{"id":5154,"date":"2019-03-26T11:51:17","date_gmt":"2019-03-26T09:51:17","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5154"},"modified":"2019-03-26T18:10:29","modified_gmt":"2019-03-26T16:10:29","slug":"feminismus-intersektionalitaet-oder-marxismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5154","title":{"rendered":"Feminismus: Intersektionalit\u00e4t oder Marxismus?"},"content":{"rendered":"<p><em>Josefina Martinez.<\/em> <strong>Intersektionalit\u00e4t ist in der Wissenschaft, im feministischen Aktivismus und in sozialen Bewegungen ein h\u00e4ufig gebrauchtes Wort. Doch was sagt es \u00fcber die Ursachen der sich \u00fcberschneidenden<!--more--> Unterdr\u00fcckungen und vor allem \u00fcber Wege der Emanzipation aus?<\/strong><\/p>\n<p>Intersektionalit\u00e4t ist in der Wissenschaft, im feministischen Aktivismus und in sozialen Bewegungen ein h\u00e4ufig gebrauchtes Wort. Terry Eagleton stellte fest, dass \u201eKlasse, ,race\u2018 und Geschlecht\u201c die \u201eheilige Dreifaltigkeit\u201c zeitgen\u00f6ssischer Theorie darstellten<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Doch ist oft nicht klar, was Intersektionalit\u00e4t eigentlich ausmacht, wenn von ihr gesprochen wird. Handelt es sich um eine Theorie oder eine empirische Beschreibung? Wirkt Intersektionalit\u00e4t im Rahmen der individuellen Subjektivit\u00e4t oder analysiert sie Systeme der Herrschaft? Und: Was sagt sie \u00fcber die Ursachen der sich \u00fcberschneidenden Unterdr\u00fcckungen und vor allem \u00fcber Wege der Emanzipation aus?<\/p>\n<p>Obwohl \u00dcberlegungen zum Verh\u00e4ltnis von Geschlecht, \u201erace\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>\u00a0und Klasse bereits lange zuvor in den Debatten des Marxismus und der Linken existierten, wurde der Begriff der Intersektionalit\u00e4t erstmals in einem 1989 von der Schwarzen Juristin und Feministin Kimberl\u00e9 Crenshaw<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>\u00a0ver\u00f6ffentlichten Artikel als ein Konzept definiert. Sie wollte damit eine Antwort auf diese Beziehung im Bereich des Antidiskriminierungsrechts in den Vereinigten Staaten geben. Ein Ausgangspunkt, der zweifellos die Grundz\u00fcge des Konzepts pr\u00e4gte, wie wir sp\u00e4ter sehen werden. Sein wichtigstes Vorbild sind jedoch die Ausf\u00fchrungen Schwarzer Feministinnen der 1970er Jahre, wie z. B. des\u00a0<em>Combahee River Collective<\/em>, die im Rahmen der zweiten Welle des Feminismus und der politischen Radikalisierung der damaligen Zeit eine \u201eintersektionale\u201c Kritik an Befreiungsbewegungen erhoben haben.<\/p>\n<p>In diesem Artikel geben wir einen kurzen \u00dcberblick \u00fcber die Entstehungsgeschichte, die ersten Ans\u00e4tze des Konzepts, seine Verschiebung im Zuge des Aufstiegs des Postmodernismus und die Debatte, die sich aus sozialen Bewegungen heute ergibt. Gleichzeitig setzen wir ausgehend vom Marxismus einen kritischen Kontrapunkt zu den Intersektionalit\u00e4tstheorien.<\/p>\n<ol>\n<li><strong> Das\u00a0<em>Combahee River Collective<\/em>und die Schwarzen Feministinnen<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Im Jahr 1977 wurde das Manifest des\u00a0<em>Combahee River Collective<\/em>\u00a0ver\u00f6ffentlicht. Der Name war eine Hommage an die mutige Milit\u00e4raktion, die die Ex-Sklavin und Abolitionistin (K\u00e4mpferin gegen die Sklaverei, A.d.\u00dc.) Harriet Tubman im Jahr 1863 angef\u00fchrt hatte, bei der 750 Sklav*innen trotz feindlichen Kanonenfeuers befreit wurden. Sie war die einzige Frau, die w\u00e4hrend des amerikanischen B\u00fcrger*innenkriegs eine Armeeeinheit f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Schwarze Feministinnen der 1970er Jahre verstanden sich als Teil einer historischen Tradition des Kampfes der Schwarzen Frauen seit dem 19. Jahrhundert. In ihrem Buch\u00a0<em>Women, Race and Class<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><strong>[4]<\/strong><\/a><\/em>\u00a0bekr\u00e4ftigt Angela Davis ihre Rolle in der abolitionistischen Bewegung in den Vereinigten Staaten. Sojourner Truth ging mit ihrer Rede auf der Frauenrechtskonferenz in Ohio 1851 in die Geschichte ein. Ein Mann hatte argumentiert, dass Frauen nicht w\u00e4hlen sollten, weil sie das \u201eschw\u00e4chere Geschlecht\u201c seien, worauf Sojourner Truth entschieden reagierte:<\/p>\n<p><em>Ich habe gepfl\u00fcgt, gepflanzt und die Ernte eingebracht, und kein Mann hat mir gesagt, was zu tun war! Bin ich etwa keine Frau? Ich konnte so viel arbeiten und so viel essen wie ein Mann wenn ich genug bekam \u2013 und die Peitsche konnte ich genauso gut ertragen! Bin ich etwa keine Frau? Ich habe dreizehn Kinder geboren und erlebt, wie die meisten von ihnen in die Versklavung verkauft wurden [\u2026]. Bin ich etwa keine Frau?