{"id":4914,"date":"2019-02-11T09:17:08","date_gmt":"2019-02-11T07:17:08","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4914"},"modified":"2019-02-11T09:17:08","modified_gmt":"2019-02-11T07:17:08","slug":"usa-anzahl-der-streikenden-auf-hoechstem-stand-seit-32-jahren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4914","title":{"rendered":"USA: Anzahl der Streikenden auf h\u00f6chstem Stand seit 32 Jahren"},"content":{"rendered":"<p><em>Patrick Martin.\u00a0<\/em>2018 hat die Zahl der Streikenden in den USA den h\u00f6chsten Stand seit 32 Jahren erreicht. Das gab am 8. Februar das amerikanische Amt f\u00fcr Arbeitsmarktstatistiken (BLS) in Washington bekannt. Im ganzen<!--more--> letzten Jahr nahm der Klassenkampf stetig zu. An der Spitze der Streikentwicklung standen die Lehrer \u00f6ffentlicher Schulen, die gegen ihre Gewerkschaften rebellierten und landesweite Streiks in West Virginia, Oklahoma und Arizona organisierten.<\/p>\n<p>Der Bericht des BLS nannte 20 gro\u00dfe Arbeitsk\u00e4mpfe, die als Streiks oder Aussperrungen definiert wurden, an denen mindestens 1.000 Arbeiter beteiligt waren. Das war die gr\u00f6\u00dfte Zahl solcher Ausst\u00e4nde seit dem Jahr 2007, in dem es 21 Streiks oder Aussperrungen dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung gab.<\/p>\n<p>Mehr als 485.000 Besch\u00e4ftigte organisierten letztes Jahr Streiks. Die meisten waren Lehrer und anderes Schulpersonal: In Arizona waren es 86.000, in Oklahoma 45.000, in West Virginia 35.000 und in Kentucky 26.000. Alle lieferten sich l\u00e4ngere Auseinandersetzungen mit den Regierungen ihrer Bundesstaaten. Dazu kamen eint\u00e4gige Streiks mit 123.000 Teilnehmern in North Carolina und 63.000 in Colorado.<\/p>\n<p>Die Gesamtzahl der beteiligten Arbeiter war die h\u00f6chste seit 1986. Damals waren 533.000 Arbeiter an gro\u00dfen Streiks oder Aussperrungen beteiligt. Der Verlust an Arbeitstagen durch Streiks oder Aussperrungen war letztes Jahr mit 2,8 Millionen der h\u00f6chste seit 2004.<\/p>\n<p>Acht der 20 gro\u00dfen Arbeitsk\u00e4mpfe gingen von den Lehrern aus, darunter die sechs bundesstaatsweiten Aktionen, sowie zwei lokale Streiks in Jersey City (New Jersey) und Tacoma (Washington). F\u00fcnf Streiks organisierten die Besch\u00e4ftigten im Gesundheitswesen von Rhode Island, Vermont und Kalifornien, zwei die Hotelbesch\u00e4ftigten und zwei die Bauarbeiter. Hinzu kam die Aussperrung bei dem Netzbetreiber National Grid in Neuengland. In der verarbeitenden Industrie fand kein einziger gro\u00dfer Streik statt.<\/p>\n<p>Die Zahlen des BLS werfen wichtige historische und politische Fragen auf.<\/p>\n<p>Die Zahl von 2,8 Millionen verlorenen Arbeitstagen ist zwar deutlich h\u00f6her als der Durchschnitt der letzten 20 Jahre, aber deutlich weniger als in jedem einzelnen Jahr zwischen 1947 und 1999. Im Jahr 1959 stieg diese Zahl durch einen 116-t\u00e4gigen Streik in der gesamten Stahlindustrie auf 60 Millionen und fiel bis 1982 nie mehr unter 10 Millionen. 1982 schlug die Reagan-Regierung den Streik der Fluglotsengewerkschaft PATCO nieder.