{"id":5125,"date":"2019-03-22T17:49:14","date_gmt":"2019-03-22T15:49:14","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5125"},"modified":"2019-03-22T17:49:14","modified_gmt":"2019-03-22T15:49:14","slug":"wie-banker-anwaelte-und-superreiche-europa-ausrauben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5125","title":{"rendered":"Wie Banker, Anw\u00e4lte und Superreiche Europa ausrauben"},"content":{"rendered":"<p><em>#CumExFiles. <\/em><strong>London, 7. August 2018. <\/strong>Sie haben die Suite auf 18 Grad heruntergek\u00fchlt. Jede Schwei\u00dfperle auf der Stirn w\u00e4re verr\u00e4terisch. Sie d\u00fcrfen nicht nerv\u00f6s wirken. Der Gast, den sie erwarten, hat nerv\u00f6s zu sein.\u00a0<!--more--><\/p>\n<p>Der Blick vom 37. Stock des \u201eShard\u201c macht sie leicht schwindlig. Vor der bodentiefen Fensterfront tigern die beiden M\u00e4nner auf und ab. Der eine plappert aufgekratzt in einem fort, der andere ist still, \u00e4u\u00dferlich entspannt. Die ganze Londoner City breitet sich unter ihnen aus: Die Themse, Canary Wharf, Tower Bridge, St. Paul\u2019s Cathedral. In den Glast\u00fcrmen des Finanzdistrikts spiegeln sich die Sonnenstrahlen. Die Menschen unten auf der Promenade, sie sind klein wie Ameisen.<\/p>\n<p>Der Duft der Orchideen in der Porzellanvase liegt schwer in der Luft. Die Flasche Veuve Cliquot k\u00fchlt im Eiseimer auf dem Glastisch. Alles steht bereit. F\u00fcnf Kameras sind installiert. Eine in einer scheinbar achtlos auf dem Tisch abgelegten Windsor-T\u00fcte. Eine zwischen den Buchdeckeln eines Thrillers im Regal. Sie alle richten sich auf einen noch leeren Sessel der Sitzgruppe.<\/p>\n<p>Als das Telefon um 13.51 Uhr klingelt, neun Minuten zu fr\u00fch, zucken sie kurz zusammen. Die Singapurerin im eng geschnittenen schwarzen Etui-Kleid hebt den H\u00f6rer ab und raunt ihnen zu: \u201eEr ist da.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u00a0Sag der Rezeption, dass wir ihn in f\u00fcnf Minuten abholen.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Sie schauen sich an. Es geht los.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/correctiv.org\/autor\/oliver-schroem\">Oliver Schr\u00f6m<\/a>\u00a0ist jetzt nicht mehr Chefredakteur von\u00a0<em>CORRECTIV<\/em>, sondern Otto, der \u00c4ltere eines Br\u00fcderpaars. Christian Salewski ist nicht mehr ein Reporter des ARD-Magazins\u00a0<em>Panorama<\/em>, sondern der j\u00fcngere Halbbruder, Felix. Otto und Felix sind deutsche Milliardenerben mit Wohnsitz in der Schweiz, bereit, sich gleich auf ein fragw\u00fcrdiges Investment im dreistelligen Millionenbereich einzulassen.\u00a0Die Frau im schwarzen Kleid ist nicht mehr PR-Beraterin und Ehefrau eines Kollegen, sondern ihre Assistentin.<\/p>\n<p>Zu ihrer Rolle geh\u00f6rt es, den Gast, der zu fr\u00fch dran ist, noch nicht abzuholen. Ihn warten zu lassen. Mindestens noch 15 Minuten. Soll er doch in der Lobby schwitzen.<\/p>\n<p>Der Gast, nennen wir ihn Amal Ram, wird 45 Minuten Zeit haben, den Milliard\u00e4ren sein Finanzprodukt schmackhaft zu machen. Die Reporter haben 45 Minuten Zeit, einen Verdacht zu erh\u00e4rten, dem sie seit \u00fcber einem Jahr nachgehen: Dass nicht nur deutschen Steuerzahlern Unsummen geraubt wurden, sondern denen\u00a0in halb Europa. Und dass der gr\u00f6\u00dfte Steuerraub aller Zeiten nicht vorbei ist.<\/p>\n<p>Wenn Amal Ram das vorhat, was sie glauben, steht die n\u00e4chste Runde unmittelbar bevor. Deshalb haben sie den Investmentbanker in eine Falle gelockt.<\/p>\n<p>Als ihre Fake-Assistentin mit dem Fahrstuhl nach unten in die Lobby f\u00e4hrt, geht Otto ins Schlafzimmer. Er, der Senior, soll erst sp\u00e4ter dazu kommen.<\/p>\n<p><strong>Deutschland, 2017: <\/strong>Die erste Enth\u00fcllung<\/p>\n<p>31,8 Milliarden Euro. Um\u00a0<a href=\"https:\/\/live0.zeit.de\/infografik\/2017\/SteuerschadenCum-Cum(2017-05-16).pdf\">soviel<\/a>\u00a0hat eine Seilschaft aus Aktienh\u00e4ndlern, Steuerberatern, Bankern und Anlegern den Staat nachweislich ausgepl\u00fcndert, wie ein achtk\u00f6pfiges Team von\u00a0<a href=\"https:\/\/daserste.ndr.de\/panorama\/archiv\/2017\/Milliarden-aus-der-Staatskasse-Auf-der-Spur-der-Steuerraeuber,cumex118.html\">Panorama<\/a>,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2017\/24\/cum-ex-steuerbetrug-steuererstattungen-ermittlungen\/komplettansicht\">Zeit<\/a>\u00a0und\u00a0<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2017-05\/cumex-skandal-steuern-verlorene-gelder-deutschland\">Zeit Online<\/a>\u00a02017 enth\u00fcllte. Mehr als ein Jahr lang hatten die Journalisten Unterlagen von einem Datenstick ausgewertet. Sie belegten, in welchem Ausma\u00df Banken und Investoren sich Steuern auf Aktiengesch\u00e4fte zur\u00fcckerstatten lie\u00dfen, die ihnen nicht zustanden.\u00a0Diese windigen Finanzkonstrukte tragen die Namen\u00a0Cum-CumEine inl\u00e4ndische Bank hilft einem ausl\u00e4ndischen Investor, eine Steuerr\u00fcckzahlung zu ergattern, auf die dieser keinen Anspruch hat. Der Gewinn wird zwischen den Beteiligten aufgeteilt. Cum-Cum ist per se nicht illegal. Die Bundesregierung geht aber von einem steuerlichen Gestaltungsmissbrauch aus, wenn Gesch\u00e4fte rein steuerlich motiviert sind.\u00a0und\u00a0Cum-ExEine Steuer wird einmal abgef\u00fchrt und doppelt oder noch \u00f6fter vom Fiskus zur\u00fcckerstattet. \u201eCum\u201c steht f\u00fcr mit \u201eDividende\u201d, \u201eEx\u201c f\u00fcr \u201eohne Dividende\u201c. Mittlerweile sind auch Mischformen entstanden. Und neue, noch aggressivere Mutationen, f\u00fcr die es noch gar keine Namen gibt. Cum-Ex und Cum-Cum sind also nur zwei Spielarten steuergetriebener Gesch\u00e4fte..<\/p>\n<p>Hinter diesen kryptischen Begriffen verbirgt sich eine perfide Maschine zum Gelddrucken.<\/p>\n<p>Die genaue Ausgestaltung dieser Aktiengesch\u00e4fte rund um den\u00a0DividendenstichtagDie Dividende ist der Teil des Gewinns, den eine Aktiengesellschaft an ihre Aktion\u00e4re aussch\u00fcttet. In Deutschland passiert das in der Regel einmal im Jahr.\u00a0von Konzernen ist hoch komplex. Aber das Grundprinzip dahinter ist simpel: Die Deals dienen einzig und allein dem Zweck, Steuergelder einzuheimsen. Ansonsten steht keinerlei Wert hinter dem Handel. Jeder, der sich an diesem Gesch\u00e4ft beteiligt, wird reicher. Und der Staat wird \u00e4rmer, eins zu eins.<\/p>\n<p>Man kann es sich vorstellen wie einen Betrug rund um das Kindergeld. Bei Cum-Cum-Gesch\u00e4ften lassen sich Deutsche, die gar keine Kinder haben, welche aus London schicken, melden sie in Deutschland an und schicken sie ein paar Tage sp\u00e4ter wieder nach London. Das Kindergeld teilen sie mit den Vermittlungsagenturen. Bei Cum-Ex-Gesch\u00e4ften und deren Varianten werden die Kinder gleich auf mehrere Familien angemeldet. Pro Kind gibt es also mehrfach Kindergeld. Der einzige Unterschied: Bei Betrug mit Aktien geht es jedes Mal um Millionen.<\/p>\n<p>Cum-Ex-Gesch\u00e4fte sind also nicht einfach Steuervermeidung. Wer Steuern vermeidet, der zahlt nicht in die gemeinsame Kasse ein. Wer Cum-Ex-Deals macht, der nimmt etwas aus der Kasse heraus, das andere eingezahlt haben. Und was sie noch zynischer erscheinen l\u00e4sst: Die Deals nehmen kurz vor der Finanzkrise richtig an Fahrt auf. Also in einer Zeit, in der der Staat die Banken vor dem Kollaps retten wird, wiederum mit Steuergeldern.<\/p>\n<p>Was geht in den K\u00f6pfen von Menschen vor, die so handeln? Bislang gelang es nicht, die mutma\u00dflichen T\u00e4ter zum Sprechen zu bringen. Schr\u00f6m und Salewski wollen sie verstehen lernen. Denn nur so k\u00f6nnen sie herausfinden, bis wohin sie gegangen sind &#8211; und was sie als n\u00e4chstes tun werden.<\/p>\n<p><em>CORRECTIV<\/em>\u00a0hat ein Reporterteam aus zw\u00f6lf L\u00e4ndern koordiniert. 37 Journalisten haben die Spuren von Cum-Ex, Cum-Cum und vergleichbaren steuergetriebenen Gesch\u00e4ften durch ganz Europa verfolgt. Undercover sind Schr\u00f6m und Salewski ins Innere dieser Maschinerie vorgedrungen. In die K\u00f6pfe ihrer Ingenieure.<\/p>\n<p>Um ihnen auf die Schliche zu kommen, m\u00fcssen sie lernen, zu f\u00fchlen und zu denken wie sie.