{"id":4827,"date":"2019-01-23T09:51:44","date_gmt":"2019-01-23T07:51:44","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4827"},"modified":"2019-01-23T09:51:44","modified_gmt":"2019-01-23T07:51:44","slug":"die-entdeckung-des-kommunismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4827","title":{"rendered":"Die Entdeckung des Kommunismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Andreas Meinzer.<\/em> Jan Gerber beginnt seine 2018 erschienene Studie \u00fcber Karl Marx\u2018 rund 15-monatigen Exil-Aufenthalt in Paris auf ungew\u00f6hnliche Weise: Er setzt ein mit der Befreiung des KZ Auschwitz,<!--more--> mit der millionenfachen Ermordung der europ\u00e4ischen J\u00fcdinnen und Juden \u2013 als Tief- und Endpunkt, als letzten, katastrophalen Ausdruck der Niederlage der ArbeiterInnenbewegung und ihres auch selbstverschuldeten Scheiterns im Kampf gegen den Nationalsozialismus.<\/p>\n<p>Angesichts dessen hegte Brecht im kalifornischen Exil den Plan, das Kommunistische Manifest von Marx und Engels umzuschreiben, in dramatisierte Fassung zu bringen und dem tragischen Verlauf der Geschichte anzupassen, der alle geschichtsteleologischen Hoffnungen, ja, gar Gewissheiten auf den Sieg der Arbeiterklasse und den Aufbau einer befreiten, kommunistischen Gesellschaft hatte zuschanden werden lassen und, wie Friedrich Pollock bemerkte, auch die Marxschen Begriffe, wie den des Proletariats als revolution\u00e4rem Subjekt, im Nachhinein infrage stellte.<\/p>\n<p>Ausgehend von diesen \u00dcberlegungen unternimmt Gerber die Rekonstruktion\u00a0 des Begriffes \u00bbKommunismus\u00ab, seine Genese seit dem 18. Jahrhundert und, wie der Untertitel seines Buches schon andeutet, seine \u00bbEntdeckung\u00ab durch den gerade einmal 25-j\u00e4hrigen Marx. \u00bbKommunist\u00ab war der sp\u00e4ter wie kein zweiter mit diesem Begriff identifizierte Karl Marx n\u00e4mlich noch keineswegs, als er vor der deutschen Zensur, den provinziellen Verh\u00e4ltnissen im preu\u00dfisch-besetzten Rheinland in die Millionen-Metropole an der Seine floh, die, nach London, damals zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt der Welt. Vielmehr war er radikaler Demokrat und Unterst\u00fctzer des progressiven Teils der Liberalen, die auch die von ihm zu Ber\u00fchmtheit gelangte Rheinische Zeitung, deren Redakteur er in K\u00f6ln gewesen war, finanziell unterst\u00fctzten. Die Idee des Kommunismus war zu jener Zeit noch wenig ausgereift, gepr\u00e4gt durch utopische Vorstellungen der Fr\u00fchsozialisten wie zum Beispiel Marx\u2018 sp\u00e4teren Intimfeind Pierre Joseph Proudhon, der sich einen Sozialismus als Assoziation von Siedlungs- und Produktionsgemeinschaften neben den bestehenden staatlichen Institutionen und privatwirtschaftlichen Betrieben vorstellte.<\/p>\n<p>Der einstige Junghegelianer Marx verbannte in der Zeit seiner Redakteurst\u00e4tigkeit f\u00fcr das radikaldemokratische Blatt Beitr\u00e4ge einstiger philosophischer Weggef\u00e4hrten, die nun Partei f\u00fcr den Kommunismus ergriffen, aus dieser Zeitung und polemisierte in einer Auseinandersetzung mit der Augsburger Allgemeinen mit der Aussage, gegen praktische Versuche, die theoretischen Reflexionen der Kommunisten in die Tat umzusetzen, sei es geboten, mit Kanonen zu antworten. Doch auch diese keineswegs taktischen \u00dcberlegungen geschuldete Abgrenzung vom Kommunismus konnte das Verbot der Zeitung durch den reaktion\u00e4ren Friedrich Wilhelm IV. im M\u00e4rz 1843 nicht verhindern. Marx sah sich gezwungen, Deutschland gen Frankreich zu verlassen, wo die reaktion\u00e4re Bourbonen-Monarchie endg\u00fcltig durch den \u00bbB\u00fcrgerk\u00f6nig\u00ab Louis-Phillipe von Orleans abgel\u00f6st worden war, der zeitweise f\u00fcr einige Liberalisierungen sorgte.<\/p>\n<p>Paris im 19. Jahrhundert \u2013 das war nicht nur die Hauptstadt Frankreichs, sondern auch die Hauptstadt der Randale, wie Gerber s\u00fcffisant zu erz\u00e4hlen wei\u00df. Aufst\u00e4nde, sei der Anlass auch noch so gering, waren an der Tagesordnung. In den 1830er Jahren behauptete gar ein der Verschw\u00f6rung Angeklagter, er sei von Beruf Randalierer. W\u00e4hrend Marx\u2018 Aufenthalt hatte sich die gesellschaftliche Lage zwar wieder beruhigt \u2013 dies war allerdings, wie Gerber schreibt, \u00bbdie Ruhe vor dem Sturm\u00ab, die angespannte Phase vor der gro\u00dfen Welle der Revolutionen in Europa des Jahres 1848. Zeit, um nach- und vorzudenken, vergangene Revolutionen zu reflektieren und Utopien einer neuen, sozialistischen Gesellschaft zu entwerfen \u2013 wie