{"id":5034,"date":"2019-03-07T09:01:39","date_gmt":"2019-03-07T07:01:39","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5034"},"modified":"2019-03-07T09:01:39","modified_gmt":"2019-03-07T07:01:39","slug":"welchen-antisexismus-brauchen-wir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5034","title":{"rendered":"Welchen Antisexismus brauchen wir?"},"content":{"rendered":"<p><em>Jaqueline Katherina Singh. <\/em>Wir leben in unruhigen Zeiten. Rechte Populist_Innen und Reaktion\u00e4r_Innen gewinnen an Popularit\u00e4t. Mit ihnen wird rassistische Hetze wieder salonf\u00e4hig sowie neoliberale K\u00fcrzungspolitik<!--more--> Alltag. Emanzipation wird ersetzt durch tradierte Rollenbilder und das konservative Bild der b\u00fcrgerlichen Familie. Begleitet wird dies mit einer Zunahme an internationalen Spannungen: Handelskriege, zunehmende kriegerische Auseinandersetzungen und fortschreitende Militarisierung.<\/p>\n<p>Doch so d\u00fcster das Ganze aussieht, so erleben wir, wie auf der ganzen Welt Frauen f\u00fcr ihre Rechte demonstrieren und streiken. So gingen am 8. M\u00e4rz 2018 in \u00fcber 177 L\u00e4ndern Menschen f\u00fcr die Rechte der Frauen auf die Stra\u00dfe. Allein in Spanien streikten 6 Millionen Frauen gegen sexuelle Gewalt, f\u00fcr gleiche L\u00f6hne und das Recht auf Selbstbestimmung \u00fcber den eigenen K\u00f6rper. In der T\u00fcrkei demonstrierten mehrere Tausende trotz der gro\u00dfen Repression seitens des Erdogan-Regimes. Dar\u00fcber hinaus gab es in den letzten Jahren immer wieder gro\u00dfe Proteste: Ob nun im Rahmen des Women\u2019s March in den USA, des \u201eschwarzen\u201c Protests gegen das Verbot von Abtreibungen in Polen, von Ni Una Menos in Lateinamerika \u2013 \u00fcberall auf der Welt demonstrierten Millionen Frauen f\u00fcr ihre Rechte.<\/p>\n<p>Als Revolution\u00e4r_Innen m\u00fcssen wir uns die Frage stellen: Welche Perspektive haben die Proteste? Wie k\u00f6nnen wir uns gegen die Angriffe der Rechten wehren? Kurzum stellt sich die Frage: Welchen Antisexismus brauchen wir?<\/p>\n<p><strong>Ursprung der Frauenunterdr\u00fcckung<\/strong><\/p>\n<p>Um diese Frage gut zu beantworten, m\u00fcssen wir verstehen, woher eigentlich Frauenunterdr\u00fcckung kommt. Schlie\u00dflich wollen wir nicht nur gegen Ausw\u00fcchse des Problems k\u00e4mpfen, sondern es gleichzeitig an seiner Wurzel packen, um es ein f\u00fcr alle Mal zu beseitigen!<\/p>\n<p>Als Marxist_Innen gehen wir davon aus, dass die Unterdr\u00fcckung der Frau nicht in der Biologie oder \u201eNatur des Menschen\u201c wurzelt. Weder wohnt es Frauen von \u201eNatur aus\u201c inne, unterdr\u00fcckt zu werden, noch M\u00e4nnern, Gewalt gegen\u00fcber Frauen auszu\u00fcben.<\/p>\n<p>Vielmehr m\u00fcssen die Wurzeln der Jahrtausende alten Unterdr\u00fcckung der Frauen selbst in der Geschichte, in sozialen Entwicklungen gesucht werden. In seinem Werk \u201eDer Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates\u201c setzt sich Friedrich Engels nicht nur systematisch mit der Frage auseinander, er skizziert auch eine materialistische Erkl\u00e4rung der Unterdr\u00fcckung der Frauen, des Patriarchats und seines Wandels in der Geschichte.<\/p>\n<p>Engels weist darauf hin, dass Frauen nicht immer unterdr\u00fcckt oder das \u201eschwache\u201c Geschlecht waren, sondern \u2013 wie auch die moderne Forschung belegt \u2013 erst ab einem bestimmen Zeitpunkt der Entwicklung der Menschheit die Unterdr\u00fcckung der Frauen beginnt und nach einer langen Periode systematische Formen annimmt.