{"id":4983,"date":"2019-02-25T11:33:30","date_gmt":"2019-02-25T09:33:30","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4983"},"modified":"2019-02-25T11:33:30","modified_gmt":"2019-02-25T09:33:30","slug":"revolution-und-buergerkrieg-in-syrien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4983","title":{"rendered":"Revolution und B\u00fcrgerkrieg in Syrien"},"content":{"rendered":"<p><em>Loubna Mrie.<\/em> <strong>Staatliche Repressionen erzeugen die Militarisierung der Revolution. Und dennoch l\u00e4sst \u00a0die Militarisierung selbst die Konterrevolution heranreifen. Die syrischen Erfahrungen seit 2012 lehren uns<!--more-->, welche Fragen zuk\u00fcnftige Revolution\u00e4re beantworten m\u00fcssen.<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin in Syrien aufgewachsen. In den staatlichen Schulen wurde wir t\u00e4glich daran erinnert, dass wir dank der Revolution der Ba&#8217;ath-Partei im Jahr 1963 eine kostenlose Ausbildung erhielten. Wir sollten dankbar sein, sagten uns unsere Lehrer. In der vierten Klasse, wie Millionen von Sch\u00fclern und Sch\u00fclerinnen in ganz Syrien, lernte ich Lieder auswendig, die die Ba&#8217;ath-Partei und ihren F\u00fchrer Hafez al-Assad lobten: <em>Wir leuchten wie der Morgen, wir tragen die Waffe \/ Unser Blut wird den Boden tr\u00e4nken.\u00a0<\/em>Ein treuer Syrer muss Zitate des Parteichefs rezitieren, Zitate aus einem 150-seitigen Buch mit dem Titel <em>Nationalit\u00e4t<\/em>. In Pr\u00fcfungen k\u00f6nnte man daf\u00fcr bestraft werden, wenn man auch nur an ein einziges Wort vergessen hatte.<\/p>\n<p>In Regierungshochburgen wie meiner Heimatstadt Jableh im Bezirk Lattakia war die Grenze zwischen Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Regierung und Religion immer verwischt.\u00a0Wir Alawiten, Angeh\u00f6rige einer zuvor verfolgten Minderheit, \u00fcberlebten nur dank der milit\u00e4rischen Machtergreifung durch Hafez al-Assad in den 1970er Jahren. Ohne ihn w\u00e4ren wir Alawiten in den Bergen geblieben. Als Alawiten aufzuwachsen bedeutete daher, st\u00e4ndig an den Schutz der Regierung erinnert zu werden. Jeder Versuch, die Regierung zu st\u00fcrzen, sollte nach dieser Logik als Versuch angesehen werden, uns alle zu t\u00f6ten. Die Wahl war zwischen dem Assad-Regime und dem Tod.<\/p>\n<p>Ich wuchs in dem Glauben auf, dass alle anderen ethnischen Gruppen uns t\u00f6ten k\u00f6nnten, wenn sie dazu eine Chance h\u00e4tten. Und dann, eines Tages in der achten Klasse, schien dieser Albtraum wahr zu werden. Im Jahr 2004 kam es zum kurdischen Aufstand in Qamischli. Nach dem erforderlichen Fahnengru\u00df k\u00fcndigte der Direktor an, dass unsere Schulreise abgesagt wurde, weil \u00abes Probleme im Land gibt\u00bb.\u00a0Sp\u00e4ter h\u00f6rte ich jemanden im Hof rufen: \u00abDie Kurden kommen, um uns zu t\u00f6ten!\u00bb Uns wurde gesagt, dass die Kurden planen, alawische Frauen anzugreifen. Der Lehrer beschrieb einen alawitischen Kommandanten, den die Kurden an das Heck eines Autos gefesselt hatten und den sie durch die Stra\u00dfen von Qamischli schleppten, bis sich sein Fleisch l\u00f6ste.<\/p>\n<p>Jeder Versuch, gegen das System zu rebellieren, wurde als Bedrohung f\u00fcr uns alle dargestellt. Die W\u00e4nde haben Ohren, wie uns gesagt wurde. Wir d\u00fcrfen die Regierung und ihre Gr\u00e4ueltaten nicht kritisieren, auch nicht aus der Sicherheit unseres eigenen Hauses heraus.\u00a0Politische Aktivit\u00e4ten waren verboten. Die einzige Stimme, die wir abgegeben haben, war f\u00fcr die arabische Version von <em>American Idol<\/em>.<\/p>\n<p>Trotz dieser tiefgreifenden Unterdr\u00fcckung wagten einige die Hoffnung auf Ver\u00e4nderung. Diese Hoffnung wurde im Jahr 2000 geweckt, als Bashar al-Assad, ein junger Arzt aus dem Vereinigten K\u00f6nigreich, die Pr\u00e4sidentschaft von seinem Vater \u00fcbernahm und den Syrern und Syrerinnen mehr politische Freiheit versprach.\u00a0Die Menschen erkl\u00e4rten optimistisch einen \u00abDamaszener Fr\u00fchling\u00bb. Ihre Hoffnungen waren jedoch falsch, und der neue Pr\u00e4sident stellte sich als genau wie sein Vater heraus. Im Jahr 2003 wurden Dr. Kamal al-Labwani und zw\u00f6lf weitere politische und Menschenrechtsaktivisten wegen der Teilnahme an einem Treffen der Opposition in Damaskus festgenommen.\u00a0Sie wurden geschlagen, getreten, geohrfeigt, gedem\u00fctigt und des Zugangs zu Medikamenten beraubt. Ein H\u00e4ftling, Riad al-Turk, war 80 Jahre alt und hatte Krebs; er wurde der medizinischen Versorgung beraubt und starb beinahe. Laut einem Bericht von Human Rights Watch waren die Aktivisten gezwungen, Gest\u00e4ndnisse zu unterzeichnen, in denen sie erkl\u00e4rten, dass sie Geld aus dem Ausland genommen h\u00e4tten, um den Kurden bei der Erlangung der Unabh\u00e4ngigkeit zu helfen.<\/p>\n<p>Sechs Jahre sp\u00e4ter, im Jahr 2009, wurden derartige Vorw\u00fcrfe im syrischen Staatsfernsehen wiederholt, begleitet von einem Bild einer 18-j\u00e4hrigen Bloggerin namens Tal al-Mallohi.