dies die einflussreichen Fr\u00fchsozialisten Saint-Simon, Blanqui, Fourier oder Proudhon getan hatten \u2013, f\u00fcr Marx und Friedrich Engels, den ersterer erst in Paris pers\u00f6nlich kennenlernte, aber auch Anlass, die bisherigen, gescheiterten Revolutions- und Aufstandsversuche kritisch zu reflektieren, aus an Hegel geschultem philosophischem Denken und empirischer Beobachtung der Bewegungen und Widerspr\u00fcche in der Gesellschaft eine neuartige Theorie derselben zu entwerfen. Jan Gerber arbeitet heraus, wie stark Marx bei seiner Revolutionstheorie von der Franz\u00f6sischen Revolution 1789 gepr\u00e4gt war, er aus ihrer Geschichte seine Kategorien entwickelte \u2013 und diese ihm, wie Gerber anmerkt, leider allzu oft, wider alle Empirie, zur Schablone wurden und ihn zu Fehlurteilen f\u00fchrten. So sei vor allem die Rede vom Proletariat nicht haltbar, das im Zuge der industriellen Entwicklung immer weiter anwachsen m\u00fcsse, zur revolution\u00e4ren und letztlich st\u00e4rksten und m\u00e4chtigsten aller Klassen werde, bis es im Klassenkampf den Sieg davon trage und die sozialistische Gesellschaft aufbaue. Von einer solchen Entwicklung k\u00f6nne zur Zeit, als Marx und Engels das Kommunistische Manifest verfassten, keineswegs die Rede sein. Vielmehr seien die bei Marx und Engels als \u00bbArbeiter\u00ab firmierenden Revoltierenden noch dem Handwerk zuzuordnen, teils auch dem Bauerntum, teils in Personalunion, oder sie seien Heimarbeiter gewesen und damit nicht aller Produktionsmittel beraubt. Eine starke Industriearbeiterschaft habe es hingegen im damaligen Paris noch gar nicht gegeben, die Betriebe seien bis in das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts eher Manufakturen als Fabriken gewesen. Marx habe bei der Rede vom Proletariat als \u203arevolution\u00e4rem Subjekt\u2039 zwei, gar drei disparate Komponenten zu einem Konglomerat vermischt, das damals dergestalt nie zur gleichen Zeit am gleichen Ort Realit\u00e4t geworden sei: Die Aufst\u00e4nde und Revolten der franz\u00f6sischen Handwerker und Bauern; die Industrialisierung, das Fabrikwesen und die Verelendung der (laut Gerber nicht an der Revolution interessierten) englischen Arbeiter, wie sie Friedrich Engels in seiner Schrift <em>Die Lage der arbeitenden Klasse in England<\/em> beschrieben hatte \u2013 und, als alles verbindender philosophischer Kitt, die idealistische Philosophie Hegels mit ihrer Figur des Weltgeistes, dessen Rolle in Marx\u2018 System nun das Proletariat eingenommen habe.<\/p>\n<p>Gerbers Untersuchungen der philosophischen und politischen Genese des Marxschen Denkens sind quellenbasiert, detail- und erkenntnisreich, zudem elegant geschrieben und kurzweilig zu lesen. Sie entt\u00e4uschen jedoch im Schlussteil, wenn die Thesen des Prologs nach der werkbiographischen Analyse in das Resultat m\u00fcnden, mit den gescheiterten Klassenk\u00e4mpfen sei auch die Kategorie der Klasse per se erledigt. Schlechterdings Karl Marx in toto, der in der b\u00fcrgerlichen Wissenschaft und Publizistik allzu oft auf die Arbeiterklasse, ihren Kampf und das Manifest verk\u00fcrzt wird. Zwar hat Gerbers Buch seinen Fokus klar auf dem noch \u203afr\u00fchen\u2039 Marx und nicht auf jenen \u00f6konomietheoretisch gereiften der Zeit in London, in der er sein Hauptwerk <em>Das Kapital<\/em> zu schreiben beginnt. Jedoch h\u00e4tte der oder die LeserIn, wenn im Prolog von Friedrich Pollock, einem Vertreter der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule die Rede ist, Reflexionen erwartet, die sich aus dieser speisen oder ihr in der Nachfolge verpflichtet sind. Wie zum Beispiel jene Moishe Postones, der Marx\u2018 Kategorien aus dem Kapital, seine Wertform- und Fetischanalysen dazu benutzte, den Nationalsozialismus und insbesondere den ihm wesenseigenen Antisemitismus zu erkl\u00e4ren, zu kritisieren \u2013 und seine Abschaffung qua \u00dcberwindung der warenproduzierenden Gesellschaft zu antizipieren. Diese Perspektive der Befreiung, auch nur eine Spur davon, l\u00e4sst Jan Gerber leider vermissen.<\/p>\n<p><em>Jan Gerber: Karl Marx in Paris. Die Entdeckung des Kommunismus. M\u00fcnchen: Piper, ISBN 978-3-492-05891-9, 240 Seiten, 22 Euro <\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/express-afp.info\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/2018-12_Meinzer_Die-Entdeckung-des-Kommunismus.pdf\"><em>express 12\/2018&#8230;<\/em><\/a><em> vom 23. Januar 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andreas Meinzer. 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