{"id":5162,"date":"2019-03-27T11:14:11","date_gmt":"2019-03-27T09:14:11","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5162"},"modified":"2019-03-27T11:14:48","modified_gmt":"2019-03-27T09:14:48","slug":"partisanen-einer-neuen-welt-eine-geschichte-der-linken-in-der-tuerkei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5162","title":{"rendered":"Partisanen einer neuen Welt: Eine Geschichte der Linken in der T\u00fcrkei"},"content":{"rendered":"<p><em>Nihat \u00d6zer. <\/em><strong>Dies ist der Titel eines Buches, das im August 2018 im Verlag Die Buchmacherei erschienen ist. Es behandelt die Geschichte der Linken in der T\u00fcrkei seit Ende des Osmanischen Reichs bis<!--more--> zur Gegenwart, die hierzulande weitgehend unbekannt ist.<\/strong><\/p>\n<p>Diese Geschichte birgt auf der einen Seite einen reichhaltigen Erfahrungsschatz an sozialen K\u00e4mpfen wie Streiks und Fabrikbesetzungen, Guerillak\u00e4mpfe und spontane Rebellionen, auf der anderen Seite ist sie aber neben gewissen H\u00f6hepunkten eher von Niederlagen gepr\u00e4gt. Zu Niederlagen kam es in erster Linie deswegen, weil die t\u00fcrkischen Linke von ihrer Geburtsstunde an der sowjetischen Au\u00dfenpolitik zum Opfer gefallen ist, bevor sie \u00fcberhaupt \u00aberwachsen\u00bb wurde und unter den Werkt\u00e4tigen Fu\u00df fassen konnte.<\/p>\n<p>Seit dem Ende der 20er Jahre gelang es dem jungen Regime Mustafa Kemals mit einer \u00abgeschickten\u00bb zweischneidigen Politik, n\u00e4mlich massiver Unterdr\u00fcckung auf der einen und \u00abideologischer Bek\u00e4mpfung\u00bb auf der anderen Seite, die Linke zu isolieren. Erst nach der \u00abzweiten Geburt\u00bb (Demir K\u00fcc\u00fckaydin) im Jahre 1960 gewann die Linke wieder an Bedeutung. Allerdings waren es diesmal illusion\u00e4re Vorstellungen, selbstzerst\u00f6rerische Str\u00f6mungsk\u00e4mpfe und Abgrenzungsschwierigkeiten gegen\u00fcber dem Kemalismus, die zu tragischen Niederlagen f\u00fchrten.<\/p>\n<p>Das Buch schildert diese leidvolle und tragische Geschichte und zwar in Wechselwirkung mit der politischen und sozio\u00f6konomischen Entwicklung des Landes. Insbesondere das erste Kapitel verdient, als eine alternative Geschichte der T\u00fcrkei bezeichnet zu werden. Das Buch besteht aus acht Kapiteln.<\/p>\n<p><strong>Vom Osmanischen Reich bis zum \u00adMilit\u00e4rputsch 1980<\/strong><\/p>\n<p>Das erste Kapitel behandelt die Geschichte der Linken und Arbeiterbewegung vom Osmanischen Reich bis zum Milit\u00e4rputsch 1980. Der Historiker und Journalist\u00a0<em>Nikolaus Braun<\/em>s bezeichnet zu Beginn das Osmanische Reich vor den Tanzimat-Reformen im 19.?Jahrhundert als eine \u00aborientalische Despotie\u00bb im Sinne von Karl Wittfogel. Damit will er eine Besonderheit der t\u00fcrkischen Geschichte hervorheben, n\u00e4mlich dass eine m\u00e4chtige Staatsb\u00fcrokratie die Herausbildung einer eigenen politischen Vertretung von Kaufleuten und Handwerkern in den St\u00e4dten verhinderte.<\/p>\n<p>Mit Rosa Luxemburg erkl\u00e4rt er wiederum, warum das Aufkommen der kapitalistischen Produktionsformen unm\u00f6glich war: \u00abdas Fehlen der elementarsten Voraussetzungen der b\u00fcrgerlichen Ordnung\u00bb. \u00abDie Handelspolitik der europ\u00e4ischen Staaten gegen\u00fcber der T\u00fcrkei\u00bb wirkte in dieselbe Richtung. Die T\u00fcrkei geriet deshalb in eine halbkoloniale Abh\u00e4ngigkeit, die keine st\u00e4rkere Industrialisierung m\u00f6glich machte.