<\/p>\n<p>In ihrem Blog beschrieb al-Mallohi ihre Vision des Landes, was ihr an der Kultur nicht gefiel und wie begeistert sie war, aufzuwachsen und etwas zu ver\u00e4ndern. Ihre Blog-Posts waren kaum Werke der feuerspeienden Militanz. Die syrische Regierung jedoch sah dies anders. Der syrische Au\u00dfenminister behauptete, dass sie gezwungen wurde, als Spionin f\u00fcr Israel zu arbeiten, nachdem sie sie mit Sexfilmen erpresst hatte. Sie war die j\u00fcngste von vielen, die festgehalten wurden, weil sie ihre Meinung gesagt hatten.\u00a0Und die Leute wussten, dass, wenn sie die Darstellung der Regierung um ihren Fall herum in Frage stellten, sie das gleiche Schicksal erleiden w\u00fcrden. Al-Mallohi wurde zu f\u00fcnf Jahren Gef\u00e4ngnis verurteilt, aber zehn Jahre sp\u00e4ter ist sie immer noch hinter Gittern.<\/p>\n<p><strong>Ein doppelter Fr\u00fchling<\/strong><\/p>\n<p>Ende 2010, als der arabische Fr\u00fchling zuerst durch Tunesien und dann durch \u00c4gypten fegte, sahen die Syrer und Syrerinnen Nachrichtenberichte, die in panarabischen Fernsehsendern wie Al Arabiya und Al Jazeera ausgestrahlt wurden; diese zeigten einfache Menschen, wie sie auf die Stra\u00dfe gingen und Diktaturen st\u00fcrzten. Au\u00dferhalb der H\u00f6rweite des Regimes begannen sich die Syrer und Syrerinnen zu fragen, ob dies in ihrem eigenen Land ebenfalls m\u00f6glich sein k\u00f6nnte. Viele hielten dies angesichts der einzigartigen repressiven Kr\u00e4fte des syrischen Regimes f\u00fcr unm\u00f6glich, aber, wie sich herausstellt, lagen sie falsch. Die Winde des Wandels erreichten Syrien im M\u00e4rz 2011.<\/p>\n<p>Die genauen Urspr\u00fcnge der syrischen Revolution sind stark umstritten, wobei einige davon auf den 15. M\u00e4rz und andere auf den 18. M\u00e4rz datieren.<\/p>\n<p>Am 15. M\u00e4rz organisierte eine Gruppe von dreizehn Intellektuellen einen kleinen Protest auf dem Altstadtmarkt von Damaskus. \u00abGott, Syrien, Freiheit\u00bb, sangen sie und ersetzten im offiziellen Gesang \u00abGott, Syrien, Bashar\u00bb \u00abBashar\u00bb durch \u00abFreiheit\u00bb. F\u00fcr die Regierung war diese \u00c4nderung der Formulierung ein Aufruf zum Aufstand, und die Intellektuellen wurden sofort festgenommen.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich, dass ich in einem Caf\u00e9 in Lattakia sa\u00df und erschrak, als ich auf den Link zum Video dieses Protestes klickte. Ich wusste, dass das blo\u00dfe Beobachten zu meiner Inhaftierung f\u00fchren k\u00f6nnte, also setzte ich meine Kopfh\u00f6rer auf und \u00f6ffnete das Video hinter einem VPN oder virtuellen privaten Netzwerk, was es dem Regime unm\u00f6glich machte, mich \u00fcber die IP-Adresse meines Computers aufzufinden.\u00a0Die Anzahl der Aufrufe auf YouTube erreichte schnell hunderttausend in weniger als zwei Stunden. Im Handumdrehen wurde das Video auf Nachrichtensendern wie Al Arabiya und Al Jazeera ausgestrahlt.<\/p>\n<p>War dieses sich schnell ausbreitende Video der Funke, der den syrischen Aufstand in Brand setzte? Viele w\u00fcrden mit Ja antworten, aber w\u00e4hrend dieses Video sich ausbreitete, entwickelten sich n\u00f6rdlich von Damaskus Ereignisse, die f\u00fcr den Aufstand weitaus folgenreicher waren. Zwei Tage vor dem Protest, am 13. M\u00e4rz, wurde eine Gruppe von Sch\u00fclern in der Stadt Daraa, 68 Kilometer s\u00fcdlich von Damaskus, festgehalten, nachdem sie einen Slogan an eine Wand geschrieben hatten, den sie im Fernsehen geh\u00f6rt hatten: \u00abDas Volk fordert den Sturz des Regimes.\u00bb Die Kinder hatten wahrscheinlich keine Ahnung, dass das Schreiben eines solchen Slogans dazu f\u00fchren w\u00fcrde, dass ihre Haut mit Zigaretten angebrannt und ihre N\u00e4gel aus ihren Fingerspitzen gezogen w\u00fcrden. Die Sicherheitskr\u00e4fte folterten sie gnadenlos, um herauszufinden, von wem sie diesen Slogan gelernt hatten, und sorgten ironischerweise daf\u00fcr, dass er bald in aller Munde sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Am 18. M\u00e4rz marschierten die Familien dieser Kinder gemeinsam zum Sicherheitsdienst und forderten die Freilassung ihrer Kinder. Ein Offizier soll einem Vater geantwortet haben: \u00abGeh nach Hause und vergiss, dass du ein Kind hast. Mach einfach noch eines.\u00a0Und wenn du es nicht kannst, schick mir deine Frau. Ich werde den Job f\u00fcr dich erledigen.\u00bb Das war der Anfang. Daraa ist eine kleine Stadt im Vergleich zu Damaskus und Aleppo, in der haupts\u00e4chlich zwei Volksgruppen leben. Die Beziehungen zwischen den Bewohnern sind eng miteinander verwoben: Jeder kennt jeden, und jeder ist mit jedem anderen verwandt. In solchen Gemeinschaften ist die Frau eines Mannes seine Ehre, und es ist unwahrscheinlich, dass die Verletzung der Ehre eines Mannes ignoriert wird.