{"id":4801,"date":"2019-01-17T11:32:32","date_gmt":"2019-01-17T09:32:32","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4801"},"modified":"2019-01-17T11:32:32","modified_gmt":"2019-01-17T09:32:32","slug":"frankreich-die-bewegung-der-gelben-westen-waechst-weiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4801","title":{"rendered":"Frankreich: Die Bewegung der Gelben Westen w\u00e4chst weiter"},"content":{"rendered":"<p><em>Alex Lantier.\u00a0<\/em>Die Zahl der Teilnehmer an den franz\u00f6sischen \u201eGelbwesten\u201c-Protesten von letztem Samstag ist im Vergleich zu den vorherigen erneut gestiegen. In breiten Teilen der Bev\u00f6lkerung w\u00e4chst der Widerstand<!--more--> gegen Pr\u00e4sident Emmanuel Macron. Laut Innenministerium nahmen an den neunten landesweiten Massenprotesten gegen Macron in Folge 84.000 Menschen teil, in der vorherigen Woche waren es noch 50.000. Wie sogar die offizielle Presse zugab, sind diese Zahlen aber deutlich zu gering angesetzt.<\/p>\n<p>Neben den \u201eGelbwesten\u201c veranstalteten auch Lehrer Veranstaltungen und Demonstrationen in ganz Frankreich. Letztere haben sich in den sozialen Medien zu \u201eRotstift\u201c-Gruppen zusammengeschlossen, inspiriert von den \u201eGelbwesten\u201c, um gegen K\u00fcrzungen bei der Finanzierung der Schulen und ihren Geh\u00e4ltern durch verschiedene aufeinanderfolgende franz\u00f6sische Regierungen zu protestieren. Dass Teile der Arbeiter im B\u00fcndnis mit den \u201eGelbwesten\u201c soziale Forderungen stellen, verdeutlicht die wachsende St\u00e4rke des Widerstands und der Proteste in Frankreich. Auch das Bewusstsein \u00fcber die wachsenden sozialen K\u00e4mpfe in Europa und Amerika nimmt zu.<\/p>\n<p>In St\u00e4dten \u00fcberall in Frankreich kam es zu Protesten. An einer Veranstaltung in der Kleinstadt Bourges, die nahezu im Mittelpunkt Frankreichs liegt, nahmen etwa 6.300 \u201eGelbwesten\u201c teil. Sie widersetzten sich einem von der Polizeipr\u00e4fektur erlassenen Verbot und drangen in die von der Polizei errichtete Sicherheitszone in der Stadtmitte ein. Die Bereitschaftspolizei wurde eingesetzt und 18 Demonstranten wurden verhaftet. Au\u00dferdem wurden Reporter von BFM-TV wegen fr\u00fcherer Angriffe des Senders auf die \u201eGelbwesten\u201c friedlich aus der Stadt eskortiert.<\/p>\n<p>In vielen kleineren St\u00e4dten in ganz Frankreich kam es zu Massenprotesten und Zusammenst\u00f6\u00dfen mit der Polizei. In N\u00eemes setzte die Polizei massiv Tr\u00e4nengas ein, um etwa 3.000 Demonstranten von der r\u00f6mischen Arena und der Polizeipr\u00e4fektur fernzuhalten. In Rouen wurden Zivilpolizisten, die sich unter die etwa 2.000 Teilnehmer der Protestveranstaltung mischen wollten, entdeckt und ausgeschlossen. In Caen versammelten sich 4.000 Demonstranten. Bei Zusammenst\u00f6\u00dfen mit der Polizei am Bahnhof wurden Schienenst\u00fccke herausgerissen und auf die Sicherheitskr\u00e4fte geworfen.