{"id":4918,"date":"2019-02-11T11:48:48","date_gmt":"2019-02-11T09:48:48","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4918"},"modified":"2019-02-11T11:48:48","modified_gmt":"2019-02-11T09:48:48","slug":"deutschland-organisieren-und-kaempfen-bei-amazon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4918","title":{"rendered":"Deutschland: Organisieren und k\u00e4mpfen bei Amazon"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christian K. arbeitet seit 10 Jahren als Amazon-Lagerarbeiter in Bad Hersfeld in Hessen. Dort wurde das erste Amazon-Lager in Deutschland er\u00f6ffnet. Er ist in der Gewerkschaft ver.di engagiert als Vertrauensmann, in der<!--more--> Tarifkommission und im Betriebsrat, und aktiv bei\u00a0<a href=\"http:\/\/www.organisieren-gewinnen.de\/\">Organisieren \u2013 K\u00e4mpfen \u2013 Gewinnen<\/a>,\u00a0einem Projekt, das zur Vernetzung von Aktivistinnen und Aktivisten in den Betrieben und Gewerkschaften beitragen m\u00f6chte, um eine starke Stimme f\u00fcr eine bewegungsorientierte Gewerkschaftspolitik zu schaffen. Christian\u00a0hat am Anderen\u00a0Davos\u00a02019\u00a0in\u00a0Z\u00fcrich\u00a0\u00fcber\u00a0die Arbeitsk\u00e4mpfe bei Amazon gesprochen. Wir\u00a0ver\u00f6ffentlichen\u00a0hier\u00a0seine\u00a0Intervention. (Red. BFS)<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>hier gibt es den Workshop mit Christian am Anderen Davos 2019 zum Nachh\u00f6ren: <\/em><\/strong><a href=\"https:\/\/soundcloud.com\/bfszurich\/workshop-streiken-4-0\"><strong>Workshop: Streiken 4.0. Arbeitsk\u00e4mpfe bei Amazon in Deutschland by BFS Z\u00fcrich<\/strong><\/a><\/p>\n<p><em>Christian K.<\/em> Zuerst Allgemeines zu Amazon: Amazon ist laut eigenen Angaben der weltgr\u00f6sste online-Versandh\u00e4ndler. Doch schon diese Information muss relativiert werden, weil es in China viel gr\u00f6ssere online-Versandh\u00e4ndler gibt. Ausserhalb Chinas jedoch trifft dies auf jeden Fall zu. Interessant ist dabei aber, dass Amazon nicht nur in dieser Sparte t\u00e4tig ist, sondern mittlerweile in vielen anderen Bereichen auch, beispielsweise im\u00a0<em>Cloud Service<\/em>, also der Bereitstellung von Rechen- und Speicherkapazit\u00e4t, wo unter anderem auch die US-Regierung und Geheimdienste ihre Daten auf deren Servern speichern. Dann ist Amazon auch ins\u00a0<em>Streaming-Gesch\u00e4ft<\/em>\u00a0eingestiegen. Filme und Musik k\u00f6nnen \u00fcber die Amazon Streaming-Dienste bezogen werden, beziehungsweise Amazon produziert sogar seine eigenen Filme. Amazon macht den Buchverlagen Konkurrenz und l\u00f6st sie nach und nach ab, indem sie eigene\u00a0<em>ebooks\u00a0<\/em>rausbringen. Amazon ist auch in das\u00a0<em>Robotics-Gesch\u00e4ft<\/em>\u00a0eingestiegen, sie haben eine Roboterfirma aufgekauft, die moderne Technologie erfindet und herstellt, um Lager zu betreiben. Sie betreiben\u00a0<em>electronic payment<\/em>, also eine Art Bank, durch die man elektorinisch zahlen kann. Es gibt mittlerweile sogar eine eigene\u00a0<em>Amazon-W\u00e4hrung<\/em>. Und Amazon zielt darauf ab, den Logistiksektor zu erobern, und dies nicht nur f\u00fcr das eigene Gesch\u00e4ft, sondern es geht darum, die Postdienste mit eigenen LKW-Flotten und eigenen Fluglinien abzul\u00f6sen.<\/p>\n<p>Was man sonst noch so h\u00f6rt von Jeff Bezos (CEO) \u2013 sie fantasieren in den USA ziemlich viel rum, auch wenn man nicht genau weiss, was davon umgesetzt wird \u2013 ist die\u00a0<em>Gr\u00fcndung von Krankenkassen<\/em>, zun\u00e4chst f\u00fcr die eigenen Besch\u00e4ftigten, was fatal w\u00e4re. Und das eigentlich Gef\u00e4hrliche ist an Amazon meiner Meinung nach, dass sie eine Unmenge an Daten \u00fcber zig Millionen von Menschen weltweit sammeln. Das klingt zuerst mal harmlos, aber Amazon kann Zusammenh\u00e4nge herstellen \u00fcber\u00a0<em>data mining<\/em>, \u00fcber Menschen und Menschengruppen. Daraus kann Amazon Informationen \u00fcber uns und \u00fcber eine Masse an Menschen ziehen, Informationen, die wir selber von uns gar nicht kennen.<\/p>\n<p>Werfen wir einen Blick auf\u00a0<em>Amazon in Deutschland<\/em>. Deutschland stellt den zweitgr\u00f6ssten Markt f\u00fcr Amazon dar nach den USA. Der j\u00e4hrliche Umsatz betr\u00e4gt rund 15 Milliarden Euro und Amazon w\u00e4chst j\u00e4hrlich bis zu 30 Prozent. Dieses Wachstumsziel wird intern bei uns ziemlich aggressiv propagiert.