu machen. \u2013 Trotzki h\u00e4tte solche Individuen als \u201emenschlichen Staub\u201c bezeichnet \u2013 Auf dem Sticker steht ein Adjektiv: heimatverliebt. Ein unschuldig zynischer Ausdruck f\u00fcr ein solch h\u00e4ssliche Ideologie. Ich hole einen roten Aufkleber raus und \u00fcberklebe dieses St\u00fcck rechter Hetze. Denn irgendwo stand doch, man sollte Gleiches mit Gleichem vergelten \u2013 kleiner Scherz am Rande -. Aber das wars dann auch schon mit meiner antifaschistischen Praxis.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Je wieder Sonnenaufgang?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Im Alter von 17 Jahren besuchte ich im Rahmen einer Klassenreise das Vernichtungslager Auschwitz. Dort stand ich vor einem Haufen menschlichen Haupthaars, welcher fast so hoch war wie ich. Diese Haare stammten von Insassen des KZ. Man hatte sie wirklich maximal ausgeschlachtet \u2013 aus den Haaren wurden Per\u00fccken gefertigt. Kapitalistische Verwertung in ihrem menschenverachtendsten Extrem. Dieser Haufen war jedoch nur der Rest, der bei der Befreiung des Lagers liegen geblieben war. Wie viele Menschen man zu Tode qu\u00e4len muss, um allein diesen verlassenen Rest Haare auft\u00fcrmen zu k\u00f6nnen, \u00fcbersteigt mein Vorstellungsverm\u00f6gen. Noch nie habe ich mich so gesch\u00e4mt, Deutscher zu sein wie in diesem Augenblick. Als ich den Ausstellungsraum verliess, schien die Sonne. Ich konnte es damals nicht fassen, dass irgendetwas je so weitergehen k\u00f6nnte wie bisher, nicht mal der Sonnenaufgang, nachdem so etwas wie Auschwitz in die Welt gesetzt worden war. Da realisierte ich, dass es keine universelle, g\u00f6ttliche Gerechtigkeit gibt, die dieses Verbrechen wiedergutmachen, geschweige denn h\u00e4tte aufhalten k\u00f6nnen. Also ist es an den Menschen, die die Geschichte machen, diese Gerechtigkeit zu erk\u00e4mpfen. Ich schwor mir damals: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg, nicht mit mir. Doch mein moralischer H\u00f6henflug endete j\u00e4h, als ich realisierte, dass es ja immer noch Nazis gibt, dass immer noch Menschen unter deren Terror leiden, dass Nationalismus wieder im Aufkommen ist \u2013 damals fingen die medienwirksamen Montagsdemonstrationen von Pegida gerade an -, und dass Antifaschismus gemeinhin als linksextrem gilt. In Auschwitz stand folgender Spruch an einer Wand: \u201eWer sich nicht an die Geschichte erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen\u201c. Bei dem Gedanken kriegte ich panische Angst.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Angst<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Ich sitze sp\u00e4tabends im Zug und fahre nach Hause \u2013 heim ins Reich sozusagen. Die Zugtoilette ist defekt \u2013 typisch Deutsche Bahn \u2013 und Wasser l\u00e4uft unter der T\u00fcr durch. Neben mir sitz ein junger Mann \u2013 v\u00f6llig in schwarz gekleidet, sportlich, mit Glatze -, er machte eine humoristische Bemerkung zur Unf\u00e4higkeit der DB, ich musste schmunzeln und pflichtete ihm bei. Es entwickelt sich ein oberfl\u00e4chlicher Dialog. Als er zwischendurch auf sein Handy starrt, muss ich unwillk\u00fcrlich auf das Display schielen. Ich schaue zu wie mein Sitznachbar eine Nachricht an einen Gruppenchat einer \u201eKameradschaft\u201c \u2013 auch wieder so eine zynisch unschuldige Bezeichnung f\u00fcr das was es ist, eine Vereinigung von Menschenhassern \u2013 tippt. Ich erschrecke, denn auf meinem Rucksack befinden sich diverse Antifa-Buttons, sowie ein \u201eKein Mensch ist illegal\u201c-Aufn\u00e4her. Ich verberge meinen Rucksack. Meine Haltestelle kommt. Der Fascho muss auch aussteigen, ich nach ihm. Als wir ausgestiegen sind, fragt er mich noch nach einem Taxi \u2013 er will nicht zu seinem Stammtisch laufen. Ich kriege Panik und verweise ihn in irgendeine Richtung und mache mich schnurstracks davon. Ich \u00e4rgere mich sehr \u00fcber meine zivile Feigheit. H\u00e4tte ich ihn in ein politisches Gespr\u00e4ch verwickeln sollen und ihn mit der Macht des st\u00e4rkeren Arguments im freien Meinungsaustausch von der Philanthropie \u00fcberzeugen sollen \u2013 kleiner Scherz am Rande. H\u00e4tte ich ihn vor den anderen Fahrg\u00e4sten als Nazi outen sollen? Und was h\u00e4tte er mit mir gemacht \u2013 sobald wir ausgestiegen w\u00e4ren? H\u00e4tte ich ihm mit dem \u00dcberraschungsmoment auf meiner Seite gewaltsam entnazifizieren sollen?