{"id":5218,"date":"2019-04-17T09:04:32","date_gmt":"2019-04-17T07:04:32","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5218"},"modified":"2019-04-17T09:04:32","modified_gmt":"2019-04-17T07:04:32","slug":"von-fridays-for-future-zur-extinction-rebellion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5218","title":{"rendered":"Von Fridays for Future zur Extinction Rebellion"},"content":{"rendered":"<p><em>Peter Nowak. <\/em><strong>Kann der neue Umweltaktivismus das apokalyptische Denken ablegen und Teil einer Bewegung f\u00fcr ein sch\u00f6nes Leben f\u00fcr Alle werden?<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Am Daienstagmittag war\u00a0<a href=\"https:\/\/extinctionrebellion.de\/\">extinctionrebellion.de<\/a>\u00a0zeitweise nicht erreichbar. Die Webseite war dem Ansturm nicht gewachsen. Denn die Rebellion &#8222;gegen das Aussterben&#8220; wurde vor allem in Deutschland erst nach dem 15. April so richtig bekannt. An diesem Tag begannen die transnationalen\u00a0<a href=\"https:\/\/www.schweiz.attac.org\/aktualitaet\/klimanotstand\/international-extinction-rebellion\">Rebellion Weeks<\/a>\u00a0mit\u00a0<a href=\"https:\/\/rebellion.earth\/international-rebellion\/\">Schwerpunkt in London<\/a>.<\/p>\n<p>Dort kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Klimaaktivisten und der Polizei. Der schon seit Jahrzehnten bekannte umweltgef\u00e4hrdende Konzern Shell, der auch schon mal Privatdetektive auf Kritiker\u00a0<a href=\"http:\/\/eurojournalist.eu\/spitzel-spione-provokateure-co\/\">ansetzte<\/a>, wurde attackiert. In Berlin blieben hingegen am 15. April die Aktionen auf dem Level des zivilen Ungehorsams.<\/p>\n<p>Etwa 300 Menschen hatten mit der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/klimaproteste-in-berlin-blockade-der-oberbaumbruecke-beendet\/24220404.html\">Blockade<\/a>\u00a0der Oberbaumbr\u00fccke zwischen Kreuzberg und Friedrichshain nicht nur f\u00fcr einige Stunden f\u00fcr bessere Luft gesorgt, sondern auch an eine der vielen fast vergessenen Kampagnen der au\u00dferparlamentarischen Berliner Linken erinnert. Unter dem Motto &#8222;Oberbaumbr\u00fccke bleibt Stadtringl\u00fccke&#8220; setzen sie sich in den fr\u00fchen 1990er Jahren daf\u00fcr ein, dass die Br\u00fccke f\u00fcr den Automobilverkehr gesperrt bleibt. Die Kampagne war zukunftsweisend, obwohl sich nicht mehr viele Menschen daran erinnern. In einem Nachbereitungspapier hie\u00df es:<\/p>\n<p>Eine Zeitlang stand die Br\u00fccke im Zentrum der Bewegung gegen Umstrukturierung. Am 9. November 1994 wurde die Oberbaumbr\u00fccke dann vom damaligen Bezirksb\u00fcrgermeister Peter Strieder und dem regierenden B\u00fcrgermeister Eberhard Diepgen feierlich ge\u00f6ffnet. Von da an rollten die Autos und die Br\u00fcckenini konstatierte: &#8222;Wir haben den Kampf gegen die \u00d6ffnung der Oberbaumbr\u00fccke verloren&#8220;. Aber ihre Erfahrungen, die sie w\u00e4hrend dieser Zeit gesammelt hatten, wollten sie &#8222;nicht in den Gully fegen&#8220;.<\/p>\n<p>Papier der Br\u00fcckenini vom November 1994<\/p>\n<p>Damit wird deutlich, dass die Aktionen der neuen Umweltbewegung sich durchaus in der Tradition einer linken Praxis befinden, die schon vor mehr als 25 Jahren das Thema Stadtentwicklung, die Diskussion \u00fcber eine lebenswerte Stadt, in der sich nicht nur Reiche das Wohnen in angesagten Bezirken leisten k\u00f6nnen, mit der Drosselung des Automobilverkehrs verbunden hat.<\/p>\n<p>W\u00e4re die Oberbaumbr\u00fccke damals Stadtringl\u00fccke geblieben, w\u00e4re das Berliner Spreeufer nicht mit hochpreisigen Lofts zugebaut, der Druck auf Mieter mit geringen Einkommen w\u00e4re in der Umgebung nicht so stark und die Umwelt w\u00e4re auch sauberer.