\u00a0So war es nicht verwunderlich, dass die ganze Stadt gegen die Sicherheitskr\u00e4fte auf die Stra\u00dfe ging, die die Kinder festgehalten und gefoltert und dann ihre Familien beleidigt hatten.<\/p>\n<p>Am 19. M\u00e4rz marschierten Hunderttausende in Daraa auf und riefen w\u00fctend \u00abwir wollen Gerechtigkeit\u00bb, forderten die sofortige Freilassung der Kinder und fluchten den Mohafez (Gouverneur). Kurz nach Beginn des Protestes erschienen Sicherheitskr\u00e4fte. Sie schossen scharfe Munition in die Menge und t\u00f6teten vier Menschen. Wie bei den Protesttagen zuvor in Damaskus wurde das Video der Vorkommnisse ver\u00f6ffentlicht. Einige der Demonstranten hatten diese Morde mit ihren Handys gefilmt und die Szenen auf Facebook und YouTube hochgeladen. Stunden sp\u00e4ter beobachtete das ganze Land die Morde, \u00fcber die schnell in ausl\u00e4ndischen und panarabischen Fernsehsendern berichtet wurden.<\/p>\n<p>Innerhalb weniger Tage entstanden \u00fcber ganz Syrien Proteste. Tausende marschierten und sangen f\u00fcr Daraa. Diese ersten Ges\u00e4nge forderten weder einen Regimewechsel noch die Entfernung von Bashar al-Assad. Sie riefen auch nicht nach Brot, wie in \u00c4gypten. Die Forderungen waren jedoch klar und spezifisch: Die Demonstranten wollten die Freilassung der Kinder, den R\u00fccktritt des Gouverneurs von Daraa und die dass die Verantwortlichen f\u00fcr die Ermordung der Demonstranten in Daraa zur Verantwortung gezogen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Die Sicherheitskr\u00e4fte in den St\u00e4dten im ganzen Land kopierten das Vorgehen von Daraa und feuerten scharfe Munition auf Demonstranten in gro\u00dfen und kleinen St\u00e4dten ab. In den ersten Tagen wurden Dutzende von Menschen get\u00f6tet. Am Ende der ersten Woche hatten sich die Slogans ge\u00e4ndert. Nun forderte das Volk, das den mutigen Schulkindern folgte, den Sturz des Regimes.<\/p>\n<p>Viele Beobachter und Teilnehmer, auch ich selbst, argumentierten hinter verschlossenen T\u00fcren und auf Social Media Plattformen, dass die Aufst\u00e4nde an Dynamik verloren h\u00e4tten, wenn der Pr\u00e4sident den Gouverneur von Daraa ersetzt und die ermordenden Polizisten zur Rechenschaft gezogen h\u00e4tte. Aber Assad der J\u00fcngere folgte dem Diktum von Assad dem \u00c4lteren: T\u00f6te sie einfach alle. Dieser Ansatz sch\u00fcttete Benzin in das Feuer, die Brutalit\u00e4t der Polizei schwoll mit den immer gr\u00f6\u00dferen und gef\u00e4hrlicher werdenden Protesten an. Jeden Tag gab es eine Beerdigung f\u00fcr einen Demonstranten, der am Tag zuvor get\u00f6tet wurde. Die Beerdigung wurde zu einem Protest, und die Sargtr\u00e4ger befanden sich am n\u00e4chsten Tag im Sarg, umgeben von einer noch w\u00fctenderen Menge. Die Menschen w\u00fcrden an Beerdigungen teilnehmen, ohne zu wissen, wer get\u00f6tet worden war &#8211; ihr Hauptziel war der Protest selbst.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend dieser Zeit nutzten Aktivisten Skype, um Proteste zu koordinieren. Da sich die meisten Organisatoren vor der syrischen Regierung versteckten, die \u00fcberall Kontrollpunkte eingerichtet hatte, war es f\u00fcr sie \u00e4u\u00dferst schwierig, sich physisch an einem Ort zu treffen. Jede Stadt hatte ihre eigene Skype-Gruppe, und die Organisatoren wurden von jemandem hinzugef\u00fcgt, der ihnen vertraute. Wir haben haupts\u00e4chlich Spitznamen verwendet. Meiner war \u00abLoubana al Ali\u00bb. Die Gruppen befassten sich mit allem: Nachrichten, Benachrichtigungen, wenn sich eine Polizeistreife dem Gebiet n\u00e4herte, Videoclips von Protesten.<\/p>\n<p>Die meisten dieser Videos wurden von Leuten aufgenommen, die nur Handys hatten, und markierten Datum und Ort des Vorfalls, indem sie dies \u00fcber das Filmmaterial schrien.\u00a0Diejenigen hinter den Handys w\u00fcrden von den Nachrichtenagenturen als \u00abMedienaktivisten\u00bb bezeichnet werden, obwohl sie Demonstranten ohne Medientraining und ohne besondere F\u00e4higkeiten abgesehen von einem funktionierenden Handy und einer guten Internetverbindung zu Hause waren. Da Journalisten die Einreise in das Land verboten war, waren diese Amateure f\u00fcr die Au\u00dfenwelt die einzige Quelle f\u00fcr Nachrichten \u00fcber Syrien.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend dieser Proteste konnten die Menschen trotz massiver Anh\u00e4ngerzahlen die Pl\u00e4tze nicht erfolgreich besetzen, wie es in \u00c4gypten und Libyen geschehen war. (Hama zum Beispiel hatte eine Beteiligung von mehr als einer halben Million Menschen f\u00fcr einen Protest.) Die Leute versuchten, den Tahrir-Modus zu kopieren \u2013 mit tragischen Folgen. Zwei Beispiele sind eine Besetzung in Homs und eine weitere in meiner Heimatstadt Lattakia. In Homs war das Ziel der versuchten Besetzung ein ber\u00fchmter Platz namens The Clock. Nach dem Abendgebet versammelten sich die Menschen und blieben dort. Bis Mitternacht hatten sich fast zweihunderttausend Menschen versammelt. Die Versammlung dauerte jedoch nicht lange, und am Ende der Nacht waren fast hundert Demonstranten tot.