\u00a0Sie werden sich eine neue Identit\u00e4t zulegen, sich von Kennern der Szene coachen lassen, sich verkleiden. Ein Hauptakteur der Cum-Ex-Szene wird sie in seine Welt mitnehmen. Auch ihn m\u00fcssen sie maskieren. Nur mit einem neuen Gesicht wird der Insider vor laufender Kamera exklusiv erkl\u00e4ren, wie man sich einen eigenen Glauben schuf und die \u201eTeufelsmaschine\u201c baute, wie er sie nennt.<\/p>\n<p>Aber von vorne.<\/p>\n<p><strong>Hamburg, Fr\u00fchsommer 2017: <\/strong>Neue Daten und ein alter Bekannter<\/p>\n<p>Schr\u00f6m und Salewski, damals beide Reporter bei\u00a0<em>Panorama<\/em>, stehen zusammen mit ihren Kollegen kurz vor der Ver\u00f6ffentlichung des Milliardenraubzugs, als sie einen zweiten USB-Stick bekommen. Er enth\u00e4lt interne Unterlagen und Kommunikation von Banken, Hedgefonds und gro\u00dfen internationalen Wirtschaftskanzleien. Vor der Ausstrahlung der Sendung k\u00f6nnen sie das neue Material nicht mehr auswerten.<\/p>\n<p>In den Tagen danach finden sie eine Email auf dem Stick, datiert auf den 7. Januar 2007:<\/p>\n<p>\u201eLieber Paul\u201c, beginnt die Nachricht und teilt das Ergebnis einer verabredeten Recherche mit: Steuerexperten der Kanzlei h\u00e4tten herausgefunden, dass man solche Strukturen in der Schweiz und \u00d6sterreich aufbauen k\u00f6nne. Desweiteren sei es sehr wahrscheinlich m\u00f6glich, solche Strukturen in Finnland, Spanien und Frankreich aufzusetzen.<\/p>\n<p>Der Absender ist Hanno Berger, bekannt als \u201eMr. Cum-Ex\u201c. Der 67-J\u00e4hrige ist eine Steuerkoryph\u00e4e mit eigener Kanzlei in Frankfurt &#8211; und war Hauptprotagonist ihres\u00a0<a href=\"https:\/\/daserste.ndr.de\/panorama\/archiv\/2017\/Milliarden-aus-der-Staatskasse-Auf-der-Spur-der-Steuerraeuber,cumex118.html\">Panorama-Films<\/a>. Berger erstellte Rechtsgutachten. Sie legten dar, dass es legal sei, sich Steuern erstatten zu lassen, die nie gezahlt wurden.\u00a0Der Empf\u00e4nger: Paul Mora, Aktienh\u00e4ndler, ebenfalls ein Cum-Ex-Mastermind der ersten Stunde. Er orchestrierte die Aktiendeals. Er plante, welcher Partner wann welche Aktien kaufen soll.<\/p>\n<p>Nur, warum finden die Reporter keinerlei Medienberichte \u00fcber solche Aktiengesch\u00e4fte in den erw\u00e4hnten L\u00e4ndern? Haben Berger und Mora ihre Pl\u00e4ne dort nie umgesetzt?<\/p>\n<p>Oder aber haben sie die L\u00e4nder gepl\u00fcndert &#8211; und die wissen bis heute nichts davon? Passiert es wom\u00f6glich noch in diesem Augenblick?<\/p>\n<p>Denkbar ist es: Das\u00a0SteuergeheimnisW\u00e4hrend die EU europaweite Datenbanken betreibt, um Fl\u00fcchtlinge zu erfassen oder Informationen \u00fcber Terroristen zu teilen, gibt es so etwas f\u00fcr Steuergesch\u00e4fte nicht.\u00a0erschwert es der Justiz der europ\u00e4ischen L\u00e4nder, sich auszutauschen. Deutsche Staatsanw\u00e4lte k\u00f6nnen ihre ausl\u00e4ndischen Kollegen nicht einfach warnen, wenn sie Hinweise haben, dass ihre Nachbarn ausgeraubt werden. Als w\u00fcrde man mit dem Fernrohr einen Mord hinter der Grenze beobachten und nicht bei der Polizei anrufen.<\/p>\n<p><strong>Newsletter<\/strong><\/p>\n<p>Der Steuerraub weitet sich auf ganz Europa aus. Bleiben Sie auf dem Laufenden zur Recherche \u201eDie CumEx Files\u201d und der Arbeit von CORRECTIV.<\/p>\n<p>E-Mail-Adresse<\/p>\n<p>Und noch eine Information erh\u00e4lt das Panorama-Team, die alle elektrisiert: Die Staatsanwaltschaft K\u00f6ln hat jetzt einen Insider, der gegen seine ehemaligen Kollegen aussagt. Es handelt sich um Benjamin Frey, die einstige rechte Hand von Hanno Berger. Frey hei\u00dft eigentlich anders. Schr\u00f6m erinnert sich gut an ihn.<\/p>\n<p>2014 trifft Schr\u00f6m den Cum-Ex-Anwalt in einer Lounge am Z\u00fcrcher Flughafen. Er hatte gerade im\u00a0<a href=\"https:\/\/www.presseportal.de\/pm\/6329\/2691350\">stern<\/a>\u00a0enth\u00fcllt, wie eine Reihe von prominenten Investoren, allen voran Carsten\u00a0MaschmeyerDer breiten \u00d6ffentlichkeit ist der einstige Vorstand des Finanzvertriebs AWD als Investor in der TV-Show \u201eDie H\u00f6hle der L\u00f6wen\u201d und als Ehemann von Schauspielerin Veronica Ferres bekannt. Sein dreistelliges Millionen-Verm\u00f6gen machte er als AWD-Chef mit dem Verkauf von Schrottanleihen. Zehntausende Kleinsparer verloren durch Maschmeyers AWD hohe Summen., Millionen in Cum-Ex-Gesch\u00e4fte steckten, ohne angeblich gewu\u00dft zu haben, dass die Rendite aus der Steuerkasse stammt. Bergers Kompagnon will den Reporter davon abbringen, in einem Folgeartikel seinen Namen zu erw\u00e4hnen. Er tritt in der Uniform der Banking-Szene auf:\u00a0ma\u00dfgeschneiderter Anzug, rote Krawatte. Der Tonfall: selbstbewusst bis herablassend. Das Treffen geht wenig harmonisch auseinander.<\/p>\n<p><strong>\u00a0Bei mir hat sich auch etwas im Kopf getan. Das m\u00fcssen Sie mir glauben.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Der asketisch aussehende Mann, auf den Schr\u00f6m im Fr\u00fchsommer 2017 auf dem K\u00f6lner Flughafen trifft, hat wenig mit dem arroganten Anwalt von damals zu tun. Die Krawatte ist weg. Statt Lederschuhen tr\u00e4gt er Camper. Bevor Frey \u00fcber die Vergangenheit spricht, sprudelt aus ihm heraus, dass er nun Sport macht. Seine Ern\u00e4hrung umgestellt hat. Keinen Alkohol mehr trinkt. Jeden Morgen duscht er 20 Minuten eiskalt, geht bei Wind und Wetter in Shorts in den Garten, macht Atem\u00fcbungen, meditiert.<\/p>\n<p>\u201eBei mir hat sich auch etwas im Kopf getan. Das m\u00fcssen Sie mir glauben\u201c, sagt Frey. Ein anderer Mensch sei er geworden. Tatsache ist: Er hat die Seiten gewechselt. Seit sechs Monaten stellt Frey sich den Fragen der Staatsanwaltschaft in K\u00f6ln, ob nun aus Kalk\u00fcl oder \u00dcberzeugung. \u201eIch habe die Hosen heruntergelassen, bis auf die Kn\u00f6chel\u201c, beteuert er.<\/p>\n<p>Frey erz\u00e4hlt von dem Tag, der die Wende einleitete.<\/p>\n<p>22.Oktober 2014, sechs Uhr morgens. Frey steht in seiner Z\u00fcrcher Villa mit Seeblick unter der Dusche. Es klingelt. Drau\u00dfen stehen acht Polizisten, halten seiner Frau, die mit dem Baby auf dem Arm die T\u00fcr \u00f6ffnet, ihre Dienstausweise vors Gesicht. \u201eEs war der Tag der gr\u00f6\u00dften Angst in meinem Leben\u201c, sagt Frey. Die Polizisten durchsuchen seine ganze Villa, er muss mit auf die Wache, darf nur noch rasch eine Zahnb\u00fcrste einpacken. Ab da lebt er mit der Angst.<\/p>\n<p>Straffreiheit gegen Aussagen, darauf hofft Frey. Deshalb spricht er mit der Staatsanwaltschaft. R\u00fcckhaltlos, wie er sagt. Andernfalls drohen mindestens sieben Jahre Gef\u00e4ngnis wegen Mitt\u00e4terschaft beziehungsweise Beihilfe zur Steuerhinterziehung und zum gewerbsm\u00e4\u00dfigen Betrug.<\/p>\n<p>Frey verspricht, sich auch den Reportern gegen\u00fcber zu \u00f6ffnen. Ihnen die \u201eTeufelsmaschine\u201c zu zeigen, wie er das Cum-Ex-Konstrukt nun nennt. Die einzige Bedingung: Sein Name darf nicht erw\u00e4hnt werden. Anonymit\u00e4t gegen exklusives Interview. Das ist der Deal.<\/p>\n<p><strong>Kopenhagen, 4. Oktober 2017: <\/strong>Die Grenz\u00fcberschreitung<\/p>\n<p>Auch in D\u00e4nemark recherchieren Journalisten zu Cum-Ex. Um 1,7 Milliarden Euro wurden die Steuerzahler dort betrogen. Im B\u00fcro des d\u00e4nischen \u00f6ffentlichen Rundfunks projizieren Schr\u00f6m und Salewski Bergers E-Mail an die Wand &#8211; und sie sorgt auch bei den d\u00e4nischen Kollegen f\u00fcr Aufregung.<\/p>\n<p>Paul Mora, der Empf\u00e4nger der Email, erz\u00e4hlen sie, war Gesch\u00e4ftspartner von Sanjay Shah. Und so wie das deutsche Team die Spuren von Berger und Mora verfolgte, so hatten die d\u00e4nischen Reporter sich \u00fcber Monate an die Fersen von Shah geheftet.<\/p>\n<p>Shah hat D\u00e4nemark um 1,3 Milliarden Euro erleichtert. Allein mit seinem\u00a0HedgefondsHedgefonds sind hoch spekulative Investmentfonds. Gewinnchancen und Verlustrisiko sind sehr hoch. Urspr\u00fcnglich wurden sie zur Absicherung gegen diverse Risiken erfunden.<em>Solo Capital LLP<\/em>\u00a0erbeutete er noch knapp 750 Millionen Euro, als in Deutschland schon wegen Cum-Ex ermittelt wurde. Er ist, so erfahren die Deutschen nun, mittlerweile Dreh- und Angelpunkt des Milliardenbetrugs.