{"id":5245,"date":"2019-04-21T09:37:10","date_gmt":"2019-04-21T07:37:10","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5245"},"modified":"2019-04-21T09:37:10","modified_gmt":"2019-04-21T07:37:10","slug":"frauenkampf-ist-klassenkampf-frauen-in-der-kommunistischen-internationale","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5245","title":{"rendered":"Frauenkampf ist Klassenkampf \u2013 Frauen in der Kommunistischen Internationale"},"content":{"rendered":"<p><em>Julian Scherler.<\/em> <strong>Es ist ein hartn\u00e4ckiges Vorurteil, dass sich MarxistInnen nicht f\u00fcr die Geschlechterfrage interessierten. Doch keine Organisation hat so entschieden und engagiert f\u00fcr die Emanzipation<!--more--> der Frau gek\u00e4mpft, wie die junge Kommunistische Internationale.<\/strong><\/p>\n<p>\u00abDie Diktatur des Proletariats kann nur unter dem regen und aktiven Anteil der Frauen der Arbeiterklasse verwirklicht und behauptet werden\u00bb, verk\u00fcndet eine Resolution, welche am Gr\u00fcndungskongress der Kommunistischen Internationale (Komintern) am 6. M\u00e4rz 1919 verabschiedet wurde. Das war keine leere Phrase.<\/p>\n<p>Nur wenige Wochen nach der Oktoberrevolution 1917 proklamierte die junge Sowjetregierung (in der mit Alexandra Kollontai das erste weibliche Regierungsmitglied der Geschichte vertreten war) eine Reihe von Dekreten, welche die Emanzipation der Frauen zum Zweck hatten: Frauen erhielten das passive und aktive Wahlrecht und wurden im Ehe- und Scheidungsrecht den M\u00e4nnern vollkommen gleichgestellt. Als erster Staat der Welt legalisierte Sowjetrussland Abtreibungen und machte sich an den Aufbau eines breiten Netzes an Krippen, Kantinen und W\u00e4schereien, welche die arbeitenden Frauen von der Last der Hausarbeit befreien sollten. Spezielle Frauenabteilungen wurden auf allen Ebenen der Sowjets eingerichtet, welche die Frauen in die Produktion und die Staatsverwaltung integrieren sollten. Dies war ein radikaler Bruch mit der zaristischen Vergangenheit, in denen Frauen als willen- und rechtloser Besitz ihrer Ehem\u00e4nner betrachtet wurden. Nun betraten die Frauen als aktive Mitgestalterinnen einer sozialistischen Gesellschaft die B\u00fchne der Geschichte.<\/p>\n<p><strong>Die kommunistische Frauenbewegung<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die junge Komintern war daher klar: Die arbeitenden Frauen zu gewinnen heisst, die unverzichtbare zweite H\u00e4lfte des Proletariats zu gewinnen. Die Komintern hielt von Beginn an fest, dass die Emanzipation der Frau nur durch die sozialistische Revolution, also durch den gemeinsamen Kampf der Lohnabh\u00e4ngigen beider Geschlechter, verwirklicht werden k\u00f6nne. Klassenkampf und der Kampf f\u00fcr die Emanzipation der Frau wurden als das gesehen, was sie sind: Zwei Seiten\u00a0<em>eines\u00a0<\/em>Kampfes, nicht zwei getrennte K\u00e4mpfe. Damit grenzte sich die Komintern klar von der b\u00fcrgerlichen Frauenbewegung und dem Feminismus ab.<\/p>\n<p>Die Komintern erkannte aber umgekehrt auch, dass die Einheit der arbeitenden Klasse nur hergestellt werden kann, wenn der energischste Kampf gegen die Unterdr\u00fcckung der Frau aufgenommen wird. 1920 organisierte die Komintern eine internationale kommunistische Frauenkonferenz und richtete ein internationales Frauensekretariat unter der Leitung der deutschen Kommunistin Clara Zetkin ein. Die Konferenz verabschiedete Richtlinien f\u00fcr die \u00abMethoden und Formen der kommunistischen Arbeit unter den Frauen\u00bb, welche vom dritten Weltkongress der Komintern 1921 best\u00e4tigt wurden. Auf Ansporn des Frauensekretariats wurde zudem eine internationale Kampagne f\u00fcr die Legalisierung der Abtreibung lanciert.