<\/p>\n<p>Erst gegen Ende des 19.?Jahrhunderts gab es in einigen Wirtschaftssektoren eine kapitalistische Entwicklung, die die Entstehung einer Arbeiterklasse zur Folge hatte. Und zwar waren unter den \u00abersten Arbeitern\u00bb viele \u00abWanderarbeiter aus West- und Mitteleuropa, die bei Infrastrukturprojekten wie dem Eisenbahnbau, in H\u00e4fen und beim Bergbau\u00bb arbeiteten. So betont Brauns, dass ausl\u00e4ndische Wanderarbeiter als Avantgarde der Klassenk\u00e4mpfe hervortraten.<\/p>\n<p>Sozialistische Ideen gelangten auch \u00ab\u00fcber die nichtmuslimischen Bev\u00f6lkerungsgruppen der Armenier, Griechen, Serben, Bulgaren und Juden ins Osmanische Reich\u00bb. Die Klassensolidarit\u00e4t im damaligen multiethnischen Saloniki spielte dabei eine wichtige Rolle. Erste sozialistische Zusammenschl\u00fcsse sind in Saloniki entstanden.<\/p>\n<p>Zwei Jahre sp\u00e4ter, nach der jungt\u00fcrkischen Revolution von 1908, wurde in Istanbul die Osmanische Sozialistische Partei gegr\u00fcndet, die auch bem\u00fcht war, \u00abdie sozialistische Lehre mit den Grunds\u00e4tzen des Islam in \u00dcbereinstimmung zu bringen\u00bb. Allerdings waren die Aktivit\u00e4ten dieser Partei von kurzer Dauer, da mehrere sozialistische Zeitungen verboten und Aktivisten ins Exil verbannt wurden.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus war der Verlust von Saloniki im ersten Balkankrieg f\u00fcr die Entwicklung der Linken in der T\u00fcrkei von \u00abentscheidender Bedeutung\u00bb, da diese Stadt das wirtschaftlich am meisten entwickelte Gebiet war.<\/p>\n<p>Die weitere Entwicklung der Linken stand im Zeichen des Nationalismus. Der t\u00fcrkische Nationalismus entwickelte sich als Reaktion auf die \u00abGebietsverluste\u00bb und die Nationalismen der Balkanv\u00f6lker. Dabei stellte man auch fest, dass das eigene Land zu einer Halbkolonie geworden war. Man sah also insbesondere nach den Balkankriegen ein, dass die Heimat im Untergang begriffen ist. So waren staatssozialistische Ideen f\u00fcr viele nationalistische Intellektuelle attraktiv, um die Heimat zu retten. Diese Haltung spielte bei der Entstehung der kemalistischen Bewegung eine wichtige Rolle. Allerdings sollte diese Mischung sp\u00e4ter \u00abden \u00dcbergang vom Nationalismus zum Kommunismus f\u00fcr viele bedeutende Personen\u00bb erleichtern.<\/p>\n<p><strong>Die Wirkung der Oktoberrevolution<\/strong><\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund l\u00f6ste die russische Oktoberrevolution von 1917 unter t\u00fcrkischen Intellektuellen \u00abunterschiedliche Erwartungen und Reaktionen\u00bb aus. Sie stie\u00df auf viel Sympathie. In Russland entstand eine direkt von den Bolschewiki beeinflusste t\u00fcrkische linke Str\u00f6mung, die zur Gr\u00fcndung der T\u00fcrkischen Kommunistischen Partei in Baku f\u00fchrte. Bei dieser Gr\u00fcndung stand allerdings \u00abeine antiimperialistische Ausrichtung und nicht der Kampf f\u00fcr den Sozialismus im Vordergrund\u00bb.