{"id":521,"date":"2015-05-12T11:11:48","date_gmt":"2015-05-12T09:11:48","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=521"},"modified":"2015-05-12T11:35:08","modified_gmt":"2015-05-12T09:35:08","slug":"fluechtlingstragoedie-imperialismus-und-breite-parteien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=521","title":{"rendered":"Fl\u00fcchtlingstrag\u00f6die, Imperialismus und Breite Parteien"},"content":{"rendered":"<p>Vor etwa einem Monat erfuhr \u00a0die Welt vom entsetzlichen Tod von \u00fcber 800 Fl\u00fcchtlingen im Mittelmeer. Zusammengepfercht auf einem Fischerboot versuchten sie, von Libyen aus nach Europa zu gelangen. Das Boot kenterte. Es gab nur 28 \u00dcberlebende. Hunderte waren im Unterdeck eingeschlossen, darunter Frauen und Kinder.<!--more-->Es \u00fcbersteigt unser Vorstellungsverm\u00f6gen, wie qualvoll sie ertrunken sind.<\/p>\n<p>Aber sie sind nur ein Bruchteil der \u00fcberwiegend namenlosen und gesichtslosen Fl\u00fcchtlinge, f\u00fcr die das Mittelmeer, die Attraktion von Tourismusbrosch\u00fcren, zum riesigen Grab geworden ist. Seit 2\u00b4000 ertranken rund 27\u00b4000 Menschen bei solchen Fluchtversuchen. Jedes Jahr \u00a0werden mehr Menschen durch dieses grausame Schicksal ereilt &#8211; allein in den letzten vier Monaten dieses Jahres waren es 1\u00b4700!<\/p>\n<p>In der Bev\u00f6lkerung ist die Nachricht der neuen Trag\u00f6die auf Emp\u00f6rung und Mitgef\u00fchl gesto\u00dfen. Vielen Menschen ist klar, dass der Tod der Fl\u00fcchtlinge kein Zufall ist. Sie geh\u00f6ren zu den Millionen Opfern der kriminellen Kriegspolitik der USA und der Europ\u00e4ischen Union im Nahen Osten und Nordafrika, die die gr\u00f6\u00dfte Fl\u00fcchtlingswelle seit dem Zweiten Weltkrieg ausgel\u00f6st hat.<\/p>\n<p>Die meisten Menschen, die diese Reise wagen, kommen aus Syrien und nehmen den Weg \u00fcber Libyen. Die Massenaufst\u00e4nde in den arabischen L\u00e4ndern wurden durch die Hoffnung auf ein w\u00fcrdiges Leben getragen und haben die Eliten in den USA, in Europa, in Israel und in den von ihnen \u00a0unterst\u00fctzten arabischen Diktaturen aufs \u00c4usserste erschreckt. Sie suchen nach allen Mitteln, um einen demokratischen Durchbruch dieser Aufst\u00e4nde zu verhindern. Das ist die Realit\u00e4t der \u00abhumanit\u00e4ren Interventionen\u00bb in diesen L\u00e4ndern, wie sie bedauerlicherweise \u00a0auch von vielen Linken unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n<p>Solche Bezeichnungen sind umso zynischer, als die Europ\u00e4ische Union im vergangenen Jahr beschlossen hat, die Such- und Rettungsaktionen von Mare Nostrum im Mittelmeer zu beenden. Angeblich h\u00e4tte dieses Programm den \u00abAnziehungsfaktor\u00bb f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge verst\u00e4rkt. Diese h\u00e4tten die gef\u00e4hrliche Reise angetreten, weil sie hofften, sie w\u00fcrden bei Seenot gerettet.<\/p>\n<p><b>\u00abLasst sie ertrinken\u00bb, lautet jetzt die Parole der Festung Europa.<\/b><b><\/b><\/p>\n<p>Diese brutale Fl\u00fcchtlingspolitik ist die Kehrseite der Feindschaft der herrschenden Elite gegen die Arbeiterklasse und Jugend in Europa. Ihre sadistische Einstellung gegen\u00fcber Menschen, die vor Krieg, Armut und Unterdr\u00fcckung fl\u00fcchten, zeigt sich auch in der massiven K\u00fcrzungspolitik, die die EU und der IWF gegen Arbeiter und die Jugendlichen in Griechenland durchsetzen.<\/p>\n<p>Die Situation in Europa gleicht immer mehr der Lage in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>1940 schrieb Leo Trotzki im <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1940\/kriegman\/\">Manifest der IV. Internationale zum imperialistischen Krieg und zur proletarischen Weltrevolution<\/a> \u00a0: \u00abDie Welt des verfallenden Kapitalismus ist \u00fcberf\u00fcllt. Die Frage der Zulassung von hundert zus\u00e4tzlichen Fl\u00fcchtlingen wird ein gro\u00dfes Problem f\u00fcr eine Weltmacht vom Range der Vereinigten Staaten.