{"id":4805,"date":"2019-01-18T16:35:09","date_gmt":"2019-01-18T14:35:09","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4805"},"modified":"2019-01-18T17:03:10","modified_gmt":"2019-01-18T15:03:10","slug":"4805","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4805","title":{"rendered":"Die \u201eKritik der Arbeit\u201c und das R\u00e4tsel der System\u00fcberwindung"},"content":{"rendered":"<p><em>Markus Lehner. <\/em>Zu Theorie und Praxis der \u201eKrisis\u201c-Str\u00f6mung. Robert Kurz [* 24. Dezember 1943 in N\u00fcrnberg; \u2020 18. Juli 2012], die Galionsfigur der \u201eKrisis\u201c-Gruppe, wurde Anfang der 90er-Jahre einer breiteren deutschen<!--more--> \u00d6ffentlichkeit bekannt. Er war ein ehemaliges F\u00fchrungsmitglied der MLPD bzw. ihrer Vorl\u00e4ufer und reiht sich ein unter andere vormalige \u201eF\u00fchrern der ML-Bewegung\u201c, die mit einer vehement vorgetragenen \u201eAbkehr vom Proletariat\u201c und einer \u201egrundlegenden Abrechnung\u201c mit dem von ihm so genannten \u201eArbeiterbewegungs-Marxismus\u201c ein wohlwollendes Echo in den b\u00fcrgerlichen Medien fanden. Weniger beachtet blieb, dass diese Wende bei Kurz in eigent\u00fcmlicher Weise mit der Perspektive der Krisenhaftigkeit und unmittelbaren \u00dcberwindbarkeit des Kapitalismus verbunden blieb.<\/p>\n<p>Diese Doppelseitigkeit entstand aus den Selbstverst\u00e4ndigungsversuchen im Ex-K-Gruppen-Milieu. Einerseits wollte man zu einer grundlegenden Kritik des bisher selbst betriebenen \u201emarxistisch-leninistischen\u201c Politik-Modells kommen. Andererseits sollte die methodische Sch\u00e4rfe einer fundamentalen Kritik der politischen \u00d6konomie des Kapitalismus \u2013 oder dem, was man daf\u00fcr hielt \u2013 gerettet werden.<\/p>\n<p>Die \u201eKrisis\u201c-Gruppe <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> entdeckte dabei als Dreh- und Angelpunkt einer erneuerten System\u00fcberwindungsperspektive ein neues Wundermittel: die sogenannte \u201efundamentale Wertkritik\u201c. Dies insbesondere in der Form der Entlarvung der zeitgen\u00f6ssischen Verg\u00f6tzung von abstrakter, entfremdeter Arbeit als irrationaler Sinnstiftung. Das \u201eManifest gegen die Arbeit\u201c war sicherlich ihr durchschlagendster \u201ePropagandaerfolg\u201c.<\/p>\n<p>Der Ansatz der Enth\u00fcllung ideologischer Verblendungszusammenh\u00e4nge in ihrem notwendigen Ableitungszusammenh\u00e4ngen mit der zugrundeliegenden immer totalit\u00e4rer werdenden Warenproduktion wurde als \u201efundamentale Wertkritik\u201c zum Ausgangspunkt verschiedener Str\u00f6mungen, die sich zumindest durch starke publizistische Aktivit\u00e4t auszeichnen.<\/p>\n<p>Neben der Zeitschrift \u201eKrisis\u201c verstehen sich auch \u201ebahamas\u201c oder die Freiburger \u201eInitiative Sozialistisches Forum\u201c (\u201eCa ira\u201c-Verlag) als neuartige \u201eWertkritiker\u201c. Einem \u201ebreiteren\u201c Publikum wurden diese Str\u00f6mungen \u00fcber ihren Einfluss in \u201ekonkret\u201c, \u201ejungle world\u201c oder \u201eWeg und Ziel\u201c, aber auch durch ihre Aktivit\u00e4ten in internet-Foren wie \u201eopen theory\u201c bekannt. Speziell die Entlarvung des unmittelbaren Zusammenhangs von undurchschauter, unreflektierter Verstrickung in die Welt der Warenf\u00f6rmigkeit mit solchen Erscheinungen wie Rassismus, Anti-Semitismus, zu kurz greifendem Anti-Kapitalismus oder Anti-Imperialismus wurde zum Ausgangspunkt von kritischen Totalabrechnungen.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt wurde die anti-deutsche Str\u00f6mung aus dieser Fundamental-Opposition gegen das falsche \u201eNormalbewusstsein\u201c und seinen spiegelbildlichen Pseudo-Anti-Kapitalismus (\u201eehrliche deutsche Arbeit\u201c gegen \u201ej\u00fcdische Geldmacherei\u201c, etc.) geboren. Aus der \u201eNie wieder Deutschland\u201c-Bewegung der DDR-Anschluss-Jahre geboren, fand die wertkritische Fundamental-Opposition in dieser \u201eBewegung\u201c eine Basis f\u00fcr ihren sektenhaften \u201eAnti-Populismus\u201c. So bemerkte einer ihrer Propheten, Justus Wertm\u00fcller, dass es den 90ern f\u00fcr einige Jahre so schien, <em>\u201eals h\u00e4tte der anti-deutsche Aufbruch den ideologischen M\u00fcll von zwanzig westdeutschen Bewegungsjahren so durcheinandergewirbelt, dass endlich eine kommunistische Kritik der Gesellschaft m\u00f6glich w\u00fcrde\u201c<\/em> <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich wurde die Verarbeitung der in der K-Gruppen-Vergangenheit begangenen opportunistischen und populistischen Abenteuer zur besessenen Schm\u00e4hung des einst f\u00fcr diese Umwerbung ach so tauben Liebesobjekts. Der \u201edeutsche Arbeiter\u201c wird in allen nur m\u00f6glichen Formen des B\u00f6sen entdeckt, die den Weg zum \u201ewahren Kommunismus\u201c verbauen, um schlie\u00dflich bei \u201eArbeit macht frei\u201c zu enden.<\/p>\n<p>Auch wenn die \u201eKrisis\u201c-Str\u00f6mung im Verbund mit Moishe Postone <a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> f\u00fcr viele zu den Cheftheoretikern f\u00fcr Wertkritik, Rassismus-Ableitung und Entlarvung der \u201eTraditions-Linken\u201c wurde, so standen sie besagter anti-deutschen Str\u00f6mung doch von Anfang an fern gegen\u00fcber. Dies hat nicht nur mit ihrer anderen Analyse der nationalen Frage zu tun oder mit ihrer Ablehnung von Bewegungsformen, wie sie sich auch wieder bei der anti-deutschen Linken zeigen w\u00fcrden. Es hat vor allem mit ihrer Analyse der gegenw\u00e4rtigen Periode des Kapitalismus und den sich darin angeblich auftuenden system\u00fcberwindenden Tendenzen in der fundamentalen Krise der Arbeitsgesellschaft zu tun.<\/p>\n<p>Im Unterschied zur allgemeinen Faschismus\/Anti-Semitismus-Paranoia der \u201eAnti-Deutschen\u201c herrscht daher bei der \u201eKrisis\u201c der Optimismus vor, der an allen m\u00f6glichen Stellen Ans\u00e4tze zur \u00dcberwindung der entfremdeten Arbeit entdeckt. Von den \u201eAnti-Deutschen\u201c daher als neo-populistische Renegaten gehasst, wird dieser Ansatz von vielen Links-Intellektuellen als \u201einteressanter\u201c Neuanfang jenseits von \u201eArbeiterbewegungs-Linker\u201c und sektiererischer blo\u00dfer Entlarvungs-Kritik gesehen. Er bietet die M\u00f6glichkeit, generelle Kritik an der Warengesellschaft und ihrer Arbeitsform mit unkomplizierter praktischer Handwerkelei zu verbinden, ohne dies mit einer \u201eumfassenden politischen Bewegung\u201c verbinden zu m\u00fcssen. Die \u201epers\u00f6nlichen kleinen Schritte\u201c \u2013 z.B. Hervorbringung und Verteilung \u201efreier Software\u201c <a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> \u2013 werden zu Akten einer sozusagen molekular vor sich gehenden Abl\u00f6sung des historisch \u00fcberholten Prinzips der Organisation gesellschaftlicher Reproduktion durch das Kapital\/Lohnarbeitsverh\u00e4ltnis.<\/p>\n<p>Der Versuch, die Ursache der gegenw\u00e4rtigen Krisenperiode des Kapitalismus durch eine historisch neuartige Ver\u00e4nderung in den zugrundeliegenden Wertform\/Wertsubstanz-Verh\u00e4ltnissen (in der \u201eKrise der Arbeit\u201c) zu suchen, ist auch f\u00fcr uns ein Motiv f\u00fcr die kritische Auseinandersetzung mit der \u201eKrisis\u201c-Theorie in diesem Artikel. W\u00e4hrend sich \u201emarxistische Krisentheorie\u201c sonst gern in abgeleiteten Ph\u00e4nomenen und Konjunktur-Analysen verirrt, werden bei Kurz und Co. die sich zuspitzenden Widersinnigkeiten des \u201esich selbstverwertenden Werts\u201c unmittelbar mit dem sich abzeichnenden Zusammenbruch des darauf basierenden Reproduktionszusammenhangs verkn\u00fcpft.<\/p>\n<p>Der gegenw\u00e4rtig vor sich gehende Zusammenbruch des Kapitalismus w\u00fcrde die alte Form der Arbeit und des darauf aufbauenden gesellschaftlichen Zusammenhangs mit sich ins Grab rei\u00dfen und so bei Strafe der Barbarei die Menschheit zu einer v\u00f6llig neuen Form des Zusammenlebens \u201eohne Arbeitszwang\u201c bef\u00e4higen. Bei aller Kritik an diesem Ansatz, der in diesem Artikel entwickelt wird, ist nicht zu leugnen, dass durch diese Herangehensweise zumindest einige neue Fragen in Bezug auf den historisch-spezifischen Charakter der gegenw\u00e4rtigen Krise aufgeworfen werden, die es lohnt, n\u00e4her betrachtet zu werden.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich gibt es einen weiteren Grund, sich mit der \u201efundamentalen Wertkritik\u201c auseinander zu setzen, der speziell mit der deutschen Linken zu tun hat. Im Gegensatz zu anderen L\u00e4ndern hatte es die \u201eglobalisierungs-kritische\u201c Bewegung der letzten Jahre in Deutschland besonders schwer. Dies h\u00e4ngt nat\u00fcrlich vor allem mit der noch gr\u00f6\u00dferen Ferne der deutschen radikalen Linken von der Arbeiterbewegung zusammen, die \u2013 wie bereits geschildert \u2013 dieser Ferne auch noch h\u00f6here theoretische Weihen verleiht.<\/p>\n<p>Es h\u00e4ngt aber auch damit zusammen, dass der \u201ePopulismus\u201c eines Bouv\u00e9 oder einer Naomi Klein, vom Neoreformismus von attac ganz zu schweigen, in der deutschen Linken auf ein besonders ungn\u00e4diges Terrain trifft. Es ist kein Wunder, dass die in anderen L\u00e4ndern zumindest \u201eproduktiv\u201c kritisierten Bestseller der Bewegung, wie \u201eNo Logo\u201c oder \u201eEmpire\u201c in den Zentralorganen der \u201edeutschen kritischen Kritik\u201c als halb-faschistische, reaktion\u00e4re Machwerke in der Luft zerrissen werden.<\/p>\n<p>Zudem ist ein Teil der radikalen deutschen Linken seit Jahren zumindest soweit von den Methoden der \u201efundamentalen Wertkritik\u201c gepr\u00e4gt, dass er auf die \u201enaive\u201c, \u201eunreflektierte\u201c Kapitalismuskritik der neuen Bewegung nur mit H\u00e4me reagieren kann. So richtig eine marxistische Kritik der falschen Ans\u00e4tze von \u201eNo Logo\u201c oder \u201eEmpire\u201c ist, so wenig f\u00fchrt dies aus der Sackgasse der \u201ekritischen Kritik\u201c und ihrer sektiererischen oder utopistischen Selbstbespiegelungen. F\u00fcr diese ist ein reales Problem \u201egel\u00f6st\u201c, sobald es begrifflich erfasst und kategorisiert ist \u2013 in Wirklichkeit ist es damit aber nur gedanklich \u201eentsorgt\u201c.<\/p>\n<p>Daher ist dieser Artikel auch ein Versuch, die Beschr\u00e4nktheit des \u201ewertkritischen Ansatzes\u201c f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der gegenw\u00e4rtigen Weltmarkt-Bewegung des Kapitals aufzuzeigen. Auch wenn er die Kritik am \u201eGlobalisierungs\u201c-Fetisch mitunter richtig erfasst, so wird damit noch lange keine korrekte Analyse der gegenw\u00e4rtigen Etappe der Entwicklung des Welt-Kapitalismus geliefert. Gerade die Kurzsche These von der Aufl\u00f6sung der Nationalstaatlichkeit und dem Ende der imperialistischen Nationen, zeigt, wie stark auch \u201ehoch reflektierte Theorie\u201c ganz banalen Oberfl\u00e4chenerscheinungen aufsitzen kann.<\/p>\n<p>Das Unverst\u00e4ndnis der neuen Formen, in denen \u201enationale Frage\u201c und \u201eImperialismus\u201c heute zugespitzter denn je als Problemstellungen auftreten, zeigt die gemeinsame Schw\u00e4che von \u201eglobalisierungs-kritischem\u201c Mainstream und wertkritischer Kritik. Der Mangel an Entwicklung von Krisen- und Imperialismustheorie f\u00fchrt im Zusammenhang mit der fundamentalen Verkennung der Klassenfrage unweigerlich dazu, dass auf die entscheidenden politischen Fragen von Krieg und Frieden wie auch zur \u00dcberwindung imperialistischer Unterdr\u00fcckungsverh\u00e4ltnisse weder von Wertkritik noch von Globalisierungskritik eine Antwort gegeben werden kann. Daher ist dieser Artikel schlie\u00dflich auch ein Versuch, gegen Robert Kurz den Zusammenhang von historisch-spezifischer Krisenperiode, Imperialismus und proletarischer Weltrevolution zu verteidigen.<\/p>\n<p><strong>Zum Begriff \u201eTraditions-Marxismus\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die \u201eKrisis\u201c-Gruppe trifft einen bestimmten Nerv des Zeitgeistes besonders durch ihre Pose des \u201eabsolute beginners\u201c: \u201e<em>W\u00e4hrend die Wertkritik davon ausgehen muss, dass ein neues Emanzipationsdenken sich seine eigene Basis erst noch neu zu schaffen hat, finden die Restbest\u00e4nde des landl\u00e4ufigen Linksradikalismus ihre konstitutive Grundlage im identifikatorischen Bezug auf die heute gegenstandslos gewordenen K\u00e4mpfe einer vergangenen Epoche. Sie leben von der Weigerung, deren Ende zur Kenntnis zu nehmen\u201c<\/em> <a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>.<\/p>\n<p>Hierbei werden alle Str\u00f6mungen des \u201eTraditions-Marxismus\u201c einfach in einen Sack gepackt, schlichtweg alle Str\u00f6mungen seien angeblich nicht zur grundlegenden Einsicht in das tats\u00e4chliche Aufhebungsproblem der entfremdeten Arbeit f\u00e4hig gewesen. Die kapitalistische Gesellschaft sei vielmehr noch auf einem Stand gewesen, wo auch der \u201eRevolutionarismus\u201c tats\u00e4chlich seine Wirkung nur als radikale Durchsetzung der Wertf\u00f6rmigkeit entfalten konnte. Daher wird die \u201eSowjetunion\u201c von der \u201eKrisis\u201c als staatskapitalistische \u201eModernisierungsdiktatur\u201c angesehen.<\/p>\n<p>Erst heute w\u00e4re die Periode gekommen, in der die materiellen Voraussetzungen f\u00fcr eine wirkliche Emanzipation von der Arbeit gekommen sei. Durch ihre, f\u00fcr eine andere Epoche g\u00fcltigen politischen Konzepte, w\u00e4ren die Konzepte der verschiedenen \u201etraditions-marxistischen\u201c Str\u00f6mungen, mitsamt der somit angeblich \u00fcberholten Unterscheidung von \u201eReform\u201c und \u201eRevolution\u201c, nicht mehr brauchbar. W\u00e4hrend sich die Publikationen der K-Gruppen, aus denen die Wertkritiker hervortraten, dadurch auszeichneten, dass sie zu allem m\u00f6glichen politischen Problemen mehr oder weniger unleserliche Zusammenstellungen von Marx-Lenin-Zitaten verfertigten, treten die Wertkritiker nunmehr als Marx-Neuformulierer auf, die \u201efrei\u201c sind von jeglicher Geschichte des Marxismus. Mit Versatzst\u00fccken von Marxscher Wert- und Entfremdungstheorie, sowie der Grundannahme einer v\u00f6llig neuartigen Krisenepoche, wird versucht, eine positive Gesellschaftstheorie zu entwickeln, die sich von allen \u201eMarxismen\u201c der Vergangenheit (von Leninismus bis \u201eKritischer Theorie\u201c) auf Distanz h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Dabei wird dann nat\u00fcrlich auch auf den \u201eTraditions-Marxismus\u201c ein grober Klotz gesetzt. Dieser habe angeblich einer modernistischen Fortschrittsideologie gefr\u00f6nt und v\u00f6llig naiv die Fortentwicklung der Produktivkr\u00e4fte im Kapitalismus als Vorleistung f\u00fcr einen notwendigen Umschlag hin zum Sozialismus gesehen. Ab einer bestimmten Entwicklungsstufe des Kapitalismus w\u00e4re dann die Errichtung des Sozialismus nur noch eine Frage des politischen Kampfes um die Macht, da die verrottende Herrschaft der Bourgeoisie im Verh\u00e4ltnis zur Entwicklungsstufe der Produktivkr\u00e4fte immer reaktion\u00e4rer w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich gab es Ans\u00e4tze zu einem solchen Geschichtsdeterminismus sowohl in der Zweiten Internationale als auch im Stalinismus. Allerdings war selbst ein Karl Kautsky, bei dem sich Ankl\u00e4nge an eine solche Darstellung finden, weitaus differenzierter, was die Notwendigkeit emanzipatorischen Bewusstseins f\u00fcr die wirtschaftliche und politische Macht\u00fcbernahme des Proletariats betrifft. Wesentlicher ist jedoch, dass es eine lange Tradition im \u201eTraditions-Marxismus\u201c gibt, die eben diesen \u201edeterministischen Tendenzen\u201c entschieden Widerstand geleistet hatte.<\/p>\n<p>So war der Versuch, die neuen Erscheinungsformen des Kapitalismus nach der Wende zum 20. Jahrhundert mit dem \u201eImperialismus\u201c-Konzept zu begreifen aufs engste verkn\u00fcpft mit dem Kampf um eine Revolutionskonzeption, die dem mechanischen Determinismus der sogenannten \u201ePolit-\u00d6konomie\u201c der \u201emarxistischen Orthodoxie\u201c (Kautsky, Hilferding) diametral entgegengesetzt war.