<\/em><\/p>\n<p>Ihre Antwort forderte das patriarchale Narrativ heraus, das \u201eWeiblichkeit\u201c konstruierte und Frauen als schwache Wesen darstellte, die \u201enat\u00fcrlich\u201c minderwertig und unf\u00e4hig seien, die politische Staatsb\u00fcrger*innenschaft auszu\u00fcben. Aber es war auch eine Infragestellung der\u00a0<em>wei\u00dfen<\/em>\u00a0Suffragetten, da viele von ihnen die Forderungen der Schwarzen Frauen und der arbeitenden Frauen au\u00dfen vor lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Mitte der 70er Jahre beschlossen mehrere Schwarze Frauen, diese Tradition wieder aufzunehmen und militante Gruppen zu gr\u00fcnden, nachdem sie schlechte Erfahrungen in der\u00a0<em>wei\u00dfen<\/em>\u00a0feministischen Bewegung und in Organisationen zur Befreiung Schwarzer Menschen gemacht hatten. Mit der Ver\u00f6ffentlichung des Manifests des\u00a0<em>Combahee River Collective<\/em>\u00a0stellten Schwarze Feministinnen gleichzeitig den\u00a0<em>wei\u00dfen<\/em>\u00a0Feminismus, die Schwarze Bewegung und den b\u00fcrgerlichen Schwarzen Feminismus der NBFO (National Black Feminist Organization) infrage.<\/p>\n<p>Ausgangspunkt stellte die gemeinsame Erfahrung einer Gleichzeitigkeit von Unterdr\u00fcckungen dar \u2013 die\u00a0<em>Triade von Klasse, \u201erace\u201c und Geschlecht<\/em>, zu der auch die Unterdr\u00fcckung aufgrund der sexuellen Orientierung kam. Aus dieser Position heraus \u00fcbten sie eine Kritik an der feministischen Bewegung, in der der Radikalfeminismus hegemonial war. Diese Str\u00f6mung interpretierte soziale Widerspr\u00fcche durch den Gegensatz zwischen \u201esexuellen Klassen\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>\u00a0und r\u00e4umte einem Dominanzsystem \u2013 dem Patriarchat \u2013 absolute Priorit\u00e4t gegen\u00fcber allen anderen ein<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a>. Mit der Infragestellung der Vorrangstellung der Unterdr\u00fcckung aufgrund von Geschlecht oder Sexualit\u00e4t gegen\u00fcber Rassismus und Ausbeutung setzten sich die Schwarzen Feministinnen auch mit den Str\u00f6mungen auseinander, die offen separatistisch waren oder einen \u201eKrieg der Geschlechter\u201c ausriefen. Diese Str\u00f6mungen, die im Feminismus der sp\u00e4ten 1970er Jahre erstarkt waren, definierten sie als eine von den Interessen der\u00a0<em>wei\u00dfen<\/em>\u00a0b\u00fcrgerlichen Frauen gef\u00fchrte Bewegung. Sie argumentierten auch, dass jede Art von biologistischer Determinierung der Identit\u00e4t zu reaktion\u00e4ren Positionen f\u00fchren k\u00f6nne.<\/p>\n<p><em>Auch wenn wir Feministinnen und Lesben sind, sind wir solidarisch mit progressiven Schwarzen M\u00e4nnern und setzen uns nicht f\u00fcr eine von\u00a0wei\u00dfenSeparatistinnen geforderte Abspaltung ein.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\"><strong>[7]<\/strong><\/a> <\/em><\/p>\n<p>In ihrem Buch\u00a0<em>Feminism is for everybody<\/em>\u00a0argumentiert die Schwarze Feministin Bell Hooks, dass durch Debatten um Rassismus und Ausbeutung \u201eutopische Visionen der Schwesternschaft\u201c und die ahistorische Definition von Patriarchat infrage gestellt wurden. Sie bilanziert, dass\u00a0<em>\u201edie wei\u00dfen Frauen, die versucht haben, die Bewegung um die Idee der gemeinsamen Unterdr\u00fcckung herum zu organisieren und die vorgeschlagen haben, dass Frauen eine sexuelle Klasse oder Kaste bilden, sich am meisten wehrten, Unterschiede zwischen Frauen zuzugeben\u201c<\/em>. Die Polemik mit separatistischen Str\u00f6mungen innerhalb der Bewegung wird auch hier deutlich:<\/p>\n<p><em>Sie portr\u00e4tierten alle M\u00e4nner als Feind, um alle Frauen als Opfer zu repr\u00e4sentieren. Die Fokussierung auf M\u00e4nner lenkte die Aufmerksamkeit von den Klassenprivilegien einiger feministischer Aktivistinnen ab, ebenso wie von ihrem Wunsch, ihre Klassenmacht zu erweitern.<\/em><\/p>\n<p>Im CRC-Manifest war der Kampf f\u00fcr die Emanzipation der Schwarzen Frauen und der Schwarzen Bev\u00f6lkerung vom Kampf gegen das kapitalistische System nicht zu trennen. Deshalb haben sie sich ausdr\u00fccklich am Kampf f\u00fcr den Sozialismus beteiligt:<\/p>\n<p><em>Uns ist bewusst, dass die Befreiung aller unterdr\u00fcckten V\u00f6lker sowohl die Zerst\u00f6rung der politisch-wirtschaftlichen Systeme des Kapitalismus und Imperialismus als auch die Zerst\u00f6rung des Patriarchats erfordert. Wir sind Sozialistinnen, weil wir glauben, dass die Arbeit f\u00fcr den kollektiven Nutzen derjenigen strukturiert sein sollte, die Arbeit leisten und die Produkte herstellen [\u2026]. Allerdings sind wir nicht davon \u00fcberzeugt, dass eine sozialistische Revolution, die nicht auch eine feministische und anti-rassistische Revolution ist, unsere Befreiung gew\u00e4hrleisten wird.<\/em><\/p>\n<p>In Bezug auf den Marxismus haben sie erkl\u00e4rt, dass sie grunds\u00e4tzlich mit Marx\u2018 Theorie \u00fcber \u201edie spezifischen wirtschaftlichen Zusammenh\u00e4nge\u201c \u00fcbereinstimmen, aber der Ansicht sind, dass die Analyse \u201eweiter ausgebaut werden [muss], um unsere spezifische wirtschaftliche Situation als Schwarze Frauen verst\u00e4ndlich machen zu k\u00f6nnen\u201c. Es sei darauf hingewiesen, dass sie zwar die Notwendigkeit einer sozialistischen Revolution benannten, sich die praktischen Aufgaben, die sie als Gruppe vorschlugen, jedoch haupts\u00e4chlich auf Selbsterfahrungsworkshops und den Kampf f\u00fcr konkrete Rechte Schwarzer Frauen in den Nachbarschaften beschr\u00e4nkten.