{"id":4942,"date":"2019-02-15T18:02:20","date_gmt":"2019-02-15T16:02:20","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4942"},"modified":"2019-02-15T18:02:20","modified_gmt":"2019-02-15T16:02:20","slug":"die-bewegung-der-gelben-westen-als-politischer-lernprozess","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4942","title":{"rendered":"Die Bewegung der Gelben Westen als politischer Lernprozess"},"content":{"rendered":"<p>Seit November 2018 trifft der Soziologe Michalis Lianos Hunderte von Gelben Westen, um ihre Aussagen zu sammeln und zu versuchen, diese \u00fcberraschende und vielf\u00e4ltige Bewegung zu analysieren. Ende Dezember<!--more--> haben wir die ersten Ergebnisse seiner Forschung in Form eines Interviews ver\u00f6ffentlicht:\u00a0<strong><u><a href=\"https:\/\/lundi.am\/Une-politique-experientielle-Les-gilets-jaunes-en-tant-que-peuple\">Eine Erfahrungspolitik &#8211; Die Gelben Westen als \u00abVolk\u00bb<\/a><\/u><\/strong>. Diese Woche ver\u00f6ffentlichen wir dieses zweite Gespr\u00e4ch mit ihm. Eine Aktualisierung ebenso wie eine Vertiefung \u2013 eine ebenso feine wie scharfe Analyse.<\/p>\n<p><strong>Vor acht Wochen haben Sie uns auf der Grundlage Ihrer soziologischen Untersuchung erste Beobachtungen zu den Gelben Westen geliefert. Ihre Suche geht weiter. Wo stehen Sie damit?<\/strong><\/p>\n<p>Von Anfang an wollte ich eine &#8222;aktuelle&#8220; Recherche vermeiden. Mein wissenschaftliches Ziel \u2013 wenn wir mit diesem Anspruch antreten k\u00f6nnen \u2013 geht dahin, der gesellschaftspolitischen Dynamik von Ausdruck und Repression zu folgen, die um die Bewegung der Gelben Westen herum organisiert ist. Ich versuche nicht, nur einen einmaligen Kampf zu verstehen, sondern wie ein Kampf in zeitgen\u00f6ssischen postindustriellen Gesellschaften entsteht und untergeht. Alle meine Arbeiten konzentrieren sich auf eine konstante Fragestellung: die Zw\u00e4nge der menschlichen Vergesellschaftung. Ob Konflikt oder Geben, Vertrauen oder Verdacht, Freiheit oder Kontrolle, Liebe oder Gewalt, die Form der sozialen Verbindung bestimmt, was f\u00fcr ein Kollektiv m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>In diesem Fall wird die Bewegung der Gelben Westen von zwei spezifischen Grundgegebenheiten gepr\u00e4gt: einem tiefsitzenden Bewusstsein f\u00fcr die Situation und Solidarit\u00e4t als Reaktion darauf.<\/p>\n<p><strong>&#8220; Tiefsitzendes Bewusstsein&#8220;?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, es geht nicht nur um Reflexivit\u00e4t, das hei\u00dft, um die F\u00e4higkeit, \u00fcber den Zustand, zu dem wir geh\u00f6ren, und unsere Rolle in diesem Zustand nachzudenken. Was ich sehe, ist das Entstehen einer sehr dichten Vorstellung, die sich als soziale und politische Philosophie zu organisieren beginnt.<\/p>\n<p>Der Ausgangspunkt ist eine gro\u00dfe Frustration \u00fcber die Reaktion der etablierten M\u00e4chte und der Institutionen, die diese zum Ausdruck bringen. Sie erinnern sich vielleicht daran, dass die ersten Demonstrationen Familienveranstaltungen, Treffen mit Freunden und Freundinnen, Nachbarn, Kollegen waren. Wir kamen mit unseren Kindern in Kinderwagen und dachten, so den &#8222;Eliten&#8220; die Notwendigkeit eines dringenden Handelns nahelegen zu k\u00f6nnen. Wir wollten zeigen, dass wir Teil der Seele dieses Landes sind, des &#8222;Volkes&#8220;, das mit seinen Eliten kommunizieren w\u00fcrde. Sicherlich gab es Wut \u00fcber eine Situation, die diese Manifestationen erzwang, aber da war auch die Begeisterung, sich als Hauptdarsteller auf der zivilgesellschaftlichen B\u00fchne zu sehen und wir waren uns gewiss, auch verstanden zu werden.<\/p>\n<p>Aber was entdecken wir nun jeden Samstag? Dass &#8222;das Land&#8220; nicht das ist, was wir dachten. Es ist nicht nur das Land der Spannungen in Kreisverkehren und blockierten Superm\u00e4rkten. Auf einer anderen Ebene ist es das Land eines anderen \u2013 wir wissen nicht genau, wer es ist \u2013 jemandem, der nicht z\u00f6gert, gegen dich Strassensperren, Panzer, Waffen, Tr\u00e4nengas aufzufahren. Gegen euch, die ihr einen betr\u00e4chtlichen Teil eures Monatseinkommens ausgegeben habt, um auf die Champs Elys\u00e9es zu kommen und einhellig an der Nation der B\u00fcrger teilzuhaben; so wurde es uns in der Schule beigebracht, so haben wir es in den feierlichen Reden gesp\u00fcrt und vorgestellt. Und dort, auf den Champs Elys\u00e9es, der symboltr\u00e4chtigsten Stra\u00dfe des Landes, werden wir als Feind jener konkreten Sache behandelt, zu der wir gekommen sind und die nun unseren Enthusiasmus, unsere Frustration und unsere Hoffnung n\u00e4hrt: die Republik.