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Kautsky und Hilferding eine quasi vern\u00fcnftige, \u201enaturw\u00fcchsige\u201c Tendenz zur Herstellung eines \u201eWelt-Superstaates\u201c im Verein mit einem \u201eWelt-Kartell\u201c als Vorstufe zu einer sozialistischen Weltgesellschaft zu erkennen glaubten, der sich \u201eirrationale\u201c, reaktion\u00e4re Kr\u00e4fte entgegenstellten, sah die revolution\u00e4re Linke den militaristisch-nationalistischen Irrsinn des Ersten Weltkriegs nicht als \u201eirrationalen Ausrutscher\u201c, sondern als notwendiges Resultat der Stufe der Entwicklung des Kapitalverh\u00e4ltnisses \u2013 ein Unterschied, der klar die Alternative zwischen Reform und Revolution aufzeigte. W\u00e4hrend Kautsky folgert: <em>\u201eDiese Ausdehnungsbestrebungen (des Kapitals) werden am besten nicht durch die gewaltt\u00e4tigen Methoden des Imperialismus, sondern durch friedliche Demokratie gef\u00f6rdert\u201c<\/em> <a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a>,<\/p>\n<p>h\u00f6rt sich das bei Rosa Luxemburg so an: <em>\u201eJe gewaltt\u00e4tiger das Kapital vermittels des Militarismus drau\u00dfen in der Welt wie bei sich daheim mit der Existenz nicht-kapitalistischer Schichten aufr\u00e4umt und die Existenzbedingungen aller arbeitenden Schichten herabdr\u00fcckt, umso mehr verwandelt sich die Tagesgeschichte der Kapitalakkumulation auf der Weltb\u00fchne in eine fortlaufende Kette politischer und sozialer Katastrophen und Konvulsionen, die zusammen mit den periodischen wirtschaftlichen Katastrophen die Fortsetzung der Akkumulation zur Unm\u00f6glichkeit, die Rebellion der internationalen Arbeiterklasse gegen die Kapitalherrschaft zur Notwendigkeit machen werden, selbst ehe sie noch \u00f6konomisch auf ihre nat\u00fcrliche, selbstgeschaffene Grenze gesto\u00dfen ist\u201c<\/em> <a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a>.<\/p>\n<p>Der Ausgangspunkt der marxistischen Linken um die Wende zum 20. Jahrhundert war gerade, dass die Entwicklung des Kapitalismus nicht bruchlos zum Sozialismus f\u00fchrt, sondern vor allem zu einer f\u00fcrchterlichen Versch\u00e4rfung der Krisenhaftigkeit und der Zusammenbruchstendenzen. In diesem Krisenbegriff treffen sich grundlegende Kritik an einer warenf\u00f6rmig organisierten Gesellschaftlichkeit und das Aufzeigen des historischen Punktes der M\u00f6glichkeit\/Notwendigkeit eines radikalen Bruchs, der tiefgreifender ist, als die blo\u00dfe \u201eVerstaatlichung\u201c des bestehenden Produktionsprozesses.<\/p>\n<p>Schon um die letzte Jahrhundertwende hielten die \u201ejungen Kritiker\u201c Parvus, Trotzki, Luxemburg u.a. der \u201eOrthodoxie\u201c gerade ihr mangelndes Krisen-Verst\u00e4ndnis entgegen. F\u00fcr den radikalen Fl\u00fcgel in der Zweiten Internationale war klar, dass die fieberhafte Entwicklung des Kapitalismus seit 1890 nicht die Grundlage f\u00fcr einen \u201efriedlichen \u00dcbergang\u201c, sondern f\u00fcr eine schreckliche Krise, mitsamt ihren politischen Folgen legen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Parvus und Trotzki gingen in ihrer Einsch\u00e4tzung von der Konzeption \u201elanger Wellen\u201c in der kapitalistischen Entwicklung aus, in der Perioden der Stagnation ruckartig von \u201eSturm- und Drangperioden\u201c abgel\u00f6st w\u00fcrden, die wiederum in eine heftige Krisenperiode m\u00fcnden w\u00fcrden. Als Trotzki auf dem 3. Kominternkongress die weltwirtschaftliche Lage Anfang der 20er-Jahre als \u201eKrisen-Periode\u201c kennzeichnete, in der die Krisenph\u00e4nomene das prim\u00e4re und zeitweilige Aufschw\u00fcnge das sekund\u00e4re w\u00e4ren, gestand er jedoch die M\u00f6glichkeit zu, dass durch bestimmte, au\u00dfergew\u00f6hnliche Strukturbereinigungen auch wieder eine prim\u00e4re Aufschwung-Periode zustande kommen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Diese Auffassung hat sich offenbar nach dem Zweiten Weltkrieg bewahrheitet. W\u00e4hrend die \u201estalinistische Orthodoxie\u201c im Gefolge Eugen Vargas an der \u201est\u00e4ndigen Vertiefung der Krise\u201c des \u201estaats-monopolistischen\u201c Kapitalismus genauso festhielt, wie einige \u201eorthodoxe Trotzkisten\u201c an der \u201eStagnation der Produktivkr\u00e4fte seit 1914\u201c, extrapolierten Ernest Mandel und andere marxistische \u00d6konomen aus den genannten Ansatzpunkten eine \u201eTheorie der langen Wellen\u201c: die Vorstellung, dass der Kapitalismus nicht nur die kurzfristige Periodizit\u00e4t der Konjunkturzyklen aufweist, sondern auch eine langfristigere, periodische Abfolge von Aufschwungs- und Krisenperioden, in denen es insgesamt zwar eine Abw\u00e4rtstendenz gibt, in der aber bestimmte \u201eexogene Faktoren\u201c (Kriege, spezielle Erfindungen, strategische Niederlagen der Arbeiterklasse\u2026) auch immer wieder l\u00e4ngerfristige Aufschwungswellen hervorrufen k\u00f6nnten <a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a>.<\/p>\n<p>Die Geschichte der \u201eKrisentheorie\u201c und der darauf aufbauenden Ableitungen von bestimmten \u201eEpochen\u201c und \u201eZusammenbruchstendenzen\u201c im Kapitalismus hat in der marxistischen Tradition eine lange Geschichte. Sich davon frei zu machen, indem man diese Geschichte in plumper Weise auf eine Traditionslinie reduziert, um dann doch eine bestimmte, letztlich gar nicht so neue, Krisentheorie zu vertreten, ist eigentlich ein ziemlich plumper Trick.<\/p>\n<p>Statt an die krisentheoretische Diskussion in ihren richtigen wie falschen Tendenzen anzukn\u00fcpfen und daran weiter zu arbeiten, wird eine v\u00f6llige Geschichtslosigkeit des eigenen Ansatzes simuliert. Damit kann man sich nicht nur zeitgeistig frei von der \u201ealt-linken Beschmutzung\u201c halten, man erspart sich auch die Gegen\u00fcberstellung des eigenen krisentheoretischen Ansatzes mit anderen, die sich ebenfalls aus der Tradition der Marxschen Kritik der politischen \u00d6konomie ableiten.<\/p>\n<ol>\n<li><strong> Zusammenfassende Darstellung der Krisentheorie von Kurz<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p><u>Krisentheorie als Ausgangspunkt<\/u><\/p>\n<p>Robert Kurz geht richtig davon aus, dass Marx den Kapitalismus als historisch beschr\u00e4nkte, an widerspr\u00fcchliche Bedingungen gekn\u00fcpfte Entwicklungsformation beschrieben hat: <em>\u201eDas logische und analytische Bezugsfeld ist daher der entwicklungstheoretisch extrapolierte, im Lichte seiner zuk\u00fcnftigen Krisenreife dargestellte Kapitalismus\u201c <a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\"><strong>[9]<\/strong><\/a><\/em>. D.h. der Kapitalismus muss von den ihm innewohnenden Tendenzen zum Zusammenbruch her verstanden werden, oder er wird in seiner Dynamik gar nicht verstanden. Krise ist nicht Ausrutscher oder Element der \u201eDegeneration\u201c \u2013 im Gegenteil: je reiner und unmittelbarer der Kapitalismus sich entfaltet, desto grundlegender und unvermeidlicher seine Krisenhaftigkeit.<\/p>\n<p>\u201eKrise\u201c bezeichnet dabei nicht einfach ein zeitweiliges Stocken des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses auf warenf\u00f6rmiger Ebene. Sie bezeichnet das Offenbarwerden der Folgen, die die Verkehrungen der Wirklichkeit in einer als verallgemeinerte Warenproduktion gesteuerten Gesellschaft f\u00fcr diese letztlich zeitigen. Da Verwertung des Werts, Aneignung abstrakter Arbeit, etc. zum Selbstweck geworden, dem konkrete Arbeit und Bed\u00fcrfnisse untergeordnet sind, verelendet in der Krise die Gesellschaft gerade bei und an gleichzeitig \u00fcberreichlich vorhandenen materiellen und personellen Mitteln zur Reichtumsproduktion.<\/p>\n<p>Marx\u2018 \u00f6konomische Analysen werden daher richtig wesentlich als \u201eKritik\u201c, als Aufzeigen der letztendlichen Widersinnigkeit und Beschr\u00e4nktheit der b\u00fcrgerlichen politischen \u00d6konomie aufgefasst. Also nicht als Beschreibung eines harmonischen Her\u00fcberwachsens der \u201ekapitalistischen Moderne\u201c in eine befreite Gesellschaft, sondern der Herausarbeitung des notwendigen Bruchs mit den fundamentalen Grundlagen dieses Systems. Also auch der Unm\u00f6glichkeit, mit irgendwelchen Oberfl\u00e4chenkorrekturen und seichten Analysen den grundlegenden Bedrohungen, die dieses System hervorbringt, begegnen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><u>Endkrise<\/u><\/p>\n<p>Einer Vorstellung eines ewigen Auf- und Ab der Kapitalismusentwicklung ist die Krisen-Konzeption der \u201eKrisis\u201c klar entgegengesetzt: aus der Untergrabung seiner eigenen Wertsubstanz, der lebendigen Arbeit und der Natur, wird die Geschichte des Kapitalismus als notwendige Bewegung auf eine Endkrise, auf die Unm\u00f6glichkeit der Fortsetzung der Kapitalakkumulation hin verstanden:<\/p>\n<p><em>\u201eMarx sah als abstrakte M\u00f6glichkeit (und in den \u201aGrundrissen\u2018 als logischen Endpunkt) eine ausweglose Konstellation voraus, in der die kompensierende Expansionsbewegung nicht mehr in Gang kommen kann, die absolute Profitmasse ins Bodenlose f\u00e4llt und die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung \u201aau\u00dfer Kurs gesetzt wird\u2018, weil die zugrunde liegende Produktion von \u201aWertsubstanz\u2018 durch den erreichten Grad der Verwissenschaftlichung (und damit der Substitution von Arbeitskraft durch technische Aggregate) nicht mehr in einem gesellschaftlich nennenswerten Ausma\u00df m\u00f6glich ist.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Verfall der Wertsubstanz wird dann endg\u00fcltig und irreversibel aus einem relativen (Fall der Profitrate) in einen absoluten (Fall der Profitmasse) Status \u00fcberf\u00fchrt; sichtbar an der massenhaften Stillegung der Produktion und einer dauerhaften Massenarbeitslosigkeit. Unter Beibehaltung der kapitalistischen Formbeziehungen von allgemeinem Warentausch, Arbeitsmarkt und \u201aGeldverdienen\u2018 w\u00fcrde dann die absurde Situation entstehen, dass die Gesellschaft verelendet, obwohl alle materiellen Faktoren der Reichtumsproduktion in einem sogar \u00fcberreichlichen Ausma\u00df zur Verf\u00fcgung stehen.<\/em><\/p>\n<p><em>Genau in diese Absurdit\u00e4t f\u00fchrt die dritte industrielle Revolution der Mikroelektronik heute mit Riesenschritten real hinein. Was Marx nur als abstrakte, in weiter Ferne liegende \u201aEndlogik\u2018 in d\u00fcrren Worten erfasste, erscheint in der gesellschaftlichen Wirklichkeit durch die neuen Potentiale der Rationalisierung und Automatisierung, die nach einer langen Inkubationszeit (die ersten Debatten in dieser Hinsicht fanden schon in den 50er und 60er Jahren statt) zu greifen beginnen, obwohl sie noch lange nicht ausgesch\u00f6pft sind. Die strukturelle Massenarbeitslosigkeit (andere einschl\u00e4gige Ph\u00e4nomene sind Billiglohn, Sozialhilfe, M\u00fcllhaldenproduktion und verwandte Elendsformen) zeigt an, dass die kompensierende historische Expansionsbewegung des Kapitals zum Stillstand kommt.\u201c<\/em> <a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>Kurz sieht die Auswirkungen dieser \u201eEndkrise\u201c nur kurzfristig durch Ausdehnung des Kreditgeldes, durch Aufbl\u00e4hung von \u201efiktivem Kapital\u201c aufgehalten. Einen Ausweg f\u00fcr eine neuerliche Aufschwungsperiode sieht er nicht. Im Umkehrschluss wird damit auch f\u00fcr die Krisis-Gruppe klar, dass 1917 eine solche \u201eEndkrise\u201c noch nicht gegeben war <a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a>, vielmehr noch entscheidende Durchsetzungsbewegungen der Wertform ausstanden (Fordismus, nachholende Entwicklung, Internationalisierung\u2026).<\/p>\n<p><u>Ursprung der Krise<\/u><\/p>\n<p>Was sind nun f\u00fcr die \u201eKrisis\u201c-Gruppe die untr\u00fcglichen Elemente daf\u00fcr, dass wir nunmehr in einer Krisenperiode angelangt sind, in der eine \u00dcberwindung der Kapitalform der einzige Ausweg aus der Krise ist?<\/p>\n<p>\u201eKrisis\u201c nimmt die Redeweise von der \u201eKrise der Arbeitsgesellschaft\u201c, \u201eder die Arbeit ausgeht\u201c, wie sie seit etwa 20 Jahren in verschiedenen Zusammenh\u00e4ngen besprochen wird, durchaus ernst. An dieser g\u00e4ngigen Diskussion (z.B. \u201eGrundeinkommen ohne Arbeit\u201c) wird jedoch entlarvt, dass der Zusammenhang des Ph\u00e4nomens der Zur\u00fcckdr\u00e4ngung produktiver Arbeit mit der Infragestellung der Grundlagen einer \u00fcber Geld und Warenform regulierten \u00d6konomie nicht gesehen wird. Ernstgenommen bedeutet <em>\u201e\u201aKrise der Arbeitsgesellschaft\u2018 nicht weniger als den sukzessiven Zusammenbruch des warengesellschaftlichen Fundaments und der \u00fcber Lohnarbeit und Geld vermittelten Reproduktion in ihrer Gesamtheit\u201c <a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\"><strong>[12]<\/strong><\/a><\/em>.<\/p>\n<p><em>\u201eWenn n\u00e4mlich der Arbeitsgesellschaft tats\u00e4chlich die (rentable) Arbeit ausgeht und die wertproduktive Basis der warenproduzierenden Gesellschaft wegbricht, dann betrifft diese Entwicklung nicht nur ein \u201aherausgefallenes Drittel\u2018 der Bev\u00f6lkerung, das so oder so alimentiert werden k\u00f6nnte. Dieser Prozess m\u00fcndet vielmehr in eine neuartige Form von Verwertungskrise, die das Wirtschaftsleben insgesamt ersch\u00fcttert und sowohl das gewohnte gesellschaftliche Bezugssystem als auch die staatlich vermittelten Mechanismen der Redistribution zerst\u00f6rt\u201c<\/em> <a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a>.<\/p>\n<p>Die Erosion der produktiven Arbeit ist nicht einfach ein wiederholt zu beobachtender \u201eStrukturwandel\u201c im Kapitalismus, sondern untergr\u00e4bt die Basis des Systems selbst. Denn in welchen Formen auch immer Kapital und Geld die gesellschaftliche Reproduktion organisieren \u2013 um bewusst die fetischisierende Sprache zu benutzen -, so k\u00f6nnen sie dies nur auf der Grundlage der Verselbst\u00e4ndigung der \u201eabstrakten Arbeit\u201c als ihrer Substanz tun. Die Verausgabung von gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit an sich, losgel\u00f6st von jedem Zweck der eigenen konkreten Bed\u00fcrfnisbefriedigung, die Verdinglichung konkreter menschlicher Lebens\u00e4u\u00dferung (als Arbeit) in der Ware, deren einziger Sinn der als eines Werttr\u00e4gers ist, ist die unab\u00e4nderliche Grundlage f\u00fcr den sich selbstverwertenden Wert, also das Kapital, das als \u201eautomatisches Subjekt\u201c sich von allen Intentionen und individuellen Zwecksetzungen freigemacht hat, zur \u201eDiktatur der Sachen\u201c geworden ist. Der Wert in seinen monet\u00e4ren Formen mag sich zeitweise von dieser Basis l\u00f6sen \u2013 etwa in staatlichen Alimentierungen auf der Grundlage von Staatsverschuldung, durch au\u00dfergew\u00f6hnliche Einnahmen \u00fcber Aktien-, Optionsgesch\u00e4fte usw., dann aber immer auf Kosten anderer (oder zuk\u00fcnftiger) Warensubjekte, also nicht als L\u00f6sung des gesamtgesellschaftlichen Problems.<\/p>\n<p>Die Grundlage f\u00fcr die Selbst-Untergrabung der Wertsubstanz sieht Robert Kurz in der von Marx beschriebenen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit des \u201etendenziellen Falls der Profitrate\u201c. Der \u00fcber Konkurrenz vermittelte Zwang zur best\u00e4ndigen Selbstausweitung des Werts erzwingt seinerseits die best\u00e4ndige Steigerung der Produktivit\u00e4t, die auf Dauer wieder nur durch die Ersetzung menschlicher Arbeitskraft durch \u201ewissenschaftlich-technische Agenzien\u201c (Marx) erzielt werden kann. Da auf diese Weise in der einzelnen Ware zwangsl\u00e4ufig immer weniger Wert verk\u00f6rpert ist, kann das Kapital nicht existieren ohne best\u00e4ndige Ausweitung der Produktion.<\/p>\n<p><em>\u201eEs galt also, die Welt mit Waren zuzusch\u00fctten und die Menschen darauf zu konditionieren, ihr Leben in der Form einer unaufh\u00f6rlichen Warenproduktion und eines st\u00e4ndig gesteigerten Warenkonsums zu organisieren\u201c<\/em> <a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a>.<\/p>\n<p>Immer mehr Lebensbereiche in immer mehr Regionen werden erfasst vom Zwang der warenf\u00f6rmigen Organisation \u2013 nichts geht mehr ohne \u201eBereitstellung von Kapital\u201c und ohne dass jegliche T\u00e4tigkeit als Lohnarbeit organisiert wird.<\/p>\n<p>Gerade auch in dieser expandierenden Ausgleichsbewegung kommt der kapitalistische Selbstwiderspruch zum Ausdruck \u2013 der Untergrabung der eigenen Wertsubstanz. Wenn sich der relative Anteil der blo\u00df reproduzierten und keine zus\u00e4tzliche Surplus-Wertsubstanz sch\u00f6pfenden toten Materialbestandteile am eingesetzten Gesamtkapital st\u00e4ndig vergr\u00f6\u00dfert, w\u00e4hrend der relative Anteil der allein Surplus-Wertsubstanz setzenden Arbeitskraft sich entsprechend vermindert, so muss notwendigerweise auch der Gewinn im Verh\u00e4ltnis zum eingesetzten Gesamtkapital immer kleiner werden.