<\/p>\n<p>Kurz zusammengefasst: Frauenunterdr\u00fcckung gab es nicht schon immer und ist auch nichts Nat\u00fcrliches. Erst als Menschen sesshaft wurden und anfangen, mehr zu produzieren, als sie ein Mehrprodukt erzeugten und sich Privateigentum herauszubilden beginn, fing das Problem an. Dies passierte zur Zeit der Jungsteinzeit. W\u00e4hrend es vorher Stammesgemeinschaften gab, bei denen es auch keine unterdr\u00fcckerische geschlechtsspezifische Arbeitsteilung gab, ver\u00e4nderten sich in dieser Zeit die Strukturen des Zusammenlebens. Denn mit dem entstehenden Privatbesitz an Grund und Boden setzten sich auch patriarchale Vererbungsstruktur, systematische Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung durch (Sklaverei, Unterdr\u00fcckung der Frau).<\/p>\n<p>Damit die Vaterschaft gesichert und das v\u00e4terliche Erbe auf die eigenen, leiblichen Kinder \u00fcbergehen konnte, musste die Frau monogam leben. Im Laufe der Zeit, also \u00fcber die Sklavenhaltergesellschaften der Antike hin zum Feudalismus verfestigten sich diese Strukturen und wurden gem\u00e4\u00df der jeweils vorherrschenden Produktionsweise modifiziert. So wurde beispielsweise im feudalen Europa die Unterdr\u00fcckung der Frau durch das Christentum ideologisch unterf\u00fcttert.<\/p>\n<p>Der Kapitalismus hat das schon bestehende Unterdr\u00fcckungsverh\u00e4ltnis den Erfordernissen der Ausbeutung der Lohnarbeit angepasst. Die herrschende Klasse profitiert von der Frauenunterdr\u00fcckung und ihr System ist eng mit ihr verwoben. Beispielsweise ist die Familie erhalten geblieben, auch wenn sich ihre Funktion f\u00fcr die arbeitende Klasse gewandelt hat. Im b\u00e4uerlichen Haushalt der Feudalzeit war sie auch Ort der Produktion \u2013 der notwendigen Lebensmittel f\u00fcr die Familien der Bauern und B\u00e4uerinnen wie des \u00dcberschusses, des Mehrprodukts f\u00fcr den Grundherrn, dessen Familie und Hofstaat. Dies wurde aber aufgrund der Industrialisierung \u00fcberfl\u00fcssig, da die LohnarbeiterInnen \u00fcber keine eigenen Produktionsmittel verf\u00fcgen, sondern ihre Arbeitskraft als Ware verkaufen mussten und bis heute m\u00fcssen. Dennoch blieb die Familie bestehen, denn im Kapitalismus dient sie dazu, die Arbeitskraft zu reproduzieren, die im Haushalt vor allem von den Frauen ohne Entlohnung erledigt werden muss. Zugleich werden \u00fcber die Familie und die ihr zugrunde liegende Arbeitsteilung nach Generationen und Geschlechtern auch gleich die sozialen Rollen vermittelt.<\/p>\n<p><strong>Unterschiedliche Interessen<\/strong><\/p>\n<p>Insgesamt ist wichtig herauszustreichen, dass zwar alle Frauen von Unterdr\u00fcckung betroffen sind, aber wie und wie stark das der Fall ist, h\u00e4ngt von ihrer Klassenzugeh\u00f6rigkeit ab. So sind die Frauen der Bourgeoisie auch Angeh\u00f6rige der ausbeutenden Klasse \u2013 und haben somit ein materielles Interesse an der Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems und ihrer damit verbundenen Privilegien. Die Frauen aus dem Kleinb\u00fcrger_Innentum und den Mittelschichten nehmen \u2013 wie diese Klassen selbst \u2013 eine widerspr\u00fcchliche Stellung ein. Einerseits sind sie viel h\u00e4rterer Unterdr\u00fcckung ausgesetzt als die Frauen der herrschenden Klasse. Sie m\u00fcssen \u2013 wie die proletarischen Frauen \u2013 Beruf und Kindererziehung unter einen Hut bringen oder werden in den halbkolonialen L\u00e4ndern von ihren M\u00e4nnern an den Haushalt gefesselt. W\u00e4hrend viele dieser Frauen noch vor einigen Jahrzehnten (v.