<\/p>\n<p>Nun f\u00fcgen sie die Teile zusammen.<\/p>\n<p>Shah, Investmentbanker in London und Sohn indischer Einwanderer, wendet die gleiche Mechanik an wie Mora und Berger. Und wie Berger und Mora setzt sich auch Shah ab \u2013 nach Dubai. Er lebt auf der sogenannten \u201ePalme\u201c, einer Gruppe k\u00fcnstlich angelegter Sandinseln mit Luxusappartments, die aus der Vogelperspektive eine Palme bilden.<\/p>\n<p>Statements von Paul Mora, Sanjay Shah und Hanno Berger zu den Vorw\u00fcrfen<\/p>\n<p>Die Journalisten sto\u00dfen gemeinsam auf eine Tabelle. Eine Spalte listet die L\u00e4nder auf, in denen Berger und Mora Cum-Ex-Deals erproben wollen: Spanien, Italien, die Niederlande, \u00d6sterreich. In der n\u00e4chsten Spalte haben sie jeweils das Ergebnis ihrer Tests festgehalten: \u201eFunktioniert\u201c. Der europ\u00e4ische Raubzug nimmt Gestalt an. Aber ein Plan ist noch kein Beleg.<\/p>\n<p>Journalisten k\u00f6nnen das tun, was das Steuergeheimnis den Staatsanw\u00e4lten verbietet: Sie k\u00f6nnen \u00fcber Grenzen hinweg miteinander reden.<\/p>\n<p>Auch investigative Reporter behalten ihre Informationen normalerweise f\u00fcr sich. Jeder ist hinter dem Scoop her, der exklusiven Geschichte. Doch wenn gro\u00dfe Datenmengen und grenz\u00fcberschreitende Verst\u00f6\u00dfe im Spiel sind, schlie\u00dfen sie sich immer \u00f6fter zusammen, teilen Ressourcen, Fachwissen und Netzwerke miteinander.<\/p>\n<p>Der Kapitalmarkt ist grenzenlos. Journalismus auch.<\/p>\n<p>Erm\u00f6glichen Sie weitere Recherchen dieser Art mit Ihrer Spende.<\/p>\n<p>Den deutschen und den d\u00e4nischen Reportern wird klar: Selbst wenn es Belege f\u00fcr einen europ\u00e4ischen Raubzug auf den USB-Sticks gibt, reichen zwei Reporterteams nicht aus, um die Datenmengen zu verarbeiten.\u00a0Zudem kennen sich weder deutsche noch d\u00e4nische Journalisten mit dem Steuerrecht in Italien oder Frankreich aus oder haben gen\u00fcgend Kontakte in deren Finanzszenen.<\/p>\n<p>Um herauszufinden, ob Hanno Berger, Paul Mora und Konsorten Europa ausgeraubt haben, m\u00fcssen sie sich breiter aufstellen.<\/p>\n<p><strong>Berlin, 2. Februar 2018: <\/strong>Das Netzwerk<\/p>\n<p>15 Journalisten aus halb Europa versammeln sich im Berliner B\u00fcro von\u00a0<em>CORRECTIV<\/em>. Sie arbeiten f\u00fcr\u00a0<em>Follow the Money<\/em>\u00a0in Holland,\u00a0<em>El Confidencial<\/em>\u00a0in Spanien,\u00a0<em>Addendum<\/em>\u00a0und\u00a0<em>News<\/em>in \u00d6sterreich,\u00a0<em>Die Republik<\/em>\u00a0in der Schweiz. Kollegen der bestens in die Londoner Bankenwelt verdrahteten Nachrichtenagentur Reuters sind auch dabei.<\/p>\n<p>Das Treffen ist der Auftakt des Projekts \u201eThe CumEx-Files\u201c. Die Tech-Kollegen von\u00a0<em>CORRECTIV<\/em>\u00a0f\u00fchren die internationalen Kollegen in die Datenbank ein, die sie gebaut haben. Auf deren Laptops installieren sie eine Software, mit der sie abh\u00f6rsicher kommunizieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u201eIn Spanien hat noch nie jemand das Wort Cum-Ex geh\u00f6rt\u201c, erz\u00e4hlt die Reporterin von\u00a0<em>El Confidencial<\/em>\u00a0in der Pizzapause. \u201eMich haben Kollegen gefragt, ob ich jetzt auf lateinisch arbeite\u201c, sagt ein italienischer Journalist.<\/p>\n<p>Die CumEx-Files umfassen mehr als 180.000 Seiten, zusammengetragen aus vielen verschiedenen Quellen. Interne Gutachten von Banken, Steueranwaltskanzleien und Wirtschaftspr\u00fcfungsgesellschaften. Es ist ein Blick in den Maschinenraum der Cum-Ex-Welt. Kundenkarteien, Tabellen mit gehandelten Aktien, E-Mails, Kontoausz\u00fcge sowie Durchsuchungsprotokolle und Aufzeichnungen von abgeh\u00f6rten Telefonaten.\u00a0Dazu kommen Interviews mit Whistleblowern und Insidern.<\/p>\n<p>Allerdings ist es ein Blick in die Vergangenheit.<\/p>\n<p>Keine vier Wochen sp\u00e4ter meldet sich die Gegenwart.<\/p>\n<p><strong>Frankfurt, M\u00e4rz 2018: <\/strong>Ein unmoralisches Angebot<\/p>\n<p>Die Gegenwart lugt aus der Innentasche eines Jacketts. Es handelt sich um ein schriftliches Angebot f\u00fcr ein steuergetriebenes Aktiengesch\u00e4ft. Ein Informant aus Dubai hat es erhalten. Selbst tief in Cum-Ex-Deals verstrickt, wollte er pers\u00f6nlich nicht mit den beiden Reportern sprechen. Zu gef\u00e4hrlich. Aber er schickt einen Mittelsmann zum Frankfurter Flughafen.<\/p>\n<p>Es geht weiter mit steuergetriebenen Gesch\u00e4ften, mit neuen Varianten von Cum-Ex, Cum-Cum und \u00e4hnlich gelagerten Deals, sagt der Vermittler. Jetzt, in diesem Moment.<\/p>\n<p>\u201eSie glauben mir nicht?\u201c, fragt der Vermittler und greift nun ins Innere seines Jacketts. Er zieht die Papiere heraus. \u201eDieses Angebot\u201c, sagt er, \u201eist von letzter Woche. Der Anbieter ist auf Suche nach Anlegern. Sie sollen zwischen 150 und 200 Millionen investieren.\u201c<\/p>\n<p>Er macht keine Anstalten, Schr\u00f6m und Salewski das Papier auszuh\u00e4ndigen. Stattdessen referiert er:<\/p>\n<p>\u201eDie Anlage soll zwischen 100 und 150 Tage laufen. Es werden Aktien gehandelt. Hier wird das \u201aoverall risk\u2019 beschrieben, das \u00fcbergeordnete Risiko. Das k\u00f6nnen Sie gleich mal nachlesen, es steht \u00fcberall: \u201alow, low, low\u2019\u201c. Und trotz des geringen Risikos soll die Anlage hoch profitabel sein: \u201eWenn Sie mit 200 Millionen reingehen, k\u00f6nnen Sie mit einer Rendite von 12 Prozent rechnen, ungef\u00e4hr so hoch wie bei Cum-Ex in Deutschland, als es dort noch m\u00f6glich war.\u201c<\/p>\n<p>Salewski: \u201eEs schaut ja fast so aus, als w\u00e4ren die Gesch\u00e4fte noch lukrativer als fr\u00fcher.\u201c<\/p>\n<p>Der Vermittler lacht. \u201eDas ist die Ironie der Geschichte. Die Ertr\u00e4ge sind deswegen so gut, weil der Markt enger geworden ist. Kein Wunder, die Staatsanw\u00e4lte versuchen ja mittlerweile, ihn abzugraben. F\u00fcr diejenigen, die weiter aktiv sind, werden die Preise also besser.\u201c<\/p>\n<p>Salewski: \u201eK\u00f6nnen wir das Papier haben?\u201c<\/p>\n<p>Der Vermittler sch\u00fcttelt den Kopf und steckt das Dokument wieder in die Jackentasche: \u201eEs w\u00e4re zu leicht r\u00fcckverfolgbar, woher Sie es haben. So etwas wird nur an einen handverlesenen Kreis von Interessenten verschickt.\u201c<\/p>\n<p>Schr\u00f6m: \u201eKennen Sie den H\u00e4ndler?\u201c<\/p>\n<p>Vermittler: \u201eNicht pers\u00f6nlich.\u201c<\/p>\n<p>Schr\u00f6m: \u201eAber Sie kennen den Namen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa. Amal Ram.\u201c<\/p>\n<p>Amal Ram, der Mann, den die beiden Reporter undercover in dem Londoner Luxushotel treffen werden, ist ihnen da noch kein Begriff.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6ln, 24. April 2018: <\/strong>Die Maske<\/p>\n<p>Eine Maskenbildnerin hat tagelang an Benjamin Freys neuem Gesicht gearbeitet.\u00a0Schl\u00e4uche verbanden seine Nase, um ihm das Atmen zu erm\u00f6glichen, w\u00e4hrend sie feuchtes Silikon auf sein Gesicht auftrug, Schicht um Schicht. Auf den Abdruck modellierte sie ein zweites Gesicht. Neue Nase, neues Kinn, neue Lippen und Wangenpartien.\u00a0Jetzt schmiegt sich die zweite Haut aus festem Silikon an Freys echte. Er blinzelt, macht ein Selfie mit dem Handy und schickt es seiner Frau. \u201eKennst du den Typ?\u201c, schreibt er. Sie kennt ihn nicht. Test bestanden.<\/p>\n<p>Frey hat sich genau \u00fcberlegt, was er \u00fcber zwei Tage in jeweils vier Stunden sagen wird. Er wird seine Geschichte, auf die er die Reporter seit fast einem Jahr hat warten lassen, hoch strukturiert und konzentriert erz\u00e4hlen. Bevor er zu sprechen beginnt, rei\u00dft Frey die Augen unter seinem neuen Gesicht auf, pumpt sich ein paar Mal mit Luft voll. Sein k\u00fcnstliches Gesicht sieht in dem Moment furchteinfl\u00f6\u00dfend aus. F\u00fcr ihn sind es beruhigende Atem\u00fcbungen. \u201eIch habe einer Menge Menschen mit sehr viel Macht, sehr viel Einfluss, sehr viel Geld, das Spiel verdorben\u201c, beginnt er. \u201eDeswegen habe ich diese Maske auf. Und deswegen habe ich Angst.\u201c<\/p>\n<p>Dann nimmt er die Reporter mit in seine Welt. Von unten nach ganz oben. Ins Raumschiff, wie er es nennt.