{"id":4819,"date":"2019-01-22T11:23:44","date_gmt":"2019-01-22T09:23:44","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4819"},"modified":"2019-01-22T11:23:44","modified_gmt":"2019-01-22T09:23:44","slug":"blocher-und-der-mord-an-rosa-luxemburg-eine-deutsch-schweizerische-zeitreise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4819","title":{"rendered":"Blocher und der Mord an Rosa Luxemburg. Eine deutsch-schweizerische Zeitreise"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vor hundert Jahren ermordeten rechtsextreme Freikorps \u2013 mit Zustimmung von SPD-Reichswehrminister Gustav Nokse \u2013 die spartakistischen F\u00fchrungspersonen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Waldemar<!--more--> Pabst, der Organisator des Doppelmords, lebte von 1943 bis 1955 in der Schweiz. Von hier aus versorgte er die Wehrmacht mit Kriegsmaterial, betrieb Spionage und wirkte nach 1945 massgeblich am Aufbau einer faschistischen Internationale mit. Dabei wurde Pabst von einem m\u00e4chtigen Netzwerk aus dem Schweizer Herrschaftsapparat gedeckt und unterst\u00fctzt. Noch heute leben die Strukturen fort, die den Nazi-Verbrecher protegierten. H\u00f6chste Zeit, die Dinge beim Namen zu nennen.<\/strong><\/p>\n<p>K\u00fcrzlich wagte die NZZ ein heisses Eisen anzufassen. Im Artikel\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/schweiz\/asyl-fuer-einen-nazi-verbrecher-ld.1382412\">\u00abAsyl f\u00fcr einen Nazi-Verbrecher\u00bb<\/a>\u00a0beleuchtete die wieder deutlich nach rechts ger\u00fcckte Bourgeoiszeitung eines jener unz\u00e4hligen Kapitel der Schweizer Geschichte, die nicht so Recht zur angeblich humanit\u00e4ren Tradition dieses Landes passen wollen. Es ging n\u00e4mlich um das 1948 garantierte politische Asyl f\u00fcr Waldemar Pabst, seines Zeichens Organisator des Mords an Liebknecht und Luxemburg, ausserdem einer der Anf\u00fchrer des konterrevolution\u00e4ren Kapp-L\u00fctwitz-Putschs, Wehrwirtschaftsf\u00fchrer unter Hitler, Mittelsmann f\u00fcr legale wie illegale Waffengesch\u00e4fte sowie eine der umtriebigsten Figuren des internationalen Faschismus des 20. Jahrhunderts. Heiss ist das Eisen nicht nur, weil die NZZ anfangs der 1930er Jahre die sich formierenden faschistischen Gruppen als willkommene Partner im Kampf gegen links begr\u00fcsste und auch Pabst mitunter Respekt zollte. So habe er \u00absich manche Verdienste um die Heimwehr erworben, deren Organisation zum Teil sein Werk ist\u00bb. (Zur Erinnerung: Die \u00f6sterreichischen Heimwehren waren jene antisemitischen paramilit\u00e4rischen Verb\u00e4nde, die in der Zwischenkriegszeit die Arbeiterbewegung zu zerschlagen halfen und im Austrofaschismus polizeiliche Aufgaben \u00fcbernahmen.) Heiss ist das Eisen insbesondere, weil der Nazi-Verbrecher Pabst in der Schweiz auf unz\u00e4hlige Freunde und m\u00e4chtige Besch\u00fctzer z\u00e4hlen konnte und weil die politischen Vereinigungen, die Unternehmen und die \u00c4mter dieser Pabst-Freunde teils noch heute bestehen und bei voller Transparenz eine starke Verunreinigung ihrer noch nie weiss gewesenen Westen riskieren.<\/p>\n<p>Pabsts Schweizer Unterst\u00fctzer verkehrten in den h\u00f6chsten Etagen aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung, Armee und Polizei. Dank unerm\u00fcdlicher Forschung von Historiker*innen wie Doris Kachulle und Klaus Gietinger sind heute viele dieser Komplizen namentlich bekannt. Doch die NZZ gibt sich diskret und nennt nur gerade einen. Und zwar einen, der wegen seiner ausgesprochenen und hinl\u00e4nglich bekannten rechtsextremen Gesinnung ohne Verluste als Buhmann vorgef\u00fchrt werden kann: Eugen Bircher, Chirurg, Oberstdivision\u00e4r, Aargauer B\u00fcrgerwehrf\u00fchrer und Nationalrat der Bauern- Gewerbe- und B\u00fcrgerpartei (BGB, Vorl\u00e4uferin der SVP). Es scheint also angebracht, zum hundertsten Todestag von Luxemburg und Liebknecht jene Schweizer Namen und Strukturen zu benennen, die daf\u00fcr gesorgt haben, dass Waldemar Pabst als Befehlshaber des Doppelmordanschlags ungestraft blieb.<\/p>\n<p><strong>\u00abEiner muss der Bluthund werden\u00bb \u2013 wie die SPD \u00abdie Demokratie verteidigt\u00bb<\/strong><\/p>\n<p>Der aktuelle Niedergang der deutschen Sozialdemokratie l\u00e4sst sich nicht nur an den historisch abgr\u00fcndigen Wahlresultaten ablesen, sondern auch an den ungeschickten Tweets des Parteiorgans \u00abVorw\u00e4rts\u00bb. Zum Spartakusaufstand 1919 zwitscherte der Vorw\u00e4rts unl\u00e4ngst ganz ohne Scham: \u00abDie SPD verteidigt die Demokratie \u2013 auch mit Hilfe des Milit\u00e4rs\u00bb. Die Milit\u00e4rhilfe f\u00fcr die damaligen Machthaber der Mehrheitssozialdemokraten (MSPD) leisteten bekanntlich von der Front heimgekehrte Truppen, die sich in rechtsextremen, pr\u00e4faschistischen Freikorps sammelten.<\/p>\n<p>Selbst wenn der Vorw\u00e4rts nicht diese Paramilit\u00e4rs, sondern das halbwegs regul\u00e4re Milit\u00e4r meinte, w\u00fcrde es die Sache nicht besser machen. Denn der erste Generalstabsoffizier der preussischen \u00abGarde-Kavallerie-Sch\u00fctzen-Division\u00bb, also jener Einheit, die 1918\/1919 in Berlin die revoltierenden Volksmassen und die Spartakist*innen dahinschlachtete, war niemand Geringeres als Waldemar Pabst. Mit der \u00abHilfe des Milit\u00e4rs\u00bb, d.h. nachdem Pabst von Gustav Noske, dem MSPD-Volksbeauftragten f\u00fcr Heer und Marine, die Einwilligung bekam, wurden auch Luxemburg und Liebknecht ermordet. Konkret hatten Pabsts Leute die beiden Kommunist*innen entf\u00fchrt, verh\u00f6rt und dabei schwer misshandelt. Im Anschluss schlug ein Soldat Luxemburg zwei mal seinen Gewehrkolben ins Gesicht, bevor sie per Kopfschuss gerichtet und sp\u00e4ter in den Landwehrkanal geworfen wurde. Liebknecht erschossen die Reaktion\u00e4re mit drei Kugeln im Tiergarten. Als die \u00abRote Fahne\u00bb, die Zeitung der jungen KPD, das Verbrechen aufzuarbeiten begann und Waldemar Pabst bereits als Verd\u00e4chtigen nannte, wurde der Chefredakteur Leo Jogiches verhaftet und in der Arrestzelle per Kopfschuss polizeilich hingerichtet. Verschiedene SPD-Zeitungen logen darauf, \u00abeiner der gef\u00e4hrlichsten F\u00fchrer der Spartakisten\u00bb habe im Gef\u00e4ngnis Soldaten angegriffen und sei aus Notwehr erschossen worden.<\/p>\n<p>Noch bis vor Kurzem leistete sich die \u00e4lteste Partei Deutschlands eine Historikerkommission, die solche schmutzigen Geschichten etwas eleganter zu verschachteln wusste. Doch diese Kommission ist nun von Andrea Nahles abgeschafft worden und so tritt das Wesen der deutschen Sozialdemokratie wieder ganz unverf\u00e4lscht zutage. Fast so unverf\u00e4lscht, wie es Sozialdemokrat Noske schon 1919 zum Ausdruck brachte, als er zu Genosse Reichspr\u00e4sident Friedrich Ebert, der selber keinen Mordbefehl aussprechen wollte, sagte: \u00abEiner muss der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht!