{"id":5143,"date":"2019-03-25T09:17:40","date_gmt":"2019-03-25T07:17:40","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5143"},"modified":"2019-03-25T09:17:40","modified_gmt":"2019-03-25T07:17:40","slug":"zwanzig-jahre-seit-der-nato-bombardierung-jugoslawiens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5143","title":{"rendered":"Zwanzig Jahre seit der NATO-Bombardierung Jugoslawiens"},"content":{"rendered":"<p><em>Bill Van Auken.<\/em> Am 24. M\u00e4rz vor 20 Jahren begannen die USA und die NATO einen einseitigen Krieg gegen Jugoslawien, in dem sie Serbien und dessen Hauptstadt Belgrad 78 Tage lang bombardierten. Fabriken, Schulen und<!--more--> Krankenh\u00e4user wurden in Schutt und Asche gelegt. Br\u00fccken, Stra\u00dfen und das Stromnetz wurden zerst\u00f6rt, um die Herrschaft des US-amerikanischen und westeurop\u00e4ischen Imperialismus auf dem Balkan durchzusetzen und die serbische Bev\u00f6lkerung zu unterwerfen.<\/p>\n<p>Bei den Luftangriffen starben rund 2.500 Menschen. Weitere 12.500 wurden nach serbischen Sch\u00e4tzungen verwundet.<\/p>\n<p>Einer der Luftangriffe mit lasergesteuerten Bomben traf eine Eisenbahnbr\u00fccke in S\u00fcdserbien. Mindestens zehn Insassen eines Personenzugs starben. Einem Angriff auf ein Pflegeheim fielen 21 Menschen zum Opfer. Und ein gezielter Bombenabwurf auf den Fernsehsender RTS in Belgrad kostete 16 Zivilisten das Leben.<\/p>\n<p>In einer besonders provokanten Kampfhandlung beschossen die USA die chinesische Botschaft in Belgrad und t\u00f6teten dabei drei Menschen. Washington bezeichnete die Bombardierung als \u201eVersehen\u201c, aber Peking und die chinesische Bev\u00f6lkerung fassten sie zu Recht als einen Akt der Aggression auf, der eine eskalierende milit\u00e4rische Aufr\u00fcstung der USA gegen China ank\u00fcndigte.<\/p>\n<p>Die \u201eOperation Noble Anvil\u201c, wie die Bombenkampagne genannt wurde, erfolgte ohne Zustimmung der Vereinten Nationen, nachdem Serbiens Pr\u00e4sident Slobodan Milosevic sich geweigert hatte, das so genannte Rambouillet-Abkommen zu unterzeichnen. Dabei handelte es sich um ein Ultimatum der USA und der NATO an Belgrad, zu akzeptieren, dass NATO-Truppen die Provinz Kosovo besetzen und in ganz Jugoslawien nach freiem Ermessen agieren d\u00fcrfen. Sogar der erfahrene imperialistische Kriegsverbrecher Henry Kissinger r\u00e4umte ein, dass dieses Abkommen \u201eeine Provokation, eine Rechtfertigung f\u00fcr den Beginn der Bombardierung\u201c war.<\/p>\n<p>Der Krieg bildete das letzte Kapitel der imperialistischen Zerst\u00fcckelung Jugoslawiens, eines Landes, das seit 1918 existierte. Nachdem die gro\u00dfen imperialistischen M\u00e4chte der jugoslawischen Wirtschaft den Boden unter den F\u00fc\u00dfen entzogen hatten, sch\u00fcrten sie Feindseligkeiten zwischen den Bev\u00f6lkerungsgruppen des Landes. An die Spitze dieser nationalistischen Kampagne stellten sich die ehemaligen stalinistischen B\u00fcrokraten, die auf diese Weise ihre Sch\u00e4fchen ins Trockene bringen wollten. Serben, Muslime und Kroaten wurden gegeneinander gehetzt, und Jugoslawien wurde zum Testgel\u00e4nde f\u00fcr milit\u00e4rische Interventionen und eine neue Generation so genannter \u201epr\u00e4zisionsgelenkter Munition\u201c.