<\/p>\n<p>Zu diesem Zeitpunkt bestand zwischen der sowjetischen Regierung und der t\u00fcrkischen Nationalbewegung eine Kooperation. Das Hauptinteresse der Sowjetregierung bestand darin, den \u00fcber die Meerengen und das Schwarze Meer verlaufenden Nachschub an die wei\u00dfen Armeen zu unterbrechen. Ferner war man der Meinung, dass ein befreundeter t\u00fcrkischer Staat die S\u00fcdflanke Sowjetrusslands sch\u00fctzen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Tragik dabei war, dass die Nationalbewegung um Mustafa Kemal gegen\u00fcber der Sowjetunion eher eine heuchlerische Politik betrieb. Einerseits war sie auf die Unterst\u00fctzung der Sowjetunion angewiesen und vermittelte deswegen nach au\u00dfen hin ein Bild von sich, als w\u00e4re sie dabei, die bolschewistischen Ideen zu \u00fcbernehmen. Andererseits wollte sie nicht zulassen, dass eine konkurrierende sozialrevolution\u00e4re Bewegung entstand.<\/p>\n<p>So wurde 1921 die F\u00fchrungsgruppe der TKP um Mustafa Suphi, die aus Baku nach Anatolien \u00fcbersiedeln wollte, allen Indizien nach im Auftrag von Mustafa Kemal ermordet. Das war wohl die erste tragische Niederlage der t\u00fcrkischen Linken. Nach der Gr\u00fcndung der t\u00fcrkischen Republik 1923 wurde sogar eine Ideologie entwickelt, wonach es in der T\u00fcrkei keine Klassen gebe.<\/p>\n<p>Brauns bezeichnet die 1932 erstmals erschienene Zeitschrift Kadro (Kader), die einige namhafte Intellektuelle (zum Teil ehemalige Sozialisten) um sich scharte, als eine ernsthafte Rivalin der TKP auf ideologischer Ebene.<\/p>\n<p>1933 wurde das unter Mussolini in Italien erlassene Strafgesetzbuch vom t\u00fcrkischen Regime \u00fcbernommen. So wurden Parteien, die sich auf bestimmte Klassen orientierten, verboten. In der darauffolgenden Zeit der Repression sa\u00dfen viele Kommunisten immer wieder hinter Gittern. Brauns stellt in diesem Zusammenhang die These auf, dass das Verbot \u00abder Klassenparteien\u00bb zur Folge hatte, dass kulturk\u00e4mpferische Aspekte der frommen Land- und Provinzbev\u00f6lkerung gegen die s\u00e4kular orientierten St\u00e4dte als Ersatzklassenkampf in den Vordergrund traten. Auch nach der Einf\u00fchrung des Mehrparteiensystems hatten die Linken es nicht leicht. Immer wieder gab es eine regelrechte Hexenjagd auf sie.<\/p>\n<p><strong>Wiedergeburt in den 60ern<\/strong><\/p>\n<p>Die 50er Jahre standen zun\u00e4chst ganz im Zeichen einer wirtschaftlichen Liberalisierung. Als die konservative DP an der Regierung zu einer repressiven Politik gegen\u00fcber der Opposition \u00fcberging, musste die fr\u00fchere Regierungspartei (die kemalistische CHP) freiheitlichere Positionen \u00fcbernehmen. Dies erm\u00f6glichte den Linken, ihre politische Existenz halbwegs zu legitimieren.<\/p>\n<p>Brauns stellt richtig fest, dass die Linke ihre zweite Geburt dem Milit\u00e4rputsch von 1960 und der neuen Verfassung zu verdanken habe.<\/p>\n<p>Er weist auch darauf hin, dass die Gr\u00fcndung der Arbeiterpartei der T\u00fcrkei (TIP) im Februar 1961 und das Erscheinen der linkskemalistischen Wochenzeitung Y\u00f6n im Dezember 1961 die Weichen f\u00fcr die Herausbildung zweier Hauptstr\u00f6mungen gestellt haben: eine parlamentarisch orientierte sozialistische und eine au\u00dferparlamentarische, f\u00fcr eine nationaldemokratische Revolution eintretende Linie.