{"id":5249,"date":"2019-04-22T09:22:14","date_gmt":"2019-04-22T07:22:14","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5249"},"modified":"2019-04-22T09:22:14","modified_gmt":"2019-04-22T07:22:14","slug":"bouteflika-und-al-baschir-sind-nur-die-spitze-des-eisbergs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5249","title":{"rendered":"\u201eBouteflika und al-Baschir sind nur die Spitze des Eisbergs\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Interview mit Gilbert Achcar zur Lage in Algerien und dem Sudan. Das Gespr\u00e4ch wurde von Luc Mathieu (Lib\u00e9ration) am 11. April 201 gef\u00fchrt.<\/strong><\/p>\n<p><em>Gilbert Achcar stammt aus dem Libanon und ist Professor f\u00fcr internationale und politische Beziehungen an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in London. Er hat zwei B\u00fccher \u00fcber den \u201earabischen Fr\u00fchling\u201c ver\u00f6ffentlicht, die u.\u00a0a. auf Franz\u00f6sisch und Englisch erschienen sind.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a>\u00a0Auf Deutsch erschien von ihm zuletzt Die Araber und der Holocaust: Der arabisch-israelische Krieg der Geschichtsschreibungen (Hamburg: Edition Nautilus, 2012).<\/em><\/p>\n<p><strong>Kann man von einem neuen arabischen Fr\u00fchling sprechen?<\/strong><\/p>\n<p>In Algerien und im Sudan gibt es in der Tat einen neuen Schub der Revolution. Es sollte auch nicht vergessen werden, dass es seit letztem Jahr punktuelle soziale Revolten in Tunesien, in Marokko und in Jordanien gegeben hat. Wir sehen also Anzeichen f\u00fcr einen erneuten Aufschwung der Revolte. Wir haben es aber seit 2013 auch mit einer konterrevolution\u00e4ren Phase zu tun. Die Lage in Libyen wird mit der Offensive von Chalifa Haftar auf Tripolis nicht besser, das steht gewisserma\u00dfen f\u00fcr eine R\u00fcckkehr zum alten Regime. Auch in Syrien und im Jemen, wo B\u00fcrgerkriege stattfinden, und in \u00c4gypten wird die Lage nicht besser. Wir haben es mit einem widerspr\u00fcchlichen Moment zu tun. Es gibt Elemente eines neuen Fr\u00fchlings, es handelt sich aber eher um eine Phase des \u00dcbergangs.<\/p>\n<p><strong>Was haben die Erhebungen in Algerien und im Sudan gemeinsam?<\/strong><\/p>\n<p>In der arabischen Welt gibt es zwei gro\u00dfe Kategorien von L\u00e4ndern. Zu der ersten geh\u00f6ren L\u00e4nder, die man als \u201epatrimonial\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>\u00a0bezeichnen kann, da gibt es herrschende Familien, in deren Besitz sich der Staatsapparat befindet. Sie betrachten den Staat als ihr Privateigentum. Das ist bei den acht Monarchien in der arabischen Welt der Fall, in denen der K\u00f6nig der Souver\u00e4n ist, nicht das Volk, das gilt aber auch f\u00fcr Republiken wie Syrien oder fr\u00fcher den Irak von Saddam Hussein, wo der Staat von Familien in Besitz genommen worden ist. In diesen F\u00e4llen ist ein Sturz der herrschenden Familie durch die Streitkr\u00e4fte nicht vorstellbar. Und wenn ein Teil von ihnen sich doch einer Erhebung anschlie\u00dfen sollte, wie in Syrien oder in Libyen, dann wird ein B\u00fcrgerkrieg praktisch unvermeidlich. Die andere Kategorie sind die neo-patrimonialen Staaten, wo die Institutionen \u00fcber eine relative Autonomie im Verh\u00e4ltnis zu den Herrschenden verf\u00fcgen. Das ist in Algerien und in \u00c4gypten der Fall. Dort ist die Armee die wichtigste Institution, sie \u00fcbt eine direkte Kontrolle \u00fcber die von ihr ausgehende politische Macht aus. Die Armee macht die Pr\u00e4sidenten und macht sie auch wieder weg. Der Sudan stellt eine Zwischenkategorie dar. Omar al-Baschir, der mit einem Milit\u00e4rputsch an die Macht gekommen war, hatte versucht, die Armee umzustrukturieren, um sie direkt kontrollieren zu k\u00f6nnen, wie Hafiz al-Assad in Syrien oder Muammar al-Gaddafi in Libyen es gemacht hatten, es ist ihm allerdings letztlich nicht vollst\u00e4ndig gelungen. Die Armee hat ihn st\u00fcrzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Bef\u00fcrchten Sie schwierige \u00dcbergangszeiten?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, die wird es zweifellos geben. Wenn das Volk ein Regime st\u00fcrzen will, dann will es in Wirklichkeit die ganze Art und Weise \u00e4ndern, wie der Staat funktioniert, nicht nur einen anderen Pr\u00e4sidenten haben. Bouteflika und al-Baschir sind sozusagen nur die Spitze des Eisbergs, die gro\u00dfe Masse bleibt unter der Oberfl\u00e4che. Die Regime von beiden haben das \u00c4gypten von Abdel Fatah El-Sisi zum Vorbild und wollen die Armee als Retterin der Nation hinstellen und deren Macht noch ein wenig mehr festigen. Das k\u00f6nnte im Sudan eventuell funktionieren, wird aber in Algerien komplizierter werden, dort hat die Bev\u00f6lkerung keine Illusionen dar\u00fcber, dass die Milit\u00e4rs die Machthabenden kontrollieren. Es sollte auch nicht vergessen werden, dass 2011 ein geschichtlicher und langer revolution\u00e4rer Prozess explosionsartig eingesetzt hat, der jahrzehntelang andauern wird. Er prallt mit einer kulturellen, gesellschaftlichen und \u00f6konomischen Blockade zusammen, durch die die h\u00f6chsten Arbeitslosenraten auf der Welt ausgel\u00f6st werden, vor allem bei den Jungen. Um die auszur\u00e4umen, bedarf es radikale Ver\u00e4nderungen der Wirtschaftspolitik, was nirgends in Sicht ist, auch in Tunesien nicht, dort gibt es eine Kontinuit\u00e4t zur Wirtschaftspolitik des alten Regimes. Man macht mit den Rezepten des Internationalen W\u00e4hrungsfonds weiter, mit dessen Austerit\u00e4tspolitik und dessen Abzug von Investitionen, was absurd ist. Die Vorstellung, private Investitionen w\u00fcrden ein Motor werden, ist illusorisch. In diesem Teil der Welt, wo Willk\u00fcr, Instabilit\u00e4t und Nepotismus herrschen, flie\u00dft das Privatverm\u00f6gen dahin, wo schnelles Geld zu machen ist, und in die Spekulation mit Immobilien.<\/p>\n<p>Die andere Schwierigkeit besteht hierin: Damit diese radikale Ver\u00e4nderung herbeigef\u00fchrt werden kann, bedarf es politischer Kr\u00e4fte, die daf\u00fcr stehen und die zu Tr\u00e4gern der demokratischen und fortschrittlichen Bestrebungen der Bev\u00f6lkerung und vor allem der Jugend werden. Das Problem ist, dass sie nicht zu erblicken sind, sie fehlen in der gesamten Region ganz schmerzlich.<\/p>\n<p><strong>Erwarten Sie weitere Erhebungen?