{"id":5009,"date":"2019-03-04T11:15:21","date_gmt":"2019-03-04T09:15:21","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5009"},"modified":"2019-03-04T11:15:21","modified_gmt":"2019-03-04T09:15:21","slug":"wenn-wir-streiken-steht-die-welt-still","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5009","title":{"rendered":"Wenn wir streiken, steht die Welt still!"},"content":{"rendered":"<p><em>Tabea Winter.<\/em> Feminismus ist wieder in, nahezu jeder Popstar und jede Schauspielerin tragen Shirts mit feministischen Spr\u00fcchen oder bringen eigene \u201eThe future is female\u201c-Kollektionen heraus, Netflix hat eine eigene Kategorie<!--more--> f\u00fcr Filme mit \u201estarken weiblichen Hauptrollen\u201c.<\/p>\n<p>Seit einigen Jahren entsteht weltweit eine neue Frauenbewegung: insbesondere junge Frauen wehren sich im Internet und auf den Stra\u00dfen gegen das Patriarchat. Die Forderungen der lateinamerikanischen \u201eNi Una Menos\u201c (\u201eNicht eine weniger\u201c)-Bewegung sind eindeutig und erschreckend in ihrer Dringlichkeit: H\u00f6rt auf uns umzubringen. H\u00f6rt auf uns zu vergewaltigen. Seit #metoo wird auch in Deutschland \u00f6ffentlicher \u00fcber sexistische Gewalt diskutiert.<\/p>\n<p>Dass jeden dritten Tag in Deutschland eine Frau, wegen ihres Frau-Seins, ermordet wird und jeden Tag weltweit 500 Frauen an den Folgen illegalisierter Abtreibungen sterben, sind genug Gr\u00fcnde f\u00fcr die Forderungen der Frauenbewegung zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Fotos von Demonstrationen in der Weimarer Republik zeigen Transparente mit dem Slogan \u201eWeg mit \u00a7218\u201c. Dieses Jahr haben mit dem gleichen Slogan viele Frauen in Deutschland protestiert, denn in den letzten hundert Jahren hat sich beim Recht auf Selbstbestimmung nicht so viel getan. Der Paragraph zum Verbot von \u201eWerbung f\u00fcr Abtreibungen\u201c wurde medial viel diskutiert. Dabei ist die Sache eigentlich klar: My Body \u2013 my Choice!<\/p>\n<p>Warum kann der Staat dies nicht akzeptieren und mischt sich mit Gesetzen in unseren Uterus ein?<\/p>\n<p>Weil die F\u00e4higkeit, Kinder zu geb\u00e4ren f\u00fcr den Staat wichtig ist. Das Wirtschaftssystem, in dem wir leben, ist strukturiert nach den Prinzipien von Profit und Privateigentum. Die Rolle von Frauen, in Deutschland und weltweit, ist es nach wie vor, neue Arbeiterinnen und Arbeiter zu geb\u00e4ren, zu erziehen und zu ern\u00e4hren.<\/p>\n<p>Auch mit Gleichheitsgesetzen und Frauenbeauftragten ist unsere Gleichheit nur auf dem Papier existent: schlecht oder gar nicht bezahlte Arbeit, Altersarmut, Luxussteuern auf Tampons und Binden, kaum Kitapl\u00e4tze und die Pflegekrise sind nur einige Beispiele. Dabei wird deutlich: Das Geschlecht eint uns, aber die Klasse trennt uns. Alle Frauen sind von Sexismus unterdr\u00fcckt, aber aufrechterhalten wird Sexismus, um die Arbeiterinnen zu unterdr\u00fccken und die arbeitende Klasse zu spalten.<\/p>\n<p>In einer Welt, die echte Gleichheit erm\u00f6glicht, w\u00e4re es nicht denkbar, dass sich Menschen an der Arbeit anderer bereichern. Mit einem Ende dieses Profitsystems, das sich \u201eDemokratie\u201c nennt, in Wirklichkeit aber eine Herrschaft der Reichen und Besitzenden ist, werden erst die Bedingungen geschaffen, f\u00fcr freie und solidarische Beziehungen und Formen des Zusammenlebens.<\/p>\n<p>Dennoch darf dieses Wissen \u00fcber den Nutzen von Sexismus f\u00fcr das Kapital nicht bedeuten, dass wir unsere miese Situation heute akzeptieren und einfach auf die Revolution warten. Nat\u00fcrlich k\u00e4mpfen wir f\u00fcr das Recht auf Abtreibung, gegen Prekarisierung, f\u00fcr kostenlose Kitapl\u00e4tze. Und auch daf\u00fcr, dass Feminismus nicht als nebens\u00e4chliches Randthema gesehen wird, sondern als zentraler Teil eines Kampfes f\u00fcr den Sozialismus.