{"id":4798,"date":"2019-01-17T11:20:49","date_gmt":"2019-01-17T09:20:49","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4798"},"modified":"2019-01-17T11:20:49","modified_gmt":"2019-01-17T09:20:49","slug":"zum-revolutionaeren-erbe-rosa-luxemburgs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4798","title":{"rendered":"Zum revolution\u00e4ren Erbe Rosa Luxemburgs"},"content":{"rendered":"<p><em>Christoph Morich.<\/em> \u201eDie Ordnung herrscht in Berlin\u201c \u2013 so lautet die \u00dcberschrift des letzten Artikels von Rosa Luxemburg in der Roten Fahne, der, einen Tag vor ihrer Ermordung durch rechte Milit\u00e4rs, ver\u00f6ffentlicht wurde. Unter<!--more--> dieser Losung jubelte zuvor die b\u00fcrgerliche Presse \u00fcber die R\u00fcckeroberung der Druckereien der SPD-Zeitung \u201aVorw\u00e4rts\u2018, die am 5. Januar 1919 als Reaktion auf deren Stimmungsmache gegen die Arbeiter*innen- und Soldatenr\u00e4te besetzt wurde. Mit einer spontanen Gro\u00dfdemonstration von etwa einer halben Million Menschen gegen die Entlassung des Polizeipr\u00e4sidenten Eichhorn, aus der die Besetzungen verschiedener Druckereien b\u00fcrgerlicher Presseorgane hervorgingen, hatte an diesem Tag der sogenannte Spartakusaufstand begonnen. Gro\u00dfe Teile der Arbeiter*innenschaft versuchten die Fortsetzung der revolution\u00e4ren Umgestaltung der Gesellschaft, die am 9. November begonnen hatte, gegen die sozialdemokratische Regierung zu erk\u00e4mpfen. Diese hatte in der Zwischenzeit den Schulterschluss mit der alten Elite vollzogen, um genau das zu verhindern und \u201cRuhe und Ordnung\u201c wiederherzustellen.<\/p>\n<p>Anl\u00e4sslich des 100. Jahrestages des Spartakusaufstandes erinnerte die SPD in diesem Jahr via Twitter an ihre heroische Rolle zur \u201eVerteidigung der Demokratie\u201c. Wie diese im Fall der R\u00e4umung ihrer Druckereien aussah, beschreibt Luxemburg in ihrem Artikel: \u201eNiedergemetzelte Parlament\u00e4re, die \u00fcber die \u00dcbergabe des \u00bbVorw\u00e4rts\u00ab verhandeln wollten und von der Regierungs-Soldateska mit Kolben bis zur Unkenntlichkeit zugerichtet wurden, so da\u00df die Rekognoszierung ihrer Leichen unm\u00f6glich ist, Gefangene, die an die Wand gestellt und in einer Weise hingemordet werden, da\u00df Sch\u00e4del und Hirn herumspritzen.\u201c<\/p>\n<p>Die \u201aVerteidigung der Demokratie\u2018 gegen die Arbeiter*innen- und Soldatenr\u00e4te, der sich die SPD auch angesichts der Gr\u00e4uel durch die Milit\u00e4rs, denen in den folgenden zwei Monaten noch \u00fcber 1000 Menschen zum Opfer fielen, noch heute r\u00fchmt, ist eigentlich ihr Gegenteil. So war es das erkl\u00e4rte Ziel der R\u00e4te, eine demokratische Partizipation nicht darauf zu beschr\u00e4nken, alle paar Jahre dar\u00fcber zu bestimmen, wer den kapitalistischen Normalbetrieb verwaltet, sondern wirklich demokratisch, in vern\u00fcnftiger Absprache \u00fcber den Fortgang der Geschichte zu bestimmen. In den Fabriken, wo bisher das Regiment der Kapitalisten vorherrschte, wollten jene, die bisher f\u00fcr einen Hungerlohn schuften mussten, das Ruder selbst in die Hand nehmen und sich \u00fcber Sinn und Zweck der