{"id":4793,"date":"2019-01-16T09:11:33","date_gmt":"2019-01-16T07:11:33","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4793"},"modified":"2019-01-16T09:11:33","modified_gmt":"2019-01-16T07:11:33","slug":"luxemburg-liebknecht-und-die-deutsche-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4793","title":{"rendered":"Luxemburg, Liebknecht und die Deutsche Revolution"},"content":{"rendered":"<p><em>Marie Frederiksen.<\/em> An der Deutschen Revolution im November 1918 beteiligten sich Millionen von Menschen, von denen die meisten davor noch nie politisch aktiv gewesen waren. Wie in Russland wandte sich die Mehrheit<!--more--> derjenigen, die erst k\u00fcrzlich die politische B\u00fchne betraten, an diejenigen Parteien, welche sie bereits kannten. In Russland ging nach dem Februar die Macht auf die Menschewiki und die Sozialrevolution\u00e4re \u00fcber. In Deutschland wendeten sich die Massen an die Sozialdemokratischen Partei (SPD) und in geringerem Masse an die Unabh\u00e4ngigen Sozialdemokraten (USPD). Nur durch die praktische Erfahrung lernten die breiten Massen, dass weder die F\u00fchrer der SPD noch der USPD ihre Probleme l\u00f6sen konnten.<\/p>\n<p>In einer Revolution \u00e4ndert sich das Bewusstsein der Massen schnell. Damit sie aber die Macht \u00fcbernehmen k\u00f6nnen, ist, das hat die Geschichte gezeigt, eine revolution\u00e4re Partei notwendig, um den Massen eine F\u00fchrung zu bieten. Luxemburg stand vor einer schwierigen Aufgabe. Die Bolschewiki hatten zwei Jahrzehnte gebraucht, um das aufzubauen, was sie nun in ein paar Monaten aufzubauen versuchte. Aber es war die Aufgabe, die sich ihr stellte.<\/p>\n<p>Luxemburg war letztlich skeptisch, ob die Gr\u00fcndung einer neuen Partei eine gute Idee war. Leo Jogiches war dagegen. Luxemburg wurde schliesslich \u00fcberzeugt, aber sie blieb dagegen, die Partei als \u00abkommunistisch\u00bb zu bezeichnen. Ihr zufolge sei es besser, die Partei \u00absozialistisch\u00bb zu nennen, weil es so einfacher w\u00fcrde, Mitglieder von den sozialistischen Parteien der Zweiten Internationale zu gewinnen. Sie bef\u00fcrchtete, der Name \u00abKommunistische Partei\u00bb w\u00fcrde die neue Partei zu fest mit den Russen in Verbindung bringen und die Leute abschrecken. Sie war viel vorsichtiger und st\u00e4rker auf die Mitglieder der alten Internationalen orientiert als Lenin, der argumentierte, dass es einen klaren Bruch mit dem Sozialchauvinismus in all seinen Formen brauche und das \u00abkommunistisch\u00bb daher die beste Bezeichnung sei. Luxemburgs Vorschlag wurde in der F\u00fchrung der SpartakistInnen, der Zentrale, abgelehnt. Es wurde beschlossen, die Partei solle \u00abkommunistisch\u00bb genannt werden. Am 29. Dezember 1918 stimmten die SpartakistInnen mit 80 zu 3 Stimmen daf\u00fcr, die USPD zu verlassen und eine unabh\u00e4ngige Partei zu gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag, am 30. Dezember 1918, trafen sich 129 Delegierte der SpartakistInnen, der Freien Sozialistischen Jugend und der Internationalen Kommunisten Deutschlands (IKD) und gr\u00fcndeten die Kommunistische Partei Deutschlands: die KPD. Aber auch der Name der Spartakisten blieb erhalten.<\/p>\n<p>In \u00abUnser Programm und die politische Situation\u00bb legte Luxemburg das politische Programm der Partei dar und analysierte die objektive Situation. Sie erkl\u00e4rte zun\u00e4chst die Verbindung der neuen Partei zu Marx und Engels und dem \u00abKommunistischen Manifest\u00bb und argumentierte, dass die SPD degeneriert sei und sich von der revolution\u00e4ren Basis abgewendet habe. Es sei an der Zeit, sich mit den Altlasten der SPD zu befassen.<\/p>\n<p><em>\u00abEs [das neue Programm] befindet sich im bewussten Gegensatz zu dem Standpunkt, auf dem das Erfurter Programm bisher steht, im bewussten Gegensatz zu der Trennung der unmittelbaren, sogenannten Minimalforderungen f\u00fcr den politischen und wirtschaftlichen Kampf von dem sozialistischen Endziel als einem Maximalprogramm. Im bewussten Gegensatz dazu liquidieren wir die Resultate der letzten 70 Jahre der Entwicklung und namentlich das unmittelbare Ergebnis des Weltkrieges, indem wir sagen: F\u00fcr uns gibt es jetzt kein Minimal- und kein Maximalprogramm; eines und dasselbe ist der Sozialismus; das ist das Minimum, das wir heutzutage durchzusetzen haben.\u00bb (<\/em><a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/luxemburg\/1918\/12\/programm.html\"><em>Unser Programm und die politische Situation<\/em><\/a><em>, Gesammelte Werke, Bd. 4)<\/em><\/p>\n<p>Nach Luxemburgs Einsch\u00e4tzung war die erste Phase der Revolution vorbei. Diese Phase hatte am 9. November begonnen, als die ArbeiterInnen- und Soldatenr\u00e4te entstanden. Die ArbeiterInnen- und Soldatenr\u00e4te zeigten, wohin der Weg gehen sollte, doch wegen der Schw\u00e4che der Revolution, ist ihnen die halbe Macht entglitten. Die erste Phase war gepr\u00e4gt von Illusionen: Illusionen unter den ProletarierInnenn und Soldaten \u00fcber die \u00abEinigkeit unter dem Banner des sogenannten Sozialismus\u00bb; Illusionen in der Bourgeoisie; und in der Vorstellung, die Regierung Ebert-Scheidemann k\u00f6nnte die ArbeiterInnen durch den Einsatz der Soldaten niederhalten. Diese Illusionen wurden nun ausger\u00e4umt:<\/p>\n<p><em>\u00abDas waren die verschiedenartigen Illusionen, aus denen sich auch die Vorg\u00e4nge der letzten Zeit erkl\u00e4ren lassen. S\u00e4mtliche Illusionen sind in nichts zerronnen. Es hat sich gezeigt, dass die Vereinigung von Haase mit Ebert-Scheidemann unter dem Schilde des \u201eSozialismus\u201c in Wirklichkeit nichts anderes bedeutete als ein Feigenblatt auf eine rein konterrevolution\u00e4re Politik.\u00bb (Ebd.)<\/em><\/p>\n<p>Laut Luxemburg war es positiv, dass die Illusionen ausger\u00e4umt wurden. Es \u00f6ffnete den Weg f\u00fcr eine neue Phase, in der die Regierung zunehmend ihre Unterst\u00fctzung verlieren w\u00fcrde, nicht nur bei den ArbeiterInnen, sondern auch beim Kleinb\u00fcrgertum und den Soldaten. Die Bourgeoisie w\u00fcrde gleichzeitig das Vertrauen in die Regierung verlieren. In der n\u00e4chsten Phase w\u00fcrde die Regierung daher, so Luxemburg, zur Konterrevolution \u00fcbergehen:<\/p>\n<p><em>\u00abWenn Sie das neue Programm dieser Herren lesen, dann werden Sie sehen, dass sie in die zweite Phase \u2013 die der entschleierten Konterrevolution, ja, ich m\u00f6chte das formulieren: in die Restauration der fr\u00fcheren, vorrevolution\u00e4ren Verh\u00e4ltnisse mit Volldampf hinaussegeln.\u00bb (Ebd.)<\/em><\/p>\n<p>Das w\u00fcrde den Klassenkampf nur versch\u00e4rfen.