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Um denselben Profit erzielen zu k\u00f6nnen, sind immer gr\u00f6\u00dfere Vorauskosten erforderlich. Wie die Verminderung der Wertsubstanz an der einzelnen Ware dadurch kompensiert und \u00fcberkompensiert wird, dass sich die Produktion zus\u00e4tzlicher Waren schneller ausdehnt und also trotzdem insgesamt mehr Wertsubstanz \u201eerzeugt\u201c wird, ebenso wird durch denselben Prozess der Fall der Profitrate dadurch kompensiert und \u00fcberkompensiert, dass insgesamt mehr Geldkapital eingesetzt wird, als sich die Profitrate des einzelnen, jeweiligen Geldkapitals vermindert. Die (relative) Profitrate kann also fallen, w\u00e4hrend die (absolute) Profitmasse trotzdem steigt.<\/p>\n<p>Daher, so Kurz, charakterisiert auch nicht der \u201eFall der Profitrate\u201c die absolute Schranke der kapitalistischen Produktion. Er charakterisiert nur die langfristige Tendenz, in der sich die immer universeller werdende Durchsetzung der Wertform gleichzeitig als Untergrabung ihrer eigenen Substanz darstellt. Selbst die \u201eentgegenwirkenden Ursachen\u201c zum Fall der Profitrate, sind letztlich nur Elemente zur Beschleunigung dieses Prozesses. Dies trifft nicht nur auf die Expansion des Weltmarktes zu, sondern nat\u00fcrlich zentral auch auf die \u201eVerbilligung des konstanten Kapitals\u201c. Denn wenn auch die Entwertung des Produktivkapitals f\u00fcr einen neuen Produktionszyklus zu g\u00fcnstigeren Profitbedingungen f\u00fchrt, so bedeutet es selbst wiederum eine weitere Wertverminderung der dabei produzierten Ware \u2013 also setzt nur wieder den Startpunkt f\u00fcr eine neuerliche Kompensationsbewegung.<\/p>\n<p>Mit der mikroelektronischen Verbilligung immer umfassender werdender Automatisierung, so Robert Kurz, hat nun eine neue Stufe der Reduktion der Wertbasis eingesetzt, deren kompensatorische Wirkung heute schon l\u00e4ngst in eine rasante Untergrabung der Verwertungsbedingungen von Kapital gem\u00fcndet ist \u2013 und es sei weit und breit kein neuer Kompensations-Startpunkt in Sicht.<\/p>\n<p>Jedoch ist die Krise unvermeidlich, wenn die Entwertungsprozesse nicht mehr durch entsprechende Kompensationsbewegungen aufgefangen werden k\u00f6nnen, wenn also nicht nur die Profitrate f\u00e4llt, sondern auch die Profitmasse. An einem gewissen Punkt der Entwicklung l\u00e4sst sich die gewaltige akkumulierte Basis der Warenproduktion nicht mehr profitabel verwerten, das Kapital ist von struktureller \u00dcberakkumulation betroffen. Eine Zeitlang wird dies verschleiert durch die Expansion des Kredits, die die Expansionsbewegung \u201eauf Pump\u201c weiterf\u00fchren l\u00e4sst. Sobald jedoch die Kette der Zahlungsverpflichtungen an ihren schwachen Gliedern rei\u00dft, erscheint die zugrundeliegende Krise an der monet\u00e4ren Oberfl\u00e4che als \u201eFinanzkrise\u201c, \u201eMangel an Geld\u201c bei gleichzeitigem \u00dcberfluss an Kapital!<\/p>\n<p><u>Durchsetzungsgeschichte der \u201eWertorientierung\u201c<\/u><\/p>\n<p>Auch wenn wir mit der Krisis-Gruppe \u00fcbereinstimmen, dass sich das Welt-Kapital seit Mitte der 70er-Jahre in einer Periode struktureller \u00dcberakkumulation befindet \u2013 was ist nun der Unterschied zu vergleichbaren historischen Perioden: etwa den 1870\/80er-Jahren oder der Periode von 1910-1948?<\/p>\n<p>F\u00fcr die Krisis-Gruppe sind die letzten etwa 150 Jahre der Kulminationspunkt der Durchsetzungsgeschichte der Wertform.<\/p>\n<p><em>\u201eDie mehrhundertj\u00e4hrige Entwicklung des Wertverh\u00e4ltnisses umfasst also Phasen mit h\u00f6chst unterschiedlichen Determinierungsgraden. Die \u201aSpitzenwerte\u2018 in dieser Hinsicht wurden erst in diesem Jahrhundert auf hoher Entwicklungs- und Integrationsstufe des Systems erreicht, insbesondere im kurzen Sommer der fordistischen Binnenformation. Bis tief ins 19. Jahrhundert hinein und teilweise dar\u00fcber hinaus bestimmten hingegen noch zur warengesellschaftlichen Logik querliegende vorkapitalistische Momente das Geschehen mit. Heute wiederum schrumpft die Binnenlogik der Warengesellschaft zur Niedergangslogik (\u2026)\u201c <a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\"><strong>[15]<\/strong><\/a><\/em>.<\/p>\n<p>Der Krisen-Auffassung von Krisis liegt also eine bestimmte historische Perspektive der Entwicklungsgeschichte der verallgemeinerten Warenproduktion zugrunde: W\u00e4hrend bisher noch alle Krisen des Kapitalismus \u00fcberwunden werden konnten, weil es noch weite Regionen und Bereiche f\u00fcr eine bisher nicht erschlossene Expansionsbewegung gab, so gibt es nun keine Rettung mehr.<\/p>\n<p><em>\u201eWenn die globalisierte Konkurrenz immer mehr industrielle Produktion \u201aunrentabel\u2018 macht und immer mehr Regionen \u00f6konomisch ver\u00f6den, dann minimalisiert das Welt-Kapital seinen eigenen Aktionsradius. Auf einer zu kleinen, \u00fcber die ganze Welt verstreuten Basis kann das Kapital auf Dauer nicht mehr akkumulieren, ebenso wenig wie man auf einem Bierdeckel Samba tanzen kann\u201c <a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\"><strong>[16]<\/strong><\/a><\/em>.<\/p>\n<p>Es ist in diesem Zusammenhang auch nicht \u00fcberraschend, dass z.B. Ernst Lohoff positiv auf Rosa Luxemburgs Krisentheorie Bezug nimmt, die ja bekanntlich an den Grenzen territorialer Expansion den Wendepunkt in Richtung Zusammenbruchskrise des Kapitalismus festgemacht hatte.<\/p>\n<p>Diese historische Perspektive, in der alle bisherigen Krisen im Gegensatz zu heute nur Elemente zum Durchbrechen von Schranken auf dem Weg zur totalen Herrschaft der Wertform waren, w\u00e4hrend es heute nichts mehr zu durchbrechen g\u00e4be, passt nat\u00fcrlich zusammen mit der Kritik am \u201eArbeiterbewegungs-Marxismus\u201c \u2013 einem der bekanntesten Elemente der Krisis-Theorie. Denn wenn 1870, 1917 etc. die Aufhebung der Wertform letztlich noch nicht auf der Tagesordnung stand, ja wenn der Versuch, in diesen Perioden eine gesellschaftlich wirksame Bewegung in Gang zu setzten, letztlich keine materielle Grundlage hatte, musste eine solche Bewegung laut Krisis zwangsl\u00e4ufig von der totalit\u00e4ren Vereinnahmungsdynamik des \u201eautomatischen Subjekts\u201c integriert werden: aus der systemkritischen Arbeiterbewegung wurde ein wesentlicher Hebel zur globalen Durchsetzung von Lohnarbeitsform und seiner staatlichen Regulierung.<\/p>\n<p><em>\u201eNachdem die Wertlogik zu einer allgegenw\u00e4rtigen und unwiderstehlichen Gewalt aufgestiegen war, sich aber noch nicht selber innerlich ersch\u00f6pft hatte, musste sie zwangsl\u00e4ufig von einer bestimmten Entwicklungsstufe an auch die gesellschaftskritische Opposition in ihren Bann schlagen und zu ihrem eigenen Vehikel machen. Dementsprechend blieben seit (ungef\u00e4hr) 1850 bis heute s\u00e4mtliche konkurrierenden gesellschaftlichen Konzepte mit einer gewissen Zwangsl\u00e4ufigkeit im warengesellschaftlichen Horizont gefangen. Wann immer in dieser Epoche soziale und politische Bewegungen geschichtsm\u00e4chtig wurden, wurden sie dies als Moment in der weiteren Durchsetzung des warenproduzierenden Systems selbst\u201c<\/em> <a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a>.<\/p>\n<p>Diese Funktion erf\u00fclle die Arbeiterbewegung einerseits \u00fcber die gewerkschaftliche Durchsetzung des Lohn- und Arbeits(platz)fetischs: Die Zurichtung auf entfremdete, abstrakte Arbeit als \u201eLebenserf\u00fcllung\u201c wird an Stelle einer urspr\u00fcnglich vorhandenen Rebellion gegen diese menschliche Verst\u00fcmmelung durchgesetzt (insofern gibt es bei \u201eKrisis\u201c einen positiven historischen Bezug auf die \u201eMaschinenst\u00fcrmer\u201c-Bewegung). Gewerkschaften verteidigen die \u201eordentliche Lohnarbeit\u201c des Massenarbeiters als gleichzeitige Basis f\u00fcr den Massenkonsum der Warengesellschaft.<\/p>\n<p>Zweitens betrieb die klassische Arbeiterbewegung die Ausrichtung auf den \u201ePolitizismus\u201c der Oppositionsbewegungen. Ob in der Form der Ausrichtung auf die \u201eMachtfrage\u201c oder der \u201eReform\u201c \u00fcber den Staat \u2013 statt die Selbstorganisation der Produzenten gegen\u00fcber der \u201eDiktatur der Sachen\u201c voranzutreiben, wurde die Unterordnung unter den Kampf um politische Ziele verlangt. Dabei sei der Staat neben dem Geld die zweite (abgeleitete) universalistische Form, die den Prinzipien der abstrakten Arbeit zum Durchbruch verhelfe. Er sorgt f\u00fcr die \u201egleichen und freien\u201c formalen Rahmenbedingungen zwischen den kapitalistischen Agenturen und damit die reibungslose Durchsetzung der Wertgesetzlichkeit. Die sozialdemokratische Ausrichtung auf den sozialstaatlichen Interventionsstaat sei genauso wie die gewerkschaftliche Durchsetzung des \u201eNormalarbeitsverh\u00e4ltnisses\u201c konstitutiv f\u00fcr die fordische Aufschwungperiode des Kapitals gewesen. Andererseits seien die \u201estaatssozialistischen Entwicklungsdiktaturen\u201c von Sowjetunion bis Kuba entscheidend f\u00fcr das Vorantreiben der globalen Industrialisierung, letztlich auch im Interesse des Weltkapitals, gewesen.<\/p>\n<p><u>Postpolitik als Chance in der Krise<\/u><\/p>\n<p>Damit wird laut \u201eKrisis\u201c der \u201eTraditions-, Arbeiterbewegungs-, Klassenkampf-Marxismus\u201c zu einem Haupthindernis f\u00fcr eine der System-Krise angemessene Oppositionsbewegung, da er Opposition wiederum an fetischisierende Formen der Waren\u00f6konomie zur\u00fcckbindet, an \u201eArbeitsfetisch\u201c und Politizismus. Was ist aber dann f\u00fcr Krisis der Ansatzpunkt f\u00fcr System\u00fcberwindung in der Krise?<\/p>\n<p>Da es f\u00fcr \u201eKrisis\u201c aktuell keine Bewegung gibt, die tats\u00e4chlich das Potential einer Systemalternative repr\u00e4sentiert, werden in ihrer Zeitschrift seit nunmehr fast 7 Jahren verschiedenste \u201eAns\u00e4tze\u201c f\u00fcr ihre vielger\u00fchmte \u201ePostpolitik\u201c hin- und hergew\u00e4lzt. Ein relativ klares Dokument zu diesem Versuch einer \u201ePraxiswende\u201c findet sich in Ernst Lohoffs \u201eKrise der Befreiung \u2013 Befreiung in der Krise\u201c:<\/p>\n<p><em>\u201eAn Stelle des bisherigen politischen Kampfes um die Regulation der Arbeits- und Warengesellschaft tritt der postpolitische Kampf um materielle gesellschaftliche Ressourcen\u201c<\/em> <a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a>.<\/p>\n<p>D.h. statt alle Konflikte auf die \u201eabstrakte Ebene\u201c des Kampfes um Forderungen zu bringen, die in Kategorien der Warengesellschaft formuliert sind (Lohn, Steuern, Transferleistungen \u2026), soll es auf dem Stand der erreichten Vergesellschaftung um konkrete Fragen der Selbstorganisation jenseits dieser Kategorien gehen. Hierzu werden vor allem zwei konkrete Ansatzpunkte genannt:<\/p>\n<p>Einerseits manifestiert sich die Systemkrise auch als \u00f6kologische Krise: eine neue Expansionswelle ist schon aufgrund der notwendigerweise damit verbundenen \u00f6kologischen Folgewirkungen undenkbar geworden bzw. h\u00e4tte barbarische Folgen.<\/p>\n<p><em>\u201eDie \u00f6kologische Schranke, die einmal eine allgemeine Drohung am Zukunftshorizont war, konkretisiert sich zu einer Vielzahl mess- und sp\u00fcrbarer Fakten. (\u2026) W\u00e4hrend einst die Risikopotentiale der Gro\u00dfindustrie zum Ausl\u00f6ser gr\u00fcngestrickter Kritik wurden, hat sich l\u00e4ngst der Normalbetrieb der Megamaschine als das Hauptproblem in den Vordergrund geschoben. Mit dieser Schwerpunktverschiebung dr\u00e4ngt die Umweltfrage aber klarer zu einer umfassenden Gesellschaftskritik\u201c<\/em> <a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a>.<\/p>\n<p>\u00d6koreformismus und L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten \u00fcber staatliche Regulierung von \u201eVerbraucherschutz\u201c, \u201eGrenzwerten\u201c, etc. w\u00fcrden durch immer gesteigerte Betriebsunf\u00e4lle der Megamaschine von selbst entlarvt. Stattdessen best\u00fcnde die Chance, die Kritik an der Unm\u00f6glichkeit des \u00d6kokapitalismus mit der Verbreitung der Erkenntnis zu verbinden, dass nur eine selbstorganisierte, bewusst gestaltete Lebensweise, nicht aber die Zuf\u00e4lligkeiten der scheinbar sachlichen Marktzw\u00e4nge die \u00f6kologische Mega-Katastrophe verhindern kann. Als konkretes Beispiel wird von Lohoff die \u201eKritik des Automobilismus\u201c betrieben. Mit der Kritik an der \u201eheiligen Kuh des vom Verbrennungsmotor abh\u00e4ngigen Individualverkehrs\u201c w\u00fcrde nicht nur ein Schl\u00fcsselbereich des Fordismus angegriffen, sondern auch an den Grundfesten der gegenw\u00e4rtigen Warengesellschaft ger\u00fcttelt.<\/p>\n<p><em>\u201eDie Autofahrerei ist nicht allein die einer durchmonadisierten Gesellschaft am meisten entsprechende Transportweise, sie geh\u00f6rt zur psychostrukturellen Reproduktion des Warensubjekts. Wer das Auto kritisiert, kritisiert den herrschenden Sozialcharakter. Die Frage nach dem Sinn des Autos impliziert dar\u00fcber hinaus eine Kritik am allgemeinen Mobilit\u00e4tsbed\u00fcrfnis. Dieses verweist jedoch wiederum auf die herrschende Zersiedlungsweise, wie sie die der Warengesellschaft inh\u00e4rente funktionale Trennung der Sonderbereiche \u201aFreizeit\u2018, \u201aArbeit\u2018 und \u201aWohnen\u2018 diktiert\u201c <a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\"><strong>[20]<\/strong><\/a><\/em>.<\/p>\n<p>Konkreter wird Lohoff beim zweiten Ansatzpunkt, der \u201eKrise der Arbeitsgesellschaft\u201c, die sich vor allem in Massenarbeitslosigkeit ausdr\u00fcckt. Die logische Antwort auf die Verknappung der Lohnarbeit sieht auch Krisis in der drastischen Verk\u00fcrzung der Arbeitszeit. Allerdings kritisiert Lohoff aufs heftigste die gewerkschaftliche Illusion, mit der \u201eArbeitszeitverk\u00fcrzung bei vollem Lohnausgleich\u201c w\u00fcrde getreu dem keynesianischen Nachfrageprinzip der kapitalistischen Krise entgegengewirkt. Trotzdem erkennt nat\u00fcrlich auch Lohoff, dass eine Lohnreduktion im Gefolge von Arbeitszeitverk\u00fcrzung auch in den westlichen Zentren f\u00fcr einen Gro\u00dfteil der Betroffenen das Leben fast \u201eunbezahlbar\u201c machen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Antwort f\u00fcr ihn ist daher, dass eben daran angesetzt werden m\u00fcsse, dass diese f\u00fcr das Leben der Lohnabh\u00e4ngigen wesentlichen (und nicht mehr bezahlbaren) Bereiche eben aus der Warenf\u00f6rmigkeit entfernt werden m\u00fcssen. Als zentralen Punkt nennt Lohoff dabei die Kosten f\u00fcr das Wohnen, aber auch sonstige kommunale Kosten, vom \u00f6ffentlichen Transport bis zur Gesundheitsversorgung. <em>\u201eWas unbezahlbar wird, wird nicht bezahlt, aber auch nicht ger\u00e4umt\u201c<\/em>:<\/p>\n<p><em>\u201eDa Wohnraum ein Gut ist, dessen Reproduktionszyklus relativ lange w\u00e4hrt, macht es gerade auf diesem speziellen Gebiet keine sonderlichen Schwierigkeiten, mit relativ simplen Mitteln und einer noch embryonalen Selbstorganisation auf Block- und Stadtteilebene die vorhandene gesellschaftliche in eigener Regie zu sichern. Arbeitsloses handwerklerisches Know-how jedenfalls steht massenhaft zur Verf\u00fcgung, und die notwendigen materiellen Ressourcen lassen sich durch partiell vielleicht noch monet\u00e4re, aber weit unter dem Mietniveau liegende (Selbst)absch\u00f6pfung und eventuell zu erk\u00e4mpfende staatlich-kommunale Zufl\u00fcsse sicherstellen\u201c <a href=\"#_ftn21\" name=\"_ftnref21\"><strong>[21]<\/strong><\/a><\/em>.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich liegt nahe, dass es hier um ein Aufw\u00e4rmen einer kapitalismus-kritisch angehauchten \u00d6kologie-, B\u00fcrgerinitiativ-, Hausbesetzer-Bewegung geht. Tats\u00e4chlich sieht Lohoff jedoch die Gefahr einer neuerlichen Vereinnahmung von Systemopposition f\u00fcr die Zwecke der Systemstabilisation nicht so gro\u00df:<\/p>\n<p><em>\u201eWenn wir unsere eigenen krisentheoretischen \u00dcberlegungen ernst nehmen, dann springt ins Auge, wie wenig derartige Mechanismen heute noch einmal in gleicher Weise greifen k\u00f6nnen. Keiner der grundlegenden Konflikte, die heute in dieser Gesellschaft aufbrechen, l\u00e4sst sich letztlich innerhalb der Systemlogik befrieden. Damit stehen aber auch zun\u00e4chst einmal sehr beschr\u00e4nkte Ans\u00e4tze gesellschaftlicher Selbstorganisation in einem gegen\u00fcber dem klassischen Muster von Opposition gr\u00fcndlich ver\u00e4nderten Kontext. Die Krise des Staates impliziert auch die Dauerkrise des Reformismus\u201c<\/em> <a href=\"#_ftn22\" name=\"_ftnref22\">[22]<\/a>.