Produktion verst\u00e4ndigen. Im Milit\u00e4r, wo in den vergangenen vier Jahren Millionen von Menschen von ihren nationalistischen Regierungen in den Sch\u00fctzengr\u00e4ben des Weltkriegs verheizt wurden, forderten Soldaten eine Abkehr vom Militarismus und die Schaffung eines dauerhaften Friedens. An die Stelle der brutalen Logik des Kapitals, die ganze Welt nach den Interessen der Profitmaximierung zu gestalten, die nach Luxemburg in den imperialistischen Kriegen ihren milit\u00e4rischen Ausdruck findet, sollte die Abschaffung der Klassen und die Errichtung einer wahrhaft menschlichen Gesellschaft treten. Dieser Versuch wurde unter dem Ruf nach \u201eRuhe und Ordnung\u201c niedergeschlagen.<\/p>\n<p>Und er wird es bis heute immer wieder. \u201eRuhe und Ordnung\u201c, welche die Herrschenden propagieren, ist dabei stets die des Kapitals. Sie bezeichnet keine Erhaltung eines friedlichen Zustands, sondern immer nur die untert\u00e4nige Hinnahme der Gewalt, der Menschen in der bestehenden Gesellschaftsordnung ausgesetzt sind. \u201eDie Ordnung herrscht in Berlin\u201c lie\u00dfe sich auch heute angesichts der Dutzenden R\u00e4umungen von Hausbesetzungen \u2013 nat\u00fcrlich unter Federf\u00fchrung der SPD \u2013 im Zuge der #besetzen-Kampagne im letzten Jahr titeln. Dank ihnen stehen nun wieder H\u00e4user so lange leer bis diverse Briefkastenfirmen genug Profit aus deren Neuvermietung schlagen k\u00f6nnen, w\u00e4hrend Obdachlose die U-Bahnh\u00f6fe s\u00e4umen und Strafanzeigen gegen\u00fcber 150 Aktivist*innen laufen.<\/p>\n<p>Ebenfalls laufen Strafanzeigen gegen Menschen, die eine Bundespressekonferenz gest\u00f6rt haben sollen, um auf die Waffenlieferungen der deutschen R\u00fcstungsindustrie an die t\u00fcrkische Regierung aufmerksam zu machen, die gemeinsam mit islamistischen Milizen einen Krieg gegen die demokratische Selbstverwaltung in den befreiten Gebieten Nord \u2013 und Ostsyriens f\u00fchrt, um ihr islamistisches Regime auszuweiten. Die \u201eRuhe und Ordnung\u201c, die hierzulande den Profit der R\u00fcstungsindustrie gew\u00e4hrleistet, half in Afrin die Ordnung der Scharia zu etablieren. Nach dem Abzug der amerikanischen Truppen drohen nun weitere Teile im Norden Syriens zum Ziel der t\u00fcrkischen Aggression werden. Auch diese wird von Erdogan damit begr\u00fcndet, die Ordnung wiederherstellen zu wollen. Ihr stehen die Tausenden K\u00e4mpfer*innen der kurdischen Freiheitsbewegung entgegen, die bereit sind die Revolution mit ihrem Leben zu verteidigen.<\/p>\n<p>Die Gewalt der bestehenden Ordnung \u00e4u\u00dfert sich aber nicht nur in Form von Kriegen, sondern eben auch in der \u201efriedlichen\u201c Normalit\u00e4t der kapitalistischen Ordnung, die durch den Repressionsapparat gesichert wird. Der Diebstahl, nicht der Hungertod, bedroht diese Ordnung. So leben heute knapp 800 Millionen Menschen in Hunger, w\u00e4hrend sich Fu\u00dfballstars in Deutschland ihr Steak vergolden lassen und Million\u00e4rss\u00f6hnchen ihre Autos wie Schuhe wechseln. Und w\u00e4hrend 42 Milliard\u00e4re genau so viel besitzen wie die 3,7 Milliarden der \u00e4rmeren H\u00e4lfte der Menschheit zusammen, echauffiert sich die b\u00fcrgerliche Presse \u00fcber Asylbetr\u00fcger, Sozialschmarotzer oder ein paar linke Demonstrant*innen \u2013 schlie\u00dflich versto\u00dfen die gegen die gesellschaftliche Ordnung. Tausende Menschen, die im Sudan seit einem Monat trotz t\u00f6dlicher Repression weiterhin gegen steigende Lebensmittelpreise protestieren, finden dagegen keine Erw\u00e4hnung, solange sie nicht statt zu demonstrieren auf die Idee kommen, sich auf den Weg nach Europa zu machen.