{"id":5081,"date":"2019-03-17T11:25:55","date_gmt":"2019-03-17T09:25:55","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5081"},"modified":"2019-03-17T11:25:55","modified_gmt":"2019-03-17T09:25:55","slug":"ueber-die-neu-entstehung-des-faschismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5081","title":{"rendered":"\u00dcber die Neu-Entstehung des Faschismus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wie wichtig ist das Konzept des Faschismus im 21. Jahrhundert? Und wie sollen wir es definieren? Der franz\u00f6sische Autor Ugo Palheta sprach mit Socialist Review<!--more--> dar\u00fcber, wie sich diese Problematik heute in Frankreich entwickelt.<\/strong><\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<p><strong>Viele Menschen argumentieren, dass der Faschismus ein historisches Ph\u00e4nomen im Zusammenhang mit der Zwischenkriegszeit ist und im 21. Jahrhundert keine Bedeutung mehr hat. Warum bestehst du in deinen Formulierungen auf der Kontinuit\u00e4t des faschistischen Projekts?<\/strong><\/p>\n<p>Die Leugnung einer zeitgen\u00f6ssischen faschistischen Gefahr beruht oft entweder auf der Vorstellung, dass der Faschismus einzig eine Auswirkung des Ersten Weltkriegs h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, die au\u00dferhalb dieses Kontextes undenkbar war, oder dass er das Ergebnis der besonderen historischen Entwicklung Italiens und Deutschlands war. Meine theoretische Perspektive ist radikal anders. Nat\u00fcrlich hat sich der Faschismus in einem bestimmten historischen Kontext und in spezifischen nationalen Gegebenheiten etabliert, wobei er je nach diesen Gegebenheiten unterschiedliche Formen annahm. Aber sie ist vor allem Ausdruck der Versch\u00e4rfung der grundlegenden Widerspr\u00fcche des Kapitalismus und der daraus resultierenden wirtschaftlichen, politischen und ideologischen Zerfallsprozesse.<\/p>\n<p>Unter diesen Bedingungen entstehen massenreaktion\u00e4re Bewegungen, die eine Rhetorik des politischen Bruchs \u2013 eines radikalen Bruchs mit dem Establishment \u2013 verwenden, w\u00e4hrend sie kein anderes Projekt haben als die St\u00e4rkung einer hierarchischen, autorit\u00e4ren und rassistischen Ordnung.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich gibt es also keinen Grund zu der Annahme, dass der Faschismus mit der milit\u00e4rischen Niederlage der Nazis unterging. Im Gegenteil, w\u00e4hrend der Nachkriegszeit wurde das faschistische Projekt aktualisiert, haupts\u00e4chlich durch Parteien, die von offenen Faschisten gegr\u00fcndet wurden (Front National-FN in Frankreich, FP\u00d6 in \u00d6sterreich, etc.), aber auch durch Parteien, die haupts\u00e4chlich von der konservativen Rechten kamen, wie die AfD in Deutschland.<\/p>\n<p>Faschisten unserer Zeit k\u00f6nnen nicht genau die gleichen Mittel einsetzen, um ihre Ziele zu erreichen, noch k\u00f6nnen sie ihre Ziele klar zum Ausdruck bringen oder sich ausdr\u00fccklich auf den Faschismus beziehen, da dies sie dadurch elektoral an Rand gedr\u00e4ngt w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Aber sie halten immer noch an den meisten Zielen des Faschismus fest und ihre Strategie lehnt sich weitgehend an die der faschistischen F\u00fchrer der Zwischenkriegsjahre an, wenn auch in einem historischen Kontext, der sich im Gegensatz zu den 1920er und 30er Jahren eher f\u00fcr einen &#8222;Positionskrieg&#8220; als f\u00fcr einen &#8222;Bewegungskrieg&#8220; (um Gramsci&#8217;s Kategorien zu verwenden) eignet.