<\/p>\n<p>Amazon betreibt in Deutschland zehn bis zw\u00f6lf grosse Lager. Die Zahl ist nicht so genau, weil sich im Moment sehr viel bewegt, fast w\u00f6chentlich ist Amazon in den Zeitungen und k\u00fcndigt die Er\u00f6ffnung neuer Lager an. Tats\u00e4chlich sind mittlerweile auch zwei davon von Robotern betrieben. In den Lagern arbeiten im Durchschnitt 2000 bis 4000 Kolleginnen und Kollegen. Um die Nachfrage des deutschen Marktes zu bedienen, betreibt Amazon weitere Lager in Polen und Tschechien, die noch viel gr\u00f6sser sind. So werden rund 55% der deutschen Nachfrage aus Polen bedient.<\/p>\n<p>Wie in den herk\u00f6mmlichen Lagern, geh\u00f6ren zu unseren T\u00e4tigkeiten: die\u00a0<em>Warenannahme<\/em>; die\u00a0<em>Warenerfassung<\/em>\u00a0in die Datenbank des\u00a0Systems;\u00a0<em>Wareneinlagerung<\/em>, also die Lagerung der Waren an bestimmte Orte. Es handelt sich hierbei um ein chaotisches Lagerhaltungssystem, wir k\u00f6nnen also mehr oder weniger selbst entscheiden, in welches Regal wir die Ware stellen und entsprechend das Fach abscannen. Bei Amazon werden die Waren also nicht nach Produktgruppen geordnet. Schliesslich haben wir noch die\u00a0<em>Kommissionierung<\/em>, das sogenannte Picken: Wenn eine Bestellungen reinkommen, holen wir die entsprechenden Waren aus den Regalen und packen sie in die bekannten Amazon Kartons ein.<\/p>\n<p>Rund herum gibt es nat\u00fcrlich noch die\u00a0<em>Support-T\u00e4tigkeiten:\u00a0<\/em>die Personalabteilung, die Technikabteilung, die IT, die Inventur und die Qualit\u00e4tsabteilung.<\/p>\n<p><strong>Zu den Arbeitsbedingungen bei Amazon<\/strong><\/p>\n<p>Die Presse hat schon sehr viel \u00fcber die Arbeitsbedingungen bei Amazon in Deutschland berichtet. Ich selber habe 2009 bei Amazon begonnen zu arbeiten. Damals lag der Einstiegslohn bei 8.50 Euro. Das geh\u00f6rte nach OECD-Messungen zum Niedriglohnbereich. Tats\u00e4chlich gab es seit 2006 keine Lohnerh\u00f6hungen mehr, auch wenn die Inflation in dieser Periode bei 10 Prozent lag.<\/p>\n<p>Rund 80 Prozent der Kolleginnen und Kollegen waren damals nur befristet besch\u00e4ftigt. Es handelte sich dabei um kurze Befristungen, die sich \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum von bis zu zwei Jahren ausdehnten. Jeweils am letzten Arbeitstag nach der letzten Schicht wurde mitgeteilt, ob der Besch\u00e4ftigte eine Festanstellung erhalten w\u00fcrde oder gehen musste. Die Arbeiter wurden mit weiteren 500 Kolleginnen und Kollegen in einen Raum gerufen, und dort wurde die Entscheidung kommuniziert.<\/p>\n<p>Auch herrschte damals ein hoher Leistungsdruck bei Amazon. Das lag zum einen daran, dass die Arbeitsverh\u00e4ltnisse befristet waren und erwartet wurde, dass man in einer bestimmten Zeit eine bestimmte Anzahl an Waren pro Stunden schaffe. Zum anderen wird man stark kontrolliert, da wir ja mit dem Computer und Scanner arbeiten, die in Echtzeit unseren Arbeitsrhythmus auswerten. So weiss Amazon in Seattle oder sonst wo auf der Welt, wer wie viel arbeitet, was wiederum Druck auf die Arbeitenden erzeugt. Wir haben zwar keine Akkordvertr\u00e4ge, denn diese sind im deutschem Recht verboten. Die Befristung suggeriert jedoch, dass du einen bestimmten Rhythmus haben musst, willst du nicht entlassen werden. In anderen L\u00e4ndern, wo die Rechte nicht so ausgepr\u00e4gt sind wie in Deutschland, da gibt es tats\u00e4chlich auch noch Akkordvertr\u00e4ge. Die polnischen Kolleginnen und Kollegen haben uns zum Beispiel erkl\u00e4rt, dass sie entlassen werden, wenn sie vier Mal die vorgegebene Zahl nicht erreichen.<\/p>\n<p>Zudem herrscht eine sehr hohe Fluktuation bei Amazon. In unserem Standort arbeiten zurzeit 3500 Arbeiterinnen und Arbeiter, seit der Er\u00f6ffnung des Lagers sind aber insgesamt schon 18.000 Leute besch\u00e4ftigt gewesen.<\/p>\n<p>Damals gab es auch noch keine ergonomischen Arbeitspl\u00e4tze. Die Arbeitsorganisation von Amazon folge dem Prinzip des\u00a0<em>standard work:\u00a0<\/em>Weltweit und in jedem Lager sollten die Arbeitspl\u00e4tze genau gleich aussehen, unabh\u00e4ngig von den Unterschieden in Gr\u00f6sse, Alter etc. der Arbeiterinnen und Arbeiter.<\/p>\n<p>Das ist auch eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, warum in den USA die Leute nicht l\u00e4nger als zwei Jahre bei Amazon arbeiten. In Deutschland hingegen kenne ich Kolleginnen und Kollegen, die jetzt schon seit 20 Jahren bei Amazon t\u00e4tig sind. Eine solch monotone T\u00e4tigkeit, bei der auch der Kopf im Endeffekt ausgeschaltet ist, macht sich \u00fcber all die Jahre bemerkbar. So sagen auch viele, dass man beim Einstempeln den Verstand an der Stempeluhr abgibt. Und die Unternehmensf\u00fchrung hat noch nie irgendein Gesundheitsmanagement entwickelt.