{"id":5266,"date":"2019-04-25T10:13:06","date_gmt":"2019-04-25T08:13:06","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5266"},"modified":"2019-04-25T10:13:06","modified_gmt":"2019-04-25T08:13:06","slug":"der-basler-generalstreik-von-1919","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5266","title":{"rendered":"Der Basler Generalstreik von 1919"},"content":{"rendered":"<p><em>M. Nyffeler.<\/em> <strong>Der bedingungslose Abbruch des Landesstreiks f\u00fchrte zu grosser Demoralisierung in der Arbeiterbewegung. Doch die ArbeiterInnen gaben nicht auf. In ihren Reihen<!--more--> herrschten Entt\u00e4uschung, Wut und ein ungebrochener Kampfeswillen. Ein beispielhafter Ausdruck daf\u00fcr ist der Basler Generalstreik.<\/strong><\/p>\n<p>Freitagmorgen, 1. August 1919, tausende Menschen sind an diesem Tag in den Basler Strassen. Den streikenden ArbeiterInnen aus der Textil-, Maschinen- und Chemieindustrie hatten sich auch Beamte und Staatsangestellte angeschlossen. Wer nicht selber streikte, wurde vom Treiben der Streikenden angezogen. Vor der Burgvogtei in Kleinbasel versammelte sich eine riesige Menschenmenge; streikende ArbeiterInnen, JungsozialistInnen, M\u00fctter und ihre Kinder. Nach kurzer Zeit kreuzten \u00a0Milit\u00e4rlaster und Polizeiwagen auf. Auf den Lastern sassen Schulter an Schulter \u00abGrenzschutztruppen\u00bb, freiwillige Berufssoldaten und Offiziere. Jeder Laster war mit einem Maschinengewehr best\u00fcckt. Die Menge pfiff und schimpfte bei diesem Anblick. Die Situation eskalierte. Die Soldaten er\u00f6ffneten das Feuer. Die Maschinengewehre h\u00e4mmerten in die Massen. Die Menge l\u00f6ste sich schlagartig auf. Einzig und allein der Maurer Franz W\u00f6ber blieb auf der Strasse liegen, get\u00f6tet durch einen Kopfschuss.<\/p>\n<p><strong>Landesstreik und Frustration<\/strong><\/p>\n<p>In den Kriegsjahren 1914-18 verschlechterten sich die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse massiv. Steigende Preise, sinkende L\u00f6hne, \u00fcberteuerte Wohnungen, um nur einige der Probleme zu nennen. All diese N\u00f6te versch\u00e4rften sich noch in der Nachkriegsflaute.<\/p>\n<p>Doch nicht alle Teile der Gesellschaft waren mit prek\u00e4ren Bedingungen konfrontiert. Das B\u00fcrgertum profitierte vom Krieg und lebte in un\u00fcbersehbarem Luxus. Die ArbeiterInnen begriffen: Das Elend war Ausdruck des politischen Willens des Schweizer B\u00fcrgertums. Entweder liess die Situation sie gleichg\u00fcltig \u00a0oder sie profitierten davon. Das B\u00fcrgertum hatte also keinen Anlass etwas zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Die Basis der Arbeiterbewegung radikalisierte sich zunehmend und war bereit, weiter zu gehen als ihre F\u00fchrung in den Gewerkschaften und der Sozialdemokratie. Im November 1918 entluden sich diese tiefen sozialen und politischen Spannungen im Landesstreik. Der Entscheid f\u00fcr einen bedingungslosen Streikabbruch war Ausdruck dieses Auseinanderdriftens von F\u00fchrung und Basis. Die Frustration \u00fcber die Kapitulation der ArbeiterInnen war riesig, vor allem in St\u00e4dten wie Basel und Z\u00fcrich.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchling 1919 wurde der Leitung des Landesstreiks der Prozess gemacht. Neben Grimm wurde auch der Basler Arbeiterf\u00fchrer Friedrich Schneider zu sechs Monaten Haft verurteilt. Das Urteil gab klar zu verstehen, dass die b\u00fcrgerliche Herrschaft nicht angetastet werden durfte.<\/p>\n<p><strong>Der Klassenkampf von oben ging weiter<\/strong><\/p>\n<p>Bis auf einige kurzfristige Konzessionen gewann die Arbeiterklasse im Landesstreik nichts.<\/p>\n<p>Nur die 48-Stunden Woche wurde widerwillig vom B\u00fcrgertum gew\u00e4hrt. Doch in den Folgejahren wurde diese wieder zur\u00fcckgenommen. Die Ausbeutung ging weiter und das B\u00fcrgertum behielt seine Profite. Doch der Landesstreik hatte ihm einen Schrecken eingejagt und die Macht der Arbeiterklasse gezeigt.<\/p>\n<p>Um ein erneutes Kr\u00e4ftemessen mit der Arbeiterbewegung zu verhindern, mobilisierte die herrschenden Klasse das Milit\u00e4r. Doch die Armee war eine heterogene Masse. Der Klassenkampf radikalisierte die Arbeiter in der Armee zunehmend. Dem war sich das B\u00fcrgertum bewusst. Aus Angst vor meuternden Soldaten hatte der Generalstab w\u00e4hrend des Landesstreiks nur ausgew\u00e4hlte Truppen eingesetzt, wie z.B. die kleinb\u00fcrgerlichen Berufsmilit\u00e4rs oder Regimenter aus aus Bauern.