<\/p>\n<p><strong>Weitherum wird die Einsch\u00e4tzung geteilt, dass Marine Le Pen die Nationale Front &#8222;entdiabolisiert&#8220; und sie entscheidend von der faschistischen Partei zur &#8222;national-populistischen&#8220; Partei gemacht habe. Kannst du erkl\u00e4ren, warum so viele, auch auf der Linken, diese Auffassung teilen und warum du sie ablehnst?<\/strong><\/p>\n<p>Der \u00dcbergang von der Kategorie des &#8222;Faschismus&#8220; zu der des &#8222;Nationalpopulismus&#8220; f\u00fcr die Charakterisierung der FN fand in den 90er Jahren im intellektuellen Milieu statt. Linke Aktivisten und Aktivistinnen sind weit davon entfernt, gegen Kategorien immun zu sein, die aus der akademischen Welt kommen. Doch wenn sie sich dieser intellektuellen Offensive bez\u00fcglich der FN unterordneten, dann deshalb, weil die antifaschistischen Traditionen in der franz\u00f6sischen Linken schwach, nur oberfl\u00e4chlich verwurzelt und vor allem bei der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF) auf das Gedenken an den franz\u00f6sischen Widerstand reduziert waren, ohne aber dessen Erbe am Leben zu erhalten.<\/p>\n<p>So entstand auch in den 1980er und 1990er Jahren, trotz einiger sehr wichtiger und erfolgreicher Initiativen \u2013 gerade auch um ein Netzwerk namens Ras l&#8217;Front (Genug mit der Front) \u2013 keine massenhafte antifaschistische Bewegung.<\/p>\n<p>Wir sollten also den Begriff &#8222;Populismus&#8220; bei der Charakterisierung der FN zur\u00fcckweisen, nicht zuletzt wegen seiner theoretischen Vagheit, die es neoliberalen Ideologen erlaubt, M\u00e9lenchon und Le Pen in Frankreich oder Bernie Sanders und Donald Trump in den Vereinigten Staaten in den gleichen &#8222;populistischen&#8220; Topf zu stecken, ohne dass jemand \u00fcberhaupt wei\u00df, was sie gemeinsam haben. Noch wichtiger ist, dass die FN grunds\u00e4tzlich seit ihrer Gr\u00fcndung im Jahr 1972 am selben Projekt festh\u00e4lt, trotz kosmetischer rhetorischer Ver\u00e4nderungen; diese haben einfach den Zweck, ein respektables Wahlgesicht zu konstruieren, um eine Massenbasis f\u00fcr diese Mischung aus extremem Nationalismus und ultraautorit\u00e4rem Verhalten zu schaffen, die das Herzst\u00fcck des faschistischen Projekts bildet.<\/p>\n<p><strong>Der Historiker Robert Paxton hat die Bedeutung g\u00fcnstiger &#8222;Rahmenbedingungen und Verb\u00fcndeter&#8220; f\u00fcr das Wachstum und den Fortschritt des Faschismus hervorgehoben. Wie haben die Entwicklungen in der franz\u00f6sischen Mainstream-Politik das Wachstum der Front unterst\u00fctzt und gef\u00f6rdert?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist in der Tat ein entscheidender Aspekt. Die Faschisten k\u00f6nnen die Macht nur erobern, wenn es einen Zusammenfluss zwischen der Entwicklung einer Bewegung mit einem Massenpublikum (zumindest einem Wahlpublikum) und der Radikalisierung gro\u00dfer Teile der Bourgeoisie und b\u00fcrgerlicher Parteien in Richtung Autoritarismus gibt. Schon vor der Bildung von B\u00fcndnissen mit den Faschisten schaffen b\u00fcrgerliche Politiker und Ideologen einen fruchtbaren Boden f\u00fcr das Wachstum des Faschismus, indem sie Politiken verfolgen und eine Sprache verwenden, die sich zunehmend am Programm der Faschisten anlehnen.