<\/p>\n<p>Die Thesen hielten fest, dass auf allen Ebenen der Kommunistischen Internationalen und ihrer Sektionen spezifische Frauenkommissionen eingerichtet werden sollten. Deren Zweck war die Agitation unter den arbeitenden Frauen, ihre Integration in die Partei und den Kampf gegen \u00abchauvinistische Vorurteile der m\u00e4nnlichen Arbeiter\u00bb, wie der dritte Komintern-Kongress von 1921 festhielt. Diese Kommissionen blieben aber unter der politischen Kontrolle der Gesamtpartei. Die Frauenfrage sollte eben nicht in \u201cSonderkommissionen\u201d ausgelagert werden, sondern umgekehrt als Sache der Gesamtpartei st\u00e4rker ins Zentrum r\u00fccken. Ziel des Kampfs gegen die spezifische Unterdr\u00fcckung arbeitender Frauen war immer die Einheit der Arbeiterklasse herzustellen, somit den gemeinsamen Klassenkampf von m\u00e4nnlichen und weiblichen Lohnabh\u00e4ngigen zu erm\u00f6glichen. Gerade die Erfahrung der Russischen Revolution zeigte auf, dass der gemeinsame Kampf das beste Mittel ist, um die jahrhundertealte Unterdr\u00fcckung der Frau zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><strong>Die konservative Wende in der Sowjetunion<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr Lenin, Trotzki und alle anderen f\u00fchrenden Bolschewiki war immer klar gewesen, dass der Aufbau des Sozialismus in einem Land allein nicht m\u00f6glich ist \u2013 erst recht nicht in einem \u00f6konomisch und kulturell so r\u00fcckst\u00e4ndigen Land wie Russland. Mit der Niederschlagung der revolution\u00e4ren Welle in Westeuropa und insbesondere dem Scheitern der deutschen Revolution, blieb Sowjetrussland aber isoliert. Unter diesen \u00f6konomischen und sozialen Bedingungen konnte Sozialismus schliesslich nichts anderes bedeuten als Verwaltung des allgemeinen Mangels.<\/p>\n<p>Dies wirkte sich auch fatal auf die Geschlechterverh\u00e4ltnisse aus: Die \u00f6ffentlichen Einrichtungen, welche die Frauen von der Reproduktionsarbeit befreien sollten, waren chronisch unterfinanziert und konnten nur einen winzigen Bruchteil der Betreuungspl\u00e4tze und \u00f6ffentlichen Mahlzeiten anbieten, welche eigentlich ben\u00f6tigt worden w\u00e4ren. 1927 kamen auf 10 Millionen Kinder gerade mal 150\u2019000 Krippen- und Internatspl\u00e4tze. Da also die Vergesellschaftung der Reproduktionsarbeit nicht gelang, musste diese wieder in die Familie und die Privathaushalte zur\u00fcckverlagert werden, und dazu musste die Kleinfamilie als soziale Einheit wieder rechtlich, politisch und ideologisch gefestigt werden.<\/p>\n<p>Unter dem bereits relativ stabilisierten Regime Stalins wurden deswegen ab Mitte der 20er-Jahre wieder patriarchale Geschlechterrollen und Familienbilder propagiert. Scheidungen wurden wieder erschwert, 1936 schliesslich ganz verboten, ebenso Abtreibungen. Diese Entwicklung wurde durch einen grotesken Mutterkult in der stalinistischen Propaganda untermauert \u2013 etwa mit der Einf\u00fchrung von \u00abMutterschaftsorden\u00bb f\u00fcr Frauen mit mehr als vier Kindern. Unter dem zunehmenden Einfluss der Sowjetb\u00fcrokratie \u00fcbertrug sich diese Politik auch immer mehr auf die Komintern.<\/p>\n<p><strong>Keine Befreiung der Frau ohne Sozialismus, kein Sozialismus ohne Befreiung der Frau<\/strong><\/p>\n<p>Diese Politik unterschied sich diametral von der Politik der Bolschewiki und der jungen Komintern. In keinem anderen Staat war die Emanzipation der Frauen jemals so weit verwirklicht worden, wie im fr\u00fchen Sowjetrussland. Die ersten vier Kongresse der Komintern und die lebendigen Frauenkonferenzen zeigen zudem auf, dass revolution\u00e4re sozialistische Politik und die Emanzipation der Frau organisch zusammengeh\u00f6ren. Die Geschlechterfrage ist eine Klassenfrage und umgekehrt. Alle Werkzeuge, welche wir f\u00fcr den Kampf gegen die Unterdr\u00fcckung der Frau brauchen, sind im revolution\u00e4ren Marxismus enthalten. Wie die Komintern sagen wir auch heute: Es braucht keine feministische Bewegung neben der ArbeiterInnenbewegung, sondern was es braucht, ist eine revolution\u00e4re marxistische Internationale. Alexandra Kollontai hatte hundertmal recht mit ihrem Slogan: \u00abKeine Befreiung der Frau ohne Sozialismus, kein Sozialismus ohne Befreiung der Frau\u00bb!<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/geschlechterfragen\/frauenkampf-ist-klassenkampf-frauen-in-der-kommunistischen-internationale\/#more-10353\"><em>derfunke.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 21. April 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Julian Scherler. Es ist ein hartn\u00e4ckiges Vorurteil, dass sich MarxistInnen nicht f\u00fcr die Geschlechterfrage interessierten. 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