<\/p>\n<p><em>\u00a0\u00abEbert-Scheidemann werden durch die Verh\u00e4ltnisse dahin gestossen, zur Diktatur mit oder ohne Belagerungszustand zu greifen. Daraus ergibt sich aber, dass wir gerade durch die bisherige Entwicklung, durch die Logik der Ereignisse selbst und durch das Gewaltsame, das \u00fcber den Ebert-Scheidemann lastet, dazu kommen werden, in der zweiten Phase der Revolution eine viel versch\u00e4rftere Auseinandersetzung, viel heftigere Klassenk\u00e4mpfe zu erleben,\u00a0als das vorhin der Fall war; eine viel sch\u00e4rfere Auseinandersetzung nicht bloss deshalb, weil die politischen Momente, die ich bisher aufgez\u00e4hlt habe, dahin f\u00fchren, ohne Illusionen, Brust an Brust, Auge in Auge den Kampf zwischen der Revolution und der Konterrevolution aufzunehmen, sondern deshalb, weil ein neues Feuer, eine neue Flamme immer mehr aus der Tiefe in das Ganze hineingreift, und das sind die wirtschaftlichen K\u00e4mpfe.\u00bb (Ebd.)<\/em><\/p>\n<p>In ihrer Rede auf dem Gr\u00fcndungskongress der Kommunistischen Partei warnte Luxemburg energisch vor dem Glauben, dass ein Sieg einfach sein werde. Sie hatte absolut Recht bez\u00fcglich der drohenden Konterrevolution. Sie versuchte in den jungen KommunistInnen einen Sinn f\u00fcr Realismus zu wecken f\u00fcr die Schwierigkeiten, die ihnen bevorst\u00fcnden. Die alte herrschende Klasse w\u00fcrde mit Hilfe des Staatsapparats und der SPD alles in ihrer Macht stehende tun, um die Revolution abzuwehren. Und die KommunistInnen waren noch weit davon entfernt, bei den Massen Geh\u00f6r zu finden. In den St\u00e4dten waren die ArbeiterInnen wohl radikalisiert, aber auf dem Land hatte die Revolution noch nicht begonnen.<\/p>\n<p><em>\u00abWenn ich es so schildere, nimmt sich der Prozess vielleicht etwas langwieriger aus, als man geneigt w\u00e4re, ihn sich im ersten Moment vorzustellen. Ich glaube, es ist gesund f\u00fcr uns, wenn wir uns mit voller Klarheit alle Schwierigkeiten und Komplikationen dieser Revolution vor Augen f\u00fchren. Denn ich hoffe, wie auf mich, so wirkt auch auf keinen von Euch die Schilderung der grossen Schwierigkeiten, der sich auft\u00fcrmenden Aufgaben dahin, dass Ihr etwa in Eurem Eifer oder Eurer Energie erlahmt; im Gegenteil: Je gr\u00f6sser die Aufgabe, um so mehr werden wir alle Kr\u00e4fte zusammenfassen; und wir vergessen nicht: Die Revolution versteht ihre Werke mit ungeheurer Geschwindigkeit zu vollziehen. Ich \u00fcbernehme es nicht zu prophezeien, wieviel Zeit dieser Prozess braucht. Wer rechnet von uns, wen k\u00fcmmert das, wenn nur unser Leben dazu ausreicht, es dahin zu bringen!\u00bb (Ebd.)<\/em><\/p>\n<p><strong>Linksradikale Tendenzen<\/strong><\/p>\n<p>Die Mehrheit der Delegierten des Gr\u00fcndungskongresses der KPD war noch jung. Dreiviertel waren unter 35 Jahre alt und nur einer (Leo Jogiches) war \u00fcber 50. Die H\u00e4lfte waren IndustriearbeiterInnen. Die jungen Mitglieder der KPD waren gekennzeichnet durch ihre linksradikalen Tendenzen. Fr\u00f8lich beschrieb die Zusammensetzung:<\/p>\n<p><em>\u00abDer Spartakusbund war eine lose Organisation von nur wenigen tausend Mitgliedern. Den Kern bildete der alte linke Fl\u00fcgel der Sozialdemokratie, eine marxistische Elite geschult in Rosa Luxemburgs taktischen Ideen. Die Mehrheit der Sozialistischen Jugend tat sich mit dem Bund zusammen, welcher dann zus\u00e4tzliche Unterst\u00fczerInnen aus den vielen JungsozialistInnen rekrutierte, die durch die Kriegsopposition zum linken Fl\u00fcgel der ArbeiterInnenbewegung getrieben worden waren. W\u00e4hrend den Kriegsjahren waren all diese Elemente Risiken eingegangen und hatten Gefahren erlebt, die f\u00fcr die ArbeiterInnenbewegung in Westeuropa neu waren. Sie waren alle enthusiastische Anh\u00e4ngerInnen der Revolution, aber viele von ihnen hatten noch romantische Ideen von ihr.\u00bb (Fr\u00f8lich, Rosa Luxemburg, S. 310,\u00a0\u00dcbersetzung d. Red.)<\/em><\/p>\n<p>Als Karl Radek Mitte Dezember 1918 in Deutschland ankam, war er geschockt vom Linksradikalismus der Spartakisten:<\/p>\n<p><em>\u00abIch kaufte eine Ausgabe der Roten Fahne. Als ich zum Hotel fuhr, bl\u00e4tterte ich durch die Zeitung. Mich durchfuhr ein Schreck! Der Ton der Zeitung vermittelte den Eindruck als st\u00fcnde der Endkonflikt vor uns. Es h\u00e4tte nicht verdrehter sein k\u00f6nnen. Wenn sie es nur unterlassen k\u00f6nnen, zu untertreiben! \u2026<\/em><\/p>\n<p><em>Die Frage, wie man mit der Nationalversammlung umgehen sollte, entfachte eine Kontroverse\u2026 Es war eine sehr verlockende Idee, dem Slogan der Nationalversammlung jenen der R\u00e4te entgegenzustellen. Aber der R\u00e4tekongress selbst hatte sich f\u00fcr eine Nationalversammlung ausgesprochen. Diese Tatsache konnte man nicht \u00fcbergehen. Rosa und Karl begriffen dies\u2026 Aber die Parteijugend war entschieden dagegen, \u201awir l\u00f6sen das mit Maschinengewehren!\u2019\u00bb (zitiert in Debate on Soviet Power, S. 159 und 162,\u00a0\u00dcbersetzung d. Red.)<\/em><\/p>\n<p>Eine der ersten Debatten auf dem KPD-Gr\u00fcndungskongress betraf die Beteiligung an den Wahlen zur Nationalversammlung. Paul Levi pr\u00e4sentierte die Position der F\u00fchrung: Die deutsche Bourgeoisie wolle die Nationalversammlung ben\u00fctzen, um die Revolution mit Hilfe der SPD zu liquidieren, aber nichtsdestotrotz m\u00fcssten die KommunistInnen daran teilnehmen. Die Wahlen w\u00fcrden bedeuten, dass die Aufmerksamkeit der Massen f\u00fcr Monate auf der Nationalversammlung l\u00e4ge und die KommunistInnen m\u00fcssten diese Gelegenheit ausn\u00fctzen. Auf den Vorschlag, an den Wahlen teilzunehmen, kam breiter Widerspruch von den jungen Delegierten, die Levi wiederholt durch Zwischenrufe unterbrachen.<\/p>\n<p>Luxemburg, die sonst die Nationalversammlung als Umweg gegen\u00fcber Arbeiter- und Soldatenr\u00e4ten scharf verurteilte, stimmte Levi und dem Rest der F\u00fchrung zu, dass eine Teilnahme notwendig war, nachdem die R\u00e4te sich f\u00fcr eine Nationalversammlung entschieden hatten, und dass die KommunistInnen sie f\u00fcr die Verbreitung ihres politischen Programms nutzen und damit versuchen sollten, die Massen zu erreichen.<\/p>\n<p>Doch Luxemburg und der Rest der F\u00fchrung waren nicht in der Lage, die Mehrheit der Mitglieder von der Korrektheit dieser Taktik zu \u00fcberzeugen. Der Antrag der F\u00fchrung, in den Wahlen anzutreten, wurde abgelehnt. Luxemburgs Antwort an den Kongress war folgende:<\/p>\n<p><em>\u00abWir verstehen und sch\u00e4tzen die Motive, von denen die Opposition gegen die Ansicht der F\u00fchrung herr\u00fchrt. Unsere Freude ist jedoch nicht vorbehaltlos. Genossen, ihr nehmt es mit eurem Radikalismus allzu leicht. Bei unserer ganzen st\u00fcrmischen Ungeduld d\u00fcrfen wir nicht die n\u00f6tige Ernsthaftigkeit und die Notwendigkeit zur Reflexion verlieren. Das russische Beispiel gegen die Konstituante [d.h. Nationalversammlung] trifft hier nicht zu. Als die Konstituante auseinandergejagt wurde hatten unsere Genossen bereits eine Trotzki-Lenin-Regierung. Wir haben immer noch Ebert-Scheidemann.\u00bb (zitiert in Nettl, Rosa Luxemburg, S. 474,\u00a0\u00dcbersetzung d. Red.)