\u00a0a. in den westlichen L\u00e4ndern) sozial aufsteigen konnten, Karriere machten und einer Gleichberechtigung nahezukommen schienen, so sind sie heute oft auch massiv von Angriffen durch Sozialabbau (K\u00fcrzungen bei Kitas, Privatisierung, \u2026) bedroht, die ihre Unterdr\u00fcckung versch\u00e4rfen.<\/p>\n<p>Doch \u00e4hnlich wie kleinb\u00fcrgerliche Ideologien oder auch der Reformismus erkennen sie den engen Zusammenhang von Kapitalismus und Privateigentum mit der Frauenunterdr\u00fcckung nicht. Sie erblicken vielmehr in deren ideologischen Ausdrucksformen (Stereotypen, Geschlechterrollen, sexuellen Vorurteilen, Heterosexismus, \u2026) die Ursache der Unterdr\u00fcckung. Ihre Strategie ersch\u00f6pft sich in verschiedenen Formen des radikalen oder reformistischen Feminismus, was ihre relativ privilegierte Stellung als Kleineigent\u00fcmer_Innen oder Akademiker_Innen (Bildungsb\u00fcrger_Innen) gegen\u00fcber der Masse der werkt\u00e4tigen Frauen widerspiegelt.<\/p>\n<p>Die Arbeiter_Innenklasse als Ganze hingegen hat ein objektives materielles Interesse daran, das Kapitalverh\u00e4ltnis und damit die innerhalb der Lohnarbeit reproduzierte geschlechtsspezifische Arbeitsteilung wirklich zu \u00fcberwinden und abzuschaffen \u2013 die proletarischen Frauen dar\u00fcber hinaus auch ein brennendes, unmittelbares, subjektives. Konsequenter Antisexismus ist daher notwendigerweise Teil des revolution\u00e4ren Klassenkampfes des Proletariats, weil er die Ausbeutung abschafft und die Produktion um der Reproduktion des unmittelbaren Lebens der Produzent_Innen willen umgestaltet, statt sie auf die Mehrarbeit f\u00fcr den Reichtum der Ausbeuterklasse auszurichten. Eine Frauenbewegung, die an die Wurzeln der Unterdr\u00fcckung geht, kann nur eine proletarische, eine sozialistische Frauenbewegung sein, weil nur sie f\u00fcr den revolution\u00e4ren Sturz des Kapitalismus, die Machtergreifung der ArbeiterInnenklasse als notwendigen Schritt zu einer klassenlosen Gesellschaft eintritt.<\/p>\n<p><strong>Kurze Kritik der Feminismen<\/strong><\/p>\n<p>Um nicht nur gegen die Auswirkungen der Frauenunterdr\u00fcckung zu k\u00e4mpfen, sondern diese zu beenden, bedarf es einer Analyse ihrer Ursachen. Diese ist besonders wichtig, da wir aus ihr Schl\u00fcsse ziehen k\u00f6nnen, mit welchen Mitteln wir gegen Sexismus k\u00e4mpfen m\u00fcssen. Deswegen haben wir als Marxist_Innen auch Kritik an Theorie und Programm der verschiedenen feministischen Str\u00f6mungen. Auch wenn der Begriff \u201eFeminismus\u201c heute im Alltagsgebrauch oft mit \u201eGleichberechtigung der Frauen\u201c gleichgesetzt wird (und in diesem Sinn alle Menschen, die f\u00fcr diese k\u00e4mpfen als \u201efeministisch\u201c betrachtet werden k\u00f6nnten), so unterscheiden sich die verschiedenen feministischen Theorie untereinander wie auch von einem marxistischen Verst\u00e4ndnis der Frauenunterdr\u00fcckung erheblich.<\/p>\n<p>Zweifellos haben verschiedene feministische Theorien und Bewegungen zum Kampf um Gleichberechtigung viel beigetragen und wir unterst\u00fctzen diese. Aber wir halten Teile ihrer Schlussfolgerungen wie die Methode ihrer Analysen f\u00fcr politisch falsch und glauben, dass die Kampfmittel nicht ausreichend sind, um an das gemeinsame Ziel zu kommen. Um dies zu skizzieren, setzen wir uns kurz mit einigen feministischen Str\u00f6mungen auseinander, denn \u00e4hnlich wie z.