<\/p>\n<p>In Bordeaux demonstrierten 10.000 \u201eGelbwesten\u201c. Sp\u00e4ter am Abend kam es in der N\u00e4he des Pey-Berland-Platzes zu Zusammenst\u00f6\u00dfen zwischen Hunderten Demonstranten und der Bereitschaftspolizei. In Toulouse ging die Polizei gewaltsam gegen mindestens 5.000 \u201eGelbwesten\u201c vor, die die Place du Capitole besetzt hatten. In Lille demonstrierten 3.000 \u201eGelbwesten\u201c friedlich gegen Macron und Innenminister Christophe Castaner, dabei wurde u.a. \u201eCastaner ins Gef\u00e4ngnis\u201c und \u201eMacron, tritt zur\u00fcck\u201c gerufen. In Marseille marschierten 3.000 Demonstranten entlang La Canebi\u00e8re. Nahe dem alten Hafen kam es zu Zusammenst\u00f6\u00dfen mit der Bereitschaftspolizei. In Nantes stie\u00dfen 2.600 Demonstranten mit der Polizei zusammen, 15 Demonstranten wurden verhaftet.<\/p>\n<p>In Paris beteiligte sich mindestens 10.000 \u201eGelbwesten\u201c an vier verschiedenen Protestm\u00e4rschen. Am Triumphbogen kam es zu Zusammenst\u00f6\u00dfen mit der Bereitschaftspolizei. Auch \u201eRotstift\u201c-Lehrer demonstrierten in der Hauptstadt.<\/p>\n<p>Reporter der\u00a0<em>WSWS<\/em>\u00a0nahmen an der Protestveranstaltung auf der Place de la Bastille teil, bei der Tausende von \u201eGelbwesten\u201c nach Osten ins Stadtzentrum zogen. Dabei riefen die Demonstranten: \u201eParis, steh auf\u201c, \u201eMacron, tritt zur\u00fcck\u201c und \u201eFreiheit f\u00fcr Christophe\u201c. Damit war der ehemalige Profiboxer Christophe Dettinger gemeint, der vor einer Woche verhaftet wurde, nachdem er Bereitschaftspolizisten geschlagen hatte, die eine Protestteilnehmerin angegriffen hatten.<\/p>\n<p>Philippe, der im \u00f6ffentlichen Dienst arbeitet, erkl\u00e4rte gegen\u00fcber der\u00a0<em>WSWS<\/em>: \u201eWie jede Woche wollen wir, dass der Pr\u00e4sident etwas wegen der Steuern unternimmt und die Geh\u00e4lter verbessert. Es w\u00e4re wichtig, dass wir solche Dinge durch ein Referendum entscheiden k\u00f6nnen. Wir w\u00e4hlen einen Pr\u00e4sidenten, und dann hat er f\u00fcnf Jahre lang gr\u00fcnes Licht, zu tun was er will, und wir sollen die Klappe halten und uns wie Schafe benehmen &#8230; Es ist nicht richtig, dass Leute, die 40 Jahre in die Sozialversicherung eingezahlt haben, nur 800 Euro pro Monat bekommen, und dass ihnen dann noch der Wohngeldzuschuss gek\u00fcrzt wird. Wenn man sieht, wie die Regierung das Geld verschwendet, ist das ein Skandal.\u201c<\/p>\n<p>Philippe verurteilte die Unterdr\u00fcckung der \u201eGelbwesten\u201c durch die Polizei: \u201eIch war von Anfang an bei allen Mobilisierungen dabei, und jedes Mal haben sie Tr\u00e4nengas eingesetzt. &#8230; Dann muss man sich anschauen, wie viele verwundet werden!\u201c Er erinnerte an die \u201eGelbwesten\u201c, denen durch Blendgranaten eine Hand abgerissen wurde oder die oder durch Gummigeschosse ein Auge verloren: \u201eDas ist v\u00f6llig unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige Gewalt. Gummigeschosse sollen auf den Bereich unterhalb der H\u00fcfte geschossen werden. Aber es wurden nicht nur die Beine, sondern auch die Oberk\u00f6rper und die Augen getroffen.