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Rest des Jahrzehnts gingen nur in den Jahren 1983, 1986 und 1989 mehr als zehn Millionen Tage durch Streiks verloren. W\u00e4hrend der gesamten 1990er-Jahre blieb die Zahl weiter deutlich unter dieser Marke, da die Gewerkschaften die K\u00e4mpfe der Arbeiter systematisch abw\u00fcrgten oder verrieten. Im Jahr 2000 gingen aufgrund eines sechsmonatigen Streiks von 135.000 Fernsehschauspielern, die meist nur unregelm\u00e4\u00dfig arbeiteten, 20 Millionen Arbeitstage durch Streiks verloren. Im Jahr 2001 ging die Zahl auf 1,1 Millionen Arbeitstage zur\u00fcck, im Jahr 2002 auf 659.000. Im Jahr 2009, nach dem Wall Street-Crash, erreichte sie mit 124.000 einen Tiefststand.<\/p>\n<p>Die wichtigste Tatsache, die sich in diesen Streikstatistiken offenbart, und die in der Berichterstattung der Medien v\u00f6llig verschwiegen wird, ist der Widerspruch zwischen der steigenden Militanz der Arbeiter und den anhaltenden Versuchen der Gewerkschaften, den Klassenkampf abzuw\u00fcrgen.<\/p>\n<p>Nur einer der sechs Arbeitsk\u00e4mpfe, durch die letztes Jahr die meisten Arbeitstage verloren gingen, wurde von den Gewerkschaften organisiert: der Streik gegen die Hotelkette Mariott. Vier weitere waren bundesstaatsweite Lehrerstreiks, die die Lehrer selbst \u00fcber soziale Netzwerke organisiert hatten. In West Virginia gingen 525.000 Arbeitstage verloren, 486.000 in Arizona, 405.000 in Oklahoma und 182.000 in Kentucky. Der f\u00fcnfte war die Aussperrung der National Grid-Besch\u00e4ftigten mit 156.000 verlorenen Arbeitstagen.<\/p>\n<p>Fast zwei Drittel der 2,8 Millionen Arbeitstage, die im Jahr 2018 durch Arbeitsk\u00e4mpfe verloren gingen, gingen nicht auf Streiks zur\u00fcck, die von den Gewerkschaften organisiert wurden. Sie entwickelten sich organisch am Arbeitsplatz aus dem Konflikt zwischen Arbeitern und Arbeitgebern. W\u00e4re es nach den Gewerkschaften gegangen, so h\u00e4tten diese Streiks nie stattgefunden.<\/p>\n<p>Die Radikalisierung der Arbeiterklasse im Jahr 2018 hat die Gewerkschaften nicht wiederbelebt. Sie hat im Gegenteil die Form einer Rebellion der Arbeiterklasse gegen die Gewerkschaften angenommen. Diese Organisationen haben sich zu einer Zwangsjacke f\u00fcr die Arbeiter entwickelt, nicht nur im Bereich der Politik, wo sie die Arbeiterklasse seit Jahrzehnten der Demokratischen Partei unterordnen, sondern auch wenn es darum geht, grundlegendste Klasseninteressen der Arbeiter wie angemessene L\u00f6hne und Arbeitsbedingungen, Gesundheits- und Rentenleistungen zu verteidigen.<\/p>\n<p>Die ersten K\u00e4mpfe der Arbeiterklasse im Jahr 2019 haben diese Einsch\u00e4tzung jetzt schon best\u00e4tigt. Die Lehrergewerkschaften haben den wochenlangen Streik von 33.000 Lehrern in Los Angeles eklatant verraten. Sie haben die wichtigsten Forderungen schon vor Beginn des Streiks aufgegeben und innerhalb von wenigen Stunden eine Ratifizierungsabstimmung durchgeboxt. Damit die Lehrer keinen Widerstand organisieren konnten, wurden sie auf Hunderte Einzeltreffen verteilt.<\/p>\n<p>Gleichzeitig wiederholt die Lehrergewerkschaft ihre Politik von 2018, als sie die Streiks gegen Etatk\u00fcrzungen, niedrige Bezahlung und steigende Klassengr\u00f6\u00dfen in den einzelnen Bundesstaaten monatsweise voneinander isolierte, damit es nicht zu einem nationalen Streik der Lehrkr\u00e4fte kommen konnte. Als die Lehrer in Los Angeles im Januar in den Streik traten, verz\u00f6gerten die Gewerkschaften Streiks in Oakland (Denver) und dem Bundesstaat Virginia. Falls diese Streiks tats\u00e4chlich stattfinden, wird man sie ebenfalls zeitlich versetzt und voneinander getrennt organisieren.