{"id":5145,"date":"2019-03-25T16:37:02","date_gmt":"2019-03-25T14:37:02","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5145"},"modified":"2019-03-25T16:37:02","modified_gmt":"2019-03-25T14:37:02","slug":"krise-der-gewerkschaften-in-griechenland-mit-syriza-unter-einer-decke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5145","title":{"rendered":"Krise der Gewerkschaften in Griechenland: mit SYRIZA unter einer Decke"},"content":{"rendered":"<p><em>Wassilis Aswestopoulos. <\/em><strong>Faustschl\u00e4ge, \u00fcble Arrangements und Gewerkschaftsbosse in dicken Limousinen. SYRIZA bedient sich der mafi\u00f6sen Strukturen der Gewerkschaftsf\u00fchrungen.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>In Griechenlands gr\u00f6\u00dfter Gewerkschaft GSEE rumort es. Bei einem Treffen des Verwaltungsrats fallen am Mittwoch sogar\u00a0<a href=\"https:\/\/www.news247.gr\/koinonia\/gsee-nea-entasi-meli-pame-synedriasi-olomeleias.6704568.html\">Faustschl\u00e4ge<\/a>. Was ist faul in der Angestelltengewerkschaft, die 2019 in ihr zweites Jahrhundert geht? Die GSEE ist eine Dachgewerkschaft, in der die \u00fcbrigen Gewerkschaften der Privatwirtschaft vertreten sind.<\/p>\n<p><strong>Gewerkschaftsspitze in einem F\u00fcnf-Sterne Hotel verschanzt<\/strong><\/p>\n<p>Es ist offensichtlich, dass sich die Spitze der GSEE nach anf\u00e4nglichem Widerstand gegen die Sparma\u00dfnahmen immer mehr mit den Auflagen der Memoranden der internationalen Kreditgeber arrangiert hat. Auf der Stra\u00dfe mobilisiert sie kaum noch Massen f\u00fcr ihre bei Generalstreiks ausgerufenen Protestdemonstrationen.<\/p>\n<p>Der Gewerkschaftskongress in Kalamata am vergangenen Wochenende scheiterte. Die Gewerkschaftsspitze hatte sich in einem F\u00fcnf-Sterne Hotel verschanzt und erschien nicht in der Kongresshalle. Sie warf der kommunistischen Gewerkschaft PAME Rowdytum vor.<\/p>\n<p>Die PAME ihrerseits wirft der Gewerkschaftsspitze um Giannis Panagopoulos unter anderen Wahlbetrug vor. Das Hotel wurde mit Geldern der Gewerkschaft bezahlt. Nach sechzehn Stunden Aufenthalt verlie\u00dfen die Gewerkschaftsbosse mit ihren Limousinen den Ort. Sie wollten das Hotel vorher nicht verlassen, weil vor den Toren von der PAME organisierte Demonstranten auf sie warteten.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich wurden zum Gewerkschaftskongress in Kalamata von der GSEE Delegierte eingeladen, deren Firmen, bei denen sie angeblich besch\u00e4ftigt sind, seit Jahrzehnten nicht mehr existieren. Unter den Delegierten befanden sich als &#8222;gew\u00e4hlte Arbeitnehmervertreter&#8220; auch Unternehmer. Zudem waren die Vertreter der Seeleute nicht gew\u00e4hlt. Vielmehr nutzt die GSEE statt des f\u00fcr gewerkschaftliche Wahlen geltende Gesetz 1265 das ber\u00fcchtigte Gesetz 330 der Milit\u00e4rjunta von 1967-74.<\/p>\n<p>Demnach werden die Seeleute nicht bei der GSEE nicht von gew\u00e4hlten Vertretern repr\u00e4sentiert, sondern von den B\u00fcroleitern der Reedereib\u00fcros. Der Vorsitzende der PNO, der Panhellenischen Vereinigung der Seefahrer, ist f\u00fcnfundachtzig Jahre alt. Den heutigen Berufsalltag kennt er nur vom H\u00f6rensagen.<\/p>\n<p>Die GSEE F\u00fchrung hat sich selbst institutionalisiert. Sie wollte sich beim Kongress in Kalamata mit ausgew\u00e4hlten Delegierten schlicht erneut best\u00e4tigen lassen. PAME-Mitglieder waren von Arbeitnehmern als Delegierte gew\u00e4hlt worden. Sie haben seit Monaten die Vorg\u00e4nge innerhalb der GSEE angeprangert.