<\/p>\n<p>Die Entt\u00e4uschung ist immens. Sie verstehen schnell, dass dies kein Missverst\u00e4ndnis ist. Ich habe es ab Mitte Dezember mehrmals geh\u00f6rt \u2013 sowohl von links als auch von rechts \u2013: &#8222;Ich werde keinen Fu\u00df mehr in Paris setzen, um wie ein Verbrecher vergast zu werden. Es ist eine Schande&#8220;, &#8222;Ich komme hierher zum Wohle meines Landes, zu den jungen Menschen; und alles, was ich finden kann, ist der Kn\u00fcppel&#8220;.<\/p>\n<p>Dies erkl\u00e4rt die Ver\u00e4nderung der Zusammensetzung der Demonstranten im Laufe der Zeit. Keine Kinder, viel weniger Frauen, R\u00fcckzug von Nicht-Stadtbewohnern in ihren urspr\u00fcnglichen Raum. Der diese Erfahrungen sind via Online-Netzwerke und direkte Kontakte in Kreisverkehren schnell und tief ins Bewusstsein vorgedrungen. Unter den Gelben Westen beginnt sich daher allm\u00e4hlich eine andere Wahrnehmung der franz\u00f6sischen Gesellschaft herauszubilden.<\/p>\n<p><strong>Was sind die Merkmale dieser neuen Wahrnehmung? Wie ver\u00e4ndert sie ihre eigene Verortung in der politischen Landschaft?<\/strong><\/p>\n<p>Erstens ist das Vertrauen, das sie in ihre Verbindung zur nationalen politischen Kultur hatten, ersch\u00fcttert. Aber nicht so weit, dass sie denken, alle seien gegen sie. Sie sehen, dass die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung \u2013 und damit auch andere Klassen als ihre eigene \u2013 sie unterst\u00fctzen. Infolgedessen haben sie das Gef\u00fchl, dass diese Verbindung zerbrochen wird, weil sie von den &#8222;Eliten&#8220; &#8222;verraten&#8220; wird. Von diesem Zeitpunkt an wird dieser Begriff alle diejenigen bezeichnen, die die Macht haben, als Vermittler zwischen den verschiedenen Teilen der franz\u00f6sischen Gesellschaft zu fungieren, weil sie m\u00e4chtige oder institutionelle Akteure sind \u2013 oft beides. Und so herrscht die Wahrnehmung, dass das Spiel selbst seit der Austeilung der Karten gezinkt ist. Abgesehen von einigen unvermeidlichen Verschw\u00f6rungselementen f\u00fchrt dies zu der Erkenntnis, dass die Sackgasse, in der sie sich befinden, nicht auf einen konjunkturellen Zufall, sondern auf einen &#8222;harten&#8220; Trend zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Sie dr\u00fccken dies aus, indem sie sagen: &#8222;Sie wollen uns zu Nichts machen \u2013 alles, sie wollen nicht mehr, dass es eine Mittelschicht gibt; damit wir arm sind und in allem gehorchen&#8220;. Auf die Frage, wer sie sind, ist die Antwort komplex: &#8222;Die Finanz, die die Regierung in jedem Land in der Hand hat; wenn Macron durch jemand anderes ersetzt, wird sich nichts \u00e4ndern. Der Neue wird tun m\u00fcssen, was der Alte getan hat. &#8220;<\/p>\n<p>Vergessen wir nicht, dass f\u00fcr einen gro\u00dfen Teil von ihnen, ob sie nun f\u00fcr Emmanuel Macron gestimmt haben oder nicht, LREM [La R\u00e9publique En Marche, die politische Bewegung von E. Macron; Anm. d.\u00dc] eine Hoffnung auf Ver\u00e4nderung darstellte, allein aufgrund derer Behauptung,\u00a0 ausserhalb der &#8222;professionellen Politik&#8220; zu sein. Nun wird langsam klar, dass, wenn es keinen Unterschied machen kann, die wirkliche Macht woanders liegt. Diese dunkle Dimension nennen sie, entsprechend ihrer politischen Affinit\u00e4ten und Kulturen, &#8222;System&#8220;, &#8222;Globalisierung&#8220;, &#8222;Finanzen&#8220;, &#8222;Europa&#8220;, &#8222;Geld&#8220;&#8230;.. Aber sie sprechen deutlich \u2013 und sehr pr\u00e4zise und geschickt \u2013 von der Architektur des gesellschaftspolitischen Systems, das keine substantiellen Ver\u00e4nderungen zul\u00e4sst. Sie kommen daher zu dem Schluss, dass diese Dimension die m\u00f6glichen Entwicklungen kanalisiert und einrahmt, \u00fcber den Willen des geltenden &#8222;Volkes&#8220; \u00fcbersteigt und immer zu Kompromissen f\u00fchrt, die die geltende Ordnung verewigen.<\/p>\n<p>An dieser Stelle wird die Verbindung zu einer bestimmten Macht hergestellt, der sie bisher nicht viel Bedeutung beigemessen haben: Wer stellt die Fragen? Und dann: Wer macht sie relevant, ja sogar wichtig? Hier kommt es zur grundlegenden Hinterfragung des politischen Prozesses als Ganzes und in einem zweiten Schritt zur Hinterfragung der Rolle der Medien in diesem Prozess. In ihren Diskussionen stellen sie dann fest, dass jede Art von Frage gestellt werden kann und muss. Ich m\u00f6chte Ihnen mein extremstes Beispiel nennen, das ich in einer Gruppe von Gelben Westen an der Place de l\u2019\u00c9toile beobachtete, die vorher untereinander unbekannt waren: Ein Mann, der einen absolut gesunden, sehr eloquenten und einnehmenden Eindruck erweckt, erkl\u00e4rt, dass jede Art ihre Umwelt ver\u00e4ndert, und dass nur in diesem Zusammenhang die politische \u00d6kologie eine Bedeutung hat. &#8222;Jedenfalls&#8220;, sagt er, &#8222;haben wir mit unserer Zukunft bereits vor Tausenden von Jahren begonnen. Wenn die Erde uns in Zukunft nicht mehr aufnehmen kann, m\u00fcssen wir uns darauf vorbereiten, andere Planeten zu bewohnen. In der Gruppe herrscht v\u00f6llige Verlegenheit. Ein Aufkl\u00e4rer? Ein