{"id":5064,"date":"2019-03-12T08:51:14","date_gmt":"2019-03-12T06:51:14","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5064"},"modified":"2019-03-12T08:51:31","modified_gmt":"2019-03-12T06:51:31","slug":"landesweiter-streik-erschuettert-das-algerische-regime","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5064","title":{"rendered":"Landesweiter Streik ersch\u00fcttert das algerische Regime"},"content":{"rendered":"<p><em>Will Morrow. <\/em><strong>Am Sonntag begann ein f\u00fcnft\u00e4giger Generalstreik f\u00fcr ein Ende des Regimes von Pr\u00e4sident Abdelaziz Bouteflika, an dem sich Zehntausende Arbeiter in Algerien beteiligten. Gro\u00dfe Teile des Landes<!--more--> kamen durch den Streik zum Erliegen.<\/strong><\/p>\n<p>Die Bewegung gegen die Regierung Bouteflika, die am 22. Februar mit Studentendemonstrationen begann, zieht immer gr\u00f6\u00dfere Teile der Bev\u00f6lkerung an und tritt in ein neues Stadium ein. Die Arbeiterklasse entwickelt sich zur grundlegenden revolution\u00e4ren Kraft in dieser Bewegung.<\/p>\n<p>Der Aufruf zum Streik wurde im Internet durch soziale Netzwerke von Arbeitern verbreitet, die unabh\u00e4ngig von den Gewerkschaften agieren. Das gesamte Bildungs- und Verkehrssystem waren betroffen, daneben blieben Einkaufszentren, H\u00e4fen und private Industriezentren geschlossen.<\/p>\n<p>Der Zugverkehr im ganzen Land kam zum Erliegen. In der Hauptstadt Algier fuhren keine U-Bahnen, Busse oder Stra\u00dfenbahnen. Auch die privaten Buslinien, die Reisende zwischen dem Ost- und dem Westteil von Algier transportieren, wurden eingestellt. Laut der Zeitung\u00a0<em>D\u00e9p\u00eache de Kabylie <\/em>informierten Busfahrer auf der Strecke von Bouira nach Algier ihre Passagiere am Samstagmorgen, dass sie am Sonntag nicht fahren w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Die Lehrer beteiligten sich \u00fcberall im Land an dem Streik. Laut der Zeitung\u00a0<em>Tout sur l\u2019Alg\u00e9rie<\/em>\u00a0(TSA) wurden die meisten Mittel- und Oberschulen geschlossen, \u201edie Sch\u00fcler, denen von ihren Lehrern frei gegeben wurde, haben seit dem Morgen demonstriert\u201c. Die Obersch\u00fcler organisierten \u00fcber Facebook Demonstrationen in Algier, Draria, El Achour, Dely Brahim, Rouiba und Bananiers.<\/p>\n<p>Die Lehrer widersetzten sich mit dem Streik den nationalen Lehrergewerkschaften, die letzte Woche zu einem eint\u00e4gigen Streik am 13. M\u00e4rz aufgerufen hatten. Dies taten die Gewerkschaften jedoch nur, um die Kontrolle zu behalten und einen l\u00e4ngeren Ausstand zu verhindern. Zuvor hatten die Lehrer bereits in zahlreichen Schulen Treffen abgehalten und f\u00fcr Demonstrationen gestimmt.<\/p>\n<p>Die\u00a0<em>D\u00e9p\u00eache de Kabylie<\/em>\u00a0schrieb am Sonntag: \u201eSeit letzter Woche haben mehrere Bildungseinrichtungen die Sch\u00fcler vor einem m\u00f6glichen Streik an den Grund-, Mittel- und Oberschulen gewarnt, allerdings \u00e4u\u00dferte sich keine der Lehrergewerkschaften zu dem Ausstand.\u201c<\/p>\n<p>Alle Universit\u00e4ten wurden geschlossen. Um einen landesweiten Streik an den Universit\u00e4t noch im letzten Moment zu verhindern, k\u00fcndigte die amtierende Nationale Befreiungsfront (FLN) am Samstag \u00fcberraschend an, dass die Ferien zehn Tage fr\u00fcher, d.h. bereits am letzten Sonntag beginnen. Studenten und Dozenten posteten auf Facebook Videos und Erkl\u00e4rungen, in denen sie die Ausweitung der Ferien verurteilten und organisierten weiterhin Demonstrationen.<\/p>\n<p>In der nordostalgerischen Hafenstadt Beja\u00efa brachten die Arbeiter die T\u00e4tigkeiten im Hafen und dem \u00f6rtlichen Werk des Lebensmittelkonzerns Cevital zum Erliegen, in dem Zucker, \u00d6l und andere Lebensmittel produziert werden. Cevital ist das gr\u00f6\u00dfte Privatunternehmen des Landes und befindet sich im Besitz des Milliard\u00e4rs Issad Rebrab. Tausende Arbeiter zogen am Sonntag durch die Stadt. Auch in Djendjen (Jijel) und Skidda streikten die Hafenarbeiter.