{"id":499,"date":"2015-04-30T09:19:30","date_gmt":"2015-04-30T07:19:30","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=499"},"modified":"2015-04-30T09:19:30","modified_gmt":"2015-04-30T07:19:30","slug":"der-kessel-von-aarau-und-das-repressionslabor-fussball-in-der-konkordanzdemokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=499","title":{"rendered":"Der Kessel von Aarau und das Repressionslabor Fussball in der Konkordanzdemokratie"},"content":{"rendered":"<p lang=\"de\"><em>Pascal Claude<\/em>. <strong>Die Sprache passt sich schnell den Begebenheiten an: \u00abAargauer Polizei f\u00fchrt reihenweise mutmassliche FCZ-Fans ab\u00bb, titelte die Onlineausgabe des \u00abTages-Anzeigers\u00bb letzten Samstag, worauf die NZZ am Montag die \u00abmutmasslichen Fans\u00bb nachreichte.<!--more--><\/strong>Was war passiert? Die Kantonspolizei Aargau hatte den Anh\u00e4ngerInnen des FC Z\u00fcrich den Besuch des Ausw\u00e4rtsspiels in Aarau untersagt. Nach Ausschreitungen einiger FCZ-Fans in Basel bef\u00fcrchtete man erneute Missetaten. Der FC Aarau musste deshalb den G\u00e4stesektor geschlossen lassen. Trotzdem reisten rund 300 Z\u00fcrcherInnen an, um ihren Verein vor den Stadiontoren zu unterst\u00fctzen. Sie wurden am Bahnhof und beim Stadion von einem massiven Polizeiaufgebot empfangen und eingekesselt.<\/p>\n<p lang=\"de\"><strong>FDP-Gemeinderat in Haftstrasse<\/strong><\/p>\n<p lang=\"de\">Mit dem versch\u00e4rften Hooligan-Konkordat lockert die Polizei die Aufnahmebedingungen in die Welt der Fussballverbrecher ein weiteres Mal: Wurden einst mutmassliche Schl\u00e4ger, sp\u00e4ter mutmassliche Feuerwerkler und noch sp\u00e4ter mutmassliche Hinderer einer Amtshandlung als \u00abHooligans\u00bb verfolgt, ist nun in letzter Konsequenz und Logik der mutmassliche Fan an der Reihe. Das trifft dann, wie im Fall Aarau, auch Leute wie den erstaunten Opfiker FDP-Gemeinderat und FCZ-Fan Ciri Pante; das liberale Original, das sich f\u00fcr ein versch\u00e4rftes Konkordat einsetzt, landet direkt in der Haftstrasse.<\/p>\n<p lang=\"de\">Die Ausweitung der Kampfzone verwundert nicht. Schliesslich erleben wir gerade \u00abSzenen wie aus einem Krieg\u00bb. So umschreibt inzwischen auch die \u00abNZZ am Sonntag\u00bb, ein paar Seiten hinter den Berichten zu Syrien, ohne erkennbare Scham die Schweizer Fussballwelt. \u00abBis zum ersten Toten\u00bb hiess der Artikel, und er war voller Fehler.<\/p>\n<p lang=\"de\">Doch das spielt keine Rolle mehr. Achtzig Prozent und mehr Zustimmung bei Referendumsabstimmungen zum Konkordat sprechen eine deutliche Sprache: Die Leute haben genug. Sie wollen endlich Taten sehen. Oder doch wenigstens den ersten Toten: \u00abZwei bis drei Scharfsch\u00fctzen, dann ist Ruhe\u00bb, war nach den Ereignissen in Basel in den Kommentaren auf \u00abBlick Online\u00bb zu lesen, \u00abmit Schrotkugeln auf die Chaoten schiessen\u00bb, hiess es beim \u00abTagi\u00bb. Gel\u00f6scht wird so etwas nicht. Man hat ja ein gewisses Verst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p lang=\"de\"><strong>Selbstregulierung als Hypothek<\/strong><\/p>\n<p lang=\"de\">\u00dcber Lautsprecher wurde den eingekesselten FCZ-Fans von der Polizei gedroht: Wer sich jetzt nicht auf den Heimweg begebe, dem drohe eine Anzeige wegen Landfriedensbruch. Die allermeisten blieben. Sie waren der Auffassung, dass in der Schweiz die Bewegungsfreiheit gelte. Kurz darauf wurden sie mit Kabelbindern gefesselt und abgef\u00fchrt.<\/p>\n<p lang=\"de\">Am Montag teilte die Staatsanwaltschaft des Kantons Aargau mit, es w\u00fcrden keine Verfahren er\u00f6ffnet, es habe keine Anzeichen f\u00fcr gewaltt\u00e4tiges Verhalten gegeben. Und der Landfriedensbruch? Im Nachhinein sei man immer gescheiter, l\u00e4sst sich der Aargauer Sicherheitsdirektor Urs Hofmann (SP) zitieren.<\/p>\n<p lang=\"de\">F\u00fcr die Fans wird die Lage ungem\u00fctlich. Sich juristisch gegen die Schikanen und N\u00f6tigungen zu wehren, kostet Zeit und vor allem Geld. Hinzu kommen die Probleme innerhalb der Szene. In die grossen Schweizer Fankurven hat sich seit Jahren kein Polizist oder Security-Mann mehr verirrt: Die Kurven pochen darauf, Probleme intern zu regeln.<\/p>\n<p lang=\"de\">In Z\u00fcrich tritt die S\u00fcdkurve als einheitliche Organisation auf, die sich in seltenen F\u00e4llen \u00fcber Communiqu\u00e9s der Aussenwelt mitteilt. Kommt es, wie in Basel, zu Fackel- und B\u00f6llerw\u00fcrfen aus den Reihen einiger weniger FCZ-Fans, tr\u00e4gt in den Augen der \u00d6ffentlichkeit die S\u00fcdkurve als alleinige Repr\u00e4sentantin der Szene die Verantwortung\u00a0\u2013 und die Schuld.<\/p>\n<p lang=\"de\">Denn darum geht es letztlich: Das Unverst\u00e4ndnis f\u00fcr die Subkultur der Fussballfans ist \u00fcber die Jahre, medial inszeniert und politisch bewirtschaftet, zur grenzenlosen Emp\u00f6rung gegoren. An Fehltritte Einzelner mag niemand mehr glauben, und so werden selbst nach skandal\u00f6sen Polizeieins\u00e4tzen wie am Samstag alle Fans in Sippenhaft genommen: Selber schuld! Auch die Linke l\u00e4sst das Repressionslabor Fussball auff\u00e4llig unger\u00fchrt. Sie ist ja auch schon eine Weile her, die Zeit der mutmasslichen Staatsfeinde.<\/p>\n<p>\u00a0<em>Quelle<\/em>: WoZ vom 30.04.2015<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pascal Claude. 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