<\/p>\n<p>Im Manifest erscheint der Begriff der Identit\u00e4tspolitik als Antwort auf die spezifische Art und Weise, wie Schwarze Frauen Unterdr\u00fcckung erfahren. Die Erkennung der eigenen Identit\u00e4t wird als notwendiges Moment hervorgehoben, um sich in der Folge mit anderen Befreiungsbewegungen zusammenzuschlie\u00dfen. Es bestand also eine Spannung zwischen der Bildung einer differenzierten Identit\u00e4t und dem Zusammenschluss mit anderen Unterdr\u00fcckten f\u00fcr den Kampf gegen ein System, das Formen der \u00f6konomischen, sexistischen und rassistischen Herrschaft kombiniert.<\/p>\n<p>Einige Jahre sp\u00e4ter, als sich der soziale, politische und ideologische Kontext mit dem Aufkommen des Neoliberalismus und des Postmodernismus drastisch ver\u00e4nderte, bekam das Konzept der Intersektionalit\u00e4t eine neue Bedeutung. Die radikale Transformation der Gesellschaft war nicht mehr an der Tagesordnung, der Moment des kollektiven Handelns l\u00f6ste sich allm\u00e4hlich auf. Die Verbreitung differenzierter \u201eIdentit\u00e4ten\u201c und die Forderung nach einer Politik der Anerkennung innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft gewannen an Gewicht.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong> Intersektionalit\u00e4t als Kategorie der Diskriminierung<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Kimberl\u00e9 Crenshaw definierte erstmals 1989 das Konzept der Intersektionalit\u00e4t. Sie wies damals darauf hin, dass die getrennte Behandlung von rassistischer und sexistischer Diskriminierung als \u201esich gegenseitig ausschlie\u00dfende Erfahrungs- und Analysekategorien\u201c problematische Folgen f\u00fcr die Rechtswissenschaft, die feministische Theorie und die antirassistische Politik habe. Aus diesem Grund schlug sie vor,\u00a0<em>\u201edie Multidimensionalit\u00e4t der Erfahrung Schwarzer Frauen mit dem eindimensionalen Analyserahmen, der diese Erfahrungen verzerrt, in Kontrast zu setzen\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>Sie wies damit darauf hin, dass jede Konzeptualisierung, die auf einer eindimensionalen Achse der Diskriminierung (sei es aufgrund von \u201erace\u201c, Geschlecht, Sexualit\u00e4t oder Klasse) basiert, Schwarze Frauen von der M\u00f6glichkeit, sich darin wiederzuerkennen und Diskriminierung zu bek\u00e4mpfen, ausgrenzt und die Analyse auf die Erfahrungen von privilegierten Mitgliedern jeder Gruppe beschr\u00e4nkt. Das hei\u00dft: Rassismus wird tendenziell aus der Sicht von Schwarzen mit Geschlechts- oder Klassenprivilegien gesehen und bei Sexismus liegt der Schwerpunkt auf\u00a0<em>wei\u00dfen<\/em>\u00a0Frauen mit wirtschaftlichen Ressourcen.\u00a0<em>\u201eDa die intersektionale Erfahrung mehr ist als die Summe von Rassismus und Sexismus, kann keine Analyse, die Intersektionalit\u00e4t ausspart, den spezifischen Prozess, der Schwarze Frauen unterordnet, angemessen adressieren.\u201c<\/em><\/p>\n<p>In ihrer Analyse untersucht Crenshaw, wie mehrere Klagen Schwarzer Frauen von der Justiz abgelehnt wurden. Einer der F\u00e4lle, die sie analysiert, ist DeGraffenreid vs. General Motors (GM). F\u00fcnf Frauen verklagten den multinationalen Konzern, dem sie Diskriminierung am Arbeitsplatz vorwarfen, da sie als Schwarze Frauen nicht in bessere Arbeitsverh\u00e4ltnisse bef\u00f6rdert wurden. Das Gericht wies die Klage mit der Begr\u00fcndung ab, dass eine Diskriminierung nicht festgestellt werden k\u00f6nne, weil es sich um \u201eSchwarze Frauen\u201c handele, die juristisch gesehen keine Gruppe darstellten, die einer besonderen Diskriminierung ausgesetzt sei. Stattdessen willigte es ein, zu untersuchen, ob es zu einer Diskriminierung entlang der Kategorie \u201erace\u201c oder Geschlecht gekommen war, aber \u201enicht aufgrund einer Kombination der beiden\u201c. Schlie\u00dflich stellte das Gericht fest, dass nicht anhand geschlechtsspezifischer Merkmale diskriminiert worden war, da GM Frauen \u2013\u00a0<em>wei\u00dfe<\/em>\u00a0Frauen \u2013 eingestellt hatte. Und weil GM auch Schwarze Menschen \u2013 Schwarze M\u00e4nner \u2013 eingestellt hatte, lag der Auffassung des Gerichts zufolge auch keine rassistische Diskriminierung vor. Die Klage der Schwarzen Frauen war nicht erfolgreich. Das Gericht beschied, dass eine Annahme ihrer Klage eine \u201eB\u00fcchse der Pandora\u201c ge\u00f6ffnet h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Crenshaw machte darauf aufmerksam, dass das Ziel von Intersektionalit\u00e4t darin besteht, anzuerkennen, dass Schwarze Frauen auf komplexere Art und Weise Diskriminierung erfahren k\u00f6nnen und dass ein konzeptionell einseitiger Rahmen es nicht erlaubt, diese zu thematisieren. Ende der 80er Jahre erschien dann das Intersektionalit\u00e4tskonzept als eine Kategorie, um Diskriminierungserfahrungen zu erfassen \u2013 mit dem Ziel, eine neue Rechtsprechung zu etablieren, die es dem Staat erm\u00f6glichen w\u00fcrde, \u201eDiversit\u00e4tspolitik\u201c zu reglementieren.