<\/p>\n<p>Die Gefahr drohe vielmehr von den aus der Systemkrise geborenen anti-universalistischen Tendenzen. D.h. einerseits in der barbarischer werdenden Politik, die immer mehr die Interessen der minorit\u00e4ren Reichtumsinseln sch\u00fctzt und brachial verteidigt. Andererseits in perspektivloser Fundamentalopposition, die dasselbe Gewaltpotential auf nicht-staatlicher Ebene freisetzt.<\/p>\n<p><u>Die Aufl\u00f6sung der Nationalstaaten<\/u><\/p>\n<p>Dies verweist auf die Analyse der (Welt-)Politik in Zeiten der \u201eEndkrise\u201c: Mit der Zusammenbruchstendenz des Kapitals k\u00e4men wir nach Robert Kurz auch ans \u201eEnde des Nationalstaats\u201c und des nationalstaatlichen Imperialismus:<\/p>\n<p>Die Dominanz des Weltmarktes \u00fcber die nationalen kapitalistischen \u00d6konomien, die mit der Durchsetzung des Kapitalismus immer schon gegeben ist, f\u00fchre in der Krisenperiode des Kapitals zur Aufl\u00f6sung der besonderen Rolle nationaler R\u00e4ume. Das blitzschnell von Kontinent zu Kontinent flie\u00dfende Kapital verl\u00f6re jede nationalstaatliche Bindung, um ja noch einen Zipfel von Extra-Rentabilit\u00e4t zu erhaschen.<\/p>\n<p><em>\u201eDie \u201aZonen der Rentabilit\u00e4t\u2018 aber, die sich fast t\u00e4glich ver\u00e4ndern, sind wie ein Hautausschlag \u00fcber den Globus verteilt, und selbst die m\u00e4chtigsten Staaten k\u00f6nnen \u00fcber diese zerstreute \u00d6konomie keine Kontrolle mehr aus\u00fcben. Auf diese Weise werden die Unterschiede zwischen reichen und armen L\u00e4ndern langsam aber sicher eingeebnet, freilich ganz und gar nicht im Sinne der allgemeinen Wohlfahrt. \u00dcberall setzt sich die Orientierung auf den Export durch, d.h. die direkte Integration in den entfesselten Weltmarkt, w\u00e4hrend gleichzeitig immer weniger Menschen marktwirtschaftlich integriert werden k\u00f6nnen\u201c <a href=\"#_ftn23\" name=\"_ftnref23\"><strong>[23]<\/strong><\/a><\/em>.<\/p>\n<p>Im Krisis-Jargon wird von der Abl\u00f6sung der fordischen Periode durch den \u201earchipelisierten Kapitalismus\u201c gesprochen, der in einem Meer von Zerst\u00f6rung und Massenelend sein Gesch\u00e4ft der Verwertung weiterzutreiben versucht, ohne die Bedingungen daf\u00fcr auf neuer Stufenleiter wiederherstellen zu k\u00f6nnen. Inseln des Reichtums und M\u00fc\u00dfiggangs und von \u201eArbeitsh\u00f6llen\u201c existieren neben einer immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Masse von dysfunktional gewordenen gesellschaftlichen und regionalen Verelendungsgebieten. Gleichzeitig untergr\u00e4bt das \u00fcberakkumulierte, globalisierte Kapital die Grundlagen von Staatlichkeit auch durch Entzug seiner materiellen Grundlagen. \u201eStandortwettbewerb\u201c und Hunger nach einst staatlich organisierten Verwertungsm\u00f6glichkeiten entziehen dem \u201eideellen Gesamtkapitalisten\u201c immer mehr jegliche Handlungsspielr\u00e4ume. Dabei ist diese Bewegung durchaus irrational, wie das Gesamtsystem des krisenhaften Kapitalismus, da gerade das sich verst\u00e4rkt globalisierende Kapital auf eine im umfassenderen Ma\u00dfe funktionierende Infrastruktur (Kommunikation, Verkehr, Bildung, Gesundheitsf\u00fcrsorge, etc.) angewiesen w\u00e4re. Ebenso wird die Masse der v\u00f6llig aus dem System \u2013 selbst der staatlichen F\u00fcrsorge und Kontrolle \u2013 herausgeworfenen Pauper zu einer krisenhaften Bedrohung f\u00fcr das Gesamtsystem.<\/p>\n<p>Neben den geordneten kapitalistischen \u201eInseln\u201c entstehen also immer gr\u00f6\u00dfere \u201eMeere\u201c barbarischer Aufl\u00f6sung von Gesellschaftlichkeit, gegen die sich das System mit immer f\u00fcrchterlichen Schutzw\u00e4llen und Gewaltmitteln verteidigen muss:<\/p>\n<p><em>\u201e\u00dcberall beginnt die Mafia, Attribute der staatlichen Souver\u00e4nit\u00e4t zu usurpieren. Verwilderte ehemalige Entwicklungs-Diktaturen, z.B. das Regime von Saddam Hussein, werden unberechenbar. Der religi\u00f6se Fundamentalismus \u00fcberschwemmt die Welt mit Terror. In immer mehr L\u00e4ndern gibt es perspektivlose militante Bewegungen, die \u2019nationalistisch\u2018 genannt werden, in Wirklichkeit aber \u201aethnizistisch\u2018 und meistens separatistisch sind. Im Gegensatz zu den alten b\u00fcrgerlichen Nationalbewegungen vom 18. Jahrhundert bis zum \u201aBefreiungsnationalismus\u2018 der Dritten Welt geht es dabei nicht mehr um die Integration, sondern im Gegenteil um die Desintegration von Nationen bzw. National\u00f6konomien. Die Globalisierung einer \u201a\u00d6konomie der Minderheit\u2018 f\u00fchrt direkt in den \u201aWelt-B\u00fcrgerkrieg\u2018, in jedem Land und in jeder Stadt\u201c<\/em> <a href=\"#_ftn24\" name=\"_ftnref24\">[24]<\/a>.<\/p>\n<p>In diesem \u201eMad Max\u201c-Szenario geht nat\u00fcrlich auch der Imperialismus mit unter: Einerseits bricht auch in den westlichen Zentren der Staat angesichts des globalisierten Krisenkapitalismus zusammen und es entwickeln sich dort, wie in allen anderen Gebieten die Elendszonen. Andererseits k\u00f6nne sich kein Staat mehr nationale Einflusszonen leisten:<\/p>\n<p><em>\u201eWas sollen sie mit riesigen Gebieten der Armut anfangen, deren Menschen sie nicht mehr verwenden k\u00f6nnen? Jede nationale \u201aEinflusszone\u2018 ist nur noch ein unproduktiver Kostenfresser\u201c <a href=\"#_ftn25\" name=\"_ftnref25\"><strong>[25]<\/strong><\/a><\/em>.<\/p>\n<p>Der extrem bewegliche K\u00f6rper der Rentabilit\u00e4tszonen kann von keiner nationalstaatlichen Struktur mehr kontrolliert werden. Stattdessen muss das globale Kapital immer mehr Sicherheitsausgaben, immer mehr \u201eWeltpolizei\u201c hervorbringen, um gegen die globalen Verlierer die Gesch\u00e4ftsbedingungen f\u00fcr die Inseln des Reichtums und der Produktivit\u00e4t zu sichern.<\/p>\n<p><u>Endzeit-Szenarien und 11.September<\/u><\/p>\n<p>Konsequenterweise wurden der 11.September und der darauf folgende \u201eKreuzzug gegen die Schurken\u201c als Zuspitzung dieses immer irrationaleren Kreislaufes gesehen:<\/p>\n<p><em>\u201eDie \u00d6konomie des Terrors entspricht spiegelbildlich dem Terror der \u00d6konomie. So erweist sich der Selbstmord-Attent\u00e4ter als die logische Fortsetzung des einsamen Individuums in der universellen Konkurrenz unter den Bedingungen der Aussichtslosigkeit. Was hier zum Vorschein kommt, ist der Todestrieb des kapitalistischen Subjekts. Dass dieser Todestrieb dem westlichen Bewusstsein selbst inh\u00e4rent ist und nicht nur durch die soziale, sondern auch durch die geistige Trostlosigkeit des totalit\u00e4ren Marktsystems ausgel\u00f6st wird, beweisen die periodischen Amokl\u00e4ufe von Mittelstandskindern in den Schulen der USA und das Attentat von Oklahoma, das bekanntlich ein authentisches Produkt des inneren Wahnsinns der USA war. Der auf \u00f6konomische Funktionen reduzierte Mensch wird ebenso verr\u00fcckt wie der Mensch, den der Verwertungsprozess als \u201a\u00fcberfl\u00fcssige Existenz\u2018 ausspuckt. Die instrumentelle Vernunft entl\u00e4sst ihre Kinder\u201c<\/em> <a href=\"#_ftn26\" name=\"_ftnref26\">[26]<\/a>.<\/p>\n<p>Der \u201eKreuzzug f\u00fcr die Zivilisation\u201c wird folglich nicht als imperialistischer Krieg, sondern als Teil des dem globalen Krisenkapitalismus inh\u00e4renten B\u00fcrgerkriegs gesehen. In ihm stehen sich die beiden Elemente des Systemirrationalismus gegen\u00fcber: das gewaltsame, fundamentalistische Festklammern an die \u201eAlternativlosigkeit des Marktes\u201c, f\u00fcr das jeder Zweifel an diesem Glaubensbekenntnis das \u201eB\u00f6se schlechthin\u201c ist, gegen\u00fcber der fundamentalistischen Ablehnung jeglicher universalistisch-globaler Vergesellschaftung.<\/p>\n<p>Folglich kann f\u00fcr keine Seite Partei ergriffen, sondern nur beide erbittert bek\u00e4mpft werden. Den vom Kapitalismus versto\u00dfenen und von der \u201eWeltpolizei\u201c Bedr\u00e4ngten wird von Krisis letztlich die klassisch \u00f6konomistische Antwort auf imperiale Repression gegeben: \u00e4hnlich wie in Argentinien heute soll der monet\u00e4re Zusammenbruch als Chance zur gesellschaftlichen Selbstorganisation jenseits der Waren\u00f6konomie begriffen werden. Oder noch abstrakter: <em>\u201eEs gibt nur einen Weg, dem Terror wirklich den N\u00e4hrboden zu entziehen: die emanzipatorische Kritik am globalen Totalitarismus der \u00d6konomie.\u201c <a href=\"#_ftn27\" name=\"_ftnref27\"><strong>[27]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p><u>Wirkungsgeschichte und anti-deutsche Kritik<\/u><\/p>\n<p>Das Auftreten der \u201eKrisis\u201c-Gruppe und ihrer vielf\u00e4ltigen Ableger hat in der deutschen Linken zu noch versch\u00e4rfterer theoretischer Differenzierung und Verwirrung gef\u00fchrt. Dass sich einstige ML-Cheftheoretiker zu Kritikern des \u201eKlassenkampf-Marxismus\u201c gewandelt haben, hat an sich schon f\u00fcr entsprechende Aufmerksamkeit \u2013 auch in der b\u00fcrgerlichen \u00d6ffentlichkeit \u2013 gef\u00fchrt. Andererseits sorgte dieses Aufsehen zusammen mit einer sicherlich vorhandenen intellektuell-schriftstellerischen Potenz zu einer Reihe von Popularisierungs-Erfolgen, etwa mit dem \u201eManifest gegen die Arbeit\u201c oder dem \u201eSchwarzbuch des Kapitalismus\u201c.<\/p>\n<p>Gleichzeitig kommt das Konzept der \u201ePost-Politik\u201c der Befindlichkeit vieler \u201elinker Aktivisten\u201c entgegen, die von Organisationen und \u201e\u00fcbergreifender Politik\u201c entt\u00e4uscht sind. Statt sich um politische Institutionen, Umverteilungsprojekte, Machtfragen (und -k\u00e4mpfe) oder andere systemimmanente Zw\u00e4nge der Geld\/Waren\u00f6konomie zu k\u00fcmmern, erteilt \u201eKrisis\u201c der kommunalen Handwerkelei und der Ablehnung politischer Organisation h\u00f6here theoretische Weihen und stellt sich sch\u00fctzend gegen die \u201eVereinnahmung\u201c, d.h. gegen die Politisierung solcher K\u00e4mpfe.<\/p>\n<p>Es ist daher auch kein Wunder, dass Krisis-Versatzst\u00fccke selbst in der Gewerkschaftslinken auf fruchtbaren Boden treffen, trotz der ver\u00e4chtlichen Rolle, die Gewerkschaftliches in den \u201eKrisis\u201c-Publikationen spielt. Dies liegt nat\u00fcrlich einerseits an der gelungenen Provokation gegen\u00fcber dem \u201eArbeitsplatz\/Standort-Fetisch\u201c, die mit der scharfen Kritik an der Huldigung der \u201eabstrakten Arbeit\u201c nat\u00fcrlich auch ein Kernst\u00fcck der Ideologie der Gewerkschaftsapparate trifft.<\/p>\n<p>Dass der Kampf gegen Entlassungen nicht einfach ein Kampf um den Erhalt entfremdeter Arbeit, sondern weitergehend in einen Kampf um die Kontrolle \u00fcber die produktive Basis dieser Gesellschaft und von deren Selbstorganisation umgewandelt werden k\u00f6nnte, ist nicht nur f\u00fcr \u201eKrisis\u201c eine \u201earbeits-fetischistische Illusion\u201c. Auch ein Teil der Gewerkschaftslinken glaubt nicht mehr an eine solche Transformierbarkeit \u201etraditioneller Klassenkonflikte\u201c. Aufsp\u00fcren neuer Formen des \u201eGewerkschaftens\u201c jenseits der \u201eApparate\u201c, Konzentration auf kommunale Vernetzungs-Projekte und kleine Selbst-Verst\u00e4ndigungsgruppen, etc. das passt andererseits zur Selbstgen\u00fcgsamkeit der Post-Politik: Hier gilt der Kampf um Machtpositionen in der Gewerkschaft ebenso illusorisch, wie der Versuch, irgendwelche der \u201eklassischen\u201c K\u00e4mpfe zu politisieren oder weiter zu treiben. Auf diese Weise geh\u00f6rt eine gewisse \u201eKrisis\u201c-Folklore zu den inzwischen g\u00e4ngigen Immunisierungsstrategien oppositioneller GewerkschafterInnen gegen\u00fcber jeder konsequenten und weitergehenden Kampfperspektive.<\/p>\n<p>Andererseits macht es uns Krisis dabei nicht leicht. Schon Ebermann\/Trampert haben in ihrer popul\u00e4r gewordenen Kritik der <em>\u201eVerwandlung linker Theorie in Esoterik\u201c<\/em> <a href=\"#_ftn28\" name=\"_ftnref28\">[28]<\/a> aufgezeigt, welche eigenartigen Subjekte und Prozesse der <em>\u201eneuartigen Systemtransformation\u201c<\/em> bei Robert Kurz inzwischen die B\u00fchne betreten haben. Insbesondere die Hochstilisierung des VW-Modells (28\/40-Stundenkorridor) zu einer <em>\u201eReform gegen die Logik der warenproduzierenden Arbeitsgesellschaft\u201c<\/em> <a href=\"#_ftn29\" name=\"_ftnref29\">[29]<\/a> war wohl ein ziemlich schlecht informierter \u201eKurz-Schluss\u201c. In seiner Euphorie, dass die Endkrise des Kapitalismus auch die Spitzenfunktion\u00e4re der \u201egesellschaftlichen Gro\u00dfinstitutionen\u201c immer mehr zur \u201eEinsicht\u201c treiben w\u00fcrde, sieht Robert Kurz sich wohl schon in einer breiten Einheitsfront mit Piech und Co:<\/p>\n<p><em>\u201e\u00dcber die Brisanz der Krise wissen b\u00fcrgerliche Spitzenpolitiker, Manager, Banker und Sparkassendirektoren besser Bescheid als s\u00e4mtliche Restlinken zusammengenommen\u201c <a href=\"#_ftn30\" name=\"_ftnref30\"><strong>[30]<\/strong><\/a><\/em>.<\/p>\n<p>Allerdings wissen sie offenbar \u00fcber ihre Krisenbew\u00e4ltigungsmethoden auch besser Bescheid. Die flexible Anpassung der bezahlten Arbeitszeit an die immer unsteter werdende Akkumulationsbewegung des Kapitals, stellt keineswegs Freisetzung von Zeit f\u00fcr \u201eselbstorganisierte T\u00e4tigkeit\u201c dar, sondern strukturiert die (Lebens-)arbeitszeit nur noch unfreier.<\/p>\n<p>Die Kritik von Ebermann\/Trampert wendet sich aber nicht einfach gegen die Kurzsche Verharmlosung\/Verkennung der nicht so \u201eneuartigen\u201c und \u201esystemtransformierenden\u201c Funktionen \u201eunserer Spitzenfunktion\u00e4re\u201c. Sie erkennen in dieser Einbeziehung der deutschen \u201eEliten\u201c in eine anti-kapitalistische Perspektive vielmehr eine Hinwendung zur \u201eVolksgemeinschaft\u201c und zur Verharmlosung der ihrer Meinung nach besonderen B\u00f6sartigkeit gerade der deutschen F\u00fchrungskr\u00e4fte in Staat und Wirtschaft.<\/p>\n<p>Hier wird schon klar, welcher Teil der deutschen Rest-Linken sich in besonderer Weise durch die Krisentheorie von Krisis und deren praktische Wendung abgesto\u00dfen und provoziert f\u00fchlen musste: Konsequent fortgef\u00fchrt, muss die \u201eAufl\u00f6sung der Nationalstaatlichkeit\u201c und der Bedeutungsverlust von Politik in der Zerfallsperiode der Warengesellschaft auch dazu f\u00fchren, dass letztlich auch der \u201edeutsche Imperialismus\u201c keine Perspektive mehr hat \u2013 und auf jeden Fall nicht das Hauptthema f\u00fcr die neue \u201ePost-Politik\u201c ist.<\/p>\n<p>Insofern stellt sich f\u00fcr Robert Kurz die \u201eanti-nationale\u201c Linke als letzte Form des \u201epolitizistischen Simmulationstheaters\u201c dar, das einen identit\u00e4tsstiftenden Hauptfeind als Ersatz f\u00fcr tats\u00e4chlich systemver\u00e4ndernde Praxis braucht. In f\u00fcr die \u201eAnti-Nationalen\u201c provozierender Manier kann Kurz keine besondere \u201edeutsche Gefahr\u201c sehen bzw. h\u00e4lt die historischen Bedingungen f\u00fcr die Wiederholung der \u201edeutschen Barbarei\u201c so f\u00fcr nicht mehr gegeben: wenn der deutsche Faschismus nur ein spezifisches Moment der Durchsetzung des warenfetischistischen Modernisierungsprozesses in Deutschland war, so bestehe heute eine v\u00f6llig andere historische Bedingung (Zusammenbruchskrise). Wer den Faschismus von dieser \u00f6konomischen Basis abl\u00f6se, verschaffe sich dadurch <em>\u201edie M\u00f6glichkeit (\u2026), gro\u00dfspurig gegen das Geschichtsphantom \u201aDeutschland\u2018 anzutreten\u2026 Damit wird eine spezifische historische Konstellation, die niemals wiederkehren kann, geradezu geschichtsphilosophisch verallgemeinert und legitimatorisch zurechtgebogen\u201c<\/em> <a href=\"#_ftn31\" name=\"_ftnref31\">[31]<\/a>.<\/p>\n<p>Entsetzt reagierte die \u201eanti-deutsche\u201c Fraktion mit Vorw\u00fcrfen. Kurz reihe sich ein in den mainstream der herrschenden \u201eEntlastung der deutschen Geschichte\u201c und w\u00fcrde wohl bald in der \u201eJungen Freiheit\u201c schreiben <a href=\"#_ftn32\" name=\"_ftnref32\">[32]<\/a>. In den Krisis-Versuchen der Ankn\u00fcpfung an breitere gesellschaftliche Fragestellung wurde dementsprechend ein populistisches Anbiedern an den \u201edeutschen Normalb\u00fcrger\u201c und dessen \u00f6ko-faschistische Tendenzen erkannt <a href=\"#_ftn33\" name=\"_ftnref33\">[33]<\/a>. Bei Ebermann\/Trampert wurde schon die inzwischen allseits bekannte Allzweck-Waffe der Anti-Deutschen auch gegen Robert Kurz gewendet, also \u201enachgewiesen\u201c, dass seine Kapitalismuskritik \u201ein Wirklichkeit\u201c eine versteckte Form von \u201eAntisemitismus\u201c sein muss: Klar bei jemandem, der Ausdr\u00fccke wie \u201egieriger Systemprozess des Geldes\u201c verwendet <a href=\"#_ftn34\" name=\"_ftnref34\">[34]<\/a>!