\u00a0In Lattakia geschah das Gleiche: Demonstranten wurden erschossen und danach kamen Feuerwehrleute, um ihr Blut von der Stra\u00dfe zu waschen. Dennoch verweilte der Geruch von Blut tagelang. Wir alle wussten, was passiert war, aber niemand konnte etwas sagen; wir liefen schnell durch die Nachbarschaft, in der das Massaker geschah, und taten so, als w\u00fcssten wir nichts.<\/p>\n<p>Nicht nur die Demonstranten sahen sich brutaler Unterdr\u00fcckung auf den Stra\u00dfen gegen\u00fcber, sondern auch die Gruppen, die sie organisierten, waren st\u00e4ndig in Gefahr.\u00a0Regierungsinformatiker waren \u00fcberall, und das Regime hielt alle fest, von denen es vermutete, dass sie mit einem lokalen Koordinierungsrat (LCC) assoziiert waren. H\u00e4ftlinge wurden gefoltert, bis sie die Namen aller ihrer Komplizinnen und Komplizen preisgegeben hatten \u2013 daher die Wichtigkeit von Spitznamen. Spitznamen wurden nicht benutzt, weil wir uns gegenseitig misstraut haben, sondern weil niemand wei\u00df, was man sich verhalten w\u00fcrde, wenn man gefoltert w\u00fcrde. Das Regime t\u00f6tete jedoch Menschen, unabh\u00e4ngig davon, ob sie Informationen gaben oder nicht, und nur die Gl\u00fccklichen schafften es lebend heraus.<\/p>\n<p>Rami, ein Freund, der eine Facebook-Seite gr\u00fcndete, die t\u00e4gliche Updates \u00fcber Kontrollpunkte ver\u00f6ffentlichte, wurde im Januar 2012 festgenommen. Eine Woche sp\u00e4ter wurde seine Leiche an seine Familie \u00fcbergegeben: Nicht nur seine N\u00e4gel waren abgerissen, auch seine Finger waren weg. Als wir seine Mutter besuchten, erz\u00e4hlte sie uns, dass seine Wimpern durch Zigaretten verbrannt waren. Um seinen K\u00f6rper nach Hause zu bringen, sagte sie, sie habe ein Dokument unterzeichnet, aus dem hervorgeht, dass ihr Sohn von \u00abTerroristen\u00bb get\u00f6tet wurde. Hunderte von Aktivisten trafen ein \u00e4hnliches Schicksal wie Rami&#8217;s. Selbst wenn jemand nicht an einem Protest teilgenommen hat, konnten die Sicherheitskr\u00e4fte jemanden festhalten, nur weil er aus einem Rebellendorf kommt. Jeder war ein Verd\u00e4chtiger. Dass die Menschen beschlossen, sich zu bewaffnen und angesichts einer solchen Unterdr\u00fcckung zur\u00fcckzuschlagen, \u00fcberraschte deshalb niemanden.<\/p>\n<p><strong>Die schweigende Mehrheit<\/strong><\/p>\n<p>Der Gedanke liegt nahe, dass nach all diesem Schrecken das ganze Land gegen die Regierung sein w\u00fcrde und Sympathie f\u00fcr diejenigen hegten, die Gerechtigkeit, Reform und W\u00fcrde fordern. Aber in der Tat hat sich die Mehrheit des Landes dem Aufstand nicht angeschlossen. Diese schweigende Mehrheit bestand aus drei groben Kategorien: den Hardlinern, der Bourgeoisie und den Unentschlossenen. Hardliner wussten genau, was geschah und unterst\u00fctzten das unmissverst\u00e4ndlich. Ohne Assad, so glaubten sie, g\u00e4be es kein Land. Die Bourgeoisie k\u00fcmmerte sich im Gegensatz zu den Hardlinern nur um die Sicherheit ihrer eigenen Familien und Unternehmen. Sie weigerten sich, eine Seite zu w\u00e4hlen. Die Menschen dieser Kategorie waren die ersten, die das Land verlie\u00dfen.\u00a0Und die Unentschlossenen konnten schlie\u00dflich nicht erkennen, was los war. Viele Mitglieder dieser Gruppe haben sich jedoch recht schnell entschieden und sich den Hardlinern angeschlossen. Diese Positionierung als Gegner des Aufstands wurde vor allem durch die im staatlichen Fernsehen verbreitete Medienerz\u00e4hlung sowie durch die Militarisierung des Konflikts erreicht.<\/p>\n<p>Zuerst ignorierte das syrische Staatsfernsehen die Demonstrationen. Das \u00fcbliche Programm aus Seifenopern, Kochshows und Tierdokumentationen wurde nie durch entsprechende Nachrichten unterbrochen. Zuschauer, die syrisches Fernsehen in anderen L\u00e4ndern sahen, hatten keine Ahnung, dass der arabische Fr\u00fchling in Syrien angekommen war. Das Regime konnte den Aufstand jedoch nicht lange ignorieren. Diejenigen, die in hei\u00dfen Zonen wie Homs und Lattakia lebten, beschwerten sich in sozialen Medien, dass sie libanesische und katarische Sender wie Al Jazeera, Al Arabiya und LBC (Lebanese Broadcasting Corporation) sehen mussten, um zu wissen, was geschah.<\/p>\n<p>Am 22. M\u00e4rz lief im syrischen Staatsfernsehen ein Clip von einem Protest in Al-Midan, einem Stadtteil in Damaskus. Der Nachrichtensprecher sagte, dass sie Gott f\u00fcr den Regen dankten und nicht protestierten. Sp\u00e4ter boten die Nachrichtenprogramme Verschw\u00f6rungstheorien an, die oft Katar betrafen. Ein weiterer Clip wurde ausgestrahlt, aber der Moderator behauptete, dass es sich um gef\u00e4lschtes Material handle, das in Katar gedreht wurde. Andere Programme gaben an, dass Katar Geld, Milit\u00e4rberater und Drogen ins Land geschickt habe, um Chaos zu verursachen. Der syrische Staatsfernseher strahlte ein Gest\u00e4ndnis eines Terroristen aus: Jemand, der geistig instabil zu sein schien, gestand, von Katar bezahlt worden zu sein, um auf Polizeikr\u00e4fte zu schie\u00dfen.