{"id":4897,"date":"2019-02-01T09:12:16","date_gmt":"2019-02-01T07:12:16","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4897"},"modified":"2019-02-01T09:12:16","modified_gmt":"2019-02-01T07:12:16","slug":"venezuelas-oel-und-die-geopolitik-des-us-gestuetzten-putsches","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4897","title":{"rendered":"Venezuelas \u00d6l und die Geopolitik des US-gest\u00fctzten Putsches"},"content":{"rendered":"<p><em>Gabriel Black.\u00a0<\/em>Die USA haben ihre Bestrebungen, den venezolanischen Pr\u00e4sidenten Nicolas Maduro durch einen Putsch zu entmachten, stetig versch\u00e4rft. Sie haben verheerende Wirtschaftssanktionen gegen das Land verh\u00e4ngt, die<!--more--> einem Belagerungszustand gleichkommen, und drohen st\u00e4ndig mit einer offenen US-Milit\u00e4rintervention.<\/p>\n<p>Das Ziel dieser Regimewechsel-Operation ist es, die US-Marionette Juan Guaid\u00f3 an die Macht zu bringen, der im Dezember 2018 in die USA gereist war, um mit der Trump-Regierung \u00fcber diese Operation zu diskutieren.<\/p>\n<p>Guaid\u00f3 ist ein Funktion\u00e4r der rechten Partei Voluntad Popular, die von der Beh\u00f6rde der Vereinigten Staaten f\u00fcr Internationale Entwicklung (United States Agency for International Development, USAID) und dem Think Tank National Endowment for Democracy (NED) finanziert wird. Er genie\u00dft die Unterst\u00fctzung sowohl der Demokraten als auch der Republikaner. Die Medien pr\u00e4sentieren ihn als eine Art Freiheitsk\u00e4mpfer und Verteidiger der Demokratie gegen Maduro, der als Diktator und b\u00f6se Macht dargestellt wird. US-Au\u00dfenminister Mike Pompeo warnte letzte Woche in einer Rede vor den Vereinten Nationen die anderen Regierungen: \u201eEntweder ihr steht auf der Seite der M\u00e4chte der Freiheit, oder ihr seid mit Maduro und seinem Wahnsinn im Bunde.\u201c<\/p>\n<p>Mit diesem abgedroschenen und heuchlerischen Gerede von \u201eFreiheit\u201c und \u201eDemokratie\u201c tarnt Washington seine wahren Motive f\u00fcr einen Putsch, der schnell zu einem B\u00fcrgerkrieg und einer bewaffneten Intervention f\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Venezuela hat die gr\u00f6\u00dften nachgewiesenen \u00d6lreserven der Welt \u2013 mehrere Milliarden Barrel mehr als Saudi-Arabien. Dieses wertvolle Verm\u00f6gen ist nicht nur eine Profitquelle, sondern ein wichtiges geopolitisches Werkzeug im Konflikt zwischen den USA und China, vor allem angesichts der wachsenden Bef\u00fcrchtungen, dass sich die Lage auf den \u00d6lm\u00e4rkten bald verschlechtern k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Am Montag versuchte die US-Regierung, die Maduro-Regierung von den Einnahmen aus dem \u00d6lexport abzuschneiden, indem sie alle Zahlungen der USA an den staatseigenen \u00d6lkonzern Petr\u00f3leos de Venezuela (PDVSA) einstellte. Da 41 Prozent der venezolanischen \u00d6lexporte an die USA gehen, ist das Land stark von diesen Einnahmen abh\u00e4ngig.<\/p>\n<p>Der Nationale Sicherheitsberater John Bolton dr\u00fcckte am Montag offen aus, welche Ziele Washington damit verfolgt. Gegen\u00fcber\u00a0<em>Fox News<\/em>\u00a0erkl\u00e4rte er, ein erfolgreicher Putsch werde \u201ef\u00fcr die USA einen gro\u00dfen wirtschaftlichen Unterschied ausmachen, wenn amerikanische \u00d6lkonzerne wirklich in die \u00d6lvorkommen in Venezuela investieren und diese f\u00f6rdern k\u00f6nnten.