{"id":490,"date":"2015-04-24T09:16:54","date_gmt":"2015-04-24T07:16:54","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=490"},"modified":"2015-04-27T09:17:11","modified_gmt":"2015-04-27T07:17:11","slug":"deutschland-neonazis-gegen-kapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=490","title":{"rendered":"Deutschland: Neonazis gegen Kapitalismus?"},"content":{"rendered":"<p>Norbert Madloch. <strong>Die heutigen Nazis lassen h\u00e4ufig antikapitalistische und antiimperialistische T\u00f6ne von sich h\u00f6ren.\u00a0In Deutschland hat sich der sogenannte Strasserismus in den 90er Jahren durchsetzen k\u00f6nnen, sodass auch die NPD f\u00fcr eine \u00abantikapitalistische<!--more--> Wirtschaftsordnung\u00bb k\u00e4mpft.<\/strong><\/p>\n<div>\n<p>\u00abSie haben v\u00f6llig recht\u00bb, entgegnete vor einigen Jahren ein schulbekannter Neonazi in einer Schule im Berlin-Prenzlauer Berg seiner Lehrerin. \u00abHitler war ein grosser Verbrecher. Er hat den Nationalsozialismus an das Kapital verraten. Unsere Leit- und Vorbilder sind nicht Hitler, Himmler, Goebbels und andere Gr\u00f6ssen des \u2039Dritten Reiches\u203a, sondern Gregor und Otto Strasser.\u00bb Die Lehrerin war zun\u00e4chst in zweierlei Hinsicht sprachlos. Zum einen hatte sie w\u00e4hrend ihrer Ausbildung in der DDR nie etwas \u00fcber die Faschisten Gregor Strasser (1892\u20131934) und Otto Strasser (1897\u20131974) geh\u00f6rt und zum anderen verbl\u00fcffte sie die v\u00f6llig unerwartete Ideologie heutiger neonazistischer Gruppierungen in der BRD. Diese Berliner Lehrerin stellt keine Ausnahme dar. Bis in die Gegenwart hinein ist den meisten Menschen in den alten und neuen Bundesl\u00e4ndern die geistige und programmatische Metamorphose beachtlicher Teile des bundesdeutschen Neonazismus kaum bekannt. Nach dem Scheitern aller Pl\u00e4ne von Otto Strasser, Ende der 50er\/Anfang der 60er Jahre sein in der Weimarer Republik und danach entwickeltes faschistisches Politikkonzept nahtlos auf die BRD zu \u00fcbertragen, war der Strasserismus bis auf die heute noch in Nordrhein-Westfalen agierende Unabh\u00e4ngige Arbeiterpartei (UAP) weitgehend in der politischen Versenkung verschwunden. Ein zaghafter Wandel machte sich erst wieder in den 70er Jahren bemerkbar, als die Neue Rechte in der Bundesrepublik analog ihrer franz\u00f6sischen Gesinnungsfreunde nach neuen Ideen suchten, um die politische wie geistige Isolierung der Rechtsextremen zu \u00fcberwinden. W\u00e4hrend man in der franz\u00f6sischen Nouvelle Droite insbesondere Vorstellungen von Antonio Gramcsi von der Eroberung der kulturellen Hegemonie vor einer politischen Macht\u00fcbernahme aufgriff, suchte der sogenannte nationalrevolution\u00e4re Fl\u00fcgel der westdeutschen Neuen Rechten Ankn\u00fcpfungspunkte beim angeblich linken Fl\u00fcgel der NSDAP, der besonders von den Gebr\u00fcdern Strasser repr\u00e4sentiert wurde. Diese rechtsextremen sogenannten Nationalrevolution\u00e4re, die sich vom Hitlerismus und dem NS-System, aber nicht von der Idee eines \u00abnationalen Sozialismus\u00bb distanzierten, gruppierten sich in den 80er Jahren vor allem um die Zeitschriften \u00abwir selbst\u00bb (Koblenz), \u00abEuropa Vorn\u00bb (K\u00f6ln) und um die \u00abDeutsch-Europ\u00e4ische Studiengesellschaft\u00bb (Hamburg).