<\/p>\n<p>Die Leute glaubten es. In Jableh, meiner Heimatstadt, waren die Menschen von diesen gef\u00e4lschten Berichten \u00fcberzeugt, erschrocken ob der Kampagne der Desinformation. Diejenigen, die von der Verschw\u00f6rung \u00fcberzeugt waren, begannen auf den Stra\u00dfen zu patrouillieren und baten uns, unsere T\u00fcren zu schlie\u00dfen. \u00abDie Salafisten kommen, um uns zu entf\u00fchren\u00bb, behaupteten sie.\u00a0Das syrische Fernsehen bezeichnete das, was im Land geschah, als Aufstand gegen eine s\u00e4kulare Regierung. Alles wurde so gestaltet, dass es um Islamisten ging. \u00abNach mir die Sintflut\u00bb, h\u00e4tte Assad sagen k\u00f6nnen, und viele glaubten, dass sie sich zwischen islamistischem Chaos und der Regierung von Assad entscheiden m\u00fcssten.\u00a0Pro-Revolution\u00e4re fanden heraus, dass sie nicht nur Kugeln ausweichen und der Inhaftierung entgehen mussten, sondern auch eine ebenso t\u00f6dliche Staatspropaganda in Social Media und auf der Stra\u00dfe bek\u00e4mpfen mussten.\u00a0Es dauerte jedoch nicht lange, bis die Version des Regimes Wirklichkeit wurde. Obwohl die Beteiligung der Salafisten am Anfang gering war, wuchs sie schnell an.<\/p>\n<p><strong>B\u00fcrgerkrieg<\/strong><\/p>\n<p>Der Milit\u00e4rfl\u00fcgel des Aufstandes, die Free Syrian Army (FSA), bildete sich erst im Juli, aber der Aufstand war bereits vor ihrer Gr\u00fcndung militarisiert worden. Der erste Vorfall der bewaffneten Selbstverteidigung ereignete sich in einem kleinen Dorf an der t\u00fcrkischen Grenze in der Provinz Idlib, Jisr al-Shughur.<\/p>\n<p>Am 4. Juni wurden 120 Regierungssoldaten in Jisr al-Shughur get\u00f6tet. Zwei Tage sp\u00e4ter gab die Regierung im staatlichen Fernsehen die Nachricht von ihrem Tod bekannt und \u00fcbertrug die Beerdigung der Soldaten live. Der Fernsehbericht behauptete, dass die Soldaten in ihrer Basis waren, als eine Gruppe von Terroristen sie angriff. Lokale Aktivisten lehnten diesen Bericht ab und sagten, dass die Soldaten zur Beerdigung eines am Vortag get\u00f6teten jungen Mannes erschienen seien, einer Beerdigung, die nach dem neuen Brauch zu einem massiven Protest geworden sei. Mehr als f\u00fcnfzehntausend gingen an diesem Tag auf die Stra\u00dfe. Aktivisten behaupteten, dass, als die Soldaten bereit waren, auf den Protest zu schie\u00dfen, jemand zuerst auf sie geschossen habe.<\/p>\n<p>Das war allerdings nur eine Darstellung dar\u00fcber, wer die Soldaten get\u00f6tet hatte. Einige hatten die Version, dass die Soldaten von anderen Soldaten get\u00f6tet wurden, die sich weigerten, unschuldige Menschen zu massakrieren. Dabei muss festgehalten werden, dass es in den St\u00e4dten an der Grenze viele Waffen gibt. Jedes Haus hat eine Waffe. Was auch immer in Wahrheit geschah, dieser Vorfall hat ein neues Kapitel im Aufstand aufgeschlagen, mit zwei wichtigen Konsequenzen. Erstens sahen viele Syrer und Syrerinnen die Namen der toten Soldaten als Best\u00e4tigung der Regierungserz\u00e4hlung, was viele unentschlossene Syrer und Syrerinnen auf die Seite des Regimes brachte.\u00a0Zweitens schufen diese Ereignisse eine Spaltung innerhalb von Aktivistenkreisen, da Teile der Bewegung Positionen f\u00fcr und gegen den Einsatz von Waffen einnahmen.<\/p>\n<p>Viele Aktivisten und Aktivistinnen, die in den letzten drei Monaten friedlich protestiert hatten, unterst\u00fctzten mit Begeisterung die Idee der bewaffneten Selbstverteidigung. Sie waren der Meinung, dass durch den Einsatz von Gewalt endlich Gerechtigkeit f\u00fcr die von der Polizei Get\u00f6teten geschaffen w\u00fcrde. Andere Aktivisten argumentierten, dass bewaffnete Selbstverteidigung der Anfang vom Ende der Revolution sei, und dass das durch Waffen eingeleitete Chaos die syrische Regierung letztendlich st\u00e4rken w\u00fcrde. Aber die Gewalt des Regimes \u00fcberw\u00e4ltigte die meisten abstrakten strategischen Ideale. Gegenwehr zu leisten war eine Frage des \u00dcberlebens.<\/p>\n<p>Am 9. Juli, Tage nach dem Vorfall in Jisr al-Shughur, wurde online ein Video \u00fcber einen Oberstleutnant der Armee namens Hussein Harmoush verbreitet. Darin verk\u00fcndete er seinen \u00dcbertritt von der syrischen Armee aufgrund des Massakers, das er bei Jisr al-Shughur gesehen hatte. Einige Journalisten schlugen vor, dass Harmoush f\u00fcr den Widerstand in Jisr al-Shughur verantwortlich sei, dass er der erste Armeesoldat sei, der Demonstranten sch\u00fctzte und auf Regierungskr\u00e4fte feuerte. Danach wurde er zur Ikone f\u00fcr Soldaten, die \u00fcberlaufen wollten. Sein \u00dcberlaufen gab vielen das Gef\u00fchl, dass es f\u00fcr die syrische Armee nicht zu sp\u00e4t war, sich dem Aufstand anzuschlie\u00dfen, wie es mit der \u00e4gyptischen Armee und der \u00e4gyptischen Revolution geschehen war. Viele Soldaten folgten Harmouschs F\u00fchrung und liefen mit identischen Videos zur FSA \u00fcber. Sie hielten ihren Milit\u00e4rausweis in der Hand und starrten direkt in die Kamera: \u00abIch \u00fcbergebe mich von der brutalen syrischen Armee. Wir dienen nicht dem Land. Wir helfen einer Person, an der Macht zu bleiben. Ich weigere mich, auf friedliche Proteste zu schie\u00dfen, deshalb lauf ich \u00fcber, um mich dem syrischen Aufstand anzuschlie\u00dfen.