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter definierte die US-amerikanische Soziologin und im Bereich des Schwarzen Feminismus Lehrende Patricia Hill Collins Intersektionalit\u00e4t als\u00a0<em>\u201eeine unverwechselbare Reihe von sozialen Praktiken, die unsere jeweilige Geschichte innerhalb einer einzigen Herrschaftsmatrix begleiten, die durch intersektionale Unterdr\u00fcckung gekennzeichnet ist\u201c<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\"><strong>[8]<\/strong><\/a><\/em>. In diesem Fall beschreibt Intersektionalit\u00e4t ein Projekt der \u201esozialen Gerechtigkeit\u201c, das nach Zusammenf\u00fchrungen und Koalitionen mit anderen \u201eProjekten der sozialen Gerechtigkeit\u201c strebt.<\/p>\n<p>Das Konzept der Intersektionalit\u00e4t wurde dann von vielen anderen Schwarzen, lateinamerikanischen und asiatischen feministischen Intellektuellen im Rahmen der Ausweitung der Frauenforschung in der Wissenschaft weiterentwickelt. Intersektionalit\u00e4t wurde zu einem Modewort auf Kongressen und Symposien; es wurden Forschungsabteilungen und NGOs gegr\u00fcndet, um intersektionale Untersuchungen in den Bereichen Wirtschaft, Recht, Soziologie, Kultur und Verwaltung zu entwickeln. Zur Triade von Geschlecht, \u201erace\u201c und Klasse kamen weitere Vektoren der Unterdr\u00fcckung \u2013 wie Sexualit\u00e4t, Nationalit\u00e4t, Alter oder Funktionale Diversit\u00e4t \u2013 hinzu. Und w\u00e4hrend somit eine gro\u00dfe Sichtbarkeit f\u00fcr die spezifische Situation der mehrfach unterdr\u00fcckten Gruppen und Communities erm\u00f6glicht wurde, geschah diese Entwicklung paradoxerweise im Rahmen eines Klimas der Resignation gegen\u00fcber kapitalistischen Gesellschaftsstrukturen, die nun als unm\u00f6glich infrage zu stellen wahrgenommen wurden.<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong> Intersektionalit\u00e4t, Identit\u00e4tspolitik und multiple Unterschiede<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Der Aufstieg der Intersektionalit\u00e4tsforschung in der Wissenschaft f\u00e4llt mit dem Beginn einer neuen historischen Phase zusammen, die das intellektuelle und politische Klima im Neoliberalismus vollst\u00e4ndig ver\u00e4ndert hat. Die Periode der \u201eb\u00fcrgerlichen Restauration\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> oder der Hochkonjunktur des Neoliberalismus bedeutete einen generellen Angriff auf die Errungenschaften der Arbeiter*innenklasse weltweit. Die Privatisierungs- und Deregulierungspolitik bahnte sich angesichts des Verrats der gewerkschaftlichen und politischen F\u00fchrungen der Arbeiter*innenklasse auf \u00fcberw\u00e4ltigende Weise den Weg. Dies f\u00fchrte zu einer st\u00e4rkeren internen Zersplitterung der Arbeiter*innenklasse und zu einem enormen Verlust an Klassensubjektivit\u00e4t.<\/p>\n<p>In diesem neuen Kontext fand eine Verschiebung des Verst\u00e4ndnisses von Intersektionalit\u00e4t statt: An die Stelle der Radikalit\u00e4t der Schwarzen und sozialistischen Feministinnen des\u00a0<em>Combahee River Collective<\/em>\u00a0trat angesichts der wachsenden Fragmentierung der Subjekte eine Formulierung der Intersektionalit\u00e4t aus dem Blickwinkel der Postmoderne. Die Idee der Intersektionalit\u00e4t wurde somit derjenigen der \u201eDiversit\u00e4t\u201c und der \u201eIdentit\u00e4tspolitik\u201c immer \u00e4hnlicher.<\/p>\n<p>Mit dieser Formulierung fand in einem Prozess der \u201eKulturalisierung\u201c der Herrschaftsverh\u00e4ltnisse eine Verschiebung vom Kollektiven zum Individuellen und vom Materiellen zum Subjektiven statt. So verfestigte sich die Idee, dass der Kampf der unterdr\u00fcckten Gruppen grunds\u00e4tzlich dadurch stattfinde, dass sie ihre eigene Identit\u00e4t erkennen \u2013 ein \u201esituiertes Wissen\u201c konstituieren \u2013, damit die privilegierten Gruppen (M\u00e4nner,\u00a0<em>wei\u00dfe<\/em>\u00a0Frauen, heterosexuelle Frauen usw.) ihre Privilegien \u201edekonstruieren\u201c und Diversit\u00e4t anerkennen k\u00f6nnen. Im Rahmen der postmodernen \u201eKulturwende\u201c werden Identit\u00e4ten so dargestellt, als seien sie ausschlie\u00dflich aus dem Diskurs konstruiert worden, wodurch sich die M\u00f6glichkeiten des Widerstandes dann auch nur auf die Aus\u00fcbung einer alternativen Erz\u00e4hlung beschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Diese Perspektive l\u00e4sst sich jedoch nicht auf die Frage der Ausbeutung anwenden: Oder kann man von den Besitzer*innen der Produktionsmittel, den Bankiers und Kapitalist*innen erwarten, dass sie ihre Macht durch eine Selbstreflexions\u00fcbung \u201edekonstruieren\u201c? Der Ansatz ist eigentlich auch nicht als Strategie zur \u00dcberwindung von Rassismus, Heterosexismus und Machismus geeignet, es sei denn, man w\u00fcrde diese \u201eHerrschaftsachsen\u201c als voneinander getrennte Einheiten betrachten, die ausschlie\u00dflich im kulturellen oder ideologischen Bereich Auswirkungen h\u00e4tten und nicht mit den materiellen und strukturellen