<\/p>\n<p><strong>Umwelt, Mieten und eine Stadt, in der nicht nur die Reichen leben k\u00f6nnen<\/strong><\/p>\n<p>Es sind genau die gleichen Fragen, die heute wieder viele in Berlin bewegen &#8211; Umwelt, Mieten und dar\u00fcber hinaus eine Stadt, in der nicht nur die Reichen leben k\u00f6nnen. Da g\u00e4be es also f\u00fcr die neue Klimabewegung gen\u00fcgend Ans\u00e4tze f\u00fcr eine Verbreiterung ihres Widerstands. Eine Stadt wie Berlin m\u00f6glichst autofrei zu machen, w\u00e4re ein lohnendes und auch durchaus realistisches Ziel.<\/p>\n<p>Es kn\u00fcpft tats\u00e4chlich an Bewegungen wie die genannte der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.umbruch-bildarchiv.de\/bildarchiv\/ereignis\/oberbaumbruecke_bleibt_stadtringluecke.html\">Br\u00fccken-Initiative<\/a>\u00a0gegen die Oberbaumbr\u00fccke an, aber sie kann sich auch auf die Erfahrungen vieler Menschen berufen, die keinen Sinn darin sehen, mit dem Auto durch eine Stadt wie Berlin zu fahren, nur um von einem Stau in den n\u00e4chsten zu geraten.<\/p>\n<p>Die zunehmend zahlreicheren und mit wachsendem Selbstbewusstsein ausgestatteten Radfahrer sehen es genau wie die passionierten Fu\u00dfg\u00e4nger und Flaneure weniger denn je ein, dass ihnen anachronistische Automobile Platz rauben und die Luft zum Atmen nehmen. Nat\u00fcrlich muss, wer sich wie die Br\u00fcckenbesetzer vom 15. April 2019 f\u00fcr eine autofreie Stadt einsetzt, auch \u00fcber eine andere Mobilit\u00e4t Gedanken machen.<\/p>\n<p>Auch dazu liegen bereits seit Jahren f\u00fcr viele St\u00e4dte machbare Pl\u00e4ne in den Schubladen. Es geht um den Ausbau eines g\u00fcnstigen, m\u00f6glichst kostenfreien Nahverkehrs ohne Barrieren jeglicher Art. Dazu geh\u00f6ren auch die oft vergessenen sozialen Gr\u00fcnde. Wenn man sich schlie\u00dflich damit besch\u00e4ftigt, warum in fast allen St\u00e4dten seit Jahrzehnten gegen jegliche Vernunft, gegen die menschliche Gesundheit und die Umwelt der Automobilverkehr gef\u00f6rdert wurde und noch immer wird, landet man beim kapitalistischen System, das auf Profit basiert.<\/p>\n<p>So wie in der Verkehrsfrage kann auch an vielen anderen Beispielen, die in der Umweltbewegung heute diskutiert werden, die kapitalistische Schranke festgestellt werden. Wenn die Klimaaktivisten die Parole &#8222;System change not climate change&#8220; fordern, sind sie schon auf der richtigen Spur. Die Teilnehmer der Br\u00fcckenblockade machten auch durchaus den Eindruck, als w\u00fcrden sie diese Spur weiterverfolgen.<\/p>\n<p><strong>Gelingt der Umweltbewegung der Abschied vom apokalyptischen Denken?<\/strong><\/p>\n<p>Es wird sich zeigen, ob sich eine solche Orientierung durchsetzt gegen das apokalyptische Denken, das wie in vielen anderen kleinb\u00fcrgerlichen Umweltbewegungen auch bei der Extinction Rebellion zu sehen ist. Das f\u00e4ngt schon beim Namen an, eine Bewegung gegen das Aussterben hat eher Ankl\u00e4nge an Bewegungen des Sp\u00e4tmittelalters, als der Totenkult allgegenw\u00e4rtig war und der Welt- bzw. Menschenuntergang in den verschiedenen Formen zelebriert wurde.<\/p>\n<p>Damals war der Tod durch Hunger, Epidemien etc. allgegenw\u00e4rtig. Wenn heute in einer Gesellschaft, in der der Stand der Produktivkr\u00e4fte ein sch\u00f6nes Leben f\u00fcr die gro\u00dfe Mehrheit m\u00f6glich machen w\u00fcrde, ein solches apokalyptisches Denken wieder Zulauf bekommt, liegt das auch am Versagen einer Linken, die in ihrer Theorie und Praxis oft mit Recht selbst mit &#8222;Tonnenideologie&#8220; und unkritischer Industrieverherrlichung verwechselt wird.