{"id":4991,"date":"2019-02-27T09:12:58","date_gmt":"2019-02-27T07:12:58","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4991"},"modified":"2019-02-27T09:12:58","modified_gmt":"2019-02-27T07:12:58","slug":"der-weltweite-kampf-der-lehrerinnen-und-lehrer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4991","title":{"rendered":"Der weltweite Kampf der Lehrerinnen und Lehrer"},"content":{"rendered":"<p><em>Jerry White.<\/em> Auf fast allen Kontinenten stehen die Lehrer ganz vorne im Kampf gegen die Sparpolitik der Regierung und ein Ausma\u00df sozialer Ungleichheit, wie es seit den 1920er Jahren nicht mehr erlebt wurde. Die Lehrer <!--more-->nehmen eine Schl\u00fcsselrolle bei der Wiederbelebung des Klassenkampfes ein, der 2018 weltweit ausgebrochen ist und in den ersten Monaten dieses Jahres an Schwung gewonnen hat.<\/p>\n<p>Dreitausend Lehrer befinden sich derzeit im kalifornischen Oakland im Streik, und das ist nur der j\u00fcngste Ausstand in einer Reihe von Lehrerstreiks in den Vereinigten Staaten, an denen sich in den letzten acht Wochen insgesamt 71.000 Lehrerinnen und Lehrer beteiligt haben. Im vergangenen Monat gab es einen Streik in Los Angeles, dem zweitgr\u00f6\u00dften Schulbezirk in den Vereinigten Staaten, einen Ausstand in Denver und einen zweit\u00e4gigen landesweiten Streik im Bundesstaat West Virginia. Eben dort hatte ein Streik vor einem Jahr die gr\u00f6\u00dfte Rebellion von Lehrern in den USA seit Jahrzehnten ausgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Lehrer und Schulpersonal machten 380.000 der knapp halben Million Arbeiter aus, die sich im vergangenen Jahr in den USA an Arbeitsniederlegungen beteiligten. Insgesamt war dies die h\u00f6chste Zahl an Streikenden seit 1986. Es gab vermehrte Forderungen nach Streiks in vielen Bundesstaaten, darunter auch Oklahoma und Arizona, wo im vergangenen Jahr landesweite Streiks stattfanden.<\/p>\n<p>In S\u00e3o Paulo in\u00a0<strong>Brasilien<\/strong>, der gr\u00f6\u00dften Stadt auf dem amerikanischen Kontinent, streiken Lehrerinnen und Lehrer in diesem Jahr zum zweiten Mal gegen Rentenk\u00fcrzungen. In\u00a0<strong>Mexiko<\/strong>\u00a0traten Lehrkr\u00e4fte in Michoac\u00e1n und Oaxaca zu Beginn dieses Monats in den Streik und k\u00e4mpften mit Barrikaden gegen Entlassungen und eine staatliche \u201eSchulreform\u201c.<\/p>\n<p>Anfang dieses Monats streikten Lehrer und Erzieher in Berlin, in\u00a0<strong>Deutschland<\/strong>; Erzieher in\u00a0<strong>Portugal<\/strong>\u00a0schlossen sich einem Generalstreik an; Lehrer in\u00a0<strong>Frankreich<\/strong>\u00a0schlossen sich den Protesten der Gelbwesten gegen den \u201ePr\u00e4sidenten der Reichen\u201c Emanuel Macron an; und mehr als 100.000 Lehrkr\u00e4fte von der Grundschule bis zur Hochschule wollen am 15. M\u00e4rz in den\u00a0<strong>Niederlanden\u00a0<\/strong>in den ersten nationalen Streik treten.<\/p>\n<p>Auch in\u00a0<strong>Marokko<\/strong>\u00a0und\u00a0<strong>Simbabwe<\/strong>\u00a0sind Lehrer im Zuge einer wachsenden Opposition gegen die K\u00fcrzungen im Bildungssektor und Schulprivatisierung in ganz Afrika in Aktion getreten, und Zehntausende von Lehrern in Tamil Nadu in\u00a0<strong>S\u00fcdindien<\/strong>\u00a0streikten letzten Monat f\u00fcr h\u00f6here L\u00f6hne und bessere Arbeitsbedingungen.<\/p>\n<p>Hinter dieser Bewegung steht auch eine nie dagewesene soziale Ungleichheit auf der ganzen Welt. Die soziale Konterrevolution, die vor vier Jahrzehnten von der britischen Premierministerin Margaret Thatcher und US-Pr\u00e4sident Ronald Reagan eingeleitet wurde, hat sich nach dem globalen Finanzcrash von 2008 beschleunigt. Kapitalistische Regierungen, allen voran die Obama-Regierung in den USA, gaben Billionen aus, um die Ramschpapiere der Banken aufzukaufen. Praktisch unbegrenzte Kredite wurden bereitgestellt, um die Aktienm\u00e4rkte und das private Verm\u00f6gen der Finanzkriminellen zu retten. Um dies zu bezahlen, machten politische Parteien aller Couleur \u201eEinsparungen\u201c zum Kern ihrer Politik.