{"id":4883,"date":"2019-01-31T08:59:48","date_gmt":"2019-01-31T06:59:48","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4883"},"modified":"2019-01-31T08:59:48","modified_gmt":"2019-01-31T06:59:48","slug":"gegen-einen-feminismus-der-auf-den-staat-und-die-regierung-hofft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4883","title":{"rendered":"\u201eGegen einen Feminismus, der auf den Staat und die Regierung hofft\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Narges Nassimi<\/em> <strong>im Interview mit\u00a0<em>Klasse Gegen Klasse<\/em>\u00a0\u00fcber eine neue Frauenbewegung weltweit, die Vorbereitungen f\u00fcr den bundesweiten Frauen*streik am 8. M\u00e4rz und die Notwendigkeit,<!--more--> einen internationalistischen, antirassistischen, klassenk\u00e4mpferischen, sozialistischen Feminismus aufzubauen.<\/strong><\/p>\n<p>&#8212;&#8211;<\/p>\n<p><strong>Am Freitag sprichst du auf einer Veranstaltung zum Thema \u201eEine neue Frauenbewegung?\u201c. Welche Debatten willst du dort ansto\u00dfen?<\/strong><\/p>\n<p>Zuallererst m\u00f6chte ich \u00fcber die aktuelle Situation der Frauen in Deutschland und die Notwendigkeit einer neuen Frauenbewegung sprechen. Weltweit haben sich in den letzten Jahren Millionen von Frauen f\u00fcr ihre Forderungen und gegen Angriffe von Regierungen, Bossen und Rechten mobilisiert. Es wird Zeit, dass wir auch in Deutschland eine solche Bewegung aufbauen. Gerade angesichts des Aufstiegs der ultrarechten und frauenfeindlichen AfD oder eines Bundesinnenministers wie Seehofer, der 1997 gegen die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe gestimmt hat, wird deutlich, dass der weltweite Rechtsruck auch hier in Deutschland eine Bedrohung f\u00fcr Frauen darstellt. Erk\u00e4mpfte Rechte sind in Gefahr, wieder zur\u00fcck genommen zu werden.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem m\u00f6chte ich dar\u00fcber sprechen, was f\u00fcr eine Frauenbewegung wir aufbauen m\u00fcssen. Die Entscheidung der Bundesregierung von Dienstag, den sch\u00e4ndlichen Anti-Abtreibungs-Paragraphen 219a StGB beizubehalten, zeigt ganz deutlich, dass wir von dieser Regierung nichts zu erwarten haben. Wir brauchen eine Frauenbewegung, die gegen die Regierung mobilisiert. Wir brauchen auch eine Frauenbewegung, die die Verbindung mit den K\u00e4mpfen der Arbeiter*innen sucht. Denn Patriarchat und Kapitalismus sind untrennbar miteinander verbunden. Diese Perspektive, die \u201eBrot und Rosen\u201c als internationale, antirassistische, klassenk\u00e4mpferische, sozialistische Frauenorganisation vertritt, m\u00f6chte ich am Freitag vorstellen.<\/p>\n<p><strong>Direkt am n\u00e4chsten Tag, am Samstag, findet in M\u00fcnchen ein Frauen*streik-Vernetzungstreffen statt. Was wird dort diskutiert?<\/strong><\/p>\n<p>Erst einmal ist spannend, wer dort alles vertreten sein wird. Die Gewerkschaften ver.di und GEW sowie feministische Gruppen und Kollektive haben dazu aufgerufen. Arbeiterinnen, besonders aus den Bereichen Pflege und Erziehung, Sch\u00fclerinnen und Studentinnen werden dabei sein. Wir hoffen auch, dass auch Hausfrauen und gefl\u00fcchtete Frauen kommen werden, um ihre Forderungen und Perspektiven zu vertreten.