<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich scheinen sich hier zwei unvers\u00f6hnliche Pole gegen\u00fcberzustehen: Einerseits Krisis, die aus der Ausgangsposition von der un\u00fcberwindbaren Systemkrise die M\u00f6glichkeit begr\u00fcnden, dass aus \u201eunpolitischen Selbstorganisationsprozessen\u201c ein fortschrittlicher Ansatz werden k\u00f6nnte; andererseits die \u201eAnti-Nationalen\u201c, die aus der gegenteiligen Annahme von enormer St\u00e4rke von Kapital und nationalem Staatsapparat jede praktische systemoppositionelle Bewegung, die nicht zum \u201evollst\u00e4ndig kritischen Bewusstsein\u201c gelangt ist, im V\u00f6lkisch-Reaktion\u00e4ren enden sieht, sofern sie massenwirksam wird.<\/p>\n<p>Wie weit sich dieser Gegensatz im \u201elinksradikalen Kuriosit\u00e4tenkabinett\u201c schon (und besonders nach dem 11.September) zugespitzt hat, zeigt folgende Zusammenfassung aus dem j\u00fcngsten Krisis-Editorial:<\/p>\n<p><em>\u201eDie aktuellen Radikalismuswettbewerbe funktionieren als Ranking der Rabiaten. Wer sich barbarischer auff\u00fchrt, hat Recht. Wer etwa Scharon Nachgiebigkeit gegen\u00fcber dem \u201apal\u00e4stinensischen Vernichtungskollektiv\u2018 unterstellt (au\u00dferdem will dieser wohl windelweiche Opportunist auch noch einen mickrigen Pal\u00e4stinenserstaat dulden) oder Bush mangelnde Entschlossenheit gegen\u00fcber dem Terrorismus vorwirft, der ist schon wer in dieser Szene. It\u2019s a hit. Um die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten, m\u00fcssen die Hardcore-Antideutschen die Gangart permanent versch\u00e4rfen, bis hin zum selbst provozierten \u00dcbergriff auf die eigene Truppe, der dann als wahrhaft schlagender Beweis der eigenen Bedrohung dienen soll. (\u2026) Ihr Gesch\u00e4ft ist die Denunziation. Da laufen die Antideutschen zur H\u00f6chstform auf, weil es ihre \u00c4u\u00dferungsform ist. Da sind sie deutsch wie t\u00fcchtig. Wertarbeiter sondergleichen. Wie etwa jener ber\u00fcchtigte Justus Wertm\u00fcller, den man einen Diffamator ersten Ranges nennen k\u00f6nnte. Sozusagen eine halbautomatische Pumpgun pathischer Projektion. Wer abweicht, und sei\u2019s auch nur eine Nuance, wird erschossen. Denn immer geht es ums Ganze. Wertm\u00fcller ersp\u00e4ht Nazis auf den ersten Blick, zumindest im Nachhinein wei\u00df er nun, dass auf Krisis-Seminaren\u2018 die neofaschistischen \u00d6ko-Rauscheb\u00e4rte von der \u201aSilvio-Gesell-Fangemeinde\u2018 sich herumtreiben. Wahrlich, man sieht es diesen Krisis-Leuten direkt an. Robert Kurz darf in der bahamotischen Hirntrag\u00f6die bereits als Oswald Spengler auftreten. So jauchzt und jodelt der Antideutsche: Dass wir inzwischen wie (oder gar: als?) Faschisten zu bek\u00e4mpfen sind, wissen wir seit der Dritten Kommandoerkl\u00e4rung der Bahamas, jener mit dem alles sagenden Titel \u201aZur Verteidigung der Zivilisation\u2018: \u201aWenn allerdings Antikapitalismus von den N\u00fcrnbergerischen und anderen islamisch-deutschen Gemeinschaftswerken nicht mehr unterscheidbar ist, wenn er nicht mehr die Aufhebung der kapitalistischen Vergesellschaftung auf ihrem h\u00f6chsten Niveau einfordert und blind ist f\u00fcr die Gefahren eines Antikapitalismus, der nur noch den vorzivilisatorischen egalit\u00e4ren Schrecken bereith\u00e4lt, dann muss man ihn bek\u00e4mpfen wie jede andere faschistische Gefahr auch\u2018 (bahamas 37)\u201c<\/em> <a href=\"#_ftn35\" name=\"_ftnref35\">[35]<\/a>.<\/p>\n<p><u>\u201eKritische Theorie\u201c als Ausgangspunkt<\/u><\/p>\n<p>Bei aller hier dargestellten Zugespitztheit der Polemik zwischen dem Krisis- und bahamas-Pol, so ist ihnen an sich der Ausgangspunkt gemeinsam. F\u00fcr beide ist die \u201eKritik der instrumentellen Vernunft\u201c, wie sie von der \u201ekritischen Theorie\u201c (vor allem Theodor Adornos) entwickelt wurde, letztlich die Achse der Kapitalismuskritik. Die Wende, die dadurch der Arbeits- und Wertbegriff der Marxschen Werttheorie erh\u00e4lt, erlaubt es, diese als \u201eWertkritik\u201c v\u00f6llig von jedem Zusammenhang mit systemimmanenten Aufhebungsbewegungen zu trennen, und \u201eArbeiterklasse\u201c oder \u201eKlassenkampf\u201c aus dem Kern des Marxismus selbst zu \u201es\u00e4ubern\u201c.<\/p>\n<p>Denn frei nach Adorno z\u00e4hlt das Reich der \u201eabstrakten\u201c, ent-subjektivierten Arbeits-H\u00f6lle schon l\u00e4ngst zum Bereich der \u201eabsoluten Negativit\u00e4t\u201c \u2013 also eines Bereiches, wo \u201ejegliche Behauptung von Positivit\u00e4t\u201c, vom <em>\u201eVersuch des Herauspressens eines noch so ausgelaugten h\u00f6heren Sinns\u201c<\/em> <a href=\"#_ftn36\" name=\"_ftnref36\">[36]<\/a> (also auch irgendeiner historischen Perspektive, die sich aus dem jetzigen noch entwickeln k\u00f6nnte) nur noch Sch\u00f6nreden und ideologische Befestigung dieser H\u00f6lle sei. Die Herrschaft der \u201eVerdinglichung\u201c und der Zersetzung jeglicher freien Subjektivit\u00e4t bis hin ins intimste Denken durch die Durchsetzung des \u201eautomatischen Subjekts\u201c ist so totalit\u00e4r geworden, dass es f\u00fcr eine Aufhebung aus den immanenten Widerspr\u00fcchen des Kapitalismus heraus, laut Adorno, \u201ezu sp\u00e4t\u201c sei. Daher braucht es f\u00fcr eine neuerliche Aufhebungsbewegung wiederum einer philosophischen Aufkl\u00e4rungsbewegung, die durch fundamentale Kritik die Vernebelungen und Mystifizierungen des warenfetischistischen Bewusstseins bek\u00e4mpft:<\/p>\n<p><em>\u201eIm Prozess von Entmythologisierung muss Positivit\u00e4t negiert werden bis in die instrumentelle Vernunft hinein, welche Entmythologisierung besorgt\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>\u201ebahamas\u201c nimmt f\u00fcr sich in Anspruch, dieses Programm der Entmythologisierung und der Entlarvung der negativen Dialektik falscher Anti-Kapitalismen konsequent fortzuf\u00fchren \u2013 offenbar bis zur typisch deutsch-intellektuellen Konsequenz der wahnhaften Selbstzerfleischung. Gerade da \u201eKrisis\u201c eine Wende zum \u201ePositiven\u201c, zu einer Praxis jenseits der wertkritischen Kritik nimmt, wird dies von \u201ebahamas\u201c als besonders hinterh\u00e4ltiger \u201eVerrat\u201c dargestellt (siehe \u201eWeltgeist\u201c). Der Trick von Krisis besteht darin, den \u201ewertkritischen Ansatz\u201c mit einer (Zusammenbruchs-)Krisentheorie des Kapitalismus zu verbinden. Hierdurch waren die bisherigen \u201eAufhebungsversuche\u201c nicht wie bei Adorno \u201ezu sp\u00e4t\u201c, sondern gerade umgekehrt: \u201ezu fr\u00fch\u201c.<\/p>\n<p>Sie mussten zu Elementen der Durchsetzungsgeschichte der Wertform werden, wenn sie \u00fcberhaupt Wirksamkeit erlangten. Andererseits er\u00f6ffnet der kapitalistische Zusammenbruch Nischen der nicht-wertf\u00f6rmigen Selbstorganisation, die das System qua Krise gar nicht mehr vereinnahmen kann. So l\u00e4sst sich rabiate Ideologiekritik, Entlarvung \u201earbeiterbewegungs-marxistischer\u201c Hinterw\u00e4ldler etc. bequem vereinbaren mit theoretisch-hochstilisierter, handwerklerischer \u201ePost-Politik\u201c. So schafft man es in Talkshows, Feuilletons, angesehene Verlage, vielleicht auch in Beratungs- oder Kommunal-Gremien, und kann sich gleichzeitig als fundamentaler System-Kritiker gerieren.<\/p>\n<ol>\n<li><strong> Kritik: Wertkritische Krisentheorie versus Imperialismustheorie<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p><u>Arbeits-Fetisch?<\/u><\/p>\n<p>Nach Robert Kurz gibt es bei Marx \u201ezwei Lesarten\u201c der Arbeit: Eine ist die bereits ausgef\u00fchrte \u201enegative Vergesellschaftung\u201c der Herrschaft der \u201etoten, vergegenst\u00e4ndlichten Arbeit\u201c \u00fcber die lebendige, die Verselbst\u00e4ndigung der abstrakten Arbeit zum Selbstzweck, der das gesellschaftliche Ganze formt, statt umgekehrt.<\/p>\n<p>Dem stehe aber bei Marx \u201e\u00fcberraschenderweise\u201c eine \u201epositive Substanz\u201c der Arbeit gegen\u00fcber \u2013 was sich Kurz nur als \u00dcbernahme b\u00fcrgerlich-modernistischer Fortschrittsmythologie erkl\u00e4ren kann: \u201eArbeit\u201c werde hier als tats\u00e4chliche Substanz des \u00f6konomischen Werts dargestellt: <em>\u201edie Redeweise vom Mehrwert als der Form einer \u201aunbezahlten Mehrarbeit\u2018 und die dadurch strukturell bestimmte \u201aAusbeutung\u2018 der Arbeiter durch den Kapitalisten legt es nahe, irgendwie den \u201avollen Wert\u2018 f\u00fcr die \u201aArbeiterklasse\u2018 zu reklamieren. Damit aber sind Wert und \u201aArbeit\u2018 als Form- und Substanzkategorien der kapitalistischen Gesellschaft gleichzeitig zu ontologischen, \u00fcberhistorischen Existenzbedingungen positiviert\u201c<\/em> <a href=\"#_ftn37\" name=\"_ftnref37\">[37]<\/a>.<\/p>\n<p>Seit Adorno gilt der \u201eOntologie\u201c-Vorwurf als so etwas wie der Bannstrahl der \u201ekritischen Theorie\u201c, werde doch durch Ontologie versucht, einen objektiven, nicht-kritisierbaren Rahmen f\u00fcr Theorie aufzustellen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich geht es hier um einen Knackpunkt des Marxschen Materialismus und der Rolle der Werttheorie darin: der Bedeutung des Unterschieds von Wertform und Wertsubstanz. So schrieb Marx in einem bekannten Brief, in Reaktion auf Rezensionen des \u201eKapitals\u201c:<\/p>\n<p><em>\u201eDas Geschw\u00e4tz \u00fcber die Notwendigkeit, den Wertbegriff zu beweisen, beruht nur auf vollst\u00e4ndigster Unwissenheit, sowohl \u00fcber die Sache, um die es sich handelt, als die Methode der Wissenschaft. Dass jede Nation verrecken w\u00fcrde, die, ich will nicht sagen f\u00fcr ein Jahr, sondern f\u00fcr ein paar Wochen die Arbeit einstellte, wei\u00df jedes Kind. Ebenso wei\u00df es, dass die den verschiedenen Bed\u00fcrfnismassen entsprechenden Massen von Produkten verschiedene und quantitativ bestimmte Massen der gesellschaftlichen Gesamtarbeit erheischen. Dass diese Notwendigkeit der Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit in bestimmten Proportionen durchaus nicht durch die bestimmte Form der gesellschaftlichen Produktion aufgehoben, sondern nur ihre Erscheinungsweise \u00e4ndern kann, ist self-evident. Naturgesetze k\u00f6nnen \u00fcberhaupt nicht aufgehoben werden. Was sich in historisch verschiedenen Zust\u00e4nden \u00e4ndern kann, ist nur die Form, worin jene Gesetze sich durchsetzen. Und die Form, worin sich diese proportionelle Verteilung der Arbeit durchsetzt in einem Gesellschaftszustand, worin der Zusammenhang der gesellschaftlichen Arbeit sich als Privataustausch der individuellen Arbeitsprodukte geltend macht, ist eben der Tauschwert dieser Produkte\u201c <a href=\"#_ftn38\" name=\"_ftnref38\"><strong>[38]<\/strong><\/a><\/em>.<\/p>\n<p>So grundlegend einfach der hier dargestellte Zusammenhang von gesellschaftlicher Arbeit, gesellschaftlichen Bed\u00fcrfnissen und der Entwicklung vermittelnder Formen auch ist, so gro\u00df ist offenbar die darin steckende Zumutung f\u00fcr die \u201ekritischen Kritiker\u201c. Dass der \u201eWert\u201c erst in der kapitalistischen Gesellschaft in selbst\u00e4ndiger Form erscheint, \u00e4ndert nichts daran, dass sich jeder Gesellschaft das im \u201eWert\u201c ausgedr\u00fcckte Problem stellt \u2013 die explizite, quantitative Form, in der es im Kapitalismus als Alltagsproblem erscheint, ist gegen\u00fcber allen vorhergehenden Gesellschaftsformationen ein historischer Fortschritt, trotz aller negativen Folgen der Verselbst\u00e4ndigung eben dieser Form.<\/p>\n<p><u>Zur Herleitung der \u201eabstrakten Arbeit\u201c<\/u><\/p>\n<p>Georg Lukacs kommt das Verdienst zu, in der \u201eOntologie des gesellschaftlichen Seins\u201c <a href=\"#_ftn39\" name=\"_ftnref39\">[39]<\/a> die offenbar nicht mehr gegebene Selbstverst\u00e4ndlichkeit des \u201egesellschaftlichen Substanzcharakters\u201c der Arbeit auf materialistisch-dialektischer Grundlage rekonstruiert zu haben. Ohne einen reduktionistischen Ableitungszusammenhang herzustellen, wird dabei \u201eArbeit\u201c zum Modell der Herausbildung von gesellschaftlichem Sein auf einer bestimmten Stufe der Herausbildung der Menschheit. In der Arbeit als \u201ezweckgerichteter T\u00e4tigkeit\u201c in einer \u201ekausal bestimmten Umgebung\u201c finden sich die Kernelemente der Subjektbildung und ihrer dialektischen Entwicklungsgeschichte.<\/p>\n<p>Wie Marx zum Arbeitsprozess ausf\u00fchrt, unterscheidet sich der Bau eines Hauses durch einen menschlichen Baumeister von dem \u201eBau\u201c des Bienenstocks dadurch, dass das Haus sozusagen zuerst schon \u201eim Kopf\u201c des Baumeisters vorhanden ist. Dass also die Zwecksetzung, das Wissen \u00fcber die notwendigen Arbeitsschritte, die Erkenntnisse \u00fcber die Kausalzusammenh\u00e4nge, wie \u00fcber die eigenen F\u00e4higkeiten, der Werkzeugbenutzung, etc. in allgemein-abstrakter Form vorhanden und kommunizierbar sind, bevor sie in kooperativer Form in materielle, plan- und zweckm\u00e4\u00dfige T\u00e4tigkeit umgesetzt werden.<\/p>\n<p>Mit den Zusammenh\u00e4ngen von gesellschaftlichen Zweck-\/Willenssetzungen, den Erkenntnisprozessen zu deren Umsetzung, der materiellen Wirkung im Rahmen der mehr oder weniger durchschauten Zusammenh\u00e4nge der Wirklichkeit, wird eben ein Entwicklungsprozess ausgel\u00f6st, in dem \u201eobjektive\u201c, \u201ematerielle\u201c, \u201enaturbestimmte\u201c etc. Bedingungen mit der \u201eBefreiung\u201c von solchen Bedingungen verwoben sind, ebenso wie diese \u201eBefreiungen\u201c selbst wieder zu Zw\u00e4ngen und Bedingungen werden.<\/p>\n<p>Im Prozess der \u201eEntfremdung\u201c ist die Unweigerlichkeit angesprochen, mit der zweckgerichtetes Handeln, das auf einem eingeschr\u00e4nkten Verst\u00e4ndnis der Realit\u00e4t und des Eingreifens in sie beruht (\u201einstrumentelle Vernunft\u201c), zu Verh\u00e4ltnissen f\u00fchrt, in denen die selbstgeschaffenen Verh\u00e4ltnisse ihre Sch\u00f6pfer beherrschen.<\/p>\n<p>Daher ist Gesellschaftlichkeit v\u00f6llig ohne Entfremdung und Verdinglichung ohnehin philosophische Utopie \u2013 es geht nur um das Ausma\u00df und die Beherrschung ihrer gesamtgesellschaftlichen Bedrohlichkeit, was je nach historischen Bedingungen der Entwicklung der gesellschaftlichen Arbeit zu beurteilen ist. Denn es sind eben spezifische materielle und darauf aufbauende gesellschaftliche Potenzen (Produktivkr\u00e4fte), die die Basis f\u00fcr mehr oder weniger bewusste, befreite gesellschaftliche Subjektivit\u00e4t bilden.<\/p>\n<p>Auch eine Gesellschaft \u201eselbstorganisierter, freier Assoziation\u201c steht vor dem Problem, ihre M\u00f6glichkeiten an freier und sch\u00f6pferischer Entfaltung auf der Basis der erreichten Vergesellschaftung und Produktivkr\u00e4fte nur realisieren zu k\u00f6nnen, wenn sie die vorhandenen Arbeitspotenzen effektiv und bewusst in entsprechenden Proportionen einsetzt. Ansonsten wird sich wie im Kapitalismus, in dem sich Wirtschaftlichkeit immer erst im Nachhinein \u201eam Markt\u201c herausstellt, diese als \u201esachlicher\u201c Zwang der \u00d6konomie wiederherstellen.<\/p>\n<p>Die Verleugnung des zentralen Problems der Arbeits-\u00d6konomie durch die \u201eradikale Wertkritik\u201c ist daher nicht blo\u00df idealistischer Humbug. Durch utopisch-philosophische Konstruktionen von \u201earbeitsfreier Gesellschaftlichkeit\u201c wird den materiell-historisch tats\u00e4chlich begr\u00fcndbaren Aufhebungen entfremdeter Arbeit die reale Grundlage entzogen.<\/p>\n<p>Das Gefasel von \u201eunmittelbarer Gesellschaftlichkeit\u201c selbstorganisierter und \u201ebefreiter T\u00e4tigkeit\u201c verleugnet schlicht das Grundproblem: die Begrenztheit unseres Wissens und unserer materiellen Ressourcen setzen uns immer Grenzen der \u201eNotwendigkeit\u201c mit denen wir rechnen, die wir \u201e\u00f6konomisieren\u201c m\u00fcssen, auch wenn sie jeweils konkret \u201eirgendwann\u201c in der Zukunft \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen. T\u00e4tigkeiten, die in diesem Sinn gesellschaftlich notwendig sind, die \u2013 ob wir es wollen oder nicht \u2013 getan werden m\u00fcssen (\u201eweil wir sonst alle verhungern w\u00fcrden\u201c), werden immer schlichtweg \u201eArbeit\u201c genannt werden.