\u00a0B. beim \u201eAntifaschismus\u201c gibt es viele unterschiedliche Str\u00f6mungen, die oftmals unter einem Begriff zusammengeworfen werden.<\/p>\n<p>Am deutlichsten wird das beim b\u00fcrgerlichen Feminismus. Dieser beschr\u00e4nkt sich heute in seinen Forderungen meist darauf, Frauen das gleiche Recht einzur\u00e4umen wie M\u00e4nnern. Dabei fokussiert er sich aber \u00fcberwiegend auf die Bed\u00fcrfnisse von Frauen aus der herrschenden oder kleinb\u00fcrgerlichen Klasse. Dies zeigen beispielsweise Institutionen wie Womens20, die im Rahmen des G20-Gipfels in Hamburg tagte. Dort sprachen Frauen wie Ivanka Trump, Angela Merkel und Vertreterinnen von Firmen und diskutierten, wie die \u201eF\u00f6rderung von weiblichem Unternehmertum sowie Zugang zu Kapital- und Finanzdienstleistungen f\u00fcr Frauen\u201c praktisch aussehen kann. Dass dies nur zur Verbesserung der Lage von Frauen betr\u00e4gt, die aus gehobeneren Schichten kommen, sollte klar sein.<\/p>\n<p>Der radikale Feminismus, der in der zweiten Welle der Frauenbewegung in den 1960er und 1970er Jahren entstand, beanspruchte hingegen \u00e4hnlich wie heute der Queer-Feminismus, die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse selbst in Frage zu stellen. F\u00fcr beide liegt die Wurzel der Frauenunterdr\u00fcckung allerdings nicht in der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und der Klassengesellschaft. Der Radikalfeminismus erblickt sie in einer allenfalls neben\/quer zu dieser verlaufenden, \u00fcberhistorischen Unterdr\u00fcckung der Frauen durch die M\u00e4nner aller Klassen. Der Queer-Feminismus und die dekonstruktivistischen Theorien erblicken die Ursache der Unterdr\u00fcckung im Diskurs, in einer \u201eheteronormativen Matrix\u201c. Demzufolge bilden nicht die materiellen Verh\u00e4ltnisse (geschlechtsspezifische Arbeitsteilung) die Ursache der Frauenunterdr\u00fcckung, sondern es sind vielmehr sexistische Ideologien, Vorstellungen, Sprechweisen, Diskurse, die zu Machtverh\u00e4ltnissen und Unterdr\u00fcckung f\u00fchren. Daher unterscheidet sich auch das Programm der Befreiung grundlegend. W\u00e4hrend Marxist_Innen erkennen, dass Sexismus und Heteronormativit\u00e4t \u2013 wie jede reaktion\u00e4re Ideologie \u2013 nur dann endg\u00fcltig verschwinden k\u00f6nnen, wenn ihre materielle Grundlage beseitigt ist, so erblickt der Queerfeminismus im Kampf um diskursive Deutungen den Kern der Auseinandersetzung. Dieser unterschiedlichen strategischen Ausrichtung entsprechen verschiedene Klassenstandpunkte. Der Queerfeminismus (und vor ihm der Radikalfeminismus) bringt jenen des Kleinb\u00fcrger_Innentums und der Mittelschichten zum Ausdruck, der Marxismus jenen der proletarischen Frauen wie der gesamten Arbeiter_Innenklasse.<\/p>\n<p>Ein heute eher marginales Dasein fristet der \u201esozialistische Feminismus\u201c. Dieser versuchte in den 1970er Jahren, Feminismus und Marxismus zu verbinden und stellte zweifellos die linkeste Str\u00f6mung innerhalb des Feminismus dar. Doch auch dieser war nicht in der Lage, die Schw\u00e4chen v.