{"id":492,"date":"2015-04-27T18:31:14","date_gmt":"2015-04-27T16:31:14","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=492"},"modified":"2015-04-27T18:31:14","modified_gmt":"2015-04-27T16:31:14","slug":"wer-hat-den-zweiten-weltkrieg-gewonnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=492","title":{"rendered":"Wer hat den Zweiten Weltkrieg gewonnen?"},"content":{"rendered":"<p>Przemys\u0142aw Wielgosz.\u00a0Die hei\u00dfeste Front des neuen Kalten Krieges zieht sich durch unsere Geschichte. Zu dieser Meinung k\u00f6nnte man gelangen, wenn man den polnischen Politikern und Medien folgt. Sie triumphieren \u00fcber Putin, indem sie die Vergangenheit neu erschaffen.<!--more-->Es ist schon erschreckend, wenn die Staatsvertreter, die in den vergangenen 15 Jahren keine Gelegenheit ausgelassen haben, sich den aggressiven Kampfhandlungen der USA im Rahmen des \u201eunbegrenzten Kriegs gegen den Terrorismus\u201c anzuschlie\u00dfen, jetzt moralisierend \u00e4u\u00dfern, es sei nicht angebracht, an den Feierlichkeiten zum Tag des Sieges in Moskau teilzunehmen. Da stellt sich die Frage, wer denn vor 70 Jahren gesiegt hat.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick sehen wir hier den Versuch, die entscheidende Rolle Stalins, der UdSSR, f\u00fcr die Niederschlagung des Faschismus herunterzuspielen. Diese Haltung zeugt von Ignoranz. Es reicht, allein die Truppen und Divisionen zu z\u00e4hlen, um alle Zweifel zu beseitigen, welche Front im Kriegsgeschehen entscheidend und welche zweitrangig war. Stalingrad und Kursk und nicht Al-Alamein oder die Normandie haben das Los der Welt bestimmt. Wollen wir aber tiefer in den Streit um die Siegespalme zwischen Moskau und Washington eindringen, kommen wir zu anderen, nicht weniger wichtigen Aspekten des Zweiten Weltkrieges.<\/p>\n<p><b>Der letzte Akt im Kampf um die Hegemonie<\/b><\/p>\n<p>Die Fronten des Krieges verliefen anders, als wir es uns vorstellen. Das war kein Zusammensto\u00df zwischen Totalitarismus und Demokratie. Die Anti -Hitler-Koalition hat sich nicht leiten lassen durch ein prinzipielles Feindbild gegen\u00fcber dem Regime des Dritten Reichs oder Japans. Diese Koalition ging schlie\u00dflich aus Kolonialm\u00e4chten hervor, die all die Formen der Ausrottung, die die Achsenm\u00e4chte Berlin-Rom-Tokio anwandten, entworfen und in unterschiedlicher Form auch praktiziert haben. Als Beispiel sei Winston Churchill genannt &#8211; einer der gr\u00f6\u00dften Verbrecher des 20.Jahrhunderts &#8211;\u00a0ein Rassist, der f\u00fcr Massaker und V\u00f6lkermord durch Kampfgas im Irak und Hunger in Indien verantwortlich ist.<\/p>\n<p>Das zeigt uns, dass der Konflikt zwischen Berlin und London nicht ausschlie\u00dflich durch einen Kampf um Ideale bestimmt war. Es stimmt auch nicht, dass im Osten zwei gleiche totalit\u00e4re Regime gegeneinander gek\u00e4mpft haben. Die gro\u00dfe Zahl der Opfer von Repressalien auf beiden Seiten allein reicht nicht, um so unterschiedliche Regime wie Faschismus und Stalinismus in einen Topf zu werfen.<\/p>\n<p>Im Grunde genommen hatten wir es in den Jahren 1939 bis 1945 mit dem letzten Akt eines Krieges um die Hegemonie der Welt zu tun, der im August 1914 begonnen hatte. Der Schl\u00fcssel zu dem Gemetzel war nicht der Antisemitismus Hitlers und seiner Kumpane, sondern die gro\u00dfe Krise des Kapitalismus 1929, deren Folgen erst w\u00e4hrend des Krieges und in gewisser Weise wegen desselben \u00fcberwunden wurden. Der Zweite Weltkrieg war ebenso wie sein Vorg\u00e4nger ein imperialistischer Krieg. London, Moskau, Washington, Paris &#8211; genauso wie Tokio, Rom und Berlin k\u00e4mpften um die Erweiterung oder Verteidigung ihrer Einflusssph\u00e4re. Der Antifaschismus der Anti -Hitler-Koalition war nur das Feigenblatt. Die ganze nahezu Gleichg\u00fcltigkeit der Alliierten gegen\u00fcber dem Holocaust zeigt, dass es ihnen in erster Linie nicht um die Vernichtung des V\u00f6lkermordsystems des Dritten Reiches ging. Die amerikanischen Bomber haben in vielen St\u00e4dten Deutschlands die Arbeitersiedlungen dem Boden gleich gemacht, aber die R\u00fcstungsbetriebe haben sie verschont, weil das US-Kapital daran gro\u00dfe Anteile besa\u00df.<\/p>\n<p><b>Das dritte Subjekt<\/b><\/p>\n<p>Die eigentlichen Gegner des Hitlerismus, Faschismus und des japanischen Militarismus waren nicht Stalin und Churchill, sondern die einfachen Menschen, die im Kampf gegen Diktatur und Okkupation standen. Die Widerstandsbewegungen gingen vom Volk aus. Ihr Ziel war nicht die Restauration der Regierungen, die von den Besatzern entmachtet worden waren, sondern der Kampf um eine bessere und gerechtere Welt.