\u201c<\/p>\n<p>Damit das passiert, m\u00fcsste die Verstaatlichung der venezolanischen \u00d6lindustrie r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden. Die Verstaatlichung wurde vor mehr als vier Jahrzehnten und damit bereits lange vor Maduros Amtszeit oder der seines Vorg\u00e4ngers Hugo Ch\u00e1vez durchgef\u00fchrt. Zudem m\u00fcsste das Land in offen sichtbarer Weise in eine Halbkolonie des US-Imperialismus und der \u00d6lkonzerne verwandelt werden.<\/p>\n<p>Einige Wirtschaftsanalysten beschreiben den neuesten Versuche der USA, die venezolanischen \u00d6leinnahmen abzuw\u00fcrgen, als \u201enukleare Option\u201c. In den letzten Jahren ist die venezolanische \u00d6lindustrie bereits zusammengebrochen. Die Roh\u00f6lproduktion ging von fast drei Millionen Barrel pro Tag auf 1,5 Millionen Barrel pro Tag im letzten Jahr zur\u00fcck. Laut einigen Prognosen wird sie dieses Jahr auf 800.000 Barrel pro Tag sinken.<\/p>\n<p>Venezuelas extra-schweres Roh\u00f6l aus dem Orinoco-G\u00fcrtel ist zwar reichhaltig, aber die Produktion ist sehr teuer. \u00c4hnlich wie der kanadische Teersand kann es nur profitabel gef\u00f6rdert werden, wenn dies sehr langsam geschieht. Um das extra-schwere \u00d6l oder den Teersand in nutzbares Roh\u00f6l zu verwandeln, muss Venezuela gro\u00dfe Mengen von Leicht\u00f6l aus den USA importieren und es in einem energieintensiven Raffinierungsprozess mit seinem Roh\u00f6l vermischen.<\/p>\n<p>Diese grundlegenden geophysischen Tatsachen erschweren und versch\u00e4rfen die Wirtschaftskrise, mit der das national-b\u00fcrgerliche Maduro-Regime konfrontiert ist. Genau wie zuvor Ch\u00e1vez braucht Maduro diese \u00d6leinnahmen f\u00fcr die begrenzten Sozialprogramme, die es seinem Regime erm\u00f6glicht haben, sich f\u00e4lschlich als Vertreter des \u201ebolivarischen Sozialismus\u201c zu inszenieren und gleichzeitig dem in- und ausl\u00e4ndischen Kapital Eigentumsrechte und Profite zu garantieren.<\/p>\n<p>Genau wie viele \u00d6l produzierende L\u00e4nder ist auch Venezuela von einem einzigen Rohstoff \u00fcberm\u00e4\u00dfig abh\u00e4ngig. Wenn ein Land zu stark vom Export eines bestimmten wertvollen Rohstoffs abh\u00e4ngig ist, kann der Zufluss von Devisen zu einer allgemeinen Inflation f\u00fchren. Bevorzugte Investitionen in diesen einen Rohstoff f\u00fchren zur Benachteiligung aller anderen Bereiche der Wirtschaft. Dies f\u00fchrt unweigerlich zum Niedergang anderer Teile der Wirtschaft, vor allem der Industrie und der Produktion, sofern dieser Prozess nicht durch radikale Ma\u00dfnahmen aufgehalten wird.<\/p>\n<p>Aufgrund dieses Prozesses erleidet Venezuela bereits seit den 1920er Jahren immer wieder Wirtschaftskrisen. Diesmal hat das fehlende Kapital des venezolanischen Regimes und der schwankende \u00d6lpreis die Regierung daran gehindert, die notwendigen und kostspieligen Investitionen in ihre Schwer\u00f6lfelder zu t\u00e4tigen, um die Produktion stabil zu halten.