\u00a0a. des radikalen Feminismus zu \u00fcberwinden, sondern kombinierte sie auf theoretischer Ebene nur mehr oder weniger zusammenhangslos mit marxistischen Vorstellungen (siehe beispielhaft den Artikel zur Debatte um \u201eLohn f\u00fcr Hausarbeit\u201c in dieser Ausgabe).<\/p>\n<p><strong>Aber was f\u00fcr einen Antisexismus brauchen wir dann?<\/strong><\/p>\n<p>Wir k\u00e4mpfen f\u00fcr eine internationale, multiethnische, proletarische Frauenbewegung, die sich weltweit vernetzt und ihre K\u00e4mpfe mit einer antikapitalistischen Perspektive verbindet. Dabei sagen wir klar, dass es einen gemeinsamen Kampf von arbeitenden Frauen und M\u00e4nnern braucht. Das leitet sich daraus ab, dass die Angeh\u00f6rigen der Arbeiter_Innenklasse ein gemeinsames historisches Interesse haben, den Kapitalismus zu st\u00fcrzen \u2013 im Gegensatz zu Frauen aus der Bourgeoisie, aber auch aus dem Kleinb\u00fcrger_Innentums und den Mittelschichten. Daneben kann nur ein gemeinsamer Kampf, also beispielsweise Streiks, Demonstrationen gen\u00fcgend Druck auf- und bestehende Spaltungsmechanismen langsam abbauen. Daf\u00fcr einzutreten, bedeutet aber auch einen konsequenten Kampf gegen Sexismus, Chauvinismus und Machismus in der Arbeiter_Innenklasse selbst zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Dies geht in einem gemeinsamen Kampf besser. Wir wissen aber auch, dass \u201edie M\u00e4nner\u201c in den Gewerkschaften, im Betrieb und nicht zuletzt in der \u201ePartner_Innenschaft\u201c nicht ohne Druck auf ihre Privilegien verzichten werden. Ein Mittel sind dazu verpflichtende antisexistische Reflexionsrunden, Awarenessteams auf Veranstaltungen und die Schaffung von Strukturen, bei denen man \u00fcbergriffiges Verhalten melden kann. F\u00fcr Frauen bedarf es des Rechts auf Schutzr\u00e4ume, in denen man sich gesondert treffen kann, gezielter politischer F\u00f6rderung und einer Entlastung von technischen Aufgaben.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus ist Aufgabe einer internationalen, multiethnischen, proletarischen Bewegung, die unterschiedlichen Probleme, die Frauen auf der Welt haben, zu thematisieren und eine Perspektive f\u00fcr alle aufzuwerfen: ob nun von der Muslima, die das Recht hat, ihren Glauben so zu praktizieren, wie sie es m\u00f6chte, \u00fcber schwarze Frauen, die nicht l\u00e4nger der massiven Polizeigewalt und rassistischen Angriffen in den USA ausgesetzt sein wollen bis hin zur pakistanischen Arbeiterin, die nicht l\u00e4nger f\u00fcr einen Hungerlohn arbeiten will.<\/p>\n<p>Egal ob f\u00fcr gefl\u00fcchtete Frauen, lesbische, bi-, trans- oder asexuelle oder Frauen aus Halbkolonien oder Industrienationen: Aufgabe ist es, f\u00fcr die unterschiedlichen Situationen die Gemeinsamkeiten in der sexistischen Unterdr\u00fcckung herauszustellen, aber auch die Unterschiede aufzuzeigen, und wie sie mit der Unterdr\u00fcckung, die man als Frau erf\u00e4hrt, sowie mit anderen Faktoren zusammenh\u00e4ngen. Betrachtet man dies genauer, kommt heraus, dass \u00fcberall auf der Welt Frauen mit \u00e4hnlichen Problemen konfrontiert sind.<\/p>\n<ol>\n<li><strong> Volle rechtliche Gleichstellung und Einbeziehung in den Produktionsprozess!<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Auch wenn gefeiert worden ist, dass nun \u00fcberall auf der Welt Frauen w\u00e4hlen d\u00fcrfen (dass dies z.