Verh\u00e4ltnissen des Kapitalismus verflochten w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Zudem f\u00fchrte die Vervielf\u00e4ltigung einer immer umfangreicheren Reihe von unterdr\u00fcckten Identit\u00e4ten, ohne die Perspektive einer radikalen Transformation der kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse, auf denen diese Unterdr\u00fcckungen beruhen, zu Praktiken der \u201eGhettoisierung\u201c und des Separatismus im Aktivismus. Patricia Hill Collins warnte vor dem Problem:<\/p>\n<p><em>Es wurde ein Schwerpunkt auf die Akkumulation der Sammlung von unterdr\u00fcckten Identit\u00e4ten gelegt, die wiederum zu einer gesamten Hierarchie der Unterdr\u00fcckung f\u00fchrte. Diese Hierarchie war nicht nur destruktiv, sondern auch spaltend und demobilisierend. (\u2026.) Viele Frauen haben sich in eine \u201eGhetto-Lifestyle-Politik\u201c zur\u00fcckgezogen und sehen sich au\u00dferstande, sich \u00fcber individuelle und pers\u00f6nliche Erfahrungen hinaus zu bewegen.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\"><strong>[10]<\/strong><\/a> <\/em><\/p>\n<p>Die Kehrseite dieser Ohnmacht war, dass sich das kapitalistische System die explosionsartige Ausbreitung der \u201eDiversit\u00e4t\u201c in Form eines Marktes der Identit\u00e4ten aneignete. So konnte der Kapitalismus sie soweit assimilieren, wie sie nicht mehr das Gesellschaftssystem als Ganzes in den Blick nahmen. Terry Eagleton wies in Bezug auf die Postmoderne darauf hin, dass<\/p>\n<p>ihre einzige bleibende Errungenschaft \u2013 n\u00e4mlich da\u00df mit ihrer Hilfe Fragen der Sexualit\u00e4t, des Geschlechts oder der Ethnizit\u00e4t so entschieden auf die politische Tagesordnung gesetzt wurden, da\u00df man sich nicht vorstellen kann, wie sie ohne einen enormen Kampf wieder aufgegeben w\u00fcrden \u2013 da\u00df diese Leistung lediglich ein Ersatz f\u00fcr eher klassische Formen radikaler Politik war, die sich mit Klasse, Staat, Ideologie, Revolution oder den materiellen Produktionsverh\u00e4ltnissen befa\u00dfte<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a>.<\/p>\n<p>In einer Fu\u00dfnote stellte er jedoch klar, dass es nicht die postmodernen Intellektuellen waren, die diese Themen auf die politische Tagesordnung gesetzt hatten, sondern die ihnen vorangegangenen sozialen Bewegungen in den K\u00e4mpfen der 60er und 70er Jahre. Sicher ist, dass, nachdem diese Welle der politischen Radikalisierung gescheitert war, die Aufmerksamkeit zunahm, die die Fragen von Rassismus, Sexismus und Homophobie erregten, w\u00e4hrend gleichzeitig die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Klasse immer mehr in Vergessenheit geriet (bis zu dem Punkt, dass einige sogar vom Verschwinden der Arbeiter*innenklasse als solche sprachen).<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li><strong> Der R\u00fcckzug aus der Klassenpolitik<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>In der Triade von Klasse, \u201erace\u201c und Geschlecht neigte erstere dazu, aufgel\u00f6st oder in eine weitere Identit\u00e4t umgewandelt zu werden, als w\u00e4re sie eine Kategorie der sozialen Schichtung (nach Einkommen) oder eine Art ausge\u00fcbter Beruf. Marta E. Gim\u00e9nez<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a>\u00a0f\u00fchrt aus, dass eines der kennzeichnenden Elemente der Intersektionalit\u00e4tstheorie die Annahme ist, dass \u201ezur Theoretisierung dieser Zusammenh\u00e4nge die These der Gleichwertigkeit von Unterdr\u00fcckungen vertreten werden muss\u201c, was jedoch zur Ausl\u00f6schung der Besonderheiten des Klassenverh\u00e4ltnisses f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber ist es notwendig, zu erl\u00e4utern, dass \u201erace\u201c, Geschlecht und Klasse eben keine direkt vergleichbaren Kategorien sind. Das bedeutet nicht, Ungerechtigkeiten zu hierarchisieren oder zu bestimmen, welche von gr\u00f6\u00dferer Bedeutung f\u00fcr die subjektive Erfahrung der mehrfach Unterdr\u00fcckten ist; es geht darum, ein besseres Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis zwischen Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung in einer kapitalistischen Gesellschaft zu schaffen.<\/p>\n<p>So funktionieren beispielsweise Klasse, \u201erace\u201c und Geschlecht in Bezug auf \u201eGleichheit\u201c und \u201eDifferenz\u201c sehr unterschiedlich. Historisch gesehen hat die Bourgeoisie immer versucht, die \u201esoziale Differenz\u201c der Klasse hinter einer \u201egleichheitlichen\u201c Ideologie des \u201efreien Arbeitsverh\u00e4ltnisses\u201c so weit wie m\u00f6glich zu verstecken. Doch nutzt sie Rassismus und Sexismus, um \u201eDifferenzen\u201c zu markieren, die biologisch oder \u201enat\u00fcrlich\u201c bedingt seien, um Ungleichheiten bei der Verteilung von Ressourcen und beim Zugang zu Rechten zu rechtfertigen, und um das Fortbestehen einer bestimmten Arbeitsteilung oder schlicht und ergreifend die Versklavung und Entmenschlichung von Millionen von Menschen zu verteidigen.