<\/p>\n<p>Dabei wird \u00fcbersehen, dass sich sowohl in den Arbeiten von Marx und Engels als auch in verschiedenen Schriften von \u00f6kosozialistischen Autoren Ans\u00e4tze einer egalit\u00e4ren Gesellschaft finden, die auch das Mensch-Umwelt-Verh\u00e4ltnis beachten.<\/p>\n<p>W\u00fcrden solche Ans\u00e4tze auch in der neuen Umweltbewegung mehr ber\u00fccksichtigt, best\u00fcnde die Hoffnung, dass sich die Bewegung vom apokalyptischen Denken verabschiedet und auch von einem mystischen Naturbegriff, der den menschlichen Fingerabdruck nicht als Ausdruck der Zivilisation, sondern als zu behebenden Makel ansieht.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr wen l\u00e4uft die Sanduhr ab?<\/strong><\/p>\n<p>Dann k\u00f6nnte die Sanduhr, die auf den Fahnen der neuen Bewegung zu sehen ist, aufzeigen, dass die Zeit f\u00fcr den Kapitalismus abl\u00e4uft und gerade dadurch die Chance best\u00fcnde, dass f\u00fcr das sch\u00f6ne Leben f\u00fcr alle n\u00e4her r\u00fcckt.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens haben auch die sp\u00e4tmittelalterlichen Todesapokalytiker das Ende der Feudalgesellschaft mit dem Ende der Menschheit bzw. dem Weltuntergang kurzgeschlossen. Die heutigen Apokalyptiker handeln also in einem notwendigen Irrtum, wenn sie Sp\u00e4tkapitalismus in seiner Endphase mit dem Ende der Welt verwechseln. Wenn schon mal\u00a0<a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!5584839\/\">&#8222;der Tod auf Probe f\u00fcr den Klimaschutz&#8220;<\/a>\u00a0ausgerufen wird, werden solche irrationalen Tendenzen verst\u00e4rkt.<\/p>\n<p>Die Auseinandersetzung mit dem apokalyptischen Denken ist eine der zentralen Aufgaben, die sich die neue Bewegung stellen muss. Gelingt das nicht, ist sie offen f\u00fcr allerlei esoterische, irrationale und auch offen rechte Bewegungen. Unter einer &#8222;Bewegung gegen das Aussterben&#8220; k\u00f6nnen sich alle m\u00f6glichen versammeln. Da kann auch einer \u00d6kodiktatur das Wort geredet werden. Fiktiv wird dieser M\u00f6glichkeitsraum l\u00e4ngst bearbeitet. Wir kennen gen\u00fcgend Filme, in denen nach einer gro\u00dfen Katastrophe starke M\u00e4nner und ihre Gefolgschaft dem Rest das Leben diktieren.<\/p>\n<p>Es gab in den letzten Jahren einige Bewegungen, die schnell durch das Internet an Bedeutung gewannen und genauso schnell wieder verschwanden. Erinnert sei nur an die Occupy-Bewegung und die Bewegung der Platzbesetzungen. Einige haben sich in der Bewegung politisiert und wurden Teil von sozialen Bewegungen in Stadtteilen oder an den Arbeitspl\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Schnelles Verschwinden oder Kooperieren mit anderen sozialen Bewegungen ist auch die Perspektive der neuen Umweltbewegung. Dabei hat Extinction Rebellion schon mal den Vorteil, dass sie nicht mehr mit Greta Thunberg identifiziert wird und auf Vordenker oder gar Gurus verzichtet.<\/p>\n<p><strong>Gegen den wohlwollenden Paternalismus<\/strong><\/p>\n<p>Dabei sind die gr\u00f6\u00dften Gegner der Klimabewegung nicht die, die sich noch immer \u00fcber Jugendliche emp\u00f6ren, die f\u00fcr einige Stunden ihre Schulpflicht verletzen. Das sind ja vorhersehbare Reaktionen.