{"id":4870,"date":"2019-01-28T15:56:54","date_gmt":"2019-01-28T13:56:54","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4870"},"modified":"2019-01-28T15:56:54","modified_gmt":"2019-01-28T13:56:54","slug":"gelbe-westen-bewegung-auf-dem-weg-zum-streik-am-5-februar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4870","title":{"rendered":"\u00abGelbe Westen\u00bb-Bewegung auf dem Weg zum Streik am 5. Februar?"},"content":{"rendered":"<p><em>Bernard Schmid. <\/em><strong>Gegendemo aus dem Pro-Regierungs-Lager endet trotz H\u00e4tschelei durch die Medien mit einem Totalflopp \u2013 faschistische Attacken gegen linke Demonstrationsteilnehmer\/innen<!--more--> \u2013 300 Delegierten aus dem progressiven Protestspektrum verabschiedeten einen Aufruf im ostfranz\u00f6sischen Commercy \u2013 Unterdessen zeichnet sich eine Perspektive des Zusammengehens mit einem Streikaufruf, an Lohnabh\u00e4ngige gerichtet, am 05. Februar d.J. ab.<\/strong><\/p>\n<p>Wenn man einer Demonstration von ihrem Ankunftsort her entgegen gehen will, und dabei suchen muss, wo denn hier vielleicht irgendwo eine Demo l\u00e4uft, dann gibt es ein Problem. In der Regel f\u00fcr deren Veranstalter\/innen, weil das meistens bedeutet, dass sie nicht eben \u00fcppig ausfiel. Dies passiert manchmal auch bei progressiven Mobilisierungen (so \u201eentging\u201c eine Demo gegen die Arbeitsrechts\u201ereform\u201c am 19. Oktober 2017 dem Verf. dieser Zeilen glatt, weil der Kampf damals faktisch aufgegeben war und die Demo vergleichsweise winzig ausfiel). Aber, zum Gl\u00fcck, eben nicht nur progressiven.<\/p>\n<p>Ungef\u00e4hr so verlief es auch am gestrigen Sonntag, den 27. Januar 19 auch der Demonstration der \u201eroten Schals\u201c (<em>foulards rouges<\/em>), die zuvor als Gegenbewegung zu den Protesten der \u201egelben Westen\u201c angek\u00fcndigt und durch einige Medien geh\u00f6rig aufgebauscht worden war. Es sollte dort\u00a0<em>\u201ef\u00fcr die Institutionen\u201c<\/em>\u00a0demonstriert werden, und\u00a0<em>\u201egegen die Gewalt\u201c<\/em>\u00a0(aber nicht so sehr gegen jene, die bislang von der Polizei ausging); f\u00fcr die Vernunft undsoweiter.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich plante der Verfasser dieser Zeilen sogar, zu ihrem Ausgangsort zu kommen, von wo aus sie um 14 Uhr loslaufen sollte, also an die\u00a0<em>place de la Nation<\/em>\u00a0im S\u00fcdosten von Paris. Doch dann las der Verfasser Agenturmeldungen, die von drei\u00dfig Anwesenden um 12 Uhr mittags \u2013 dem Zeitpunkt der angek\u00fcndigten Sammlung \u2013 und von dreihundert um kurz vor 14 Uhr berichtete. Die Sache schien die M\u00fche dann doch nicht wert. Als jedoch eine AFP-Meldung um die Mitte des Nachmittags von \u201eeinigen Tausend\u201c Teilnehmenden spricht, macht der Autor sich doch noch auf den Weg, kurz nach 16 Uhr. Aufgrund starker Polizeikr\u00e4fte \u2013 bei einer faktischen Pro-Regierungs-Demonstration im Prinzip eher unerwartet, doch die Sicherheitskr\u00e4fte zeigen sich besorgt darum, \u201edie beiden Lager auseinanderzuhalten\u201c, auch wegen anwesender Gegendemonstranten \u2013 und der Schlie\u00dfung mehrerer Ausg\u00e4nge in der dorthin f\u00fchrenden M\u00e9tro-Station trifft der Autor erst um circa 16.30 Uhr (OK, kurz danach) auf der\u00a0<em>place de la Bastille<\/em>\u00a0ein.