{"id":5307,"date":"2019-05-06T17:39:22","date_gmt":"2019-05-06T15:39:22","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5307"},"modified":"2019-05-06T17:39:32","modified_gmt":"2019-05-06T15:39:32","slug":"durchschlagende-memes-was-wir-von-den-gilets-jaunes-lernen-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5307","title":{"rendered":"Durchschlagende memes \u2013 Was wir von den Gilets Jaunes lernen k\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"<p><em>Adrian Wohlleben und Paul Torino. <\/em>Der Moment der\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>\u00a0(\u201eGelbwesten\u201c) hat den Konsens der Politik und des gesellschaftlichen Lebens in Frankreich gebrochen. Seit November<!--more--> haben Hunderttausende Desillusionierte immer wieder Ausschreitungen in den Innenst\u00e4dten angezettelt, Autobahnen und \u00d6lraffinerien blockiert, Mautstationen und Kreisverkehre im ganzen Land besetzt und sich Schlachten mit der Polizei geliefert. W\u00e4hrend sich die erste Phase der Bewegung mit Slogans gegen die von Macron und seinem Team von Technokraten initiierte Benzinsteuer richtete, weigerten sich die\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>, nach Hause zu gehen, auch nachdem die Steuer unter einem Kopfsteinpflasterhagel aufgehoben wurde. Linke, Kommentator*innen und Politiker haben die Grundabsicht der Bewegung nicht verstanden, w\u00e4hrend die Politisierten \u2013 von den Anarchistinnen \u00fcber die Gewerkschafter bis hin zu den Neonazis \u2013 entweder versuchen, die Bewegung zu lenken oder sie v\u00f6llig ablehnen. Die\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>\u00a0haben einen Prozess angesto\u00dfen, den zwar niemand versteht, den aber auch niemand ignorieren kann. Was auch immer das Ergebnis der gegenw\u00e4rtigen Sequenz von K\u00e4mpfen sein wird, es ist klar, dass die\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>\u00a0die Regeln der Politik und der sozialen Bewegungen, wie wir sie kennen, gebrochen haben. Wir halten es daher f\u00fcr sinnvoll, einige Lehren aus dieser komplexen und unvollendeten Sequenz zu ziehen, in der Hoffnung, dass wir in Zukunft unter \u00e4hnlichen Umst\u00e4nden \u2013 die sicher eintreten werden \u2013 besser handeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Radikale Aktionen, nicht radikale Akteure<\/strong><\/p>\n<p><em>It is not the insurrection that many love to dream about, it is not an act of sedition, it is not the seizure of a territory. It is something else. Some new thing whose word hasn\u2019t been invented yet.<\/em><\/p>\n<p>\u2013\u00a0<em>Liaisons<\/em>, \u201cEncore\u201d<\/p>\n<p>Wenn wir darauf bestehen, die heutigen sozialen Br\u00fcche mit den Kategorien des 20. Jahrhunderts zu interpretieren, k\u00f6nnen wir sicher sein, sie falsch zu lesen. Es ist kein Zufall, dass viele auf der Linken das Ph\u00e4nomen der\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>\u00a0in Frankreich zun\u00e4chst als faschistisch oder naiv populistisch interpretiert haben (und deswegen einer radikalen \u201eKorrektur\u201c bed\u00fcrfend), w\u00e4hrend andere vorschnell die \u00dcbel eines jeglichen \u201eklassen\u00fcbergreifenden\u201c B\u00fcndnisses angeprangert haben.\u00a0<em>Die gegenw\u00e4rtige politische Rationalit\u00e4t kann radikale Aktionen nicht verstehen, sondern nur radikale Akteure<\/em>. Die Wahrheit des Handelns liegt, so sagt man uns, in der\u00a0<em>Identit\u00e4t<\/em>\u00a0und den\u00a0<em>Motivationen<\/em>\u00a0ihrer Protagonisten, die allein die wahren Objekte der sozialen Untersuchung darstellen. Eine Bewegung k\u00f6nnte sich auf tausend verschiedene Arten ausdr\u00fccken, aber sie wird erst dann wirklich verst\u00e4ndlich und g\u00fcltig werden, wenn sie durch einen aus diesen beiden Faktoren gebildeten, legitimierenden Vektor betrachtet werden kann. Aus welcher Position in der Gesellschaftsordnung ist die Aktion entstanden? Welche Schnittmenge in der Matrix der Unterdr\u00fcckung stellen die Teilnehmer dar? Es wird davon ausgegangen, dass die Antwort die kollektiven sozialen Interessen der Bewegung offenbart; an diesem Punkt kann man dann entscheiden, ob man sie \u201eunterst\u00fctzt\u201c oder \u201eablehnt\u201c, so als ginge man in einem Supermarkt der Ideologien einkaufen.