<\/p>\n<p>Dies ist eines der typischen Symptome der faschistischen Gefahr \u2013 es wird immer schwieriger, die Grenze zwischen konservativer Rechten und Faschismus in Bezug auf das, was sie sagen, zu finden. Das ist es, was in vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern und anderswo geschieht.<\/p>\n<p>F\u00fcr Frankreich w\u00fcrde ich sagen, dass die bedeutendste Dimension die Kapitulation der Sozialistischen Partei (SP) vor der neoliberalen Offensive (1983 mit der &#8222;Sparpolitik&#8220;) und ihre Akzeptanz einer Anti-Migrationsideologie in den sp\u00e4ten 1980er Jahren war, die Einwanderung und Einwanderer als zu l\u00f6sendes Problem darstellte und so die kriminelle Politik begr\u00fcndete.<\/p>\n<p>Seit 2000 verfolgen sowohl die Rechte als auch die Linke eine Politik, die die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse und der Zwischenschichten verschlechtert, die Arbeiterbewegung geschw\u00e4cht (Gewerkschaften unterdr\u00fcckt, arbeiterfeindliche Gesetze usw.), w\u00e4hrend sie gleichzeitig eine D\u00e4monisierung des Islam f\u00f6rdern, Muslime als Feinde der Republik, der Juden, der Frauen usw. ins Visier nehmen und gegen sie gezielt diskriminierende Politiken durchsetzen, zum Beispiel Verbote f\u00fcr den Hijab.<\/p>\n<p><strong>Eine Antwort auf den Aufstieg der Faschisten ist, sie als keine echte Bedrohung abzutun. Eine andere ist Panik und L\u00e4hmung und sie als unaufhaltsame Kraft zu betrachten. Wo liegen die Schw\u00e4chen und Schwachstellen der Nationalen Front?<\/strong><\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Schw\u00e4che der FN besteht darin, dass sie, zumindest vorerst, keine Massenpartei ist. Sie ist zweifellos eine Massenpartei auf Wahlebene (mehr als 10,5 Millionen Stimmen f\u00fcr Marine Le Pen im zweiten Wahlgang der Pr\u00e4sidentschaftswahlen 2017), aber organisatorisch und in ihrer Verankerung bleibt sie schwach, au\u00dfer in bestimmten Gegenden, wo sie politisch solide und gut verwurzelte Kader aufbauen konnte.<\/p>\n<p>Sie hat nicht mehr als einige zehntausend Mitglieder, derzeit wahrscheinlich etwa 50.000, die au\u00dferhalb der Wahlperioden im Allgemeinen nicht sehr aktiv sind (aber es sei darauf hingewiesen, dass Frankreich seit dem Niedergang der PCF und der SP links, aber auch auf der gaullistischen Rechten keine wirklichen Massenparteien mehr hat). Sie hat eine weitere Schw\u00e4che auf einer programmatischeren Ebene. Es ist ihr vorerst nicht gelungen, ein politisches und wirtschaftliches Projekt zu entwickeln, das eine soziale Mehrheit erringen kann, weil es eine zusammengesetzte W\u00e4hlerschaft hat \u2013 verarmte Lohnabh\u00e4ngige, kleine Selbstst\u00e4ndige, Nachwuchskr\u00e4fte \u2013 mit divergierenden objektiven Interessen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich ist es ihr (noch?) nicht gelungen, signifikante Teile der konservativen Rechten zu gewinnen, auch wenn die Entwicklung von Dupont-Aignan, einem rechtsgerichteten \u00dcberl\u00e4ufer, der sich vor der zweiten Runde 2017 hinter Le Pen gestellt hat, zeigt, dass die Faschisten Zugang zu zus\u00e4tzlichen rechts-b\u00fcrgerlichen W\u00e4hlerreserven erhalten k\u00f6nnten, zumal wir eine Radikalisierung der konservativen W\u00e4hlerschaft erlebt haben, so dass in den kommenden Jahren einige Hemmnisse verschwinden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p><strong>Wie sehen die Aussichten aus, heute eine umfassendere Herausforderung f\u00fcr die Nationale Front in Frankreich aufzubauen \u2013 eine, die insbesondere deren Rassismus in Bezug auf Einwanderung und Islamophobie in Frage stellt \u2013 aber auch auf ihren faschistischen Kern zielt und diesen offenbart?