\u00bb<\/p>\n<p><strong>Pabsts Ziel: Ein Staatenbund des europ\u00e4ischen Faschismus<\/strong><\/p>\n<p>Der Mord an Luxemburg und Liebknecht war f\u00fcr den damals 39-j\u00e4hrigen Pabst freilich keine Verteidigung der Demokratie, deren Feind er ja war. So beteiligte sich der Militarist bereits ein Jahr sp\u00e4ter federf\u00fchrend am Kapp-L\u00fcttwitz-Putsch gegen die junge Weimarer Republik. F\u00fcr Pabst und seine Getreuen beugte sich die Republik zu sehr den Demobilisierungs- und Abr\u00fcstungsbestimmungen des Versailler Vertrags. Da der Umsturz scheiterte, floh Pabst nach \u00d6sterreich, wo er bis 1930 lebte und politisch wirkte. In \u00d6sterreich fand Pabst ein ideales Terrain vor, das nur noch wenig Bearbeitung bedurfte, bis es faschistische Fr\u00fcchte trieb. Zur Unterst\u00fctzung und Faschisierung der Paramilit\u00e4rs der Heimwehr erhielt der Mussolini-Bewunderer Pabst ab 1922 grosse Geldsummen aus dem faschistischen Italien. Auch verschiedene \u00f6sterreichische und deutsche Waffenindustrielle unterst\u00fctzten ihn dabei.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in Deutschland gr\u00fcndete Pabst die \u00abGesellschaft zum Studium des Faschismus\u00bb. Diese elit\u00e4re Vereinigung stellte ein Bindeglied zwischen konservativen Kreisen aus Milit\u00e4r, Wirtschaftsverb\u00e4nden und der Presse einerseits und der NSDAP andererseits dar. Bereits drei Jahre nach Pabsts R\u00fcckkehr nach Deutschland, wurde die Staatsmacht an Adolf Hitler \u00fcbertragen. Doch dessen NSDAP empfand Pabst zun\u00e4chst als wenig attraktiv. Er war der Meinung, die Partei \u00fcbertreibe mit ihrer grossdeutschen Allmachtsfantasie. Pabsts Ziel war nicht die Dominanz eines einzigen Staates, sondern ein Staatenbund des europ\u00e4ischen Faschismus. So schlug er einen Leitungsposten in der Hitler-Partei aus und schmiedete stattdessen weiterhin an seinen Pl\u00e4nen f\u00fcr eine faschistische Internationale.<\/p>\n<p><strong>Als Waffenhandelsmanager und \u00abWehrwirtschaftsf\u00fchrer\u00bb in der Schweiz<\/strong><\/p>\n<p>Bald darauf trat Pabst den Posten eines Direktors bei der R\u00fcstungsfirma Rheinmetall-Borsig an und avancierte zum Verkaufschef, der die ausl\u00e4ndischen Waffengesch\u00e4fte abwickelte. Kurz vor Beginn des deutschen \u00dcberfalls auf Polen wurde er \u2013 trotz Differenzen zur Systempartei \u2013 zum Wehrwirtschaftsf\u00fchrer berufen. Zuvor hatte sich Pabst als sehr effizienter Waffenhandelsmanager bew\u00e4hrt \u2013 insbesondere mit Gesch\u00e4ften \u00fcber die Schweiz. So leitete er ab Januar 1934 die Waffenfabrik Solothurn. Diese hatte Rheinmetall-Borsig 1929 gegr\u00fcndet mit dem Zweck, die Verbote und Einschr\u00e4nkungen des Versailler Vertrages zu umgehen. So diente die Solothurner Waffenfabrik in der Zwischenkriegszeit als Tarnfirma f\u00fcr die Weiterentwicklung deutscher \u2013 aber als schweizerisch deklarierter \u2013 Waffen und f\u00fcr deren Export.<\/p>\n<p>Die Erzeugnisse aus Solothurn gingen fast ausschliesslich an s\u00fcdamerikanische Diktaturen und an autorit\u00e4r oder faschistisch regierte Staaten Europas. Auch rechte paramilit\u00e4rische Verb\u00e4nde wurden im grossen Stil versorgt. So etwa die protofaschistische \u00f6sterreichische Heimwehr, die 1932 nicht weniger als f\u00fcnfzig G\u00fcterwaggons voller Solothurner Waffen erhielt. Verwaltungsrat (und zeitweise VR-Pr\u00e4sident) der todbringenden Fabrik war bis zu seiner Wahl in den Bundesrat im Jahr 1935 der Solothurner FDP-Regierungsrat Hermann Obrecht. Sp\u00e4ter distanzierte sich Obrecht halbherzig von seinem einstigen Amt und meinte lapidar, dieses sei \u00abbei einem Politiker ein Sch\u00f6nheitsfehler\u00bb. Im Juni 1938 \u00fcbernahmen die \u00abReichswerke Hermann G\u00f6ring\u00bb die Aktienmehrheit der Rheinmetall-Borsig und damit auch der Waffenfabrik Solothurn. Diese war nun also ein Staatsbetrieb Nazideutschlands. Das behinderte aber keinesfalls die Weiterproduktion in der neutralen Schweiz. Die Waffenfabrik Solothurn wurde erst 1948 als Folge des Washingtoner Abkommens, das die alliierten Siegerm\u00e4chte der Schweiz auferlegten, liquidiert.<\/p>\n<p><strong>\u00abUnbedingt im schweizerischen Interesse erforderlich\u00bb \u2013 Pabsts Tarnfirmen im Schutz des Obwaldner Filzes<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 1940 verliess Pabst Rheinmetall-Borsig. Mit der grossz\u00fcgigen Abfindung von Rheinmetall kaufte sich Pabst zum Hauptgesellschafter der \u00abAuslandshandel GmbH\u00bb und gr\u00fcndete im Jahr 1942 in Sarnen im Kanton Obwalden die Im- und Exportfirma \u00abSfindex\u00bb. Die Auslandshandel GmbH und die Sfindex fungierten als symbiotische Tarnfirmen, die der R\u00fcstungsindustrie Nazideutschlands dringend ben\u00f6tigte Rohstoffe und Maschinen aus neutralen Staaten besorgten \u2013 insbesondere aus der Schweiz. Wenn n\u00f6tig wurden hierf\u00fcr auch R\u00fcstungsexportgesetze umgangen. Auch dienten beide Firmen der Wirtschaftsspionage und anderen kriminellen Gesch\u00e4ftspraktiken. Nach dem deutschen Ostfeldzug 1941 sorgte die Sfindex etwa f\u00fcr die Umleitung von f\u00fcr Russland bestimmten Landmaschinen aus der Schweiz. Die Sfindex geh\u00f6rte offiziell aber nicht Pabst, sondern dem Letten Gregori Messen-Jaschin, der zusammen mit zwei Schweizer Strohm\u00e4nnern den Verwaltungsrat stellte. Messen-Jaschin stammte urspr\u00fcnglich aus der Ukraine, floh nach der Russischen Revolution aber nach Westeuropa. Auch er stand sp\u00e4testens ab 1939 offiziell im Dienst der nationalsozialistischen Wehrwirtschaft. Das Innerschweizer Dorf Sarnen w\u00e4hlte Messen-Jaschin als Standort, weil sein dortiger Rechtsberater Walter Amstalden gleichzeitig katholisch-konservativer Regierungsratspr\u00e4sident, St\u00e4nderat, Pr\u00e4sident der Obwaldner Kantonalbank, Erziehungsratspr\u00e4sident, Polizeidirektor, ehemaliger Chefredakteur des Lokalblatts sowie ehemaliger Staatsanwalt \u2013 also quasi der Alleinherrscher von Obwalden war.<\/p>\n<p>Wegen seiner Sfindex reiste Pabst ab 1941 sehr oft in die Schweiz. Hier gefiel es ihm so gut, dass er sich 1943 dauerhaft niederliess. Von der Schweizer Gesandtschaft in der Reichshauptstadt Berlin erhielt Pabst ein Drei-Monats-Visum, das er st\u00e4ndig verl\u00e4ngern konnte. Dieselbe Gesandtschaft tat dem Gesch\u00e4ftsmann den Gefallen, seine Post aus Deutschland \u00fcber die eidgen\u00f6ssische diplomatische Kurierpost nach Sarnen zuzustellen. Dies war bedeutend schneller und sicherer als der \u00fcbliche Postweg. Verantwortlich f\u00fcr diese bevorzugte Behandlung war der nazifreundliche Minister und Schweizer Gesandte in Berlin Dr. Hans Fr\u00f6licher. Dieser schrieb 1942 an die Fremdenpolizei in Bern, Pabsts Reisen seien \u00abunbedingt im schweizerischen Interesse erforderlich\u00bb. Unbestritten war Pabsts T\u00e4tigkeit im Interesse des schweizerischen Metall- und Maschinenkapitals. Pabst behauptete jedenfalls, er habe Schweizer Industriebetrieben wie der Maschinenbaufirma R\u00fcti, der Hispano-Suiza oder der Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon ein Auftragsvolumen von \u00fcber 12 Millionen Franken beschert.