<\/p>\n<p>Die TIP erzielte bei den Parlamentswahlen 1965 ihren Durchbruch, nicht zuletzt dank des Wahlgesetzes konnte sie 15 Abgeordnete in die 450k\u00f6pfige Nationalversammlung entsenden. Ein weiterer H\u00f6hepunkt war die Gr\u00fcndung der k\u00e4mpferischen Gewerkschaftsf\u00f6deration DISK im Februar 1967.<\/p>\n<p>Daneben konstituierte sich eine Bewegung der National-Demokratischen Revolution (MDD), die das Hauptproblem in der T\u00fcrkei im Widerspruch zwischen nationalen fortschrittlichen Kr\u00e4ften einerseits und konservativen feudalen Kr\u00e4ften andererseits sah. Die revolution\u00e4re Jugendbewegung, die ihren H\u00f6hepunkt 1968 hatte, war stark von dieser ideologischen Position gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Allerdings spaltete sich die Jugendbewegung sehr schnell in mehrere Str\u00f6mungen, die dann aus der ganzen Welt \u00abunterschiedliche revolution\u00e4re Strategien\u00bb \u00fcbernahmen, egal ob sie zur T\u00fcrkei passten. Insofern leuchtet es ein, wenn Brauns vom \u00abIrrweg der MDD\u00bb spricht. So nahmen 1970\/71 drei Guerillagruppen einen bewaffneten Kampf gegen den Staat auf, die aber bereits nach dem Milit\u00e4rputsch von 1971 ein tragisches Ende fanden.<\/p>\n<p>1973 gab es wieder Wahlen und das Land normalisierte sich etwas. Auch wenn die Linken nicht zuletzt aufgrund der Sympathien f\u00fcr die K\u00e4mpfer der 68er-Generation einen Aufschwung erlebt haben, waren die 70er Jahre von Zersplitterung und Fraktionsk\u00e4mpfen gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Die Tragik der Linken in der T\u00fcrkei war wohl weltweit einmalig. Die Analyse ihrer strategischen und taktischen Fehler, die Brauns vornimmt, kann uns als Lehrbeispiel dienen.<\/p>\n<p><strong>Die Entwicklung der Linken von 1980 bis heute<\/strong><\/p>\n<p>Im zweiten Teil des Buches hat der Publizist und \u00dcbersetzer\u00a0<em>Murat Cakir<\/em>\u00a0die Aufgabe \u00fcbernommen \u201eDie Entwicklung der Linken von 1980 bis heute\u201c zu beschreiben.<\/p>\n<p>Cakir bringt die Macht\u00fcbernahme des Milit\u00e4rs im September 1980 mit dem Anfang des Jahres begonnenen \u201egrundlegenden, neoliberalen Umbau des Landes\u201c in Verbindung. Mit einem solchen Umbau zielten die herrschenden Klassen in der T\u00fcrkei auf die \u201eIntegration der t\u00fcrkischen Wirtschaft in die Welt\u00f6konomie\u201c ab. Allerdings waren aus Sicht der herrschenden Klassen noch weitere Transformationen der politischen und ideologischen Grundlagen des Staates notwendig. Cakir stellt hier die These auf, dass \u201eein solches Programm ohne die Stabilisierung der inneren Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse zugunsten der herrschenden Klassen\u201c nicht h\u00e4tte durchgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen. Ferner behauptet er, dass \u201eradikale Linke und die t\u00fcrkische Arbeiterbewegung das Potenzial\u201c hatten, \u201edie politische und wirtschaftliche Krise der T\u00fcrkei mit Massenmobilisierungen zu vertiefen\u201c. Als einen weiteren Grund f\u00fcr den Milit\u00e4rputsch nennt er die au\u00dfenpolitische Entwicklung (die islamische Revolution im Iran, der Krieg in Afghanistan), die die Stabilit\u00e4t des NATO-Mitgliedes T\u00fcrkei aus Sicht der USA notwendig machte.