<\/p>\n<p>Zwei aktuelle Berichte werfen einen Blick auf die Verm\u00f6gensumverteilung von unten nach oben in den USA seit 2008.<\/p>\n<p>In einem neuen Forschungsbericht von Gabriel Zucman, Wirtschaftsprofessor in Berkeley, hei\u00dft es, dass die 0,1 Prozent reichsten Individuen ihren Anteil am Gesamtverm\u00f6gen aller Haushalt auf den h\u00f6chsten Stand seit 1929 steigern konnten. Damals wie heute besa\u00df diese kleine Elite 25 Prozent des Verm\u00f6gens. \u201eDie US-Verm\u00f6genskonzentration scheint auf das Niveau zur\u00fcckgekehrt zu sein, das zuletzt in den Roaring Twenties erreicht wurde\u201c, schreibt Zucman und bemerkt, dass der tats\u00e4chliche Anteil noch h\u00f6her liegen k\u00f6nnte, weil die Superreichen in der Lage sind, ihr Verm\u00f6gen in Offshore-Konten zu verstecken.<\/p>\n<p>Ein Bericht des Bureau of Economic Analysis des US-Handelsministeriums ergab, dass die L\u00f6hne und Geh\u00e4lter der Arbeitnehmer im dritten Quartal des Vorjahres auf 52,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts sanken, und damit im vierten Quartal in Folge anteilig abnahmen. Der Anteil der Arbeit am Inlandsprodukt ist seit 1970, als er 59 Prozent betrug, stetig zur\u00fcckgegangen. Seit dem Zweiten Weltkrieg lag der Anteil nicht niedriger. Gleichzeitig ist der Anteil der Unternehmensgewinne am Inlandsprodukt von weniger als 12 Prozent in den 80er Jahren auf heute mehr als 20 Prozent gestiegen.<\/p>\n<p>Die globale Wirtschaftskrise wurde auch von der Finanzelite genutzt, um \u00f6ffentliche Verm\u00f6genswerte zu pl\u00fcndern und den weltweiten \u201eBildungsmarkt\u201c in ihre H\u00e4nde zu bekommen, der bis 2030 sch\u00e4tzungsweise 10 Billionen Dollar wert sein wird. Ein k\u00fcrzlich erschienenes\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/en\/articles\/2019\/02\/16\/edub-f16.html\"><strong>Buch<\/strong><\/a>\u00a0verweist auf die Rolle von Internationalem W\u00e4hrungsfond, Weltbank, USAID und dem britischen Department for International Development (DFID) bei der Finanzierung von Schulprivatisierungsprogrammen auf der ganzen Welt.<\/p>\n<p>In den USA machte die Obama-Regierung zwar schier endlose Ressourcen zur Rettung der Wall Street locker, sparte aber gleichzeitig das \u00f6ffentliche Schulwesen tot und nutzte die selbst herbeigef\u00fchrte Krise, um privaten Schulen zu f\u00f6rdern. Zur Finanzierung des Schulwesens liegen aktuell Zahlen bis 2016 vor, demnach gaben 25 der 50 US-Bundesstaaten weniger Mittel pro Sch\u00fcler aus als in den USA vor der Gro\u00dfen Rezession verzeichnet wurden, die Finanzierungsl\u00fccke betr\u00e4gt mittlerweile 19 Milliarden Dollar. Die Zahl der Mitarbeiter an \u00f6ffentlichen Schulen liegt heute um rund 170.000 Stellen unter dem Niveau von vor 2008, obwohl es 1,5 Millionen Sch\u00fcler mehr gibt. Und in 38 Bundesstaaten ist das durchschnittliche Jahresgehalt der Lehrer niedriger als 2009.<\/p>\n<p>Der universelle Charakter des Angriffs auf Lehrkr\u00e4fte und die \u00f6ffentliche Bildung sowie die ihm zugrunde liegenden Aspekte werfen eine Reihe grundlegender Fragen auf. Diese betreffen erstens die Rolle der Gewerkschaften \u00fcberall auf der Welt, die sich jedem Kampf widersetzen, weil sie auf die kapitalistischen Parteien ausgerichtet sind und den gesamten Rahmen von Sparpolitik und sozialer Ungleichheit akzeptieren.<\/p>\n<p>Die Forderung von Lehrern in Oakland, den Streik auch gegen Haushaltsk\u00fcrzungen zu richten, lehnte die Gewerkschaft ab &#8211; obwohl die Bezirksregierung argumentiert, dass jede etwaige Gehaltserh\u00f6hungen nur aus dem Budget der Schulen bezahlt werden kann und auch Schulschlie\u00dfungen impliziert. Die Oakland Education Association arbeitet mit der Demokratischen Partei im Bundesstaat zusammen, um einen faulen Deal zu erzielen, der f\u00fcr die Unternehmens- und Finanzelite v\u00f6llig akzeptabel ist. Die Gewerkschaft verr\u00e4t, wie fr\u00fcher schon bei Streiks im ganzen Land geschehen, den Kampf zur Verteidigung des Rechts auf \u00f6ffentliche Bildung.