<\/p>\n<p>Die USA und ihre Verb\u00fcndeten k\u00fcmmert es nicht, dass die Aussicht auf einen langwierigen Regimewechsel in Venezuela zum kurzzeitigen R\u00fcckzug des venezolanischen Roh\u00f6ls von den globalen M\u00e4rkten f\u00fchrt. Die amerikanische Roh\u00f6lproduktion und die unabl\u00e4ssige F\u00f6rderung von Schiefer\u00f6l und Schiefergas werden jeden Engpass auffangen. Doch Venezuelas Reserven gelten dennoch aus zwei Gr\u00fcnden als entscheidend f\u00fcr die langfristige wirtschaftliche und geopolitische Stabilit\u00e4t der USA.<\/p>\n<p>Zum einen hat Venezuela vor kurzem Pl\u00e4ne f\u00fcr eine engere Zusammenarbeit mit dem chinesischen Staat und chinesischen \u00d6lkonzernen eingeleitet. Venezuela schuldet China etwa zwanzig Milliarden Dollar. China ist damit einer der gr\u00f6\u00dften Gl\u00e4ubiger des Landes. 40 Milliarden aus einem anderen Kredit hat es bereits in Form von \u00d6lexporten an China zur\u00fcckgezahlt. Chinesische Erd\u00f6lkonzerne haben gro\u00dfe Anteile an verschiedenen Unternehmungen in Venezuela aufgekauft und beabsichtigen, die Abw\u00e4rtsspirale der Industrie aufzuhalten und \u00d6l nach China zu schicken.<\/p>\n<p>Chinas \u00d6lproduktion liegt bei einem Volumen von 3,5 Millionen Barrel pro Tag und gleicht nicht einmal ann\u00e4hernd den Verbrauch des Landes von f\u00fcnfzehn Millionen Barrel pro Tag aus. Im Gegensatz zu den USA hat China keine nennenswerten Schiefer\u00f6lvorkommen. Der Mangel an \u00d6l hat die chinesische herrschende Klasse dazu gebracht, verzweifelt nach \u00d6l im Ausland zu suchen. Andererseits verstehen die USA, dass der strategische Besitz \u2013 entweder durch ein B\u00fcndnis oder durch direkte Kontrolle \u2013 der gr\u00f6\u00dften \u00d6lfelder der Welt die chinesische Wirtschaft im Falle eines Konflikts zerst\u00f6ren w\u00fcrde. Daher gelten \u00f6lreiche L\u00e4nder wie Venezuela und Gaddafis Libyen als wichtige Ziele der USA. Beide L\u00e4nder haben chinesische und russische Investitionen in die \u00d6lindustrie erlaubt.<\/p>\n<p>Ein zweiter Grund ist, dass Venezuelas \u00d6l trotz seiner hohen Kosten helfen k\u00f6nnte, ein Missverh\u00e4ltnis zwischen Angebot und Nachfrage zu \u00fcberbr\u00fccken, mit dem im Laufe dieses Jahrzehnts gerechnet wird. Die Internationale Energiebeh\u00f6rde geht davon aus, dass die Welt mindestens 640 Milliarden Dollar j\u00e4hrlich wird ausgeben m\u00fcssen, um die Produktion auf angemessenem Niveau zu halten. Allerdings liegen die Ausgaben der Industrie mit derzeit nur 430 Milliarden Dollar deutlich darunter.<\/p>\n<p>Momentan k\u00f6nnen die USA die M\u00e4rkte durch ihr Fracking beliefern. Wenn es jedoch in den kommenden Jahren eine deutliche wirtschaftliche Rezession geben sollte, braucht Venezuela hohe Investitionen, um die L\u00fccke zu f\u00fcllen. Sollte der von den USA unterst\u00fctzte Putsch erfolgreich sein, w\u00fcrden Konzerne wie Exxon, die fr\u00fcher das venezolanische \u00d6l kontrolliert haben, dort wieder investieren und den Rohstoff kontrollieren.<\/p>\n<p>Die Bestrebungen der USA, den Fluss des venezolanischen \u00d6ls zu kontrollieren, sind nicht neu. Vor der Verstaatlichung in den 1970er Jahren dominierten mehrere westliche Konzerne den \u00d6lreichtum des Landes, ausgehend von der Royal Dutch Shell zu Beginn des 20. Jahrhunderts, danach kamen das heutige Exxon Mobil (fr\u00fcher Standard Oil, Exxon und Mobil) und schlie\u00dflich die Verstaatlichung der lange Zeit vom ausl\u00e4ndischen Kapital dominierten \u00d6lindustrie Venezuelas.