\u00a0<em>Al Jazeera<\/em>\u00a0meldete am Sonntag jedoch, dass die Exporte davon nicht betroffen waren.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem kam es zu Streiks im \u00d6lfeld Hassi Messaoud im Osten Algeriens, das dem staatlichen Bergbaukonzern Sonatrach geh\u00f6rt, ebenso in \u00d6lfeldern in Hassi R&#8217;mel, Hassi Berkine und In Amenas. Auf Facebook erschien ein Video, auf dem Hunderte von Arbeitern die Arbeit niederlegen. Es wurde mehr als 100.000-mal angesehen. Laut der TSA weigerten sich die Besch\u00e4ftigten in den Forschungsb\u00fcros von Sonatrach in Boumerdes am Sonntagmorgen, ihre B\u00fcros zu betreten, und veranstalteten einen Sitzstreik vor dem Geb\u00e4ude. Auch Besch\u00e4ftigte des staatlichen Strom- und Gasanbieters Sonelgaz streikten.<\/p>\n<p>Weitere Streiks fanden in der Industriezone Rouiba, 30 Kilometer \u00f6stlich von Algier, statt, u.a. von Hunderten Besch\u00e4ftigten des Bus- und Autoherstellers SNVI. Auch das Industriegebiet bei Bordj Bou Arr\u00e9ridj war betroffen.<\/p>\n<p>Kleine private H\u00e4ndler und Ladenbesitzer im ganzen Land lie\u00dfen als Unterst\u00fctzungsgeste f\u00fcr den Streik ihre Gesch\u00e4fte geschlossen, u.a. in der Innenstadt von Algier, in Ouargla, Constantine, Setif, Bouira, Bejaia, Tizi-Ouzou und Bordj Bou Arr\u00e9ridj.<\/p>\n<p>Die m\u00e4chtige Bewegung der algerischen Arbeiterklasse ist Teil einer wachsenden Welle von Streiks und Demonstrationen der Arbeiter im Maghreb und auf der ganzen Welt gegen die unternehmerfreundlichen Gewerkschaftsapparate.<\/p>\n<p>Dieses Jahr kam es bisher zu einem eint\u00e4gigen Generalstreik von 700.000 Arbeitern im benachbarten Tunesien, Massenstreiks von Lehrern auf f\u00fcnf Kontinenten und wachsendem Widerstand der Autoarbeiter gegen Werksschlie\u00dfungen und Armutsl\u00f6hne, darunter die Rebellion von 70.000 mexikanischen Maquiladora-Arbeitern, die der gr\u00f6\u00dfte Streik in Nordamerika seit 20 Jahren war. Am Sonntag demonstrierten Tausende von Arbeitern algerischer Herkunft in Frankreich, einem Land, das bereits seit letztem November von den Protesten der \u201eGelbwesten\u201c ersch\u00fcttert wird.<\/p>\n<p>Im Vorfeld des Streiks hatten am letzten Freitag Hunderttausende Arbeiter und Jugendliche in ganz Algerien bei Demonstrationen Bouteflikas R\u00fccktritt gefordert. Berichten zufolge soll der Pr\u00e4sident am Sonntag aus einem Krankenhaus in Genf, wo er sich laut seinen Beratern die letzten zwei Wochen \u00fcber zu einer Routineoperation aufgehalten hat, nach Algerien eingeflogen worden sein. Der 82-j\u00e4hrige ist nach einem Schlaganfall im Jahr 2013 physisch nicht in der Lage, \u00f6ffentlich Reden zu halten. Er ist eine Galionsfigur der inneren Kreise seines Regimes und des Milit\u00e4rs, das die wahre Macht aus\u00fcbt.<\/p>\n<p>Die algerische Arbeiterklasse wird nicht nur durch ihren Widerstand gegen Bouteflikas korruptes und verkrustetes Regime in den Kampf getrieben, sondern auch durch ihren Widerstand gegen Armut, Arbeitslosigkeit und soziale Ungleichheit, f\u00fcr die dieses Regime verantwortlich ist.<\/p>\n<p>Die offiziellen \u201eOppositionsparteien\u201c behaupten, sie w\u00fcrden die Bewegung gegen Bouteflika unterst\u00fctzen. Allerdings stehen sie den Forderungen der Arbeiter genauso feindlich gegen\u00fcber wie das Regime. Sie wollen sicherstellen, dass seine Absetzung nur zu personellen Ver\u00e4nderungen f\u00fchrt, durch die sie selbst besseren Zugang zu Reichtum und Macht bekommen.<\/p>\n<p>Am Freitag berichtete\u00a0<em>Al Jazeera<\/em>, mehr als 30 Oppositionsparteien h\u00e4tten sich in der Hauptstadt in der Zentrale der Partei Talaie El Hourriyet getroffen, die von Bouteflikas ehemaligem Premierminister Ali Benflis gegr\u00fcndet wurde. Unter diesen Parteien befand sich auch die Arbeiterpartei (PT) von Louisa Hanoune. All diese Parteien diskutieren mit der Milit\u00e4rf\u00fchrung und der Regierung \u00fcber eine m\u00f6gliche Macht\u00fcbergabe mit dem Ziel, die wachsende Bewegung der Arbeiterklasse zu unterdr\u00fccken. Am Sonntagnachmittag ver\u00f6ffentlichte die FLN eine Erkl\u00e4rung, laut der sie dabei ist, \u201emit allen politischen Akteuren zusammenzuarbeiten, um aus dieser Krise einen Ausweg zu finden, der das nationale Interesse am wenigsten beeintr\u00e4chtigt.