<\/p>\n<p>Um 16.27 Uhr hatte der eigens eingerichtete Liveticker der liberalen Pariser Abendzeitung\u00a0<em>Le Monde<\/em>, die mit gleich mehreren Journalisten plus Photographen vor Ort war und sich merklich M\u00fche gab, die Sache zu unterst\u00fctzen und in ein positives Licht zu tauchen, ein Eintreffen der Demo auf dem Bastille-Platz (das gleichnamige fr\u00fchere Gef\u00e4ngnis dort ist zwar ber\u00fchmt, doch l\u00e4ngst abgerissen) verk\u00fcndet. (Vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.lemonde.fr\/societe\/live\/2019\/01\/27\/en-direct-suivez-la-marche-republicaine-organisee-par-les-foulards-rouges-a-paris_5415289_3224.html\">lemonde.fr&#8230;<\/a>) Doch um 16.35 Uhr \u2013 ist nichts von einer Demo zu sehen, h\u00f6chstens von kleinen Menschengr\u00fcppchen, die traubenweise beisammen standen. Wohlwollend kann man davon ausgehen, dass das Eintreffen der Demo auf dem Platz f\u00fcnf bis zehn Minuten vor der Online-Ver\u00f6ffentlichung der entsprechenden Ank\u00fcndigung durch den LM-Journalisten (Alexandre Lemari\u00e9, sichtlich enthusiastisch \u00fcber die Pro-Macron-Demonstration) anfing. Doch nach maximal einer Viertelstunde ist davon so wenig \u00fcbrig, dass die Demonstration nur relativ winzig gewesen sein kann. Aus der Zahl der noch Anwesenden und der rundherum Abziehenden darf geschlossen werden, dass h\u00f6chstens 2.000 Menschen, was sich mit sonstigen Berichten deckt (vgl. etwa bei einer KP-nahen Webseite, mit welcher wir f\u00fcr dieses Mal einverstanden sein d\u00fcrfen:\u00a0<a href=\"http:\/\/canempechepasnicolas.over-blog.com\/2019\/01\/les-foulards-rouges-n-ont-pas-deferle-sur-la-capitale-entre-10.500-chiffre-de-la-police-et.moins-de-2000-selon-des-temoins.commentai\">canempechepasnicolas.over-blog&#8230;.<\/a>).<\/p>\n<p>Auf den Stufen der Bastille-Oper sitzen knapp f\u00fcnfzig Menschen in \u201eGelben Westen\u201c, die die Pro-Regierungs-Demonstranten mit Sprechch\u00f6ren und Parolen herausfordern. In kleineren Gruppen ziehen die Teilnehmer\/innen an der \u201eRote Schals\u201c-Demonstration, im Durchschnitt eher \u00e4lter als j\u00fcnger, vom Platz. Ein paar junge Franzosen mit Migrationshintergrund lassen sich von Kameras in T-Shirts mit der Aufschrift \u201eIch liebe die Republik\u201c filmen. Zwischendrin steht eine Frau mit einem selbstgemalten Schild, auf dessen einer Seite \u201eGegen die Polizeigewalt\u201c und auf der anderen Seite \u201eGegen die Gewalt der Regierung\u201c steht. Umstehende diskutieren mehr oder weniger aufgeregt auf sie ein. Kurz danach wird sie mir anvertrauen, f\u00fcr eine \u201eAnti-Gewalt-Demonstration\u201c sei es in ihren Augen relativ wenig friedfertig zugegangen, mehrfach sei zwar nicht sie selbst, doch ihr Schild physisch attackiert worden.<\/p>\n<p>Zwei \u00dcberraschungen hielt diese (kleine) Mobilisierung dabei parat: Erstens, wie parteiisch selbst eine im Allgemeinen relativ sachlich und informationshaltig berichtende b\u00fcrgerliche Zeitung wie\u00a0<em>Le Monde<\/em>\u00a0offenkundig vorging. Ihre Berichterstatter vor Ort konnten sich offenkundig vor Enthusiasmus \u00fcber die faktisch Pro-Regierungs-Demonstration kaum einbekommen, und ihr Chefreporter vor Ort (Alexandre Lemari\u00e9) weigerte sich auch auf wiederholte Nachfragen von on-line Lesenden beharrlich, irgendeine Zahlenangabe zur Demonstrationsbeteiligung herauszur\u00fccken. Stattdessen schrieb er schlicht mehrfach von \u201eviele\u201c. Sp\u00e4ter, zweite \u00dcberraschung (auch wenn man wohl nicht \u00fcberrascht zu sein braucht) ist das offenkundige Nach-Oben-Rechnen der Teilnehmerzahl durch die Beh\u00f6rden, dies jedoch in ziemlich \u00fcbertriebenem Ausma\u00df. Am Sp\u00e4tnachmittag sprach die Pariser Polizeipr\u00e4fektur von angeblich \u201e10.500\u201c Teilnehmenden. Unser Kommentar dazu: im Leben nicht!