<\/p>\n<p>Insofern ist es auch falsch, wenn die \u201eWertkritik\u201c behauptet, erst mit dem Kapitalismus w\u00fcrde die \u201eabstrakte Arbeit\u201c, der Begriff von \u201eArbeit\u201c ohne jeglichen Bezug zu einer konkreten T\u00e4tigkeit, also \u201eArbeit an sich\u201c (\u201eArbeit sans phrase\u201c wie es Marx in den \u201eGrundrissen\u201c anspricht) auftreten. Es ist kein Wunder, dass schon die antiken Sprachen klare Unterscheidungen von \u201eArbeit\u201c im Sinn von \u201eM\u00fche\u201c\/\u201cFron\u201c\/\u201claborare\u201c kannten, gegen\u00fcber Begriffen von positiv besetzter \u201ekonkreter T\u00e4tigkeit\u201c\/\u201cWerken\u201c\/\u201coperare\u201c.<\/p>\n<p>Sobald die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte und des Mehrprodukts Formen der Befreiung vom allt\u00e4glichen Kampf ums unmittelbare \u00dcberleben hervorbrachten (wenn auch nur f\u00fcr einen Teil der Gesellschaft), trat das Problem der \u00d6konomisierung der \u201enotwendigen Plackerei\u201c und der \u201eErsparnis von Arbeit\u201c best\u00e4ndig ins Bewusstsein. Den herrschenden Klassen war immer schon die \u201ekonkrete T\u00e4tigkeit\u201c der \u201ewerkt\u00e4tigen Bev\u00f6lkerung\u201c egal, nicht aber, dass deren \u201eArbeit\u201c effektiv f\u00fcr sie eingesetzt wird. Insofern ist die Geschichte der Klassengesellschaften immer auch eine Geschichte der Entwicklung von Kontrolle und Herrschaft \u00fcber abstrakte, von den konkreten F\u00e4higkeiten, Bed\u00fcrfnissen, Vorlieben etc. der T\u00e4tigen losgel\u00f6ste Arbeit. Die \u201eabstrakte Arbeit\u201c ist keineswegs ein Produkt der \u201eirren\u201c Verselbst\u00e4ndigung des Werts und der \u201everr\u00fcckten\u201c Fixierung auf die Anh\u00e4ufung von vergegenst\u00e4ndlichter abstrakter Arbeit in Wertform. Vielmehr ist umgekehrt die Entwicklung einer bestimmten Form von (Klassen-)Herrschaft \u00fcber die \u201eArbeit\u201c auf einer bestimmten Stufe ihrer materiellen Entwicklung die Voraussetzung f\u00fcr ihre Verwandlung in \u201eWert\u201c.<\/p>\n<p><u>Herrschaft \u00fcber \u201eabstrakte Arbeit\u201c im Kapitalismus<\/u><\/p>\n<p>Es gibt also keine \u201ezwei Lesarten\u201c von Wert und Arbeit bei Marx, sondern die Wertform (Erscheinungsform des Werts) nimmt im Kapitalismus eine besondere Entwicklung gegen\u00fcber der Wertsubstanz, eben was Marx \u201eVerselbst\u00e4ndigung der Wertform\u201c nennt. Einerseits erscheint aller gesellschaftlicher Reichtum nur noch als \u201eungeheure Warenansammlung\u201c, alle gesellschaftliche Reproduktion wird vermittelt \u00fcber das Medium des Tausches, der \u201eWarenform\u201c, bis zur verselbst\u00e4ndigten Gestalt, dem Geld. Andererseits bleibt diese Vermittlungsform gekoppelt an das Problem der Arbeits-\u00d6konomie: letztlich stellt sich am Markt heraus, ob die f\u00fcr die Warenproduktion verausgabte gesellschaftliche Arbeitskraft effektiv eingesetzt wurde, der Wert erscheint in der Preisbewegung.<\/p>\n<p>Wert ist dabei nicht wie bei Kurz oder noch deutlicher bei Postone unvermittelt aus der \u201eabstrakten Arbeit\u201c an sich abgeleitet. Es ist diese Ableitung vielmehr an eine spezifisch-historische Form der Herrschaft und Kontrolle \u00fcber Arbeit gebunden. Die universelle Anwendbarkeit der Warenform ist eben erst mit der besonderen Form des kapitalistischen Produktionsprozesses gegeben. Kurz verfehlt die Wertbestimmung, wenn er Wert als abstrakte Eigenschaft und nicht als historische Form gesellschaftlicher Arbeit fasst.<\/p>\n<p>Nur mit Entwicklung einer historisch spezifischen Produktionsweise stellt sich die in der gesellschaftlichen Aneignung der Natur verausgabte Arbeit als Wert von Dingen dar. Weil der gesellschaftliche Charakter der Arbeit nicht mehr naturw\u00fcchsig gegeben noch schon bewusst hergestellt ist, stellt sich ihre Gesellschaftlichkeit her \u00fcber den gesellschaftlichen Verkehr der Sachen.<\/p>\n<p>Die \u201eVersachlichung\u201c des \u00d6konomisierungs-Problems, die verallgemeinerte Abstraktheit einer bestimmten Form von Kosten\/Nutzenrechnung, wie sie auf der Stufe der warenf\u00f6rmigen Vergesellschaftung erreicht wird, ist also gleichzeitig verwoben mit einem Indirekt-Werden von Herrschaft \u00fcber fremde Arbeit. In \u201eversachlichter\u201c, abstrakter Wertform wird \u00fcber die konkrete Arbeit des Warenproduzenten gerichtet. Die Kontrolle der besitzenden Klassen \u00fcber die von ihnen bewegte Arbeit erscheint an der Oberfl\u00e4che der Gesellschaft als die Herrschaft von objektiven, \u201enaturhaften\u201c Gewalten der \u201eMarkt-\u201c und \u201eKapitalbewegungen\u201c. Doch dieses in die Wertbestimmung verwobene Indirekt-Werden von Herrschaft der entwickelten Wertform (des Kapitals) w\u00e4re nicht m\u00f6glich, wenn sich die Aneignung des Werts nicht auch in einer unmittelbaren und direkten Herrschaft und Kontrolle \u00fcber den kapitalistisch organisierten Produktionsprozess vollziehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Erst in diesem wird die \u201eGleichheit der Arbeiten\u201c bis ins Extrem der Kontrolle \u00fcber jeden Handgriff vorangetrieben \u2013 nur damit ist gew\u00e4hrleistet, dass ein einmal erzieltes Produktionsergebnis auch immer wieder erzielt wird. \u201eGleichheit der Arbeit\u201c wird zur Reduktion der Arbeit auf Zusammensetzung aus \u201eeinfacher gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit\u201c \u2013 etwas, was kein gedanklicher \u201eAbstraktionsprozess\u201c ist, sondern hinter dem ein riesiger allt\u00e4glicher Kontroll- und Klassifizierungsapparat steht. Von der Arbeitsplatzbeschreibung, -organisation, Arbeitszeitrechnung bis zur Eingruppierung werden die Arbeit und ihr menschliches Ausf\u00fchrungsorgan bis ins Kleinste klassifiziert und zugeordnet.<\/p>\n<p>Andererseits wird durch die spezifische Klassengrundlage der b\u00fcrgerlichen Herrschaft, den Zwang f\u00fcr den\/die LohnarbeiterIn, die Arbeitskraft als Ware anzubieten, um an die im kapitalistischen Produktionsprozess produzierten lebensnotwendigen Konsumg\u00fcter heranzukommen, diese Klassifizierung bis in die \u201ePrivatsph\u00e4re\u201c vorangetrieben: Die Lohnabh\u00e4ngigen werden nicht nur im Arbeitsprozess normiert, sondern entsprechend ihrer Einstufung auch als Konsumenten standardisiert und mit entsprechender Massenware abgefertigt.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, diese spezifisch historische Form der Vergleichbarmachung von Arbeit steht von vornherein unter der Pr\u00e4misse der Organisation und Beherrschung des Arbeitsprozesses als Verwertungsprozess. Die Arbeitszeitrechnung geschieht zum Zweck der Kontrolle \u00fcber die (Arbeitszeit-)Quantit\u00e4t der sich in Warenform vergegenst\u00e4ndlichenden Arbeit im Verh\u00e4ltnis zu den Reproduktionskosten der Arbeitenden selbst. Alles, was nicht diesem Aneignungsaspekt, seiner Gew\u00e4hrleistung und Ausweitung dient, ist f\u00fcr die Frage der Verwertung irrelevant und wird weg-abstrahiert.<\/p>\n<p>Auch in einer von dieser Voraussetzung befreiten Gesellschaft wird es Beschreibungen von Arbeitsschritten und Arbeitszeitrechnungen f\u00fcr die gesellschaftlich notwendigen Arbeiten geben. Doch erm\u00f6glicht die R\u00fcckf\u00fchrung der Zwecksetzungen dieser Arbeiten auf selbstbestimmte Zielsetzungen in Rahmen einer selbstorganisierten Assoziation der Produzenten, dass die Vergleichung der Arbeitserleichterung und gerechten Verteilung der Arbeit dient. Es muss dann weder jeder Handgriff kontrolliert werden, noch die Arbeit so zerst\u00fcckelt werden, wie es die Herauspressung von noch mehr Mehrarbeit am besten erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Trotzdem muss, zumindest in einer ersten Periode, zun\u00e4chst einmal \u00fcberhaupt \u201eArbeitsgerechtigkeit\u201c erzielt werden: dass also jedeR \u00fcber die Grundsicherung hinaus vom gemeinsam erzeugten gesellschaftlichen Reichtum soviel erh\u00e4lt, wie er\/sie an Arbeit geleistet hat \u2013 was offensichtlich ein Fortschritt gegen\u00fcber dem Kapitalismus w\u00e4re. Das hei\u00dft aber auch, dass weiterhin ein Ma\u00df f\u00fcr die der Allgemeinheit geleistete M\u00fche vorhanden sein muss, das sich aus der Vergleichung der Arbeiten und ihrer (Arbeitszeit-)Quantit\u00e4ten ergeben muss:<\/p>\n<p><em>\u201eInhalt und Form sind ver\u00e4ndert, weil unter den ver\u00e4nderten Umst\u00e4nden niemand etwas geben kann au\u00dfer seiner Arbeit und weil andererseits nichts in das Eigentum der einzelnen \u00fcbergehen kann au\u00dfer individuellen Konsumtionsmitteln. Was aber die Verteilung der letzteren unter die einzelnen Produzenten betrifft, herrscht dasselbe Prinzip wie beim Austausch von Waren\u00e4quivalenten, es wird gleich viel Arbeit in einer Form gegen gleich viel Arbeit in einer anderen ausgetauscht\u201c<\/em> <a href=\"#_ftn40\" name=\"_ftnref40\">[40]<\/a>.<\/p>\n<p>Wenn Robert Kurz meint, dass Marx hier (bei der Frage der Aufhebung der vom Kapital angeeigneten Mehrarbeit) einen \u201e\u00fcberhistorischen\u201c, \u201eontologischen\u201c Arbeitsbegriff verwendet, so ist Kurz der Vorwurf der idealistischen Verkennung des Arbeitsproblems zur\u00fcckzugeben. Tats\u00e4chlich steht nicht die Frage der \u201eAufhebung der Arbeit\u201c an, sondern die Frage von bestimmten historischen Formen, in denen \u201eabstrakte Arbeit\u201c erscheint. Erst diese Formen erm\u00f6glichen es, dass \u201eabstrakte Arbeit\u201c zur Wertsubstanz wird.<\/p>\n<p>Nicht die \u201eAbstraktion\u201c an sich ist das Problem, sondern die dieser Abstraktion zugrundeliegenden (Klassen-)Herrschaftsverh\u00e4ltnisse, die zugleich dadurch befestigt und versachlicht werden. Das ungeheure Potenzial einer von naturw\u00fcchsigen und knechtschaftlichen Verh\u00e4ltnissen befreiten Entwicklung und \u00d6konomisierung von Arbeit wird gleichzeitig r\u00fcckgebunden an das Kommando einer kleinen Minderheit der Gesellschaft \u00fcber die warenf\u00f6rmig gemachten Vergegenst\u00e4ndlichungsbedingungen dieser Arbeit.<\/p>\n<p>Mit der Einverleibung der \u201efreien Arbeitskraft\u201c in die Warenwelt, entsteht die M\u00f6glichkeit der Verselbst\u00e4ndigung der Wertform: Durch die Eigenschaft einer Ware, mehr Wert zu schaffen, als zu ihrer Reproduktion notwendig ist, kann aus Geld \u00fcber Kauf von Produktionsmitteln und Arbeitskraft wiederum mehr Geld gemacht werden, ohne die \u201eTauschgerechtigkeit\u201c zu verletzen.<\/p>\n<p>Im Kapital ist die Bewegungsform des sich in selbst\u00e4ndiger Form best\u00e4ndig verwertenden Werts gefunden. Als Geldkapital und in verwandelter Form als das in Produktionsmitteln und Waren vergegenst\u00e4ndlichte Kapital steht es der lebendigen Arbeitskraft \u00fcberm\u00e4chtig gegen\u00fcber, zwingt sie zum Verkauf der Arbeitskraft bzw. Kauf der Konsumware vom Kapital und reproduziert so best\u00e4ndig auf h\u00f6herer Stufenleiter die eigene Herrschaft. Die \u201etote Arbeit\u201c (d.h. die im Produktiv- und Warenkapital vergegenst\u00e4ndlichte Arbeit) wird zur Diktatur \u00fcber die lebendige.<\/p>\n<p><u>Verselbst\u00e4ndigung der Wertform und ihre Widerspr\u00fcche<\/u><\/p>\n<p>Auch wenn diese Selbstverwertung des Werts in selbst\u00e4ndiger Form, d.h. als reiner Selbstzweck, das Wesen des Kapitalismus ausmacht, so ist sie doch zur\u00fcckgekoppelt und abh\u00e4ngig von der Entwicklung der Wertsubstanz, der Arbeit selbst. Hier hat sie eine eindeutige Voraussetzung: der Kapitalismus kann nicht existieren ohne best\u00e4ndige Revolutionierung, Umgestaltung, Expansion der produktiven Basis der Gesellschaft. Er muss, um seinem Wesen zu entsprechen, alle denkbaren Produktivkr\u00e4fte und wissenschaftlich-technischen Erkenntnisse mobilisieren, aufgreifen, kapitalisieren. Er muss insbesondere die Arbeit nicht einfach in ihrer vorgefundenen Form kommandieren, sondern sie \u201ereal subsumieren\u201c: also entsprechend dem Verwertungsziel reorganisieren, wissenschaftlich-technisch ausrichten, aufteilen und damit in immer gr\u00f6\u00dferem Ausma\u00df \u201evergesellschaften\u201c.<\/p>\n<p>In diesem Verh\u00e4ltnis der Entwicklung von Wertsubstanz im Verh\u00e4ltnis zur verselbst\u00e4ndigten Wertform sind mehrere Widerspr\u00fcche angelegt:<\/p>\n<p>(1) Wie schon anhand des \u201eGesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate\u201c ausgef\u00fchrt, st\u00f6\u00dft diese schrankenlose Ausdehnungsbewegung von Produktivkraftentwicklung und Verwertungsbed\u00fcrfnis auf die Beschr\u00e4nktheit der eigenen gesellschaftlichen Basis: die Verdr\u00e4ngung lebendiger Arbeit gegen\u00fcber den immer gr\u00f6\u00dfer angeh\u00e4uften Massen an Produktivkapital untergr\u00e4bt die Verwertbarkeit der unaufhaltsamen Produktivkraft-Revolutionen. Verwertungsbewegung und Produktionsbewegung m\u00fcssen in einem krisenhaften Prozess aufeinandersto\u00dfen, um eventuell wieder ein neues Gleichgewicht, eine neue Ausgangslage f\u00fcr das \u201eschrankenlose Wachstum\u201c zu finden.<\/p>\n<p>(2) Die wachsende Vergesellschaftung des Produktionsprozesses, seine immer umfassender werdende interne wissenschaftlich durchorganisierte und geplante Arbeitsorganisation, steht in immer krasserem Gegensatz zur Willk\u00fcr und Unberechenbarkeit der (Welt-) Marktbewegungen. Das Prinzip des \u201evereinzelten Einzelnen\u201c als gesellschaftliche Rolle der Subjekte der Waren\u00f6konomie, steht der immer sch\u00e4rferen Aufhebung der \u201evereinzelten Arbeit\u201c durch den gesellschaftlichen Produktionsk\u00f6rper gegen\u00fcber. Einerseits wird hierbei dem \u201eEinzelnen\u201c die gesellschaftliche Potenz seiner Arbeit als \u201efremde Gewalt\u201c gegen\u00fcbergestellt, so dass die Einzelarbeit zum entfremdeten Teilaspekt, dem unbewussten R\u00e4dchen in der Riesenmaschine wird. Andererseits kann die wachsende Vergesellschaftung nicht funktionieren ohne die Mobilisierung von Kommunikation, wachsender Kooperation auf gr\u00f6\u00dferer Stufenleiter, wachsendem gemeinsamen Verst\u00e4ndnis des Produktionszusammenhangs, etc. Vereinzelung, De-Qualifikation, Entfremdung auf der einen Seite, und wachsende Qualifizierung, Kooperation, Vergesellschaftung gehen im kapitalistischen Produktionsprozess eine widerspr\u00fcchliche Verbindung ein, die die Grenzen der warenf\u00f6rmigen Vergesellschaftungen immer klarer werden lassen.<\/p>\n<p>(3) Die Entwicklung des Kapitals bedingt ungeheure Ausdehnung der \u201edisposable time\u201c, der Zeit, die \u00fcber das Ma\u00df vorhanden ist, das notwendig zur Reproduktion der Gesellschaft gearbeitet werden m\u00fcsste.<\/p>\n<p><em>\u201eDiese Sch\u00f6pfung von Nicht-Arbeitszeit erscheint auf dem Standpunkt des Kapitals, wie aller fr\u00fcheren Stufen, als Nicht-Arbeitszeit, freie Zeit f\u00fcr einige. Das Kapital f\u00fcgt hinzu, dass es die Surplusarbeitszeit der Masse durch alle Mittel der Kunst und Wissenschaft vermehrt, weil sein Reichtum direkt in der Aneignung von Surplusarbeitszeit besteht; da sein Zweck direkt der Wert, nicht der Gebrauchswert\u201c <a href=\"#_ftn41\" name=\"_ftnref41\"><strong>[41]<\/strong><\/a><\/em>.<\/p>\n<p>Die Reduktion der notwendigen Arbeitszeit produziert unter diesen Bedingungen (als \u201eHilfe, uns geht die Arbeit aus!\u201c) den Irrsinn von \u201eArbeitslosigkeit\u201c bei gleichzeitiger grenzenloser Ausdehnung der Mehrarbeit f\u00fcr den Rest.<\/p>\n<p><em>\u201eDie Arbeitszeit als Ma\u00df des Reichtums setzt (\u2026) die disposable time nur existierend im und durch den Gegensatz zur Surplusarbeitszeit oder Setzen der ganzen Zeit des Individuums als Arbeitszeit und Degration desselben daher zum blo\u00dfen Arbeiter, Subsumtion unter die Arbeit. Die entwickeltste Maschinerie zwingt den Arbeiter daher, jetzt l\u00e4nger zu arbeiten, als der Wilde tut oder als er selbst mit den einfachsten, rohsten Werkzeugen tat\u201c <a href=\"#_ftn42\" name=\"_ftnref42\"><strong>[42]<\/strong><\/a><\/em>.