<\/p>\n<p><strong>PAME: Kein zimperliches Auftreten<\/strong><\/p>\n<p>Dabei f\u00fcllt die PAME, die ihren Gewerkschaftsnamen auf Englisch mit\u00a0<em>All-Workers Militant Front <\/em>angibt, ihre Selbstbezeichnung durchaus aus. Die PAME-Repr\u00e4sentanten treten bei GSEE-Treffen nicht zimperlich auf. Sie entwaffnen verbl\u00fcffte, als Vertreter der Lohnabh\u00e4ngigen getarnte Personensch\u00fctzer der Gewerkschaftsbosse und schmei\u00dfen diese regelm\u00e4\u00dfig aus dem Versammlungsaal hinaus. Hin und wieder halten sie selbst das Vorgehen auf Video fest.<\/p>\n<p>Die Regierung unterst\u00fctzt ihrerseits, aus durchaus nachvollziehbaren Gr\u00fcnden, die aktuelle GSEE-F\u00fchrung. \u00dcber den Staatssender ERT, der unter Premierminister Tsipras mehr als unter seinen Vorg\u00e4ngern zu einem Propagandasender geworden ist, wird \u00fcberwiegend die Sichtweise von Gewerkschaftsboss Panagopoulos pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Die PAME ihrerseits wirft Panagopoulos Mafia-Gebaren vor. Sie protokollierte, dass mancherorts in Geisterfirmen Delegierte f\u00fcr Kalamata gew\u00e4hlt wurden, die fast mehr Wahlstimmen erhielten, als die Orte Einwohner hatten. Die GSEE-Spitze kontert mit der Androhung von Strafanzeigen. Sie f\u00fchlt sich bedroht und wirft der PAME undemokratische Gewaltmethoden vor. Die PAME steht nicht allein in ihrem Kreuzzug gegen die GSEE-F\u00fchrung. Zahlreiche zur GSEE geh\u00f6rende Gewerkschaften unterzeichnen \u00e4hnlich Aufrufe, wie die der kommunistischen Partei KKE nahe stehende PAME.<\/p>\n<p><strong>Die Krisen haben Tradition<\/strong><\/p>\n<p>Die aktuelle Krise ist f\u00fcr die GSEE eigentlich nichts Neues. Der Vorwurf, dass die jeweilige GSEE-F\u00fchrung statt die Interessen der Lohnabh\u00e4ngigen zu wahren, sich lieber mit der Regierung arrangiert, ist so alt wie die Gewerkschaft selbst.<\/p>\n<p>Als sie 1918 zeitgleich mit der KKE gegr\u00fcndet wurde, beschloss der erste Kongress mit 158 zu 21 Stimmen den marxistischen Klassenkampf. Dagegen standen die Bef\u00fcrworter der Regierung von Eleftherios Venizelos und die Anarchisten, welche die Gewerkschaftsarbeit fern von parteipolitischen Interessen halten wollten.<\/p>\n<p>Die erste Gewerkschaftsf\u00fchrung bestand aus sechs Kandidaten, die Venizelos zugeneigt waren und f\u00fcnf Sozialisten. Letztere wurden vom Staatapparat verhaftet und ins Gef\u00e4ngnis gesteckt. Die Venizelos-Vertreter lie\u00dfen die Inhaftierten absetzen.<\/p>\n<p>Der nationale Kongress der GSEE setzte daraufhin die Venizelos-Vertreter ab, und berief die f\u00fcnf zwischenzeitlich frei gekommenen erneut ins Pr\u00e4sidium. Es folgte eine weitere Verhaftung und danach die Verbannung der F\u00fcnf. Ein Generalstreik erpresste danach deren Freiheit.<\/p>\n<p>Beim dritten GSEE-Kongress, der unter der Diktatur von Theodoros Pangalos stattfand, war die KKE verboten. Trotzdem hatten ihre Vertreter beim Kongress die absolute Mehrheit, sie stellten 278 Delegierte, die Gegenseite nur 179.