<\/p>\n<p>Aus einer emanzipatorischen Sicht sollen keine Unterschiede in Hautfarbe, Geburtsort, biologischem Geschlecht oder sexueller Orientierung als Grundlage f\u00fcr Unterdr\u00fcckung, Benachteiligung oder Ungleichheit dienen. Gleichzeitig sollen Diversit\u00e4t anerkannt und die Entwicklung des kreativen Potentials\u00a0<em>aller<\/em>\u00a0Individuen im Rahmen der gesellschaftlichen Zusammenarbeit gef\u00f6rdert werden. Aber im Falle von Klassenunterschieden geht es darum, sie als solche zu beseitigen, d.h. dass sie gar nicht mehr existieren. Die Arbeiter*innenklasse strebt durch den Kampf gegen die kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln an, was die Abschaffung der Bourgeoisie als Klasse und die M\u00f6glichkeit der Abschaffung der gesamten Klassengesellschaft beinhaltet.<\/p>\n<p>Der soziale Unterschied zwischen den Besitzer*innen der Produktionsmittel und denen, die gezwungen sind, ihre Arbeitskr\u00e4fte gegen ein Gehalt zu verkaufen, strukturiert die kapitalistische Gesellschaft \u2013 jenseits aller Versuche, diesen Widerspruch unsichtbar zu machen. Patriarchale Beziehungen \u2013 die Jahrtausende vor dem Kapitalismus entstanden sind \u2013 und Rassismus sind keine ahistorischen Gebilde, sondern haben im Rahmen der kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse neue Formen und einen spezifischen sozialen Inhalt erhalten.<\/p>\n<p>Der Kapitalismus nutzt patriarchale Vorurteile, um mehr als je zuvor eine Trennung zwischen dem \u201e\u00d6ffentlichen\u201c und dem \u201ePrivaten\u201c, zwischen dem Produktionsbereich und dem h\u00e4uslichen Bereich zu etablieren, in dem Frauen \u2013 als unsichtbare Arbeit \u2013 einen gro\u00dfen Teil der Aufgaben der sozialen Reproduktion der Arbeitskraft \u00fcbernehmen, die f\u00fcr die Reproduktion des Kapitals notwendig sind. Institutionen wie die Familie, die Ehe oder die Heteronormativit\u00e4t, die unter den neuen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen auch neu definiert wurden, machen diese Rolle f\u00fcr Frauen gesellschaftsf\u00e4hig und naturalisieren sie. Die vielf\u00e4ltigen Erscheinungsformen der geschlechtsspezifischen Unterdr\u00fcckung und die qu\u00e4lenden Probleme, die sie f\u00fcr Millionen von Frauen durch Gewalt oder Feminizide mit sich bringen, \u201ereduzieren\u201c sich nicht auf Klassenverh\u00e4ltnisse, aber sie k\u00f6nnen auch nicht erkl\u00e4rt werden, ohne die Kategorien von Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung in Beziehung zu setzen.<\/p>\n<p>Rassismus wurde benutzt, um die Versklavung von Millionen von Menschen ideologisch zu rechtfertigen, w\u00e4hrend die Aufkl\u00e4rung die Ideen von \u201eFreiheit\u201c, \u201eGleichheit\u201c und \u201eBr\u00fcderlichkeit\u201c zur Grundlage der \u201eMenschenrechte\u201c ernannte. Rassismus begleitete und verst\u00e4rkte das gro\u00dfe kolonialistische Vorhaben der imperialistischen Staaten sowie den internen V\u00f6lkermord \u2013 im Falle der USA an indigenen V\u00f6lkern. In dem Land war und ist Rassismus nach dem B\u00fcrger*innenkrieg und der Abschaffung der Sklaverei bis heute der Grund f\u00fcr die Ausgrenzung eines gro\u00dfen Teils der Bev\u00f6lkerung, der als \u201eB\u00fcrger*innen zweiter Klasse\u201c und \u201eArbeiter*innen zweiter Klasse\u201c behandelt wird, was die Spaltung innerhalb der US-amerikanischen Arbeiter*innenklasse vorantreibt. Wie die Schwarzen Feministinnen anprangerten, verbinden sich Rassismus und Sexismus auf meisterhafte Art und Weise, um die kapitalistischen Profite zu maximieren: Es ist ein Fakt, dass die L\u00f6hne f\u00fcr Schwarze und lateinamerikanische Arbeiter*innen in den Vereinigten Staaten noch geringer ausfallen, ebenso wie institutionelle und polizeiliche Gewalt gegen Schwarze Jugendliche. Diese Verbindungen kommt im \u00dcbrigen wieder auf, um die rassistische und fremdenfeindliche Politik gegen Migrant*innen in Europa, die dort wie Arbeiter*innen zweiter Klasse behandelt werden und keine sozialen und demokratischen Grundrechte haben, zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li><strong> Marxismus und Intersektionalit\u00e4t<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>In\u00a0<em>Das Kapital<\/em>\u00a0schrieb Marx:\u00a0<em>\u201eArbeit in wei\u00dfer Haut kann sich nicht dort emanzipieren, wo sie in schwarzer Haut gebrandmarkt wird.\u201c<\/em>\u00a0In einem fr\u00fcheren Werk hatte er \u2013 Charles Fourier paraphrasierend \u2013 zusammen mit Engels angef\u00fchrt:\u00a0<em>\u201eDie Ver\u00e4nderung einer geschichtlichen Epoche l\u00e4\u00dft sich immer noch aus dem Verh\u00e4ltnis des Fortschritts der Frauen zur Freiheit bestimmen [\u2026].Der Grad der weiblichen Emanzipation ist das nat\u00fcrliche Ma\u00df der allgemeinen Emanzipation\u201c<\/em>. Zudem hatte Engels in\u00a0<em>Die Lage der arbeitenden Klasse in England<\/em>\u00a0die Realit\u00e4t der arbeitenden Frauen, die in Massen in die kapitalistische Produktion eingestiegen waren und durch Unterdr\u00fcckung\u00a0<em>und<\/em>\u00a0Ausbeutung doppelt Ungerechtigkeit erfuhren, konkret analysiert. In\u00a0<em>Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates<\/em>\u00a0nahm Engels die unvollst\u00e4ndigen ethnologischen Studien seines Freundes auf, um die historische Entwicklung der Institution Familie und der Unterdr\u00fcckung von Frauen zu analysieren.