\u201c<\/p>\n<p>Philippe f\u00fcgte hinzu, jetzt gehe es nicht mehr nur um einen Kampf in Frankreich, sondern in ganz Europa gegen die internationale Unterst\u00fctzung Macrons durch die herrschende Elite: \u201eViele haben Hoffnungen in Macron gesetzt, als er an die Macht kam. Er sagte, er w\u00fcrde alle Parteien wegfegen. Aber er hat uns nur tiefer in die Armut getrieben. Man muss sagen, er hat in der Finanzbranche gearbeitet. Jedenfalls werden sie alle von der Europ\u00e4ischen Union gelenkt. Europa ist jetzt das Problem.\u201c<\/p>\n<p>Auf die Frage nach Solidarit\u00e4t mit den Ford-Arbeitern, denen in ganz Europa der Verlust ihrer Arbeitspl\u00e4tze droht, und mit den streikenden amerikanischen Lehrern erkl\u00e4rte Philippe: \u201eWir sind solidarisch mit allen, die unterdr\u00fcckt sind und kein Geld haben. Wir diskutieren mit ,Gelbwesten\u2018 in ganz Europa. Das k\u00f6nnte sich zu einer europ\u00e4ischen Bewegung entwickeln, die st\u00e4rker werden und an der sich noch viel mehr Leute beteiligen k\u00f6nnten. Aber wir sind bereits seit acht Wochen auf der Stra\u00dfe und haben nichts erreicht.\u201c<\/p>\n<p>Manu erkl\u00e4rte der\u00a0<em>WSWS<\/em>\u00a0nahe der Place de la Bastille, warum er demonstriert: \u201eWir zahlen so viele Abgaben, dass wir am Ende des Monats nichts mehr \u00fcbrig haben. Heute ist erst der 12., und ich habe schon kein Geld mehr, obwohl ich arbeite. So geht es nicht nur mir, sondern allen, \u00fcberall in Frankreich.\u201c<\/p>\n<p>Auf die Frage nach der Rolle der Gewerkschaften erkl\u00e4rte Manu, er sehe keinen Unterschied zwischen ihnen und den Regierungsparteien: \u201eNein, niemand hilft uns. Wir sind alleine. Sie sollten sich alle zur\u00fcckziehen, das ist das einzig Richtige. Wir k\u00e4mpfen monatelang f\u00fcr l\u00e4cherliche Geh\u00e4lter, sie haben alles f\u00fcr sich und ihre Familien. Es reicht.\u201c<\/p>\n<p>Auf der Place de la R\u00e9publique sprachen Reporter der\u00a0<em>WSWS<\/em>\u00a0mit Thibault, einem Physikstudenten, der ebenfalls an der \u201eGelbwesten\u201c-Demonstration teilnahm. Er erkl\u00e4rte: \u201eUnsere Stimmen werden benutzt, um Entscheidungen zu legitimieren, f\u00fcr die wir nicht gestimmt haben. Der grundlegende Ausl\u00f6ser f\u00fcr die Bewegung war, dass in den letzten zehn Jahren die soziale Ungleichheit weltweit explodiert ist. In Frankreich sind die Aussch\u00fcttungen an Aktion\u00e4re um 23 Prozent gestiegen. Die Zahl der Million\u00e4re ist in die H\u00f6he geschossen, und die Reichensteuer (ISF) wurde abgeschafft.\u201c<\/p>\n<p>Thibault betonte, er habe keine Hoffnung darauf, dass Macron seine Politik \u00e4ndern wird: \u201eDie Polizeigewalt wird st\u00e4ndig verheimlicht. Es gibt ernsthafte Verwundungen, teilweise wurden Gliedma\u00dfen abgerissen.\u201c<\/p>\n<p>Er bestritt auch die Behauptungen, die \u201eGelbwesten\u201c seien eine rechte Bewegung: \u201eIch habe nur wenige Leute mit Royalistenflaggen gesehen. Ich w\u00fcrde sagen, das ist eine sehr kleine Minderheit am Rande der Bewegung. Bisher waren die Forderungen unserer Bewegung das genaue Gegenteil von dem, was die Rechtsextremen heute verteidigen. Wenn Leute uns erz\u00e4hlen wollten, die Immigranten w\u00e4ren an unseren Problemen schuld, wollen wir nichts davon h\u00f6ren.