<\/em><\/p>\n<p>Oberfl\u00e4chlich sah es so aus, als folgten die jungen SpartakistInnen dem Beispiel des revolution\u00e4ren Russland: Hatten die Bolschewiki nicht auch die Konstituierende Versammlung aufgel\u00f6st? Der Unterschied, wie Luxemburg ausgef\u00fchrt hatte, lag darin, dass die Bolschewiki dies taten, nachdem sie durch den Aufstand schon die Mehrheit der Sowjets gewonnen hatten und nachdem der Sowjetkongress die Macht ergriffen hatte. In Deutschland unterst\u00fctzte beim Jahreswechsel 1918\/19 immer noch eine Mehrheit der Massen die SPD und USPD und sah den Ruf nach einer Nationalversammlung als Schritt nach vorne. Die jungen SpartakistInnen machten die gleichen Erfahrungen wie die Bolschewiki durch. Lenin fasste diese Erfahrungen in\u00a0<em>Der linke Radikalismus<\/em>zusammen:<\/p>\n<p><em>\u00abZu Beginn der erw\u00e4hnten Periode forderten wir nicht zum Sturz der Regierung auf, sondern schafften Klarheit dar\u00fcber, dass ihr Sturz ohne vorherige Ver\u00e4nderungen in der Zusammensetzung und Stimmung der Sowjets unm\u00f6glich ist. Wir proklamierten nicht den Boykott des b\u00fcrgerlichen Parlaments, der Konstituante, sondern sagten \u2013 seit der Aprilkonferenz (1917) unserer Partei sagten wir es offiziell im Namen der Partei \u2013, dass eine b\u00fcrgerliche Republik mit einer Konstituante besser ist als eine solche Republik ohne Konstituante, dass aber eine \u201eArbeiter- und Bauernrepublik\u201c, eine Sowjetrepublik, besser ist als jedwede b\u00fcrgerlich-demokratische, parlamentarische Republik. Ohne diese vorsichtige, gr\u00fcndliche, umsichtige und langwierige Vorbereitung h\u00e4tten wir weder den Sieg im Oktober 1917 erringen noch diesen Sieg behaupten k\u00f6nnen. [\u2026] Erstens. Die deutschen \u201eLinken\u201c haben entgegen der Meinung so hervorragender politischer F\u00fchrer wie Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht bekanntlich schon im Januar 1919 den Parlamentarismus f\u00fcr \u201epolitisch erledigt\u201c gehalten. Wie bekannt, haben sich die \u201eLinken\u201c geirrt. (Lenin,\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/lenin\/1920\/linksrad\/index.html\"><em>Der \u2018Linke Radikalismus\u2019, die Kinderkrankheit im Kommunismus<\/em><\/a><em>, Lenin Werke Bd. 31, Kap. III. und VII.)<\/em><\/p>\n<p>Der Boykott der Nationalversammlung von Seiten der KommunistInnen hiess, dass sie sich von den Massen isolierten, die an den Wahlen teilnahmen und sie unterst\u00fctzen. Nicht zuletzt wegen der Einf\u00fchrung des allgemeinen Wahlrechts. W\u00e4hrend die KommunistInnen die Wahlen boykottierten, nahmen 83% der Deutschen \u2013 die h\u00f6chste Wahlbeteiligung in der Geschichte Deutschlands \u2013 daran teil. Sogar nach dieser Erfahrung hielt ein Teil der KPD an ihrer Position fest. Lenin antwortete ihnen:<\/p>\n<p><em>\u00abWie kann man denn davon reden, dass der \u201eParlamentarismus politisch erledigt\u201c sei, wenn \u201eMillionen\u201c und \u201eLegionen\u201c Proletarier nicht nur f\u00fcr den Parlamentarismus schlechthin eintreten, sondern sogar direkt \u201egegenrevolution\u00e4r\u201c sind!? Es ist klar, dass der Parlamentarismus in Deutschland politisch noch nicht erledigt ist. Es ist klar, dass die \u201eLinken\u201c in Deutschland ihren eigenen Wunsch, ihre eigene ideologisch-politische Stellung f\u00fcr die objektive Wirklichkeit halten. Das ist der gef\u00e4hrlichste Fehler, den Revolution\u00e4re machen k\u00f6nnen.\u00bb (Ebd.)<\/em><\/p>\n<p>Auch bez\u00fcglich der Frage der Regierung bezogen die jungen KommunistInnen eine linkradikale Position. Laut ihnen sollte die Kommunistische Partei den Sturz der Ebert-Scheidemann Regierung propagieren. Am Kongress warnte Luxemburg sie davor zu glauben, dass diese Parolenfassung etwas l\u00f6sen w\u00fcrde. Die Regierung konnte nicht einfach gest\u00fcrzt werden, sondern musste von unten, durch die Massen, untergraben werden. Einfach die Parole zu fassen, dass die Regierung gest\u00fcrzt werden musste, ohne in einer Position zu sein, sie mit etwas anderem ersetzen zu k\u00f6nnen, w\u00fcrde, wie einige Wochen sp\u00e4ter klar werden sollte, die Bewegung nicht zum Sieg f\u00fchren.<\/p>\n<p>Es ist etwas hart, die jungen SpartakistInnen f\u00fcr ihre lingsradikale Position vollkommen zu verurteilen. Luxemburg hatte zuvor in ihren Artikeln eine sehr harte Haltung gegen die Einberufung der Nationalversammlung und gegen die Regierung gehabt, und sie hatte auch nicht viel Aufwand betrieben, um die jungen Kommunisten darin auszubilden, wie sie sich mit den Massen verbinden konnten. Aber sie verstand die Notwendigkeit, sich mit den Massen in Verbindung zu setzen, und dass die Kommunisten sowohl bez\u00fcglich der Regierung als auch bez\u00fcglich der Nationalversammlung flexibel vorgehen mussten.<\/p>\n<p>Die linksradikalen Tendenzen wurden am Kongress auch in Form von zwei Antr\u00e4gen ausgedr\u00fcckt, welche forderten, dass die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft unvereinbar sein sollte mit der Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei. Laut den Antragstellenden sollten die KommunistInnen aus den Gewerkschaften aussteigen und alles tun, um sich ihnen zu widersetzen, da die Sozialdemokraten dort in der Mehrheit waren. Die F\u00fchrung der Kommunistischen Partei schaffte es dann, eine Abstimmung dar\u00fcber zu vermeiden, indem sie diese Frage zur Diskussion in einer Gewerkschaftskommission verschoben.<\/p>\n<p>Die F\u00fchrung der Partei realisierte, dass ein Boykott der Gewerkschaften sie ernsthaft von den Massen isolieren w\u00fcrde. Genau wie 1905 in Russland (wie Rosa es beschrieb), bedeutete die revolution\u00e4re Bewegung in Deutschland, dass die neu zum politischen Leben erweckten Massen in die Gewerkschaften str\u00f6mten, welche die grundlegendste und einfachste organisatorische Form der ArbeiterInnenbewegung darstellen. Vor der Revolution hatten die Gewerkschaften 1.5 Millionen Mitglieder gez\u00e4hlt. Ende Dezember 1918 war die Anzahl zu 2.2 Millionen, und gegen Ende des Jahres 1919 bis zu 7.3 Millionen Mitgliedern angestiegen. Laut der F\u00fchrung der Kommunistischen Partei war es die Aufgabe der Kommunisten, in den Gewerkschaften zu arbeiten, sich dabei mit den Massen zu verbinden und diese dem politischen Einfluss der Sozialdemokraten zu entziehen. Aber aufgrund der Opposition unter den Mitgliedern der Kommunistischen Partei verging ein ganzes Jahr, bevor die KPD sich dazu entschied, in den SPD-dominierten Gewerkschaften zu arbeiten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des gesamten Kongresses wurden Verhandlungen gef\u00fchrt mit VertreterInnen der Revolution\u00e4ren Obleute, aber diese waren besorgt \u00fcber die linksradikalen Tendenzen der KommunistInnen. Deswegen erhoben sie f\u00fcr ihren m\u00f6glichen Beitritt eine Reihe an Forderungen, welche die KommunistInnen unterst\u00fctzen sollten. Darunter jene, dass die Entscheidung, die Wahlen zu boykottieren, fallen gelassen werden musste; dass sie eine gleiche Vertretung in der Programm-Kommission erhalten sollten; und dass jeder Bezug zu den Spartakisten aus dem Parteinamen entfernt werden sollte.