<\/p>\n<p>Pangalos lie\u00df 110 der KKE-Sympathisanten verhaften und sperrte sie in ein Schiff, das so lange \u00fcbers Meer schipperte, bis die 179 Regierungsfreundlichen ihre Wahl mit 179 zu 168 gewonnen hatten. Beim vierten Kongress, 1928, wurden vor den Wahlen 213 der insgesamt 230 kommunistischen oder sozialistischen Vertreter samt knapp den sie entsendenden 75.000 Arbeiter und Angestellten vor den Wahlg\u00e4ngen aus der Gewerkschaft geworfen. Die 136 konservativen und sozialdemokratischen Vertreter gewannen auf diese Weise erneut die Gewerkschaftsf\u00fchrung.<\/p>\n<p>1929 gr\u00fcndeten die Ausgeschlossenen ihre eigene GSEE, die Vereinigte GSEE, welche den Gro\u00dfteil der gewerkschaftlich organisierten und aktiven Arbeiter und Angestellten sammeln konnte. Zwischenzeitlich regierte erneut Eleftherios Venizelos. Dieser erkl\u00e4rte per Gesetz s\u00e4mtliches marxistisches Gedankengut als illegal und verbot damit kurzerhand auch die neue Gewerkschaft.<\/p>\n<p>Unter dem ab 1936 herrschenden Diktator Ioannis Metaxas wurden dann Gewerkschaften und demokratische Gesinnung verboten. Es folgte der zweite Weltkrieg samt Besetzung des Landes durch Nazi-Truppen.<\/p>\n<p>Nach der Befreiung von den Nazis wurde Griechenland fast umgehend zum Schauplatz eines Stellvertreterkriegs des &#8222;Kalten Krieges&#8220;. Der griechische B\u00fcrgerkrieg brachte es mit sich, dass gew\u00e4hlte GSEE-Verwaltungsratsmitglieder verhaftet wurden, wenn sie des Marxismus verd\u00e4chtig waren. Einer von ihnen, der 1946 gew\u00e4hlte Gewerkschaftssekret\u00e4r Mitsos Paparigas, starb bei der Folter im ber\u00fcchtigten Zentrum der Staatsschutzpolizei in der Bouboulinas-Stra\u00dfe in Athen. 1948 fand der neunte Kongress der GSEE unter der Aufsicht der Botschafter der USA und Vereinigten K\u00f6nigreichs statt.<\/p>\n<p>Die Eingriffe der Regierung in die Gewerkschaftsarbeit bestimmten auch die erste H\u00e4lfte der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die Zentrumsregierung von Georgios Papandreou lie\u00df von 1964-65 die ihr nicht genehmen Gewerkschaftsvertreter gerichtlich aus dem Amt entfernen.<\/p>\n<p>Eine Praxis, die Georgios Papandreous Sohn, Andreas Papandreou, als Premierminister der PASOK 1985 wiederholte. Beim 23. und beim 24. Kongress der GSEE, 1986 und 1988, gab es gar nur Vertreter der PASOK nahen PASKE. Die \u00fcbrigen Vertreter zogen aus Protest ab.<\/p>\n<p><strong>Eine angek\u00fcndigte Konfrontation<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt in der Geschichte der GSEE zahlreiche weitere Beispiele. Die aktuelle Krise ist nur ein weiteres, eher unr\u00fchmliches Blatt in den Chroniken von Griechenlands gr\u00f6\u00dfter Angestelltengewerkschaft. Die Eskalation war zu erwarten.<\/p>\n<p>Die PAME hatte bei ihrem vierten Panhellenischen Kongress im November 2016 insgesamt 12 Verb\u00e4nde, 15 Arbeiterzentren, 457 Gewerkschaften und 52 Arbeitskampf-Komitees gesammelt, die alle zusammen beschlossen hatten, keinen weiteren &#8222;faulen Kongress mit verf\u00e4lschten Wahlstimmen und falschen Vertretern der Lohnabh\u00e4ngigen&#8220; sowie &#8222;Handlangern des Kapitals&#8220; zuzulassen. Dieses Vorhaben m\u00f6chte die PAME nun in der Praxis durchsetzen. Es bleibt abzuwarten, ob es ihr gelingt.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Krise-der-Gewerkschaften-in-Griechenland-4342419.html\"><em>Telepolis.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 25. M\u00e4rz 2019<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wassilis Aswestopoulos. Faustschl\u00e4ge, \u00fcble Arrangements und Gewerkschaftsbosse in dicken Limousinen. 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