<\/p>\n<p>Unsere besten Verb\u00fcndeten sind dabei unsere Klassengeschwister, unsere Kolleginnen und Kollegen. Denn unser Ziel ist das gleiche: Das Ende der Ausbeutung. Das Narrativ \u00fcber die deutsche Arbeiter*innenklasse erzeugt ein wei\u00dfes, m\u00e4nnliches Bild. Das entspricht nicht der Realit\u00e4t. Die Arbeiter*innenklasse in Deutschland ist multiethnisch und auch weiblich. Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung sind so untrennbar miteinander verbunden, dass wir beides gemeinsam besiegen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Diesen Kampf k\u00f6nnen wir nur mit der gesamten Arbeiter*innenklasse gewinnen, denn die Arbeiter*innen sind diejenigen, die aufgrund ihrer Stellung im Produktionsprozess in der Lage sind, dieses System zu st\u00fcrzen und das Privateigentum an Produktionsmitteln aufzuheben. Heute wird die Klasse gespalten in M\u00e4nner und Frauen, aber zum Beispiel auch in \u201eeinheimisch\u201c und \u201eausl\u00e4ndisch\u201c.<\/p>\n<p>Um diese Spaltungen, die uns schw\u00e4chen, zu \u00fcberwinden, brauchen wir ein Programm gegen Unterdr\u00fcckung, das f\u00fcr ein Ende der k\u00fcnstlichen Trennung der Arbeiter*innen- und der Frauenbewegung eintritt.<\/p>\n<p>In Arbeitsk\u00e4mpfen erleben wir, wie wichtig es ist, sich anhand von gemeinsamen materiellen Interessen zu organisieren und nicht anhand von scheinbaren Gemeinsamkeiten. Schlie\u00dflich ist meine Chefin vielleicht auch eine Frau, aber wenn es darum geht, meine Lebensbedingungen zu verbessern, muss ich mit meinen Kollegen gegen meine Chefin stehen.<\/p>\n<p>Gerade weil wir ein gemeinsames Ziel haben, k\u00f6nnen wir die Unterdr\u00fcckung eines gro\u00dfen Teils unserer Klasse nicht ignorieren. Die Rolle, die Frauen zugeschrieben wird, findet \u00fcberall ihren Ausdruck. So sehen wir bei langandauernden Streiks oft unterproportional wenige Frauen, denn h\u00e4ufig m\u00fcssen sich w\u00e4hrend des Streiks noch um Kinder k\u00fcmmern.\u00a0 Sexistisches Verhalten und sexualisierte Gewalt gibt es auch in linken, progressiven Kontexten. Um eine Gesellschaft ohne Sexismus zu errichten, m\u00fcssen wir die arbeitenden Frauen als K\u00e4mpferinnen ernst nehmen, mit ihnen die Diskussion suchen und f\u00fcr konkrete Verbesserungen k\u00e4mpfen, die es ihnen erm\u00f6glichen, politisch aktiv zu werden.<\/p>\n<p>Die Erfahrungen der Frauen in feministischen Bewegungen k\u00f6nnen ihnen dabei eine Avantgarderolle in der Wiederbelebung der Arbeiter*innenbewegung geben. Die Erfahrungen sind \u00e4hnliche. Der Kampf f\u00fcr das Recht auf Abtreibung beispielsweise ist ein Kampf in dem die soziale Position und die Klassenzugeh\u00f6rigkeit der Frauen eine zentrale Rolle spielt. W\u00e4hrend reiche, besitzende Frauen\u00a0 umfassenden Zugang zu Informationen haben, sich teure Verh\u00fctungsmittel leisten k\u00f6nnen oder in Abtreibungskliniken z.B. in die Niederlande fahren k\u00f6nnen, bedeutet f\u00fcr viele Frauen auf der Welt eine ungewollte Schwangerschaft oft den Tod. Kinder zu bekommen ist eine Entscheidung, die nicht frei getroffen werden kann, wenn Sozialsysteme so schlecht sind, dass dem Kind kein gutes Aufwachsen garantiert werden kann.