Provokateur? Dann stellt ihm jemand spontan die Frage: &#8222;Was machst du beruflich? &#8211; Ich arbeite in der Verarbeitung von Atomm\u00fcll&#8220;. In Anbetracht seiner Aussagen hat der Mann eine Hochschulausbildung, er ist wahrscheinlich Ingenieur. Die Vorstellung kommt auf, dass es sich hier um ein absolut &#8222;verl\u00fcffendes&#8220; Thema handelt, das aber in mancher Hinsicht letztlich ein legitimes politisches Thema abgeben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die Interaktion innerhalb der Bewegung f\u00f6rdert die Auffassung, dass der Rahmen der Politik weder so sicher noch so gerechtfertigt ist, wie bisher angenommen. Das bedeutet nicht, dass Gelbe Westen nicht meist \u00fcberzeugte Pragmatiker sind, die sich auf das t\u00e4gliche Leben konzentrieren. Im Gegenteil, es bedeutet, dass sie durch den Prozess, den sie selbst eingeleitet haben, verpflichtet sind zu erkennen, dass dieser Pragmatismus zu nichts f\u00fchren wird, wenn er bereits durch die Fragen der zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden, durch die intelligenten Fragen &#8222;derjenigen, die wissen, wie man es macht&#8220;, eingegrenzt wird. Kurz gesagt, man erkennt, dass es unm\u00f6glich ist, zu der Position zur\u00fcckzukehren, in der man nicht weiss, wie man es tun soll, um es vollst\u00e4ndig in Frage zu stellen, wenn man bereits weiss, was zu tun w\u00e4re.<\/p>\n<p>In diesem sich vertiefenden Prozess werden der Geschmack an direkter Demokratie \u2013 in Form des RIC und der Verfassungsreform \u2013 und das Misstrauen gegen\u00fcber der von der Regierung organisierten &#8222;gro\u00dfen Debatte&#8220; kultiviert. Was die oberen sozialen Schichten an diesem Misstrauen nicht verstehen, ist seine Komplexit\u00e4t. Es geht nicht um eine Ablehnung von spezifischen Positionen der Regierung und der etablierten politischen Akteure im Allgemeinen. Es ist die Ablehnung eines Prozesses, der aufgrund seiner Bekanntheit \u00fcberzeugt und objektiv wird, wenn die Meilensteine der Problemstellung gesetzt sind. Die Gelben Westen bezweifeln nicht f\u00fcr eine Sekunde die Intelligenz der Elite, sie bezweifeln jedoch, dass diese Intelligenz zum Wohle des &#8222;Volkes&#8220; eingesetzt wird. Sie zielen von daher nicht mehr auf die technischen Probleml\u00f6sungen, sondern auf das politische Prinzip der Problemerkennung.<\/p>\n<p>Wie jede grunds\u00e4tzliche politische Problemstellung konfrontiert auch diese den Fragesteller mit einem totalisierenden Praxishorizont. Was tun mit dem, was wir verstanden haben? Den Gewaltfans, ob Faschisten oder Aufst\u00e4ndische, mag dies missfallen, aber Gelbe Westen lassen sich nur selten f\u00fcr die Subversion und noch weniger f\u00fcr soziale Kriegsf\u00fchrung einspannen. Sie bef\u00fcrworten eine best\u00e4ndige, berechenbare und relativ faire Ordnung. Aber sie haben mittlerweile verstanden, dass man auch von der etablierten Ordnung nicht viel erwarten kann. Damit kommen wir zur zweiten Grundlage ihres Handelns: der Solidarit\u00e4t. Da dieses den von uns gewohnten Analysen entgegensteht, k\u00f6nnen wir die Bedeutung eines gro\u00dfen politischen Ph\u00e4nomens, dessen wir Zeugen sind, nicht ausreichend wahrnehmen. Die Gelben Westen schaffen es, in ihrer Uneinigkeit zusammenzuhalten. Es ist nicht ohne emotionale Intuition, dass einige Menschen die Bewegung als &#8222;ihre Familie&#8220; betrachten. Durch eine neuronale Architektur, deren Vorbild nat\u00fcrlich das Internet ist, sp\u00fcren sie, dass das Ende ihrer Vielfalt das Todesurteil f\u00fcr ihre Legitimit\u00e4t sein wird, denn sie werden sich in eine politische &#8222;Str\u00f6mung&#8220; verwandeln wie die anderen, mit ihren eigenen Mechanismen und Wahrheiten; \u00fcberzeugend, aber geschlossen, daher unter dem gleichen Druck, den sie f\u00fcr ungesund halten. Das Betreten der Korridore der Macht und die dazugeh\u00f6renden Diskussionen k\u00f6nnen nicht ohne Einschr\u00e4nkung des Horizonts erfolgen. Jetzt sind sie sich jedoch bewusst, dass ihr Beitrag zu Frankreich und Europa genau diese alternative M\u00f6glichkeit der Offenheit ist.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend es daher \u00e4u\u00dferst schwierig ist, einen anderen Ausweg als denn eine &#8222;R\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t&#8220; zu finden, so ist es nicht unm\u00f6glich, Zeit zu gewinnen, indem man sich auf die andern verl\u00e4sst, um die Offenheit aufrechtzuerhalten. Die &#8222;Versammlung der Versammlungen&#8220; in Commercy dr\u00fcckt genau diese Bekr\u00e4ftigung der Solidarit\u00e4t aus. Durch ihre transparente \u00dcbertragung \u2013 die ohne externe Medien erfolgt \u2013 und ihre Zur\u00fcckhaltung gegen\u00fcber der politischen Repr\u00e4sentativit\u00e4t h\u00e4lt sie das Gleichgewicht zwischen einer breiten Plattform politischer Forderungen und einer Praxis, die die Prinzipien respektiert, die die Bewegung jetzt vertritt. Wir m\u00fcssen uns fragen, wie viele politische R\u00e4ume \u2013 militante oder intellektuelle \u2013 auf ein solches Gleichgewicht stolz sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Wenn all dies Reife beweist, so scheint es doch, dass die Frage des Handelns nicht gel\u00f6st ist. Die Institutionen dr\u00e4ngen sie einerseits in eine politische Normalisierung und schr\u00e4nken andererseits ihre Demonstrationsf\u00e4higkeit ein. Wie lange k\u00f6nnen sie ihre prek\u00e4re Position halten, bevor ihre Energiequellen versiegen?