<\/p>\n<p>Gef\u00e4hrlicher sind die, die sich so vollst\u00e4ndig in die neue Bewegung hineinversetzen, dass sie feuchte Augen \u00fcber die &#8222;widerst\u00e4ndige Jugend&#8220; kriegen und gleichzeitig froh sind, dass sie doch so viel vern\u00fcnftiger und realpolitischer als die fr\u00fcheren linken Bewegungen ist. Das zeigt beispielsweise eine\u00a0<a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/klaus-raab\/die-klimademo-version-des-mansplaining\">Kolumne<\/a>\u00a0von Klaus Raab in der Wochenzeitung Freitag:<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe mit Gleichgesinnten gegen das Wettr\u00fcsten demonstriert, gegen Hunger und f\u00fcr eine Zukunft ohne Atomkraft &#8211; aber immer war klar, dass es sich gegen die herrschende Klasse richtete&#8220;, schrieb dieser Tage ein Kolumnist, der alterstechnisch knapp dreimal erwachsen ist. Heute dagegen, ach je: &#8222;Selbst die Bundeskanzlerin hat ihre Sympathie bekundet. Wie soll man einen Jugendprotest nennen, der mit dem Segen der Erwachsenen durchgef\u00fchrt wird?&#8220; Von Gegenbewegung k\u00f6nne man jedenfalls nicht sprechen. Dass die Jugendlichen wom\u00f6glich gar keine Gegenbewegung sein wollen, sondern einige Jahrzehnte weiter sind als wir alten Zausel, die wir seinerzeit aber auch nicht in einer als derart komplex vermittelten Welt aufgewachsen sind: Die M\u00f6glichkeit scheint nicht denkbar zu sein. Und wenn es eine &#8222;Daf\u00fcrbewegung&#8220; w\u00e4re, weil billiges Dagegensein dank der Zausel l\u00e4ngst nur noch Pose ist? Wenn es nicht um das St\u00fcrzen der &#8222;herrschenden Klasse&#8220; ginge, sondern nur darum, dass die endlich ihre eigenen Klimaabkommen umsetzt? Aber wo k\u00e4men wir denn hin, wenn wir Jugendliche wie handelnde und denkende Subjekte behandeln w\u00fcrden? N\u00f6, lieber Adultsplaining.<\/p>\n<p>Klaus Raab, Freitag<\/p>\n<p>Hier wird deutlich, dass ein Kolumnist vorgeblich einen Paternalismus \u00e4lterer Menschen kritisiert und selbst paternalistisch argumentiert. Denn wie bei jeder realen Bewegung ist Kritik das Beste, was ihr passieren kann. Wenn es dann noch eine Kritik von Menschen ist, die bereits in \u00e4hnlichen Bewegungen der Vergangenheit Erfahrungen gesammelt haben, dann kann daraus eine Auseinandersetzung, aber auch eine Kooperation entstehen.<\/p>\n<p>Es ist reiner Paternalismus, wenn nun die Kritik von Erwachsenen damit abgewehrt wird, dass man die Jugendlichen nicht bevormunden will. Das hei\u00dft doch in Wirklichkeit, man nimmt sie nicht ernst. Sonst w\u00fcrde man nicht an sie andere Ma\u00dfst\u00e4be als an andere Bewegungen ansetzen. Zudem ist es schon bedenklich, dass der Bewegung wohlwollende Kommentatoren wie Raab so betonen, dass es eine Jugendbewegung ist. Es war immer schon eine Taktik von Etablierten, neue Protestbewegungen, in denen schon h\u00e4ufiger die Jugend tonangebend war, auf genau die Altersfrage festnageln zu wollen.<\/p>\n<p>Das ist dann auch eine Form von Entpolitisierung, weil der Jugend das Privileg einger\u00e4umt wird, kritischer und rebellischer zu sein. Obwohl die Apo um 1968 zwar von der damals j\u00fcngeren Generation an den Hochschulen, aber auch in den Ausbildungsstellen, angef\u00fchrt wurde, war sie aber nie eine reine Jugendbewegung. Es gab die vielf\u00e4ltigsten theoretischen und auch praktischen Kontakte zu \u00e4lteren Linken.<\/p>\n<p>So ist auch die neue Umweltbewegung keine reine Jugendbewegung. Das hat sich am 15. April in Berlin deutlich gezeigt. Wer die Bewegung unterst\u00fctzen will, sollte deshalb solche Zuschreibungen wie &#8222;Jugend&#8220; nicht noch verst\u00e4rken. Dagegen muss Kritik das Ziel haben, den neuen Umweltaktivismus als Teil einer dringend ben\u00f6tigten Bewegung f\u00fcr ein sch\u00f6nes Leben jenseits von Kapitalismus und Wertgesetz zu machen, unabh\u00e4ngig vom Alter der Beteiligten.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Von-Fridays-for-Future-zur-Extinction-Rebellion-4401031.html?seite=all\"><em>Telepolis.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 17. April 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Nowak. 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