<\/p>\n<p><strong>Enttarnung Pabsts l\u00f6st Emp\u00f6rung aus<\/strong><\/p>\n<p>Lange wusste die \u00d6ffentlichkeit nichts von seiner Pr\u00e4senz und seinem Treiben in der Schweiz. Doch am 22. September 1944 war Schluss mit der Anonymit\u00e4t. Grund war ein Artikel der Z\u00fcrcher SP-Zeitung Volksrecht, in dem es hiess: \u00abDie Tyrannen und ihre Anh\u00e4nger, denen es in Europa von Tag zu Tag heisser wird [&#8230;], schielen nach unserem Lande und suchen hier Aufnahme. Wie in Bern zu h\u00f6ren war, soll sich auch der ber\u00fcchtigte Putschmajor Pabst in die Schweiz gefl\u00fcchtet haben, jener Pabst, der 1919 vom Hotel Eden in Berlin aus die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg leitete.\u00bb Der Volksrecht-Artikel l\u00f6ste eine riesige Emp\u00f6rung aus, so dass selbst Justizminister Eduard von Steiger (BGB) intervenierte. Er verlangte von der Bundesanwaltschaft ein Verh\u00f6r Pabsts und, falls eine Mitverantwortung am Doppelmord festgestellt werde, seine sofortige Ausweisung.<\/p>\n<p>Ende April 1944 musste sich Pabst erstmals vor einer schweizerischen Beh\u00f6rde erkl\u00e4ren. Doch im Verh\u00f6r leugnete Pabst jede Verantwortung am Doppelmord vom 15. Januar 1919 und es gelang ihm sogar, den Inspektor der Bundeswanwaltschaft f\u00fcr sich zu gewinnen. Eine Ausweisung war damit vom Tisch. Doch v\u00f6llig unbek\u00fcmmert konnte Pabst nicht bleiben. Zumal nun das Armeekommando berichtete, dass seri\u00f6se, verschiedene und \u00abkeineswegs links stehende\u00bb Quellen Pabsts Verantwortung am Doppelmord best\u00e4tigten. Zudem brachte der milit\u00e4rische Nachrichtendienst in Erfahrung, dass Pabst im Jahr 1920 als \u00abn\u00e4chster Mitarbeiter [des] Reichswehrministers Noskes\u00bb den Kapp-L\u00fcttwitz-Putsch organisiert habe. In \u00d6sterreich habe Pabst, so das Armeekommando bestens informiert, den Waffenschmuggel aus Bayern geleitet und u.a. mit Hilfe italienischer Gelder die Heimwehr \u00absystematisch\u00bb in \u00abfaschistische Bahnen\u00bb geleitet. Pabst, der ein \u00ab\u00e4usserst gef\u00e4hrliches Element\u00bb sei, sei ausserdem ein \u00abengster Vertrauter von Heinrich Himmler [&#8230;]. Seine Intelligenz, Organisationsgabe und die seltene Geschicklichkeit, seine wahren Absichten zu tarnen, erh\u00f6hen seine Gef\u00e4hrlichkeit.\u00bb Just in diesem heiklen Moment setzte sich der Oberst und BGB-Nationalrat Eugen Bircher f\u00fcr Pabst ein.<\/p>\n<p><strong>\u00abKamerad Bircher\u00bb mit Pabst am Aarauer Sch\u00fctzenfest<\/strong><\/p>\n<p>Bircher sprach beim Jutizministerium vor und sagte, er kenne Pabst schon seit 1919, als er noch in Diensten Noskes gestanden habe. Bircher versicherte zudem, der SPD-Mann Noske habe sich ihm gegen\u00fcber \u00absehr lobenswert \u00fcber diesen Offizier\u00bb ge\u00e4ussert. 1924 habe man sich ausserdem am Aarauer Sch\u00fctzenfest getroffen, wo Pabst mit einigen \u00f6sterreichischen Heimwehrlern am Zielschiessen teilgenommen habe.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich kannten sich Bircher und Pabst schon lange. Bircher war 1918 \u00fcber die Grenzen hinaus bekannt geworden, als er als Reaktion auf den schweizerischen Landesstreik im Amphitheater Vindonissa im Kanton Aargau rund 12&#8217;000 Rechte versammelt und die Schweizerische Vaterl\u00e4ndische Vereinigung als nationaler Verband aller B\u00fcrgerwehren aus der Traufe gehoben hatte. Seither hielt Bircher Kontakt mit f\u00fchrenden Reaktion\u00e4ren verschiedener L\u00e4nder. Einst wurde gegen den Oberstleutnant sogar wegen des Verdachts ermittelt, er habe Adolf Hitlers Putschversuch von 1923 unterst\u00fctzt. Eine Zeitung, die ihn daf\u00fcr kritisierte, nannte er \u00abSaujudenblatt\u00bb. 1931 schrieb Pabst an den \u00abKamerad Bircher\u00bb und unterbreitete dem Oberst seine Pl\u00e4ne einer \u00abWeissen Internationale\u00bb (WI). Diese Organisation sollte demn\u00e4chst, so Pabst zum Aargauer, der \u00abihnen bekannte Herzog Sachsen-Coburg-Gotha \u00fcbernehmen, womit wir ja eine Pers\u00f6nlichkeit bekommen, die sowohl im Nationalsozialismus wie im Stahlhelm fest verankert ist.\u00bb Pabst wollte Bircher als Chef der Schweizer Freikorps dabeihaben und fragte, ob er und seine Verb\u00e4nde \u00abbei der Sache mitmachen\u00bb. Bircher antwortete postwendend, doch meinte er, dass seine B\u00fcrgerwehren \u00abkaum in der Lage sein werden, hier irgendwie aktiv mitzumachen.\u00bb Seine politische Stellung erfordere zudem, \u00abmit \u00e4usserster Vorsicht an Verbindungen mit dem Auslande heranzutreten.\u00bb Gleichwohl pl\u00e4dierte Bircher f\u00fcr die Weiterf\u00fchrung des Nachrichtenaustauschs mit seinem deutschen Freund. Und \u00abpers\u00f6nlich\u00bb sei er an der Weissen Internationale durchaus interessiert.<\/p>\n<p><strong>Fremdenpolizeichef Rothmund \u00fcber Papst: Ein \u00abGegner des NS\u00bb und ein \u00abloyaler und anst\u00e4ndiger Mensch\u00bb<\/strong><\/p>\n<p>Wohl wegen der alarmierenden Einsch\u00e4tzung des Milit\u00e4rkommandos folgte im Dezember 1944 trotz allem ein zweites Verh\u00f6r Pabsts. Wieder leugnete er jede Beteiligung an der Ermordung Luxemburgs und Liebknechts und stellte sich dar\u00fcber hinaus als Hitlergegner dar. Das erneute Verh\u00f6r \u00e4rgerte Pabst sehr. Es sei ihm \u00abunverst\u00e4ndlich, dass jetzt nach 26 Jahren sich in der Schweiz Menschen finden, welche die Sache der Todfeinde der deutschen Demokratie und der deutschen Sozialdemokratie Liebknecht und Rosa Luxemburg zu der Ihren machen.\u00bb Dem Untersuchungsbeamten bl\u00e4ute er ein, dass ein Sieg der deutschen Kommunisten 1918\/1919 weitreichende Folgen gehabt und diese Entwicklung nicht \u00abbei Basel oder Konstanz Halt gemacht\u00bb h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Wieder durfte Pabst bleiben. Hierf\u00fcr sorgten auch seine m\u00e4chtigen Schweizer Freunde. Vor allem Eugen Bircher legte sich ins Zeug. Pabst habe der Schweiz verschiedene Wohltaten f\u00fcr Handel und Diplomatie erwiesen. Zudem seien einige der Anti-Hitler-Verschw\u00f6rer um Stauffenberg seine besten Freunde. In Deutschland gelte er daher als Staatsfeind. Das Kunstst\u00fcck aber, Pabst endg\u00fcltig zum Widerstandk\u00e4mpfer umzudeuten, vollbrachte dessen Gesch\u00e4ftsfreund Gregori Messen-Jaschin.