<\/p>\n<h3>\u00abEthnopluralismus\u00bb statt Rassismus<\/h3>\n<p>Von den IdeologInnen dieser Kr\u00e4fte, die sich als \u00abprogressive NationalistInnen\u00bb verstanden, wurden eine Reihe neuer Begriffe entwickelt, um den Rechtsextremismus besser in der \u00d6ffentlichkeit anbringen zu k\u00f6nnen. So sprach man anstatt von Rassismus jetzt vom Ethnopluralismus, statt Biologismus nur noch von einem Biohumanismus. Nach wie vor blieb aber auch bei ihnen die \u00dcberwindung der demokratischen Republik und die Errichtung eines neuen Deutschen Reiches das Ziel, in dem die Grundwerte der Aufkl\u00e4rung, vor allem das Prinzip der Gleichheit aller Menschen, \u00fcberwunden und durch eine ethnisch homogene und hierarchische Volksgemeinschaft ersetzt werden sollte. Die Rezeption der Strasser-Vorstellungen in der BRD vollzog sich \u00fcber verschiedene Phasen, die nicht widerspruchslos abliefen. Bis in die 80er Jahre hinein waren die neuen Strasser-Anh\u00e4ngerInnen in intellektuellen Zirkeln relativ isoliert und politisch wirkungslos. Das \u00e4nderte sich in dem Masse, wie Michael K\u00fchnen, von den 70er bis Anfang der 90er Jahre wichtigster Repr\u00e4sentant des bundesrepublikanischen Neonazismus, sich \u00fcber Positionen der faschistischen Sturmabteilung (SA) dem Strasser-Konzept n\u00e4herte. Bis zu Beginn der 90er Jahre dominierten dann Strasser-Ideen in fast allen nennenswerten neonazistischen Gruppen der BRD. Zu nennen sind hier insbesondere die inzwischen verbotenen Gruppierungen Nationalistische Front (NF) einschliesslich ihrer diversen Nachfolgegruppen, die Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei (FAP) und die Deutsche Alternative (DA). Dass die Strasser-Ideen gerade in Ostdeutschland einen beachtlichen Widerhall fanden und finden, h\u00e4ngt mit einer diffusen Nachwirkung des \u00abSozialismus\u00ab in der DDR, der Ambivalenz zu den angeblich antikapitalistischen Vorstellungen der Gebr\u00fcder Strasser und der neonazistischen Parole zusammen, dass der Sozialismus an sich eine gute Idee w\u00e4re, nur m\u00fcsse dieser nicht internationalistisch, sondern nationalistisch ausgerichtet sein.<\/p>\n<h3>Durchsetzung des Strasserismus<\/h3>\n<p>Die Durchsetzung des Strasserismus in den meisten neonazistischen Vereinigungen vollzog sich nicht konfliktfrei. So setzte 1992 der damalige DA-Bundesvorsitzende Frank H\u00fcbner den verantwortlichen Redakteur der DA-Zeitung \u00abBrandenburger Beobachter\u00bb, Frank Mencke, ohne viel Federlesens ab, weil dieser in einem Artikel Hitler als Wahrer der Menschenrechte und den SS-Obergruppenf\u00fchrer und Organisator des Holocaust, Reinhard Heidrich, als Vorbild f\u00fcr die jungen Neonazis hingestellt hatte. In der Begr\u00fcndung seines Handelns erkl\u00e4rte H\u00fcbner, dass solche Auffassungen nicht den Positionen der DA entspr\u00e4chen. Ein anderes typisches Beispiel waren die Auseinandersetzungen \u00fcber diese Problematik in der neonazistischen NPD und ihrer Jugendorganisation, den Jungen Nationaldemokraten (JN), die im Sommer 1996 zur