<\/p>\n<p>Benjamin Frey w\u00e4chst in bescheidenen Verh\u00e4ltnissen auf. In der Provinz, wo man \u201eentweder Arbeiter, Landwirt oder Arbeitsloser\u201c wird. Er ist ehrgeizig, will raus aus dieser Welt und schlie\u00dft ein Jurastudium 2001 so gut ab, dass er sich um keinen Job bewerben muss. Er wird umworben.<\/p>\n<p>Eine Gro\u00dfkanzlei hat f\u00fcr ihr j\u00e4hrliches Anwaltstreffen in London \u00fcber 2000 Anw\u00e4lte aus aller Welt eingeflogen. Auch Frey l\u00e4dt sie ein. Er kann sich gerade seinen ersten Anzug von der Stange leisten. F\u00fcr das Abendessen hat die Kanzlei das gesamte Victoria and Albert Museum in London gemietet. Frey guckt nach oben, zur gro\u00dfen Kuppel der Haupthalle hinauf, unter der zwischen Ritterr\u00fcstungen und Gem\u00e4lden die runden Zehnertische mit feinem Tischtuch aufgestellt sind.<\/p>\n<p>Auf einem von ihnen steht eine Tischkarte mit dem Namen Benjamin Frey. Rechts und links von ihm sitzt je ein Partner der Kanzlei. Beim Dinner stellen sie dem Musterabsolventen Fragen zu seinem Leben, seinen Zielen, seinen Einstellungen, auch zu Geld. Er hat keins und will viel. \u201eBei diesem Raumschiff wurde nicht eine T\u00fcr ge\u00f6ffnet und eine Treppe runtergelassen. Die haben mich reingezogen. Und dann hob dieses Raumschiff ab.\u201c<\/p>\n<p>In diesem neuen Universum gelten andere Regeln, als in der Welt, die er kannte.\u00a0Noch heute argumentieren die Cum-Ex-Prediger, allen voran Hanno Berger, dass sie lediglich die M\u00f6glichkeiten des Rechtes ausgesch\u00f6pft h\u00e4tten.\u00a0\u201eOb das moralisch verwerflich ist, ist ja kein Kriterium\u201c, sagte Berger einst.\u00a0Er wird sp\u00e4ter Freys Chef, \u00dcbervater und Mentor.<\/p>\n<p><strong>Der Glaube<\/strong><\/p>\n<p>Die Industrie ersetzt moralische \u00dcberlegungen mit einem eigenen, einem alternativen Glaubenssystem. In diesem System steht der Staat nicht f\u00fcr den Volkswillen. Er ist der Feind, weil er den Menschen &#8211; genauer: den Klienten &#8211; etwas wegnehmen will. Ob die mehr als genug haben oder nicht, spielt keine Rolle. \u201eSteuern sind f\u00fcr diese Menschen Kosten. Und Kosten geh\u00f6ren reduziert, am besten auf null.\u201c<\/p>\n<p>Der einzige Leitfaden mit normativer Autorit\u00e4t ist paradoxerweise das Gesetz, das ja der Feind irgendwann gemacht hat. Aber Berger und seine Kollegen schreiben mit an dem Gesetz. Sie bezahlen renommierte Rechtsprofessoren daf\u00fcr, Gutachten zu erstellen, die das Recht in ihrem Sinne auslegen. Aktienh\u00e4ndler und Investmentbanker wiederum st\u00fctzen sich auf diese juristischen Gutachten wie auf eine heilige Schrift.<\/p>\n<p>Ein Aktienh\u00e4ndler hat Frey von seinem ersten Arbeitstag bei einer gro\u00dfen amerikanischen Investmentbank im Steuerbereich in London erz\u00e4hlt. Auf seinem Arbeitsplatz lag ein sehr dickes Buch, das sie die Bibel nannten. Eine Zusammenstellung von Steuergutachten aus ganz Europa. Sie beschrieben, wo und wie man die besten Deals in den jeweiligen L\u00e4ndern macht.<\/p>\n<p>Das erste Gebot der Investmentbanker lautet: Du sollst Geld vermehren. Das erste Gebot der Steuerberater lautet: Du sollst alle rechtlichen M\u00f6glichkeiten ausnutzen. Du sollst nicht stehlen steht nirgends.<\/p>\n<p>Berger, ein Pfarrerssohn, argumentiert mit der an Fanatismus grenzenden Konsequenz, zu der vielleicht nur Konvertiten in der Lage sind. Jahrelang hat er diesem Staat, dem Feind, nicht einfach nur gedient. Als Regierungsdirektor am Frankfurter Elitefinanzamt war er der \u201egef\u00fcrchtetste Bankenpr\u00fcfer Deutschlands\u201c, so Frey. Er macht seinen Job so gut, dass die gro\u00dfen Banken den Erz\u00e4hlungen nach irgendwann sagen: Den k\u00f6nnen wir nicht schlagen. Also m\u00fcssen wir ihn kaufen.<\/p>\n<p>Den Angeboten der Banken widersteht Berger eine Weile. Irgendwann kommt eine Anwaltskanzlei und bietet ihm ein siebenstelliges Gehalt. Berger wird schwach. Im Jahr 1996 steigt Berger beim Finanzamt aus \u2013 und wird zum bekanntesten Steuertrickser der Republik.<\/p>\n<p>Die Quandts, Eigent\u00fcmerfamilie hinter BMW, Unternehmen wie Adidas und Karstadt, sie alle pilgerten zu Berger. \u201eSelbst Fu\u00dfballnationalspieler und einen Bundespr\u00e4sidenten, der liebe Gott hab ihn selig, habe ich auf dem Schreibtisch als Fall liegen sehen\u201c, sagt Frey.<\/p>\n<p>Die Steuerprobleme der Reichen wegzumachen, das ist noch das normale Gesch\u00e4ft einer Kanzlei wie der von Berger. Aber mit Cum-Ex und Cum-Cum verwandeln Steuern sich von einer drohenden Belastung zu einem Quell der Bereicherung.<\/p>\n<p>Um den genauen Ursprung der Konstruktion ranken sich mehrere Mythen. Einigkeit besteht dar\u00fcber, dass es mit einem technischen Fehler begann.<\/p>\n<p><strong>Die Geldmaschine<\/strong><\/p>\n<p>Frey zufolge ist ein Aktienh\u00e4ndler bei einer US-amerikanischen Investmentbank zuf\u00e4llig darauf gesto\u00dfen. Er hatte Aktien gekauft, die aber erst vier Tage sp\u00e4ter geliefert wurden. Zwischen Kauf und Lieferung lag der Dividendenstichtag, an dem der Gewinn aus der Aktie an die Eigner ausgesch\u00fcttet wird. Dieser Gewinn wird in Deutschland besteuert. Deutsche Eigner k\u00f6nnen sich die Steuer damals wieder zur\u00fcckholen, weil sie zuvor schon eine K\u00f6rperschaftssteuer bezahlt haben. Der H\u00e4ndler hatte pl\u00f6tzlich einen Betrag in H\u00f6he dieser Steuer in seinen B\u00fcchern stehen, ohne die Aktie selbst zu besitzen. 50 Millionen Pfund.<\/p>\n<p>Der Trader will den Betrag wieder loswerden, weil er ihm nicht zusteht. Er wendet sich an den Verk\u00e4ufer der Aktie. Dem wurde die Steuer aber auch schon erstattet. Die Steuerabteilung seiner Bank l\u00e4sst eine Anwaltskanzlei pr\u00fcfen, wie man das Geld dem Finanzamt wieder zukommen l\u00e4sst. Die Antwort: Das k\u00f6nnt ihr behalten. Es gibt kein Gesetz, das eine mehrfache Auszahlung verbietet. Und was nicht explizit verboten ist, ist erlaubt. Der Banker behielt das Geld. Und weil\u00a0die Steuerauszahlung automatisch geschah, lie\u00df sich der Trick unendlich oft wiederholen.<\/p>\n<p>Man muss nur gen\u00fcgend Geld f\u00fcr den Handel mit Aktien auftreiben, f\u00fcr wenige Tage. Man kann sich die Wertpapiere auch einfach nur leihen. Und viele andere Spielarten erfinden, ob sie Cum-Ex hei\u00dfen oder Cum-Cum oder anders. Entscheidend ist: Die Transaktionen finden um den Dividendenstichtag herum statt. Und die Gewinne entstehen nicht durch eine Wertsteigerung der Aktie selbst. Sie bestehen ausschlie\u00dflich aus dem Steuerbetrag.<\/p>\n<p>Frey: \u201eEs war, als h\u00e4tte man Fort Knox geknackt, nur noch besser. Warum? Weil der Staat die Quelle des Geldes war, und die konnte nicht versiegen. Wenn es das perfekte Verbrechen gibt, dann ist es das.\u201c<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich werden Gesch\u00e4fte mit 60 Prozent Rendite aufs Jahr gerechnet m\u00f6glich. Das Risiko: null. Au\u00dfer, dass man auffliegt.\u00a0Oder der Staat nicht mehr auszahlt.<\/p>\n<p>Der Raubzug, das ist Frey wichtig, wird nicht wie bei dem Film Oceans Eleven von einer kleinen Zahl genialer Ganoven ausgef\u00fchrt. Am Werk ist eine ganze Industrie aus Bankern, Anlegern, Steuerberatern &#8211; hunderte von Menschen, \u00fcber viele L\u00e4nder verteilt.<\/p>\n<p>Investmentbanker und Hedgefonds bauen das Vehikel. Trader bringen es an die Investoren. Die schie\u00dfen im Schnitt 100 Millionen Euro ein. Die Banken geben Kredite hinzu. Sie hebeln das Gesch\u00e4ft auf das bis zu 20-fache Volumen und stellen die Steuerbescheinigungen aus. Die Steueranw\u00e4lte schreiben in Gutachten, dass alles legal ist. Alle verdienen mit. Frey selbst: 50 Millionen Euro, die er nun zur\u00fcckgeben muss.<\/p>\n<p>Frey nennt es \u201eorganisierte Kriminalit\u00e4t in Nadelstreifen\u201c. Sie ist grenz\u00fcberschreitend, aber findet virtuell statt. Kommt ohne Geldkoffer aus, die \u00fcber Grenzen geschafft werden, ohne mafi\u00f6se Tischrunden in Hinterzimmern. Alle R\u00e4dchen in dem Getriebe wissen, was sie zu tun haben. Die eigentlichen Deals werden \u00fcber Prepaid-Telefone vollzogen. F\u00fcr die Absprachen gibt es also keine Zeugen, kaum Belege.<\/p>\n<p>Und der Staat? Der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2017\/24\/cum-ex-steuerbetrug-steuererstattungen-ermittlungen\">segnet die eigene Auspl\u00fcnderung auch noch ab<\/a>.