<\/p>\n<p>Die polnische Untergrundregierung [die der Exilregierung in London unterstand; d.Red.] war vor diesem Hintergrund gewiss eine Anomalie, aber auch sie gab dem Druck ihrer K\u00e4mpfer nach und erkl\u00e4rte Reformen in der Landwirtschaft und die Verstaatlichung der Industrie f\u00fcr unbedingt erforderlich. Dank der Kr\u00e4fte des Widerstandes gegen Besatzung und Kolonialismus in Europa und Asien gab es kein Zur\u00fcck zu den alten Machtverh\u00e4ltnissen.<\/p>\n<p>Dies galt auch f\u00fcr die arabische Welt, die den Alliierten hunderttausende Soldaten zur Verf\u00fcgung stellte.<\/p>\n<p>Die Erfahrungen der Bev\u00f6lkerungen, die nicht nur die gr\u00f6\u00dften Opfer brachten, sondern auch eine bedeutende Rolle gespielt haben, wird heute von der konservativen Geschichtsschreibung verdr\u00e4ngt. Bestenfalls wird sie zensiert. In den Annalen der Geschichte werden die kleinen Leute h\u00f6chstens in der Rolle der Opfer gezeigt &#8211;\u00a0still, unschuldig, passiv, ihrer Freiheit und Verantwortung beraubt. Die Quintessenz dieser Sichtweise ist das Bild des Holocaust, es dominiert das offizielle Bild der Geschichte des Zweiten Weltkrieges und verstellt den Blick auf die Taten der zum Subjekt erwachenden V\u00f6lker, die wiederaufleben im Kampf gegen die Regimes, die ihre radikalsten Gegner sind.<\/p>\n<p><b>Befreiung?<\/b><\/p>\n<p>Dieses Subjekt kam immer wieder in Konflikt mit der Logik der imperialen Rivalit\u00e4t. Auch nach der Befreiung. Allein das Wort &#8222;Befreiung&#8220; klingt recht irref\u00fchrend, nicht nur in Litauen oder der Ukraine. Als die Kolonisten auf ihre alten Gebiete wiederkehrten, schlugen sie die Freiheitsbewegungen, die oft eigenh\u00e4ndig gro\u00dfe Gebiete von der deutschen, italienischen oder japanischen Okkupation befreit hatten, brutal nieder. Die Amerikaner hatten das gleiche auf den Philippinen getan, die Holl\u00e4nder im heutigen Indonesien, die Franzosen in Vietnam und Algerien.<\/p>\n<p>Die Briten unterst\u00fctzten die Rechten, die vorher mit den Nazis kollaboriert hatten, und mit der Erlaubnis Moskaus massakrierten sie die kommunistische Widerstandsbewegung, die Griechenland befreit hatte. Der Versuch, in den Kolonien und im Westen die alten Verh\u00e4ltnisse wiederherzustellen, zog &#8211; \u00e4hnlich wie die Installierung stalinistischer Regime in unserem Teil Europas &#8211; hunderttausende Opfer nach sich.<\/p>\n<p>Trotz allem war die Bilanz des Krieges nicht nur negativ. Die Rivalit\u00e4t der Imperien brachte der Welt Auschwitz, Hiroshima und den Gulag. Auf der anderen Seite hat der Widerstand des Volkes die M\u00e4chtigen nach dem Krieg zu Zugest\u00e4ndnissen gezwungen. Die Bev\u00f6lkerungen\u00a0 erinnerten sie an die gro\u00dfe Krise, die zu diesem Gemetzel gef\u00fchrt hatte. Die Eliten waren entsetzt von den Massen von bewaffneten Arbeitern und Bauern, die in Frankreich, Italien, Jugoslawien, Albanien und Griechenland die Kontrolle \u00fcber Fabriken und St\u00e4dte \u00fcbernommen hatten, und ihnen wurde klar, dass sie mit dem Kapitalismus etwas machen m\u00fcssten. So errangen die Widerstandsbewegungen aus dem Untergrund auf beiden Seiten des Atlantik einen gro\u00dfen Einfluss auf den Bereich der sozialen Rechte und \u00f6ffentlichen Dienstleistungen &#8211; unabh\u00e4ngig von der Logik des Warenwertes.<\/p>\n<p>Aus dem gleichen Widerstand n\u00e4hrten sich die ersten Fr\u00fchlingswinde der Entkolonialisierung &#8211;\u00a0eines des wichtigsten emanzipatorischen Ereignisse in der Geschichte des 20.Jahrhunderts. Daran sollte 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erinnert werden.<\/p>\n<p>Das war ein echter Sieg, der es wert ist, gefeiert zu werden.<\/p>\n<p><b><i>Przemys\u0142aw Wielgosz<\/i><\/b><i> ist Chefredakteur der polnischen Ausgabe von \u201eLe Monde Diplomatique\u201c. Mit freundlicher Genehmigung des Autors bringen wir hier den Leitartikel der aktuellen Ausgabe. <\/i><i>Aus dem Polnischen: Norbert Kollenda.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Przemys\u0142aw Wielgosz.\u00a0Die hei\u00dfeste Front des neuen Kalten Krieges zieht sich durch unsere Geschichte. Zu dieser Meinung k\u00f6nnte man gelangen, wenn man den polnischen Politikern und Medien folgt. 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