\u00a0 Wie Pierre Brou\u00e9 schrieb, waren das nicht Anforderungen, denen sich \u00e4ltere Bolschewiki, und vermutlich auch nicht die \u00e4lteren SpartakistInnen, widersetzt h\u00e4tten:<\/p>\n<p><em>\u00abAber f\u00fcr die Mehrheit des Kongresses waren sie nicht annehmbar, und deren ironische Haltung gegen\u00fcber diesen Verhandlungen war ausserdem eines der Symptome, die Radek am besorgniserregendsten fand.\u00bb (Brou\u00e9, The German Revolution, s. 224,\u00a0\u00dcbersetzung d. Red.)<\/em><\/p>\n<p>Die Revolution\u00e4ren Obleute entschieden sich, nicht neuen Kommunistischen Partei beizutreten, sondern schlossen sich der USPD an. Es war ein schwerer Schlag, der die KommunistInnen ernsthaft schw\u00e4chte. Die Revolution\u00e4ren Obleute waren die Gruppe mit der besten Verbindung zu den Arbeitern in den Fabriken in Berlin. Ohne sie hatten die KommunistInnen kein wirkliches Standbein in der industriellen Arbeiterklasse. Gleichzeitig bedeutete dies, dass die radikalsten ArbeiterInnen in Berlins Fabriken einer revolution\u00e4ren politischen F\u00fchrung beraubt und dem Einfluss der politisch gespaltenen Linken der USPD \u00fcberlassen wurden.<\/p>\n<p>Luxemburg konnte die Probleme sehen, aber sie war nicht besonders besorgt. Sie verglich die Situation mit einem neugeborenen Kind, das bei der Geburt schreit. Sie beschrieb Clara Zetkin die Niederlage der F\u00fchrung bei der Abstimmung \u00fcber die Teilnahme an der Verfassungsversammlung:<\/p>\n<p><em>\u00abUnsere Niederlage war lediglich der Triumph eines etwas kindischen, halb ausgegorenen, engstirnigen Radikalismus. Auf jeden Fall geschah das zu Beginn der Konferenz. Sp\u00e4ter wurde der Kontakt zwischen uns [der Exekutive] und den Delegierten hergestellt\u2026 eine ganz andere Atmosph\u00e4re [Resonanz] als am Anfang\u2026 Die Spartakisten sind eine neue Generation, frei von den kretinistischen Traditionen der \u201eguten alten Partei\u201c\u2026 Wir alle haben einstimmig beschlossen, die Angelegenheit nicht zu einer Kardinalfrage zu machen und sie nicht zu ernst zu nehmen.\u00bb (Zitiert in Nettl, S. 475,\u00a0\u00dcbersetzung d. Red.)<\/em><\/p>\n<p>Trotz den Schw\u00e4chen der jungen Kommunistischen Partei war ihre Gr\u00fcndung international von gr\u00f6sster Bedeutung. Die russische Partei hoffte, sie w\u00fcrde endlich die Isolation der jungen Sowjetmacht brechen. Nun gab es eine Partei, die eine klare Position f\u00fcr die Russische Revolution bezog: \u00abSozialismus ist in dieser Stunde der einzige Rettungsanker der Menschheit. \u00dcber den zusammensinkenden Mauern der kapitalistischen Gesellschaft lodern wie ein feuriges Menetekel die Worte des Kommunistischen Manifests: Sozialismus oder Barbarei!\u00bb (<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/geschichte\/deutsch\/kpd\/1918\/programm.htm\">Programm der Kommunistischen Partei Deutschlands, 1918<\/a>)<\/p>\n<p>Mit diesem Satz \u2013 \u00abSozialismus oder Barbarei\u00bb \u2013 formulierten Luxemburg und die KommunistInnen die Wahl, vor der die Menschheit stand.<\/p>\n<p>Die Partei war gegr\u00fcndet, aber sie war noch lange nicht bereit, die Arbeiterklasse an die Macht zu f\u00fchren. Luxemburg und die restliche F\u00fchrung konnten nichts tun, ausser warten. Sie mussten hoffen, dass sie recht behielten und die jungen Mitglieder durch ihre Erfahrungen lernten und ihre linksradikalen Tendenzen aufgaben. Das Problem war, dass die Revolution erst begonnen hatte, aber Zeit war nicht auf der Seite der KommunistInnen. Die Konterrevolution in Deutschland, angef\u00fchrt von der Sozialdemokratie, war viel besser organisiert und erfahrener als ihr russisches Gegenst\u00fcck im Jahr 1917. Die Konterrevolution liess nicht auf sich warten und so stand die neue Partei unmittelbar nach ihrer Gr\u00fcndung vor einer entscheidenden Pr\u00fcfung.<\/p>\n<p><strong>Der Spartakus-Aufstand<\/strong><\/p>\n<p>Die herrschende Klasse und die Spitze der SPD wurden ungeduldig. Der revolution\u00e4re Aufruhr hatte lange genug gedauert, und es war Zeit, die Konterrevolution einzuleiten. Aber die ArbeiterInnen, besonders in Berlin, waren ebenfalls ungeduldig. Sie sp\u00fcrten, wie ihnen die Macht aus den Fingern entglitt. Diese wachsende Ungeduld auf beiden Seiten war die Kulisse f\u00fcr das, was sp\u00e4ter als \u00abSpartakus-Aufstand\u00bb bekannt wurde, obwohl die SpartakistInnen die Bewegung weder gestartet noch organisiert hatten.<\/p>\n<p>Anfangs Januar spitzte sich die Situation zu. Die USPD hatte sich aus der Regierung zur\u00fcckgezogen und es gab Ger\u00fcchte, dass ein Milit\u00e4rputsch vorbereitet w\u00fcrde. Unterdessen ging die Hexenjagd gegen die SpartakistInnen weiter. Der Generalstab und die sozialdemokratischen Minister planten eine blutige Abrechnung mit den SpartakistInnen, die seit der Gr\u00fcndung der KPD f\u00fcr den Sturz der Regierung agitiert hatten. Das Ziel war es, mit der Revolution Schluss zu machen und den Weg f\u00fcr eine milit\u00e4rische \u00abL\u00f6sung\u00bb zu bereiten. Der neue Verteidigungsminister Noske (SPD) war entschlossen, die konterrevolution\u00e4ren Truppen in die Offensive zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Ihren Vorwand zur Offensive fand die Regierung in einer zweitrangigen Frage: Der Absetzung von Emil Eichhorn, des linken Polizeichefs von Berlin. Eichhorn war Mitglied der USPD und galt der Regierung als Gefahr, weil er eine Polizeitruppe von 2\u2019000 ArbeiterInnen und SoldatInnen organisiert hatte, die der Revolution treu waren. Ihn auszuschalten war nicht nur eine M\u00f6glichkeit, sich des linken Eichhorn als Polizeichef zu entledigen. Ein R\u00fccktritt von ihm war auch ein rotes Tuch f\u00fcr die linken ArbeiterInnen von Berlin. Es w\u00fcrde eine Revolte ausl\u00f6sen, wogegen das Milit\u00e4r mobilisiert werden k\u00f6nnte, um den Aufstand niederzuschlagen.<\/p>\n<p>Eichhorn wurde am 4. Januar zum R\u00fccktritt aufgefordert, nachdem die Regierung diverse falsche Anschuldigungen verbreitet hatte. Aber Eichhorn weigerte sich, mit der Begr\u00fcndung, er habe die Unterst\u00fctzung der Massen. Er war angespornt von der Revolution wund w\u00fcrde nur zur\u00fccktreten, falls dies f\u00fcr die Revolution n\u00f6tig sei.<\/p>\n<p>Am Abend des 4. Januar traf sich die F\u00fchrung der KPD, um \u00fcber ihre Antwort auf die Provokation zu entscheiden. Sie wussten, dass der Versuch, die Regierung zu st\u00fctzen, zu diesem Zeitpunkt verr\u00fcckt gewesen w\u00e4re. Stattdessen schlugen sie einen Generalstreik vor. Brou\u00e9 zitiert einen namenlosen Kommunisten, der bei der Versammlung anwesend war:<\/p>\n<p><em>\u00abEs herrschte v\u00f6llige Einigkeit, wie die Situation einzusch\u00e4tzen war. Alle Anwesenden erachteten es als sinnlos, zu versuchen die Regierung zu \u00fcbernehmen: Eine vom Proletariat unterst\u00fctzte Regierung h\u00e4tte keine zwei Wochen \u00fcberlebt. Demzufolge waren sich alle Mitglieder der Zentrale [der gew\u00e4hlten F\u00fchrung] einig, Parolen zu vermeiden, die den Sturz der Regierung implizierten.