<\/p>\n<p>2002, zehn Jahre nachdem\u00a0jemanden einem nie ver\u00f6ffentlichten Bericht des Beamten August Sch\u00e4fer von 1992, der ihm zufolge auch an das Bundesfinanzministerium ging.\u00a0aus dem hessischen Wirtschaftsministerium erstmals vor solchen Gesch\u00e4ften warnte, weist der Bankenverband das Bundesfinanzministerium auf die Gefahr einer doppelten Auszahlung hin &#8211; und liefert gleich eine Idee mit, wie das Problem beseitigt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>2007, ein Jahr, bevor Lehman Brothers pleite geht und die globale Finanzkrise ausl\u00f6st, setzt die Politik diesen\u00a0Vorschlag. Die Cum-Ex-Gesch\u00e4fte funktionieren nicht mehr, wenn der Aktienverk\u00e4ufer eine inl\u00e4ndische Bank ist. Das \u00e4ndert nichts, da es genug ausl\u00e4ndische Banken gibt.\u00a0des Bankenverbands ohne jegliche \u00c4nderung um &#8211; und er\u00f6ffnet damit die Cum-Ex-Party erst so richtig. Ihren H\u00f6hepunkt, so Frey, erreicht sie 2010.<\/p>\n<p>Frey erkl\u00e4rt das mit intensiver Lobbyarbeit einerseits. Und mit der Komplexit\u00e4t des Steuerrechts andererseits: \u201eDiejenigen, die das irgendwann mal ins Gesetz geschrieben haben, verstehen gar nicht mehr, was f\u00fcr eine Maschine sie da gebaut haben. Deswegen holt man sich die Mechaniker, wenn etwas zu ver\u00e4ndern ist, lieber aus der Industrie.\u201c\u00a0 \u00a0 Er hat noch ein anderes Bild f\u00fcr den Vorgang: Der Staat fragt die F\u00fcchse, wie man denn die T\u00fcr zum H\u00fchnerstall so verriegeln k\u00f6nnte, dass sie nicht mehr reinkommen.<\/p>\n<p><strong>Die Gier<\/strong><\/p>\n<p>Das Prinzip von Gier lautet: Es ist nie genug. Bei Frey \u00e4u\u00dferte sie sich so: \u201eSie haben einen Status und denken: Jetzt habe ich es geschafft. Dann treffen Sie auf jemanden, der hat nicht nur einen Porsche, sondern der hat zwei. Und dann kommt auch diese Energie dazu, Sie sind ja st\u00e4ndig unterwegs. Ich dachte, ich w\u00e4re ein besserer Mensch, weil ich im Flugzeug vorne sitzen darf. Und auf Langstrecke d\u00fcrfen Sie auch noch erste Klasse fliegen, denken: Jetzt habe ich es geschafft! Dann steigen Sie aus, und der Trader, den Sie in der Besprechung treffen, kam mit dem Privatjet.\u201c<\/p>\n<p>Freys Traum war einmal eine Villa auf Mallorca. Er ist zu Besuch in der Villa eines Gesch\u00e4ftspartners, der zwei Villen auf Mallorca hat, beide mit \u00fcber 1000 Quadratmetern Grundfl\u00e4che. Wieso zwei Villen auf einer Insel, fragt er. Die Antwort: Im Norden ist es im Schnitt zwei Grad k\u00fchler. Wenn es in der S\u00fcdvilla im Sommer zu hei\u00df wird, ziehe er in die im Norden.<\/p>\n<p>Auch bei Cum-Ex, Cum-Cum und vergleichbaren Aktiengesch\u00e4ften gibt es ein kleines Saisonproblem: In Deutschland funktioniert der Coup nur einmal im Jahr, zum Dividendenstichtag. Wenn man das Konstrukt auch f\u00fcr andere L\u00e4nder aufsetzen w\u00fcrde, h\u00e4tte man eine Ganzjahresgeldmaschine. Andere L\u00e4nder, andere Stichtage, mehrere Jagdsaisons.<\/p>\n<p>Am Anfang steht die Gier. Aber irgendwann, sagt Frey, wird Geld zur abstrakten Gr\u00f6\u00dfe. Es ginge nicht mehr um die n\u00e4chsten Millionen. Es ginge um Herausforderungen, um Thrill. Man k\u00f6nnte auch sagen: Zur Gier gesellen sich Arroganz und Allmachtphantasien.<\/p>\n<p>\u201eStellen Sie sich ein 38 Stockwerke hohes Haus in Frankfurt vor. Wenn Sie dann runtergeguckt haben auf die Stra\u00dfe, auf die Taunusanlange, dann haben Sie nur noch ganz kleine Menschen gesehen. Wir haben von da oben aus dem Fenster geguckt und haben gedacht: Wir sind die Schlausten. Wir sind die Genies. Und ihr seid alle doof.\u201c<\/p>\n<p>Wobei: Manchmal hat man sich die Menschen dort oben, im 32. Stock im Skyper in Frankfurt, Taunusanlage 1, offenbar zumindest vorgestellt. Bei Meetings mit Bankern fallen Spr\u00fcche wie: \u201eWer sich nicht damit identifizieren kann, dass in Deutschland weniger Kinderg\u00e4rten gebaut werden, weil wir solche Gesch\u00e4fte machen, der ist hier falsch.\u201c<\/p>\n<p>Niemand verl\u00e4sst den Raum.<\/p>\n<p>Skrupel, betont Frey, h\u00e4tte er auch unter den Anlegern nicht erlebt: \u201eIch kenne kaum einen, der unser Angebot ausschlug.\u201c Die wenigen Ausnahmen taten dies aus Angst vor Reputationsverlust, falls es durch die Medien \u00f6ffentlich wird. Wahrscheinlich h\u00e4tten nicht alle jede Einzelheit der Deals verstanden. Aber das Grundprinzip, das sei jedem klar gewesen: \u201eDie Rendite kommt vom Staat. Und der Staat kann nicht pleite gehen.\u201c<\/p>\n<p>Und wenn einem doch mal so ein Gef\u00fchl dazwischenkommt, dass vielleicht nicht alles okay ist?<\/p>\n<p>Frey sagt: \u201eL\u00e4sst du diesen Gedanken zu, fliegst du aus dem Team. Dann wirst du aus diesem Raumschiff rausgeschmissen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Der Ausstieg<\/strong><\/p>\n<p>Als Frey den Gedanken im Fr\u00fchjahr 2016 nicht nur zul\u00e4sst, sondern auch \u00e4u\u00dfert, treffen sich die Freunde von damals auf dem Z\u00fcrcher Flughafen. F\u00fcr Frey f\u00fchlt es sich an wie ein Tribunal. An einem gro\u00dfen Konferenztisch sitzt er mit seinem Rechtsanwalt auf der einen Seite. Alle anderen gegen\u00fcber, zwei an der Stirnseite. Eineinhalb Stunden lang wirken seine Weggef\u00e4hrten auf ihn ein. Pr\u00e4sentieren Gesetzestexte, die ihn \u00fcberzeugen sollen, dass sie im Recht sind, und dass der Staat nach wie vor der Feind ist. Dass man nicht mit ihm kooperieren muss, wie Frey es da laut \u00fcberlegt, sondern ihn bek\u00e4mpfen kann, \u201emit dem scharfen Schwert des Gesetzes\u201c. Hanno Berger, Freys Mentor, hat da schon die Staatsanw\u00e4lte mit der ersten Strafanzeige \u00fcberzogen, wegen Verfolgung Unschuldiger.<\/p>\n<p>Irgendwann sagt Freys Anwalt zu der Runde: \u201eWissen Sie, wir haben das alles geh\u00f6rt. Aber wir machen alles genau anders.\u201c\u00a0Genau anders hei\u00dft: Wir kooperieren mit der Justiz.<\/p>\n<p>Stille. Frey rutscht auf seinem Stuhl runter und wartet auf die Explosion. Doch die Welt explodiert nicht. Es bilden sich Schwei\u00dfperlen. Auf den Stirnen der M\u00e4nner auf der anderen Tischseite. Panik greift um sich. So erz\u00e4hlt es zumindest Frey.<\/p>\n<p>Fakt ist: In den folgenden Monaten werden weitere Verd\u00e4chtige zum Feind \u00fcberlaufen.<\/p>\n<p>Hanno Berger wird von seinem mond\u00e4nen Bergdorf in der Schweiz aus weiter prozessieren. Nicht nur gegen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Auch gegen Schr\u00f6m und dessen Kollegen wird er Strafanzeige stellen. In von der Staatsanwaltschaft abgeh\u00f6rten Telefonaten schimpft Berger \u00fcber \u201eSchweinerichter\u201c, nennt den Staat \u201etotalit\u00e4r\u201c und \u201elinks-faschistoid\u201c.<\/p>\n<p>In seinen strafrechtlichen Angelegenheiten wird Berger vertreten von:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2017\/47\/wofgang-kubicki-finanzminister-cum-ex-kritik\">Wolfgang Kubicki<\/a>. W\u00e4ren die Koalitionsgespr\u00e4che 2017 nicht geplatzt, w\u00e4re der Vizepr\u00e4sident des Bundestages und stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP heute wohl Finanzminister.<\/p>\n<p>Noch eine Frage haben die Reporter an Frey: \u201eJetzt, wo Cum-Ex in Deutschland nicht mehr funktioniert &#8211; gibt es in Europa noch M\u00e4rkte, wo diese Gesch\u00e4fte m\u00f6glich sind?\u201c<\/p>\n<p>Frey: \u201eWoher wissen Sie, dass es in Deutschland nicht mehr funktioniert?\u201c<\/p>\n<p>Die Meister, meint er, versteckten sich zwar derzeit. Aber ihr Wissen sei noch da. In den K\u00f6pfen ihrer Sch\u00fcler. \u201eEs wird wieder passieren. Ich bin sicher: Die neue Generation arbeitet schon an einem neuen Sturm.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=J1XA320LiUk&amp;t=1\"><em>Sehen Sie hier exklusiv das Insider-Interview in Spielfilml\u00e4nge<\/em><\/a><\/p>\n<p><strong>Hamburg\/Berlin, Mai 2018: <\/strong>Partys, Fische und ein Drucker<\/p>\n<p>Ist Amal Ram, der Mann mit dem unmoralischen Angebot, ein Vertreter dieser neuen Generation?