<\/strong><\/p>\n<p>Dies h\u00e4ngt von mehreren Faktoren und Zuf\u00e4llen ab. So st\u00e4rken beispielsweise die schweren Verletzungen durch Polizeiwaffen eindeutig ihre Ausdauer. Sie sagen es sich st\u00e4ndig gegenseitig, um sich gegenseitig zu ermutigen: &#8222;Wir geben nichts auf&#8220;. Nat\u00fcrlich ist die Regierung sehr vorsichtig, um Todesf\u00e4lle zu vermeiden, die die Bewegung anschwellen lassen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Die Strategie der Regierung beinhaltet eine erkennbare Bewegung zur Einkreisung der &#8222;\u00f6ffentlichen Meinung&#8220;. Dabei geht es nicht um das Herz der Bewegung der Gelben Westen, sondern vor allem um die Peripherie und die Schichten, die sie passiv tragen. Die ber\u00fchmte &#8222;gro\u00dfe Debatte&#8220; ist eine weitere Demonstration von Umsicht gegen\u00fcber denen, die den politischen Rahmen nicht in Frage stellen. Diese Operation, wenn auf sie ein RIC von zumindest symbolischem Wert folgt, wird wahrscheinlich dazu f\u00fchren, dass Gelbe Westen den Status legitimer Demonstranten verlieren und sie neu als ungeb\u00fchrliche &#8222;N\u00f6rgler&#8220; charakterisiert werden. Auf die gleiche Weise zielt die j\u00fcngste Schw\u00e4rmerei des Staates f\u00fcr die &#8222;Vorst\u00e4dte&#8220; darauf ab, zu verhindern, dass sich deren Bev\u00f6lkerung auf militanter oder emotionaler Ebene den Gelben Westen ann\u00e4hert, um zu verhindern, dass die unteren Schichten die gr\u00f6\u00dfte Barriere \u00fcberschreiten, die sie heute trennt, die ethno-rassische Barriere. Denn wenn diese Barriere \u00fcberschritten wird und &#8222;die Vororte&#8220; in eine selbstbewusste Haltung des Anspruchs auf Staatsb\u00fcrgerschaft eintreten, wird die politische und wahltaktische Architektur in multirassischen Gesellschaften in Westeuropa sofort zusammenbrechen. Dies ist eines der gr\u00f6\u00dften Probleme im Hinblick auf die m\u00f6glichen Auswirkungen der Bewegung der Gelben Westen. Dies ist ein tief verwurzeltes Thema, das den politischen Parteien sehr wohl bewusst ist, denn f\u00fcr sie ist es eine Frage des \u00dcberlebens.<\/p>\n<p>Ein weiterer Aspekt ist das Verh\u00e4ltnis zu den Gewerkschaften. Der Streik vom 5. Februar hat gezeigt, dass Konvergenz zwar m\u00f6glich und w\u00fcnschenswert ist, dass aber die politischen Ambitionen nicht die gleichen sind. Die Gewerkschaften kn\u00fcpfen ihr Handeln nicht an die allgemeine gesellschaftspolitische Situation an, und aus diesem Grund werden sie weitgehend aufgegeben. Es ist seltsam, dies so zu sagen, aber eine Weltsicht \u2013 implizit oder explizit, aber vor allem reflektierend \u2013 erscheint heute notwendig, um die Gewerkschaften glaubw\u00fcrdig zu machen. Die K\u00e4mpfe gegen spezifische Ma\u00dfnahmen und den Mitbestimmungs-Korporatismus erzeugen keine Loyalit\u00e4t, denn gerade die Infragestellung der gesellschaftspolitischen Realit\u00e4t fehlt. Indem sie gerade dies tun, bedrohen die Gelben Westen den gewerkschaftlichen Modus operandi, der auf eingespielten Handlungsperspekten basiert. Kurz gesagt, die Gewerkschaften k\u00f6nnen angesichts der Gelben Westen nicht mehr sagen, dass sie nicht da sind, um die Legitimit\u00e4t einer Regierung in Frage zu stellen, eine alternative Wirtschaftspolitik vorzuschlagen usw. Die Bewegung der Gelben Westen sind f\u00fcr alles da, von den Kraftstoffpreisen bis zur direkten Demokratie. Die Dissonanz ist offensichtlich. Wie bei der ethnorassischen Frage k\u00f6nnte man sich vorstellen, dass die Gelbe Westen auch das Gewerkschaftsmodell durcheinanderbringen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p><strong>Glauben Sie, dass solche Entwicklungen m\u00f6glich sind? Zum Beispiel eine Konvergenz zwischen Gelben Westen, Vorst\u00e4dten und Gewerkschaften?<\/strong><\/p>\n<p>M\u00f6glich, theoretisch ja. Aber nicht wahrscheinlich. Aus einer Vielzahl von Gr\u00fcnden. Erstens verbinden nur Gelbe Westen kollektives politisches Bewusstsein mit dem Fehlen einer pyramidenf\u00f6rmigen Struktur. Das bedeutet, dass jeder Akteur, der sich f\u00fcr sie interessiert, seine interne Hierarchie irgendwie abbauen muss, was einer Gewerkschaft oder politischen Partei nicht gefallen w\u00fcrde. Umgekehrt sollten wir einer kollektiven Vision vertrauen, die diejenigen einschlie\u00dft, die man gelernt haben, als &#8222;Andere&#8220; zu sehen, zum Beispiel die erste oder zweite Generation von Franzosen durch die \u00e4lteren Franzosen.