<\/p>\n<p>Der wesentliche Vorl\u00e4ufer dieses Kriegs war die Aufl\u00f6sung der Sowjetunion durch die stalinistische B\u00fcrokratie in Moskau. W\u00e4hrend des Kalten Krieges hatten Washington und seine NATO-Verb\u00fcndeten die Einheit Jugoslawiens als Gegengewicht zum Einfluss der UdSSR in den L\u00e4ndern s\u00fcdlich der sowjetischen Grenze unterst\u00fctzt. Aber als die von der B\u00fcrokratie betriebene Politik der kapitalistischen Restauration in der Aufl\u00f6sung der Sowjetunion gipfelte, begannen die imperialistischen M\u00e4chte einen brutalen und letztlich katastrophalen Kampf um den Balkan.<\/p>\n<p>Deutschland unternahm den ersten Schritt, indem es die Republiken Slowenien und Kroatien als unabh\u00e4ngige Staaten anerkannte. Damit lie\u00df es nach der Wiedervereinigung 1990 erstmals seine Muskeln als imperialistische Macht in Europa spielen. Washington stellte sich diesem Schritt zun\u00e4chst entgegen, st\u00fcrzte sich aber sp\u00e4ter selbst in die Aufteilung, indem es Bosnien-Herzegowina als unabh\u00e4ngige \u201eNation\u201c mit Anspruch auf einen eigenen Staat anerkannte. Dies bildete die Grundlage f\u00fcr einen blutigen Konflikt zwischen den drei Bev\u00f6lkerungsgruppen der Muslime, Serben und Kroaten, mit dem der imperialistischen Intervention der Weg geebnet wurde.<\/p>\n<p>Hinter dem Krieg um den Kosovo stand das Ziel, Serbien als st\u00e4rkste Macht in der Region auszuschalten, um die Hegemonie von USA und NATO zu festigen.<\/p>\n<p>Der Krieg wurde von Pr\u00e4sident Bill Clinton (Demokraten) unter dem v\u00f6llig unglaubw\u00fcrdigen Banner der \u201ehumanit\u00e4ren Intervention\u201c begonnen. Er behauptete, die USA und ihre Verb\u00fcndeten w\u00fcrden eingreifen, um ein Massaker an der albanischen Bev\u00f6lkerungsgruppe des Kosovo durch die serbischen Sicherheitskr\u00e4fte zu verhindern.<\/p>\n<p>Washington und seine imperialistischen Verb\u00fcndeten in Europa, unterst\u00fctzt von einer v\u00f6llig willf\u00e4hrigen kapitalistischen Presse, brandmarkten den serbischen F\u00fchrer Milosevic als neuen \u201eHitler\u201c und das serbische Volk als \u201eNazis\u201c, indem sie die Repression im Kosovo mit dem Holocaust verglichen.<\/p>\n<p>Die damalige Behauptung, dass 100.000 Albaner abgeschlachtet worden seien, wurde in der Folgezeit widerlegt. Die tats\u00e4chliche Zahl der Todesopfer im Kosovo, bevor es Bomben der USA und der NATO regnete, wurde nach dem Krieg mit etwa 2000 ermittelt, wobei die Mehrheit der Morde auf das Konto der separatistischen Befreiungsarmee des Kosovo (U\u00c7K) ging.<\/p>\n<p>Die U\u00c7K, die Washington zuvor als terroristische Organisation eingestuft hatte, wurde im Vorfeld des Krieges zur einzigen legitimen Vertretung der Bev\u00f6lkerung des Kosovo erhoben. Ihre engen Verbindungen zur organisierten Kriminalit\u00e4t in ganz Europa sowie zur Al-Kaida wurden unter den Teppich gekehrt. Die CIA \u00fcbersch\u00fcttete die Gruppe mit Geld und Waffen, und die U\u00c7K ver\u00fcbte Bombenanschl\u00e4ge und Morde an der serbischen Bev\u00f6lkerung. Sie war in enger Zusammenarbeit mit ihren US-Sponsoren bestrebt, so viel Gewalt und Tod wie m\u00f6glich zu verbreiten, um den Weg zur westlichen Intervention zu ebnen.<\/p>\n<p>In den letzten zwanzig Jahren hat der ehemalige Chef der U\u00c7K, Hashim Tha\u00e7i (der von der US-Regierung zum \u201eGeorge Washington des Kosovo\u201c proklamiert wurde), eine Reihe von Regierungen angef\u00fchrt. Die Kontrolle \u00fcber die Wirtschaft des winzigen Binnenstaats lag jedoch in den H\u00e4nden von Beamten der Europ\u00e4ischen Union, und sein Gebiet ist bis heute von 4.000 NATO-Soldaten besetzt.