\u00a0B. in Saudi-Arabien nur f\u00fcr Kommunalwahlen gilt, wird au\u00dfer Acht gelassen), haben Frauen vielerorts nicht die gleichen Rechte. Das bedeutet praktisch beispielsweise erschwerte Scheidungsm\u00f6glichkeit oder keine politische Teilhabe. In der gleichen Situation befinden sich auch alle Frauen, die sich auf der Flucht befinden und deswegen an ihrem Aufenthaltsort nicht die Staatsb\u00fcrger_Innenrechte in Anspruch nehmen k\u00f6nnen. Insgesamt sorgt das daf\u00fcr, dass Frauen als Menschen zweiter Klasse behandelt und durch ihre Isolation entm\u00fcndigt werden. Ein Verbot, arbeiten zu gehen oder dies nur von zu Hause aus tun zu k\u00f6nnen, bedeutet vollkommene \u00f6konomische Abh\u00e4ngigkeit von dem Partner oder der Familie. Dort wo dies nicht gegeben ist, m\u00fcssen wir die Gewerkschaften dazu auffordern, eben jene in unsere Reihen aufzunehmen. Dies ist ein wichtiger Schritt, der deutlich macht, dass auch sie Teil der Arbeiter_Innenklasse sind, \u00e4hnlich wie Arbeitslose.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong> Gleiche Arbeit, gleicher Lohn!<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>W\u00e4hrend Reaktion\u00e4r_Innen versuchen, den Lohnunterschied damit zu erkl\u00e4ren, dass Frauen einfach in weniger gut bezahlten Berufen arbeiten, weil sie angeblich k\u00f6rperlich \u201enicht so hart arbeiten k\u00f6nnen\u201c wie M\u00e4nner, ist f\u00fcr uns klar: Der Unterschied in der Lohnh\u00f6he folgt aus der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, die der Kapitalismus reproduziert. Der Lohn der Frau erscheint bis heute in den meisten L\u00e4ndern als \u201eZuverdienst\u201c zum Mann. Der Lohnunterschied manifestiert a) die Rolle der Frau in der Familie, denn wenn sie weniger verdient, ist sie es, die \u201enat\u00fcrlich\u201c zu Hause bleibt, um auf Kinder oder pflegebed\u00fcrftige Personen aufzupassen; b) die Abh\u00e4ngigkeit vom Partner. Dadurch werden Frauen auch \u201eleichter\u201c aus der Arbeit gedr\u00e4ngt oder noch st\u00e4rker in prek\u00e4re, schlecht bezahlte Arbeit oder Teilzeitjobs. Deswegen m\u00fcssen wir gemeinsam daf\u00fcr k\u00e4mpfen, dass es keine Spaltung innerhalb der Arbeiter_Innenklasse durch Geschlecht oder Nationalit\u00e4t gibt. Denn diese f\u00f6rdert die Konkurrenz und Abstiegs\u00e4ngste untereinander und schw\u00e4cht somit auch die gemeinsame Kampfkraft. Daher treten wir f\u00fcr gleiche L\u00f6hne, Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen ein, um die Auswirkungen der Konkurrenz wenigstens zur\u00fcckzudr\u00e4ngen!<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong> Selbstbestimmung \u00fcber den eigenen K\u00f6rper!<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Ob durch religi\u00f6se Vorschriften, rassistische Hetze oder Abtreibungsgegner_Innen: \u00dcberall auf der Welt sind Frauen damit konfrontiert, dass man versucht, \u00fcber ihre K\u00f6rper zu bestimmen. Deswegen treten wir daf\u00fcr ein, dass Frauen selbstst\u00e4ndig entscheiden k\u00f6nnen, was sie tragen oder ob sie schwanger werden\/bleiben wollen.<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li><strong> Recht auf k\u00f6rperliche Unversehrtheit!<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Ob nun sexuelle Grenz\u00fcberschreitungen, Vergewaltigungen oder reine Gewalt aufgrund des Geschlechtes wie bei Femiziden: Gewalt gegen Frauen ist allgegenw\u00e4rtig!