Absetzung fast der gesamten Redaktion der JN-Zeitschrift \u00abDer Aktivist \u2013 Nationalistisches Infoblatt\u00bb f\u00fchrte. Erst in dem Umfang, wie sich der 1995 neugew\u00e4hlte NPD-Vorsitzende Udo Voigt gegen den Fl\u00fcgel des abgesetzten vorherigen Vorsitzenden G\u00fcnter Deckert durchsetzte, ver\u00e4nderte sich auch der politische und ideologische Kurs der NPD in Richtung auf die Strasser-Linie. Der von Deckert favorisierte geschichtliche Revisionismus (vor allem die \u00abAuschwitz-L\u00fcge\u00bb) wurde zugunsten der sozialen Gegenwartsprobleme in den Hintergrund ger\u00fcckt. Wie im Strasserismus wird jetzt auch in der NPD eine hemmungslose nationalistische und rassistische Revolutions- und Sozialismus-Phraseologie betrieben, die durch den \u00dcbertritt von Funktion\u00e4ren der Ende 1997 aufgel\u00f6sten Gruppierung Die Nationalen (NAT) noch verst\u00e4rkt wurde. Bereits im Mai 1996 fand der 26. ordentliche Bundeskongress der JN in Leipzig unter der heute bundesweit vorgetragenen Losung \u00abGegen System und Kapital \u2013 unser Kampf ist national!\u00bb statt. In Distanzierung von bisherigen Praktiken beteiligte sich auch die NPD im August 1997 nicht mehr offiziell an den Gedenkveranstaltungen f\u00fcr den Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess. Dazu argumentierte die Spitze der NPD, so etwas sei nicht mehr zeitgem\u00e4ss und w\u00fcrde von der Masse der Bev\u00f6lkerung nicht verstanden.<\/p>\n<h3>Testfeld Osten<\/h3>\n<p>Hauptexperimentierfeld f\u00fcr die Durchsetzung des neuen NPD-Kurses ist der Freistaat Sachsen. Hier haben NDP und JN seit dem Ende der 90er Jahre ihre politische Isolierung durchbrochen und z\u00e4hlen jetzt ca. 1000 haupts\u00e4chlich junge Mitglieder. 2004 und 2009 konnten Abgeordnete der NPD in den S\u00e4chsischen Landtag einziehen, 2014 scheiterte sie knapp an der 5-Prozent-H\u00fcrde. \u00c4hnlich wie in Sachsen agieren NPD und JN auch in Mecklenburg-Vorpommern. Bei den neonazistischen Mitgliedern und Anh\u00e4ngerInnen der NPD steht nach wie vor die rassistische Hetze gegen Ausl\u00e4nderInnen und eine massive soziale Demagogie im Zusammenhang mit der Massenarbeitslosigkeit und der Lehrstellenmisere im Vordergrund der Tagesagitation. Das verdeutlicht aber noch nicht gen\u00fcgend die ver\u00e4nderte, angeblich antiimperialistische Politik der NPD. Das wird deutlicher, sieht man sich die weitergehenden Positionen der NPD an. So heisst es im aktualisierten Parteiprogramm: \u00abDie NPD lehnt die in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung systematisch betriebene Internationalisierung der Volkswirtschaften entschieden ab. (\u2026) Auf der ganzen Welt erteilt der Aufbruch der V\u00f6lker dem multikulturellen Einheitswahn eine Absage. Grundlage einer europ\u00e4ischen Neuordnung muss das Bekenntnis zum nationalstaatlichen Ordnungsprinzip und zum Prinzip der Volksabstammung sein. (\u2026) Wir fordern die Revision der nach dem Krieg abgeschlossenen Grenzanerkennungsvertr\u00e4ge.