<\/p>\n<p>Der revolution\u00e4re Marxismus hat das Verh\u00e4ltnis zwischen Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung aber auch in anderer Hinsicht analysiert. Zum Beispiel, als Marx und Engels darauf hinwiesen, dass das englische Proletariat nicht frei sein k\u00f6nne, solange seine Rechte auf der Unterdr\u00fcckung der irischen Arbeiter*innen beruhten. Oder sp\u00e4ter, als Lenin argumentierte, dass ein Volk, das ein anderes Volk unterdr\u00fcckt, nicht frei sein k\u00f6nne und das Recht auf die Selbstbestimmung der Nationen sowie den Kampf gegen die koloniale Unterdr\u00fcckung der V\u00f6lker verteidigte.<\/p>\n<p>In einem kritischen Artikel \u00fcber die Intersektionalit\u00e4tstheorie argumentiert Lise Vogel richtigerweise, dass die sozialistischen Feministinnen der 60er und 70er \u2013 bereits bevor der Begriff Intersektionalit\u00e4t in Mode kam \u2013 die Kreuzung zwischen Patriarchat, Rassismus und Kapitalismus aufgezeigt hatten. An dieser Stelle muss hinzugef\u00fcgt werden, dass sich schon lange davor eine bemerkenswerte Tradition des sozialistischen feministischen Denkens entwickelt hatte: von Flora Tristan \u00fcber Engels und Clara Zetkin, die russischen Revolution\u00e4rinnen und viele andere; diese Str\u00f6mung materialisierte sich in wichtigen internationalen Konferenzen sozialistischer Frauen, in Programmen und Organisationen von Arbeiterinnen und B\u00e4uerinnen. Das von Leo Trotzki geschriebene und 1938 von der Vierten Internationale angenommene \u00dcbergangsprogramm erhebt unter anderem das Banner: \u201eMacht den Weg frei f\u00fcr die Jugend! Macht den Weg frei f\u00fcr die werkt\u00e4tigen Frauen!\u201c, um \u201ebei den unterdr\u00fccktesten Schichten der Arbeiterklasse (\u2026) Unterst\u00fctzung (zu) suchen\u201c.<\/p>\n<p>Seitens der Intersektionalit\u00e4tstheorie wird der Marxismus oft als \u201eklassenreduktionistisch\u201c kritisiert. Aber die Verteidigung der Zentralit\u00e4t einer \u201eKlassenanalyse\u201c bedeutet nicht, sie auf die Aktivit\u00e4t der Gewerkschaften in K\u00e4mpfen um h\u00f6here L\u00f6hne zu beschr\u00e4nken. Das w\u00e4re eine korporatistische und \u00f6konomistische oder eine sehr syndikalistische Sicht auf Klasse. Es ist wahr, dass die Praxis vieler stalinisierter kommunistischer Parteien und Gewerkschaftsb\u00fcrokratien im 20. Jahrhundert ein Ausdruck dieser eingeschr\u00e4nkten korporatistischen Politik war, was die Spaltung zwischen \u201eKlassenpolitik\u201c und dem Kampf der Bewegungen gegen Unterdr\u00fcckung versch\u00e4rfte. Aber nur wenn man f\u00e4lschlicherweise Stalinismus mit Marxismus gleichgesetzt, kann man sagen, dass Marxismus die \u201eKreuzung\u201c von Klassenausbeutung und Geschlechterunterdr\u00fcckung, Rassismus, kolonialer Unterdr\u00fcckung oder Sexualit\u00e4t nicht betrachtet hat.<\/p>\n<p>Klassenanalyse zielt darauf ab, jene Beziehungen aufzudecken, die die kapitalistische Gesellschaft strukturieren, die auf der allgemeinen Absch\u00f6pfung von Mehrwert f\u00fcr die Akkumulation von Kapital basieren, aber auch auf der Aneignung der reproduktiven Arbeit von Frauen im Haushalt sowie auf der Konzentration von Kapital in gro\u00dfen Monopolen, der Expansion von Finanzkapital und dem Wettbewerb imperialistischer Staaten, der zu globalen Kriegen und Auspl\u00fcnderungen f\u00fchrt. Dazu geh\u00f6rt auch die Analyse, dass das Kapital \u201eDifferenzen\u201c nutzt und damit festschreibt; rassistische, frauen- und fremdenfeindliche Ideologien n\u00e4hrt, um so Ausbeutung zu maximieren und Spaltungen innerhalb der Reihen der Arbeiter*innenklasse zu provozieren. Diese Klassenanalyse, die weit davon entfernt ist, \u201e\u00f6konomisch reduktionistisch\u201c zu sein, beinhaltet die Interaktion von politischen und sozialen Elementen und erm\u00f6glicht ein tieferes Verst\u00e4ndnis des Zusammenhanges von Klasse und Rassismus, Patriarchat oder Heterosexismus.<\/p>\n<p>Gleichzeitig geht damit die Erkenntnis einher, dass die Arbeiter*innenklasse \u2013 die im 21. Jahrhundert diverser, rassifizierter und feminisierter ist als je zuvor \u2013, wenn sie interne Spaltungen und Fragmentierungen \u00fcberwinden kann, als einzige die F\u00e4higkeit hat, die Grundlage f\u00fcr die Organisation einer neuen Gesellschaft freier Produzent*innen zu schaffen: das Kapital zu zerst\u00f6ren und die gesamte Wirtschaft, die Industrie, den Verkehr und die Medien unter ihre Kontrolle zu bringen. Der R\u00fcckzug aus der \u201eKlassenpolitik\u201c ist in Wahrheit die Abkehr vom Kampf gegen das kapitalistische System, ohne den die schrecklichen Ungerechtigkeiten nicht beendet werden k\u00f6nnen, die durch Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung aufgrund von \u201erace\u201c, Geschlecht oder Sexualit\u00e4t hervorgebracht werden.