\u00bb<\/p>\n<p>Die verfaulende kapitalistische Gesellschaft versuche, \u00abdas j\u00fcdische Volk aus all ihren Poren herauszupressen\u00bb, so das Manifest weiter. \u00abSiebzehn von den zweitausend Millionen Erdbewohnern, d.h. weniger als ein Prozent, k\u00f6nnen auf unserem Planeten keinen Platz mehr finden! Inmitten der ungeheuren Landfl\u00e4chen und den Wundern der Technik, die dem Menschen Himmel und Erde erschlie\u00dfen, hat es die Bourgeoisie fertiggebracht, unseren Planeten in ein widerw\u00e4rtiges Gef\u00e4ngnis zu verwandeln.\u00bb<\/p>\n<p>Heute, im Zeitalter der Marsexpeditionen und des Internets, in der mit einem Klick Billionen von Dollars rund um den Globus geschickt werden k\u00f6nnen, versucht der Kapitalismus erneut, die Opfer der von ihm geschaffenen sozialen Katastrophe aus seinen Poren herauszupressen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig benutzt die herrschende Elite ihr Leiden als Vorwand f\u00fcr weitere Raubz\u00fcge. Die europ\u00e4ische Bourgeoisie setzt eine riesige Polizei- und Milit\u00e4roperation in Gang, mit Kriegsschiffen, Hubschraubern, Drohnen und Spezialtruppen, um die Kontrolle \u00fcber ihre ehemaligen Kolonien zur\u00fcckzugewinnen.<\/p>\n<p>Zur Rechtfertigung verbreitet sie \u00fcberall \u00fcblen Rassismus und Nationalismus. Einst verurteilten die N\u00fcrnberger Prozesse das Nazi-Propagandablatt <i>Der St\u00fcrmer<\/i>, das antisemitische und rassistische Karikaturen verbreitete und zur Vernichtung der Juden wie Ungeziefer aufrief.<\/p>\n<p>Heute werden die anti-islamischen Provokationen von <i>Charlie Hebdo <\/i>als Ausdruck der \u00abMeinungsfreiheit\u00bb gefeiert. Zugleich bezeichnet die Redakteurin Katie Hopkins in Rupert Murdochs Zeitung <i>Sun<\/i> die Mittelmeerfl\u00fcchtlinge als \u00abPlage von Wilden\u00bb und \u00abKakerlaken\u00bb, die mit Kriegsschiffen wieder \u00aban ihre K\u00fcsten zur\u00fcckgetrieben werden\u00bb sollten.<\/p>\n<p>Die Sprache der Rechtsradikalen wird wieder zum offiziellen Diskurs zugelassen, um die wirkliche Ursache der sozialen Krise zu verschleiern und neue Angriffskriege zu rechtfertigen.<\/p>\n<p>Deshalb erhalten der Front National in Frankreich, Pegida in Deutschland und die UKIP in England eine derma\u00dfen gro\u00dfe Medienpr\u00e4senz und werden als respektabel hofiert. In der Schweiz begann der Aufstieg der national-chauvinistischen Rechten in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Sie hat weniger offensichtliche Verbindungen zu neo-faschistischen\u00a0 Milieus, da diese in der Schweiz eh schw\u00e4cher sind, als anderswo. Aber auch die SVP bewirtschaftete die politische und soziale Fremdenfeindlichkeit, wie ihre Verwandten in Europa sehr erfolgreich und konnte grosse Segmente aus der von der Sozialdemokratie fallengelassenen Arbeiterklasse an sich ziehen. Besonders dramatisch ist diese Herausbildung eines halb-faschistoiden politischen Milieus in den L\u00e4ndern Osteuropas, wo sie direkt von den imperialistischen M\u00e4chten in ihrem Aufmarsch gegen Russland instrumentalisiert werden. Allen voran in der Ukraine und in den baltischen Staaten.<\/p>\n<p>Dass solche Organisationen \u00fcberhaupt Anh\u00e4nger in der Bev\u00f6lkerung finden k\u00f6nnen, geht auf das Konto der Verr\u00e4tereien der alten, diskreditierten sogenannten Arbeiterorganisationen und ihrer Unterst\u00fctzung f\u00fcr das herrschende System.<\/p>\n<p><b>Hauptverantwortlich f\u00fcr das Wiederauftreten der Rechten ist die Sozialdemokratie.<\/b><b><\/b><\/p>\n<p>Der sozialistische Pr\u00e4sident Frankreichs, Fran\u00e7ois Holland, l\u00e4dt die F\u00fchrerin des Front National, Marine Le Pen, in den Elys\u00e9e-Palast ein. In Deutschland erkl\u00e4rt der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, es gebe ein\u00ab<i>demokratisches Recht<\/i> darauf, <i>rechts<\/i> zu sein oder <i>deutschnational\u00bb. <\/i>In England konkurriert die Labour Party mit UKIP, wer die h\u00e4rtere Linie in der Fl\u00fcchtlingspolitik vertritt.