<\/p>\n<p>Das Bild der heilen Welt, die es durch \u201eRuhe und Ordnung\u201c zu bewahren gilt, ist jedoch \u2013 trotz aller Bem\u00fchungen von Presse und Politik dies aufrechtzuerhalten \u2013 zu jeder Zeit mehr als br\u00fcchig. Das Bewusstsein \u00fcber das unendliche Leid auf diesem Planeten kann niemals vollst\u00e4ndig verdr\u00e4ngt oder rationalisiert werden. Niemand, der auch nur eine Sekunde ehrlich zu sich selbst ist, kann ernsthaft glauben, dass Millionen von Hungernden durch Faulheit selbst die Schuld an ihrem Schicksal tragen oder Schlepper*innen f\u00fcr den Tod tausender Menschen im Mittelmeer verantwortlich sind. Dementsprechend harsch fallen die Reaktionen oft aus, wenn dieses Bild ins Wanken ger\u00e4t. Doch genau diesen Schein der im Gro\u00dfen und Ganzen gerechten Welt, der die barbarische Realit\u00e4t der kapitalistischen Ordnung verschleiern soll, gilt es unentwegt zu zerschlagen. Das vergoldete Steak und das verhungernde Kind stehen in einem gesellschaftlichen Zusammenhang. \u201eZu sagen was ist, bleibt die revolution\u00e4re Tat.\u201c (Luxemburg)<\/p>\n<p>In Europa wird die bestehende Ordnung j\u00fcngst durch die seit \u00fcber zwei Monaten andauernde Aufst\u00e4nde der\u00a0<em>gilets jaunes\u00a0<\/em>in Frage gestellt. Die richten sich in erster Linie gegen die neoliberalen Reformen Macrons . In ihnen kommen jedoch auch eine viel tieferliegende Unzufriedenheit \u00fcber den kapitalistischen Alltag und der Wille, sich gegen diesen zu organisieren, zum Ausdruck. Menschen, die davon berichten, ihren Kindern keine Weihnachtsgeschenke mehr kaufen oder sich medizinische Behandlung nicht mehr leisten zu k\u00f6nnen, tragen ihre unmittelbare Erfahrung von Armut in die \u00d6ffentlichkeit und offenbaren das Bild der kapitalistischen Ordnung, das hinter den Statistiken der Nachrichtenbeitr\u00e4ge verschwindet. Dadurch wird Armut zu einer geteilten Erfahrung, deren Ursache in den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen und nicht im individuellen Versagen ausgemacht wird. Die bestehenden Verh\u00e4ltnisse verlieren dadurch den Schein der Unumst\u00f6\u00dflichkeit. Die Regierung Macrons versucht seit Wochen vergeblich \u201eRuhe und Ordnung\u201c wiederherzustellen. Weder einige Zugest\u00e4ndnisse in der Sozialpolitik, noch die Repression durch den sich zunehmend militarisierenden Polizeiapparat konnten dem Protest bis jetzt ein Ende bereiten. Allein am 8. Dezember wurde in Paris die Menge an Tr\u00e4nengas verschossen, die sonst f\u00fcr ein ganzes Jahr \u201eben\u00f6tigt\u201c wird. Mehrere Menschen haben in den Auseinandersetzungen ein Auge durch Gummigeschosse oder eine Hand durch Tr\u00e4nengasgranaten verloren. Doch