<\/p>\n<p>Auch die Raumorganisation ist f\u00fcr die Gesundheit der Arbeiterinnen und Arbeiter nichts Gutes. In den Hallen, die sich \u00fcber vier Fussballfelder erstrecken, sind die begehbaren Regalsysteme \u00fcber vier Stockwerke eingebaut. Diese werden auch\u00a0<em>peak tower\u00a0<\/em>bezeichnet. Nur ist die Lagerhalle daf\u00fcr nicht eingerichtet, denn das Regalsystem wurde nachtr\u00e4glich in die Lager eingebaut. Die Lagerr\u00e4ume sind beispielsweise nicht isoliert, wenn man dann im Sommer auf der obersten Ebene arbeitet, wird es br\u00fctend heiss, so dass die Leute reihenweise umkippen. Der Krankenwagen war eine Zeit lang auch t\u00e4glich vor Ort.<\/p>\n<p>Diese Arbeitssituation hat zu einer \u00e4usserst hohen Krankenquote gef\u00fchrt. Befristet Besch\u00e4ftigte wurden offiziell weniger krank, das bedeutete aber, dass sie einfach entsprechend krank zur Arbeit kamen, weil von Amazon suggeriert wurde, dass bei Krankheit der Vertrag nicht verl\u00e4ngert wurde. Das gilt auch heute noch als Kriterium f\u00fcr die Vertragsverl\u00e4ngerung. Die Krankenquote lag zwischen 20 und 30 Prozent, in einzelnen Abteilungen sogar bei \u00fcber 30 Prozent. In Deutschland liegt der Durchschnitt im Logistikbereich hingegen bei 5 Prozent. Und auch diese Quote wird auch schon als zu hoch kritisiert.<\/p>\n<p>Wenn Kolleginnen und Kollegen von ihrer Arbeit erz\u00e4hlen, dann sagen sie auch, dass die Arbeiter im Endeffekte keine eigenst\u00e4ndigen Entscheidungen treffen, sondern im Arbeitsprozess nur eine L\u00fccke gef\u00fcllt wird, die keine Maschine f\u00fcllen kann. In den Amazon-Lagern sind wir also nur Teil einer Maschinerie und f\u00fchren nur das aus, was uns der Computer im Endeffekt befiehlt.<\/p>\n<p><strong>Zur F\u00fchrungskultur bei Amazon<\/strong><\/p>\n<p>Die Leute, die fr\u00fcher bei Amazon gearbeitet haben, kannten damals ihre Rechte nicht. Wir hatten zwar einen Betriebsrat, der war aber weitgehend ignoriert und isoliert und wurde nicht aufgesucht von den Kolleginnen und Kollegen. Er hatte aber auch aufgrund der Rhetorik der Manager einen sehr kleinen Einfluss im Betrieb.<\/p>\n<p>Es gibt sogenannte\u00a0<em>all hands<\/em>\u00a0bei Amazon. Dabei handelt es sich um eine Versammlung, an der alle Arbeiterinnen und Arbeiter zusammen sitzen und der Chef erz\u00e4hlt von einer\u00a0<em>success story;\u00a0<\/em>oder davon, dass Jeff Bezos wieder 20 Milliarden mehr erwirtschaftet hat und die Aktien gestiegen sind.<\/p>\n<p>Solche Momente haben wir jeweils hingenommen und viele Leute glaubten tats\u00e4chlich daran und applaudierten, weil die Geschichten so \u00fcberzeugend pr\u00e4sentiert wurden. Ich kam damals aus einem anderen Betrieb, in dem Arbeitsk\u00e4mpfe auch an der Tagesordnung waren und erlebte eine solche erste Veranstaltung. Wir sassen alle auf Bierzeltb\u00e4nken und der Chef hat unter anderem gesagt, dieses Jahr g\u00e4be es zum siebten Jahr in Folge keine Lohnerh\u00f6hung. Aber irgendwo in den USA h\u00e4tte ein neues Roboterlager aufgemacht und das sei ein grosser Fortschritt f\u00fcr uns alle. Tats\u00e4chlich stellten sich alle auf die B\u00e4nke und applaudierten. Und auch w\u00e4hrend den Versammlungen des Betriebsrates wurden keine Fragen gestellt von den Kolleginnen und Kollegen, alles schien sehr harmonisch zu funktionieren.<\/p>\n<p><strong>Die Wende<\/strong><\/p>\n<p>Mit der vorgeblichen Harmonie ging es weiter bis in die Jahre 2010 und 2011. Bis 2006 gab es noch minimale Lohnerh\u00f6hungen von j\u00e4hrlich 0.5 Prozent. Seither gab es aber nichts mehr und auch in jenem Jahr blieb die Lohnerh\u00f6hung aus, obwohl Amazon ein Wachstum von rund 50 Prozent aufwies. Die Stimmung war also relativ schlecht und es begann sich ein Unmut breit zu machen.<\/p>\n<p>In jener Zeit begann die Gewerkschaft ver.di ein\u00a0<em>organizing-<\/em>Projekt. Ver.di war in der Region schon in einem anderen Betrieb anwesend, in dem die Belegschaft auch schon organisiert war und f\u00fcr einen Tarifvertrag gestreikt hatte. Die Gewerkschaft betrachtete Amazon immer als ein gewerkschaftliches Niemandsland, doch einige Sekret\u00e4re wagten den Schritt und kamen mal an eine Betriebsversammlung. Sie erz\u00e4hlten uns vom Tarifvertrag, aber niemand verstand dabei etwas. Die Gewerkschafter kamen bei der Belegschaft nicht gut an, sie wurden als Externe angesehen. Niemand hatte gewerkschaftliche Erfahrungen und die Entt\u00e4uschung von der Politik war gross. Darum waren die Kolleginnen und Kollegen dann auch eher skeptisch.