<\/p>\n<p>Seit mit der kapitalistischen Krise im Jahre 2008 neue Widerstandsbewegungen gegen neoliberale Politiken aufkamen, vertreten einige feministische Aktivist*innen sowie Teile antirassistischer Bewegungen und der Jugend auf eine andere Art und Weise die Idee der \u201eIntersektionalit\u00e4t\u201c: mit dem Ziel, dass sich verschiedene unterdr\u00fcckte Gruppen zusammenschlie\u00dfen. So bezeichnete sich beispielsweise die Frauenbewegung, die den 8M-Streik im Spanischen Staat organisiert, als \u201eantikapitalistisch, antirassistisch, antikolonial und antifaschistisch\u201c. Dies stellt zweifelsohne einen sehr wichtigen Schritt nach vorn auf dem Weg zu einer Zusammenf\u00fchrung der K\u00e4mpfe und einen Gegenentwurf zur Fragmentierungslogik dar. Die Summe oder \u201eIntersektion\u201c von Widerstandsbewegungen reicht jedoch nicht aus, wenn sie nicht mit einer gemeinsamen Strategie zur Bek\u00e4mpfung des Kapitalismus versehen sind, ohne die es nicht m\u00f6glich sein wird, dem Patriarchat und dem Rassismus ein Ende zu setzen.<\/p>\n<p>Es geht nicht darum, \u201eBewegungen\u201c oder \u201eIdentit\u00e4ten\u201c einer abstrakten und geschlechtslosen Arbeiter*innenklasse entgegenzusetzen. Denn noch nie zuvor war die Arbeiter*innenklasse so stark feminisiert und rassifiziert wie heute: Frauen machen 50% der Arbeiter*innenklasse aus, die somit das Gesicht von Schwarzen, lateinamerikanischen und asiatischen Frauen hat. Der Schl\u00fcssel zu einer hegemonialen Strategie besteht also darin, wieder eine Klassenpolitik in den Mittelpunkt zu r\u00fccken, die den Kampf gegen alle Formen der Unterdr\u00fcckung entschlossen aufgreift. Das bedeutet, jene zu vereinen, die der Kapitalismus spaltet, und so sowohl die innere Einheit der Arbeiter*innenklasse zu st\u00e4rken als auch mit Bewegungen, die gegen bestimmte Unterdr\u00fcckungsformen k\u00e4mpfen, B\u00fcndnisse zu schlie\u00dfen. Diese Perspektive ist zusammen mit dem Kampf um die Enteignung der Enteigner*innen die einzige, die es uns erm\u00f6glichen kann, in Richtung einer wirklich freien Gesellschaft voranzuschreiten.<\/p>\n<p><em>Dieser Artikel erschien zuerst in\u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/www.izquierdadiario.es\/Feminismo-interseccionalidad-y-marxismo-debates-sobre-genero-raza-y-clase-124548\"><strong><em>Contrapunto, der Sonntagsausgabe von IzquierdaDiario.es<\/em><\/strong><\/a><em>am 24. Februar 2019.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/feminismus-intersektionalitaet-und-marxismus-debatten-ueber-geschlecht-race-und-klasse\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 26. M\u00e4rz 2019<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Eagleton, Terry (1986): Against the Grain, Essays 1975-1985, London, Verso.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Aufgrund der Geschichte des Kolonialrassismus und des Nationalsozialismus wird der Begriff \u201eRasse\u201c hier nicht verwendet, zumal auch in der deutschsprachigen Debatte der Begriff \u201erace\u201c in seiner englischen Form benutzt wird.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Crenshaw, Kimberl\u00e9 (1989): Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics, zitiert nach: Natasha A. Kelly (2019): Schwarzer Feminismus. Grundlagentexte, M\u00fcnster, Unrast.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Davis, Angela (1981): Women, Race and Class.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Sowohl in Bezug auf Shulamith Firestones radikalen Feminismus (Frauenbefreiung und sexuelle Revolution (1987 (1970))) als auch auf Cristine Delphys materialistischen Feminismus (Der Hauptfeind (1977)).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Wie von Kate Millet formuliert in: Sexus und Herrschaft (1971).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Combahee River Collective (1979): A Black Feminist Statement, zitiert nach: Natasha A. Kelly (2019): Schwarzer Feminismus. Grundlagentexte, M\u00fcnster, Unrast.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Hill Collins, Patricia (2000): Black feminism thought, New York, Routledge. Eigene \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Albamonte, Emilio \/ Maiello, Mat\u00edas (2011):\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/an-den-grenzen-der-burgerlichen-restauration\/\"><strong>An den Grenzen der b\u00fcrgerlichen Restauration<\/strong><\/a>. In: Estrategia Internacional 27.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Hill Collins, a.a.O.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Eagleton, Terry (1997): Die Illusionen der Postmoderne, Stuttgart\/Weimar, Metzler.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Gim\u00e9nez, Marta E. (2019): Marx, Women, and Capitalist Social Reproduction. In: Historical Materialism Book Series, Band 169, Leiden-London, Brill. Eigene \u00dcbersetzung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Josefina Martinez. Intersektionalit\u00e4t ist in der Wissenschaft, im feministischen Aktivismus und in sozialen Bewegungen ein h\u00e4ufig gebrauchtes Wort. 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