so oft die Bewegung der\u00a0<em>gilets jaunes\u00a0<\/em>f\u00fcr tot erkl\u00e4rt wurde, so oft kamen am n\u00e4chsten Wochenende erneut riesige Demonstrationen in ganz Frankreich zusammen. Auch wenn die Proteste, die sich momentan gr\u00f6\u00dftenteils auf Frankreich beschr\u00e4nken, keine existenzielle Gefahr f\u00fcr die kapitalistische Ordnung als solche darstellen, zeugen sie von der Wut gro\u00dfer Teile der Bev\u00f6lkerung und von deren F\u00e4higkeit zu spontaner Organisation. Wohl niemand h\u00e4tte vor wenigen Monaten einen derart heftigen Protest gegen den Poster Boy deutscher Leitmedien und seinen technokratischen Neoliberalismus vorhergesagt.<\/p>\n<p>So muss sich die angeblich alternativlose kapitalistische Ordnung immer wieder, mit Hilfe brutalster Gewaltanwendung, gegen Proteste und Aufst\u00e4nde zur Wehr setzen, um diese m\u00f6glichst schnell im Keim zu ersticken. Doch niemals ist sie in der Lage, diese vollends zu befrieden.<\/p>\n<p>An den Tod von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sowie all die Gefallenen der Novemberrevolution zu erinnern, ist kein Selbstzweck aus Gr\u00fcnden der Nostalgie. Es bedeutet, sich der Tradition der K\u00e4mpfe gegen Ausbeutung, Krieg und Unterdr\u00fcckung bewusst zu werden und diese im Hier und Jetzt fortzuf\u00fchren. Denn damals wie heute verf\u00fcgen die Menschen nicht \u00fcber ihre gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse. Anstatt ihr Zusammenleben wahrhaft demokratisch zu organisieren, wie es in den Arbeiter*innen- und Soldatenr\u00e4ten versucht wurde, sind die Menschen weiterhin dem Zwang des Kapitals, aus einem Euro zwei zu machen, unterworfen. Die Unm\u00f6glichkeit sich diesem Zwang in einer parlamentarischen Demokratie zu entziehen, wurde zuletzt durch Syriza \u2013 die \u201eKoalition der radikalen Linken\u201c, die mittlerweile Wahlkampfunterst\u00fctzung von Angela Merkel erh\u00e4lt \u2013 mehr als deutlich. Der Ruf nach \u201eRuhe und Ordnung\u201c ist daher unter den bestehenden Verh\u00e4ltnissen nichts als das verschleierte Interesse der herrschenden Klasse, diesen elendigen Zustand der Welt aufrechtzuerhalten. An die noch ausstehende Aufgabe der Abschaffung der Klassengesellschaft mahnen die letzten Worte, die Rosa Luxemburg vor ihrer Ermordung zu Papier brachte: \u201e\u00bbOrdnung herrscht in Berlin!\u00ab Ihr stumpfen Schergen! Eure \u00bbOrdnung\u00ab ist auf Sand gebaut. Die Revolution wird sich morgen schon \u00bbrasselnd wieder in die H\u00f6h\u2018 richten\u00ab und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verk\u00fcnden: Ich war, ich bin, ich werde sein!\u201c<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/lowerclassmag.com\/2019\/01\/keine-ruhe-fuer-diese-ordnung\/#more-6144\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 16. Januar 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Morich. \u201eDie Ordnung herrscht in Berlin\u201c \u2013 so lautet die \u00dcberschrift des letzten Artikels von Rosa Luxemburg in der Roten Fahne, der, einen Tag vor ihrer Ermordung durch rechte Milit\u00e4rs, ver\u00f6ffentlicht wurde. 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