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaftsleute blieben aber hartn\u00e4ckig, sind zu den Betriebsversammlungen gekommen und haben viel Ablehnung hingenommen. Einer hat dann an einer Betriebsversammlung folgendes gesagt: \u201eWir kennen eure Probleme nicht und wir haben auch keine L\u00f6sung daf\u00fcr. Aber wir wissen, dass ihr Probleme habt und wir haben einen Raum und eine Kiste Bier. Wenn ihr dar\u00fcber sprechen wollt, dann k\u00f6nnt ihr euch da treffen.\u201c<\/p>\n<p>Wir wissen ja, Bier kommt immer gut an, und so haben wir begonnen, regelm\u00e4ssige Treffen zu organisieren. Schnell wurde uns klar, dass unsere individuellen Probleme eigentlich von fast allen Kolleginnen und Kollegen geteilt wurden. Das muss man zuerst mal verstehen.<\/p>\n<p>Organisierung klingt zuerst einmal ja ganz leicht: Wenn man keine Lohnerh\u00f6hung bekommt, dann muss man sich organisieren. Aber wenn man in solchen Situation steckt, dann scheinen diese ganzen Probleme selbstverschuldet zu sein. Das vorherrschende Wirtschaftsmodell redet uns das t\u00e4glich ein. Die Politik, die Presse, alle sagen uns: \u201eWenn du krank wirst, dann bist du selber Schuld. Wenn dein Lohn zu niedrig ist, dann ist es deine Schuld, warum warst du dann nicht an der Uni? Warum hast du nichts f\u00fcr deine Karriere getan?\u201c<\/p>\n<p>Es handelte sich also zuerst einmal um einen Selbstfindungsprozess, den wir untereinander hatten. Wir haben dann sehr schnell identifiziert, dass kollektive Probleme vorliegen, die l\u00f6sbar sind, wenn wir uns irgendwie zusammentun. Mit dieser Erkenntnis sind wir also in den Betrieb rein und haben angefangen, uns untereinander dar\u00fcber zu unterhalten. Angefangen hat das in der Kantine. Und wenn zwei, drei dar\u00fcber reden, bekommen in einer Kantine noch zehn weitere Leute die Diskussion mit. Das ging dann ganz schnell, die Leute haben sich eingemischt.<\/p>\n<p>Anf\u00e4nglich wurden nicht die grossen Probleme wie Lohn oder Tarifvertrag thematisiert, sondern es ging um das Raumklima und \u00e4hnliches. Durch diese Diskussionen begannen sich die Kolleginnen und Kollegen f\u00fcr die Gewerkschaft zu interessieren. Die Treffen wurden gr\u00f6sser und wir fingen an, eigene Flugbl\u00e4tter zu schreiben. Wir wollten keine vorformulierten Texte auf teurem Papier drucken, sondern wir wollten alles selber machen, auch wenn das Resultat nicht ganz so gut war. Das kam bei den anderen Kolleginnen und Kollegen gut an und wir hatten innerhalb k\u00fcrzester Zeit eine relativ hohe Zahl an Gewerkschaftsbeitritten: In wenigen Monaten sind wir von 70 Altmitgliedern und 15 Aktiven auf \u00fcber 400 Mitglieder angewachsen.<\/p>\n<p><strong>Die basisdemokratische Organisationsform<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr uns war seit Beginn an wichtig, uns basisdemokratisch zu organisieren. Das war auch die Einstellung unserer organizer, denn sie sagten uns immer: \u201eWir machen nichts f\u00fcr euch, wir sind nur die Sekret\u00e4re. Wir schreiben die Protokolle oder stellen Geld zur Verf\u00fcgung. Aber alles andere m\u00fcsst ihr selbst machen.\u201c Das hat dann auch relativ gut geklappt.<\/p>\n<p>Unser Ansatz hat auch viele angezogen, weil eben nicht irgendjemand von aussen kommt und f\u00fcr die Kolleginnen und Kollegen machen, sondern alles von uns selber getragen wurde. So haben wir dann auch erste Aktionen im Betrieb organisiert. Beispielsweise haben wir \u00fcberall Klebezettelchen mit Fragen zum Betriebsalltag geklebt. So konnte alle sehen, dass f\u00fcr alle die gleichen Probleme vorherrschen im Betrieb. Das f\u00fchrte dann auch dazu, dass wir immer mehr Mitglieder wurden.<\/p>\n<p>Dann haben wir begonnen, in der betrieblichen \u00d6ffentlichkeit Fragen an die Betriebsleitung zu stellen. Zuerst ging es um das Thema Befristung. Wir wollten von der Betriebsleitung wissen, wie viele Leute im Betrieb mit einem befristeten Vertrag arbeiten. So waren wir f\u00e4hig, die Betriebsleitung in den \u00d6ffentlichkeit des Betriebs immer mehr in die Ecke zu dr\u00e4ngen. Gleichzeitig war das ein Beweis daf\u00fcr, dass man keine Angst haben muss vor einer fristlosen Entlassung, wenn man Fragen stellt. Denn das wurde uns im Betrieb vermittelt: \u201eWer Fragen stellt, ist am n\u00e4chsten Tag weg.\u201c Mit unseren Aktionen konnten wir immer mehr Leute dazu ermutigen, aus ihrem Schneckenhaus zu kommen.