{"id":5170,"date":"2019-03-29T09:09:38","date_gmt":"2019-03-29T07:09:38","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5170"},"modified":"2019-03-29T09:09:38","modified_gmt":"2019-03-29T07:09:38","slug":"ungarische-raeterepublik-fuenf-monate-experiment-mit-der-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5170","title":{"rendered":"Ungarische R\u00e4terepublik: F\u00fcnf Monate Experiment mit der Freiheit"},"content":{"rendered":"<p><em>David Reisinger.<\/em> <strong>Am Morgen des 21. M\u00e4rz 1919 befanden sich die f\u00fchrenden Pers\u00f6nlichkeiten der Kommunistischen Partei Ungarns im Gef\u00e4ngnis. Am Abend desselben Tages waren sie an der Macht<!--more--> eines neuen Staates. Gemeinsam mit der Sozialdemokratie hatten die Kommunisten eine R\u00e4terepublik gegr\u00fcndet. Von der alten Ordnung ins Gef\u00e4ngnis geworfen, waren sie zu zentralen Figuren der neuen Ordnung geworden.<\/strong><\/p>\n<p>Seit 1686 war Ungarn ein Teil der Habsburgermonarchie. Ungarn befand sich in einer kolonialen Abh\u00e4ngigkeit gegen\u00fcber \u00d6sterreich. Es fungierte als Kornkammer f\u00fcr das Habsburgerreich \u2013 exportierte Lebensmittel und importierte Industrieprodukte. \u00c4hnlich wie das russische Zarenreich war Ungarn auf der einen Seite ein landwirtschaftlicher Feudalstaat, einem kleinen Prozentsatz von Adeligen (5%) geh\u00f6rten 85% des gesamten Landes.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite entwickelte sich mit ausl\u00e4ndischem Kapital in den gro\u00dfen St\u00e4dten eine bedeutsame Industrieproduktion. Somit entstand auch eine immer m\u00e4chtiger werdende Arbeiter_innenbewegung. Der Gro\u00dfteil dieser modernen kapitalistischen Unternehmen wurde von Adeligen geleitet, diese hatten keinerlei Interesse an einer \u00c4nderung der politischen und \u00f6konomischen Situation.<\/p>\n<p>Der Erste Weltkrieg, losgetreten von der herrschenden Klasse \u00d6sterreichs, entwickelte sich zum Bumerang. Umso schlechter die milit\u00e4rische Situation f\u00fcr das Habsburgerreich wurde, umso rebellischer wurden die ungarischen Bauerntruppen. Im Zuge der russischen Februarrevolution kam es im Mai 1917 zu einer ersten revolution\u00e4ren Welle in Ungarn. Massenstreiks und Demonstrationen zwangen die Regierung am 23. Mai zum R\u00fccktritt. Eine neue geschw\u00e4chte Regierung unter Esterhazy wurde eingesetzt.<\/p>\n<p><strong>Arbeiterr\u00e4te<\/strong><\/p>\n<p>Im J\u00e4nner 1918 kam es im gesamten Habsburgerreich zu Massenstreiks. Zur Koordinierung dieser Massenstreiks w\u00e4hlten Arbeiter_innen, inspiriert durch das russische Vorbild, Arbeiter_innenr\u00e4te. R\u00e4te entstehen im Zuge von spontanen K\u00e4mpfen der Arbeiter_innenklasse. F\u00fcr uns als revolution\u00e4re Sozialist_innen sind sie aber mehr als nur Organisationen von Gegenmacht der Arbeiter_innen, wie bspw. Gewerkschaften, welche um Reformen innerhalb eines kapitalistischen Rahmens k\u00e4mpfen. R\u00e4te sind die Grundlage f\u00fcr eine sozialistische Gesellschaft. Im Parlamentarismus haben die einfachen Menschen nur ein minimales Mitbestimmungsrecht.<\/p>\n<p>R\u00e4te haben das Ziel, die gesamte Gesellschaft zu demokratisieren. Das bedeutet, die Unternehmen genauso wie den Staatsapparat. Lenin beschrieb die R\u00e4te folgenderma\u00dfen: \u201eDieser neue Apparat ist nicht von irgendjemand erdacht, er w\u00e4chst hervor aus dem Klassenkampf des Proletariats, aus der Verbreiterung und Vertiefung dieses Kampfes\u201c. Wenn sich die Mehrheit der Arbeiter_innenklasse in R\u00e4ten organisiert, entsteht eine Art Doppelherrschaft: Auf der einen Seite das b\u00fcrgerliche Regime, auf der anderen Seite eine Regierung der Arbeiter_innenklasse, welche sowohl Politik als auch Wirtschaft demokratisch organisieren will.