\u00bb (Zitiert in Brou\u00e9, S. 240,\u00a0\u00dcbersetzung d. Red.)<\/em><\/p>\n<p>Luxemburgs Haltung war, dass selbst wenn der Sturz der Ebert-Regierung gel\u00e4nge, es dennoch sinnlos w\u00e4re, weil die Landregionen nicht bereit gewesen w\u00e4ren, den Berliner ArbeiterInnen zu folgen. Die Situation hatte grosse \u00c4hnlichkeiten mit den Julitagen in Russland 1917. Im Januar 1919 gingen die ArbeiterInnen in der Hauptstadt dem Rest des Landes weit voraus.<\/p>\n<p>Das Berliner Exekutivkomitee der USPD ver\u00f6ffentlichte eine Resolution gegen die Absetzung Eichmanns, sobald sie davon Wind bekam. Sie trafen sich mit VertreterInnen der Revolution\u00e4ren Obleute und den F\u00fchrerInnen der KPD, um gemeinsam Massnahmen zu beschliessen. Die drei Gruppen einigten sich darauf, am 5. Januar eine Demonstration zu veranstalten. Hunderttausende ArbeiterInnen gingen auf die Strasse und marschierten zur Polizeizentrale.<\/p>\n<p>Bewaffnete Arbeitergruppen besetzten die Redaktionsb\u00fcros des Vorw\u00e4rts. Sie hatten der SPD noch immer nicht vergeben, dass diese ihnen ihre Zeitung \u00abgestohlen\u00bb hatte. Sie wurden zwar dazu gebracht, das besetzte Geb\u00e4ude zu verlassen.\u00a0 Aber bald darauf besetzten sie das B\u00fcro erneut, genauso wie die Redaktionsb\u00fcros von weiteren b\u00fcrgerlichen Zeitungen. Die ArbeiterInnen besetzten auch noch weitere Geb\u00e4ude, einige davon nahe beim Reichstag. Diese Aktionen waren nicht von den SpartakistInnen organisiert, wenn auch viele SpartakistInnen mitgemacht haben. Nat\u00fcrlich waren auch Provokateure dabei, aber es besteht kein Zweifel, dass die Situation die Frustration der Berliner ArbeiterInnen widerspiegelte.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag str\u00f6mten 500\u2019000 auf die Strassen, viele davon bewaffnet. In vielen Fabriken streikten die ArbeiterInnen. Es war eine der m\u00e4chtigsten Demonstrationen in der Geschichte der Revolution. Die Situation erreichte ihren H\u00f6hepunkt. Sp\u00e4ter schrieb der sozialdemokratische Minister Gustav Noske:<\/p>\n<p><em>\u00abGrosse Arbeitermassen [\u2026] folgten dem Schlachtruf. Ihre liebste Parole \u201eNieder, Nieder, Nieder\u201c [mit der Regierung] erklang erneut. Ich musste den Demonstrationszug am Brandenburger Tor durchqueren, durch den Tiergarten und dann nochmals vor dem Generalstabsgeb\u00e4ude. Viele Marschierende waren bewaffnet. Mehrere Lastwagen mit Maschinenpistolen standen bei der Siegess\u00e4ule. Wiederholt fragte ich h\u00f6flich, ob ich passieren d\u00fcrfe, da ich einen dringenden Auftrag zu erf\u00fcllen habe. Meiner Bitte folgend, erlaubten sie mir durchzugehen. Wenn diese Massen statt Schw\u00e4tzer entschlossene und bewusste F\u00fchrer gehabt h\u00e4tte, dann w\u00e4re Berlin bis Mittag in ihrer Hand gewesen.\u00bb (Zitiert in Debate on Soviet Power, S. 248,\u00a0\u00dcbersetzung d. Red.)<\/em><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Massen auf der Strasse waren, trafen sich VertreterInnen der USPD, der KPD (Pieck und Liebknecht) und der revolution\u00e4ren Fabrikdelegierten in Berlin, um die n\u00e4chsten Schritte zu kl\u00e4ren. Sie hatten keinen Plan und keine Ahnung, in welche Richtung sie die Massen f\u00fchren sollten.<\/p>\n<p>Der oben zitierte Kommunist beschrieb die Situation folgendermassen:<\/p>\n<p><em>\u00abDie Massen waren bereits fr\u00fch da, ab neun Uhr in der K\u00e4lte und im Nebel. Die F\u00fchrung war irgendwo in einer Sitzung, sich am besprechen. Der Nebel wurde dichter und die Massen warteten immer noch. Aber die F\u00fchrer waren immer noch am besprechen. Am Mittag wurde es noch k\u00e4lter und man bekam Hunger. Und die F\u00fchrer besprachen sich immer noch. Die Massen waren wie im Rausch vor Aufregung. Sie wollten etwas tun, etwas um ihr Delirium zu lindern. Aber niemand wusste was. Die F\u00fchrer besprachen sich. Der Nebel wurde dichter und der Himmel langsam dunkel. Entt\u00e4uscht gingen die Massen zur\u00fcck nach Hause. Sie hatten auf grosse Ereignisse gehofft, aber nichts getan. Und die F\u00fchrer besprachen sich. Sie hatten sich im Marstall besprochen. Sie machten im Polizeihauptquartier weiter, und sie besprachen sich immer noch. Die Arbeiter standen draussen auf dem leeren Alexanderplatz, Gewehre in den H\u00e4nden, mit leichten und schweren Maschinenpistolen. Drinnen besprachen sich die F\u00fchrer. Beim Hauptquartier waren die Gewehre bereit, Matrosen sassen in allen Ecken und in den R\u00e4umen mit Fenster auf die Strasse bewegte sich eine brodelnde Masse Arbeiter und Soldaten. Drinnen sassen die F\u00fchrer und besprachen sich. Sie sassen den ganzen Abend und die ganze Nacht und besprachen sich. Und am n\u00e4chsten Morgen sassen sie immer noch besprechend da. Die Gruppen von der Siegesallee kamen zur\u00fcck und die F\u00fchrer sassen und besprachen sich immer noch. Sie besprachen und besprachen und besprachen sich.\u00bb (Zitiert in Brou\u00e9, S. 242,\u00a0\u00dcbersetzung d. Red.)<\/em><\/p>\n<p>An dieser Sitzung wurde ein \u00abRevolutionsausschuss\u00bb ins Leben gerufen. Es bestand aus VertreterInnen von USPD, KPD und den Revolution\u00e4ren Obleuten unter der F\u00fchrung von Georg Ledebour, Karl Liebknecht und Paul Scholze.<\/p>\n<p>Die F\u00fchrerInnen waren mit der gewaltigen Bewegung v\u00f6llig \u00fcberfordert und sp\u00fcrten, dass ihnen die Zeit davonlief. Man erz\u00e4hlte ihnen, dass sie auf die milit\u00e4rische Unterst\u00fctzung von mehreren Quartieren z\u00e4hlen k\u00f6nnten. Die Information erwies sich sp\u00e4ter als unzuverl\u00e4ssig. Auf dieser Grundlage verabschiedeten sie eine Resolution \u00fcber den Sturz der Regierung, die jedoch nie ver\u00f6ffentlicht wurde. Liebknecht, von der Stimmung mitgerissen, unterst\u00fctzte den Vorschlag. Der einzige konkrete Vorschlag des Komitees war der Aufruf zu einer weiteren Demonstration am 6. Januar. An diesem Tag wurde der revolution\u00e4re Enthusiasmus jedoch durch das Komitee ged\u00e4mpft. Es zeigte sich, dass die Mehrheit der Berliner ArbeiterInnen bereit war zu streiken und zu demonstrieren, aber noch nicht, einen bewaffneten Aufstand zu starten. Und am Abend des 6. Januars war die Bewegung zu langsam. Sowohl das Zentralkomitee der ArbeiterInnen und SoldatInnen als auch das Exekutivkomitee des Berliner Rates stimmten der Absetzung von Eichhorn zu. Der Sozialdemokrat Noske wurde im Hauptquartier der Freikorps eingesetzt und bereitete den Gegenangriff vor. Der Schwung der Bewegung hatte nachgelassen. Die Arbeiterf\u00fchrer hatten die Chance verpasst.