<\/p>\n<p><strong>Eine Klasse r\u00fcstet sich<\/strong><\/p>\n<p>Zur Unterst\u00fctzung der als \u00abvaterl\u00e4ndisch\u00bb geltenden Truppen rief die herrschende Klasse B\u00fcrgerwehren zur Hilfe \u2013 reaktion\u00e4re Organisationen bestehend B\u00fcrgertum und Kleinb\u00fcrgertum. Durch ihre sehr homogene Klassenzusammensetzung galten die B\u00fcrgerwehren als \u00fcberaus standfest und effizient im Kampf gegen die revoltierenden ArbeiterInnen. Diese B\u00fcrgerwehren wurden gezielt bewaffnet, militarisiert und unter das direkte Kommando der Armeeleitung gestellt. Nebst der Bespitzelung von ArbeiterInnen wurden die B\u00fcrgerwehren vor allem eingesetzt um Streikposten zu zerschlagen, Streikbrecher zu sch\u00fctzen und die \u00f6ffentliche Ordnung aufrecht zuhalten.<\/p>\n<p><strong>Streik in Basel<\/strong><\/p>\n<p>Dies Begebenheiten f\u00fchrten in Basel zu einer explosiven Mischung, speziell in der Textilindustrie, wo der Druck der KapitalistInnen auf die ArbeiterInnen beispielhaft war. In diesem Industriesektor fanden langwierige Verhandlungen zwischen den Gewerkschaften und den Industriellen statt. Doch die KapitalistInnen waren nicht bereit einen Schritt auf die ArbeiterInnen zuzugehen. Der Funke f\u00fcr den Generalstreik entsprang in der Auseinandersetzung vom 22. Juli 1919, in der Firma Clave &amp; Lindenmeyer. Infolge einer Arbeiterunruhe in der F\u00e4rberei reagierten die Patrons mit der Aussperrung und Entlassung der kompletten Belegschaft. Die TextilarbeiterInnen bildeten ein Aktionskomitee und traten in Streik. Am Abend des 30. Juli trafen sich das Aktionskomitee und die Delegierten des Arbeiterbundes. Es wurde der einstimmige Beschluss f\u00fcr den Generalstreik in Basel gefasst \u2013 mit Ausnahme des Gas- und Elektrizit\u00e4tswerks der Stadt. Dort erwiesen sich die Arbeiter als weitaus radikaler als das Streikkomitee und fassten in Eigenregie den Beschluss sich dem Streik anzuschliessen. Die anf\u00e4nglichen Forderungen der TextilarbeiterInnen wichen immer mehr den allgemeinen Forderungen: Preisabbau, Mindestlohn und Beseitigung der Wohnungsnot.<\/p>\n<p><strong>Streikabbruch<\/strong><\/p>\n<p>Das B\u00fcrgertum stellte sich mit geballter milit\u00e4rischer Repression gegen den Basler Generalstreik. Am 1. August wurden f\u00fcnf Menschen von der Schweizer Armee erschossen. Die Entlassungen aller am Streik Beteiligten wurden vom Staat unterst\u00fctzt. So wurde der Arbeiterbewegung innert weniger Tage der Boden unter den F\u00fcssen weggezogen, die Streikfront fing an zu br\u00f6ckeln. Am 7. August beschlossen die Delegierten des Arbeiterbundes mit 155:86 und sieben Enthaltungen den Streikabbruch.<\/p>\n<p>Der Basler Generalstreik endete in einer totalen Niederlage f\u00fcr das Proletariat. Das B\u00fcrgertum konnte nicht zu Konzessionen gezwungen werden.<\/p>\n<p>Die Niederlage des Basler Generalstreik ist dem Versagen der F\u00fchrung der Arbeiterbewegung zuzuschreiben. Die Arbeiterklasse war weiterhin bereit f\u00fcr ihre Interessen zu k\u00e4mpfen, ganz im Gegenteil zu ihrer F\u00fchrung. Die f\u00fchrenden K\u00f6pfe der Schweizer Arbeiterbewegung hatten keine oder falsche Lehren aus dem Landesstreik gezogen. Sie vers\u00e4umten es die Arbeiterklasse breit zu organisieren, den Streik in Basel mit anderen Streiks in den St\u00e4dten Bern und Z\u00fcrich zu verbinden und somit eine nationale Streikbewegung aufzubauen.<\/p>\n<p>Bereits im Landesstreik 1918 hat sich gezeigt: Der Staat ist nicht neutral und steht auf der Seite des B\u00fcrgertums. Es war essentiell die ArbeiterInnen vor Gewaltanwendungen durch den Staat oder durch B\u00fcrgerwehren zu sch\u00fctzen. Mittels Arbeiterverteidigungskomitees h\u00e4tten die geopferten Leben der streikenden ArbeiterInnen verhindert werden k\u00f6nnen, doch auch dies hat die F\u00fchrung der Arbeiterbewegung vers\u00e4umt. All dies w\u00e4re jedoch n\u00f6tig gewesen um eine revolution\u00e4re Situation vorzubereiten und so schlussendlich die Schweizer Arbeiterklasse aus der Unterdr\u00fcckung zu f\u00fchren.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/geschichte\/der-basler-generalstreik-von-1919\/#more-10358\"><em>derfunke.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 25. April 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M. Nyffeler. Der bedingungslose Abbruch des Landesstreiks f\u00fchrte zu grosser Demoralisierung in der Arbeiterbewegung. Doch die ArbeiterInnen gaben nicht auf. 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