<\/p>\n<p>Noch unverfrorener ist der Umgang s\u00e4mtlicher amerikanischer Gewerkschaften, vor allem der United Auto Workers (UAW), mit dem heldenhaften Kampf von 70.000 Autoarbeitern im mexikanischen Matamoros: Sie schweigen die Streiks, die sich unmittelbar jenseits der Grenze von Brownsville (Texas) ausbreiten, einfach tot. Die Arbeiter in Mexiko haben sich ihren Gewerkschaften widersetzt, und in den meisten Autoteilewerken haben sie mit ihren Streiks betr\u00e4chtliche Lohnerh\u00f6hungen und Boni erk\u00e4mpft. Damit inspirieren sie andere Arbeiter im amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet, durch eigene Streiks \u00e4hnliche Erh\u00f6hungen zu erk\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Die UAW und die anderen amerikanischen Gewerkschaften, jedenfalls die millionenschweren B\u00fcrokraten, die sie anf\u00fchren, haben allen Grund, jede Nachricht \u00fcber den Kampf in Matamoros zu zensieren. Die Arbeiter dort haben gegen die Gewerkschaften rebelliert, sie als Handlanger der Konzerne bezeichnet und Streikkomitees aus den Belegschaften gew\u00e4hlt, die den Kampf anf\u00fchren. Sie haben sich nicht einsch\u00fcchtern lassen, als die lokalen und nationalen Beh\u00f6rden drohten, ihren Kampf mit Polizeigewalt zu unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Gewerkschaftsfunktion\u00e4re w\u00e4re es der schlimmste Albtraum, wenn sich amerikanische Arbeiter den Kampf ihrer mexikanischen Kollegen zum Beispiel nehmen w\u00fcrden. Das gilt besonders f\u00fcr die UAW und ihr kanadisches \u00c4quivalent Unifor. Sie haben anti-mexikanischen Chauvinismus zur zentralen Achse ihrer Politik gemacht. F\u00fcr die drohenden Schlie\u00dfungen in Detroit, Lordstown (Ohio) und Oshawa (Ontario) machen sie die Arbeiter s\u00fcdlich des Rio Grande verantwortlich.<\/p>\n<p>Am vergangenen Samstag organisierten das Leitungskomitee des B\u00fcndnisses der Aktionskomitees und der\u00a0<em>Autoworker Newsletter<\/em>\u00a0der\u00a0<em>WSWS<\/em>\u00a0eine Demonstration vor der Firmenzentrale von General Motors in Detroit, um gegen die Werksschlie\u00dfungen und Entlassungen zu k\u00e4mpfen und die grundlegende Einheit der K\u00e4mpfe der Arbeiterklassen in den USA, Kanada, Mexiko und der ganzen Welt zu bekr\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Wir rufen alle Arbeiter auf, Aktionskomitees unabh\u00e4ngig von den Gewerkschaften zu gr\u00fcnden und eine Massenbewegung der Arbeiterklasse zur Verteidigung von Arbeitspl\u00e4tzen, L\u00f6hnen und Arbeitsbedingungen auf der Grundlage eines sozialistischen und internationalistischen Programms aufzubauen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2019\/02\/11\/stre-f11.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 11. Februar 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Patrick Martin.\u00a02018 hat die Zahl der Streikenden in den USA den h\u00f6chsten Stand seit 32 Jahren erreicht. Das gab am 8. Februar das amerikanische Amt f\u00fcr Arbeitsmarktstatistiken (BLS) in Washington bekannt. 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