<\/p>\n<p>Es braucht nur wenige Mausklicks, um den H\u00e4ndler zu identifizieren: Amal Ram, Jahrgang 1984, studierte an der Queen Mary University, London. Seine beruflichen Stationen: Maple Bank, Solo Capital und eine Privatbank in Hamburg. Es ist eine Cum-Ex-Bilderbuchkarriere, die nur einen Schluss zul\u00e4sst: Ram ist ein Z\u00f6gling von Sanjay Shah. Von dem Mann, der D\u00e4nemark ausgeraubt hat.<\/p>\n<p>Sanjay Shah geh\u00f6rt zu den schillerndsten Figuren der Cum-Ex-Szene. Nicht einmal Berger habe mit ihm Gesch\u00e4fte gemacht, meint Frey. Selbst der fand Shah zu dubios.\u00a0Frey nennt ihn: Cowboy. Verr\u00fcckter Hund. Autist.<\/p>\n<p>In sehr kurzer Zeit sei Sanjay Shah dank Cum-Ex Milliard\u00e4r geworden, wahrscheinlich mehrfacher. Jedes Jahr, zum Formel-Eins-Wochenende, l\u00e4dt er auf seine riesige Yacht vor Abu Dhabi ein. Die Yacht tr\u00e4gt den Namen \u201eCum-Ex\u201c. Die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/finanzen\/banken-versicherungen\/mutmasslicher-steuerbetrug-cum-ex-und-hopp-gegen-sanjay-shah-ermitteln-die-staatsanwaelte-erfolglos\/22644216.html\">Partys<\/a>\u00a0sind so legend\u00e4r wie die Konzerte mit Popgr\u00f6\u00dfen wie Prince und Lenny Kravitz, die Shah in London und in der W\u00fcste veranstaltet.<\/p>\n<p>Und wie sein B\u00fcro in einem der T\u00fcrme des Finanzdistrikts von Dubai.<\/p>\n<p>Als Frey das B\u00fcro betritt, das so gro\u00df ist, wie eine Turnhalle, ist es so gut wie leer. Die internationalen Ermittlungen gegen Shah laufen schon, und die Menschen, die dort einmal arbeiteten, sind weg. Daf\u00fcr schwimmen dort seltene Fische. In einem riesigen Aquarium, das in der Mitte der Halle steht. So gro\u00df wie ein Swimmingpool. \u201eIch bin nicht gut in Metern\u201c, sagt Frey. \u201eAber es waren bestimmt f\u00fcnf mal zehn.\u201c<\/p>\n<p>Ob man ein kleines Land wie D\u00e4nemark ausraubt oder nicht, ist f\u00fcr die Branche eine Frage der Risikobereitschaft. D\u00e4nemark hat wenige gro\u00dfe Aktiengesellschaften, da fallen hohe R\u00fcckzahlungsforderungen auf. Ja, man fordert den Gegner, den Staat, f\u00f6rmlich heraus. Zumal, wenn im benachbarten Deutschland die Ermittlungen auf vollen Touren laufen.<\/p>\n<p>Frey erinnert sich, wie einer der Trader einmal zu ihm sagte: \u201eShah bringt uns noch alle ins Grab. Er \u00fcbertreibt es.\u201c Wenn man den Exzess zum weiteren Exzess treibe, dann kann es gef\u00e4hrlich werden. \u201eFast alle Aktienh\u00e4ndler wussten, dass es Grenzen gibt. Er nicht.\u201c<\/p>\n<p>Shah war auch noch findiger als die anderen: Er fand einen Weg, nicht nur die Staaten zu bestehlen, sondern auch die Investmentbanken zu umgehen. Die Banken stellen f\u00fcr die Maschinerie das Schmiermittel zur Verf\u00fcgung, in Form von Millionen-, sogar Milliardenkrediten. Und sie stellen die Bescheinigungen aus, mit denen sich die Kapitalertragssteuer erstatten l\u00e4sst. Daf\u00fcr wollen sie einen Anteil. Was macht Shah? Er kauft sich einfach eine kleine Bank in Hamburg. \u201eWenn Sie alles selber steuern k\u00f6nnen, wenn Sie keinen Partner mehr brauchen, m\u00fcssen Sie auch die Beute nicht teilen\u201c, erkl\u00e4rt Frey.<\/p>\n<p>In Cum-Ex-Kreisen raunt man sich zu: Shah hat nur einen Drucker. Mehr braucht er nicht, um sich Steuerbescheinigungen auszudrucken. In Shahs H\u00e4nden wird das komplexe, vielschichtige System zu einem in sich geschlossenen Kreislauf. Darin rotiert er dieselben Aktien bis zu 20 Mal &#8211; jedes Mal wird die Steuer kassiert. Looping, nennt man diese hochgez\u00fcchtete Form der Cum-Ex-Trades.<\/p>\n<p><strong>Hamburg\/Berlin Juni 2018: <\/strong>Ein Strohmann und sein Briefkasten<\/p>\n<p>Sollte dieser Amal Ram sich tats\u00e4chlich noch mehr trauen als sein dubioser Ziehvater Shah derzeit? Ist er ein Wahnsinniger? Und folgt das Investment, das er anbietet, tats\u00e4chlich der Logik von Cum-Ex oder Cum-Cum?\u00a0 \u00a0 Um das herauszufinden, sorgen Schr\u00f6m und Salewski daf\u00fcr, dass Ram am 21. Juni 2018 eine E-Mail erh\u00e4lt. Der Absender: Simon M. Keynes, Repr\u00e4sentant einer Briefkastenfirma, registriert in einem europ\u00e4ischen\u00a0OffshoreOffshore-Standorte wie Malta oder Jersey, oft auch Steueroasen genannt, liegen h\u00e4ufig auf kleinen Inseln und zeichnen sich durch niedrige Steuern und eine minimale Finanzaufsicht aus.-Land.<\/p>\n<p>\u201eLieber Amal, Herr Smith (Name ge\u00e4ndert) in Dubai berichtete mir von Finanzierungsm\u00f6glichkeiten, die Sie im Angebot haben. Ich glaube, die Familie, die ich \u00fcber ein Single Family Office vertrete, ist grunds\u00e4tzlich an solchen Gesch\u00e4ften interessiert. Wir haben in den letzten Jahren viele gute Erfahrungen gesammelt (z.B. bei einer Bank in Hamburg).\u201c<\/p>\n<p>Er betont, dass die Familie sehr empfindlich in Bezug auf Reputationsrisiken sei. Diskretion vorausgesetzt, stellt Simon M. Keynes ein baldiges Gespr\u00e4ch in Aussicht. Ram m\u00f6ge doch im Vorfeld weitere Unterlagen schicken.<\/p>\n<p>Der Name Simon M. Keynes ist falsch, ebenso die E-Mailadresse, die hinter dem @-Zeichen den Namen der Briefkastenfirma beinhaltet. Die Briefkastenfirma selbst allerdings ist echt. Seit mehr als zehn Jahren ist sie im Handelsregister eingetragen und geh\u00f6rt einem langj\u00e4hrigen Informanten von Schr\u00f6m, der sie f\u00fcr die Kontaktaufnahme mit Ram zur Verf\u00fcgung stellt. Einen eigenen Briefkasten zu kaufen, w\u00e4re zu verd\u00e4chtig gewesen: Warum sollte eine alteingesessene Milliard\u00e4rsfamilie \u00fcber eine nur wenige Tage alte Firma kommunizieren?<\/p>\n<p>Amal Ram antwortet noch am selben Tag:<\/p>\n<p>\u201eLieber Simon, bez\u00fcglich der Verschwiegenheit und des Reputationsrisikos k\u00f6nnen Sie sich auf mich verlassen. Bitte seien Sie versichert, dass die M\u00e4rkte nicht dazugeh\u00f6ren, die gerade im \u201aSpotlight\u2019 sind. Ich werde Ihnen zwei Powerpoint-Pr\u00e4sentationen schicken. Freue mich auf Ihren Anruf und auf ein pers\u00f6nliches Treffen. Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen, Amal.\u201c \u00a0 Wie besprochen, schickt er bereits am n\u00e4chsten Tag zwei Pr\u00e4sentationen mit dem Titel \u201eFinance Proposal \u2013 Participant\u201c und \u201eFinance Proposal \u2013 Term Loan\u201c.<\/p>\n<p>Den Investoren verhei\u00dfen sie entweder schnell verdientes Geld mit geringem Reputationsrisiko. Bei Variante eins w\u00fcrden sie nur als Kreditgeber fungieren. So k\u00f6nnen sie jederzeit behaupten, nicht gewusst zu haben, dass mit ihrem Geld letztlich steuergetriebene Gesch\u00e4fte gemacht wurden. Mit Variante zwei k\u00f6nnten sie noch mehr Rendite rausholen. Da w\u00fcrden die Investoren sich am Aktienhandel beteiligen und die Steuer selbst abgreifen.<\/p>\n<p>Es scheint, als h\u00e4tte Ram eine neue Verpackung f\u00fcr steuergetriebene Aktiengesch\u00e4fte gefunden. Das Ergebnis ist das gleiche wie bei Cum-Ex oder Cum-Cum: Die Performance kommt vom Staat.<\/p>\n<p>Wochenlang gehen E-Mails hin und her. Simon M. Keynes l\u00e4sst Ram gegen\u00fcber durchblicken, dass seine Interessenten einen dreistelligen Millionenbetrag investieren wollen. Ram schickt weitere Unterlagen. Aber nicht alles. Er dr\u00e4ngt auf ein pers\u00f6nliches Treffen.<\/p>\n<p>Also werden die beiden Reporter zu Otto und Felix. Ihre Nachnamen muss Ram nicht erfahren. Dass sie sich nicht vollst\u00e4ndig identifizieren, ist in ihren Kreisen normal. Man tauscht keine Visitenkarten aus. Um glaubw\u00fcrdig zu sein, gen\u00fcgt es, dass die richtige Person das Treffen einf\u00e4delt &#8211; und das ist Simon M. Keynes mit seiner etablierten\u00a0BriefkastenfirmaBriefkastenfirmen sind blo\u00dfe H\u00fcllen, die mit Datum und Name in ein Firmenregister eingetragen sind. Sie existieren rechtlich, sind aber wirtschaftlich nicht oder kaum aktiv. Briefkastenfirmen verf\u00fcgen bisweilen \u00fcber einen \u201eScheindirektor\u2019, der auch eine einfache Putzfrau sein kann. Die Firmeninhaber bleiben im Verborgenen. Oftmals sind es selbst auch nur Mittelsm\u00e4nner, Vertraute oder Anw\u00e4lte eines Inhabers oder einer Firma..<\/p>\n<p>Die illustren Br\u00fcder, schreibt Keynes, k\u00e4men demn\u00e4chst f\u00fcr zwei Tage zum Shoppen nach London. Am 7. August h\u00e4tte Ram die seltene Gelegenheit, sie f\u00fcr eine halbe Stunde zu treffen.