<\/p>\n<p>Cakir beschreibt, wie hart die Junta gegen die Linken vorging und betont, dass die Junta nicht nur die Linken zerschlagen wollte, sondern mit einer ideologischen Kriegsf\u00fchrung auch einen antikommunistischen Konservatismus in der Gesellschaft zu verankern versuchte. Er erw\u00e4hnt in diesem Zusammenhang die neue \u201eStaatsideologie\u201c,die t\u00fcrkisch-islamische Synthese. Ferner diskutiert er die Situation vor dem Milit\u00e4rputsch in Bezug auf die Frage, ob die t\u00fcrkische Linke in der Lage gewesen sei, Widerstand zu leisten.<\/p>\n<p>Dass die Junta mit der neuen Verfassung von 1982 und einer entsprechenden Gesetzgebung die politische Struktur und \u00fcberhaupt die Gesellschaft der T\u00fcrkei umzuw\u00e4lzen plante, steht au\u00dfer Frage. Allerdings ist nicht klar, ob sie ihr Ziel erreichte. In diesem Zusammenhang rollt Cakir die Diskussion neu auf, ob die Milit\u00e4rjunta bei den Wahlen von 1983 tats\u00e4chlich die favorisierte MDP an die Macht bringen wollte oder nicht. Auch darauf gibt er keine klare Antwort.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich bezeichnet er die Amtszeit der ANAP unter \u00d6zal als eine Zeit der \u201eLiberalisierung und Deregulierung des Au\u00dfenhandels, der Finanzm\u00e4rkte und des Devisenmarkts. Ferner war sie gepr\u00e4gt vom Boom der Bau- und Tourismusbranche, von Investitionen in den Stra\u00dfenbau sowie in die Energie- und Kommunikationssektoren\u201c. Cakir sieht ein, dass das alles eine gewisse Wohlstandssteigerung mit sich brachte. Nicht zuletzt deswegen waren die Massen f\u00fcr soziale K\u00e4mpfe zuerst wenig zu mobilisieren. Erst nach den Wahlen von 1987, zu denen nunmehr alle b\u00fcrgerlichen Parteien zugelassen waren, normalisierte sich die politische Lage etwas.<\/p>\n<p>Das Jahr 1989 stand im Zeichen der ersten und breitesten Protestaktionen der ArbeiterInnenklasse nach dem Putsch von 1980. Cakir betont, dass damit gegen die neoliberale Politik eine Flanke er\u00f6ffnet wurde und die 1990er Jahre sich zu einer \u00c4ra gro\u00dfer Aktionen entwickelten. Auch wenn diese Entwicklungen eine neue Grundlage f\u00fcr den Kampf der Linken schufen, waren die Linken zun\u00e4chst durch die Umw\u00e4lzungen in der Sowjetunion und den bewaffneten Kampf der Kurden aufgewirbelt.<\/p>\n<p>Cakir widmet der TKP etwas mehr Aufmerksamkeit und stellt fest, dass eine Clique um Nabi Yagci die TKP liquidiert hat. Die Beziehungen zwischen der kurdischen und t\u00fcrkischen Linke behandelt er in einem Exkurs, wo er von drei Haltungen in den t\u00fcrkischen Linken spricht: kritische Solidarit\u00e4t, das grunds\u00e4tzliche und praktische Festhalten am Prinzip des Selbstbestimmungsrechts und die Ablehnung dieses Rechtes.<\/p>\n<p>Cakir geht auf die Geschichte des politischen Islam in der T\u00fcrkei ausf\u00fchrlich ein und betont die Rolle der EU bei der Etablierung seiner Hegemonie. Erdogan nahm einen \u201eKurswechsel\u201c vor, nachdem sein Ziehvater Necmettin Erbakan 1997 einem kalten Putsch zum Opfer gefallen war. Cakir beschreibt den Putsch gegen Erbakan als \u201eDomestizierung des politischen Islam\u201c. Nicht zuletzt mit Unterst\u00fctzung von westlichen Akteuren setzte sich dann mit dem Beginn der AKP-Regierung im November 2002 ein Regime aus gem\u00e4\u00dfigtem Islam, neoliberaler Wirtschaft und autorit\u00e4rer Staatlichkeit in der T\u00fcrkei durch.