<\/p>\n<p>Anfang der 1970er Jahre war Venezuela ein enger Verb\u00fcndeter der USA in Lateinamerika. 1976 wurden die \u00d6lvorkommen unter Pr\u00e4sident Carlos Andr\u00e9s P\u00e9rez offiziell verstaatlicht und der \u00d6lkonzern Petr\u00f3leos de Venezuela als staatseigenes Unternehmen geschaffen. Diese Verstaatlichung hat westlichem \u00d6l im Verh\u00e4ltnis zu dem aus OPEC-Staaten weit g\u00fcnstigere Bedingungen verschafft.<\/p>\n<p>Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre kam es zu einem zweiten gro\u00dfen Wirtschaftsabschwung, der ebenfalls mit der \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Abh\u00e4ngigkeit des Landes vom \u00d6l und den damit einhergehenden wirtschaftlichen Problemen zusammenhing. In dieser Wirtschaftskrise und den als Caracazo bekannten Massenunruhen gegen Austerit\u00e4tsma\u00dfnahmen trat der ehemalige Pr\u00e4sident Hugo Ch\u00e1vez erstmals als nationale Figur in Erscheinung. 1992 f\u00fchrte er einen erfolglosen Putschversuch an, 1998 wurde er zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Ch\u00e1vez f\u00fchrte Sozialreformen ein, die anfangs den Lebensstandard eines Teils der Arbeiterklasse verbesserten und gr\u00f6\u00dftenteils durch \u00d6leinnahmen finanziert wurden. Doch als b\u00fcrgerlicher Nationalist repr\u00e4sentierte er keineswegs die Arbeiterklasse, und ebenso wenig f\u00f6rderte er ihren Kampf f\u00fcr die Kontrolle \u00fcber die Produktion und die Gesellschaft. Vielmehr sprach er f\u00fcr eine Schicht von Gesch\u00e4ftsleuten, die glaubten, ihre Lage k\u00f6nnte verbessert werden, wenn sie mehr Unabh\u00e4ngigkeit vom ausl\u00e4ndischen Kapital erhielten und gleichzeitig die \u00d6leinnahmen benutzten, um die Klassenspannungen zu verringern.<\/p>\n<p>Genau wie in der Wirtschaftskrise der 1990er Jahre haben die globalen Kr\u00e4fte des Kapitals das kurzfristige Gleichgewicht einer nationalen Wirtschaft gest\u00f6rt, die von einem einzigen Rohstoff abh\u00e4ngig ist. In den Jahren vor Ch\u00e1vez\u2018 Tod im Jahr 2013 hat sich die wirtschaftliche Lage verschlechtert, das venezolanische Regime sah sich mit einer zunehmend feindlichen und desillusionierten Arbeiterklasse konfrontiert.<\/p>\n<p>Der US-Imperialismus versucht jetzt, diese Krise zu seinem eigenen Vorteil auszunutzen. Unter dem scheinheiligen Banner von \u201eFreiheit\u201c und Demokratie\u201c versucht er unverhohlen, eine imperialistische Intervention durchzuf\u00fchren, die eine Diktatur an die Macht bringen w\u00fcrde. Diese w\u00fcrde die Arbeiterklasse unterdr\u00fccken, um die uneingeschr\u00e4nkte Kontrolle der US-\u00d6lkonzerne und der Wall Street zu gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2019\/02\/01\/vene-f01.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 1. Februar 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gabriel Black.\u00a0Die USA haben ihre Bestrebungen, den venezolanischen Pr\u00e4sidenten Nicolas Maduro durch einen Putsch zu entmachten, stetig versch\u00e4rft. 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