<\/p>\n<p>Tha\u00e7i wurde in zahlreichen Ermittlungen als Leiter einer kriminellen Organisation entlarvt, die Drogenhandel und Prostitution betreibt. Zudem handelt sie mit menschlichen Organen, die serbischen H\u00e4ftlingen entnommen werden. Washington und die EU haben wiederholt interveniert, um zu verhindern, dass er wegen Kriegsverbrechen und anderen kriminellen Aktivit\u00e4ten verfolgt wird.<\/p>\n<p>Die angeblich \u201ehumanit\u00e4re\u201c Intervention gegen eine \u201eethnische S\u00e4uberung\u201c hat in Wirklichkeit selbst zu riesigen ethnischen S\u00e4uberungen gef\u00fchrt. Zwei Drittel der 120.000 Roma und Aschkali sowie viele Tausend Serben wurden aus dem Kosovo vertrieben.<\/p>\n<p>Obwohl der Kosovo der gr\u00f6\u00dfte Pro-Kopf-Empf\u00e4nger von Auslandshilfe weltweit ist, bleibt er mit einer offiziellen Arbeitslosenquote von 30 Prozent (55 Prozent bei Jugendlichen) und L\u00f6hnen von durchschnittlich nur 288 Euro im Monat das \u00e4rmste Gebiet Europas. Bei all ihrem Reichtum und ihrer milit\u00e4rischen St\u00e4rke haben der US-amerikanische und deutsche Imperialismus nichts weiter geschaffen als einen weiteren gescheiterten Staat und eine von einer Mafia kontrollierte Regierung.<\/p>\n<p>Keine der Wunden, die dem ehemaligen Jugoslawien durch die imperialistische Intervention zugef\u00fcgt wurden, ist verheilt. Der Balkan bleibt ein Pulverfass, das jederzeit in Brand gesteckt werden und \u2013 wie im 20. Jahrhundert \u2013 einen gr\u00f6\u00dferen Krieg ausl\u00f6sen kann, in den Gro\u00dfm\u00e4chte einbezogen werden.<\/p>\n<p>Eines der politisch bedeutsamsten Merkmale des Kosovo-Krieges 1999 war die schamlose Unterst\u00fctzung der Bombardierung Serbiens durch ehemalige Gegner der amerikanischen Intervention in Vietnam und selbsternannte Sozialisten in Europa und Amerika. Diese aufkommende Pseudolinke, deren soziale Basis in den privilegierten Schichten der Mittelschicht besteht, sollte den Imperialismus sp\u00e4ter bei \u00e4hnlichen blutigen \u201ehumanit\u00e4ren\u201c Regimewechseloperationen in Libyen und Syrien unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Die\u00a0<em>World Socialist Web Site<\/em>\u00a0und das Internationale Komitee der Vierten Internationale lehnten diese reaktion\u00e4re Haltung von Anfang an ab. Wir verurteilten den Angriff auf Jugoslawien als imperialistischen Krieg, mit dem das Machtvakuum, das die Aufl\u00f6sung der Sowjetunion hinterlassen hatte, im Zuge einer Neuaufteilung der Gebiete Osteuropas und Zentralasiens von den USA und Westeuropa gef\u00fcllt werden sollte.<\/p>\n<p>Im Juni 1999, nachdem Belgrad durch die Dauerbombardierung gezwungen worden war, die serbischen Sicherheitskr\u00e4fte aus dem Kosovo abzuziehen und den Weg zur Besetzung durch die USA und die NATO zu ebnen, ver\u00f6ffentlichte die\u00a0<em>World Socialist Web Site<\/em>\u00a0eine Erkl\u00e4rung mit dem Titel\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/1999\/06\/bila-j16.html\"><strong>Nach der Schl\u00e4chterei: Politische Lehren aus dem Balkankrieg<\/strong><\/a>. Darin warnte David North, der Leiter der\u00a0<em>WSWS<\/em>\u00a0und Vorsitzende der Socialist Equality Party (US): \u201eDie Bombardierung Jugoslawiens enth\u00fcllte die wahren Beziehungen zwischen dem Imperialismus und kleinen Nationen.