<\/p>\n<p>Auch Heinrich Rothmund, Fremdenpolizeichef sowie Chef der Polizeiabteilung des Eidgen\u00f6ssischen Justiz- und Polizeidepartement (EJPD), erkl\u00e4rte Pabst geradeaus zum \u00abGegner des NS\u00bb. Nat\u00fcrlich wusste Rothmund, dass Pabst zwar gewisse Differenzen zu Hitler hatte, doch alles andere als ein NS-Gegner war. Der oberste Polizist der Schweiz kannte Pabst schliesslich schon seit Langem, verkehrte mit ihm und anderen Nazigr\u00f6ssen etwa 1942 auch privat in Berlin. Damals besichtige Rothmund in offizieller Funktion das KZ Sachsenhausen und sprach sich bei dieser Gelegenheit gegen die Judenvernichtung aus, obwohl auch die Schweiz \u00abdie Gefahr der Verjudung von jeher deutlich erkannt habe\u00bb. Doch Vernichtung sei falsch, meinte Rothmund, denn man k\u00f6nne den Juden \u2013 unter Umst\u00e4nden \u2013 auch \u00abals n\u00fctzliches Glied der Volksgemeinschaft\u00bb brauchen. Zudem f\u00fchre die Vernichtungsmethode nur dazu, \u00abuns letztendlich die Juden auf den Hals [zu] jage[n].\u00bb<\/p>\n<p>Deshalb ging Antisemit Rothmund in der Schweiz einen anderen Weg. Als Chef der Fremdenpolizei war er massgeblich f\u00fcr die Grenzpolitik der Schweiz im Zweiten Weltkrieg verantwortlich. Deutsche Juden wurde normalerweise nicht als politische Fl\u00fcchtlinge aufgenommen. Selbst nach den Novemberpogromen 1938 wurden j\u00fcdische Fl\u00fcchtlinge an der Grenze abgewiesen, wenn sie nicht vorher einen bewilligungspflichtigen Spezialantrag gestellt hatten. Im Januar 1945 schrieb nun Pabst-Freund Rothmund sogar an den Bundesrat und belehrte diesen, dass es nur auf \u00abNebenwege\u00bb f\u00fchre, wenn man die \u00abBeseitigung\u00bb Luxemburgs und Liebknechts in Verbindung mit Pabst zu bringen versuche. Pabst sei n\u00e4mlich ein \u00abloyaler und anst\u00e4ndiger Mensch\u00bb, einst zwar ein \u00abHeisssporn\u00bb k\u00f6nne er heute \u00abals ernstlicher Gegner des Nationalsozialismus und als \u00fcberzeugter Freund der Schweiz betrachtet werden\u00bb.<\/p>\n<p>Ein weiterer m\u00e4chtiger Freund von Pabst war der Herr Dr. Ernst Feisst, Chef des eidgen\u00f6ssischen Kriegs- und Ern\u00e4hrungsamts (EKE). \u00abAls Schweizer in leitender Stellung hat er aus seiner positiven Einstellung zum Dritten Reich seit Jahren nie einen Hehl gemacht\u00bb, notierte der deutsche Gesandte in Bern \u00fcber den BGB-Politiker Feisst. Dieser wiederum dankte Pabst einst auch daf\u00fcr, ihm beste Zuchtpferde f\u00fcr seinen Reitstall besorgt zu haben. Und so erkl\u00e4rte auch Feisst \u00f6ffentlich, sein Freund Pabst sei ein Kritiker von Hitlers Russlandfeldzug.<\/p>\n<p><strong>Chef der Bundespolizei f\u00fcr Pabsts \u00abInternierung\u00bb in Nobelhotels<\/strong><\/p>\n<p>Immer zahlreicher wurden die Stimmen, die Pabst zum \u00fcberzeugten Nazigegner und Schweiz-Freund verkl\u00e4rten. So erstaunt es kaum, dass Eugen Bircher nun dem Bundesrat vorschlug, seinen Kameraden als \u00abpolitischen Fl\u00fcchtling\u00bb aufzunehmen. Doch Justizminister von Steiger war anderer Meinung und verweigerte eine Aufnahme.<\/p>\n<p>Umso g\u00fcnstiger erwies sich deshalb die Erkrankung von Pabsts Gattin Helma. Solange sie akut lungenkrank war, wollte die Schweiz Pabst nicht ausweisen. Im Februar 1945 starb Helma Pabst. Der Wittwer aber durfte bleiben. Doch wie lange noch war ungewiss. Und so schaltete sich ein weiterer Pabst-Freund ein. Werner Balsiger, Chef der Bundespolizei, schlug vor, Pabst nicht wie einen normalen Fl\u00fcchtling in einem Lager zu internieren, sondern in einem Nobelhotel: \u00abWir m\u00f6chten vorschlagen, Pabst unter 1 A einzureihen.\u00bb Balsiger wusste Pabst und sein Umfeld sehr zu sch\u00e4tzen. Von Birchers Schweizerischem Vaterl\u00e4ndischen Verband (SVV) etwa, der seit seiner Gr\u00fcndung die Linke ausspitzelte und sp\u00e4ter in direktem Kontakt zur Gestapo stand, erhielt die Bundesanwaltschaft seit den 1920er Jahren denunziatorisches Material \u2013 darunter Hinweise und Personenlisten von illegal in der Schweiz lebenden deutschen Linken.<\/p>\n<p>Pabst weilte unterdessen bereits in einem Nobelhotel \u2013 wenn auch noch auf eigene Kosten. Im Schlosshotel Locarno verfasste er eine Verteidigungsrede: Er habe es immer gut gemeint mit der Schweiz, h\u00e4tte sie auch gewarnt, falls Hitler sie einnehmen h\u00e4tte wollen, etc. Verschiedene offizielle Stellen waren beeindruckt. Doch wieder funkte das Armeekommando dazwischen. In einem Zwischenbericht hielt es n\u00e4mlich fest, Pabst sei der \u00abPrototyp des milit\u00e4rpolitischen Konspirators. Im Ersten Weltkrieg war er einer der intimsten Mitarbeiter des Chefs der deutschen Milit\u00e4rspionage [&#8230;]. Unter Hitler lebte Pabst ungeniert in Deutschland. [&#8230;] Dass Pabst zu dem nationalsozialistischen Regime in Deutschland zum Widerspruch stehen soll, ist nicht glaubhaft. Sicher ist dagegen, dass Pabst, der ein heimt\u00fcckischer Gegner der Demokratie ist, jedem demokratischen Staat Widerstand bereiten wird, sobald sich ihm dazu Gelegenheit bietet. Pabst versteht es ausgezeichnet, sich in das Vertrauen wichtiger Amtspersonen einzuschmeicheln.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Oberster Bundespolizist vereitelt Pabsts Auslieferung<\/strong><\/p>\n<p>Der Weltkrieg war unterdessen beendet und Frankreich verlangte von der Schweiz die Auslieferung verschiedener Kriegsverbrecher. Auf einer entsprechenden Liste war auch Pabst vermerkt, der nun in den Hotels am Lago Maggiore als \u00abinterniert\u00bb galt. Doch als die Schweizer Beh\u00f6rden den Franzosen einige der Gesuchten \u00fcbergaben, war Pabst nicht unter dieser Gruppe. Dies durfte der Nazi seinem Freund Werner Balsiger verdanken. Der oberste Bundespolizist ignorierte schlichtweg das franz\u00f6sische Auslieferungsgesuch und hielt es dar\u00fcber hinaus vor dem Bundesrat geheim. Dennoch erhielt Pabst nun endlich ein Ausreiseersuchen. Justizminister von Steiger bat ihn, bis Mitte Juni 1945 die Schweiz zu verlassen. Diese Z\u00e4sur veranlasste Pabsts Schweizer Freunde, eine Aktivit\u00e4t von ungew\u00f6hnlichem Ausmass zu entfalten. Unz\u00e4hlige Empfehlungsschreiben und Bettelbriefe wurden verschickt. Im katholisch-konservativen Milieu etwa der Zentralschweiz kam es dabei gut an, dass sich der Umstrittene in Ascona katholisch taufen liess.