<\/p>\n<p>Machtstrukturen und kollektive Identit\u00e4ten, die sich von sich aus aufl\u00f6sen, um einer gemeinsamen politischen Vision Platz zu machen, sind in der Menschheitsgeschichte nicht \u00fcblich. Gleichzeitig ist klar, dass Europa ein Gef\u00fchl der systemischen Unzul\u00e4nglichkeit aufweist, dem wir gr\u00f6\u00dfte Aufmerksamkeit schenken sollten. Wenn es das Anliegen einer Macht ist, sich durch Selbstlegitimation zu verewigen, gehen die Folgen ihres Handelns weit \u00fcber diese Absicht hinaus. Ganz Europa beobachtet, was mit den Gelben Westen in Frankreich vor sich geht. Eine Austrocknung der Bewegung wird von politischen Parteien und Medien nat\u00fcrlich als Regierungssieg interpretiert. Aber die unter Druck stehenden Bev\u00f6lkerungsgruppen w\u00fcrden dies keinesfalls so sehen. Sie sehen vielmehr, dass der Wunsch nach Ver\u00e4nderung durch eine so starke Filterung behindert wird, als ob es keine Alternative g\u00e4be. Selbst wenn du mit einem alternativen Mandat an die Macht kommst, musst du dich nur an Abh\u00e4ngigkeiten anpassen, die weit \u00fcber dich hinausgehen. Der Fall von Syriza in Griechenland ist ein dramatisches Beispiel f\u00fcr dieses Problem. Wenn also traditionelle Wahl- und Protestkan\u00e4le unm\u00f6glich sind, was bleibt dann noch \u00fcbrig?<\/p>\n<p>Gelbe Westen sprechen momentan nicht gerne \u00fcber die M\u00f6glichkeit des &#8222;Nachlassens&#8220;, aber was werden sie tun, wenn es dem Staat gelingt, ihre Energie abzunutzen? Wohin gehen sie? Welche sind die &#8222;antisystemischsten&#8220; etablierten Kr\u00e4fte bereits im Wahl- und Parlamentsspiel? Dies k\u00f6nnte eine sch\u00f6ne Prophezeiung abgeben, die sich durch den Diskurs des Respekts vor dem B\u00fcrger und der Nation selbst best\u00e4tigt, und durch das Versprechen, die ihnen zugef\u00fcgten Beleidigungen wegzusp\u00fclen, als sie sich w\u00e4hrend den Wochen des friedlichen und vereinten Protestes ignoriert f\u00fchlten. Ein solches Szenarios ist durchaus nicht auszuschliessen, dass man tats\u00e4chlich zu dem werden kann, wof\u00fcr man einem beschuldigt wird, wenn auch nur, um diejenigen zu Fall zu bringen, die einen gedem\u00fctigt haben. Dies ist nicht nur in der j\u00fcngsten europ\u00e4ischen Geschichte gelungen, sondern es gibt auch neuerdings starke Anzeichen von Frustration in ganz Europa. Die Suche nach einem klaren Sieg gegen die Gelben Westen ist keineswegs positiv zu bewerten, weder f\u00fcr die franz\u00f6sische Gesellschaft noch f\u00fcr Europa.<\/p>\n<p><strong>Sie beharren stark auf der Regierung und den Medien, die Sie als einen eher homogenen Raum in der Welt der Gelben Westen zu verstehen scheinen. Inwieweit ist das wahr und aus welchem Grund existiert diese Homogenisierung?<\/strong><\/p>\n<p>Im symbolischen Universum der Gelben Westen gibt es nat\u00fcrlich erhebliche Unterschiede und Nuancen. Dies steht einer Konvergenz hin zu einer weitgehend einheitlichen Sichtweise der wesentlichen Einfl\u00fcsse auf die Gesellschaft nicht entgegen. Ich spreche von erfahrungsorientierter Politik. Man nehme die folgende Situation: Du bist allein damit, und kannst du trotz deiner Bem\u00fchungen nicht aus ihr herauskommen. Du sch\u00e4mst dich, dass du nicht das tun kannst, was du f\u00fcr das Minimum f\u00fcr deine Kinder und manchmal auch f\u00fcr deine pensionierten Eltern h\u00e4ltst. Du erlebst dies als ein pers\u00f6nliches Versagen, eine individuelle Unzul\u00e4nglichkeit. Dein Bild von Normalit\u00e4t ergibt sich aus dem, was im Fernsehen zu sehen ist, mit fiktiven Darstellungen, Debatten, Reden von M\u00e4nnern und Frauen, die Einfluss haben und in den Nachrichten erscheinen. Dann, aus einem Grund, der mit den Kraftstoffpreisen zusammenh\u00e4ngt, f\u00e4ngst du an, mit anderen zu sprechen, die von einem Thema betroffen sind, das dir so wichtig ist, aber f\u00fcr &#8222;normale&#8220; Menschen so allt\u00e4glich ist, dass du nicht annimmst, dass sie in Schwierigkeiten sind. Man tauscht sich im Internet aus, trifft sie, und dann stellt man fest, dass es lange her ist \u2013 eine sehr lange Zeit \u2013, dass man in seiner Situation nicht allein ist. Deine Schwierigkeiten, deine Unsicherheiten, deine \u00c4ngste sind im ganzen Land verbreitet. Man stellt sich dann gemeinsam die Frage: Warum weiss denn niemand von dieser Situation, weshalb hat sie sich nicht in den unz\u00e4hligen Stunden der Auseinandersetzung mit den Inhalten der Politik- und Mediensph\u00e4re nicht offenbart? &#8222;Wir haben angefangen, miteinander zu reden, uns nicht mehr zu sch\u00e4men&#8220;, sagen meine Befragten. Manchmal haben wir den Eindruck, vor einem sozialen #MeToo zu stehen, bei dem die Gelben Westen einzelne Erfahrungsst\u00fccke zu einem allgemeinen gesellschaftspolitischen Bild verkn\u00fcpft haben.