{"id":4881,"date":"2019-01-30T20:19:32","date_gmt":"2019-01-30T18:19:32","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4881"},"modified":"2019-01-30T20:19:32","modified_gmt":"2019-01-30T18:19:32","slug":"ostwind-blies-kohl-ins-gesicht-arbeiterklasse-gegen-abwicklung-der-ddr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4881","title":{"rendered":"Ostwind blies\u00a0Kohl\u00a0ins Gesicht &#8211; Arbeiterklasse gegen Abwicklung der DDR"},"content":{"rendered":"<p><em>Bernd Gehrke.<\/em> Am 20. Juni 1992 fand in Ostberlin die 1. Konferenz Ostdeutscher und Berliner Betriebs- und Personalr\u00e4te statt. 140 Betriebs- und Personalr\u00e4te aus 70 Betrieben, die 107.000 Besch\u00e4ftigte vertraten,<!--more--> machten den selbst organisierten Versuch zu einem Branchen und Regionen \u00fcbergreifenden Widerstand von Belegschaften in Ostdeutschland gegen die Treuhandanstalt \u2013 und deren Politik der Deindustrialisierung mittels Privatisierung der ostdeutschen Wirtschaft. Fehlender Wille der Spitzen von DGB und Einzelgewerkschaften, der gro\u00dffl\u00e4chigen Plattmache der ostdeutschen Industrie auf gleicher Ebene mit ebenso breitfl\u00e4chigem Widerstand und Streik entgegen zu treten, hatte die Betriebs- und Personalr\u00e4te zusammengef\u00fchrt. Denn die zahlreichen Widerstandsaktionen einzelner Betriebe, lokaler und regionaler Gewerkschaftsgliederungen konnten nichts daran \u00e4ndern, dass sich die Gewerkschaftsspitzen auf tarifpolitische K\u00e4mpfe und die soziale Abfederung der Massenentlassungen beschr\u00e4nkten. Es galt dagegen, die vielen Einzelfeuer des Widerstands zum Fl\u00e4chenbrand zu machen. Die auf der Konferenz gegr\u00fcndete\u00a0<em>Initiative Ostdeutscher und Berliner Betriebsr\u00e4te, Personalr\u00e4te und Vertrauensleute<\/em>\u00a0wollte mit Branchen \u00fcbergreifenden Aktionen durch \u00f6ffentlichen Druck Treuhandanstalt und Kohl-Regierung zu einer Kurs\u00e4nderung und ebenso die DGB-Gewerkschaften zu gemeinsamen Aktionen bewegen. Diese Initiative bildete die Spitze einer viel breiteren, auch politisch agierenden, sozialen Protestbewegung von Belegschaften und regionalen Gewerkschaften in Ostdeutschland. Der Fl\u00e4chenbrand kam jedoch nicht zustande und die Proteste am Beginn der 1990er Jahre sind heute weitgehend vergessen. Gerade junge Aktivist\/innen in Gewerkschaften und sozialen Bewegungen wissen davon nichts mehr.<\/p>\n<p>Dabei sahen die Jahre zwischen 1990 und 1994 \u2013 ein Sonderfall war der Aufstand der Arbeiterinnen und Arbeiter am 17. Juni 1953 gegen das SED-Regime \u2013 die wahrscheinlich gr\u00f6\u00dfte und l\u00e4ngste Welle von\u00a0<em>betrieblich und regional-gewerkschaftlich selbst organisierten<\/em>\u00a0sozialen Widerstands- und Protestaktionen seit der Novemberrevolution. Mindestens 150 \u201ewilde\u201c Streiks 1991, 200 jeweils in den Jahren 1992 und 1993, die stets mit anderen Protestaktionen kombiniert waren, kennzeichneten diese Jahre. Zudem waren diese Widerstandsaktionen h\u00e4ufig sehr radikal. Hinzu kamen drei gro\u00dfe Tarifstreiks von DGB-Gewerkschaften. Doch diese Streiks und Betriebsbesetzungen, Autobahnblockaden, die Besetzung des R\u00fcgendamms oder des Dresdner Flughafens sind nicht in die Geschichtserz\u00e4hlung der Linken eingegangen.<\/p>\n<p>Um diese K\u00e4mpfe bekannt zu machen, fand am 23.\/24. Juni 2017 in Berlin eine vom\u00a0<em>AK Geschichte sozialer Bewegungen Ost-West<\/em>\u00a0organisierte Tagung unter dem Titel\u00a0<em>Ostwind \u2013 Soziale K\u00e4mpfe in Ostdeutschland 1990 bis 1994<\/em>\u00a0statt. In vier Themenbl\u00f6cken wurde der Versuch unternommen, durch Vortr\u00e4ge und Zeitzeug\/innen einerseits die damaligen K\u00e4mpfe vorzustellen und zugleich einen Bogen in die Gegenwart zu schlagen. Ein erster Themenblock behandelte Ausma\u00df und Formen des sozialen Widerstands in diesen Jahren. Danach wurde nach Leistungen und Grenzen der\u00a0<em>Initiative Ostdeutscher und Berliner Betriebsr\u00e4te, Personalr\u00e4te und Vertrauensleute\u00a0<\/em>gefragt. Anschlie\u00dfend waren Situation, Rolle und Grenzen der DGB-Gewerkschaften das Thema. Eine Abschlussrunde schlug den Bogen von den damaligen K\u00e4mpfen in die Gegenwart.