<\/p>\n<p><strong>Hamburg, Ende Juli 2018: <\/strong>Der Crashkurs<\/p>\n<p>Ein Konferenzraum in einer Villa auf dem NDR-Gel\u00e4nde in der Rothenbaumchaussee. \u201eWei\u00dft du, was es bedeutet, so richtig reich zu sein?\u201c, fragt der Verm\u00f6gensverwalter. Normalerweise betreut er Milliard\u00e4re. An diesem Tag coacht er zwei Journalisten, die wirken wollen wie Milliard\u00e4re. Lektion eins: standesgem\u00e4\u00dfes Selbstbild entwickeln.<\/p>\n<p>\u201eJa klar. Geld spielt keine Rolle. Ich kann mir alles leisten\u201c, antwortet Schr\u00f6m.<\/p>\n<p>\u201eNein. Es bedeutet: No limits. Du hast die schwarze Kreditkarte.\u201c<\/p>\n<p>Schr\u00f6m guckt fragend.<\/p>\n<p>\u201eDu wei\u00dft nicht, was die schwarze Kreditkarte ist?\u201c<\/p>\n<p>Also. Die Black Card von American Express, erkl\u00e4rt der Verm\u00f6gensverwalter, l\u00e4sst sich nicht beantragen. Man wird zu ihr eingeladen. Sie kostet 5000 Euro im Monat. Sie hat kein Limit. Und sie beinhaltet Concierge-Service: Wenn man am Feiertag bei Harrods in London shoppen gehen will, t\u00e4tigt man einen einzigen Anruf. Harrods wird aufgemacht. \u00a0 \u201eNo limits also. Verstanden.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd du hast Angst.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAngst? Aber ich habe doch die schwarze Kreditkarte!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu hast Angst, dass dein Verm\u00f6gen von drei Milliarden auf 2,7 Milliarden schrumpfen k\u00f6nnte. Du hast Angst, dass alle hinter deinem Geld her sind und sich damit davonmachen. Und du hast Angst, dass deine Kinder entf\u00fchrt werden. Eine ganze Anwaltskanzlei sorgt daf\u00fcr, dass es keine Bilder von deinen Kindern im Internet gibt.\u201c \u00a0 Der Coach entwirft das Br\u00fcderpaar Otto und Felix, eine Legende: Nachkommen einer sehr bekannten Familie aus Deutschland. Der Gro\u00dfvater hat das Geld mit Stahl verdient. Vor einigen Jahren haben sie das Unternehmen verkauft und sind in die Schweiz gezogen, wo sie steuerans\u00e4ssig sind. Ihre Anlagevehikel befinden sich in Luxemburg, Liechtenstein, Malta, Dubai und auf den Britischen Jungferninseln. Sie besitzen einen Jet, eine S\u00fcdseeinsel.<\/p>\n<p>Die beiden Halbbr\u00fcder verantworten das Investment-Gesch\u00e4ft. Das Erbe, die Substanz, wollen sie m\u00f6glichst nicht anr\u00fchren. Sie haben bereits in Cum-Ex-Gesch\u00e4fte investiert und w\u00fcrden gern wieder einsteigen. Sorgen sich aber um ihre Reputation. Otto, der \u00c4ltere, ist vorsichtig. Felix, der deutlich J\u00fcngere, draufg\u00e4ngerisch. Er will dem \u00e4lteren Bruder beweisen, dass er auch selbst Geld verdienen kann.<\/p>\n<p>Jetzt gilt es, das richtige Hotel zu finden. \u201eWas ist euer Budget?\u201c, fragt der Coach.<\/p>\n<p>Die Reporter haben ihre erste Lektion gelernt: \u201eNo limit!\u201c<\/p>\n<p>Guter Journalismus ist aufwendig und teuer.<\/p>\n<p>Sie k\u00f6nnen helfen, ihn zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Die Suite im \u201eShangri La\u201c, das sich in den oberen Stockwerken des ikonischen \u201eShard\u201c-Geb\u00e4udes befindet, kostet 2500 Euro die Nacht. Es ist am unteren Limit dessen, was f\u00fcr die Glaubw\u00fcrdigkeit ihrer Rollen vonn\u00f6ten ist.<\/p>\n<p>Vor dem fingierten Shoppingtrip in London m\u00fcssen sie nur noch shoppen. Manschettenkn\u00f6pfe, Einstecktuch, blaues Jackett und eine rote Hose von einem edlen hanseatischen Herrenausstatter f\u00fcr Otto, teure Markenklamotten f\u00fcr Felix. Ein schwarzes Kleid, eng und gut geschnitten, aber nicht zu sexy f\u00fcr ihre Assistentin. \u201eEine Assistentin ist gut\u201c, sagt der Verm\u00f6gensverwalter. \u201eAber kann sie die Rolle durchziehen?\u201c \u00a0 Munirah, die Frau eines\u00a0<em>Panorama<\/em>-Kollegen, ist polyglott, spricht perfektes Businessenglisch. Die ideale Besetzung. Der Coach ist zufrieden, warnt nur: \u201eIhr d\u00fcrft nicht zu freundlich zu ihr sein.\u201c<\/p>\n<p><strong>London, 7. August 2018: <\/strong>Der Showdown<\/p>\n<p>Klack klack klack. Munirahs High Heels k\u00fcndigen Ram an. Sie \u00f6ffnet die T\u00fcr. Der Mann, der mit ihr in die Hotelsuite tritt, hat ein sympathisches, offenes Gesicht, tr\u00e4gt ein bl\u00fctenwei\u00dfes Hemd, Krawatte mit Nadel und Manschettenkn\u00f6pfe. Auf seiner Stirn gl\u00e4nzt Schwei\u00df, obwohl die Klimaanlage 18 Grad anzeigt. Drau\u00dfen sind es 31 Grad. Er gibt Munirah das dunkelblaue Jackett.<\/p>\n<p>\u201eEtwas zu trinken?\u201c<\/p>\n<p>\u201eMineralwasser, danke.\u201c<\/p>\n<p>Felix begr\u00fc\u00dft ihn mit beil\u00e4ufiger Handbewegung und telefoniert weiter am Handy. Munirah bittet Ram, sich zu setzen. Die beiden Herren h\u00e4tten eine halbe Stunde Zeit, vielleicht 45 Minuten. \u201eFantastisch\u201c, sagt Ram. Sie klopft an die Schlafzimmert\u00fcr. \u201eIhr Gast ist jetzt da\u201c, informiert sie Otto.<\/p>\n<p>Ram sortiert seine Unterlagen, w\u00e4hrend Felix einen imagin\u00e4ren Mitarbeiter zusammenstaucht. \u201eWie oft muss ich noch erkl\u00e4ren, dass das nicht geht?!\u201c<\/p>\n<p>Als er fertig ist, steht Ram sofort auf. Fester H\u00e4ndedruck. Die ganze Ausstrahlung: Weder zu unterw\u00fcrfig noch zu selbstbewusst oder \u00fcberheblich.<\/p>\n<p>Felix fl\u00e4zt sich auf die Couch. Etwas Smalltalk \u00fcber die Hitze in London und der Schweiz.<\/p>\n<p>Otto kommt aus dem Schlafzimmer. Er hat keine Zeit f\u00fcr Gepl\u00e4nkel. Setzt sich auf die Couch, Beine \u00fcbereinandergeschlagen. Ram reicht die Pr\u00e4sentation her\u00fcber, hinter der die Reporter seit Monaten her sind. \u201eFinancing Presentation &#8211;\u00a0Private and Confidential\u201c steht auf der ersten von 34 gebundenen Seiten.<\/p>\n<p>Otto nimmt sie eher widerwillig entgegen, bl\u00e4ttert kurz scheinbar gelangweilt und legt sie wieder auf den Glastisch.<\/p>\n<p>Felix: \u201eSchildern Sie uns doch mal Ihren beruflichen Hintergrund.\u201c<\/p>\n<p>Ram: \u201eNat\u00fcrlich. Es ist mir ein Vergn\u00fcgen, Sie beide zu treffen. Also, ich begann direkt nach dem Studium\u00a0bei einer kleinen Bank namens Maple.\u201c<\/p>\n<p>Maple: Die deutsche Tochter des kanadischen Bankhauses war einer der Haupt-Cum-Ex-Player.<\/p>\n<p>Ram erz\u00e4hlt, wie er in Maples Londoner Niederlassung mitten in die Cum-Ex-Reise reingeworfen wurde. Spricht von einer \u201eFeuertaufe\u201c. Jedoch nach f\u00fcnf Jahren \u201egab es einen Bruch\u201c.<\/p>\n<p>Bruch bedeutet:\u00a0285 Staatsanw\u00e4lte, Steuerfahnder und Beamte des Bundeskriminalamtes durchsuchen das Bankhaus in Frankfurt.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/maple-bank-keine-gnade-bei-dubiosen-aktiendeals-maple-bank-muss-schliessen-1.2853796\">Maple<\/a>\u00a0soll den deutschen Fiskus mit Cum-Ex-Gesch\u00e4ften um 450 Millionen Euro betrogen haben.<\/p>\n<p>\u201eDann hat sich Maple etwas aus dem Markt zur\u00fcckgezogen.\u201c<\/p>\n<p>Zur\u00fcckgezogen hei\u00dft: Beh\u00f6rden wollen das Geld zur\u00fcckhaben. Maple kann aber die 450 Millionen nicht aufbringen. Die Bundesanstalt f\u00fcr Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) ordnet die Schlie\u00dfung der Bank an.<\/p>\n<p>Ram zieht weiter zu einem Hedgefonds: Solo Capital von Sanjay Shah. \u201eDa lernst du die Ecken und Kanten des Gesch\u00e4fts kennen und baust Beziehungen auf, die ich weiter pflege\u201c, erz\u00e4hlt Ram. Vier Jahre. Dann leitet er das Londoner B\u00fcro einer kleinen Hamburger Bank, die Shah sich f\u00fcr Cum-Ex-Trades kaufte und um Geld aus dem D\u00e4nemark-Raubzug zu waschen.<\/p>\n<p>Es ist eine fatale Vita. Oder eine 1-A-Vita &#8211; je nachdem, was man will.<\/p>\n<p>Felix: \u201eWir haben ja bei ihrem fr\u00fcheren Arbeitgeber in Hamburg in den Caerus Fund investiert.\u201c<\/p>\n<p>Ram: \u201eAh okay. Ich kenne den Caerus Fund.\u201c Caerus war ein Cum-Ex-Fonds. F\u00fcr Ram best\u00e4tigt die Information, dass Otto und Felix Erfahrung mit den Steuerdeals haben. Er kann jetzt offen reden.