<\/p>\n<p>Neukatholik Pabst reiste fortan \u2013 trotz Internierung \u2013 durch die halbe Schweiz und besuchte Freunde. So auch Hans Klein in Meggen am Vierwaldst\u00e4ttersee. Klein war deutsch-chinesischer Doppelb\u00fcrger und chinesischer Generalkonsul in der Schweiz. Dieser ehemalige Angeh\u00f6rige der Reichswehr und F\u00f6rderer der \u00abSchwarzen Reichswehr\u00bb t\u00e4tigte ab 1939 von Meggen aus Waffengesch\u00e4fte vor allem f\u00fcr Chiang Kai-shek, den nationalistischen Gegenspieler Maos. Ausserdem waltete er in Meggen als Verm\u00f6gensverwalter des franz\u00f6sischen Nazi-Kollaborateurs und einstigen Ministerpr\u00e4sidenten Pierre Laval. Ebenso verwaltete Klein das in der Schweiz auf Geheimfonds transferierte Kapital der Nazigeheimdienste. \u00abChina-Klein\u00bb, wie man ihn \u00fcberall nannte, verf\u00fcgte insgesamt \u00fcber rund 900 Millionen Schweizer Franken. Sp\u00e4ter wechselte der einstige Nazifinanzverwalter zu Oerlikon B\u00fchrle und in den 1950er Jahren zum Lichtensteiner \u00abOctogon Trust\u00bb zur Wiederaufr\u00fcstung Deutschlands.<\/p>\n<p><strong>Schmeicheln und betteln bei den Siegerm\u00e4chten<\/strong><\/p>\n<p>In der Diplomatenvilla von Generalkonsul Klein f\u00fchlte sich Pabst geborgen. Zumal bei ihm ein neues Ausreiseersuchen auf den 15. September 1945 eintraf. Pabst teilte den Schweizer Beh\u00f6rden nun mit, er stecke mitten in Verhandlungen mit Briten und Amerikanern. Insbesondere von den Amerikanern erhoffte er sich Milde und sogar eine Aufnahme in der US-Kriegswirtschaft, den Nachrichtendiensten oder \u00c4hnlichem. Zudem wandte sich Pabst an den deutschen Alt-Kanzler Joseph Wirth, der als Vertreter des linken Fl\u00fcgels der Zentrumspartei und als ausgesprochener Gegner des NS seit 1933 in der Schweiz lebte. Pabst schrieb an Wirth: \u00abLassen sie mich mitarbeiten, geben Sie mir Gelegenheit, durch Taten unter Beweis zu stellen, dass ich ein guter, echter Demokrat und ein \u00fcberzeugter Europ\u00e4er geworden bin.\u00bb Mit solch billiger Heuchelei umgarnte Pabst auch Wirth erfolgreich. Mehrmals traf er sich mit dem Zentrumspolitiker. Einmal stellte der Alt-Kanzler dann doch noch die Gretchenfrage betreffend der beiden gemeuchelten Berliner Kommunist*innen. Wieder gab Pabst zur Antwort, er habe nichts damit zu tun, doch sei die Tat ohnehin kein Mord gewesen, sondern \u00fcberall als Befreiung begr\u00fcsst worden \u2013 \u00abauch von den F\u00fchrern der Mehrheitssozialdemokratie\u00bb.<\/p>\n<p>Unterdessen siedelte Pabst von Kleins Villa ins benachbarte Luzern \u00fcber, wo er in einem gediegenen Sanatorium residierte. Bald folgte aber der Umzug ins Hotel L\u00f6wen in Escholzmatt, seinen neuen Internierungsgasthof. Von dort aus schrieb er Balsiger, dem Chef der Bundespolizei, der einst vorgeschlagen hatte, Pabst \u00abunter 1a einzureihen\u00bb. Der Nazi dankte dem Polizisten w\u00f6rtlich f\u00fcr \u00abdas Wohlwollen und das Interesse, welches Sie mir stets entgegenbringen.\u00bb Im katholischen Luzerner D\u00f6rfchen Escholzmatt hatte Pabst seine Ruhe. Bloss einmal tauchte ein Paparazzo im Hotel auf und fotografierte ihn zusammen mit seiner Sekret\u00e4rin am Fr\u00fchst\u00fcckstisch. Dies erz\u00fcrnte Pabst so sehr, dass er die Dorfpolizei kommen liess, welche den Fotografen prompt wegwies und seine Kamera samt Film f\u00fcr immer konfiszierte. Dieser Vorfall f\u00fchrte zu einem Aufschrei selbst der konservativen Schweizer Presse. \u00dcberall fragte man sich, wer wohl die sch\u00fctzenden \u00abG\u00f6ttis\u00bb seien, auf die Pabst so verl\u00e4sslich z\u00e4hlen konnte. Pabst aber blieb weiterhin in der Schweiz.<\/p>\n<p><strong>\u00abHerzmuskelschw\u00e4che\u00bb und ein \u00abLeistenbruch\u00bb verhindern Ausweisung<\/strong><\/p>\n<p>Ende Januar 1946 folgte die dritte Aufforderung, das Land zu verlassen, nun erstmals als \u00abBefehl\u00bb formuliert. Doch jetzt setzte sich auch noch der katholische Luzerner Nationalrat Dr. Karl Wick f\u00fcr den Verbrecher ein. Pabst habe der Schweiz als einzigem neutralen Land das Verfahren zur Herstellung von Stahl- statt Messinggranaten verschafft. Das habe man nun zu w\u00fcrdigen, so Wick. Dennoch schien Pabsts Zukunft weiterhin fragil. Doch er wusste sich zu helfen. Pabst wurde krank. Dem 64-J\u00e4hrigen attestierten befreundete \u00c4rzte eine Herzmuskelschw\u00e4che sowie einen Leistenbruch. Prompt wurde Pabsts Ausreisefrist um einen Monat verl\u00e4ngert.<\/p>\n<p>Nun war es wieder Zeit f\u00fcr Bundespolizeichef Balsiger, der erneut f\u00fcr die Gew\u00e4hrung von politischem Asyl pl\u00e4dierte. Schliesslich stehe Pabst auf der Gesuchtenliste der Franzosen. Jutizminister von Steiger wusste bis anhin nicht, dass Pabst auf dieser Liste stand. Balsiger hatte es ihm verschwiegen. Doch anstatt den Bundespolizisten daf\u00fcr zu massregeln, knickte von Steiger ein. Der Bundesrat schlug sogar vor, Pabst mittels eines plombierten Diplomatenzuges durch die franz\u00f6sische in die britische Besatzungszone Deutschlands zu schleusen. Also analog zum Vorgehen, mit dem man einst schon Lenin losgeworden war. Doch das Aussenministerium hatte letztlich doch zu grosse Sicherheitsbedenken. Bei einer solchen Zugfahrt w\u00e4re das Entf\u00fchrungsrisiko durch die Franzosen zu hoch gewesen, war es der Meinung.<\/p>\n<p>Pabst, noch immer von der Auslieferung bedroht, spielte nun den todkrank Sterbenden. Er war unterdessen in der gediegenen Luzerner St. Anna-Klinik untergebracht \u2013 Seesicht inklusive. Einer seiner vielen \u00c4rzte \u2013 auch sein guter Kamerad Dr. Bircher betreute ihn \u2013 attestierte ihm nun sogar einen Herzinfarkt. Und das war der definitive Rettungsanker f\u00fcr den faschistischen Verbrecher. Immer und immer wieder wurde seine Ausreise wegen gesundheitlichen Gr\u00fcnden aufgeschoben. \u00abDas Gras w\u00e4chst\u00bb, titelte der Basler \u00abLandsch\u00e4ftler\u00bb in Hinblick auf die offensichtliche Verz\u00f6gerungstaktik: Man wisse, so die Zeitung im Juni 1946, dass die juristische Verfolgung der Nazis in der Schweiz \u00abnun langsam in Sande verl\u00e4uft. Man hat einige Dutzend kleiner Leute \u00fcber die Grenze gestellt, auch einige ganz wenige grosse Exemplare, um der \u00d6ffentlichkeit zu demonstrieren, dass man etwas tue in der Sache. Aber wirklich ges\u00e4ubert hat man nicht. Man hat viel mehr sich mit den Nazis in der Schweiz, die jetzt nat\u00fcrlich alle keine Nazis mehr sind und es nie waren, in ein eigentliches Versteckspiel von Rekursen und Verf\u00fcgungen eingelassen, dank welchem die S\u00e4uberung sich \u00fcber Monate hinzieht und schliesslich allen Beteiligten verleidet, mindestens aber \u2013 so hofft man \u2013 in der \u00d6ffentlichkeit vergessen wird.