<\/p>\n<p>Die Veranstaltung gewann durch die Einbeziehung von ehemaligen Kontrahent\/innen der im Streit geendeten BR-Initiative. In einer solidarischen Diskussion kamen die Differenzen deutlich zum Ausdruck, ohne in das Waschen schmutziger W\u00e4sche zu entgleiten.<\/p>\n<p>Da unter den insgesamt ca. 80 Teilnehmer\/innen ein gro\u00dfer Teil von damals nicht dabei Gewesenen war, bedeutete f\u00fcr sie die Tagung gleichsam die Entdeckung einer ungeahnten Welt. Denn das Publikum war sehr bunt zusammengesetzt. Es kam aus Ost und West, reichte von betrieblichen und Miet- Aktivist\/innen, \u00fcber Gewerkschafts-Hauptamtliche bis zu K\u00fcnstler\/innen und Wissenschaftler\/innen.<\/p>\n<p>Ein besonderer Aspekt der Tagung betraf die Sicherung, Archivierung und Aufarbeitung der Dokumente dieser K\u00e4mpfe. Der AK Geschichte hatte bei der Tagung selbst eine umfangreiche Dokumentation der\u00a0<em>Initiative Ostdeutscher und Berliner Betriebsr\u00e4te, Personalr\u00e4te und Vertrauensleute<\/em>\u00a0als Buch vorgelegt, die den Auftakt weiterer Dokumentationen des Ostdeutschen Widerstandes gegen Kohl- und Treuhand-Politik bilden soll.<\/p>\n<p>* Redaktionell ver\u00e4ndert in SoZ \u2013 Sozialistische Zeitung Nr. 7-8\/2017, S. 17 erschienen<\/p>\n<p><strong>*<\/strong><\/p>\n<p><em>Nun ist die w\u00e4hrend der Tagung ver\u00f6ffentlichte Dokumentation nach einer \u00dcberarbeitung als \u201eZweite korrigierte Auflage\u201c auf der Homepage des AK Geschichte sozialer Bewegungen Ost-West als PDF-File ver\u00f6ffentlicht worden. Sie kann von allen Interessierten herunter geladen und ausgedruckt werden<\/em><strong> (<a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Materialien-zur-Tagung-Ostwind-\u2013-Soziale-K\u00e4mpfe-gegen-Massenentlassungen-und-Betriebsschlie\u00dfungen-in-Ostdeutschland-1990-bis-1994.pdf\">Materialien zur Tagung Ostwind \u2013 Soziale K\u00e4mpfe gegen Massenentlassungen und Betriebsschlie\u00dfungen in Ostdeutschland 1990 bis 1994<\/a>)<\/strong><em>.<\/em><\/p>\n<p><em>Auf 430 Seiten erschlie\u00dft sich den historisch und an sozialen K\u00e4mpfen Interessierten eine in Deutschland den heutigen Aktivist\/innen in Gewerkschaften und sozialen Bewegungen weitgehend unbekannte Welt sozialer K\u00e4mpfe traditionell-industriegesellschaftlich gepr\u00e4gter Arbeiterinnen und Arbeiter.<\/em><\/p>\n<p><em>In den Dokumenten findet sich nicht nur die Vielzahl der Beschl\u00fcsse und Aktionen der Initiative Ostdeutscher und Berliner Betriebsr\u00e4te, Personalr\u00e4te und Vertrauensleute, sondern immer wieder auch die seinerzeit in Dokumenten oder Pressespiegeln ver\u00f6ffentlichten Berichte \u00fcber betriebliche Protestaktionen. \u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>In einem Vorwort des Herausgebers wird ein kurzer Abriss der Geschichte der Initiative gegeben. Erstmals werden die Dokumente \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich, darunter auch jene, die die Spaltung der Initiative kennzeichneten und die den in der Literatur kolportierten Vorwurf widerlegen, die Unterwanderung der Initiative durch linksradikale Unterst\u00fctzer\/innen h\u00e4tte zu deren Spaltung gef\u00fchrt. <\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><em><a href=\"https:\/\/geschichtevonuntenostwest.wordpress.com\/soziale-kaempfe-in-ostdeutschland-nach-1990\/dokumentation-der-initiative-ostdeutscher-und-berliner-betriebsraete\/\">geschichtevonuntenostwest&#8230;<\/a> vom 30. Januar 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd Gehrke. Am 20. Juni 1992 fand in Ostberlin die 1. 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