<\/p>\n<p><strong>Der Versuch der Vereinnahmung und die Urabstimmung<\/strong><\/p>\n<p>Wir konnten mit unseren Aktionen also \u00fcber unsere Rechte im Betrieb informieren. Die Betriebsleitung hat aber sofort reagiert und versucht, die Leute dazu zu bringen, nicht an unsere Treffen zu kommen oder \u00fcber den Betriebsrat die Probleme zu deponieren, sondern im direkten, individuellen\u00a0Kontakt zwischen Arbeiter*in und Betriebsleitung. Doch die Betriebsleitung l\u00f6ste die Probleme nicht, vor allem das Lohnproblem nicht. Und so scheiterte ihr Versuch, den Konflikt zu d\u00e4mpfen. Der Druck von der organisierten Belegschaft wurde immer gr\u00f6sser, denn die Kolleginnen und Kollegen wollten nach beim Beitritt zur Gewerkschaft endlich erste Resultate sehen.<\/p>\n<p>Und so kam es dazu, dass wir eine Urabstimmung organisierten. Wir hatten zuvor die Betriebsleitung aufgefordert, Tarifverhandlungen mit uns aufzunehmen, weil wir gemerkt hatten, dass mit einem Tarifvertrag gewisse Leistungen vertraglich garantiert w\u00e4ren. Ohne eine solche Regelung kann uns heute Amazon was geben und morgen wieder wegblasen. An der Urabstimmung haben sich dann \u00fcber 90 Prozent f\u00fcr einen Streik ausgesprochen. Wir haben als Vorbereitung auf die Urabstimmung die komplette Belegschaft \u00fcber den Inhalt eines solchen Tarifvertrags informiert.<\/p>\n<p><strong>Die ersten Streiks<\/strong><\/p>\n<p>So ist es also zu den Streiks gekommen, die auch basisdemokratisch organisiert waren. Zu Beginn gab uns die Gewerkschaft ver.di Streikdaten und Streikinhalte vor. Das hat uns aber nie gepasst, darum sind wir in die interne Auseinandersetzung mit der Gewerkschaft gegangen und haben unsere Position vertreten: Wenn wir erfolgreich sein wollen, m\u00fcssen wir die Streiks selber organisieren, das heisst selber entscheiden k\u00f6nnen, wann und wie oft wir streiken und was wir w\u00e4hrend des Streiks machen.<\/p>\n<p>Die Auseinandersetzung mit ver.di dauerte einige Wochen, bis die Sekret\u00e4re als auch die bundesweiten Verantwortlichen einsehen mussten, dass sie selber nicht wussten, wie die Streiks bei Amazon organisiert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Am Anfang war dann unsere Idee, dass wir mit den Streiks keinen direkten wirtschaftlichen Schaden ausrichten sollten. Es ging vielmehr darum, Zeit zu gewinnen, um uns noch besser zu organisieren. Wir nutzten die Streiks, um Organisationstreffen abzuhalten, Diskussionen zu f\u00fchren, Aktionen zu planen und weiter zu wachsen.<\/p>\n<p>Uns war auch gleich von Anfang an klar, dass wir nicht an einem einzelnen Standort gegen den Riesen Amazon Erfolg haben k\u00f6nnen. So haben wir begonnen, uns mit den anderen Standorten zu vernetzen, wo die Entwicklung sehr \u00e4hnlich war wie bei uns.<\/p>\n<p>Als die Streiks losgingen, wurde unter den Kolleginnen und Kollegen auch sehr schnell klar, dass wir nicht nur betriebliche Probleme hatten, sondern auch politische. Da ist die Idee entstanden, nicht nur in unserer kleinen Streikbewegung zu bleiben, sondern uns auch mit anderen sozialen Bewegungen zu vernetzen. Seit Beginn an schliessen wir niemanden aus, sondern arbeiten mit allen Gruppen zusammen, die was bewegen wollen. Wir laden alle ein und fahren \u00fcberall hin.<\/p>\n<p><strong>Die politische Vernetzung<\/strong><\/p>\n<p>Bei der EZB-Er\u00f6ffnung in Frankfurt im 2015 war f\u00fcr uns beispielsweise ganz wichtig, bei Amazon zu streiken, weil das Arbeitsvolumen sehr gross war. So konnten wir mit unserer Gruppe zu den Demos hinfahren. Wir haben uns im Vorfeld nat\u00fcrlich mit der Blockupy-Bewegung vernetzt, wir haben sie zu uns eingeladen, sie hatten bei uns auch schon geholfen, die Tore zu blockieren. Und so versuchen wir eigentlich mit allen zusammenzuarbeiten.<\/p>\n<p>Wir haben dann auch mit der internationalen Vernetzung begonnen, denn in Frankreich und Spanien gibt es Amazon schon l\u00e4nger und in Polen gab es die ersten Lagerer\u00f6ffnungen. Das begann alles damit, dass wir von einem Streik bei Amazon in Frankreich h\u00f6rten. Wir haben uns ins Auto gesetzt und sind hingefahren, haben mit den franz\u00f6sischen Kolleginnen und Kollegen diskutiert. Die Gewerkschaft ist kurz danach auch auf den Zug aufgesprungen und mittlerweile haben wir zwei j\u00e4hrliche internationale Treffen: Eines wird \u00fcber die offiziellen Gewerkschaften organisiert, dort treffen sich vor allem Sekret\u00e4re; das andere ist ein selbstorganisiertes Treffen, an dem Kolleginnen und Kollegen aus Polen, Spanien und so weiter teilnehmen.