<\/p>\n<p>Eine Grenze f\u00fcr diese Perspektive existiert sowohl in der Arbeiter*innen- als auch in der Frauenbewegung. In feministischen Bewegungen treffen unterschiedliche Interessen aufeinander: der k\u00e4mpferische Wille der meisten gegen die Hoffnung auf Karriereoptionen und gutes Marketing einiger. Die feministische B\u00fcrokratie, die mit der Kooptierung der zweiten Welle der Frauenbewegung durch staatliche Institutionen entstand, ist eine unserer gr\u00f6\u00dften Feindinnen. Genau wie in den Gewerkschaften gibt es kleine Kreise vermeintlicher Expert*innen, die Entscheidungen treffen und versuchen Bewegungen in ruhige Bahnen zu lenken, an deren Ende eine Diversity-Institution oder 0,7% mehr Lohn stehen, die Ursachen von Sexismus und Armut jedoch unangetastet bleiben. \u00c4hnlich sieht es in den Gewerkschaften mit der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie aus.<\/p>\n<p>Um nicht bei minimalen Verbesserungen stehen zu bleiben, m\u00fcssen wir eine internationale Frauenbewegung aufbauen, die erkennt, dass ihre Befreiung in der Befreiung der Arbeiter*innen liegt, also im Sturz des Kapitalismus.<\/p>\n<p>Nicht nur das Kapital organisiert sich \u00fcber L\u00e4ndergrenzen hinweg, mit multinationalen Unternehmen und globalem Handel. Auch die Unterdr\u00fcckung von Frauen funktioniert anhand weltweiter Machtverh\u00e4ltnisse. Die imperialistischen L\u00e4nder nutzen \u201eFrauenrechte\u201c als Vorwand f\u00fcr Kriege aus wirtschaftlichen Interessen und f\u00fcr rassistische Abschottung der Festung Europa.<\/p>\n<p>Die Aufgabe von Revolution\u00e4r*innen in Deutschland ist es nat\u00fcrlich gegen den deutschen Staat und das deutsche Kapital zu k\u00e4mpfen und damit praktische Solidarit\u00e4t mit den Menschen in anderen L\u00e4ndern zu leisten, die gegen die Ausbeutung durch deutsche Unternehmen und die Kriege, gef\u00fcttert von deutschen Waffenexporten, k\u00e4mpfen. Unsere Aufgabe ist es, hierzulande beispielsweise Solidarit\u00e4t mit der pal\u00e4stinensischen und kurdischen Bewegung zu leisten und uns gegen ihre Kriminalisierung durch den deutschen Staat zu stellen. Dabei ist das vor allem auch in unserem eigenen Interesse:<\/p>\n<p>Die Struktur des kapitalistischen Systems ist immer international und so ist unser Internationalismus notwendig f\u00fcr den Sieg \u00fcbers Kapital. Internationalismus ist nicht nur ein Standpunkt, von dem aus wir analysieren, sondern auch unsere Strategie und Praxis f\u00fcr den Kommunismus.<\/p>\n<p>Wenn wir an \u201e<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/das-gegenmittel-zur-neoliberalen-politik-in-argentinien-im-gespraech-mit-alejandro-vilca\/\">Ni una menos\u201c<\/a>\u00a0denken, an das Referendum in Irland, an den 8M im Spanischen Staat, an den Czarny-Protest in Polen, sehen wir, die Macht, die in internationalistischen K\u00e4mpfen liegt: Wenn wir streiken, steht die Welt still.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wenn-wir-streiken-steht-die-welt-still\/\">klassegegenklasse.org&#8230;<\/a> vom 4. M\u00e4rz 2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tabea Winter. Feminismus ist wieder in, nahezu jeder Popstar und jede Schauspielerin tragen Shirts mit feministischen Spr\u00fcchen oder bringen eigene \u201eThe future is female\u201c-Kollektionen heraus, Netflix hat eine eigene Kategorie<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7,5],"tags":[25,32,4],"class_list":["post-5009","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-frauenbewegung","tag-strategie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5009","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5009"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5009\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5010,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5009\/revisions\/5010"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5009"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5009"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5009"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}