<\/p>\n<p><u>Aufhebungsperspektive<\/u><\/p>\n<p>Damit ist klar, dass in den immanenten, vom Kapitalismus erzeugten Widerspruchsbewegungen der Produktivkraftentwicklung auch die Tendenzen seiner Aufhebung enthalten sind. Der kapitalistische Produktionsbereich ist nicht das blo\u00dfe \u201eReich der Negativit\u00e4t\u201c, so dass nur au\u00dferhalb desselben eine neue selbstorganisierte Vergesellschaftung m\u00f6glich ist. Eine solche ist ohne die gewaltige materielle Basis des modernen Produktionsprozesses gar nicht m\u00f6glich. Im Gegenteil: sie braucht dessen erreichten Stand an Vergesellschaftung, Verwissenschaftlichung und Technikentwicklung. Er schafft auch die produktiven F\u00e4higkeiten zur selbstorganisierten, egalit\u00e4ren Kontrolle \u00fcber diesen Prozess, wie die Notwendigkeit, diese auch tats\u00e4chlich zu \u00fcbernehmen. Auf seiner Grundlage wird \u201edisposable time\u201c zum m\u00f6glichen \u201eneuen Ma\u00df des Reichtums\u201c:<\/p>\n<p><em>\u201eDie wirkliche \u00d6konomie \u2013 Ersparung \u2013 besteht in der Ersparung von Arbeitszeit (\u2026); diese Ersparung aber identisch mit Entwicklung von Produktivkraft. Also keineswegs Entsagen vom Genuss, sondern Entwicklung von power, von F\u00e4higkeiten zur Produktion und daher sowohl der F\u00e4higkeiten wie der Mittel des Genusses.(\u2026) Die Ersparung von Arbeitszeit gleich Vermehren der freien Zeit, d.h. der Zeit die f\u00fcr die volle Entwicklung des Individuums, die selbst wieder als die gr\u00f6\u00dfte Produktivkraft zur\u00fcckwirkt auf die Produktivkraft der Arbeit.(\u2026) Die Arbeit kann nicht Spiel werden (\u2026). Die freie Zeit, die sowohl Mu\u00dfezeit als Zeit f\u00fcr h\u00f6here T\u00e4tigkeit ist \u2013 hat ihren Besitzer nat\u00fcrlich in ein anderes Subjekt verwandelt, und als dies andre Subjekt tritt er dann auch in den unmittelbaren Produktionsprozess. Es ist dieser zugleich Disziplin, mit Bezug auf den werdenden Menschen betrachtet, wie Experimentalwissenschaft, materiell sch\u00f6pferische und sich vergegenst\u00e4ndlichende Wissenschaft mit Bezug auf den gewordenen Menschen, in dessen Kopf das akkumulierte Wissen der Gesellschaft existiert\u201c<\/em> <a href=\"#_ftn43\" name=\"_ftnref43\">[43]<\/a>.<\/p>\n<p>Hier ist das Modell einer dynamischen Gesellschaft dargestellt, in der die \u201enotwendige Arbeit\u201c der Entfaltung des \u201efreien Menschwerdens\u201c untergeordnet ist und beide eine best\u00e4ndige, befruchtende Wechselwirkung eingehen.<\/p>\n<p>Dies ist nat\u00fcrlich auch entgegengesetzt einer Vorstellung von Sozialismus, die in einer blo\u00df \u201egesellschaftlich demokratisch geplanten\u201c Kontrolle des wie bisher ablaufenden Produktionsprozesses besteht. Wenn die produktiven, sch\u00f6pferischen und kommunikativen Potenzen des modernen Produktionsprozesses nicht aus ihren entfremdeten, kapitalistischen Formen befreit werden, dann wird es einer solchen Planwirtschaft jeder dem Kapitalismus vergleichbaren Entwicklungsdynamik fehlen, weiterhin \u00dcberarbeit durch extensive Mehrarbeit betrieben und gleichzeitig unweigerlich in stagnative Krisen verfallen. Andererseits bleibt das Krisis-Modell von der \u201eselbstorganisierten Assoziation\u201c ohne Bezug auf die weitere Entwicklung der Basis der \u201enotwendigen Arbeitszeit\u201c ohne materielle Basis und kann in ihren Beispielen letztlich auch nichts anderes als stagnatives Werkeln mit der vorhandenen Produktiv-Basis anf\u00fchren.<\/p>\n<p><u>Kapitalismus als Klassenherrschaft<\/u><\/p>\n<p>Mit der Ausl\u00f6schung der wesentlichen Differenz von Wertsubstanz und Wertform bei Krisis h\u00e4ngt logisch auch die Aufl\u00f6sung von sich wesentlich entgegengesetzten gesellschaftlichen Subjekten im Kapitalismus zusammen. Klassen haben nur noch eine Rolle in der Durchsetzungsgeschichte des Kapitalismus. \u00c4hnlich wie bei Eric Hobsbawn in seiner Historisierung der \u201eBourgeoisie\u201c (siehe \u201eDas imperiale Zeitalter\u201c) verschwindet die Notwendigkeit der spezifisch b\u00fcrgerlichen Unternehmer- und Politikergestalt hinter der v\u00f6lligen Aufl\u00f6sung in Charaktermasken und Repr\u00e4sentanz von Institutionen.<\/p>\n<p>Noch im Faschismus sieht Lohoff die Notwendigkeit, aufgrund der noch nicht totalen Wertform, die Gleichf\u00f6rmigkeit durch Massenspektakel, -terror und sonstige Volkst\u00fcmelei gegen\u00fcber noch realer Klassenspaltung zu simulieren. Erst mit der totalen Durchsetzung der Wertf\u00f6rmigkeit, mit der absoluten Herrschaft des \u201eautomatischen Subjekts\u201c im Nachkriegs-Fordismus sind alle Subjekte gleicherma\u00dfen als Marionetten dieses Apparats organisiert \u2013 wenn auch mit unterschiedlichem Leidensdruck. Aber auch die Systemeliten seien heute einer \u201eabsurden Lebensf\u00fchrung\u201c (Kurz) unterworfen.<\/p>\n<p>Geht man dagegen von der materiellen Entwicklung der Wertsubstanz aus, so ist klar, dass sich das \u201eautomatische Subjekt\u201c nicht ohne einen tats\u00e4chlichen, interessierten, gesellschaftlichen Tr\u00e4ger organisieren kann. Die Herrschaft des \u201eKapitals an sich\u201c, als gewaltige Produktivkraftansammlung gegen\u00fcber der formgebenden lebendigen Arbeit erzeugt vor allem auch ein ungeheures Machtverh\u00e4ltnis. Es verlangt nach Eignern und Entscheidern, die die tats\u00e4chliche Kontrolle \u00fcber den Ablauf und die Ausrichtung der Produktion aus\u00fcben. <em>\u201eKapital ist (gegen\u00fcber dem Arbeiter, M.L.) als f\u00fcr sich seiender, selbstischer Wert sozusagen gesetzt (was im Geld nur angestrebt war). Aber das f\u00fcr sich seiende Kapital ist der Kapitalist.\u201c <a href=\"#_ftn44\" name=\"_ftnref44\"><strong>[44]<\/strong><\/a><\/em>.<\/p>\n<p>Aber das Kapitalverh\u00e4ltnis produziert nicht blo\u00df das Machtverh\u00e4ltnis von Kapitalist und Arbeiter. Die Aneignung der \u201edisposable time\u201c als Mehrarbeit in Form des Mehrwerts erzeugt f\u00fcr die gesellschaftliche Klasse auch eine materielle Grundlage von best\u00e4ndig komfortablerer Ausstattung. Nichts anderes ist letztlich auch der materielle Grund f\u00fcr die Herrschaft des \u201eautomatischen Subjekts\u201c \u2013 wie immer auch die gesamte Gesellschaft in verr\u00fcckte, katastrophenlastige \u201eSachzw\u00e4nge\u201c gezw\u00e4ngt wird, so gibt es doch m\u00e4chtige gesellschaftliche Kr\u00e4fte, die ein Interesse an der Aufrechterhaltung dieses Theaters haben.<\/p>\n<p>Durch die Abl\u00f6sung des Fetisch und des \u201eautomatischen Subjekts\u201c von dieser gesellschaftlichen Basis, wird dem Fetisch sein eigentlicher gesellschaftlicher Zweck genommen \u2013 er wird quasi w\u00f6rtlich genommen. Tats\u00e4chlich verschleiert er jedoch als sachliches Verh\u00e4ltnis, das doch eigentlich ein ganz handgreiflich gesellschaftliches ist, die Herrschaft einer Klasse \u00fcber eine andere. Bei Marx ist das noch ziemlich einfach ausgedr\u00fcckt:<\/p>\n<p><em>\u201eDas fremde Wesen, dem die Arbeit und das Produkt geh\u00f6rt, in dessen Dienst die Arbeit und zu dessen Genuss das Produkt der Arbeit steht, kann nur der Mensch selbst sein. Wenn das Produkt der Arbeit nicht dem Arbeiter geh\u00f6rt, eine fremde Macht ihm gegen\u00fcber ist, so ist dies nur dadurch m\u00f6glich, dass es einem andern Menschen au\u00dfer dem Arbeiter geh\u00f6rt. Wenn seine T\u00e4tigkeit ihm Qual ist, so muss sie einem andern Genuss und die Lebensfreude eines andern sein. Nicht die G\u00f6tter, nicht die Natur, nur der Mensch selbst kann diese fremde Macht \u00fcber den Menschen sein\u201c<\/em> <a href=\"#_ftn45\" name=\"_ftnref45\">[45]<\/a>.<\/p>\n<p>Der Mystizismus um ein von jeglicher Klassengrundlage gel\u00f6stes totalit\u00e4res \u201eautomatisches Subjekt\u201c ist daher nichts anderes als eine quasi-religi\u00f6se Verschleierung der tats\u00e4chlich durch die Kapitalverwertung vermittelten Klassenherrschaft.<\/p>\n<p>Die Prinzipien b\u00fcrgerlicher Subjektbildung unter den Bedingungen der sich dynamisierenden verallgemeinerten Warenproduktion sind Konkurrenz, Kampf jeder gegen jeden einerseits und Koalitionsbildung andererseits. Schon auf der Ebene des \u201eKapitals im allgemeinen\u201c ist die Konkurrenz der Warenbesitzer in sich versch\u00e4rfender Form unumg\u00e4nglich ableitbar: Der Widerspruch im Tauschverh\u00e4ltnis zwischen dem Besitzer von Kapital und jenem von Arbeitskraft in schrankenloser Ausbeutung einerseits und Erhalt der eigenen Ware andererseits, f\u00fchrt bei zugespitzterer Akkumulationsbewegung zu heftigem Aufeinaderprallen \u201egleichberechtigter\u201c Anspr\u00fcche.<\/p>\n<p>Gewaltsame Auseinandersetzung einerseits und Koalitionsbildung auf beiden Seiten ist daher unvermeidlich. Die Herausbildung der Arbeiterklasse als organisiertes gesellschaftliches Subjekt ist daher ein notwendiges Resultat b\u00fcrgerlicher Vergesellschaftung. Es ist damit auch die M\u00f6glichkeit (wenn auch nicht unmittelbar die tats\u00e4chliche F\u00e4higkeit) eines Subjekts gegeben, das die oben angef\u00fchrten Widerspr\u00fcche aufheben kann, gegen\u00fcber einem anderen Subjekt, dass unter allen Umst\u00e4nden am Wahnsinnssystem festhalten muss.<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis dieser beiden Klassen dr\u00fcckt daher in zweifacher Weise die Grenzen der Kapitalakkumulation aus: Einerseits dadurch, dass die St\u00e4rke der \u201eKonkurrenzbedingungen\u201c der mehr oder weniger organisierten Arbeiterklasse die L\u00f6sung von Kapitalverwertungsproblemen durch Ausdehnung von Mehrarbeit begrenzt. Andererseits dadurch, dass in einer sich weitergehend organisierenden und bewusstwerdenden Klasse \u00fcberhaupt eine Systemalternative als L\u00f6sung der Verwertungskrise materiell greifbar wird.<\/p>\n<p><u>Die \u00f6konomische Wirkung der Klassenstruktur<\/u><\/p>\n<p>Konkurrenz ist eine unabdingbare Folge der durch verengende Verwertungsbedingungen bei gleichzeitiger schrankenloser Expansion aufeinander geworfenen Einzelkapitale. Andererseits ist es gerade die Konkurrenz, die die Durchsetzung des R\u00fcckbezugs auf die Wertsubstanz dieser Expansionsbewegung erzwingt.<\/p>\n<p>Durch sie wird \u00fcber die Marktpreisbildung den Einzelkapitalen die Anpassung an produktivere Produktionsbedingungen, die ansonsten Extraprofite erzielen w\u00fcrden, aufgezwungen. Ebenso f\u00fchren g\u00fcnstigere Profitbedingungen in anderen Branchen zu Kapitalfl\u00fcssen, d.h. Umverteilungen des gesellschaftlichen Arbeitsverm\u00f6gens zwischen den verschiedenen Bereichen, die erst die Herausbildung einer gesellschaftlichen Durchschnittsprofitrate erzwingen.<\/p>\n<p>Letzteres bedeutet eben auch, dass der Wert in der kapitalistischen Wirklichkeit eben auch nie \u201erein\u201c erscheint, sondern systematisch verzerrt als Kostpreis plus Durchschnittsprofitaufschlag. Gerade diese Vereinheitlichung der Bedingungen f\u00fcr die Einzelkapitale als Tendenz ist der reinste Ausdruck davon, dass sich im Kapitalverwertungsautomatismus die Herrschaft einer Kapitalistenklasse vermittelt: Das Wegr\u00e4umen aller \u201eungleichen Bedingungen\u201c, aller \u201eungerechtfertigten Bevorteilungen\u201c und \u201e\u00dcberregulierungen\u201c, die Vereinheitlichung der Ausbeutungsbedingungen, also kurz zusammengefasst die Vereinheitlichung der Konkurrenzbedingungen und deren institutionelle Sicherung ist die best\u00e4ndige Tendenz der b\u00fcrgerlichen Klasse, die jedem ihrer Mitglieder \u201ebei fair play\u201c seinen \u201everdienten\u201c Durchschnittsprofit, d.h. seinen Anteil an der Ausbeutung der Arbeiterklasse, garantiert.<\/p>\n<p>Damit ist der Kampf gegen alle Einschr\u00e4nkungen f\u00fcr ihre Marktpreis- und Kapitalbewegung wie auch gegen die ihren Hunger nach Mehrwert einschr\u00e4nkende Arbeiterklasse das einigende Band der b\u00fcrgerlichen Klasse. In der Herausbildung der Durchschnittsprofitrate dr\u00fcckt sich aus, <em>\u201ewarum die Kapitalisten, so sehr sie in ihrer Konkurrenz untereinander sich als falsche Br\u00fcder bew\u00e4hren, doch einen wahren Freimaurerbund bilden gegen\u00fcber der Gesamtheit der Arbeiterklasse\u201c<\/em> <a href=\"#_ftn46\" name=\"_ftnref46\">[46]<\/a>.<\/p>\n<p><u>Nationalstaat und Weltmarkt<\/u><\/p>\n<p>In einer Gesellschaft, in der der gesellschaftliche Zusammenhang nur indirekt, \u00fcber Konkurrenz und Markt hergestellt wird, muss die herrschende Klasse die allgemeinen Bedingungen weiterhin durch eine scheinbar unabh\u00e4ngige, \u201eneutrale\u201c Instanz \u00fcber den konkurrierenden Warenbesitzern regeln. Der b\u00fcrgerliche Staat ist die Institution, die die \u201egleichen\u201c und \u201efreien\u201c Bedingungen f\u00fcr alle Konkurrenzteilnehmer garantieren soll: er \u00fcbernimmt die Kontrolle \u00fcber das Geldwesen, die Regelungen f\u00fcr die Marktteilnahme, die Schlichtung bei Konflikten zwischen Warenbesitzern, die Regelung allgemeiner Arbeitsbedingungen, grundlegende Infrastrukturbereitstellung, etc. \u2013 je nach Entwicklung und Bedarf von Kapitalakkumulation und Klassenkampf-Situation. Letztlich ist er der bewaffnete Arm der Bourgeoisie zur Aufrechterhaltung der Kapital-Verwertungs-Gesellschaft.<\/p>\n<p>Da die Herausbildung der b\u00fcrgerlichen Klasse, die Herausbildung ihres Marktes und vor allem Arbeitsmarktes, sowie die Herstellung vereinheitlichter Konkurrenzbedingungen im Wesentlichen auf nationaler Basis erfolgte (also an bestimmte historisch, kulturelle, sprachliche etc. Bedingungen gekn\u00fcpft war), ist es klar, dass die Herausbildung von b\u00fcrgerlichen Staaten immer eine Bildung von Nationalstaaten war. Andererseits war keine andere Gesellschaftsformation so wie der Kapitalismus von Anfang an auf weltweite Expansion und Herausbildung eines Weltmarktes ausgerichtet. Die Unterordnung des staatlichen Organisationsprinzips gegen\u00fcber dem der Kapitalverwertung dr\u00fcckt sich darin aus, dass der wesentlichen Weltmarktbewegung des Kapitals keine Tendenz zur Herausbildung eines Weltstaates entspricht. Die \u201evereinzelten Einzelstaaten\u201c im Meer der \u00fcberbordenden Kapitalbewegung sind f\u00fcr das Kapital Regulation genug und Garantie f\u00fcr die notwendige Bewegungsfreiheit seiner Verwertung.<\/p>\n<p>In dieser einzelstaatlichen Aufsplitterung dr\u00fcckt sich aber auch die Unterschiedlichkeit von Bedingungen aus, die an sich die Bildung der Durchschnittsprofitrate beeinflussen: Unterschiedliche Geldwerte (W\u00e4hrungen), unterschiedliche Steuer- und Zollsysteme, unterschiedliche Konkurrenz- und Arbeitsregulierungen etc. Daher setzt sich auf dem Weltmarkt die Tendenz zur Bildung der Durchschnittsprofitrate auch in modifizierter Form durch, in dem sie f\u00fcr l\u00e4ngere Zeitperioden auch sehr verschiedene Niveaus gesellschaftlicher Produktivit\u00e4t im Rahmen einer spezifischen internationalen Arbeitsteilung nebeneinander existieren l\u00e4sst, um dann zu umso heftigeren Angleichungsbewegungen zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Daraus folgt einerseits, dass die Entwicklungsgeschichte der Durchsetzung der Wertform innerhalb der Geschichte nie abgeschlossen sein wird: Solange es keinen Weltstaat gibt, gibt es immer noch nationale \u201eSchranken\u201c der freien Bewegung von Kapital und Arbeit, die einzurei\u00dfen sind und die die Profitratenbildung und damit die Preisbildung modifizieren. Gerade die Herausbildung der EU zeigt, wie schwierig es auch heute noch ist, im entwickelten Kapitalismus solche nationalen Schranken zu \u00fcberwinden. Andererseits muss die jeweils erreichte \u201eGleichgewichtssituation\u201c f\u00fcr die Herausbildung der internationalen, am Weltmarkt realisierbaren Durchschnittsprofitrate wenn schon nicht durch einen Weltstaat, so doch durch eine dominierende kapitalistische Nation \u201egarantiert\u201c werden.<\/p>\n<p>Die Vorherrschaft des britischen und sp\u00e4ter des US-Kapitalismus sowie ihrer jeweiligen W\u00e4hrungen auf dem Weltmarkt war jeweils entscheidend f\u00fcr die Garantie einer aufsteigenden Weltmarktbewegung des Kapitals. Zeiten der zugespitzten Konkurrenz um diese F\u00fchrungsrolle dagegen sind Ausdruck des krisenhaften Umbruchs in den Grundbedingungen der weltweiten Kapitalverwertung.<\/p>\n<p><u>Monopol und Imperialismus<\/u><\/p>\n<p>Die Bourgeoisie ist also nicht nur durch ihre Konfrontation mit den Arbeitern zur Klassenbildung gezwungen; sie ist als nationale Klasse auch immer Staatenbildner in Konfrontation mit anderen nationalen Bourgeoisien. In der Krise hat die Bourgeoisie nicht nur die Optionen, zu schlie\u00dfen oder noch mehr aus den Arbeitern holen. Einzelnes Kapital kann immer auch vom Ungl\u00fcck der anderen profitieren; massenhafte Kapitalvernichtung bei anderen schafft wieder eigene Expansionsm\u00f6glichkeiten, gegebenenfalls durch \u00dcbernahme anderer Kapitale.