\u201c<\/p>\n<p>Reporter der\u00a0<em>WSWS<\/em>\u00a0nahmen auch an den \u201eRotstift\u201c-Protesten von Lehrern in Paris teil. Aline machte sich dar\u00fcber lustig, was Regierungssprecher Benjamin Griveaux \u00fcber die \u201eGelbwesten\u201c gesagt hatte, die aus Protest in sein Ministerium eingebrochen waren: \u201eWenn ich an die T\u00fcr unserer Schule denke, kann ich nur dar\u00fcber lachen, dass sich Leute aus Griveaux&#8216; Ministerium \u00fcber eine aufgebrochene T\u00fcr beklagen. Ich komme aus Drancy [einem Arbeitervorort von Paris] und ich lade euch ein, euch anzuschauen, wie es an unseren Schulen aussieht: In den B\u00f6den sind L\u00f6cher, und die T\u00fcren sind kaputt.\u201c<\/p>\n<p>Sie f\u00fcgte hinzu: \u201eIm Bildungswesen hat es seit fast 20 Jahren keine Gehaltserh\u00f6hungen mehr gegeben. Unsere Realeinkommen sind in dieser Zeit um fast 20 Prozent gesunken. Jetzt f\u00e4ngt man als Beamter mit 1.350 Euro Einstiegsgehalt an, als befristet Angestellter bekommt man noch weniger und wird im Sommer \u00fcberhaupt nicht bezahlt &#8230; Wir haben im Bildungswesen Arbeitsverh\u00e4ltnisse wie in der Privatwirtschaft.\u201c<\/p>\n<p>M\u00e9lanie erkl\u00e4rte gegen\u00fcber der\u00a0<em>WSWS<\/em>: \u201eWir werden uns das Geld da holen m\u00fcssen, wo es ist. &#8230; Wir haben sehr wenig Mittel in unseren Schulen, wir zahlen viel aus der eigenen Tasche. Ich bringe viele Spielsachen von meinen Kindern mit in die Schule. Wir kaufen unsere eigenen Stifte, Materialien, Kalender, Papier, Tinte &#8230; Wir bitten auch die Eltern um Hilfe bei Kopien. &#8230; Die ,Gelbwesten\u2018 haben uns dazu motiviert, etwas zu unternehmen.\u201c<\/p>\n<p>Die Kritik der Medien an den Streiks der Lehrer wies sie zur\u00fcck: \u201eWir sind nicht privilegiert, wir sind nicht faul. &#8230; Das Anfangsgehalt betr\u00e4gt weniger als 1.400 Euro. &#8230; Ich wollte seit der Grundschule Lehrerin werden. Ich hatte selbst eine fantastische Lehrerin &#8230; Ihr Einsatz f\u00fcr ihre Sch\u00fcler hat mich beeindruckt. Seither wusste ich, dass ich Lehrerin werden, Kindern in Schwierigkeiten helfen will, und dazu beitragen, dass sie zu B\u00fcrgern heranwachsen.\u201c<\/p>\n<p>Sie f\u00fcgte hinzu, sie halte dies f\u00fcr eine internationale Frage: \u201eIch habe gesehen, dass auch die Lehrer in den USA aktiv werden. Es ist notwendig, und es muss international sein, weil es nicht nur in Frankreich so zugeht. Es ist im Grunde \u00fcberall dasselbe. Die Bildung wird im Vergleich zu anderen Dingen ignoriert. Irgendwann muss es aufh\u00f6ren, und ich solidarisiere mich mit ihren K\u00e4mpfen.&#8220;<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2019\/01\/15\/yell-j15.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 16. Januar 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alex Lantier.\u00a0Die Zahl der Teilnehmer an den franz\u00f6sischen \u201eGelbwesten\u201c-Protesten von letztem Samstag ist im Vergleich zu den vorherigen erneut gestiegen. 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