<\/p>\n<p><strong>K\u00e4mpfen lohnt sich<\/strong><\/p>\n<p>Es wird oft erz\u00e4hlt, die Streiks h\u00e4tten keinen Erfolg gebracht. Das stimmt \u00fcberhaupt nicht. Wir haben bei einem Einstiegslohn von 8.50 Euro begonnen. Amazon hat dann in den ersten Jahren der Streiks wieder Lohnerh\u00f6hungen entdeckt. Mittlerweile liegt der Einstiegslohn bei 11.18 Euro.<\/p>\n<p>Amazon hat versucht, diese Entwicklung zu verhindern, indem interne\u00a0<em>Fokus-Treffen\u00a0<\/em>organisiert wurden, an denen mit der Betriebsleitung \u00fcber positive und negative Aspekte diskutiert werden kann. Ich habe da einmal das Weihnachtsgesch\u00e4ft erw\u00e4hnt, weil es f\u00fcr Amazon so wichtig ist: Da der Gewinn in dieser Zeit steigt, sollten sie uns ein Weihnachtsgeld bezahlen. Zuerst zeigten sie kein Interesse daran. Im selben Jahr haben wir dann mit den Streiks angefangen und auf Jahresende gab es Weihnachtsgeld. Das war ein wichtiger Erfolg.<\/p>\n<p>Wie am Anfang erkl\u00e4rt, waren fr\u00fcher 80 Prozent der Leute befristet angestellt. Das hat sich nun umgekehrt, heute sind nur 20 Prozent befristet. Wir haben gelernt, uns vielmehr zu beschweren, auch \u00fcber kleine Missst\u00e4nde, die uns im Arbeitsalltag st\u00f6ren. Zum Beispiel war die Schriftgr\u00f6sse der ausgeh\u00e4ngten Arbeitspl\u00e4ne viel zu klein. Wir haben uns dann im Betriebsrat dar\u00fcber beschwert und die Vorgesetzten wurden gezwungen, Verbesserungen umzusetzen.<\/p>\n<p><strong>Das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis hat sich ver\u00e4ndert<\/strong><\/p>\n<p>Die Gesch\u00e4ftsleitung steht mittlerweile in der Defensive. Beispielsweise werden die\u00a0<em>all hands-<\/em>Veranstaltungen schon gar nicht mehr abgehalten, denn die Kolleginnen und Kollegen stellten nur noch kritische Fragen und beschuldigten die Gesch\u00e4ftsleitung, unf\u00e4hig zu sein. Allgemein stehen die Vorgesetzten uns gegen\u00fcber oft mit gesenktem Kopf da. Die interne betriebliche \u00d6ffentlichkeit hat sich radikal ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Hatten wir fr\u00fcher Schwierigkeiten mit den Betriebsr\u00e4ten, konnten wir bei den letzten Wahlen an allen Standorten die Betriebsr\u00e4te erobern. Das hat uns eine riesige Spielwiese er\u00f6ffnet, wir k\u00f6nnen nun gut \u00c4rger machen. Auch die Presse berichtet immer mehr von unseren Auseinandersetzungen in den Betrieben und von den Streiks.<\/p>\n<p>Der gr\u00f6sste Erfolg ist aber meiner Meinung nach unser grosses Netzwerk in Deutschland und Europa. Und wir versuchen vermehrt, auch dar\u00fcber hinaus zu gehen, beispielsweise haben wir letztes Jahr Kolleginnen und Kollegen in China besucht und werden voraussichtlich n\u00e4chstes Jahr in die USA fliegen.<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz haben wir weiterhin Probleme: Wir streiken nach wie vor in der Minderheit und wenden eine Guerilla-Taktik an. Wie w\u00fcrden sich denn die Verh\u00e4ltnisse \u00e4ndern, wenn eine Mehrheit streiken w\u00fcrde?<\/p>\n<p><strong>Interne Konflikte<\/strong><\/p>\n<p>Gerade zu Beginn hatten wir auch Probleme mit internem Gegenwind, das heisst mit Kolleginnen und Kollegen, die sich gegen uns richteten. Wir haben erlebt, wie Leute mit ihren Autos in die Streikposten reingefahren sind. Und wir haben auch schon Morddrohungen bekommen. Wir hatten am Anfang damit zu k\u00e4mpfen, aber das hat sich mittlerweile auch gelegt. Denn die Gesch\u00e4ftsleitung hat mit ihrem Verhalten unsere Reihen gest\u00e4rkt.<\/p>\n<p>Die Probleme mit der aktiven Beteiligung bleibt jedoch. Und weil wir den Anspruch haben, basisdemokratisch zu sein, zielen wir auf die Beteiligung einer relativ grossen Masse. Weil aber das Einzugsgebiet von Amazon sehr gross ist, haben wir auch Schwierigkeiten, Treffen zu organisieren. Oft k\u00f6nnen wir uns nur sonntags treffen, denn wenn man in der Wechselschicht ist oder eine Dreifachschicht hat und man seine Familie nur ein Mal die Woche sieht, dann wird das auch relativ schwierig. Wir arbeiten an Konzepten, um die Beteiligung zu erh\u00f6hen. Beispielsweise bieten wir w\u00e4hrend unseren Treffen selbstorganisierte Kinderbetreuung an. Mit solchen Massnahmen k\u00f6nnen wir die Beteiligung sicherlich erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Dann haben wir noch ein weiteres Problem: Wir haben zwar einen basisdemokratischen Ansatz, aber Amazon ist nur mit einer Gesamtstrategie zu schlagen. Die Aktionen in einem Lager m\u00fcssen sich also in die Gesamtstrategie einordnen.<\/p>\n<p>Amazon wendet nat\u00fcrlich zahlreiche Gegenmassnahmen an: Sie sprechen mit jedem einzelnen Arbeiter, versuchen ihn zu isolieren, fragen ihn, warum er streikt. Das macht die Gesch\u00e4ftsleitung vor allem mit Kolleginnen und Kollegen aus der zweiten oder dritten Reihe. Die Hauptaktivistinnen und -aktivisten werden \u00fcberhaupt nicht angesprochen.