<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Kleinb\u00fcrgerliche Arbeitereinheitsfront?<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Ein paar Wochen sp\u00e4ter \u2013 ich bin wieder auf dem Weg in die Schweiz, komme ich an einer Sitzbank vorbei, darauf sitzen zwei M\u00e4nner, vor ihnen ihre Fahrr\u00e4der. Einer von beiden, ein \u00e4lterer Herr mit grauen Haaren, braungebranntem faltigen Gesicht, stellt sich auf den Weg. Ich l\u00e4chle ihn an und sage Hallo. Er h\u00e4lt mich an und sagt mir, dass das gef\u00e4lligst Gr\u00fcss Gott heisst \u2013 S\u00fcddeutschland ist ja katholisch \u2013 und dass ich mich zu ihnen auf die Bank setzen sollte, sonst w\u00fcrden sie mich zusammenschlagen. Ich erwidere verdutzt und etwas eingesch\u00fcchtert, dass ich weiter zum Bahnhof m\u00fcsse \u2013 in diesem Moment l\u00f6st sich mein angeschlagener Pazifismus in Luft auf. Der Mann lacht und streckt seine Hand aus. Unwillk\u00fcrlich tue ich es ihm gleich. Er bef\u00fchlt meine Hand und meint, ich h\u00e4tte wahnsinnig weiche H\u00e4nde, ob ich denn noch nie in meinem Leben gearbeitet h\u00e4tte, er hingegen hat sehr raue Handfl\u00e4chen \u2013 soviel zur Arbeiter*inneneinheitsfront. Dann l\u00e4sst er mich gehen. Ich weiss bis heute nicht, ob dieser Zusammenstoss politisch motiviert war. Laut dem Amt f\u00fcr Verfassungsschutz gibt es in meinem Landkreis circa einhundert organisierte Nazis \u2013 da sich der Verfassungsschutz eher als deren Financier und weniger als deren \u00dcberwacher herausgestellt hat, d\u00fcrfte die echte Zahl vielleicht noch etwas h\u00f6her sein. Seitdem bin ich jedoch immer paranoid wenn ich mich zu Hause allein auf der Strasse bewege.<br \/>\nIch hasse das Gef\u00fchl, nicht organisiert zu sein \u2013 so atomisiert, es ist als h\u00e4tte der Faschismus sein Ziel erreicht -, denn dann scheitere ich an meiner eigenen Feigheit und an meinem Trauma, welches mich l\u00e4hmt \u2013 weil ich die Existenz von rechten Menschen immer noch nicht nachvollziehen kann. Der Philosoph Richard David Precht sieht den Frieden in Europa deshalb gewahrt, weil unsere Generation in ihrer Jugend nie Gewalt erfahren hat, da der Alltag und die Erziehung vollkommen von physischer Gewalt befreit sind \u2013 im Falle meiner Vita trifft das zu.<br \/>\nIch kann mir nicht vorstellen, wie es ist, geschlagen zu werden, noch weniger, wie es ist, anderen Gewalt anzutun \u2013 aber darauf l\u00e4uft doch meine Analyse hinaus, oder was stellt man solch organisiertem Wahnsinn in den Weg? In meinem politischen Umfeld hiess es jedoch, Individualterrorismus w\u00e4re keine politische Praxis.<br \/>\nDiese \u2013 kleinb\u00fcrgerlichen ? &#8211; Widerspr\u00fcche hindern mich an der politischen Praxis.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Hoffnung?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Wieder im Hier und Jetzt. Ich habe den Nazi-Sticker erfolgreich \u00fcberklebt, ich f\u00fchle mich direkt sicherer. Gehetzt suchen meine Blicke die Umgebung nach weiteren Spuren meiner rechten Zeitgenossen. Da h\u00f6re ich ein kleines M\u00e4dchen, wie es fr\u00f6hlich in einer Sprache, die ich nicht verstehe, mit seiner Mutter redet. Sie tr\u00e4gt eine Einkaufstasche und ein Kopftuch. Sie sind wahrscheinlich auf dem Weg zur Asylunterkunft, einem ehemaligen Gasthof ausserhalb der Stadt \u2013 da \u00e4ussern sich meine eigenen rassistischen Vorurteile. So gehen diese zwei vom Schicksal getroffenen Menschen dort vorbei, wo noch eben das Zeugnis jener Ideologie prangte, die diese Menschen so sehr verachtet. Das machte mir Mut. Denn bisher hat noch immer das Sein \u00fcber das Bewusstsein triumphiert. So kann ich nur hoffen, dass die Gefl\u00fcchteten bleiben k\u00f6nnen, das Aufb\u00e4umen der Reaktion aus der Mottenkiste nur ein Treppenwitz der Geschichte bleibt \u2013 denn da wo Globalisierung und technischer Fortschritt unsere Gesellschaft umw\u00e4lzen, regt sich nunmal ein restauratives Bestreben, aber die Zeit kennt nur eine Richtung und die ist vorw\u00e4rts.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nils Goldberg. Ich \u2013 ein weisser Mitteleurop\u00e4er, Anfang zwanzig, Sohn von zwei lohnabh\u00e4ngigen Akademikereltern \u2013 laufe die Einkaufsstrasse einer s\u00fcddeutschen Kleinstadt entlang. 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