<\/p>\n<p>Daraus folgt nat\u00fcrlich, dass die kollektive Betrachtung dieses Bildes eine heftige Ablehnung der politisch-medialen Erz\u00e4hlung provoziert, an die man sich zuvor gehalten hat. Hier m\u00fcssen wir einen anderen Endpunkt verstehen. Die Schichten, die sich f\u00fcr intellektuell und anst\u00e4ndig halten, halten sich ebenfalls f\u00fcr schuldig, weil sie die Wahrheit nicht verstehen konnten, weil sie nicht andere kritischere Informationsquellen usw. gesucht haben. Aber bei Gelben Westen setzt sich das Vertrauen durch. Wir m\u00fcssen wiederholen, dass sie nicht &#8211; zumindest bis jetzt \u2013 eine Umw\u00e4lzung der sozialen Ordnung fordern, aber sie wollen von der Elite respektiert werden. Wenn letztere ihnen also nicht aufzeigt, wo sie das ernsteste Problem des Landes sehen, und die Gelben Westen dar\u00fcber hinaus im Mittelpunkt dieses Problems stehen, dann deshalb, weil man sie misshandelt. Es gibt keine andere nachsichtigere Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Dieser Bruch wird in der Darstellung der Bewegung durch die politischen Beh\u00f6rden und mehrere Medien best\u00e4tigt. Die Gelben Westen waren sich zum ersten Mal der K\u00e4mpfe um die politische Kommunikation bewusst, die jeden Tag stattfinden. Sie waren schockiert \u00fcber ihre eigene Repr\u00e4sentation in den Medien und \u00fcber die Tatsache, dass sowohl die Regierung als auch die Medien, die sie beobachtet oder geh\u00f6rt haben, sich weigerten, ihnen ein Bild vom &#8222;Volk&#8220; zu vermitteln, das legitim und friedlich zum Wohle aller protestiert. Diese schmerzhafte Wahrnehmung verst\u00e4rkt ihr Misstrauen und ihre Feindseligkeit, indem sie politische und mediale Dimensionen zu einem einzigen unzuverl\u00e4ssigen symbolischen Ganzen verbinden, um es elegant auszudr\u00fccken.<\/p>\n<p><strong>Genau genommen scheinen sich einige Dimensionen dieses Ph\u00e4nomens ver\u00e4ndert zu haben, insbesondere die Darstellungen von Gewalt gegen\u00fcber allen am Laufe der Zeit beteiligten Akteuren. Trotz der F\u00fclle von Diskussionen um die Gelben Westen haben wir keine klare Vorstellung von ihrer Haltung in Bezug auf Gewalt im Allgemeinen und Unruhen im Besonderen. Konntest du irgendwelche Elemente ihrer Haltung verstehen?<\/strong><\/p>\n<p>Noch einmal, wir werden von zwei Hauptpunkten ausgehen m\u00fcssen. Ihre anf\u00e4ngliche Weigerung, Gewalt zu akzeptieren, und die Entt\u00e4uschung ob der gegen sie ver\u00fcbten Gewalt. In der Bewegung gibt es offensichtlich Gruppen und Individuen mit unterschiedlichen Auffassungen, aber sie teilten schnell eine gemeinsame Beobachtung: &#8222;Wir werden nur beachtet, wenn es Gewalt gibt. Ich bedaure es, aber ich muss zugeben, dass die uns die schwarzen Bl\u00f6cke zumindest dazu verholfen haben, geh\u00f6rt zu werden. Diese Beziehung des unfreiwilligen Nutznie\u00dfers von Gewalt, die von anderen getragen wird, hat sie st\u00e4ndig auf h\u00f6chstem Niveau herausgefordert, da dadurch die Bewegung sehr schnell ihre politische Reife entwickeln konnte. N\u00e4mlich, wie man Einfluss aus\u00fcben kann, wenn man versucht, einen zu ignorieren? W\u00e4hrend die Verkehrssperren ihre lokale Wirksamkeit bewiesen haben, hat das Verh\u00e4ltnis zu Polizei, zur Regierung und Medien ihre nationale Wirkung bestimmt. Ab Dezember stand viel auf dem Spiel und sie verstanden, dass die \u2013 oft von ihnen selbst kritisierte \u2013 Graffiti auf dem Arc de Triomphe mehr Schlagzeilen machten als ihre Forderungen. Dies f\u00fchrte schnell zu zwei Reaktionen: Die erste war die Feststellung einer &#8222;objektiven Wahrheit&#8220;, dass Gewalt nicht die wichtige Dimension war, wie sie innerhalb der Bewegung in Online-Netzwerken kommuniziert wurde. Die zweite ist eine Toleranz gegen\u00fcber denjenigen, die bei den Demonstrationen gewaltt\u00e4tig waren. Diese beiden Reaktionen konvergierten dann, um ihr Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Rolle, die die Regierung der Polizei zugedacht hatte, zu vertiefen und zu stabilisieren, n\u00e4mlich Demonstrationen illegal zu unterdr\u00fccken und Gewalt zu provozieren, um die Glaubw\u00fcrdigkeit der Bewegung zu untergraben. Nat\u00fcrlich wandten sie sich daher dem zu, was die Polizei tat, systematischen Personenkontrollen und dem Einsatz von Waffen mit reduzierter T\u00f6tungswirkung. Die netzwerkartige Struktur ihrer Kommunikation unternahm dann die notwendigen Schritte, um die dokumentierten F\u00e4lle schwerer und ungerechtfertigter Verletzungen unter den Gelben Westen offenzulegen. Und dort brachten sie diese Erfahrungen in das kollektive Bewusstsein unschuldiger Opfer ein. So hat sich ihr Verst\u00e4ndnis von Gewalt weiter ver\u00e4ndert, weil sie dachten, dass das Leiden dieser Gewalt, ohne der Angst nachzugeben, ein Akt des politischen Widerstands an sich sei. Es war daher nicht notwendig, Vergeltungsma\u00dfnahmen zu ergreifen, um ihre Position zu bekr\u00e4ftigen. Da zu sein, war genug.