\u00bb<\/p>\n<p>Als die Soldaten \u00fcberliefen, brachten sie ihre Munition und Waffen mit und schlossen sich kleinen Gruppen anderer \u00dcberl\u00e4ufer an, die in ihren Heimatst\u00e4dten gebildet wurden. Diese Gruppen brachten Menschen mit unterschiedlichem religi\u00f6sen Hintergrund und unterschiedlichen Lebensbereichen zusammen, von \u00c4rzten bis hin zu Bauarbeitern, die an das Recht auf Selbstverteidigung glaubten.\u00a0Obwohl sie unterschiedliche Ideologien und Visionen f\u00fcr die Zukunft des Landes hatten, waren sie sich einig in dem Glauben, dass ein friedlicher Aufstand die Brutalit\u00e4t des Regimes nie \u00fcberwinden konnte.<\/p>\n<p>Zwischen Juli und November 2011 bestand die Hauptaufgabe der bewaffneten Rebellen darin, die Manifestierenden vor Regierungsangriffen zu sch\u00fctzen. Rebellengruppen, die sowohl Armee-\u00dcberl\u00e4ufer als auch bewaffnete Zivilisten umfassten, wurden durch den gr\u00f6ssten Teil des syrischen Aufstandes hochgehalten. Demonstranten und Demonstrantinnen sangen und sangen f\u00fcr die bewaffneten Rebellen. Sie f\u00fchlten sich durch sie gesch\u00fctzt. Viele Aktivisten und Aktivistinnen unterst\u00fctzten den bewaffneten Widerstand ohne Einschr\u00e4nkung und z\u00f6gerten, an Protesten teilzunehmen, die nicht von bewaffneten Rebellengruppen gesch\u00fctzt waren, aus Angst vor der Brutalit\u00e4t des Regimes. Unterdessen \u00f6ffnete die T\u00fcrkei ihre Grenzen, und Tausende syrischer Fl\u00fcchtlinge flohen nach Norden, um der Gewalt zu entkommen, die ihnen zugef\u00fcgt wurde. Unter diesen Fl\u00fcchtlingen befanden sich auch \u00dcberl\u00e4ufer der Armee, die mit ihren Familien in die T\u00fcrkei flohen. In Grenzst\u00e4dten wie Hatay trafen sich F\u00fchrer der Bataillone dieser \u00dcberl\u00e4ufer und organisierten sich in Sicherheit vor der Assad-Regierung. Im Laufe der Zeit konnten sie sich in der T\u00fcrkei organisieren und nach Syrien einreisen, um das Regime anzugreifen. So entstanden entlang der t\u00fcrkischen Grenzen die ersten rebellischen Gebiete.<\/p>\n<p>Am 27. Oktober fand das erste offizielle Treffen der \u00dcberl\u00e4ufer der Armee in der T\u00fcrkei statt. Oberst Riad al-Asaad erkl\u00e4rte in einer schriftlichen Erkl\u00e4rung, dass sie auf materielle Unterst\u00fctzung hofften, um die Regierung zu st\u00fcrzen. \u00abWir bitten die internationale Gemeinschaft, uns Waffen zur Verf\u00fcgung zu stellen, damit wir als Armee, die Free Syrian Army, das syrische Volk sch\u00fctzen k\u00f6nnen\u00bb, sagte er. \u00abWenn die internationale Gemeinschaft Waffen liefert, k\u00f6nnen wir das Regime in sehr, sehr kurzer Zeit st\u00fcrzen.\u00bb Dies war die erste \u00f6ffentliche Bitte der syrischen Rebellen. Es wurde schnell von Menschenrechtsaktivisten wie Rami Abdul Rahman, dem Leiter des britischen syrischen Observatoriums f\u00fcr Menschenrechte, kritisiert, der bemerkte: \u00abDie frei-syrische Armee gibt den Menschen falsche Hoffnung, dass sie die n\u00f6tige Kraft h\u00e4tten, das Regime zu st\u00fcrzen&#8230;..\u00bb. Man muss bedenken, dass die formelle syrische Armee aus mehr als f\u00fcnfhunderttausend Soldaten besteht, ganz zu schweigen von den Hunderten von regierungsfreundlichen Shabeeha [Schl\u00e4gern]. Wetten auf die F\u00e4higkeit der Freien Syrischen Armee, Assad zu st\u00fcrzen, sind also eine Verlustwette.\u00bb<\/p>\n<p>Obwohl die T\u00fcrkei nicht zugab, die FSA milit\u00e4risch zu unterst\u00fctzen, bot sie offen Zuflucht f\u00fcr Armee-\u00dcberl\u00e4ufer und einen sicheren Ort, an dem sich Rebellenkommandanten mit ihren Spendern treffen konnten. Wie ein FSA-Mitglied sagte: \u00abDie T\u00fcrkei gab uns die Freiheit, uns zu bewegen.\u00bb Dar\u00fcber hinaus wurde die T\u00fcrkei zu einem wichtigen Kanal f\u00fcr Finanzstr\u00f6me aus L\u00e4ndern wie Saudi-Arabien und Katar. Trotz ideologischer Meinungsverschiedenheiten mit saudi-arabischen oder katarischen Regierungsmodellen ben\u00f6tigten syrische Rebellen dringend materielle Unterst\u00fctzung. So wie sie es sahen, hatten sie keine andere Wahl, als Geld und Waffen aus diesen L\u00e4ndern zu nehmen.