<\/p>\n<p>In Anlehnung an die Frauenstreikbewegung im Spanischen Staat wird das Treffen auf f\u00fcnf S\u00e4ulen beruhen, die sich jeweils auf unterschiedliche Themen oder Orte beziehen. So werden gewerkschaftliche Perspektiven auf Streiks, Arbeitsbedingungen in Pflege und Krankenhaus, Care-Arbeit im Allgemeinen, Sexismus in Institutionen wie der Schule und auch Fragen des Konsums Thema sein. Insgesamt soll das Treffen kein akademischer Austausch sein, sondern zur Organisierung, Vernetzung und Diskussion unter Frauen von verschiedenen Orten dienen. Besonders wollen wir diskutieren, welche Probleme und Forderungen es an den einzelnen Orten gibt und welche Art von Streikaktionen f\u00fcr den 8. M\u00e4rz jeweils stattfinden wird.<\/p>\n<p><strong>Welche Herausforderungen siehst du f\u00fcr den bundesweiten Frauenstreik am 8. M\u00e4rz? Welche Debatten h\u00e4ltst du f\u00fcr die bundesweite Frauenstreikversammlung vom 15.-17. Februar in Berlin notwendig?<\/strong><\/p>\n<p>Zum Einen geht es denke ich um die Diskussion dar\u00fcber, was \u00fcberhaupt ein Streik ist und warum wir streiken wollen. H\u00e4ufig wird in der feministischen Debatte die Produktion von der Reproduktion getrennt, und heute versuchen gerade die Gewerkschaften, den Frauenstreik nur auf die Reproduktion zu beschr\u00e4nken, um sich aus ihrer Verantwortung zu winden, zu Lohnarbeitsstreiks am 8. M\u00e4rz aufzurufen. Aber wir denken, dass der Streik als Mittel der Arbeiter*innen nicht zuf\u00e4llig heute im Zentrum der Diskussion steht: Die Frauen machen inzwischen die H\u00e4lfte der Arbeiter*innenklasse aus, und im echten Leben sind wir Lohnabh\u00e4ngige und Frauen zugleich, warum sollten wir das voneinander trennen? Im Gegenteil wollen wir daf\u00fcr k\u00e4mpfen, am 8. M\u00e4rz alles lahmzulegen \u2013 Produktion und Reproduktion, aber auch Schulen und Universit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Ein weiteres Problem ist, dass bei der letzten bundesweiten Frauenstreikversammlung individuelle Forderungen im Vordergrund standen. Wir wollen gerade die kollektiven Forderungen st\u00e4rken, die uns einen gemeinsamen Kampf erm\u00f6glichen. Nur so k\u00f6nnen wir die Spaltungen \u00fcberwinden, die uns diese Gesellschaft st\u00e4ndig auferlegt und die auch in der Bewegung immer wieder entstehen: die Spaltung in Individuen, die Spaltung zwischen Frauenbewegung und Arbeiter*innenbewegung, aber auch die Spaltung innerhalb der Frauenbewegung in \u201eeinheimische\u201c und migrantische Frauen, und \u00e4hnliche. Migrantische Frauen werden im \u00f6ffentlichen Diskurs auf diese Identit\u00e4t reduziert und d\u00fcrfen, wenn \u00fcberhaupt, nur dar\u00fcber sprechen, Migrant*innen zu sein. Wir dagegen wollen eine Politik machen, die sich an die Gesamtheit der Arbeiter*innenklasse richtet, die gerade in Deutschland multiethnisch ist.<\/p>\n<p>Eine Trennung wollen wir aber doch machen: Wir stellen uns gegen einen Feminismus, der sich hoffend an den Staat und die Regierung richtet, und der den Aufbau von NGOs mit dem Aufbau einer tats\u00e4chlichen Bewegung auf der Stra\u00dfe verwechselt. Und wir stellen uns auch gegen die b\u00fcrokratischen F\u00fchrungen der Gewerkschaften, die ein ums andere Mal den Kampf um die Rechte von Frauen im Stich lassen und heute dagegen argumentieren, den 8. M\u00e4rz zu einem Streiktag der gesamten Arbeiter*innenklasse zu machen.