<\/p>\n<p>Man wird verstehen, dass Gelben Westen keine eingefleischten Randalierer sind, sie wollen keine Aufruhrsituationen provozieren, weil sie die \u00dcberzeugung haben, dass sie selbst die Seele dieses Landes sind. Die Tatsache, dass man ihnen nicht zuh\u00f6rt, stellt f\u00fcr sie nicht die Konsequenz eines Kampfes dar; sie zeigt vielmehr direkt die Usurpation. Sie sehen die Revolution als einen Fluss, der langsam w\u00e4chst und weit \u00fcber seine machtlosen Ufer hinausflie\u00dft. Das bedeutet nicht, dass ein gewaltsamer Aufstand \u2013 der vor allem eine Situation vor Ort ist \u2013 unm\u00f6glich ist. Das bedeutet, dass dies kein Ziel ist, oder sogar, dass das Ziel darin besteht, die gew\u00fcnschten Ver\u00e4nderungen durch Vermeidung von Gewalt zu erreichen.<\/p>\n<p>In einigen F\u00e4llen k\u00f6nnten wir \u00fcber radikale Zentristen sprechen, wenn wir Paradoxien m\u00f6gen. Wie kann man zum Beispiel einen etwa f\u00fcnfundvierzigj\u00e4hrigen Beamten, der am &#8222;Manif pour tous&#8220; teilgenommen hat und in diesem Zusammenhang Polizeigewalt erlebt hat, in die Gelben Westen einordnen, indem er die Gewalt gegen diese als &#8222;ungerechtfertigt und unverzeihlich&#8220; betrachtet? Sie sieht sich &#8222;\u00fcberhaupt nicht als radikal&#8220;, w\u00e4hrend sie auf dem Platz der Republik ausharrt, w\u00e4hrend die Polizei versucht, sie mit Sch\u00fcssen und Tr\u00e4nengas zu vertreiben. Unter diesen Umst\u00e4nden traf er zwei weitere Frauen, die von anderswo gekommen waren, um in Paris zu demonstrieren, und erz\u00e4hlten ihm von den herzzerrei\u00dfenden Folgen von Arbeitslosigkeit f\u00fcr junge Menschen in ihren Familien. Er h\u00f6rt zu, er versteht, er hat Mitgef\u00fchl. Auf die nachtr\u00e4gliche Frage nach der Gewalt antwortet er, dass &#8222;er es nicht mehr wisse&#8220;, obwohl er sich bewusst sei, dass es auch darum ginge, politische Ziele zu erreichen, mit denen er teilweise nicht einverstanden sei. Die Frage stellt sich daher zunehmend angesichts der verschlossenen Kommunikationswege zu den Eliten und der Unzul\u00e4nglichkeit des aktuellen Wahlprozesses als politischer Partizipation. Es sei hier darauf hingewiesen, dass das Aufkommen von LREM als neuer Akteur diese Vorstellung der Blockierung nur beg\u00fcnstigt hat, auch da nicht auf allen Ebenen parteiartige Institutionen vorhanden waren, um die Reaktionen &#8222;einzufangen&#8220; und die Forderungen bei ihrem Entstehen zu kanalisieren. So traten die Einzelnen in direkte Verbindung zueinander und sie erkannten, dass dort dr\u00fcben direkt die Regierung und der Pr\u00e4sident waren.<\/p>\n<p>Kurz gesagt, die Haltung der Gelben Westen gegen\u00fcber Gewalt entwickelt sich weiter und bleibt in einer vorsichtigen Perspektive der &#8222;passiven Delegation&#8220; zu den radikalsten Elementen oder der Toleranz gegen\u00fcber diesen. Dabei bleibt wichtig, dass die Ideen, Motivationen und Ziele dieser radikalen Gruppen unter den Gelben Westen nicht diskutiert werden. H\u00f6chstens werden einige sagen, dass der Grund, warum die Polizei die schwarzen Bl\u00f6cke nicht aufh\u00e4lt und diese sich leicht unter den Demonstranten bewegen k\u00f6nnen, darin besteht, dass &#8222;es Castaner dient&#8220;. Es besteht allgemeiner Konsens dar\u00fcber, dass die Regierung nach gewaltt\u00e4tigen Episoden sucht, um die Bewegung zu delegitimieren. Dieser Konsens basiert nicht auf einer allgemeinen Verschw\u00f6rungsvision, sondern auf sehr spezifischen Beobachtungen w\u00e4hrend der Demonstrationen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich haben die schweren Verletzungen durch Polizeiwaffen die kollektive Vorstellung von Gewalt so weit gefestigt, dass sie die Medien beeinflusst hat, die sich etwas mehr auf das Thema konzentriert und begonnen hat, sie als Opfer zu darzustellen. Die schweren Augenverletzungen und die Verst\u00fcmmelungen kamen schlie\u00dflich durch die au\u00dfergew\u00f6hnliche Ausdauer der Bewegung an das Licht. Die Gelben Westen haben auch allm\u00e4hlich verstanden, dass man nicht politisch k\u00e4mpferisch zu sein braucht, um zu erkl\u00e4ren, wie Macht funktioniert. Sie beginnen, es als eine \u00dcbung in Einfluss und Informationspolitik zu verstehen. Wie sie sagen: &#8222;Es sind nicht die Journalisten vor Ort, es sind die Bosse oben, die loslassen oder nicht loslassen&#8220;. Wieder einmal f\u00fchrt ihre Erfahrung sie zu einem tiefen Bewusstsein, einer ruhigen und systemischen Kritik, die ihre \u00dcberzeugung best\u00e4rkt, dass es nicht ausreicht, die Elite auszuwechseln, sondern dass ein neues Verh\u00e4ltnis des Volkes zur Macht erforderlich ist. Das ist es, was sie mit der Sechsten Republik meinen.