<\/p>\n<p>Bis Mitte 2012 konnte die FSA die Kontrolle \u00fcber einige wichtige D\u00f6rfer in Idlib, im Osten Aleppos und in weiten Teilen der umliegenden Landschaft erlangen. Anstatt einfach nur Proteste zu sch\u00fctzen, wie sie es zuvor getan hatte, ging die FSA nun in die Offensive, brachte den Kampf zum Regime und in etablierte rebellische Gebiete. Diese Gebiete wurden zu sicheren Zufluchtsorten f\u00fcr diejenigen, die sich dem Regime widersetzten. Internationale NGOs, wie das International Media Corps (IMC), haben B\u00fcros in von Rebellen kontrollierten Gebieten er\u00f6ffnet und finanziert. Die Einwohner hielten Wahlen ab und regierten durch die so genannten Gemeinder\u00e4te (majlis mahali). Medienaktivisten begannen zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder, eigene Zeitungen zu drucken. Die Menschen erlebten, wie es war, einen Artikel zu schreiben, ohne Angst vor Inhaftierung und Verfolgung. Es wehten Banner von Geb\u00e4uden in Rebellengebieten, wie sie \u00fcber Social Media verbreitet wurden, ebenso wie sich umgekehrt die virtuellen Skype-Gruppen in reale, physische R\u00e4ume materialisierten. In Aleppo \u00f6ffneten und leiteten Medienaktivisten das Aleppo Media Center. Medienzentren in rebellischen Gebieten waren h\u00e4ufig in den Wohnungen von Menschen untergebracht, die vor dem Chaos geflohen oder get\u00f6tet worden waren. Es gab oft nichts in ihnen au\u00dfer Satelliten-Internet, Sofas und Sands\u00e4cke an den Fenstern, um sich vor Regierungssch\u00fctzen zu sch\u00fctzen. Diese kleinen Zentren wurden zur Quelle der meisten Nachrichten aus Syrien.<\/p>\n<p>Die t\u00fcrkischen Grenzen waren mehr oder weniger verschwunden. Anfang 2013 war es einfacher, \u00fcber die Schmuggelrouten ins Land einzureisen, als durch die Passkontrolle zu gehen. Journalisten und Freiberufler aus aller Welt landeten in der T\u00fcrkei und \u00fcberquerten die Grenze zu Syrien, wo die Rebellen sie begr\u00fc\u00dften und ihnen Schutz boten. Die Rebellen suchten ebenso verzweifelt nach Medienaufmerksamkeit wie nach materieller Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>Doch nicht nur Journalisten und Helfer nutzten die offenen Grenzen. W\u00e4hrend dieser Zeit str\u00f6mten mehr als zw\u00f6lftausend ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer nach Syrien. Wenn Sie 2013 einen t\u00fcrkischen Flughafen passiert h\u00e4tten, h\u00e4tten Sie viele dieser K\u00e4mpfer in den Gep\u00e4ckausgabestellen und Terminals von Grenzflugh\u00e4fen bemerkt; sie trugen gro\u00dfe B\u00e4rte und trugen gro\u00dfe Rucks\u00e4cke. Viele Syrer waren sich bewusst, dass offene Grenzen eine Gefahr f\u00fcr den Konflikt darstellen, aber niemand von der Opposition konnte ein Wort sagen. Geschlossene Grenzen f\u00fcr ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer bedeuteten geschlossene Grenzen f\u00fcr alle anderen. Die T\u00fcrkei war f\u00fcr die Rebellen der einzige Weg hinein oder heraus.<\/p>\n<p>Das Ganze beruht auf expliziten Gegenleistungen. Die T\u00fcrkei wollte Verb\u00fcndete in Syrien, um ihre Grenzen vor den Kurden zu sch\u00fctzen, die sie seit 1978 bek\u00e4mpft hatte. Und radikale Dschihadisten erwiesen sich angesichts ihrer Erfahrung in anderen Konflikten als die beste antikurdische Option. Im Herbst 2013 war Ahrar al-Sham, eine von der T\u00fcrkei unterst\u00fctzte bewaffnete Salafi-Gruppe, die Hauptkraft, die die YPG und andere kurdische Gruppen in St\u00e4dten entlang der t\u00fcrkischen Grenze bek\u00e4mpfte. Aber die Dschihadisten waren nicht nur t\u00fcrkische Verb\u00fcndete. Sie koordinierten sich mit anderen Rebellengruppen und \u00fcbernahmen schlie\u00dflich die befreiten Gebiete.<\/p>\n<p>Viele Aktivisten, Aktivistinnen und Rebellenkommandanten k\u00e4mpften gegen diese Salafi-Gruppen, und Hunderte von Aktivisten in den von Rebellen besetzten Gebieten wurden sp\u00e4ter von Gruppen wie dem Al-Qaida-Mitglied Jaysh al-Islam festgehalten und get\u00f6tet. Andere Rebellengruppierungen begr\u00fc\u00dften jedoch die Salafisten als Verb\u00fcndete. Die Al-Qaeda-Mitglieder waren nicht einfach da, sondern wuchsen, indem sie die massive Unzufriedenheit im Zusammenhang mit der Repression der Regierung ausnutzten und weitere \u00f6ffentliche Unterst\u00fctzung erhielten, weil sie wirkliche K\u00e4mpfer waren. Der islamische Staat hatte im Gegensatz zu anderen Dschihad-Gruppen eine eigene Front im Osten und war nicht auf Allianzen angewiesen.<\/p>\n<p>In den Hochburgen der Rebellion im Westen hatten die Al-Kaida-Verb\u00fcndeten aus mehreren Gr\u00fcnden den gr\u00f6\u00dften milit\u00e4rischen Erfolg. Sie waren die erfahrensten Einheiten vor Ort, wobei die Mehrheit ihrer Mitglieder \u00fcber Kampferfahrung im Irak, Afghanistan oder Tschetschenien verf\u00fcgte. In ihrem Kampf gegen Assads russisch unterst\u00fctzte Verb\u00fcndete und schiitische Milizen, wie die Hisbollah, brauchten syrische Rebellengruppen diejenige Erfahrung im Guerillakampf, die die Al-Qaida-Front bieten konnte. Die hochdisziplinierten, an den Kampf in unwegsamem Gel\u00e4nde gew\u00f6hnten Salafi-Einheiten waren ihren syrischen Rebellenkollegen andauernd \u00fcberlegen. Insbesondere K\u00e4mpfer aus Tschetschenien waren aufgrund ihrer Erfahrungen mit der russischen Milit\u00e4rtechnologie sehr effektiv im Kampf gegen die von Russland unterst\u00fctzten Verb\u00fcndeten.