<\/p>\n<p>Die t\u00fcrkischen und kurdischen Linken erlitten in der Zeit vor und w\u00e4hrend der AKP-\u00c4ra bei allen Offensiven und Massenmobilisierungen vor allem Verluste und Niederlagen. Ein Tiefpunkt f\u00fcr die kurdische Befreiungsbewegung war die Entf\u00fchrung ihres Anf\u00fchrers Abdullah \u00d6calan am 15.Februar 1999 durch eine internationale Geheimdienstoperation.<\/p>\n<p>Cakir analysiert die Entwicklungen unter der AKP-Regierung bis Anfang 2018 im Lichte der Formierung eines pr\u00e4diktatorischen Regimes. Dabei unterscheidet er einige Etappen bzw. Stationen, die Erdogan durchlief, um unter Zuhilfenahme von Komplotten eine autorit\u00e4re Herrschaft etablierte. Dem Putschversuch vom Juli 2016 kommt allerdings eine zentrale Stellung als Katalysator zu.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Diskussion der Linken in der T\u00fcrkei ist der Juni-Aufstand 2013 nicht minder bedeutsam. Die t\u00fcrkischen Linken stehen vor der Aufgabe, ein breit aufgestelltes Oppositionsb\u00fcndnis aufzubauen und einen demokratischen Wechsel herbeizuf\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Die AKP und die t\u00fcrkische Wirtschaft<\/strong><\/p>\n<p>Der Schriftsteller und Aktivist<em>\u00a0Alp Kayserilioglu<\/em>\u00a0legt im dritten Kapitel des Buches eine Analyse der Wirtschaft unter der AKP-Regierung vor. Er hebt die Abh\u00e4ngigkeit der National\u00f6konomie des Landes von westlichen Kapitalexporten hervor und stellt die Folgen der Privatisierungswelle vor: stagnierende Einkommen und eine im globalen Vergleich sehr hohe Zahl von Arbeitsunf\u00e4llen. Zwischen 2002 und 2015 fielen 15.084 ArbeiterInnen rationalisierungsbedingten Einsparungen in der Arbeitssicherheit und dem anwachsenden Leistungsdruck zum Opfer. Zurecht sprachen linke Gewerkschafter auch von \u201eArbeitsmorden\u201c.<\/p>\n<p>Aktuell steht eine tiefe Wirtschaftskrise mit gro\u00dfem Leistungsbilanzdefizit und anhaltend hoher Inflation bevor.<\/p>\n<p><strong>AKP \u2013 die militanteste Partei des Finanzkapitals<\/strong><\/p>\n<p>Im vierten Kapitel will der Philosoph und politische Publizist\u00a0<em>Volkan Varasir<\/em>\u00a0zeigen, dass die \u201eAKP die militanteste Partei des Finanzkapitals\u201c ist. Er begr\u00fcndet seine These zum einen damit, dass von der AKP enorme Angriffe auf die ArbeiterInnenklasse ausgingen, die im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise 2008 und des gescheiterten Putsches 2016 jeweils an H\u00e4rte zunahmen. Zum anderen damit, dass die AKP das Klassenbewusstsein durch religi\u00f6s und nationalistisch aufgeladene Identit\u00e4tspolitik zertr\u00fcmmert habe, die Arbeitskraft systematisch entwertet und die Klasse durch die Versch\u00e4rfung zunftspezifischer Unterschiede fragmentiert habe. Varasir h\u00e4lt dies alles f\u00fcr spezifische Merkmale der Integration des t\u00fcrkischen Kapitalismus ins kapitalistische Weltsystem.<\/p>\n<p><strong>Die feministische Bewegung und die Linke<\/strong><\/p>\n<p>In einem weiteren Beitrag besch\u00e4ftigt sich die Rechtsanw\u00e4ltin und Publizistin\u00a0<em>Brigitte Kiechle<\/em>\u00a0mit der Frage der Geschlechtergerechtigkeit. Sie weist zun\u00e4chst darauf hin, dass der Antifeminismus ein wichtiger Bestandteil der AKP-Staatsdoktrin ist. Kiechle unterteilt die Entwicklung der Frauenbewegung in der T\u00fcrkei in vier Phasen, wobei die Anf\u00e4nge bis ins Osmanische Reich zur\u00fcckgehen. Die kemalistische Frauenbewegung, die zweite Phase, bezeichnet sie als eine Bewegung, die aus b\u00fcrgerlichen Mittelschichten bestand und nur formale Gleichstellungsziele verfolgte.