<\/p>\n<p>Ram spricht \u00fcber seinen fr\u00fcheren Chef Sanjay Shah, ohne ihn beim Namen zu nennen: \u201eIch kann Ihnen dazu den Hintergrund schildern. Es lief einige Jahre richtig gut. Aber es waren zu viele Egos im Spiel. Und das war das Problem. Sie haben es immer bunter und bunter getrieben, bis alles platzte.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u00a0Felix: Man darf nicht zu gierig sein. Ram: Genau!\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Ram betont, er habe Solo Capital rechtzeitig verlassen, sechs Monate bevor der Hedgefonds wegen seiner Cum-Ex-Gesch\u00e4fte ins Visier der Ermittler kam und auseinanderbrach: \u201eIch sah rechtzeitig die Zeichen der Zeit. Schauen Sie, ich habe Familie. Ich will mich nicht f\u00fcr den Rest meines Lebens immer umdrehen m\u00fcssen und schauen, ob mir jemand folgt.\u201c<\/p>\n<p>Ram beschreibt, wie er nun in London neue Fonds startete. Wie er Banker und H\u00e4ndler zusammenbrachte, die Infrastruktur f\u00fcr den Aktienhandel aufbaute.<\/p>\n<p>Ram: \u201eIn meinem Team sind Kollegen, mit denen ich schon fr\u00fcher zusammenarbeitete. Leute an den richtigen Stellen.\u201c<\/p>\n<p>Felix: \u201eLeute aus London?\u201c<\/p>\n<p>Ram: \u201eJa.\u201c<\/p>\n<p>Otto meldet sich erstmals zu Wort. Besorgt um den Ruf der Familie will er wissen, ob sich darunter auch Aktienh\u00e4ndler befinden, gegen die in Deutschland ermittelt wird: \u201eSind das Leute mit einer gewissen Vergangenheit?\u201c<\/p>\n<p>Ram: \u201eOh nein. Das sind Leute mit Erfahrung. Aber keiner von den Jungs, die jetzt im Rampenlicht stehen.\u201c<\/p>\n<p>Felix: \u201eWir wollen vielleicht wieder in den Markt einsteigen, nachdem es sich etwas beruhigt hat. Mit den Problemen, die wir in Deutschland hatten und solchen Sachen.\u201c<\/p>\n<p>Ram: \u201eSicher, yeah, okay.\u201c<\/p>\n<p>Felix: \u201eWas k\u00f6nnen Sie uns anbieten?\u201c<\/p>\n<p>Ram: \u201eVielleicht schauen wir mal in die Pr\u00e4sentation, wenn das f\u00fcr Sie Sinn ergibt?\u201c<\/p>\n<p>Auch Otto, der Ram die meiste Zeit nur schweigend fixiert hatte, greift sich jetzt das Dokument. Ram l\u00e4chelt.<\/p>\n<p>Ram: \u201eWir haben wahrscheinlich ungef\u00e4hr sieben M\u00e4rkte. Die beiden Spitzenreiter sind immer noch Frankreich und Italien.\u201c<\/p>\n<p>Er z\u00e4hlt die L\u00e4nder auf, in denen er steuergetriebene Aktiengesch\u00e4fte anbietet. Neben Frankreich und Italien ist Spanien der Hauptmarkt. Norwegen, Finnland, Polen und die Tschechische Republik sind Beifang. Was mit Deutschland sei, will Felix wissen.<\/p>\n<p>Ram: \u201eEs gibt Leute, die Deutschland handeln. Verstehen Sie mich nicht falsch, das ist ihr gutes Recht. Aber ich pers\u00f6nlich w\u00fcrde noch ein Jahr damit warten.\u201c<\/p>\n<p>Die Reporter haben einen kurzen Moment M\u00fche, nicht aus ihrer Rolle zu fallen. Seit 2012 ist die Gesetzesl\u00fccke, die Cum-Ex erm\u00f6glichte, in Deutschland offiziell geschlossen. F\u00fcr Cum-Cum gilt das Gleiche seit 2016.<\/p>\n<p>Aber Ram erkl\u00e4rt, es g\u00e4be Schlupfl\u00f6cher und versichert: \u201eJa, es ist Cum-Cum. Das ist weniger aggressiv. Aber die deutschen Beh\u00f6rden nehmen immer noch Banken daf\u00fcr hoch.\u201c<\/p>\n<p>Ram f\u00fchrt weiter durch seine Pr\u00e4sentation. Frankreich, Italien und Spanien sind dort mit extrem niedrigen\u00a0Trading LevelsDas Trading Level beschreibt, wie die Steuergelder unter den Partnern aufgeteilt werden. Je niedriger das Level, desto mehr springt f\u00fcr Investoren heraus.\u00a0aufgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Ein Wert in den niedrigen 90ern gilt als extrem profitabel. In Rams Pr\u00e4sentation liegt Frankreich bei 92,95 Prozent, Spanien bei 90,53 und Italien gar bei 89,50.<\/p>\n<p><strong>\u00a0Wie nennen Sie es jetzt, wenn nicht Cum-Ex?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Felix: \u201eEs ist immer noch marktneutral, oder?\u201c<\/p>\n<p>Ram: \u201eAlles marktneutral.\u201c<\/p>\n<p>Marktneutral hei\u00dft: Es gibt keinerlei \u00f6konomische Grundlage f\u00fcr das Gesch\u00e4ft. Der Gewinn entsteht nicht aus der Entwicklung der Aktien, sondern kommt aus den Steuern.\u00a0Es ist das alte Spiel.<\/p>\n<p>Felix: \u201eAlso, ich finde das interessant. Mir gef\u00e4llt das.\u201c<\/p>\n<p>Otto \u00e4u\u00dfert wieder Sorge um den Namen der Familie.<\/p>\n<p>Ram versichert, alles zu tun, um den guten Namen zu sch\u00fctzen. Reputation sei auch f\u00fcr ihn der Schl\u00fcssel &#8211; f\u00fcr ein nachhaltiges Gesch\u00e4ft: \u201eEs braucht nur einen dunklen Fleck auf der Weste, und du bist fertig. Deshalb seien Sie versichert: Mein Berufsethos beruht auf Integrit\u00e4t und Ehrlichkeit.\u201c<\/p>\n<p>Otto kommt noch einmal auf die auff\u00e4llig niedrigen Trading Level zu sprechen: \u201eDas sind nach unseren Erfahrungen Cum-Ex-Level, oder?\u201c<\/p>\n<p>Ram: \u201eNicht ganz.\u00a0Wir wollen aggressiv sein, aber auch genug unter dem Radar bleiben. Schlie\u00dflich wollen wir den Markt nicht in die Luft jagen.\u201c<\/p>\n<p>Otto: \u201eWie nennen Sie es jetzt, wenn nicht Cum-Ex?\u201c<\/p>\n<p>Ram: \u201eIch mag es nicht Cum-Ex oder Cum-Cum nennen. Ich w\u00fcrde es \u2018event driven\u2019, ereignisgesteuert, nennen. Oder Corporate Action Trading.\u201c<\/p>\n<p>Das Ereignis, um das es geht, ist der Dividendenstichtag. Alles wie gehabt. Der Unterschied, laut Ram: Fr\u00fcher sei dieselbe Aktie zw\u00f6lf bis 20 Mal gehandelt worden. Die neuen Produkte seien weniger aggressiv, aber noch immer sehr profitabel.<\/p>\n<p>Otto: \u201eKomm schon, wir m\u00fcssen nicht um den hei\u00dfen Brei herumreden, das Geld kommt von der Steuer.\u201c<\/p>\n<p>Ram, grinst: \u201eJa, klar.\u201c<\/p>\n<p><strong>Berlin, 28. September 2018: <\/strong>Das Puzzle<\/p>\n<p>Das siebte und letzte Treffen der europ\u00e4ischen Journalisten vor der Ver\u00f6ffentlichung. Es ist eng geworden am Konferenztisch der\u00a0<em>CORRECTIV<\/em>-Redaktion. 37 Reporter von 19 Medien sind inzwischen an Bord, mittlerweile auch Kollegen aus Finnland und Frankreich. Die Kollegen aus Schweden sind erst vor einer Woche dazu gesto\u00dfen, nachdem Akten zu einer gro\u00dfen schwedischen Bank auftauchten.<\/p>\n<p>Die verschl\u00fcsselte Kommunikationsplattform, \u00fcber die sie sich austauschen, ist in den vergangenen Monaten und Wochen \u00fcbergeflossen mit Nachrichten und angeh\u00e4ngten Dokumenten. Weil die Anfragen drei Wochen vor Ver\u00f6ffentlichung drastisch ansteigen, l\u00e4sst die Datenbank mit den CumEx-Files sich manchmal f\u00fcr Stunden nicht durchsuchen.<\/p>\n<p>Um eine \u00dcbersicht herzustellen, welche Banken an Cum-Ex- oder Cum-Cum-Deals oder vergleichbaren steuergetriebenen Gesch\u00e4ften beteiligt waren, hat eine Kollegin aus D\u00e4nemark ein Excel-Sheet voll roter und gelber K\u00e4sten vorbereitet.<\/p>\n<p>Es \u00e4hnelt der Tabelle, die Hanno Berger und Paul Mora vorbereiteten. Die Cum-Ex-Meister listeten in ihren Spalten L\u00e4nder auf, und markierten sie mit \u201efunktioniert\u201c.\u00a0 Die auf den gro\u00dfen Bildschirm projizierte Excel-Tabelle der Journalisten listet Banken und Fonds auf. \u00dcber Stunden fragt die D\u00e4nin die Tischrunde ab und tr\u00e4gt Kreuze in die Tabelle ein. Ein \u201ex\u201c f\u00fcr jede Bank, die erwiesenerma\u00dfen Cum-Ex oder Cum-Cum gemacht hat. Ein \u201e(x)\u201c f\u00fcr die, die entsprechende Pl\u00e4ne hatten, aber wo der Beleg f\u00fcr die Durchf\u00fchrung fehlt.<\/p>\n<p>Am Ende gibt es kaum eine Bank ohne \u201ex\u201c oder \u201e(x)\u201c.<\/p>\n<p>Die Excel-Tabelle dokumentiert den organisierten Griff in die Steuerkassen europ\u00e4ischer Staaten. Neben Deutschland sind nachweislich mindestens zehn weitere europ\u00e4ische L\u00e4nder betroffen. Den genauen Schaden haben sie noch nicht ansatzweise erfasst. Konservativ errechnet bel\u00e4uft er sich nach Recherchen der Journalisten auf 55,2 Milliarden Euro. Mindestens.<\/p>\n<p>Es ist der gr\u00f6\u00dfte Steuerraub in der Geschichte Europas.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/cumex-files.com\/\">cumex-files.com&#8230;<\/a> vom 22. M\u00e4rz 2019<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>#CumExFiles. London, 7. August 2018. Sie haben die Suite auf 18 Grad heruntergek\u00fchlt. 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