\u00bb Noch deutlicher wird die der NPD nahestehende Zeitung, in der \u00abder Kampf f\u00fcr eine nationale, antikapitalistische Wirtschaftsordnung\u00bb, eine \u00abBasisdemokratie gegen Bonzenhierarchie\u00bb gefordert wird. Das alles wird in den neuen Bundesl\u00e4ndern mit einer rechtsextremen Vereinnahmung der DDR und einer Anbiederung an einstige DDR-Funktionstr\u00e4ger verbunden. In einem in Sachsen verbreiteten NPD-Flugblatt wird dazu erkl\u00e4rt: \u00abWir Mitglieder der NPD stehen zur ganzen deutschen Geschichte und auch zur Geschichte der DDR. Die Mehrheit unserer Mitglieder ist (\u2026) der Meinung, dass die DDR das bessere Deutschland war. Wir wollen deshalb die positiven Erfahrungen der DDR in unsere Politik einbringen.\u00bb Aber selbst das reicht der NPD noch nicht. Um an ehemalige Kader der SED heranzukommen, wird in dem zitierten Flugblatt entgegen der geschichtlichen Wahrheit weiter verk\u00fcndet, dass die NPD \u00abin der Tradition der revolution\u00e4ren deutschen Arbeiterbewegung\u00bb steht. Ideologisch ist man in diesem Zusammenhang bereit, den bisherigen extremen Antikommunismus zugunsten eines ausgepr\u00e4gteren Antiamerikanismus zur\u00fcckzunehmen. All das soll dem Ziel der Schaffung einer \u00abVolksfront von rechts\u00bb \u2013 oder wie es in dem Sachsenflugblatt formuliert wird \u2013 der Installierung einer \u00abneuen Nationalen Front des demokratischen Deutschlands\u00bb dienen.<\/p>\n<h3>Genauere Analysen<\/h3>\n<p>Diese geschicktere pseudopatriotische und systemkritische Demagogie wesentlicher Teile des heutigen bundesrepublikanischen Neonazismus findet nicht nur unter Teilen der Jugend, sondern auch bei \u00e4lteren B\u00fcrgerInnen in den neuen Bundesl\u00e4ndern Widerhall. So bekannte der Sprecher der B\u00fcndnisgr\u00fcnen in Mecklenburg-Vorpommern, Klaus-Dieter Feige: \u00abIch bin immer wieder ersch\u00fcttert, wenn ich mich mit Rechtsextremen unterhalte, in wie vielen Punkten wir in der Kritik am existierenden Kapitalismus \u00fcbereinstimmen.\u00bb Zum Schluss sei hier noch darauf verwiesen, dass sich in Gestalt der Europ\u00e4ischen Synergien, einer Absonderung von den europ\u00e4ischen Neuen Rechten, eine neue internationale Struktur herausbildet, die sich verst\u00e4rkt mit der Thematik des sogenannten Nationalkommunismus befasst und deren Verbindungen bis zu hohen russischen Milit\u00e4rs in Moskau reichen. Ohne jetzt hier noch weitere Thesen und Praktiken der Strasser-ErbInnen zu er\u00f6rtern, verdeutlicht schon diese kurze Abhandlung, dass viele linke Analysen des heutigen Rechtsextremismus noch zu sehr in \u00fcberholten Vorstellungen befangen sind und auch viele Argumente des heutigen Antifaschismus nicht die neuen Entwicklungen reflektieren und daher kaum Wirkung zeigen. Anliegen aller Linken sollte es sein, in ihren Analysen genauer die rechtsextremistische Gegenwart zu untersuchen, um daraus effektivere Argumente und politische Aktivit\u00e4ten zur Zur\u00fcckdr\u00e4ngung des zur Zeit immer noch wachsenden Einflusses des Rechtsextremismus in allen seinen Varianten zu entwickeln.<\/p>\n<p><em>Quelle<\/em>: Vorw\u00e4rts vom 24. April 2015 (<a href=\"http:\/\/www.vorw\u00e4rts.ch\">www.vorw\u00e4rts.ch<\/a>).<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Norbert Madloch. 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