<\/p>\n<p>Nach 1980 entstand die autonome Frauenbewegung, die vor allem von linken Aktivistinnen getragen wurde. F\u00fcr diese neue Frauenbewegung stand der Kampf gegen h\u00e4usliche Gewalt im Mittelpunkt. Diese Feministinnen trugen dazu erheblich bei, dass ein \u00f6ffentliches Bewusstsein f\u00fcr die Unterdr\u00fcckung der Frau in Familie und Gesellschaft entstand. Die kurdische Frauenbewegung entwickelte eigene Organisationsstrukturen. Dies ist darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass die Lebenswelt der kurdischen Frauen von feudal-patriarchaler Unterdr\u00fcckung gepr\u00e4gt war und auf einer eigenen inhaltlichen Grundlage beruhte. Zum Schluss setzt sich Kiechle mit den Problemen des B\u00fcndnisses zwischen feministischer Bewegung und der Linken in der T\u00fcrkei auseinander.<\/p>\n<p><strong>Gleichstellung der Geschlechter und radikale Demokratie<\/strong><\/p>\n<p>Der Soziologe<em>\u00a0Joost Jongerden<\/em>\u00a0untersucht in seinem Beitrag die Paradigmenwechsel innerhalb der kurdischen Befreiungsbewegung. Dabei geht er ausf\u00fchrlich auf die \u00dcberlegungen ihres Anf\u00fchrers Abdullah \u00d6calan ein. Die PKK l\u00f6ste um die Jahrtausendwende das Konzept der Staatsgr\u00fcndung vom Konzept der Selbstbestimmung und entwickelte damit einen \u201eideologischen \u00dcberbau auf Grundlage des Gedankens der Selbstverwaltung als staatenlose Gesellschaft. Das ist quasi das neue Paradigma gewesen\u201c. In diesem neuen Paradigma \u201ebetrachtete man die Errichtung der Geschlechterhierarchie und des Staates als die historische Grundlage f\u00fcr \u00f6konomische wie kulturelle Ungerechtigkeiten\u201c. Jongerden betont, dass dieser Paradigmenwechsel vor dem Hintergrund der Niederlagen zu sehen ist. Dies bedeutete in der praktischen Politik \u201eden dominanten Mann begraben\u201c.<\/p>\n<p>Der zweite Paradigmenwechsel ergab sich aus einer Staatskritik, die man vor dem Hintergrund des Scheiterns der Sowjetunion \u00fcbte. \u00d6calan bezeichnete den Staat als die Institution, \u201edie nicht f\u00fcr Demokratie, Freiheit und Menschenrechte steht, sondern f\u00fcr deren Negation.\u201c Jongerden beschreibt dann das neue Konzept von \u00d6calan, n\u00e4mlich den demokratischen Konf\u00f6deralismus. Damit vollzog die kurdische Befreiungsbewegung eine Wandlung vom einst eher nationalen Charakter zur Ausbildung einer umfassenden Theorie menschlicher Emanzipation, demokratischer Organisation und \u00f6kologischer Transformation.<\/p>\n<p><em>Partisanen einer neuen Welt. Eine Geschichte der Linken und Arbeiterbewegung in der T\u00fcrkei<\/em><\/p>\n<p><em>(Hrsg. Nikolaus Brauns, Murat \u00c7ak?r)<\/em><\/p>\n<p><em>Berlin: Die Buchmacherei, 2018,\u00a0528 S., 20 Euro<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.sozonline.de\/2019\/03\/partisanen-einer-neuen-welt\/\">sozonline.de&#8230;<\/a> vom 27. M\u00e4rz 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nihat \u00d6zer. Dies ist der Titel eines Buches, das im August 2018 im Verlag Die Buchmacherei erschienen ist. 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