<\/p>\n<p>Genauso lassen sich g\u00fcnstigere Weltmarktpositionen dazu nutzen, das eigene Kapital auf Kosten der anderen zu sanieren. Mit der Tendenz zu Zentralisation und Konzentration des Kapitals geht daher die Herausbildung einer weiteren Modifikation der Durchsetzung des Wertgesetzes einher: die bestimmende Stellung gro\u00dfer Kapitale und ihre \u201eAufteilung\u201c bestimmter Sektoren des Weltmarktes mit wenigen anderen \u201eGro\u00dfen\u201c, f\u00fchrt in diesen Bereichen zu einer weiteren zeitweisen Verz\u00f6gerung von Ausgleichsbewegungen. Die bevorteilten \u201emonopolistischen Sektoren\u201c k\u00f6nnen Extra-Profite auf Kosten anderer, schw\u00e4cherer Kapitale erzielen.<\/p>\n<p>Gerade in der Krise bew\u00e4hrt sich der Zusammenhang von gro\u00dfen Monopolen (sowohl als Produktiv- wie als Geldkapitale) und \u201eihren\u201c Nationalstaaten, die ihnen ihre besonderen Bedingungen und Vorteile im weltweiten Kapitalverwertungssystem beibehalten helfen. Umso klarer ist, dass alle b\u00fcrgerlichen Staaten, die \u00fcber keine solchen mit ihnen verbundenen gro\u00dfen Kapitale verf\u00fcgen, zum Spielball der \u00f6konomischen und politischen Gro\u00dfm\u00e4chte werden. Sie k\u00f6nnen h\u00f6chstens um die g\u00fcnstigsten Ausbeutungsbedingungen f\u00fcr \u201eausl\u00e4ndische\u201c Kapitalzufl\u00fcsse buhlen oder ihre \u201eminderbewerteten\u201c Rohstoffe und Fertigwaren billig gegen teure Monopolwaren tauschen.<\/p>\n<p>Ihre nationale Bourgeoisie erh\u00e4lt dadurch ein Auskommen, dass sie durch (im Vergleich zu den Zentren) versch\u00e4rfte extensive Ausbeutung jedoch best\u00e4ndig erh\u00f6hen muss \u2013 in der \u201eersten Liga\u201c jedoch k\u00f6nnen sie so nie mitspielen. In diesem System ist die soziale Explosion in der Peripherie genauso vorprogrammiert, wie die Versuche nationaler Bourgeoisien, sich aus ihrer untergeordneten Rolle zu befreien. Daher ist dieses System des monopolistischen Kapitalismus notwendigerweise \u201eImperialismus\u201c: die Staaten der gro\u00dfen Monopole sorgen nicht nur mit ihrem erdr\u00fcckenden \u00f6konomischen Gewicht f\u00fcr die Aufrechterhaltung ihrer Weltordnung, sondern wenn es sein muss auch milit\u00e4risch. Auf diese Weise setzt sich der Reichtum der \u201egro\u00dfen kapitalistischen Nationen\u201c dann auch notwendigerweise um in die \u201eungeheure Ansammlung von Waffen\u201c.<\/p>\n<p>Weit entfernt davon, in der \u00dcberakkumulationskrise die Nationalstaaten \u201eaufzul\u00f6sen\u201c, braucht sie der Kapitalismus gerade dann als imperialistische Staaten. Auch wenn er den Staat in einigen f\u00fcr ihn \u201eunproduktiven\u201c Bereichen zur\u00fcckschneidet, um Revenue zu sparen, so gilt dies keineswegs f\u00fcr die \u201eKernbereiche\u201c des b\u00fcrgerlichen Sicherheits-Staates. Wenn heute von der Machtlosigkeit des Nationalstaates gegen\u00fcber den globalen Kapitalfl\u00fcssen gesprochen wird, so wird leicht vergessen, dass die kapitalistische F\u00fchrungsnation USA weiterhin aufgrund ihrer Weltmarktposition, ihrer Geld- und Handelspolitik und letztlich ihrer milit\u00e4rischen Omnipr\u00e4senz f\u00fcr ihre Kapitale Renditem\u00f6glichkeiten schafft, die um einiges ihre realen Produktivit\u00e4tsvorteile \u00fcbersteigen. Ebenso klar ist, dass insbesondere das deutsche Kapital, als \u201eF\u00fchrungsnation\u201c des EU-Blocks langfristig, wie schon zweimal im letzten Jahrhundert wiederum \u201eglobal leadership\u201c anstrebt, um in eine \u00e4hnlich komfortable Position zu kommen. Eine Tendenz, die zum sch\u00e4rfsten Ausdruck der kapitalistischen Krise unter monopolistischen Weltmarktbedingungen f\u00fchren kann: zum imperialistischen Krieg.<\/p>\n<p><u>Anti-Imperialismus<\/u><\/p>\n<p>Auch wenn die \u201eAnti-Deutschen\u201c gegen\u00fcber \u201eKrisis\u201c richtig die Gefahr aufzeigen, die gerade auch wieder vom deutschen Imperialismus ausgeht, so sehen sie doch nicht den Ursprung dieser Gefahr in internationalen Kapitalbewegungen \u2013 heute ist es die Ordnung des US-Imperialismus, die weltweit f\u00fcr die Aufrechterhaltung eines Ausbeutungssystems sorgt, von dem auch das deutsche Kapital mitprofitiert.<\/p>\n<p>Dies ist eine Ordnung, die nur durch den internationalistischen Kampf der Arbeiterklasse \u00fcberwunden werden kann, die das enorme weltumspannende Produktiv-Potential f\u00fcr eine wirklich globale und nicht-diskriminierende Arbeitsteilung transformiert. Im Konflikt der Imperialisten kann eine solche Internationale nur defaitistisch auf beiden Seiten sein. Sie muss getreu Liebknechts Parole \u201eDer Hauptfeind steht im eigenen Land!\u201c f\u00fcr den Sturz der herrschenden Klasse k\u00e4mpfen und daf\u00fcr auch die Niederlage des \u201eeigenen\u201c Landes in Kauf nehmen \u2013 und zwar, um den Kampf gegen den imperialistischen Krieg in einen internationalen Klassenkampf gegen den Imperialismus, also den imperialistischen Krieg in den revolution\u00e4ren B\u00fcrgerkrieg zu transformieren.<\/p>\n<p>Wenn also in der zugespitzten Krise die Bedeutung des Nationalstaates in den imperialistischen Zentren nicht zur\u00fcckgeht, sondern im Gegenteil gr\u00f6\u00dfer und gef\u00e4hrlicher wird, so stimmt es, dass in der \u201ePeripherie\u201c des Imperialismus, Staat und \u00d6konomie umso mehr (wenn auch in unterschiedlichen Abstufungen) zerr\u00fcttet werden. W\u00e4hrend in einigen extremen F\u00e4llen der Staat ganz fragmentieren kann, so wird er in anderen F\u00e4llen repressivere Z\u00fcge annehmen, die Hierarchie der \u201eung\u00fcnstigen Bedingungen\u201c von sich, auf noch unterlegenere Regionen und Nationen weiterreichen. Von daher ist die Zunahme nationaler Konflikte nicht Ausdruck von irrationalen Aufl\u00f6sungstendenzen oder R\u00fcckfall in \u201eethnizistischen Separatismus\u201c. Sie ist vielmehr die logische Konsequenz von realer Repression und Ausbeutung, die sich in nationaler, milit\u00e4rischer und \u00f6konomischer Form immer unertr\u00e4glicher macht.<\/p>\n<p>Sicherlich sind heute irrationale Verzweiflungsmomente in den \u201eanti-imperialistischen\u201c Bewegungen oder Aufst\u00e4nden h\u00e4ufiger, gerade weil die falschen Alternativen von Stalinismus und Dritte-Welt-Nationalismus gro\u00dfe Entt\u00e4uschung hinterlassen haben, ohne dass an ihre Stelle eine neue massenwirksame Systemalternative getreten w\u00e4re. Umso gr\u00f6\u00dfer w\u00e4re die Notwendigkeit, den Verzweifelten und Erniedrigten eine reale Perspektive zu geben, statt einfach ihre nationalistische Verblendung zu konstatieren.<\/p>\n<p>Ein typisches Beispiel ist der Pal\u00e4stina-Konflikt: Das selbst vollkommen abh\u00e4ngige und krisengesch\u00fcttelte Israel kann sich nur mithilfe einer apartheidlichen, brutalen milit\u00e4rischen Unterdr\u00fcckung gegen\u00fcber den Pal\u00e4stinensern halten. Gleichzeitig wird diese nationale Frage in der ganzen Region zum Hebel f\u00fcr Repression und diktatorische Regimes, wie auch zum Vorwand f\u00fcr imperialistische Milit\u00e4rpr\u00e4senz.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich liegt daher in der \u201enationalen Frage\u201c Pal\u00e4stinas eine ungeheure Sprengkraft f\u00fcr die gesamte, f\u00fcr den Imperialismus so wichtige Region. Ebenso ist klar, dass es keine b\u00fcrgerlich-nationale L\u00f6sung dieses Problems geben kann, die f\u00fcr wirklichen Frieden sorgt (au\u00dfer der Totalvernichtung irgendeiner Seite); denn die Errichtung eines lebensunf\u00e4higen pal\u00e4stinensischen Kleinstaates wird nur die Vorbereitung f\u00fcr die n\u00e4chste Stufe der Konfliktversch\u00e4rfung sein. Daher ist klar, dass nur ein multiethnisches, sozialistisches Pal\u00e4stina eine wirkliche L\u00f6sung f\u00fcr die Arbeiter und Bauern in der Region bedeuten kann; eine L\u00f6sung, die mit der imperialistischen Ordnung des gesamten Nahen Ostens nat\u00fcrlich in sch\u00e4rfsten Widerspruch steht.<\/p>\n<p>Trotzkis Perspektive der permanenten Revolution \u2013 nationale Konflikte im imperialistischen Zeitalter in antiimperialistische B\u00fcrgerkriege zu transformieren \u2013 bleibt daher weiterhin unvermeidlich. Diese Perspektive setzt jedoch eine starke, organisierte internationale Arbeiterbewegung voraus, die in den betroffenen Regionen auch die F\u00fchrung der nationalen Befreiungsk\u00e4mpfe \u00fcbernehmen kann. Fehlt diese Kraft, oder ist sie zu schwach, die b\u00fcrgerlich-nationalistische F\u00fchrung zu \u00fcberwinden, so wird dieser Kampf zwangsl\u00e4ufig eine reaktion\u00e4re Wende nehmen.<\/p>\n<p>Ohne daher Illusionen in irgendwelche \u201eV\u00f6lker\u201c und ihre \u201eF\u00fchrer\u201c, oder \u201enationale Befreiungsk\u00e4mpfe\u201c zu sch\u00fcren, gilt es Partei zu ergreifen gegen die imperialistische Kapitalverwertungsmaschine und ihren Unterdr\u00fcckungsapparat und gleichzeitig an der Alternative zu bauen, die den von ihren m\u00f6rderischen Verr\u00fccktheiten Betroffenen tats\u00e4chlich eine Perspektive bieten kann: einer weltweiten, kommunistischen Arbeiterinternationale zur sozialistischen Aufhebung des Kapitalverh\u00e4ltnisses.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><em><a href=\"http:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2017\/12\/29\/die-kritik-der-arbeit-und-das-raetsel-der-systemueberwindung\/\">Revolution\u00e4rer Marxismus 33 (2003)&#8230;<\/a><\/em><em> vom 17. Januar 2019<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Die Zeitschrift \u201eKrisis\u201c (als \u201eMarxistische Kritik\u201c begonnen) erscheint seit etwa 15 Jahren. Um sie gruppiert sich eine Str\u00f6mung, der neben Robert Kurz z.B. Ernst Lohoff, Norbert Trenkle und Franz Schandl angeh\u00f6ren. Wegen ihrer spezifischen regionalen Konzentration werden sie auch manchmal flapsig als \u201edie N\u00fcrnberger\u201c tituliert.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Justus Wertm\u00fcller, \u201eAbschied vom Kommunismus \u2013 ein antideutscher Showdown\u201c, bahamas, Nr.25, S.26, 1998.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Ein grundlegendes \u201ewertkritisches\u201c Werk von Postone, \u201eTime, labour and social domination \u2013 a reinterpretation of Marx\u2019s critical theory\u201c (1993) wird demn\u00e4chst von der \u201eKrisis\u201c-Gruppe auch auf Deutsch herausgebracht. In der deutschen Linken st\u00e4rker rezipiert wurde der Artikel \u201eLogik des Antisemitismus\u201c (1979).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Siehe z.B. den unter Computer-Kids so beliebten Artikel von Stefan Meretz, \u201eFreie Software ist wertlos \u2013 und das ist gut so!\u201c, in: Stefan Meretz, \u201eLinux+Co. Freie Software\u201c, Nue-Ulm, 2000.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Ernst Lohoff, \u201eDeterminismus und Emanzipation\u201c, in: Krisis, Nr.18, S.60, 1996.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Karl Kautsky, \u201eNationalstaat, imperialistischer Staat und Staatenbund\u201c, N\u00fcrnberg, 1915.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Rosa Luxemburg, \u201eDie Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur \u00f6konomischen Erkl\u00e4rung des Imperialismus\u201c, Werke Band 5, S.410f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Siehe: Ernest Mandel, \u201eDie langen Wellen im Kapitalismus\u201c, Ffm., 1983.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Robert Kurz, \u201eMarx 2000\u201c, in: Weg und Ziel, 2\/99, S.1.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> ebd., S.7.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Ernst Lohoff, \u201eDeterminismus und Emanzipation\u201c, in: Krisis, Nr.18.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Ernst Lohoff, \u201eKrise und Befreiung \u2013 Befreiung in der Krise\u201c, Krisis, Nr.18, S.110, 1996.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Ebenda<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Robert Kurz, \u201eMarx 2000\u201c, S.6.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Ernst Lohoff, \u201eHello Mr. Postman. Replik auf die Krisis-Kritik von Clemens Nachtmann\u201c, in Krisis Nr.20, S.158, 1998.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Robert Kurz, \u201eDas Ende der National\u00f6konomie\u201c, Beitrag f\u00fcr die Brasilianische Zeitung \u201eFOLHA\u201c, S.3, 1995.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Ernst Lohoff, \u201eHello Mr.Postman\u201c, in Krisis Nr. 20, S.159.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Lohoff, Krise und Befreiung, S.126.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> Ebd., S.104.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> Ebd., S.104.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref21\" name=\"_ftn21\">[21]<\/a> Ebd., S.120.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref22\" name=\"_ftn22\">[22]<\/a> Ebd., S.102.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref23\" name=\"_ftn23\">[23]<\/a> Robert Kurz, \u201eParanoia des Terrors\u201c, Erkl\u00e4rung zum 11. September 2001.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref24\" name=\"_ftn24\">[24]<\/a> Ebenda.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref25\" name=\"_ftn25\">[25]<\/a> Ebenda.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref26\" name=\"_ftn26\">[26]<\/a> Ebenda.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref27\" name=\"_ftn27\">[27]<\/a> Ebenda.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref28\" name=\"_ftn28\">[28]<\/a> T.Ebermann\/R.Trampert, \u201eDie Offenbarung der Propheten. \u00dcber die Sanierung des Kapitalismus, die Verwandlung linker Theorie in Esoterik, Bocksges\u00e4nge und Zivilgesellschaft\u201c, Hamburg, 1995.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref29\" name=\"_ftn29\">[29]<\/a> Robert Kurz, \u201eFeierabend\u201c, in \u201ekonkret\u201c, 1\/1994.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref30\" name=\"_ftn30\">[30]<\/a> Ebenda.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref31\" name=\"_ftn31\">[31]<\/a> Robert Kurz, \u201eHoneckers Rache. Zur politischen \u00d6konomie des wiedervereinigten Deutschland\u201c, Berlin 1991.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref32\" name=\"_ftn32\">[32]<\/a> Ebermann\/Trampert, siehe oben.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref33\" name=\"_ftn33\">[33]<\/a> Clemens Nachtmann, \u201eWenn der Weltgeist dreimal klingelt\u201c, in: \u201eKrisis\u201c Nr.20, 1998.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref34\" name=\"_ftn34\">[34]<\/a> T.Ebermann\/R.Trampert, \u201eDie Offenbarung der Propheten\u201c, S.54.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref35\" name=\"_ftn35\">[35]<\/a> Norbert Trenkle, Editorial von \u201eKrisis\u201c Nr.25.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref36\" name=\"_ftn36\">[36]<\/a> Alle Zitate aus: Theodor W. Adorno, \u201eNegative Dialektik\u201c, suhrkamp, 1966.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref37\" name=\"_ftn37\">[37]<\/a> Robert Kurz, \u201eMarx 2000\u201c, S.2.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref38\" name=\"_ftn38\">[38]<\/a> MEW 32, S. 552 f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref39\" name=\"_ftn39\">[39]<\/a> Georg Lukacs, \u201eZur Ontologie des gesellschaftlichen Seins. Die Arbeit\u201c, Luchterhand, 1973.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref40\" name=\"_ftn40\">[40]<\/a> Karl Marx, \u201eKritik des Gothaer Programms. Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei\u201c, in MEW Band 19, S.20.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref41\" name=\"_ftn41\">[41]<\/a> Karl Marx, \u201eGrundrisse der Kritik der politischen \u00d6konomie\u201c, MEW 42, S.603.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref42\" name=\"_ftn42\">[42]<\/a> Ebenda.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref43\" name=\"_ftn43\">[43]<\/a> Ebenda, S.607.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref44\" name=\"_ftn44\">[44]<\/a> ebd., S.224.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref45\" name=\"_ftn45\">[45]<\/a> MEW Erg\u00e4nzungsband I: \u201e\u00d6konomisch-philosophische Manuskripte\u201c, S.518.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref46\" name=\"_ftn46\">[46]<\/a> \u201eDas Kapital\u201c, 3.Band, MEW25, S.208.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Markus Lehner. Zu Theorie und Praxis der \u201eKrisis\u201c-Str\u00f6mung. Robert Kurz [* 24. Dezember 1943 in N\u00fcrnberg; \u2020 18. 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