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Der \u00abpolitische Fl\u00fcchtling\u00bb feiert mit seinen Polizistenfreunden<\/strong><\/p>\n<p>Die \u00abS\u00e4uberung\u00bb zog sich aber nicht \u00fcber Monate hinweg, sondern \u00fcber Jahre und versandete letztlich tats\u00e4chlich v\u00f6llig. Immer neue Atteste erkl\u00e4rten die Spitalpflege Pabsts f\u00fcr unbedingt notwendig. Im Juni 1948 war es schliesslich soweit. Pabst erhielt Asyl als politischer Fl\u00fcchtling. Dies bedeutete aber, dass er weiterhin \u00abinterniert\u00bb blieb und ihm jegliche wirtschaftliche und politische Bet\u00e4tigung untersagt war. Doch Pabsts Internierung (\u00abunter 1a einreihen\u00bb) war schon immer eine lockere und wurde stetig aufgelockert. So begann Pabst sogar wieder ins Ausland zu reisen. Dennoch beschwerte sich der politische Fl\u00fcchtling bei Bircher \u00fcber seine Internierung. Pabst meinte n\u00e4mlich trotzig (aber inhaltlich richtig), andere Nazis k\u00f6nnten in der Schweiz ja auch frei herumlaufen \u2013 so etwa der ehemalige SS-Jurist und Ministerialrat Friedrich Kadgien, der bekanntlich \u00abder Haupt-Diamanten- und Devisenschieber G\u00f6rings\u00bb gewesen sei. Aber gewiss m\u00f6ge er \u00abjedem armen Schwein von Deutschen\u00bb in der Schweiz einen Aufenthalt g\u00f6nnen. Offenbar empfand er seine hiesige Existenz als durchaus angenehm. So schrieb Pabst im Januar 1948 an seinen guten Freund Bircher: \u00abAm Donnerstag [&#8230;] bin ich bei Dr. Balsiger in Bern und eventuell nach dem Ergebnis der Besprechung auch bei Dr. Rothmund. Sind Sie zuf\u00e4llig am gleichen Tage in Bern, dann w\u00fcrde ich gern am Nachmittag mit Ihnen zusammen sein. Mittags bin ich mit Peter Burckhardt und seiner Frau verabredet; wir feiern den &#8218;Oberstleutnant&#8216;, nat\u00fcrlich w\u00e4ren Sie auch dabei herzlich willkommen.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Wirtschaftliche und politische Bet\u00e4tigung \u2013 trotz Verbot<\/strong><\/p>\n<p>Pabst ging derweil seelenruhig seinen Waffengesch\u00e4ften nach. So f\u00fchrte der Internierte \u2013 wohl unter dem Schutz von Fremdenpolizeichef Rothmund und Bundespolizeichef Balsiger \u2013 in der Schweiz Verhandlungen zum Verkauf der ehemals nazideutschen Waffenfabrik Solothurn. Ende 1948 vermittelte der Major Peter Burckhardt, der bis 1945 Milit\u00e4rattach\u00e9 der Schweiz in Berlin war, sogar ein Treffen von Pabst und der Abteilung f\u00fcr Heeresmotorisierung der Schweizer Armee. Was genau dort besprochen wurde oder ob sogar Gesch\u00e4fte get\u00e4tigt wurden, ist unbekannt. In den 1960er Jahren sollte Burckhardt als Mitglied der Konzernleitung der Oerlikon-B\u00fchrle Holding jedenfalls wieder mit Pabst zu tun haben.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens ab 1948 bet\u00e4tigte sich Pabst in der Schweiz auch wieder offen politisch. So k\u00fcndete er eine \u00abanti-kommunistische Zeitungsgr\u00fcndung\u00bb an sowie einen privaten Nachrichtendienst gegen das kommunistische Jugoslawien. Diesem privaten, internationalen Geheimdienst sollten auch mehrere Schweizer angeh\u00f6ren, darunter der katholische Nationalrat Emil Duft aus Z\u00fcrich, der steinreiche Z\u00fcrcher Waffenfabrikant Emil B\u00fchrle, der Luzerner Jurist und sp\u00e4tere CVP-Nationalrat Hans Stadelmann sowie der katholisch-konservative Departementssekret\u00e4r des Milit\u00e4r- und Polizeidienstes des Kantons Luzern Dr. Josef Isenschmid. F\u00fcr dieses Projekt liess Pabst alte Geheimdienstkontakte wieder aufleben und traf etwa seinen alten deutschen Bekannten Paul Hahn. Der sogenannt \u00abrote Hahn\u00bb, der in den K\u00e4mpfen 1918\/1919 ein f\u00fchrendes Mitglied des revolution\u00e4ren Soldatenrates W\u00fcrttemberg war, verschaffte sich mit der Niederschlagung der Stuttgarter Spartakisten sowie der M\u00fcnchner R\u00e4terepublik grosses Ansehen bei der deutschen Reaktion. Hahn \u00fcbernahm nach dem unterdr\u00fcckten Spartakusaufstand das Amt des Oberpolizeidirektors in Stuttgart. Schon 1919 legte er in Zusammenarbeit mit dem Z\u00fcrcher Polizeipr\u00e4sidenten eine Kartei missliebiger und im Krisenfall zu verhaftender Kommunisten an. Nach 1945 baute Hahn im Auftrag der Franzosen die w\u00fcrttembergische Staatspolizei auf.<\/p>\n<p><strong>\u00abDie Sache mit Pabst ist grossartig\u00bb \u2013 Nazi-Geheimtreffen im Z\u00fcrcher Bahnhofsbuffet<\/strong><\/p>\n<p>Pabst konnte sich in der Schweiz je l\u00e4nger desto freier entfalten. So hielt er 1948 fest, \u00abdie hiesigen Beh\u00f6rden haben dem allgemeinen antikommunistischen Zug in der Welt folgend, mir in der letzten Zeit keine Schwierigkeiten mehr gemacht\u00bb. Schon ab 1949 wagte er, nach Westdeutschland zu reisen, besuchte alte Freunde wie seinen Putschkameraden und Geheimdienstkollegen Friedrich Wilhelm Heinz. Im Sommer 1950 unternahm Pabst sogar eine Europareise, w\u00e4hrend der er m\u00f6gliche Unterst\u00fctzer einer antikommunistischen Internationale besuchte. Dies geht aus einem von der Kantonspolizei Z\u00fcrich abgefangenen Brief hervor. Darin schreibt ein Bruno Fricke an seinen Chef Otto Strasser, Pabst habe bereits in Westdeutschland, Spanien, Belgien, Frankreich, Holland und der Schweiz entsprechende Gruppen aufgebaut. Pabst, Fricke und Strasser kannten sich aus alten Zeiten. Sie alle waren ungehorsame NS-Kameraden. Strasser und Fricke waren seit Langem \u00fcberzeugte Nationalbolschewisten und spalteten sich mit Getreuen schon 1930 als \u00abKampfgemeinschaft Revolution\u00e4rer Nationalsozialisten\u00bb von der NSDAP ab. Nun, f\u00fcnf Jahre nach Kriegsende, versuchten sie zusammen mit Pabst von der Schweiz aus den Wiederaufbau einer faschistischen Bewegung.<\/p>\n<p>Pabst war jede politische Bet\u00e4tigung noch immer verboten. Dies hinderte ihn aber nicht daran, sich Ende 1950 konspirativ mit Bruno Fricke zu treffen. Ihr Treffpunkt war der erste Stock des Buffets im Hauptbahnhof Z\u00fcrich. Aus einem durch den Z\u00fcrcher Nachrichtendienst abgefangenen Brief von Fricke an Otto Strasser ist folgendes bekannt: Pabst versprach Fricke, ihm eine Liste mit Vertrauensleuten des internationalen Faschismus zu \u00fcberlassen. Fricke erhielt zudem eine Namensliste von \u00abChefs\u00bb der sich im Wiederaufbau befindenden \u00abSchwarzen Front\u00bb. In einer Notsituation sollten diese F\u00fchrungspersonen von Pabst illegal in die Schweiz geschleust werden. Euphorisch schrieb Fricke an Strasser: \u00abDie Sache mit Pabst ist grossartig\u00bb. \u00abDer Major\u00bb habe \u00abgute Beziehungen zu den hiesigen obersten Milit\u00e4rs und scheinbar eine feste Mobilmachungsverwendung.\u00bb Mobilmachungsverwendung? War Pabst sogar f\u00fcr milit\u00e4rische Aktionen in der Schweiz vorgesehen? Bis heute ist das ungekl\u00e4rt.