<\/p>\n<p>Auch wenn sich Liebknecht gegen Verhandlungen mit der Regierung aussprach, dominierte im Revolutionsausschuss die Meinung, dass solche er\u00f6ffnet werden sollten. Die USPD ging sogar so weit, dass sie in der Nacht des 6. Januars zu verhandeln begann. Ihr Ziel war ein Waffenstillstand, der die Evakuierung der besetzten Geb\u00e4ude erm\u00f6glichen w\u00fcrde. W\u00e4hrend die revolution\u00e4re Bewegung von Stunde zu Stunde schw\u00e4cher wurde, verst\u00e4rkte sich entsprechend die Position der Regierung. Diese versuchte daher die Verhandlungen so lange wie m\u00f6glich hinauszuz\u00f6gern. Liebknecht besuchte die ArbeiterInnen im besetzten Vorw\u00e4rts-Geb\u00e4ude und erkl\u00e4rte ihnen, dass die USPD mit der Er\u00f6ffnung der Verhandlungen mit der Regierung die Bewegung verraten habe: Alles was ihnen jetzt noch bliebe, sei bis zum Ende zu k\u00e4mpfen. Am 8. Januar wurden die Verhandlungen unterbrochen und die Regierungen verk\u00fcndete, dass nun auf Gewalt mit Gewalt reagiert werde. Im Reichstag wurde eine \u00absozialdemokratische\u00bb Armeeeinheit mit zwei Regimentern aus jeweils sechs Kompanien organisiert. Auf der Seite der Revolution wurde der Rote Soldatenbund aufgestellt. Die bewaffneten ArbeiterInnen wurden angehalten, auf die Strasse zu gehen. Auf den Strassen Berlins kam es zu gewaltsamen K\u00e4mpfen, die Situation stand kurz vor einem B\u00fcrgerkrieg. In den Versammlungen in den Fabriken sprach sich aber eine \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der Arbeitenden f\u00fcr die Beendigung der K\u00e4mpfe aus.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des 8. und 9. Januar begannen die Regierungskr\u00e4fte immer mehr besetzte Geb\u00e4ude zur\u00fcckzuerobern und belagerten das Vorw\u00e4rts-Geb\u00e4ude. Falls n\u00f6tig sollte dieses auch mit Gewalt zur\u00fcckerobert werden. Am Abend des 10. Januar, w\u00e4hrend die Verhandlungen mit der Regierung noch liefen, wurden Ledebour, ein Verhandlungsf\u00fchrer der USPD, und Ernst Meyer, der Vorsitzende des Spartakusbundes, verhaftet.<\/p>\n<p>Am Morgen des 11. Januar begannen Regierungstruppen, das Geb\u00e4ude der Vorw\u00e4rts anzugreifen. Nach zwei Stunden hissten die BesetzerInnen die weisse Fahne und schickten eine Delegation, um die Bedingungen ihrer Kapitulation zu verhandeln. Die Mitglieder der Delegation wurden sofort verhaftet, den anderen wurden 10 Minuten gegeben, um sich zu ergeben.\u00a0 Mehrere Verhaftete wurden auf der Stelle ermordet.<\/p>\n<p>In den R\u00e4ngen der KommunistInnen kam es zu einer Krise. Radek setzte sich f\u00fcr einen geordneten R\u00fcckzug der Partei ein: Sie solle die Arbeitenden aufrufen, an die Arbeit zur\u00fcckzukehren und anschliessend f\u00fcr die Wiederwahl in den Arbeiterr\u00e4ten k\u00e4mpfen. Luxemburg sah zwar die Notwendigkeit eines R\u00fcckzugs, war aber der Meinung, dass die KommunistInnen diese Position nicht offen vertreten d\u00fcrfen. Denn das w\u00fcrde die USPD-F\u00fchrung in die Richtung dr\u00e4ngen, vor der Regierung zu kapitulieren.<\/p>\n<p>Luxemburg bewertete den Aufstand kritisch. Es sei zwar erfreulich, dass \u00abdie breitesten Massen des Proletariats in Berlin und in den Hauptzentren der Revolution im Reiche begriffen\u00bb h\u00e4tten, dass die Wahl zwischen der Aufgabe des Kampfes f\u00fcr den Sozialismus oder dem Sturz der Ebert-Scheidemann Regierung liege. Aber die Bewegung zeigte auch Schw\u00e4chen bei der Frage, wie der Kampf weitergef\u00fchrt werden soll. Am 8. Januar 1919 schrieb sie:<\/p>\n<p><em>\u00abWas aber bei weitem nicht klar ist, worin noch die Schw\u00e4che und Unreife der Revolution an den Tag tritt, das ist die Frage, wie man den Kampf um die Wegr\u00e4umung der Ebertschen Regierung f\u00fchrt, wie man die bereits erreichte Stufe der inneren Reife der Revolution in Taten und Machtverh\u00e4ltnisse umsetzt. Nichts hat diese Schw\u00e4chen und M\u00e4ngel so krass aufgezeigt wie die letzten drei Tage.\u00bb (<\/em><a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/luxemburg\/1919\/01\/verpflicht.htm\"><em>Vers\u00e4umte Pflichten<\/em><\/a><em>, Gesammelte Werke Bd. 4)<\/em><\/p>\n<p>Ihre scharfe Kritik traf dabei vor allem die F\u00fchrung der Massen w\u00e4hrend des Januaraufstands. Sie kritisiert dabei besonders die Revolution\u00e4ren Obleute und die F\u00fchrung der USPD in Grossberlin, die die Massen alleine liessen und ohne deren Einvernehmen in die z\u00e4hen Verhandlungen mit der Regierung trat.. Die Massen waren laut Luxemburg auf der Strasse und verlangten nach F\u00fchrung, diese wurde ihnen aber verwehrt:<\/p>\n<p><em>\u00abWenn die Massen auf die Strasse gerufen werden, um in Alarmbereitschaft zu sein, dann muss ihnen klar und deutlich gesagt werden, was sie zu tun haben, oder mindestens, was vorgeht, was von Freund und Feind getan und geplant wird. In Zeiten der revolution\u00e4ren Krise geh\u00f6ren die Massen selbstverst\u00e4ndlich auf die Strasse. Sie sind der einzige Hort, die einzige Sicherheit der Revolution. Wenn die Revolution in Gefahr ist \u2013 und das ist sie jetzt in h\u00f6chstem Masse! \u2013, dann ist es Pflicht der proletarischen Massen, dort auf der Wacht zu sein, wo ihre Macht zum Ausdruck kommt: auf der Strasse! Schon ihre Anwesenheit, ihr Kontakt miteinander ist eine Drohung und eine Warnung an alle offenen und versteckten Feinde der Revolution: H\u00fctet euch!\u00bb (Ebd.)<\/em><\/p>\n<p>Luxemburg rief zu Taten statt Worten auf: \u00abDie Erfahrung der letzten drei Tage ruft den f\u00fchrenden Organen der Arbeiterschaft mit lauter Stimme zu: Redet nicht! Beratet nicht ewig! Unterhandelt nicht! Handelt!\u00bb (<em>Ebd.<\/em>)<\/p>\n<p>Sie kritisierte dabei nicht eigenen VertreterInnen der KPD, die auch ein Teil der \u00abF\u00fchrung der ArbeiterInnenklasse\u00bb waren. Es wird aber gesagt, dass Luxemburg nach einem Treffen mit dem revolution\u00e4ren Exekutivkomitee Liebknecht im Parteib\u00fcro traf und ihn w\u00fctend zur Rede stellte: \u00abKarl, wie konntest du nur? Was ist mit unserem Programm?\u00bb (Nettl, S. 482)<\/p>\n<p>Radek kritisierte die KPD aufs sch\u00e4rfste. In einem Brief an die Parteif\u00fchrung, geschrieben am 9. Januar, erkl\u00e4rte er, dass die Partei in ihrem Programm \u00abWas will der Spartakusbund\u00bb korrekterweise geschrieben hatte, dass sie nur die Macht ergreifen w\u00fcrden, wenn sie die Mehrheit der ArbeiterInnen hinter sich h\u00e4tten. Dies war noch nicht der Fall. Im Brief kritisierte er die Vertreter der Partei im revolution\u00e4ren Komitee scharf:<\/p>\n<p><em>\u00abIn dieser Situation durfte die Samstag von den Revolution\u00e4ren Obleuten beschlossen Aktion wegen des Anschlags der sozialpatriotischen Regierung auf das Polizeipr\u00e4sidium nur den Charakter einer Protestaktion tragen. Die Vorderreihe des Proletariats, erbittert durch die Politik der Regierung,\u00a0 missleitet durch die Revolution\u00e4ren Obleute, die ohne jede politische Erfahrung, nicht imstande sind, das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis im ganzen Reich zu \u00fcbersehen, haben in ihrem Elan die Bewegung aus einer Protestbewegung zu einem Kampf um die Gewalt ausgestaltet. Das erlaubt den Ebert und Scheidemann, der Berliner Bewegung einen Schlag zu versetzen, der die ganze Bewegung auf Monate schw\u00e4chen kann.