<\/p>\n<p>Gerade um die Abh\u00e4ngigkeit von diesen b\u00fcrokratischen Apparaten in Staat und Gewerkschaften zu \u00fcberwinden, brauchen wir au\u00dferdem demokratische Entscheidungsstrukturen an der Basis und eine St\u00e4rkung der Gewerkschaften durch eine k\u00e4mpferische anti-b\u00fcrokratische Str\u00f6mung,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/pflege-gewerkschaft-und-streik\/\"><strong>die die n\u00f6tigen K\u00e4mpfe erzwingt<\/strong><\/a>. Streikversammlungen an allen Orten sollen Forderungen abstimmen, Delegierte w\u00e4hlen, und gegen das von der Gewerkschaftsf\u00fchrung auferlegte \u201eStreikverbot\u201c am 8. M\u00e4rz mobilisieren. Nur so kann der diesj\u00e4hrige 8. M\u00e4rz mehr als eine eint\u00e4gige Aktion sein, sondern ein Auftakt, um sich an den Orten zu organisieren, wo wir sind, um bald die gesamte Gesellschaft f\u00fcr unsere Forderungen lahmzulegen.<\/p>\n<p><strong>Du bist eine Anf\u00fchrerin der internationalen sozialistischen Frauenorganisation \u201eBrot und Rosen\u201c in Deutschland. Was wollt ihr aufbauen?<\/strong><\/p>\n<p>Wir sind eine sozialistische Frauengruppierung, das hei\u00dft, wir sind gegen diesen Staat und seine Institutionen und lehnen auch Strategien ab, die sich darauf ausrichten. Patriarchat und Kapitalismus h\u00e4ngen untrennbar miteinander zusammen, und k\u00f6nnen nur zusammen gest\u00fcrzt werden. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir die K\u00e4mpfe gegen Ausbeutung und gegen jede Art von Unterdr\u00fcckung miteinander verbinden. Das ist eine zentrale Trennlinie innerhalb des Feminismus \u2013 wir glauben nicht an die Verbesserung der patriarchalen kapitalistischen Strukturen. Wir k\u00e4mpfen zwar f\u00fcr Reformen in diesem System, aber mit der Perspektive, dass wir in diesen K\u00e4mpfen die Kraft sammeln, um das System letztlich umzust\u00fcrzen.<\/p>\n<p>Im Unterschied zu anderen Str\u00f6mungen, die den Kern der Unterdr\u00fcckung anderswo sehen, ist die patriarchale Unterdr\u00fcckung f\u00fcr uns untrennbar mit der Klassengesellschaft verkn\u00fcpft. Um sie zu \u00fcberwinden, m\u00fcssen wir eine gesellschaftliche Kraft aufbauen, die den Kapitalismus st\u00fcrzen kann. Das kann nur die Arbeiter*innenklasse sein, die die Produktion lahmlegen kann, ohne die es keinen Profit geben kann. Besonders deshalb, weil die Arbeiter*innenklasse heute so weiblich ist wie nie zuvor, und Frauen als Arbeiter*innen an der Spitze der gemeinsamen K\u00e4mpfe gegen Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung stehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Obwohl wir eine Frauengruppierung sind, lehnen wir deshalb die Zusammenarbeit mit m\u00e4nnlichen Genossen nicht ab, im Gegenteil: Wir wollen gemeinsam eine revolution\u00e4re Partei aufbauen, um das Ziel einer klassenlosen Gesellschaft zu erreichen. Daf\u00fcr, diese Perspektive in die Frauenbewegung hineinzutragen, wollen wir Arbeiterinnen, Studentinnen, jugendliche Frauen zu Tausenden organisieren, unabh\u00e4ngig von den reformistischen Parteien und den b\u00fcrokratischen F\u00fchrungen der Gewerkschaften.<\/p>\n<p><strong>International inspiriert sich der Frauenstreik vor allem in der argentinischen \u201eNi una menos\u201c-Bewegung. Deine Genossinnen von \u201eBrot und Rosen\u201c in Argentinien haben dort eine aktive Rolle gespielt. Welche Lehren sollten von dort \u00fcbernommen werden? Welche anderen internationalen K\u00e4mpfe inspirieren euch?