<\/p>\n<p>Im Zuge von Massendemonstrationen wurde am 29. Oktober 1918 die Ungarische Republik ausgerufen. Die Eliten mussten sich, zumindest in Worten, zu einer parlamentarischen Demokratie mit kapitalistischer Wirtschaftsordnung bekennen. Doch die Regierung um den Grafen K\u00e1rolyi war weder gewillt noch in der Lage, Reformen durchzusetzen. Es gab keine funktionierende Armee oder Polizei, die gesamte bewaffnete Macht befand sich in den H\u00e4nden der Arbeiter_innen und Soldaten. Es entstand ein Dekret zur Verteilung des Landbesitzes der Adeligen an die Bauern, aber dieses wurde nie umgesetzt.<\/p>\n<p><strong>R\u00e4terepublik<\/strong><\/p>\n<p>Am 2. M\u00e4rz 1919 fand der erste gesamtungarische R\u00e4tekongress statt, die Kommunistische Partei war auf diesem Kongress in der Minderheit. Der Kongress wurde ohne Abstimmung \u00fcber die Frage des Aufstandes beendet. Bis Mitte M\u00e4rz \u00fcbernahmen die R\u00e4te zwar die Kontrolle \u00fcber die Verwaltung in vielen St\u00e4dten, aber trotzdem hielt sich die Regierung noch an der Macht.<\/p>\n<p>Am 20. M\u00e4rz begannen franz\u00f6sische Truppen eine Offensive in Richtung Budapest. Die Liberalen, die hofften, dass die franz\u00f6sischen Truppen das Machtvakuum f\u00fcllen w\u00fcrden, zogen sich aus der Regierung zur\u00fcck und \u00fcbergaben der Sozialdemokratie die alleinige Regierungsgewalt. Eine sozialdemokratische Alleinregierung, die sich gegen einen \u00e4u\u00dferen Feind verteidigen musste und gleichzeitig innenpolitisch von links und rechts attackiert wird, w\u00e4re von kurzer Dauer gewesen.<\/p>\n<p>Am 21. M\u00e4rz fuhren die f\u00fchrenden Vertreter der sozialdemokratischen Partei ins Zentralgef\u00e4ngnis zu einer Diskussion mit dem Zentralkomitee der KP um B\u00e9la Kun. Noch im Gef\u00e4ngnis wurde die Vereinigung der beiden Parteien und die Bildung einer R\u00e4terepublik beschlossen. Am selben Tag erkl\u00e4rte das Exekutivkomitee der Arbeiter und Soldatenr\u00e4te seine Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Ausrufung der R\u00e4terepublik. Die R\u00e4terepublik entstand also nicht aus einer Revolution von unten, genauso wenig war es ein von der Sowjetunion gesteuert Putsch, sondern aus der verzweifelten Situation der Sozialdemokratie und der Hoffnung der KP, ohne Revolution von unten an die Macht zu kommen.<\/p>\n<p><strong>An der Macht<\/strong><\/p>\n<p>Bis auf das Volkskommissariat f\u00fcr \u00c4u\u00dferes wurden alle wichtigen Posten von Sozialdemokraten besetzt. Kaum an der Macht f\u00fchrte die R\u00e4teregierung gigantische Reformen durch: Am 3. April wurde allen Frauen und M\u00e4nnern ab dem 18. Lebensjahr das freie und geheime Wahlrecht zugestanden, Priester, Adelige und Kapitalisten wurden richtigerweise von diesem Wahlrecht ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Die Herren der alten Ordnung sollten in der neuen nichts mehr zu sagen haben. Zwischen 6. und 8. April wurden dann in ganz Ungarn R\u00e4tewahlen organisiert. Aus diesen Wahlen entstand ein 150-k\u00f6pfiges zentrales Exekutivkomitee, welches das oberste Machtorgan des neuen Staates wurde. Ein erster Schritt war die Kollektivierung aller Geldinstitute, in einem zweiten Schritt wurden Unternehmen mit mehr als 50 Besch\u00e4ftigten kollektiviert.