\u201c<\/p>\n<p>Am Sonntag erkl\u00e4rte die PT-Vorsitzende Hanoune in der Tageszeitung\u00a0<em>El Watan<\/em>, die Regierung m\u00fcsse \u201eauf die W\u00fcnsche der Bev\u00f6lkerung eingehen und diesen hochgef\u00e4hrlichen Prozess aufhalten\u201c, andernfalls \u201em\u00fcsse sie die Verantwortung daf\u00fcr \u00fcbernehmen, dass das Land ins Chaos steuert\u201c. Sie verurteilte nicht genannte Personen, die \u201ezur Ablehnung der Parteien aufrufen\u201c und erkl\u00e4rte, diese w\u00fcrden \u201eden revolution\u00e4ren Aufruhr in einen Arabischen Fr\u00fchling verwandeln, d.h. in ein blutiges Chaos\u201c, das in einem \u201efaschistischen Staat\u201c m\u00fcnde.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist die PT durch ihre jahrzehntelange Unterst\u00fctzung f\u00fcr das Bouteflika-Regime diskreditiert. Wenn Hanoune vor \u201eChaos\u201c warnt, dr\u00fcckt sie die Angst des Regimes vor einer Revolution aus.<\/p>\n<p>Mit ihrem Verweis auf den arabischen Fr\u00fchling behauptet sie, dass alle Versuche der Arbeiter, den revolution\u00e4ren Kampf aufzunehmen, mit einem neuen autorit\u00e4ren Regime (wie in Tunesien) oder einer Milit\u00e4rdiktatur (wie in \u00c4gypten) enden wird.<\/p>\n<p>Hierbei handelt es sich um einen Versuch, die Arbeiter politisch zu entwaffnen. Der Ausgang der Ereignisse in \u00c4gypten und Tunesien sind darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass die Arbeiterklasse die Revolution nicht zu Ende f\u00fchren, d.h. den Kapitalismus mangels einer revolution\u00e4ren F\u00fchrung nicht st\u00fcrzen und einen Arbeiterstaat errichten konnte. Die PT versucht, die algerische Arbeiterklasse auf ein \u00e4hnlich blutiges Ergebnis vorzubereiten, indem sie sie den verschiedenen Teilen der algerischen Bourgeoisie unterordnet.<\/p>\n<p>Dies verdeutlicht, wie notwendig es f\u00fcr die Arbeiterklasse ist, die grundlegenden politischen Lehren aus den revolution\u00e4ren Massenk\u00e4mpfen von 2011 zu ziehen. In \u00c4gypten hat das Milit\u00e4r einen Staatsstreich durchgef\u00fchrt, um die K\u00e4mpfe der Arbeiterklasse zu zerschlagen. Das Milit\u00e4r war dazu in der Lage, nicht weil die Arbeiter den revolution\u00e4ren Kampf aufgenommen hatten, sondern weil sie nicht die notwendige revolution\u00e4re F\u00fchrung hatten, die sich auf die Perspektive der sozialistischen Weltrevolution st\u00fctzt. Deshalb konnte die herrschende Klasse die Arbeiterklasse desorientieren und ihre K\u00e4mpfe hinter die kapitalistischen Parteien kanalisieren.<\/p>\n<p>Die wichtigste Aufgabe bleibt der Aufbau einer revolution\u00e4ren F\u00fchrung in der Arbeiterklasse auf der Grundlage der Theorie der permanenten Revolution, die Leo Trotzki, einer der F\u00fchrer der Russischen Revolution und Gr\u00fcnder der Vierten Internationale, formuliert hat. Die grundlegenden sozialen Interessen der algerischen Arbeiter und unterdr\u00fcckten Massen \u2013 soziale Gleichheit, demokratische Rechte und ein Ende der imperialistischen Herrschaft \u2013 k\u00f6nnen nur erreicht werden durch den Kampf f\u00fcr Arbeiterregierungen im ganzen Maghreb und der Welt, den Sturz des Kapitalismus und seine Abl\u00f6sung durch den Sozialismus im Weltma\u00dfstab. F\u00fcr diese Perspektive gilt es zu k\u00e4mpfen [&#8230;]<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2019\/03\/12\/alge-m12.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 12. M\u00e4rz 2019; leicht gek\u00fcrzt durch Redaktion maulwuerfe.ch<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Will Morrow. Am Sonntag begann ein f\u00fcnft\u00e4giger Generalstreik f\u00fcr ein Ende des Regimes von Pr\u00e4sident Abdelaziz Bouteflika, an dem sich Zehntausende Arbeiter in Algerien beteiligten. 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