\u201c<\/p>\n<p>Weiter hie\u00df es: Die gro\u00dfen Anklagen gegen den Imperialismus, die in den Anfangsjahren des zwanzigsten Jahrhunderts \u2013 von Hobson, Lenin, Luxemburg und Hilferding \u2013 verfasst wurden, lesen sich wie zeitgen\u00f6ssische Dokumente. In \u00f6konomischer Hinsicht sind die kleinen Nationen den Kreditinstituten und Finanzinstitutionen der gro\u00dfen imperialistischen M\u00e4chte ausgeliefert. In politischer Hinsicht setzen sie sich mit jedem Versuch, unabh\u00e4ngige Interessen anzumelden, der Gefahr f\u00fcrchterlicher milit\u00e4rischer Rache aus. Immer h\u00e4ufiger wird kleinen Staaten die nationale Souver\u00e4nit\u00e4t aberkannt; sie werden gezwungen eine ausl\u00e4ndische Milit\u00e4rbesatzung hinzunehmen und sich Herrschaftsformen zu unterwerfen, die im wesentlichen kolonialen Charakter tragen.\u201c<\/p>\n<p>Die Vorstellung hinter dem Kult um die computergesteuerten Pr\u00e4zisionswaffen \u2013 dass ein \u201esauberer\u201c Krieg ohne Opfer der Aggressoren m\u00f6glich sei \u2013 ignorierte die grundlegenderen \u00f6konomischen Entwicklungstendenzen. Die Vereinigten Staaten verf\u00fcgten \u00fcber einen \u201eWettbewerbsvorteil\u201c in der Waffenbranche. \u201eDoch weder dieser Vorteil noch die Produkte dieser Industrie k\u00f6nnen ihnen die Weltherrschaft sichern. Ungeachtet ihres ausgefeilten Waffenarsenals basiert die vorherrschende Rolle der USA im Weltkapitalismus heute auf einer weitaus d\u00fcrftigeren finanziellen und industriellen Grundlage, als vor 50 Jahren.\u201c<\/p>\n<p>Diese Prognose hat sich zwei Jahrzehnte sp\u00e4ter als richtig erwiesen. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert versucht die herrschende Klasse in den USA, ihre globale Vorherrschaft durch den Einsatz milit\u00e4rischer Gewalt aufrechtzuerhalten. Das Ergebnis war eine Serie von Misserfolgen \u2013 in Afghanistan, im Irak, in Libyen und Syrien und im Kosovo \u2013, mit denen die Krise des globalen Systems lediglich versch\u00e4rft wurde und die Grenzen der amerikanischen Milit\u00e4rmacht deutlich wurden.<\/p>\n<p>Dem Krieg von USA und NATO im Kosovo folgte die Osterweiterung der NATO, durch die westliche Truppen bis an die Grenze zu Russland vorr\u00fcckten. Heute spielt Washington zwar gelegentlich noch die \u201ehumanit\u00e4re\u201c Karte, hat aber mittlerweile den \u201eKrieg gegen den Terror\u201c als Begr\u00fcndung f\u00fcr den globalen US-Militarismus aufgegeben und sich stattdessen die Strategie der \u201eGro\u00dfmachtkonflikte\u201c zu eigen gemacht. Damit bekennen sich die USA offen zur Vorbereitung auf Kriege gegen die Atomm\u00e4chte Russland und China sowie auf m\u00f6gliche Herausforderungen durch ihre fr\u00fcheren Verb\u00fcndeten in Europa und Asien.<\/p>\n<p>Die destruktive Politik des US-Imperialismus treibt die sozialen Spannungen und den Klassenkampf weltweit auf die Spitze \u2013 auch im Kosovo, wo es j\u00fcngst zu einer Streikwelle gegen die erb\u00e4rmliche Lage der Arbeiterklasse kam, und auch in den Vereinigten Staaten selbst. Diese entstehende Bewegung der internationalen Arbeiterklasse birgt die einzige erfolgversprechende Antwort auf die wachsende Gefahr milit\u00e4rischer Konflikte auf der ganzen Welt, die einen neuen Weltkrieg ausl\u00f6sen k\u00f6nnen. Die entscheidende Lehre aus dem Kosovo-Krieg und den folgenden Kriegen ist die Notwendigkeit, eine internationale, sozialistische Antikriegsbewegung auf der Grundlage der Arbeiterklasse aufzubauen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2019\/03\/25\/pers-m25.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 25. M\u00e4rz 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bill Van Auken. Am 24. M\u00e4rz vor 20 Jahren begannen die USA und die NATO einen einseitigen Krieg gegen Jugoslawien, in dem sie Serbien und dessen Hauptstadt Belgrad 78 Tage lang bombardierten. 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