\u00bb (Illustrierte Geschichte der Deutschen Revolution, S. 282)<\/em><\/p>\n<p>Radek bestand darauf, dass die KommunistInnen die Massen offen \u00fcber ihren R\u00fcckzug informieren m\u00fcssten, um so den Schaden begrenzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>\u00abDie einzige bremsende Kraft, die dieses Ungl\u00fcck verhindern kann, seid ihr, die Kommunistische Partei. Ihr habt genug Einsicht, um zu wissen, dass der Kampf aussichtslos ist, dass ihr es wisst, haben mir eure Mitglieder, die Genossen Levi und Dunckers gesagt\u2026 Nichts verbietet einem Schw\u00e4cheren, sich vor der \u00dcbermacht zur\u00fcckzuziehen. Wir haben im Juli 1917, obwohl wir damals st\u00e4rker waren ihr jetzte, die Massen mit allen Kr\u00e4ften zur\u00fcckgehalten, und als dies nicht gelang, sie durch r\u00fccksichtsloses Eingreifen aus einer bevorstehenden aussichtslosen Schlacht herausgezogen.\u00bb (Ebd.)<\/em><\/p>\n<p>Aber die F\u00fchrung der KPD sch\u00e4tzte die Situation anders ein, so auch Luxemburg. In ihrem Artikel \u00abDie Ordnung herrscht in Berlin\u00bb, welcher ihr letzter werden sollte, wertete sie die Bewegung aus. Sie schrieb, dass die Bewegung zwangsl\u00e4ufig in einer Niederlage enden musste. Die Niederlage war vor allem der mangelnden politischen Reife des Milit\u00e4rs geschuldet, was selbst wiederum ein \u00abSymptom der allgemeinen Unreife der deutschen Revolution\u00bb war. Gleichzeitig sagte sie aber, dass die ArbeiterInnen nicht anders auf die Provokation der Regierung reagieren konnten.<\/p>\n<p><em>\u00abVor die Tatsache der frechen Provokation seitens der Ebert-Scheidemann gestellt, war die revolution\u00e4re Arbeiterschaft\u00a0gezwungen, zu den Waffen zu greifen. Ja, es war\u00a0Ehrensache\u00a0der Revolution, sofort den Angriff mit aller Energie abzuschlagen, sollte nicht die Gegenrevolution zu weiterem Vordringen ermuntert, die revolution\u00e4ren Reihen des Proletariats, der moralische Kredit der deutschen Revolution in der Internationale ersch\u00fcttert werden.\u00bb (<\/em><a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/luxemburg\/1919\/01\/ordnung.htm\"><em>Die Ordnung herrscht in Berlin<\/em><\/a><em>, Politische Schriften, Band 2)<\/em><\/p>\n<p>Obwohl die KPD und Luxemburg sch\u00e4tzten, dass die Zeit nicht reif war f\u00fcr einen Sturz der Regierung, waren Luxemburgs Artikel nicht nur ein scharfer Angriff auf die Regierung, sondern auch das gr\u00f6sste Hindernis f\u00fcr den Fortgang der Revolution.<\/p>\n<p>Luxemburg zufolge hatten die ArbeiterInnen nichts anderes tun k\u00f6nnen, als zu den Waffen zu greifen und der dreisten Provokation Widerstand zu leisten. Es war \u00abEhrensache der Revolution\u00bb und n\u00f6tig, um die Konterrevolution nicht zum weiteren Vordringen zu ermuntern. Nach Luxemburg konnte die Revolution sich nur vorw\u00e4rtsbewegen. F\u00fcr sie konnte es keine taktischen, tempor\u00e4ren defensiven Aktionen geben. Ein endg\u00fcltiger Sieg w\u00fcrde durch eine Reihe von Niederlagen vorbereitet werden.<\/p>\n<p><em>\u00abNun ist es inneres Lebensgesetz der Revolution, nie beim erreichten Schritt in Unt\u00e4tigkeit, in Passivit\u00e4t stehenzubleiben. Die beste Parade ist ein kr\u00e4ftiger Hieb. Diese elementare Regel jeden Kampfes beherrscht erst recht alle Schritte der Revolution.\u00bb (Ebd.)<\/em><\/p>\n<p>Hier widersprach Luxemburg den Anweisungen von Radek und den Taktiken der Bolschewiki. Im Juli 1917 versuchten die Bolschewiki die ArbeiterInnen von Petrograd zu \u00fcberzeugen, nicht auf die Strassen zu gehen, aus Angst, isoliert zu bleiben. Als sie scheiterten, nahmen sie an den Demonstrationen teil, Seite an Seite mit den ArbeiterInnen und versuchten die Demonstrationen so organisiert und diszipliniert wie m\u00f6glich zu gestalten. Und als es offensichtlich wurde, dass sie sich nicht gegen die Konterrevolution halten konnten, organisierten sie einen m\u00f6glichst geordneten R\u00fcckzug. Radek schrieb dem Zentralkomitee der KPD, um sie zu \u00fcberzeugen, dass ein von der Partei organisierter R\u00fcckzug sehr viel weniger demoralisierend sein w\u00fcrde als wenn die Partei die Massen zu einem weiteren Kampf ermutige, der bloss in einer Niederlage enden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Rosa Luxemburg konnte sich keinen R\u00fcckzug eingestehen, obwohl ihr klar war, dass der Kampf in diesem Moment nicht gewonnen werden konnte. Luxemburg zufolge war die Niederlage nicht nur der mangelnden Reife der Revolution geschuldet, sondern auch der F\u00fchrung der Bewegung. Sie war jedoch \u00fcberzeugt, dass die Massen diese Schw\u00e4chen korrigieren w\u00fcrden. \u00abDie F\u00fchrung hat versagt. Aber die F\u00fchrung kann und muss von den Massen und aus den Massen heraus neu geschaffen werden. Die Massen sind das Entscheidende, sie sind der Fels, auf dem der Endsieg der Revolution errichtet wird. Die Massen waren auf der H\u00f6he, sie haben diese \u201eNiederlage\u201c zu einem Glied jener historischen Niederlagen gestaltet, die der Stolz und die Kraft des internationalen Sozialismus sind. Und darum wird aus dieser \u201eNiederlage\u201c der k\u00fcnftige Sieg erbl\u00fchen.\u00bb (<em>Ebd.<\/em>)<\/p>\n<p><strong>Die Morde<\/strong><\/p>\n<p>Die SPD und die konterrevolution\u00e4ren Truppen versch\u00e4rften die Hexenjagd gegen Luxemburg und Liebknecht, was bedeutete, dass sie nicht mehr l\u00e4nger zu Hause schlafen konnten, sondern in verschiedenen Hotels \u00fcbernachteten und auf die Unterst\u00fctzung von FreundInnen angewiesen waren. Am 13. Januar druckte die SPD Zeitung \u00abVorw\u00e4rts\u00bb ein Gedicht ab, welches die Spartakusf\u00fchrung der Feigheit bezichtigte, die sich verstecke, w\u00e4hrend ArbeiterInnen get\u00f6tet wurden:<\/p>\n<p><em>\u00abViel Hundert Tote in einer Reih\u2019 \u2013<\/em><\/p>\n<p><em>Proletarier!<\/em><\/p>\n<p><em>Karl, Rosa, Radek und Kumpanei \u2013<\/em><\/p>\n<p><em>es ist keiner dabei, es ist keiner dabei!<\/em><\/p>\n<p><em>Proletarier!\u00bb (Illustrierte Geschichte der Deutschen Revolution, S. 293.)<\/em><\/p>\n<p>Obwohl sie sich der Gefahr bewusst waren, weigerten sich Luxemburg und Liebknecht Berlin zu verlassen und sich zu verstecken. Sie f\u00fchlten, dass es ihre Pflicht war, bei den ArbeiterInnen zu bleiben. Das wurde ihnen zum Verh\u00e4ngnis. Luxemburg war sich der drohenden Gefahr sehr wohl bewusst. Am 25. Dezember schrieb sie Clara Zetkin, dass sie eine \u00abunmittelbare Warnung\u00bb von offiziellen Quellen erhielt, \u00abdass die Attent\u00e4ter nach mir und Karl suchen und wir nicht zu Hause schlafen w\u00fcrden\u2026\u00bb. (zitiert in Nettl, S. 475)<\/p>\n<p>Nach den Julitagen in Russland waren die Bolschewiki in einer \u00e4hnlichen Situation: Die Partei wurde verboten und es wurden Haftbefehle gegen einen Teil der Parteif\u00fchrung erlassen. Lenin wollte vor Gericht erscheinen und den Prozess als Gelegenheit nutzen, um die politischen Ansichten der Bolschewiki zu repr\u00e4sentieren. Seine ParteigenossInnen \u00fcberzeugten ihn jedoch, sich in Finnland zu verstecken. Das hatte nichts mit Feigheit zu tun: Es war eine praktische Notwendigkeit.