<\/p>\n<p>Was die Gewerkschaften angeht, so versuchen sie, die gro\u00dfe Kraft der Arbeiterklasse zu l\u00e4hmen und sie nach Nationalit\u00e4ten zu spalten. Wenn sie Opposition vort\u00e4uschen und Forderungen zur Verteidigung britischer, deutscher, franz\u00f6sischer, schweizerischer oder amerikanischer Arbeitspl\u00e4tze erheben, dann sind diese unweigerlich mit weiteren Verschlechterungen der Bezahlung und Arbeitsbedingungen verbunden und dienen einer endlosen Abw\u00e4rtsspirale. In der Schweiz gruppiert sich dieser von rechts bis links geteilte Konsens des neoliberalen Abbaus um den Diskurs des sogenannten \u00a0<a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=312\">\u00abErfolgsmodells Schweiz\u00bb<\/a>.<\/p>\n<p>Die Welt verwandelt sich erneut in ein widerw\u00e4rtiges Gef\u00e4ngnis. Unsere Einsch\u00e4tzung hat nichts mit den demoralisierten Auffassungen vieler Linken auch im Umfeld der <a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=19\">Projekte der sogenannten Breiten Parteien<\/a> \u00a0zu tun, die wir in ihrem Ansatz wie auch in ihrer konkreten Politik als \u00e4usserst problematisch einsch\u00e4tzen. Diese Projekte haben nichts mit der Einheitsfrontlinie zu tun, wie sie in der Internationale anfangs der 1920er Jahre debattiert wurde.<\/p>\n<p>In Griechenland erkl\u00e4rt Syriza, sie m\u00fcsse die Austerit\u00e4tsma\u00dfnahmen wie verlangt durchf\u00fchren, weil sonst die Faschisten an die Macht kommen w\u00fcrden! Und dies, w\u00e4hrend sie sich selbst in einer Koalition mit den rechten Unabh\u00e4ngigen Griechen befindet, deren Ausl\u00e4nderfeindlichkeit der Goldenen Morgenr\u00f6te kaum nachsteht.<\/p>\n<p>So bleiben die Abschiebegef\u00e4ngnisse weiter bestehen, obwohl die zust\u00e4ndige Ministerin f\u00fcr Migrationsfragen, Anastasia Christodoulopoulou, und der Vizeinnenminister Giannis Panousis zugesagt haben, die inhaftierten Immigranten binnen hundert Tagen zu entlassen. Christodoulopoulou hat dar\u00fcber hinaus versichert, die neue griechische Regierung werde alle EU-Richtlinien zur Fl\u00fcchtlingspolitik respektieren. Und dies hat sich bis jetzt best\u00e4tigt. Tsipras will seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der Troika nicht durch humanistische Konzessionen gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p>Das \u00abModell Syriza\u00bb wird trotz der Erfahrungen der vergangenen drei Monate \u00a0von den Verfechterinnen und Verfechtern des Projektes Breiter Parteien weiterhin als \u00a0Weg vorw\u00e4rts hochgehalten. Die traditionelle Unterscheidung zwischen \u00abrechts\u00bb und \u00ablinks\u00bb habe keine Bedeutung mehr, behaupten sie, um ihre gegenw\u00e4rtigen und zuk\u00fcnftigen B\u00fcndnisse mit nationalistischen und \u00e4u\u00dferst rechten Organisationen in ganz Europa zu rechtfertigen. Entsprechend werden &#8211; wie in der Sozialdemokratie &#8211; programmatische Debatten und daraus folgende Verbindlichkeiten und die Abst\u00fctzung eines Aufbauprojektes auf Basisaktivit\u00e4ten wenn nicht mit zynischen Floskeln gar l\u00e4cherlich gemacht, so doch nicht ernst genommen. Wie beispielsweise bei Syriza \u2013 oder in einem anderen Stadium bei Podemos in Spanien.<\/p>\n<p>Die Unterschiede zwischen \u00abrechts\u00bb und \u00ablinks\u00bb m\u00f6gen f\u00fcr viele Linke irrelevant sein, f\u00fcr die Arbeiterklasse haben sie allerdings gro\u00dfe Bedeutung, denn schlie\u00dflich ist sie es, die, wie Karl Marx schrieb (MEW 23, 181), ihre \u00abeigene Haut zu Markte\u00bb tragen muss.<\/p>\n<p>Die wachsende nationalistische und faschistische Reaktion ist die Antwort der Bourgeoisie auf die Krise des kapitalistischen Nationalstaatensystems. Die Arbeiterklasse muss ihre eigene Antwort vorbereiten, die sich auf die internationale Vereinigung der arbeitenden Bev\u00f6lkerung im Kampf f\u00fcr eine sozialistische Welt gr\u00fcndet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor etwa einem Monat erfuhr \u00a0die Welt vom entsetzlichen Tod von \u00fcber 800 Fl\u00fcchtlingen im Mittelmeer. 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