<\/strong><\/p>\n<p>Was das vorhin Gesagte betrifft, so ist es nat\u00fcrlich eine grundlegende \u2013 aber gerade in Frankreich eine untersch\u00e4tzte \u2013 Aufgabe der Linken und der Bewegungen, den Aufbau der FN als Massenorganisation aufzuhalten. Das bedeutet, sie daran zu hindern, auf lokaler Ebene \u00f6ffentlich aufzutreten, \u00f6ffentliche Versammlungen zu organisieren, Vertrauen zu gewinnen und ihre Anh\u00e4nger, die vorerst gr\u00f6\u00dftenteils passiv bleiben, zu mobilisieren.<\/p>\n<p>Der Aufbau einer antifaschistischen Bewegung steht in Frankreich nach wie vor auf der Tagesordnung; dabei muss aber beachtet werden, dass Macron die anti-FN-Rhetorik intensiv f\u00fcr rein opportunistische Zwecke einsetzt.<\/p>\n<p>Antifaschismus kann sich nur als klare Opposition zur jetzigen Regierung und ihrer neoliberalen, autorit\u00e4ren und fremdenfeindlichen Politik entwickeln. Das bedeutet nicht, dass der Antifaschismus selbst ein Programm f\u00fcr einen tiefgreifenden sozialen Wandel haben sollte, sondern dass es m\u00f6glich sein sollte, um ihn herum eine gemeinsame Front (von politischen, gewerkschaftlichen und basisdemokratischen Kr\u00e4ften) aufzubauen: f\u00fcr einen Bruch mit dem Neoliberalismus, f\u00fcr die Eroberung einer echten Demokratie und f\u00fcr den Kampf gegen den Rassismus, insbesondere gegen seine institutionellen und strukturellen Formen.<\/p>\n<p>Die franz\u00f6sische Linke ist dieser letzten Dimension des antifaschistischen Kampfes, als aktive antirassistische Politik, oft ausgewichen, obwohl Rassismus eine zentrale Rolle bei der Schw\u00e4chung der Arbeiterklasse und dem Erfolg der FN spielt. Die Dinge \u00e4ndern sich vielleicht, aber wir haben noch einen langen Weg vor uns. Es liegt an uns, durch unsere K\u00e4mpfe die Herausforderung der aktuellen historischen Situation anzunehmen, die sowohl \u00e4u\u00dferst gef\u00e4hrlich als auch voller Potenziale ist.<\/p>\n<p>Ugo Palheta ist der Autor von La possibilit\u00e9 du fascisme: Frankreich, la trajectoire du d\u00e9sastre (2018) und Herausgeber der Online-Zeitschrift Contretemps, dank Dimitris Daskalakis f\u00fcr die \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><em><a href=\"http:\/\/socialistreview.org.uk\/444\/how-fascism-has-been-reinvented\">socialistreview.org.uk&#8230;<\/a><\/em><em> vom 15. <\/em><em>M\u00e4rz 2019; \u00dcbersetzung durch Redaktion maulwuerfe.ch<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00dcbersetzt mit www.DeepL.com\/Translator<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/socialistreview.org.uk\/444\/how-fascism-has-been-reinvented\"><em>socialistreview.org.uk&#8230;<\/em><\/a> vom 15. M\u00e4rz 2019; \u00dcbersetzung durch Redaktion maulwuerfe.ch<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00dcbersetzt mit www.DeepL.com\/Translator<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie wichtig ist das Konzept des Faschismus im 21. Jahrhundert? Und wie sollen wir es definieren? 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