<\/strong><\/p>\n<p>Mit Ausnahme von Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten, wo 90\u00a0% der Bev\u00f6lkerung Ausl\u00e4nder und Ausl\u00e4nderinnen sind, ist kein Land vor einem explosionsartigen Ausbruch von Protesten gesch\u00fctzt, auch die L\u00e4nder des Fr\u00fchlings 2011 nicht. In \u00c4gypten ist die wirtschaftliche Lage unertr\u00e4glich. Die Menschen gehen nicht auf die Stra\u00dfe, weil sie sich von den seit 2011 erreichten Ergebnissen hereingelegt f\u00fchlen. Sie m\u00fcssen wieder von vorne anfangen \u2012 oder sie sind schlimmer dran als fr\u00fcher. Wenn sie allerdings sehen, was nebenan passiert, im Sudan und in Algerien, dann gibt ihnen das wieder Mut. Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter wird die Bewegung wieder in Gang kommen. Die Stimmung \u201euns reicht\u2019s\u201c ist weit verbreitet.<\/p>\n<p>Aus dem Franz\u00f6sischen \u00fcbersetzt von Wilfried<\/p>\n<p>Original: <a href=\"https:\/\/www.liberation.fr\/planete\/2019\/04\/11\/gilbert-achcar-bouteflika-et-el-bechir-ne-sont-que-le-sommet-de-l-iceberg_1720839\">https:\/\/www.liberation.fr\/planete\/2019\/04\/11\/gilbert-achcar-bouteflika-et-el-bechir-ne-sont-que-le-sommet-de-l-iceberg_1720839<\/a><\/p>\n<p>(11. April 2019)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.europe-solidaire.org\/spip.php?article48406\">http:\/\/www.europe-solidaire.org\/spip.php?article48406<\/a><\/p>\n<p><em>Auf der Website des US-amerikanischen Theoriemagazins\u00a0<\/em>Jacobin<em>\u00a0ist am 12. April ein Artikel von Gilbert Achcar \u00fcber den Sturz des sudanesischen \u201eMorsisi\u201c erschienen:<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/jacobinmag.com\/2019\/04\/sudan-omar-al-bashir-arab-spring\"><em>https:\/\/jacobinmag.com\/2019\/04\/sudan-omar-al-bashir-arab-spring<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Eine \u00dcbersetzung ins Deutsche erscheint in\u00a0<\/em>die internationale<em>\u00a0Nr.\u00a03\/2019.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/intersoz.org\/bouteflika-und-al-baschir-sind-nur-die-spitze-des-eisbergs\/\"><em>intersoz.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 22. April 2019 <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <em>The\u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/stabikat.sbb.spk-berlin.de\/DB=1\/SET=1\/TTL=1\/MAT=\/NOMAT=T\/CLK?IKT=1016&amp;TRM=peuple\"><em>People<\/em><\/a><em>\u00a0Want.<\/em>\u00a0A\u00a0<a href=\"http:\/\/stabikat.sbb.spk-berlin.de\/DB=1\/SET=1\/TTL=1\/MAT=\/NOMAT=T\/CLK?IKT=1016&amp;TRM=radicale\">Radical Exploration\u00a0<\/a><a href=\"http:\/\/stabikat.sbb.spk-berlin.de\/DB=1\/SET=1\/TTL=1\/MAT=\/NOMAT=T\/CLK?IKT=1016&amp;TRM=soule%CC%80vement\">of the\u00a0<\/a>Arab Uprising, London: Saqi Books, 2013;\u00a0<em>Morbid Symptoms:<\/em>\u00a0Relapse in the Arab Uprising, London: Saqi Books, 2016.<\/p>\n<p>Auf Englisch erschien au\u00dferdem die Essaysammlung\u00a0<em>Marxism, Orientalism, Cosmopolitanism,<\/em>\u00a0London: Saqi Books, 2013 sowie Chicago: Haymarket Books, 2013.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u201e<em>Patrimonialismus<\/em>\u00a0ist ein Ausdruck, dessen moderne Bedeutung von Max Weber definiert wurde. Er benutzte ihn als Beschreibung f\u00fcr ein politisches System, das auf Verwaltungs- und milit\u00e4rischen Strukturen aufbaut, die wiederum einem Alleinherrscher weisungsgebunden sind.\u201c (Wikipedia)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Gilbert Achcar zur Lage in Algerien und dem Sudan. Das Gespr\u00e4ch wurde von Luc Mathieu (Lib\u00e9ration) am 11. 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