<\/p>\n<p>Als Folge ihrer Ineffektivit\u00e4t auf dem Feld begann die FSA, die \u00f6ffentliche Unterst\u00fctzung sowohl von K\u00e4mpfern als auch von Einheimischen in den von ihnen kontrollierten D\u00f6rfern zu verlieren. Die Menschen waren frustriert \u00fcber die Unf\u00e4higkeit der FSA, Recht und Ordnung wiederherzustellen, und in aufst\u00e4ndischen St\u00e4dten kam es zu zivilen Protesten gegen die Korruption von Mitgliedern der FSA. W\u00e4hrend dieser Zeit sammelten viele Rebellen Geld, indem sie Zivilisten an Kontrollpunkten mit Geldstrafen belegten. Hasan Jazara, ein ber\u00fchmter F\u00fchrer im \u00f6stlichen Aleppo w\u00e4hrend meiner Zeit dort, f\u00fchrte eine kleine Brigade, um H\u00e4user, Gesch\u00e4fte und Fabriken zu pl\u00fcndern. Dutzende von Fabriken im Osten Aleppos wurden gepl\u00fcndert und ihre Waren in der T\u00fcrkei verkauft.<\/p>\n<p>Es gab keine Rechtsmittel f\u00fcr Missbr\u00e4uche seitens der FSA. Ohne eine klare F\u00fchrung innerhalb der Rebellengruppen war es unm\u00f6glich, Rebellen zur Verantwortung zu ziehen, und die Bewohner und Bewohnerinnen waren von der FSA zunehmend frustriert. Die Kommunalverwaltungen, die f\u00fcr die Schulbildung und die Verteilung von Hilfsg\u00fctern in den Rebellengebieten zust\u00e4ndig waren, hatten wenig Macht und konnten die Korruption nicht bek\u00e4mpfen. Entf\u00fchrung, Diebstahl, Pl\u00fcnderung und Raub waren an Orten wie dem \u00f6stlichen Aleppo weit verbreitet. Als ich dort arbeitete, hatte ich mehr Angst davor, von angeblichen FSA-Gruppen entf\u00fchrt zu werden, als ich es bei Regierungsbombardements war. Unterdessen wurden die Al-Qaeda-Mitglieder von der \u00d6ffentlichkeit als disziplinierter und weniger korrupt angesehen als die FSA und besser in der Lage, Sicherheit zu bieten.<\/p>\n<p>Heute hat das Regime die meisten der von Rebellen besetzten Gebiete zur\u00fcckerobert, und diejenigen, die das Regime nicht zur\u00fcckerobert hat, stehen unter der Kontrolle von Al-Qaida-Verb\u00fcndeten und anderen Salafi-Gruppen. Nach Angaben des Syrian Center for Policy Research, einer unabh\u00e4ngigen syrischen Forschungsorganisation, betrug die Zahl der Todesopfer durch den Konflikt im Februar 2016 470.000. Au\u00dferdem befinden sich noch mehr als 117.000 Menschen in staatlichen Gef\u00e4ngnissen. Unter den bereits erw\u00e4hnten Aktivistinnen und Aktivisten, sei es in den lokalen Koordinierungsr\u00e4ten oder Mediengruppen, befinden sich diejenigen, die nicht vom Regime get\u00f6tet oder inhaftiert wurden, nun im Exil. Viele arbeiten immer noch eng mit internationalen Rechtsanw\u00e4lten zusammen, um Gerechtigkeit f\u00fcr die Get\u00f6teten zu schaffen und die Freiheit f\u00fcr die noch Inhaftierten zu sichern. In den meisten F\u00e4llen verfielen \u00fcberlebende Aktivistinnen und Aktivisten in eine tiefe Depression, indem sie aus der Ferne zusahen, wie St\u00e4dte und D\u00f6rfer, die einst von den Rebellen kontrolliert wurden, wieder unter staatliche Kontrolle gerieten. Die Metallstatuen von Hafez al-Assad wurden auf den gleichen Pl\u00e4tzen wieder aufgebaut, auf denen sich die Demonstranten 2011 versammelten. Und, wo einst das Anti-Regime-Graffiti von mutigen Schulkindern in Daraa vielleicht die Revolution ausl\u00f6ste, zeigte ein k\u00fcrzlich erschienenes Video Kinder auf dem Schulhof, die dort f\u00fcr die Unsterblichkeit des Pr\u00e4sidenten sangen.<\/p>\n<p>Ich lebe seit 2014 im Exil in den Vereinigten Staaten, und die meisten Diskussionen, die ich in den USA \u00fcber den Krieg in Syrien und seine Fl\u00fcchtlingskrise erlebt habe, sind vereinfachte Argumente, die die emanzipatorischen K\u00e4mpfe ignorieren, die diesen letzten Jahren der Trag\u00f6die vorausgingen. Um die Natur des syrischen Konflikts zu verstehen, ist es wichtig, dass wir uns an die ersten Jahre des Aufstands erinnern und durch die Erinnerung an die Ereignisse zwischen 2011 und 2014 den Mythos zerstreuen, dass Syrien immer ein Stellvertreterkrieg oder immer ein Kampf zwischen einer weltlichen Regierung und Dschihadis war. Die Jahre zu ignorieren, die Syrien von einem demokratischen Aufstand zu einem blutigen Stellvertreterkrieg f\u00fchren, bedeutet, die Geschichte r\u00fcckw\u00e4rts zu lesen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/communemag.com\/syria-from-revolution-to-civil-war\/\"><em>communemag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 25. Februar 2019; \u00dcbersetzung durch Redaktion maulwuerfe.ch<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Loubna Mrie. Staatliche Repressionen erzeugen die Militarisierung der Revolution. Und dennoch l\u00e4sst \u00a0die Militarisierung selbst die Konterrevolution heranreifen. 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