<\/p>\n<p>Am Vortag (Samstag, den 26.01.18) hatten mehrere Tausend Menschen \u2013 ihre Zahl ist insofern schwer zu sch\u00e4tzen, als es mehrere Routen zeitgleich gab \u2013 im Zusammenhang mit den Anti-Regierungs-Protesten demonstriert. Frankreichweit gab das Innenministerium am Abend eine Gesamtzahl von \u201e69.000\u201c heraus. Diese l\u00e4ge \u00fcber den Zahlengaben vom 05. Januar d.J. (damals \u201e50.000\u201c), dem diesj\u00e4hrigen Neubeginn der Proteste, jedoch unterhalb derer vom 12. sowie 19. Januar 19 (jeweils \u201e84.000\u201c laut Regierungszahlen).<\/p>\n<p>Wie um zu unterstreichen, wie heterogen dieser Protest jedoch ist und welche Vorsichtsma\u00dfnahmen mitunter geboten sein k\u00f6nnen, fand gegen 14 Uhr in der N\u00e4he des Bastille-Platzes (sowie unweit des Lyoner Bahnhofs in Paris) eine Attacke von faschistischen Elementen gegen den Demonstrationsblock der undogmatisch-trotzkistischen Partei NPA (Neue Antikapitalistische Partei) statt. In Wirklichkeit handelte es sich eher um zwei Angriffe: zun\u00e4chst mit F\u00e4usten auf der Ebene des Fronttransparents, wenig sp\u00e4ter mit Steinw\u00fcrfen auf den gesamten Demoblock, der dabei auseinander gesprengt wurde. An ihm waren rund f\u00fcnfzig Personen aus dem Kern sowie dem Umfeld der Gruppe\u00a0<em>Les Zouaves<\/em>\u00a0beteiligt. (Der Begriff\u00a0<em>Zouave\u00a0<\/em>benannte urspr\u00fcnglich 1830 einen einheimischen Hilfssoldaten im soeben kolonisierten franz\u00f6sischen Algerien, und wird seitdem f\u00fcr eher unernst auftretende Personen verwendet.) Es handelt sich um eine informelle Gruppe, welcher sowohl ehemalige Mitglieder der f\u00fcr ihre Gewaltt\u00e4tigkeit bekannten, 1969 gegr\u00fcndete, studentisch-neofaschistischen Gruppe GUD (Groupe Union D\u00e9fense) als auch der \u201eidentit\u00e4ren Bewegung\u201c sowie Fu\u00dfballhooligans angeh\u00f6ren. Vgl dazu unter anderem: <a href=\"http:\/\/lahorde.samizdat.net\/2019\/01\/27\/gilets-jaunes-le-cortege-du-npa-agresse-par-des-fascistes\/\">lahorde.samizdat&#8230;<\/a>\u00a0, <a href=\"https:\/\/www.lutte-ouvriere.org\/communiques\/solidarite-avec-le-npa-apres-lagression-de-son-cortege-par-un-groupe-dextreme-droite-116620.html\">lutte-ouvriere.org&#8230;<\/a>, <a href=\"http:\/\/danactu-resistance.over-blog.com\/2019\/01\/pour-une-riposte-unitaire-anti-fasciste-apres-les-agressions-du-npa.html\">danactu-resistance.over-blog&#8230;<\/a><\/p>\n<p>Inzwischen gibt es auch Solidarit\u00e4tsbekundungen sowohl von der linksalternativen Branchengewerkschaft SUD PTT (Sud bei Post und Telekom) als auch von ihrem, locker strukturierten, Dachverband Union syndicale Solidaires. Bis Mittwoch werden wir diese und weitere Erkl\u00e4rungen zum Thema zusammentragen und einleiten.<\/p>\n<p>Ebenfalls am Samstag, 26.01.19 wurde eine prominente Gallionsfigur der \u201eGelben Westen\u201c, der \u00e4ltere und als betont \u201egewaltfrei\u201c geltende J\u00e9r\u00f4me Rodrigues, entweder durch einen Granatsplitter oder \u2013 wie die Protestbewegung angibt \u2013 durch ein Hartgummigeschoss, abgeschossen aus der Distanzwaffe LBD alias <em>flash-ball<\/em>, aus n\u00e4chster N\u00e4he am Kopf getroffen. Er droht, ein Auge f\u00fcr immer zu verlieren. (Vgl. etwa:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ladepeche.fr\/2019\/01\/27\/limpressionnante-blessure-du-gilet-jaune-jerome-rodrigues-qui-va-perdre-un-oeil,7978342.php\">ladepeche.fr&#8230;<\/a>) Die Regierung soll sich darob \u201eberunruhigt\u201c zeigen (vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.lemonde.fr\/societe\/article\/2019\/01\/28\/blessure-du-gilet-jaune-jerome-rodriguez-l-executif-tente-d-eteindre-l-incendie_5415515_3224.html\">lemonde.fr&#8230;<\/a>). Dennoch