<\/p>\n<p><strong>Scheitern der Bodenreform<\/strong><\/p>\n<p>Die Bolschewiki hatten in Russland nach der Macht\u00fcbernahme das Land der Adeligen enteignet und an die Bauern verteilt. Dieser Schritt wurde von vielen Marxist_innen, u.a. von Rosa Luxemburg, als opportunistisch kritisiert. Im Sozialismus sollte der Boden kollektiv bewirtschaftet werden und nicht von einzelnen Bauernfamilie ohne gr\u00f6\u00dferen Plan. Die Bolschewiki hatten erkannt, dass es unm\u00f6glich ist, eine Revolution in einem Agrarstaat zu machen, ohne die Unterst\u00fctzung der Bauern zu gewinnen. In Ungarn wurde der Boden nicht an die Bauern verteilt sondern kollektiviert \u2013 die Produktion wurde von oft verhassten staatlich bestellten Beamten geleitet. Das war ein Fehler, der zum Niedergang der R\u00e4terepublik beitragen sollte.<\/p>\n<p>Nicht zu rechtfertigen ist, dass die ungarische R\u00e4teregierung oft die ehemaligen Gutsherren oder ihre Verwalter als neue Leiter der Produktion einsetzte. Die Bauern mussten unter denselben Leuten schuften, so konnte man die Landarbeiter niemals f\u00fcr die Sache begeistern. Dieses Ausbleiben des B\u00fcndnisses zwischen Arbeiter_innen und Landbev\u00f6lkerung musste unweigerlich in die Niederlage der R\u00e4terepublik f\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Lenins Kritik<\/strong><\/p>\n<p>Lenin feierte die Gr\u00fcndung der R\u00e4terepublik als \u201ewelthistorischen Umsturz\u201c, trotzdem formulierte er eine vorsichtige Kritik an der Vereinigung der Kommunisten mit der Sozialdemokratie. Lenin erkannte, die Sozialdemokratie hatte der R\u00e4terepublik nicht aus \u00dcberzeugung sondern aus Ermangelung von Perspektiven zugestimmt. Er schlug den Kommunisten vor, eine Koalition einzugehen, bei gleichzeitiger Unabh\u00e4ngigkeit der beiden Parteien. So w\u00e4re die Kommunistische Partei in der Lage gewesen, die Sozialdemokratie von au\u00dfen unter Druck zu setzen.<\/p>\n<p>So wichtig diese Kritikpunkte an der R\u00e4terepublik auch sind, die R\u00e4terepublik ging nicht an inneren Widerspr\u00fcchen zu Grunde, sondern sie wurde niedergeschossen. Im Juli verlor die ungarische Rote Armee Schlachten gegen franz\u00f6sische und rum\u00e4nische Truppen. Verschlimmert wurde die Situation durch ein Wirtschaftsembargo der Alliierten. Am 1. August 1919 beschlossen die sozialdemokratischen Parteif\u00fchrer die Umwandlung der R\u00e4terepublik in eine Gewerkschaftsregierung. H\u00e4tte sich die Kommunistische Partei nicht mit der Sozialdemokratie vereinigt, w\u00e4re Widerstand gegen die Kapitulation vielleicht m\u00f6glich gewesen.<\/p>\n<p>Doch die KP war in der Einheitspartei aufgegangen und nicht handlungsf\u00e4hig und musste sich in die Illegalit\u00e4t retten. Doch auch die sozialdemokratische Regierung war von kurzer Dauer. Am 6. August setzten die Alliierten den Industriellen Istvan Friedrich als neuen Diktator ein. Die B\u00fcrokraten, Polizisten und Bosse nahmen schreckliche Rache daf\u00fcr, dass sie ein paar Monate lang nicht die Herren der Welt waren.<\/p>\n<p>Wie nach anderen gescheiterten Revolutionen behauptete die Propaganda, eine kleine Gruppe von Verschw\u00f6rern h\u00e4tte die unschuldigen Massen verf\u00fchrt. Darum ist Antisemitismus eine der st\u00e4rksten Waffen der Konservativen und Liberalen. An die 5.000 Menschen wurden vom konterrevolution\u00e4ren Terror ermordet, ein gro\u00dfer Teil waren J\u00fcdinnen und Juden.<\/p>\n<p>Q<em>uelle: <\/em><a href=\"http:\/\/linkswende.org\/ungarische-raeterepublik-fuenf-monate-experiment-mit-der-freiheit\/\"><em>linkswende.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 28. M\u00e4rz 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David Reisinger. Am Morgen des 21. M\u00e4rz 1919 befanden sich die f\u00fchrenden Pers\u00f6nlichkeiten der Kommunistischen Partei Ungarns im Gef\u00e4ngnis. 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