<\/p>\n<p>Zudem treffen die meisten krankheitsbedingten K\u00fcndigungen Gewerkschaftsaktivisten als erstes. Auch schafft es Amazon mittlerweile, in der Presse souver\u00e4n zu agieren: Schickte die Gesch\u00e4ftsleitung fr\u00fcher die Presse einfach weg, machen sie heute eine systematische Pressearbeit, um sich gegen unsere Aktionen zu verteidigen. Und schliesslich schiessen die neuen Lager wie Pilze aus dem Boden. Als Gewerkschaft hinken wir bei der Erschliessung der neuen Lager immer einen Schritt hinterher.<\/p>\n<p><strong>Der allt\u00e4gliche Widerstand gibt Sauerstoff<\/strong><\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich finde den allt\u00e4glichen Widerstand, der bei Amazon entstanden ist, am sch\u00f6nsten. Sicherlich existierte er immer schon ein St\u00fcck weit. Weil da gibt es beispielsweise eine grosse Anzahl von unsinnigen Regeln und Arbeitsanweisungen, von denen kein Mensch weiss, welche nun gelten und welche nicht. Diese Regeln k\u00f6nnen aber bestens dazu benutzt werden, um mit \u201eDienst nach Vorschrift\u201c den Arbeitsrhythmus zu verlangsamen. Wir haben einen Kollegen, der hat das \u00fcber Monate hinweg gemacht und w\u00e4hrend andere Kollegen in einer Stunde 300 Artikel bearbeitet haben, hat er einen Artikel bearbeitet. Sie wollten ihm eine Abmahnung geben, er hat sich aber verteidigt und gemeint, sie sollen richtig kontrollieren. Tats\u00e4chlich konnten sie ihm nichts tun.<\/p>\n<p>Dann gibt es die sogenannten\u00a0<em>start meetings<\/em>: Bei jedem Schichtbeginn werden\u00a0<em>safety tips<\/em>\u00a0gegeben, beispielsweise \u201ewasch dir regelm\u00e4ssig die H\u00e4nde\u201c oder \u201ehalt dich immer sch\u00f6n am Treppengel\u00e4nde fest\u201c. Also alles, was ich meiner kleinen Tochter versuche mitzugeben, bekomme ich bei Amazon nochmal zusammengefasst (lachend). Solche Tipps stossen nat\u00fcrlich immer auf Widerstand, denn die Leute machen sich nur lustig dar\u00fcber.<\/p>\n<p>Wir haben auch immer wieder sehr seltsame Personalgespr\u00e4che. Ein Kollege hat beispielsweise eine Abmahnung bekommen, was ein Vorschritt zur K\u00fcndigung ist. Der Grund: Er sei\u00a018 Sekunden zu sp\u00e4t zu einem\u00a0<em>start meeting<\/em>\u00a0gekommen. Als wir nachgefragt haben, wie sie das gemessen h\u00e4tten, haben sie keine weiteren Erkl\u00e4rungen gegeben. Das beweist, dass sie uns f\u00fcr komplett d\u00e4mlich halten. Die Gesch\u00e4ftsleitung hat auf die Abmahnung bestanden, wir hingegen haben unser Recht geltend gemacht, eine Gegendarstellung zu schreiben. Das hat vier Stunden gedauert und wir konnten in der Gegendarstellung zeigen, dass die Versp\u00e4tung nur 16 Sekunden betrug, nicht 18 (lachend).<\/p>\n<p>Warum ich diese Geschichte erz\u00e4hle? Um euch zu zeigen, was unsere Strategie ist, mit ihnen n\u00e4mlich so zu reden, wie sie mit uns reden. Wenn man eine Beschwerde hat, wollen sie zuerst immer alles im Detail verstehen, auch wenn es sich um eine ganz einfache Sache handelt. Und so reagieren wir auch mit ihnen und wollen immer alles verstehen, bevor wir was akzeptieren. Wir wissen nun, dass das lokale Management absolut nichts zu melden hat und keine eigenen Entscheidungen treffen kann. Darum ist es unsinnig, sich mit ihnen auf Diskussionen einzulassen und darum treiben wir ziemlich viel Unsinn mit ihnen.<\/p>\n<p>Solche Geschichten von kleinem Widerstand gibt es bei Amazon tausendfach. Der Tarifvertrag ist wichtig, aber das Selbstbewusstsein, das wir in diesen letzten Jahren gewinnen konnten, ist meiner Meinung nach der gr\u00f6sste betriebliche Erfolg. Denn wir sind heute in der Lage, innerhalb von zehn Minuten mit 600 Leuten aus dem Betrieb zu gehen, wenn uns etwas nicht passt.<\/p>\n<p><strong>Fragen<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Was war der initiale Organisierungsmoment in eurem Betrieb?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Es gab einen Initialz\u00fcnder, aber das nat\u00fcrlich nicht eine spontane kollektive Mobilisierung. Der damalige\u00a0<em>general manager\u00a0<\/em>\u2013 mittlerweile haben sie schon so viele ausgewechselt, wie Normalsterbliche Unterw\u00e4sche wechseln \u2013 der hatte wieder mal verk\u00fcndigt, es g\u00e4be keine Lohnerh\u00f6hung. An jener Versammlung hat ein Kollege von hinten nach vorne geschrien: \u201eAber bei Lidl gabs eine!