rief er selbst im Nachhinein zu Ruhe und Besonnenheit auf, w\u00e4hrend der ihm relativ nahe stehende \u201eGelbwesten\u201c-Prominente Eric Drouer \u2013 der 35j\u00e4hrige LKW-Fahrer aus dem \u00f6stlichen Pariser Umland \u2013 in seiner draufg\u00e4ngerischen und verbalradikalen Art einen\u00a0<em>\u201ebeispiellosen Aufstand\u201c und \u201emit allen Mitteln\u201c\u00a0<\/em>ank\u00fcndigte. (Vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/actu.orange.fr\/france\/gilets-jaunes-eric-drouet-appelle-a-un-soulevement-sans-precedent-magic-CNT000001cl63l.html\">actu.orange.fr&#8230;<\/a>\u00a0und\u00a0<a href=\"https:\/\/www.huffingtonpost.fr\/2019\/01\/26\/jerome-rodrigues-blesse-eric-drouet-appelle-a-un-soulevement-sans-precedent_a_23653552\/\">huffingtonpost.fr&#8230;<\/a>)<\/p>\n<p>Im Hinblick auf den 05. Februar d.J. zeichnet sich unterdessen eine wahrscheinlich interessant werdende Konstellation ab. Die Spitze des gewerkschaftlichen Dachverbands CGT hatte zun\u00e4chst f\u00fcr dieses Datum zum Streik aufgerufen und einen allgemeinen Appell ver\u00f6ffentlicht. Allerdings glaubte sie wohl selbst nicht an einen durchschlagenden Erfolg \u2013 die Politik der CGT-Spitze besteht seit Dezember 18 darin, zu Protestterminen unabh\u00e4ngig von den \u201eGelben Westen\u201c und parallel zu ihnen (jedoch an anderen Daten) aufzurufen, um zu versuchen, die soziale Energie auf ihre Art zu kanalisieren. Doch seitdem bezogen sich u.a. Eric Drouet (er nimmt das Wort \u201eGeneralstreik\u201c in den Mund), NPA-Sprecher Olivier Besancenot, der linkssozialdemokratische und linksnationalistische Ex-Pr\u00e4sidentschaftskandidat Jean-Luc M\u00e9lenchon auf diesen Aufruf und betonen, an dem Tag etwas Gemeinsames auf die Beine stellen zu wollen. In linksgewerkschaftlichen u.a. Milieus gewinnt dieser Aufruf an Breite. Vielleicht entsteht etwas Interessantes daraus \u2013 wir bleiben am Ball!<\/p>\n<p>Unterdessen verabschiedeten rund 300 Delegierte verschiedener Protestkollektive aus ganz Frankreich am Samstag und Sonntag (26.\/27. Januar) in Commercy, einer Industriestadt in der N\u00e4he von Nancy, eine gemeinsame Erkl\u00e4rung. (Vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/reporterre.net\/Appel-de-la-premiere-assemblee-des-assemblees-des-Gilets-jaunes\">reporterre.net&#8230;<\/a>) Ihr Ansatz, der progressivste innerhalb der heterogen zusammengesetzten Bewegung, zielt auf eine Verallgemeinerung basisdemokratischer Strukturen und Koordinationsformen. Auch auf dieses Thema werden wir in B\u00e4lde noch weitaus n\u00e4her eingehen.<\/p>\n<p>So viel f\u00fcr heute\u2026<\/p>\n<p><strong><em>Artikel von Bernard Schmid vom 28.1.2019 \u2013 wir danken!<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Siehe\u00a0<a href=\"https:\/\/paris.demosphere.net\/rv\/66976\">Aufrufe u.a. der CGT zum \u201cGeneral\u201dstreik am 5.2.2019<\/a>\u00a0und\u00a0<a href=\"http:\/\/www.revolutionpermanente.fr\/La-CGT-Ford-appelle-a-manifester-pour-l-acte-XI-et-a-construire-un-mouvement-de-greve-generale\">denjenigen der CGT bei Ford<\/a><\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/internationales\/frankreich\/soziale_konflikte-frankreich\/gelbe-westen-bewegung-frankreich-zwischen-gegendemo-aus-dem-pro-regierungs-lager-und-faschistischen-attacken-auf-dem-weg-zum-streik-5-februar\/\">labournet.de&#8230;<\/a> vom 28. Januar 2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernard Schmid. 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