<\/p>\n<p><strong>Westlicher Antikommunismus als Freipass f\u00fcr den Nazi-Verbrecher<\/strong><\/p>\n<p>Ein strafrechtliches Verfahren ist gegen Pabst aber auch nach dem Z\u00fcrcher Treffen mit Fricke nicht eingeleitet worden. Die Bundesanwaltschaft liess dem kantonalz\u00fcrcherischen Nachrichtendienst sogar ausrichten, dass man \u00abziemlich orientiert\u00bb sei \u00fcber Pabsts Treiben. Pabst selbst spreche bei ihr hin und wieder vor. Tats\u00e4chlich wusste Bundespolizeichef Balsiger von Pabsts Kontakt zu Fricke. Ob Balsiger auch von den Pl\u00e4nen der neuen faschistischen Internationale wusste oder sogar selbst eine Rolle darin spielen sollte, ist ungewiss. Das Projekt der \u00abSchwarzen Front\u00bb scheiterte aber noch in den 1950er Jahren. Das Interesse an einer neuen faschistischen Internationale war im rheinischen Kapitalismus mit seinem absehbaren Nachkriegsboom schlicht zu gering \u2013 sowohl bei den Eliten als auch bei den Massen. Pabst war entt\u00e4uscht. Nach den Landtagswahlen in Hessen und W\u00fcrttemberg 1950, als die SPD fast jede zweite Stimme holte, schrieb Pabst ern\u00fcchtert an seinen Aargauer Freund Bircher: \u00abDie Deutschen sind und bleiben politisch hoffnungslos\u00bb. Dabei verbesserten sich die Zeiten f\u00fcr Pabst kontinuierlich. Am 18. Juni 1953 war es schliesslich soweit. Der Nazi erhielt seine Niederlassungsbewilligung f\u00fcr die Schweiz.<\/p>\n<p>In wirtschaftlicher Hinsicht lief es f\u00fcr Pabst in der Schweiz schon 1950 rund. So beteiligte sich Pabst als stiller Gesellschafter mit 40&#8217;000 DM an einer Textilfabrik in Konstanz. Den gew\u00fcnschten Posten als deutscher Handelsattach\u00e9 in der Schweiz erhielt er zwar nicht, doch mischte er bereits wieder t\u00fcchtig im Waffenhandel mit. So meldete sich im Oktober 1950 aus dem von Milit\u00e4rs beherrschten Argentinien sein alter \u00f6sterreichische Freund und Waffenindustrielle Kurt Mandl bei ihm. Der \u00d6sterreicher suchte Tankabwehr und Antiflugzeugkanonen f\u00fcr den jungen Staat Pakistan und fragte Pabst, ob er aus der Schweiz was deichseln k\u00f6nne. Pabst kontaktierte daraufhin seine Freunde Bircher und Bundespolizeichef Balsiger. Mit Bircher fuhr er sogar ins franz\u00f6sische Cap Antibes zu Mandl und besprach dort den Waffendeal.<\/p>\n<p><strong>Bundesrat Stampfli gegen Untersuchung des Falls Pabst<\/strong><\/p>\n<p>Gegen grosse Widerst\u00e4nde seitens staatlicher Organe der Schweiz leitete die Bundesanwaltschaft 1953 eine Untersuchung gegen Pabst ein. Gem\u00e4ss der Historikerin Doris Kachulle setzte FDP-Bundesrat Walther Stampfli den SP-Bundesanwalt Ren\u00e9 Dubois zuvor massiv unter Druck, um eine Untersuchung zu verhindern. Der Solothurner Stampfli pflegte als Eink\u00e4ufer und sp\u00e4ter als Direktor der von Roll&#8217;schen Eisenwerke in der Zwischenkriegszeit enge Beziehungen zu wichtigen faschistischen Figuren in Deutschland. So wusste er bereits vor den ersten Kriegshandlungen das Datum des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion.<\/p>\n<p>Die Untersuchung kam letztlich aber zustande. Ein Polizeiinspektor kam dabei zu folgendem Ergebnis: \u00abZusammenfassend halten wir fest, dass sowohl Messen als auch Pabst 1.) im Dienste des Wehrwirtschafts- und R\u00fcstungsamtes des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) standen. 2.) dass die Gesellschaften Auslandshandels GmbH und Sfindex S.A. mit ihren Leitern bzw. Direktoren zu nachrichtendienstlichen Zwecken verwendet wurden. 3.) dass sowohl Messen als auch Pabst Agenten des OKW waren\u00bb. Da die nachrichtendienstlichen T\u00e4tigkeiten aber als verj\u00e4hrt betrachtet wurden, kam Pabst ohne Strafe davon.<\/p>\n<p><strong>Nachkriegsboom: Schweizer Waffen f\u00fcr Diktatoren und Rassisten<\/strong><\/p>\n<p>Pabst geh\u00f6rte nun zu den ersten Unternehmern, die versuchten, in Deutschland erneut eine R\u00fcstungsfabrik zu betreiben. Pabst scheiterte aber vorerst mit der \u00abWiederbewaffnung\u00bb seines geliebten Vaterlands und kam wieder in die Schweiz zur\u00fcck. Langfristig zog es ihn zwecks Waffengesch\u00e4fte dennoch nach Deutschland. Und so liess sich Pabst 1955 in D\u00fcsseldorf nieder. Fortan war der gut vernetzte Pabst als Mittelsmann f\u00fcr verschiedene Waffenh\u00e4ndler und R\u00fcstungsbetriebe t\u00e4tig. Sein Hauptfokus lag dabei auf rechten Diktaturen wie Spanien, Portugal, Taiwan, auf dem rassistischen S\u00fcdafrika, zudem auf \u00c4gypten als Gegner des neuen Staates Israel und auf Indien als Bollwerk gegen Maos China. Ausserdem beschaffte Pabst Ende der 1950er Jahre f\u00fcr die deutsche Bundeswehr von der Schweiz aus riesige Mengen portugiesischer Patronen. Das Gesch\u00e4ft wickelte Pabst \u00fcber die Luzerner Kantonalbank ab.<\/p>\n<p>Lange weibelte der mittlerweile gealterte Pabst mit einer speziellen technischen Neuerung. Eine Fl\u00fcssigtreibstoffrakete, ein Schweizer Fabrikat, versuchte Pabst \u00fcber mehrere Jahre hinweg an die Bundeswehr zu bringen. Produziert wurde die neue Waffe von der Z\u00fcrcher Firma Patvag AG, f\u00fcr die Pabst als Berater amtete. Als 83-j\u00e4hriger Waffenvertreter in Schweizer Diensten machte Pabst sogar noch stundenlange Raketentests durch \u2013 zusammen mit Bundeswehr. \u00c4rgerlich war f\u00fcr Pabst, dass die Bundesrepublik die Rakete schliesslich doch nicht wollte. Im Jahr 1964 kam die Absage. Also h\u00f6rte sich der Waffenschieber um und schielte nach S\u00fcdafrika. Ung\u00fcnstig erwies sich indes das in der Schweiz geltende Waffenausfuhrverbot in den Apartheidsstaat. Pabst kannte aber Auswege und schlug vor, als Tarnung Vertriebsfirmen im In- und Ausland zu gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Schliesslich vermittelte Pabst f\u00fcr die Patvag aber einen anderen Deal. Via Deutschland lieferte die Schweizer Firma 25 Tonnen Opalm (ein noch st\u00e4rkeres Brandmittel als das im Koreakrieg getestete Napalm) nach Kairo, von wo aus Staatspr\u00e4sident Nasser die Vernichtung Israels verk\u00fcndete. Eine direkte Lieferung nach \u00c4gypten war nach Schweizer Recht verboten, doch in Deutschland war Opalm nicht als Kampfstoff eingestuft. Ein \u00abjudenfreundliches Blatt in Hamburg\u00bb (Pabst) bekam jedoch Wind von der Sache und machte den Deal \u00f6ffentlich. Der Aufschrei war immerhin so gross, dass in der Schweiz u.a. der Tages-Anzeiger eine erneute Versch\u00e4rfung der eidgen\u00f6ssischen Waffenexportbestimmungen forderte.<\/p>\n<p>Die Patvag stiess \u00fcbrigens 1963 zur Chemie Holding Ems AG. Sechs Jahre sp\u00e4ter trat ein junger Mann namens Christoph Blocher in die Firma ein. Er sollte die Ems-Chemie in den 1970er Jahren, definitiv im Jahr 1983, \u00fcbernehmen. Noch als \u00abHolzverzuckerungs AG\u00bb produzierten die Emser Werke aber schon in den fr\u00fchen 1950er Jahren Opalm \u2013 zu milit\u00e4rischen Zwecken freilich. Erst vor 15 Jahren \u2013 unter Magdalena Martullo-Blocher \u2013 stellte die EMS-Patvag die Produktion von Z\u00fcndsystemen f\u00fcr die Wehrtechnik gem\u00e4ss eigener Angabe ein.<\/p>\n<p>Pabst jedenfalls wirkte in den 1960er Jahren weiter in weltweiten Waffengesch\u00e4ften mit. Politisch verlor der Alte an Einfluss, blieb aber stets Antisemit und Faschist. Ab 1964 gab es auch wieder eine Partei, die er \u2013 wenn auch durchaus kritisch \u2013 w\u00e4hlte: die NPD.