<\/p>\n<p>Zahlreiche historische Beispiele zeigen, dass eine revolution\u00e4re Partei in einer revolution\u00e4ren Situation entscheidend ist, und innerhalb von dieser ist die Parteif\u00fchrung von gr\u00f6sster Bedeutung. Individuen k\u00f6nnen keine Revolution erschaffen. Aber wenn die Massen sich bewegen, k\u00f6nnen Individuen eine entscheidende Rolle spielen, ob die Revolution sich auf die eine oder die andere Art entwickelt. Im Oktober, als die Bolschewiki dar\u00fcber entschieden, ob sie einen Aufstand beginnen sollten, gab es immer noch Widerstand von Teilen der F\u00fchrung. Es war Lenin, der diesen mit seiner organisatorischen und politischen Autorit\u00e4t in der Partei \u00fcberwand. Das war keine Autorit\u00e4t wie man sie vom Milit\u00e4r kennt, sondern eine Autorit\u00e4t, die er sich \u00fcber Jahrzehnte erarbeitete, in seine Ideen und Analysen in der Praxis getestet wurden. Luxemburg war zweifellos die h\u00f6chste politische Autorit\u00e4t in der neuen Kommunistischen Partei Deutschlands. Und sie war vielleicht die einzige, welche die linksradikalen Tendenzen in der Partei h\u00e4tte \u00fcberwinden k\u00f6nnen. Aber es hat nicht sein sollen.<\/p>\n<p>Am 12. und 13. Januar hielten sich Luxemburg und Liebknecht in einer Wohnung in Neuk\u00f6lln in Berlin auf und dann bei einem Sympathisanten in Wilmersdorf. Dort wurden sie am Abend des 15. Januars verhaftet, zusammen mit Pieck, der auch in der Wohnung war. Sie wurden zum Hotel Eden, die Hauptquartiere der Freikorps, gebracht, wo sie beide brutal misshandelt wurden. Liebknecht wurde zuerst hinausgebracht. Auf dem Weg hinaus schlug ihm ein Soldat namens Runge sein Gewehr in den R\u00fccken. Er wurde zum Tiergartenpark gefahren, wo er erschossen wurde. Danach sagten die Soldaten, er w\u00e4re \u00abbei einem Fluchtversuch\u00bb get\u00f6tet worden.<\/p>\n<p>Luxemburg war die N\u00e4chste. Auch ihr wurde mit einem Gewehrkolben auf den Kopf geschlagen und nachdem sie in das Auto gebracht wurde, das auf sie wartete, wurde ihr in den Kopf geschossen. Ihr K\u00f6rper wurde in den Landwehrkanal im Tiergarten geworfen und wurde erst im Mai gefunden.<\/p>\n<p>Die wichtigsten F\u00fchrungsfiguren der deutschen Revolution wurden kaltbl\u00fctig ermordet. Die Konterrevolution hatte der revolution\u00e4ren Bewegung den Kopf abgeschlagen.<\/p>\n<p>Niemand wurde f\u00fcr die Morde zur Verantwortung gezogen. Im Mai wurde die Karikatur eines Prozesses f\u00fcr die Schuldigen abgehalten. Der Soldat namens Pflugk-Hartung gab zu, dass er Liebknecht erschossen hatte, \u00abals dieser versuchte, zu fliehen\u00bb. Pflugk-Hartung wurde mit tosendem Applaus freigesprochen. Vogel, welcher f\u00fcr die ganze Operation verantwortlich war, gab zu, dass er Rosa Luxemburgs Leichnam in den Kanal in Tiergarten geworfen hatte. Er behauptete aber, dass jemand anderes sie erschossen h\u00e4tte. Das Gericht konnte nicht entscheiden, ob sie schon vom Schlag gegen den Kopf gestorben war und Vogel wurde nur zu zwei Jahren und vier Monaten Gef\u00e4ngnis verurteilt. Er floh jedoch aus dem Gef\u00e4ngnis nach Holland, wo er blieb, bis sich die Lage beruhigte und er als freier Mann nach Deutschland zur\u00fcckkehren konnte. Der Soldat Runge, der die Gefangenen meuchelte, wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt.<\/p>\n<p>Die KommunistInnen machten die SPD f\u00fcr die Morde verantwortlich und so wurden sie f\u00fcr immer zu einer Spaltungslinie zwischen SozialdemokratInnen und KommunistInnen. Ob der Befehl von der Parteispitze der SPD kam, konnte nicht festgestellt werden, aber sie haben zweifellos ein gesellschaftliches Klima miterzeugt, in dem diejenigen, welche die Morde durchf\u00fchrten, keinen Zweifel gegen\u00fcber der Einstellung der Regierung hegten. Die sanften Strafen best\u00e4tigen das. Die politische Verantwortung lag zur G\u00e4nze in den H\u00e4nden der SPD-F\u00fchrung. Sie verrieten die Revolution und waren verantwortlich f\u00fcr die Ermordung von Liebknecht und Luxemburg.<\/p>\n<p><em>\u00abKein sozialdemokratischer F\u00fchrer konnte direkt verantwortlich gemacht werden. Aber ihre moralische Verantwortung ist unermesslich. Zwei Tage zuvor hatte die \u201eVorw\u00e4rts\u201c nichts geringeres als einen Mordaufruf an \u201eKarl, Rosa und und Kompanei, nicht einer tot, nicht einer ist dabei\u201c. Es waren M\u00e4nner, die versammelt, bewaffnet und zum Schluss gesch\u00fctzt wurden von Noske und den sozialdemokratischen Ministern, die ihre Ermordung durchf\u00fchrten. Scheidemann sagte: \u201eIhr seht, was ihnen ihre Terrortaktik gebracht hat!\u201c\u00bb (Brou\u00e9, S. 257,\u00a0\u00dcbersetzung d. Red.)<\/em><\/p>\n<p>Auf die Morde reagierte die Bev\u00f6lkerung w\u00fctend und schockiert. W\u00e4hrend eines Treffens am selben Tag dr\u00fcckte der ArbeiterInnen- und Soldatenrat seine tiefe Verachtung \u00fcber die Morde aus und protestierte gegen die terroristischen Exzesse seitens der Regierung im Zuge ihres Sieges \u00fcber die KommunistInnen. Die revolution\u00e4re Bewegung endete nicht am 15. Januar mit den Morden. Die Regierung lancierte eine Terrorkampagne, bei der mehrere F\u00fchrungsfiguren verhaftet und ermordet wurden und Demonstrationen und Aufst\u00e4nde mit immenser Brutalit\u00e4t niedergeschlagen wurden. Viele tausend ArbeiterInnen wurden in den K\u00e4mpfen mit der Armee und den Freikorps unter der SPD-F\u00fchrung get\u00f6tet.<\/p>\n<p>Die Konterrevolution hatte die Revolution f\u00fcr den Moment beendet und ihre F\u00fchrung ermordet, aber die scheinbare Ordnung war nur vor\u00fcbergehend. Luxemburgs letzter Artikel erwies sich als fast prophetisch bez\u00fcglich der revolution\u00e4ren K\u00e4mpfe in den kommenden Jahren:<\/p>\n<p><em>\u00ab\u2018Ordnung herrscht in Berlin!\u2018 Ihr stumpfen Schergen! Eure \u201aOrdnung\u2018 ist auf Sand gebaut. Die Revolution wird sich morgen schon \u201arasselnd wieder in die H\u00f6h\u2019 richten\u2018 und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verk\u00fcnden:<\/em><\/p>\n<p><em>\u201aIch war, ich bin, ich werde sein!\u2018\u00bb (<\/em><a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/luxemburg\/1919\/01\/ordnung.htm\"><em>Die Ordnung herrscht in Berlin<\/em><\/a><em>)<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/geschichte\/luxemburg-liebknecht-und-die-deutsche-revolution\/#more-9658\"><em>derfunke.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 16. Januar 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marie Frederiksen. An der Deutschen Revolution im November 1918 beteiligten sich Millionen von Menschen, von denen die meisten davor noch nie politisch aktiv gewesen waren. 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