<\/p>\n<p>Dabei ist herauszustellen, dass dies ein internationales Problem ist und nicht auf bestimmte Regionen bzw. Religionen beschr\u00e4nkt ist, wie manche Reaktion\u00e4r_Innen behaupten. F\u00fcr uns ist klar: Es gibt keine Religion, die mehr oder weniger b\u00f6se ist als andere Religionen. Es ist vielmehr eine Frage der gesellschaftlichen Basis und politischen Bedingungen, wo und wie stark religi\u00f6se Vorstellungen zur Ideologie r\u00fcckschrittlicher Bewegungen werden und Einfluss gewinnen.<\/p>\n<p>Doch essentiell ist es, die Forderung nach Selbstverteidigungskomitees im Schulterschluss mit anderen Unterdr\u00fcckten aufzuwerfen \u00e4hnlich wie die Gulabi-Gang, nur demokratisch organisiert, also mit direkter W\u00e4hl- und Abw\u00e4hlbarkeit und in Verbindung mit der Arbeiter_Innenbewegung. Der Vorteil solcher Strukturen besteht darin, dass man Frauen nicht als passive Opfer darstellt, sondern ihnen auch die M\u00f6glichkeit gibt, sich aktiv gegen Unterdr\u00fcckung zu wehren. Daneben ist die Forderung nach Selbstverteidigungskomittees f\u00fcr Marxist_Innen wichtig, denn es bedeutet, keine Hoffnung in Polizei oder Milit\u00e4r zu setzen und ein Gegengewicht gegen ihr Gewaltmonopol bzw. gegen\u00fcber dem des b\u00fcrgerlichen Staates allgemein zu schaffen.<\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li><strong> Vergesellschaftung der Hausarbeit<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Dies ist eine essentielle Forderung, um die Doppelbelastung von Frauen zu beenden und letzten Endes auch einer der Schritte, die die geschlechtliche Arbeitsteilung -und mit ihr die Stereotype beenden. Grundgedanke ist es, die Arbeit, die wir tagt\u00e4glich verrichten, um uns zu reproduzieren (essen, W\u00e4sche waschen, Kindererziehung), nicht l\u00e4nger im stillen K\u00e4mmerlein alleine zu absolvieren, sondern sie kollektiv zu organisieren und auf alle H\u00e4nde zu verteilen. Dies kann dann beispielsweise in Form von Kantinen oder Waschk\u00fcchen ablaufen, an denen sich beispielsweise alle aus dem Bezirk beteiligen. Dadurch muss man dann nicht jeden Tag kochen oder jede Woche W\u00e4sche waschen und es wird klar, dass eben diese Aufgaben nicht nur reine \u201eFrauensachen\u201c sind.<\/p>\n<p>Im Kapitalismus findet so was nicht statt (oder nur in Ausnahmesituationen wie Kriegen), da kein Interesse herrscht, die Kosten f\u00fcr die Reproduktion staatlich zu organisieren.<\/p>\n<p><strong>Wie kommen wir zu so einer Bewegung?<\/strong><\/p>\n<p>Wie bereits geschrieben, erleben wir in der aktuellen Situation international viele K\u00e4mpfe. Ein Weg, bestehende K\u00e4mpfe zusammenzuf\u00fchren, bedeutet, Solidarit\u00e4t zu zeigen. Dabei hat diese viele Ebenen: So ist es beispielsweise positiv, dass das B\u00fcndnis f\u00fcr sexuelle Selbstbestimmung in Berlin immer Redner_Innen aus anderen L\u00e4ndern wie Polen oder Irland die M\u00f6glichkeit gibt, zu reden und dar\u00fcber hinaus die Proteste sichtbar zu machen durch beispielsweise eigene Demobl\u00f6cke. Das ist ein guter Schritt in die richtige Richtung. Doch dabei d\u00fcrfen wir es nicht belassen. Solidarit\u00e4tsbekundungen sind gut, Solidarit\u00e4tsaktionen sind besser! Diese sorgen n\u00e4mlich daf\u00fcr, dass das Bewusstsein, dass wir zusammen k\u00e4mpfen m\u00fcssen, um erfolgreich zu sein, steigt.