<\/p>\n<p><strong>50 Jahre \u00abdas Maul gehalten\u00bb &#8211; Pabst stirbt<\/strong><\/p>\n<p>Am 29. Mai 1970 starb der zu neuem Reichtum gelangte Waffenschieber endlich. Beerdigt wurde er gem\u00e4ss seinem letzten Willen in Muri bei Bern, wo bereits seine Ehefrau lag. Sp\u00e4ter fand man in Pabsts Nachlass die Abschrift eines Briefes aus dem Jahr 1969. Darin reflektierte Pabst die Ermordung von Luxemburg und Liebknecht, auf die er zeitlebens stolz war: \u00abDass ich die Aktion ohne Zustimmung Noskes gar nicht durchf\u00fchren konnte \u2013 mit Ebert im Hintergrund \u2013 und auch meine Offiziere sch\u00fctzen musste, ist klar. Aber nur ganz wenige Menschen haben begriffen, warum ich nie vernommen oder unter Anklage gestellt worden bin. Ich habe als Kavalier das Verhalten der damaligen SPD damit quittiert, dass ich 50 Jahre lang das Maul gehalten habe \u00fcber unsere Zusammenarbeit.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Die\u00a0<em>longue dur\u00e9e<\/em>\u00a0der Reaktion<\/strong><\/p>\n<p>Was aber hat der SVP-\u00dcbervater Christoph Blocher mit dem Mord an Rosa Luxemburg zu tun? Luxemburg wurde 1919 in Berlin erschlagen und erschossen, Blocher 1940 in Schaffhausen geboren. Einige Strukturen und Netzwerke aber, die den Tod der Spartakistin zu verantworten hatten, bestehen in gewandelter Form bis heute. In ihrem Umfeld vollzog sich auch der politische und wirtschaftliche Aufstieg von Leuten wie Blocher. Waldemar Pabst wickelte f\u00fcr die Patvag, die heute zur Ems-Chemie geh\u00f6rt, Deals mit dem s\u00fcdafrikanischen Apartheidstaat ab. Blocher, ab 1973 Direktionsvorsitzender der Ems-Chemie AG, gr\u00fcndete 1982 die antikommunistische Organisation \u00abArbeitsgruppe s\u00fcdliches Afrika\u00bb (ASA). Mithilfe dieses Vehikels unterst\u00fctzte Blocher das rassistische Regime, das er als Bollwerk gegen den Kommunismus in Afrika betrachtete und dem er \u2013 wie einst Pabst \u2013 waffenf\u00e4higes Material lieferte. Ein weiteres prominentes ASA-Vorstandsmitglied war \u00fcbrigens der damalige SVP-Nationalrat Ulrich Schl\u00fcer, der in seiner Jugend Sekret\u00e4r des Faschisten und ehemaligen Fr\u00f6ntlers James Schwarzenbach war.<\/p>\n<p>Die Aargauische Vaterl\u00e4ndische Vereinigung (AVV), die Pabst-Freund Eugen Bircher nach dem Landesstreik als B\u00fcrgerwehr gegr\u00fcndet hatte, besteht bis zum heutigen Tag \u2013 wenn auch als offensichtlich greiser Altherrenverein. Pr\u00e4sidiert wird dieser vom extrem rechten SVP-Nationalrat Andreas Glarner. Als die AVV im vergangenen November ihr 100-Jahr-Jubil\u00e4um feierte, war der historische R\u00fcckblick dem Ex-Nationalrat Christoph M\u00f6rgeli vorbehalten. Blocher wiederum lobte im November 2018 an seiner Ustermer Generalstreik-Veranstaltung die \u00abunersch\u00fctterliche Haltung von B\u00fcrgertum, Bauernschaft [und] Armee\u00bb w\u00e4hrend des Landesstreiks 1918. Der SVP-Milliard\u00e4r verkl\u00e4rt den Landesstreik bis heute zum versuchten \u00abrevolution\u00e4ren, bewaffneten Umsturz\u00bb und verherrlicht damit jene Kreise, die damals in der Schweiz kurzzeitig eine faktische Milit\u00e4rdiktatur errichteten und paramilit\u00e4rische Strukturen schufen. Blochers Lob schliesst damit insbesondere solche Personen ein, die vor hundert Jahren die Niederschlagung des Landesstreiks wesentlich pr\u00e4gten. Dazu geh\u00f6rt etwa der damalige, offen deutschfreundliche General Ulrich Wille, der in Z\u00fcrich \u2013 wie er selber sagte \u2013 \u00abdie Gegenrevolution organisieren\u00bb liess. (Willes nazifreundliche Tochter Ren\u00e9e Schwarzenbach-Wille war \u00fcbrigens die Tante vom oben erw\u00e4hnten Rassisten James Schwarzenbach.) Auch gemeint ist der damalige Z\u00fcrcher Platzkommandant Emil Sonderegger, der gegebenenfalls Handgranaten in Arbeiterwohnungen werfen lassen wollte und sp\u00e4ter Waffenh\u00e4ndler und ein prominenter Faschist der Frontenbewegung wurde. Auch der Generalssohn Ulrich Wille II., w\u00e4hrend des Generalstreiks als \u00fcbereifriger Offizier t\u00e4tig, schliesst Blocher aus seinem Lob nicht aus. Ein Detail wohl, dass Wille junior 1923 einen gewissen Adolf Hitler in seiner \u00abVilla Sch\u00f6nberg\u00bb in Z\u00fcrich-Enge empfing. Ein Detail auch, dass Hitler dort vor rund vierzig Industriellen vorsprechen und rund 30&#8217;000 Franken sammeln konnte, womit er zwei Monate sp\u00e4ter seinen Putschversuch in M\u00fcnchen finanzieren sollte. Ulrich Wille junior empfing in den Jahren 1922 und 1923 dar\u00fcber hinaus regelm\u00e4ssig auch den jugendlichen Hitler-Anh\u00e4nger Rudolf Hess, damals Student in Z\u00fcrich. Auch Hitlers Spendensammler und Privatsekret\u00e4r Emil Gannser besuchte den deutscht\u00fcmelnden Generalssohn. Gannser wiederum traf sich nach Hitlers gescheitertem M\u00fcnchner Putsch in der Schweiz mit Pabst-Freund Eugen Bircher zu einer Besprechung. Kaum denkbar, dass Blochers Lob nicht auch dem Offizier und B\u00fcrgerwehrf\u00fchrer Bircher gelten sollte.<\/p>\n<p>Die historischen Kontinuit\u00e4ten betreffen allerdings keinesfalls bloss die Vergangenheit. Auch heute versuchen die b\u00fcrgerlichen Parteien \u2013 allen voran die SVP \u2013 die ohnehin laschen Bestimmungen zum R\u00fcstungsexport noch weiter zu lockern, damit k\u00fcnftig auch in B\u00fcrgerkriegsgebiete geliefert werden kann. Auch heute fliessen bekanntlich Gelder und andere Unterst\u00fctzungsleistungen aus dem Umkreis der SVP an die neuen Nazis der AfD. Und auch heute wagen rechte Schweizer Politiker, etwa SVP-Nationalrat Roger K\u00f6ppel, wieder den Schulterschluss mit Rassisten und Faschisten, etwa mit Steve Bannon, oder demonstrieren Seite an Seite mit deutschen Neonazis und NSU-Unterst\u00fctzern durch Chemnitz.<\/p>\n<p>Immerhin ist heute auch wieder vorstellbar, dass solche deutsch-schweizerischen Traditionen einmal irreversibel zerst\u00f6rt werden. \u00abEure &#8218;Ordnung&#8216; ist auf Sand gebaut\u00bb, schrieb Rosa Luxemburg am Tag vor ihrer Ermordung und liess die Revolution selbst \u00abmit Posaunenklang verk\u00fcnden\u00bb:\u00a0<em>Ich war, ich bin, ich werde sein!<\/em><\/p>\n<p><em>Literaturtipp: Klaus Gietinger: Der Konterrevolution\u00e4r. Waldemar Pabst &#8211; eine deutsche Karriere, Berlin 2009,\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/edition-nautilus.de\/programm\/der-konterrevolutionaer\/\"><em>Nautilus Verlag.<\/em><\/a><\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.ajour-mag.ch\/waldemar_pabst_in_der_schweiz\/\">ajour-mag.ch&#8230;<\/a> vom 22. Januar 2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor hundert Jahren ermordeten rechtsextreme Freikorps \u2013 mit Zustimmung von SPD-Reichswehrminister Gustav Nokse \u2013 die spartakistischen F\u00fchrungspersonen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. 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