<\/p>\n<p>Das gilt f\u00fcr die Gewerkschaften auf der ganzen Welt. Angesichts des globalen Angriffs auf Bildung, Arbeitspl\u00e4tze und Lebensstandard haben die nationalistischen und prokapitalistischen Gewerkschaften mit ihren jeweiligen Regierungen und Kapitalisten zusammengearbeitet, um die Arbeitskosten und Unternehmenssteuern zu senken und ihre \u201eeigenen\u201c Nationen wettbewerbsf\u00e4higer zu machen.<\/p>\n<p>Deshalb ist der Aufbau neuer Kampforganisationen, die von den Arbeitern selbst kontrolliert und von den Gewerkschaften unabh\u00e4ngig gef\u00fchrt werden, von brennender Bedeutung. Die Lehrerinnen und Lehrer m\u00fcssen Komitees bilden, die sich an dem orientieren, was Lehrkr\u00e4fte und Sch\u00fcler brauchen, nicht an dem, was man sich nach Ansicht der Herrschenden leisten kann.<\/p>\n<p>Die Lehrer haben in der Bev\u00f6lkerung Unterst\u00fctzung gefunden, weil sie f\u00fcr Grundrechte k\u00e4mpfen und weil alle Arbeiter mit den gleichen Bedingungen konfrontiert sind &#8211; sinkende Einkommen und explodierende Lebenshaltungskosten, unsichere Arbeitspl\u00e4tze und endlose Angriffe auf soziale Rechte, einschlie\u00dflich Gesundheitsversorgung und Renten, die \u00fcber Generationen hinweg erk\u00e4mpft wurden.<\/p>\n<p>Die sich entwickelnde Bewegung unter den Lehrern ist der erste Ausdruck einer Rebellion, die sich unweigerlich auf breitere Schichten der Arbeiterklasse ausdehnen wird, besonders auf Industriearbeiter in Schl\u00fcsselsektoren wie der Automobilindustrie, Stahl und anderen Produktionsbereichen. Die Bewegung wird sich nicht nur mit den unmittelbaren Fragen der L\u00f6hne und Arbeitsbedingungen befassen k\u00f6nnen, sondern muss sich auch den gro\u00dfen Probleme zuwenden, mit denen Arbeiter \u00fcberall auf der Welt konfrontiert sind &#8211; soziale Ungleichheit, die Zerschlagung demokratischer Rechte, die Zunahme autorit\u00e4rer Herrschaftsformen und die wachsende Gefahr eines katastrophalen Kriegs.<\/p>\n<p>Streiks allein k\u00f6nnen nicht das l\u00f6sen, womit die Arbeiter konfrontiert sind. Das internationale Wiederaufleben des Klassenkampfes hat seine eigene Logik und wird die Arbeiterklasse in einen Kampf um die politische Macht f\u00fchren. Die Arbeiterklasse muss die Macht in die eigenen H\u00e4nde nehmen und die Weltwirtschaft auf der Grundlage der sozialen Bed\u00fcrfnisse und nicht des privaten Profits neu organisieren.<\/p>\n<p>Nur durch die Enteignung der Finanzaristokraten und durch die sozialistische Reorganisation des Wirtschaftslebens kann der riesige Reichtum von der Arbeiterklasse genutzt werden, um das materielle und kulturelle Niveau der Masse der Bev\u00f6lkerung zu erh\u00f6hen, eine freie und qualitativ hochwertige \u00f6ffentliche Bildung f\u00fcr alle zu gew\u00e4hrleisten und die Menschheit von Armut, Ausbeutung und Krieg zu befreien.<\/p>\n<p>Die wichtigste Aufgabe besteht daher im Aufbau einer neuen, sozialistischen und internationalistischen F\u00fchrung, die diese Notwendigkeit ins Bewusstsein der Arbeiterklasse tr\u00e4gt. [\u2026]<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2019\/02\/27\/pers-f27.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 27. Februar 2019; leicht gek\u00fcrzt durch Redaktion maulwuerfe.ch<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jerry White. Auf fast allen Kontinenten stehen die Lehrer ganz vorne im Kampf gegen die Sparpolitik der Regierung und ein Ausma\u00df sozialer Ungleichheit, wie es seit den 1920er Jahren nicht mehr erlebt wurde. 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