<\/strong><\/p>\n<p>An der \u201eNi una menos\u201c-Bewegung in Argentinien hat mich besonders beeindruckt, dass sie sich seit ihrer Entstehung 2015 immer weiter entwickelt hat \u2013 nicht nur zahlenm\u00e4\u00dfig, sondern auch in Bezug auf die Forderungen, die sie aufgreift. Sie hat als Bewegungen gegen Morde an Frauen angefangen, hat dann den Kampf f\u00fcr legale, sichere und kostenfreie Abtreibung aufgenommen, und sich dann auch immer mehr mit den K\u00e4mpfen von Arbeiter*innen gegen Entlassungen verbunden (\u201eNi una menos sin trabajo\u201c). Aktuell ist die argentinische Frauenbewegung Teil eines gro\u00dfen Kampfes gegen die mit Hilfe des imperialistischen Internationalen W\u00e4hrungsfonds durchgesetzten K\u00fcrzungsprogramme der rechten Macri-Regierung.<\/p>\n<p>Gerade beim Kampf f\u00fcr das Recht auf Abtreibung konnten wir in Argentinien au\u00dferdem sehen, dass wir uns auf den b\u00fcrgerlichen Staat nicht verlassen k\u00f6nnen: Obwohl Millionen von Frauen das Recht auf Abtreibung forderten, haben eine Handvoll Senatoren \u201edemokratisch\u201c entschieden, dass Abtreibung weiterhin kriminalisiert wird. Und eine weitere Lehre aus Argentinien ist der Aufbau von Frauenkommissionen an Arbeitspl\u00e4tzen, in Universit\u00e4ten und Schulen, die zu Organen der Selbstorganisation, der Mobilisierung und des Kampfes geworden sind.<\/p>\n<p>Auch au\u00dferhalb von Argentinien haben Frauen in den letzten Jahren gro\u00dfe K\u00e4mpfe gef\u00fchrt: In Polen haben sie Versch\u00e4rfung der Abtreibungsgesetze verhindert. In Indien, Sudan und Frankreich stehen Frauen in den sozialen Protesten mit in der ersten Reihe. Im Iran sind sie die wichtigsten Aktivist*innen in den Streiks der Lehrer*innen und in der Unterst\u00fctzung ihrer streikenden Familienmitglieder in anderen Sektoren. Und unabh\u00e4ngig aller Kritiken inspiriert uns auch die kurdische Frauenbewegung, die uns daran erinnert, dass Frauen k\u00e4mpfen k\u00f6nnen. Und auch aus dem Spanischen Staat k\u00f6nnen wir eine Menge lernen: Denn dort haben Millionen von Frauen gezeigt, dass sie die Gewerkschaftsb\u00fcrokratien dazu zwingen k\u00f6nnen, zu Streiks aufzurufen. Darauf m\u00fcssen wir aufbauen.<\/p>\n<p><strong>M\u00f6chtest du uns zum Abschluss noch etwas sagen?<\/strong><\/p>\n<p>Viele von den Dingen, \u00fcber die ich heute gesprochen habe, m\u00f6chte ich am Freitag gemeinsam mit meiner Genossin Andrea D\u2019Atri vertiefen. Als Gr\u00fcnderin von \u201eBrot und Rosen\u201c in Argentinien und langj\u00e4hrige Aktivistin in der Frauenbewegung, aber auch als Marxistin und Mitglied der Partei Sozialistischer Arbeiter*innen (PTS) kann sie uns vielleicht dabei helfen, die gro\u00dfen Herausforderungen anzugehen, vor denen wir in Deutschland f\u00fcr den Aufbau sowohl einer Frauenbewegung als auch einer Arbeiter*innenbewegung \u2013 mit Frauen an der Spitze \u2013 stehen.<\/p>\n<p>Ich freue mich sehr \u00fcber diese M\u00f6glichkeit und m\u00f6chte alle Leser*innen einladen, am Freitag zu der Veranstaltung im M\u00fcnchner EineWeltHaus zu kommen. Dankesch\u00f6n!<\/p>\n<p><em>uelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wir-stellen-uns-gegen-einen-feminismus-der-sich-hoffend-an-den-staat-und-die-regierung-richtet\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 31. Januar 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Narges Nassimi im Interview mit\u00a0Klasse Gegen Klasse\u00a0\u00fcber eine neue Frauenbewegung weltweit, die Vorbereitungen f\u00fcr den bundesweiten Frauen*streik am 8. 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