<\/p>\n<p><strong>Welche Entwicklungen sehen Sie f\u00fcr die Bewegung der Gelben Westen?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist die Geschichte nicht nur nicht vorhersehbar, sondern sie wird auch meistens nicht angek\u00fcndigt. Ein Erfolg w\u00e4re nat\u00fcrlich, wenn es zu erheblichen Ver\u00e4nderungen im Wahl- und Exekutivsystem hin zu einer breiten Beteiligung k\u00e4me, die es der breiten Bev\u00f6lkerung erm\u00f6glichen w\u00fcrden, Priorit\u00e4ten zu setzen und Entscheidungen zu treffen.<\/p>\n<p>Dieses Ergebnis ist aber unwahrscheinlich, da es nicht nur gegen den Willen der Regierung, sondern auch gegen den aller etablierten politischen Akteure gerichtet ist. Sie werden zum Beispiel festgestellt haben, dass der Pr\u00e4sident alle anderen politischen Parteien konsultiert \u2013 etwas noch nie Dagewesenes \u2013, um den Eindruck eines breiten Dialogs zu erwecken, der die Gelben Westen als stumpfe, ver\u00e4rgerte Menschen erscheinen l\u00e4sst, die nicht wissen, dass das, was sie vorschlagen, bereits da ist: Demokratie, Debatte mit der Gesellschaft, Zuh\u00f6ren, Solidarit\u00e4t usw. Kurz gesagt, abgesehen von der &#8222;Kaufkraft&#8220; haben diese Menschen keine vern\u00fcnftigen Anspr\u00fcche. Es ist eine strukturierte Vorgehensweise, die Gelben Westen wieder in ihren gewohnten Zustand zu versetzen, n\u00e4mlich vereinzelt zu schweigen und f\u00fcr jeden zu stimmen, der ihnen eher eine etwas h\u00f6here Kaufkraft zu bieten scheint. Sie d\u00fcrfen sich nicht in die &#8222;gro\u00dfen Fragen&#8220; einmischen. Diese Funktion ist zu wichtig, um ihnen einen Platz zu geben. Kurz gesagt, es ist die prim\u00e4re politische Frage, wer unter wessen Kontrolle steht, denn die Gelben Westen behaupten seit einiger Zeit zunehmend, dass es die &#8222;Eliten&#8220; sind, die unter der Kontrolle des &#8222;Volkes&#8220; stehen m\u00fcssen und nicht umgekehrt.<\/p>\n<p>Die Herausforderung, die die Gelben Westen stark unterst\u00fctzen, ist daher die politische Reorganisation der heutigen kapitalistischen Gesellschaften. Die Tatsache, dass sie es nicht auf diese Weise ausdr\u00fccken, macht es nicht weniger wichtig. Man k\u00f6nnte eigentlich das Gegenteil sagen: Da dieses Thema als Erfahrung und nicht als Diskurs auftaucht, existiert es wirklich als Realit\u00e4t und nicht als intellektuelle Projektion.<\/p>\n<p>Das nicht erkl\u00e4rte Ziel der etablierten politischen Klasse besteht nat\u00fcrlich darin, diese Frage zur\u00fcckzudr\u00e4ngen, bevor sie f\u00fcr eine erweiterte Gesellschaft legitim erscheint. Aus diesem Grund wurde beispielsweise vorgestern (Samstag, 9. Februar) unter dem Begriff &#8222;Antiparlamentarismus&#8220; ein neuer diskursiver Angriff gestartet. Da der Vorwurf der extremen Rechten und Linken die Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Bewegung nicht untergraben konnte, hier ist ein neues Konzept, um alle Gelben Westen in eine &#8217;schmutzige&#8216; Kategorie zu sperren.<\/p>\n<p>Der symbolische Kampf ist stark. Auch in den Medien und in der Politik wird \u00fcber ihre falsch geschriebenen Slogans gespottet, ohne die entscheidende Bedeutung dieses Aktes zu verstehen: den Mut, Ihre Vision zu ver\u00f6ffentlichen, selbst wenn sie wissen, dass sie Fehler machen. Das Recht auf mittelm\u00e4\u00dfige, einfache, normale Existenz zu behaupten \u2013 au\u00dferhalb jeder &#8222;Exzellenz&#8220;.<\/p>\n<p>All dies erh\u00f6ht die Wahrscheinlichkeit, dass die Bewegung durch ein spontanes und implizites B\u00fcndnis aller Kr\u00e4fte, die einen signifikanten gesellschaftspolitischen Wandel bef\u00fcrchten, einged\u00e4mmt wird. Wenn es so weitergeht, wird das Ergebnis f\u00fcr die Gewinner durchaus akzeptabel erscheinen, aber es wird wahrscheinlich eine Katastrophe f\u00fcr Frankreich und Europa sein. Der einzige Weg, der dann offenbleibt, wird \u00fcber Wahlen gehen, auf dem diejenigen, die voll auf Angst oder Identit\u00e4t setzen, ihr Gesch\u00e4ft machen werden. Dies wird ein ungl\u00fcckliches Ergebnis f\u00fcr alle sein, mit Ausnahme der politischen Parteien, die sich der Offenbarung ihrer wachsenden Nutzlosigkeit angesichts der Behauptung der Staatsb\u00fcrgerschaft als Anspruch auf direkten Zugang zur Macht entziehen werden.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/lundi.am\/UNE-POLITIQUE-EXPERIENTIELLE-II-Les-gilets-jaunes-en-tant-que-peuple-pensant\">lundi.am&#8230;<\/a> vom 14. Februar 2019; \u00dcbersetzung durch Redaktion maulwuerfe.ch<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit November 2018 trifft der Soziologe Michalis Lianos Hunderte von Gelben Westen, um ihre Aussagen zu sammeln und zu versuchen, diese \u00fcberraschende und vielf\u00e4ltige Bewegung zu analysieren. 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