<\/p>\n<p>Damit diese nicht nur den Kreis an Menschen erreichen, der sich eh schon f\u00fcr die Thematik interessiert, ist es wichtig, Antisexismus auch an den Orten, an denen wir uns tagt\u00e4glich bewegen m\u00fcssen, zu thematisieren: also den Schulen, Universit\u00e4ten und Betrieben. Dies kann durch Veranstaltungen oder Vollversammlungen passieren. Geschieht das Ganze im Zuge einer Aktion, so ist es wichtig, im Zuge deren Aktions- und Streikkomitees zu gr\u00fcnden, damit jene, die aktiv bleiben wollen, sich koordinieren und ihren Protest demokratisch organisieren k\u00f6nnen. Daneben macht es Sinn aufzuzeigen, wo gemeinsame Ber\u00fchrungspunkte bestehen, und K\u00e4mpfe miteinander zu verbinden. Denn der Kampf gegen repressive Abtreibungsgesetze in Argentinien hat die gleichen Ursachen wie die in Polen, El Savador, Irland oder Deutschland. Damit mehr Ber\u00fchrungspunkte aufkommen, macht es auch Sinn, solche Diskussionen mit Problemen, die vor Ort existieren, zu diskutieren wie beispielsweise sexistische \u00dcbergriffe oder Bemerkungen oder mangelnde Debatte \u00fcber Abtreibungsaufk\u00e4rung. Doch damit eine Bewegung erfolgreich wird, ist es wichtig, bereits existierende Organisationen zu beteiligen. In Deutschland w\u00e4ren das Gewerkschaften, die SPD oder Linkspartei, also Organisationen, die eine Anbindung zur Arbeiter_Innenklasse haben. Dabei bedeutet Beteiligung nicht nur, dass man unter einem Demoaufruf steht, sondern offen die eigene Mitgliedschaft zu Aktionen mobilisiert und diese motiviert, Aktions- und Streikkomitees aufzubauen. Alles andere ist halbherzig. Damit das passiert, m\u00fcssen wir Druck aus\u00fcben und Organisationen offen dazu auffordern. Um den Protest international zu verbinden, braucht es dar\u00fcber hinaus Aktionskonferenzen, \u00e4hnlich der Weltsozialforen, wo Organisationen zusammenkommen und gemeinsam \u00fcber die Programmatik, Forderungen und gemeinsame Aktionen diskutieren. Denn nur wenn wir eine Bewegung sind, die ihre Basis auf der Stra\u00dfe hat und nicht nach einem Tag verschwunden ist, k\u00f6nnen wir unsere Forderungen durchsetzen. Schlie\u00dflich und nicht zuletzt braucht es eine revolution\u00e4r-kommunistische Frauenbewegung als Sammlung der Arbeiter_Innenavantgarde, als Struktur der und in Verbindung mit einer neuen revolution\u00e4ren Weltpartei der Arbeiter_Innenklasse \u2013 der (aufzubauenden) F\u00fcnften Internationale!<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2019\/03\/05\/welchen-antisexismus-brauchen-wir\/\"><em>Fight, Revolution\u00e4re Frauenzeitung, M\u00e4rz 2019&#8230;<\/em><\/a><em> vom 7. M\u00e4rz 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jaqueline Katherina Singh. Wir leben in unruhigen Zeiten. Rechte Populist_Innen und Reaktion\u00e4r_Innen gewinnen an Popularit\u00e4t. Mit ihnen wird rassistische Hetze wieder salonf\u00e4hig sowie neoliberale K\u00fcrzungspolitik<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,5],"tags":[25,87,32,45,14],"class_list":["post-5034","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitswelt","tag-frauenbewegung","tag-neoliberalismus","tag-postmodernismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5034","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5034"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5034\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5035,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5034\/revisions\/5035"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5034"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5034"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5034"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}