\u201c Das war das erste, was man geh\u00f6rt hat. Der Chef hat dann geantwortet: \u201eWenn es euch nicht passt, dann geht zu Lidl.\u201c<\/p>\n<p>Wir haben einen ziemlich grossen Anteil an Kollegen, die aus Th\u00fcringen sind, wo die L\u00f6hne niedriger sind als in Hessen. Der Chef hat dann tats\u00e4chlich hinzugef\u00fcgt: \u201eIhr aus dem Osten, ihr k\u00f6nnt doch so oder so gl\u00fccklich sein, dass ihr \u00fcberhaupt einen Job habt.\u201c Das hat die Stimmung nochmals befeuert.<\/p>\n<p>Solche Momente haben die Wut steigen lassen, aber sie waren in einen gr\u00f6sseren Prozess eingebettet. Wir haben dann begonnen, Treffen zu organisieren. Das war so 2010, 2011 und die Streiks haben 2013 begonnen. Das war also ein zweij\u00e4hriger Organisationsprozess mit auf und ab, mal waren mehr Leute an den Treffen, mal weniger. Aber wichtig war, dass wir eine Konstanz herstellen konnten.<\/p>\n<p><strong><em>Wie war das Verh\u00e4ltnis zur Gewerkschaft ver.di zu Beginn eurer Organisierung?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die Sekret\u00e4re, die bei uns in den Betrieb kamen, machten keine klassische Gewerkschaftsarbeit, also Mitglieder rekrutieren, einen Tarifvertrag verhandeln, den Arbeitsfrieden wahren. Auch ihnen ging es von Anfang an um die Aufarbeitung der Probleme, welche die Arbeiter*innen im Betrieb hatten. So kam die Sache mit der befristeten Arbeit auf. Und die gewerkschaftliche Arbeit konzentrierte sich zu Beginn auf die juristische Beratung von Einzelf\u00e4llen. So konnten wir aufdecken, dass viele befristete Vertr\u00e4ge nicht Rechtens waren und die Probleme l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Der zweite wichtige Moment der Organisierung mit den Gewerkschaften war die Verteilung von Flugbl\u00e4tter und Infomaterial mit den Sekret\u00e4ren in der Kantine. Das f\u00fchrte dazu, dass Amazon ihnen ein Hausverbot gab. Bei den Treffen mit den Arbeiter*innen erkl\u00e4rten die Gewerkschafter diese Situation und die logische Folge f\u00fcr die Kolleginnen und Kollegen war, selber als ver.di im Betrieb aufzutreten und die gewerkschaftliche Arbeit selber zu machen. Diese Repression gegen\u00fcber der ver.di hat also dazu gef\u00fchrt, dass sich die Arbeiter*innen st\u00e4rker zusammenschlossen und gemeinsam auftreten.<\/p>\n<p><strong><em>Wie organisiert ihr euch international und seid ihr in der Lage, international koordinierte Aktionen durchzuf\u00fchren?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die internationale Organisation l\u00e4uft vom Prinzip her so wie auf der betrieblichen Ebene. Wir hatten viele Treffen, an denen wir verstanden, dass die Arbeitsbedingungen \u00fcberall etwa gleich aussehen. Wir haben dann gemeinsam Strategien dagegen entwickelt. Die Schwierigkeit ist die, dass\u00a0je nach Land eine andere Rechtslage vorherrscht. Die Kolleginnnen und Kollegen in Polen w\u00fcrden beispielsweise gerne streiken und sie sind auch streikf\u00e4hig, doch sie k\u00f6nnen es aufgrund der Gesetze nicht machen. In Frankreich wiederum streiken die Kolleginnen und Kollegen oft in Zusammenhang mit gr\u00f6sseren politischen Auseinandersetzungen, wobei wir vermehrt feststellen k\u00f6nnen, dann auch Amazon-spezifische Streiks h\u00e4ufiger werden. Spanien hat uns v\u00f6llig \u00fcberrascht: Ein Jahr zuvor hatten sie von 12 Mitgliedern ohne Mobilisierungspotential gesprochen, 18 Monate sp\u00e4ter f\u00fchrten sie einen erfolgreichen Streik durch, an dem 98% der Kolleginnen und Kollegen teilnahmen. Ich war beim Streik in Spanien vor Ort und tats\u00e4chlich ist weder ein LKW noch ein Mensch reingegangen oder rausgekommen.<\/p>\n<p>Mittlerweile haben wir gemeinsame Aktionsformen entwickelt, wie beispielsweise das\u00a0<em>safe package.\u00a0<\/em>Das war eine Idee von den Leipzigern und von den Polen und es geht darum, einen ganzen Tag \u201eDienst nach Vorschrift\u201c zu machen. Die Protestformen werden oft auch von Gewerkschaftsgegnern unterst\u00fctzt. Klar, die Auswirkungen auf Amazon sind dabei begrenzt, aber es motiviert unwahrscheinlich viele Kolleginnen und Kollegen. Und das darf man nicht untersch\u00e4tzen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2019\/deutschland-organisieren-und-kaempfen-bei-amazon-teil-3\/\"><em>sozialismus.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 11. Februar 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christian K. arbeitet seit 10 Jahren als Amazon-Lagerarbeiter in Bad Hersfeld in Hessen. Dort wurde das erste Amazon-Lager in Deutschland er\u00f6ffnet. 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