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Wie entstand dieser Impuls, ein Subjekt hinter allem Handeln zu suchen? Woher kommt er?<\/p>\n<p>Dass wir es gewohnt sind, konkrete Handlungen verschwinden zu lassen und nur die \u201esoziale\u201c Beziehung zwischen den Akteuren zu sehen, liegt daran, dass wir eine Vorstellung von Politik geerbt haben, in der der\u00a0<em>Diskurs<\/em>, die Vermittlung von Informationen, den idealen politischen Akt bildet. Wenn gemeinsames Handeln einfach eine andere Weise ist, miteinander oder mit Dritten zu sprechen, wenn der Aufstand einfach ein anderer Modus ist, Forderungen zu stellen, wenn Krieg einfach nur Politik mit anderen Mitteln ist, dann h\u00e4lt uns der permanente Zwang zum\u00a0<em>Interpretieren <\/em>von Handlungen verst\u00e4ndlicherweise in Atem. Damit eine Person die Aussage einer anderen interpretieren kann, muss ein gemeinsamer symbolischer Bedeutungszusammenhang zwischen uns entstehen, und es ist unsere jeweilige institutionelle Erziehung, die dies erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Zeitgen\u00f6ssische Politik versteht unter Handeln lediglich ein\u00a0<em>Gespr\u00e4ch<\/em>\u00a0zwischen verschiedenen Interessengemeinschaften und Bev\u00f6lkerungsgruppen einer Gesellschaft. Genau aus diesem Grund neigt radikale Aktivit\u00e4t \u2013 sobald sie in einer relativ anonymen Weise auftritt, der es an einer gleichbleibenden Urheberin mangelt und die sich hartn\u00e4ckig weigert, auf unsere kompositorischen (\u201eWer bist du?\u201c) und projektiven Fragen (\u201eWarum tust du das?\u201d) zu antworten \u2013 dazu, f\u00fcr politische Analystinnen und Aktivisten gleicherma\u00dfen unkenntlich zu sein.<\/p>\n<p>Es ist genau diese Ansicht, die die\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>\u00a0Woche um Woche zerst\u00f6ren. Was sich heute in Frankreich herausbildet ist eine radikale Form des kollektiven Handelns, die sich nicht auf eine koh\u00e4rente Ideologie oder Motivation, auf Teilnehmerkreise oder bestimmte Regionen st\u00fctzt. Vor allem aber geht sie nicht auf Grundlage eines Dialoges mit ihrem Feind vor. Es ist die Logik dieser neuen Art der praktischen Zusammensetzung, die wir verstehen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Durchschlagende Memes<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWhoever has a song written about them never lives long.\u201c<\/p>\n<p>\u2013 W.B. Yeats,\u00a0<em>Mythologies<\/em><\/p>\n<p>Wie kam es zu einem Bruch wie dem der\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>? In einer Zeit, in der die Benennung und Identifizierung von Gruppen und Menschen zur hegemonialen Praxis von Aktivist*innen wie Polizisten geworden ist, ist es (f\u00fcr alle Seiten) wichtig festzustellen, wie eine gestaltlose und radikal instabile Bewegung sich f\u00fcr mehr als zwei Monate in die Stra\u00dfen entladen konnte.<\/p>\n<p>Ferguson und Standing Rock wurden einer st\u00e4ndigen \u201eBenennung\u201c unterzogen, von innen wie von au\u00dfen. In beiden F\u00e4llen trug die F\u00e4higkeit, die \u201elegitimen Anspruchsberechtigten\u201c der Bewegung zu benennen, auf direktem Wege dazu bei, diese zu zerst\u00f6ren. Dass jede einzelne Gruppe dieser Bewegungen von sich behauptete, im Namen der \u201eGemeinschaft\u201c zu handeln, hatte einen Sinn: Denn wer das normative Zentrum einer Bev\u00f6lkerung bildet, bildet auch das nat\u00fcrliche repr\u00e4sentative Ideal. F\u00fcr Demokraten und Reformer ist die Einf\u00fchrung des Rechts, f\u00fcr die Bewegung zu sprechen, eine Voraussetzung politischer Macht. Sobald das Subjekt einer Bewegung ausreichend beschrieben und definiert ist, beginnt der Moment zwangsl\u00e4ufig, zu schrumpfen und auszutrocknen: Anf\u00fchrer werden zum Verhandeln aufgerufen, Militante werden unterdr\u00fcckt, und eine gro\u00dfe Anzahl aktiver Teilnehmer*innen wird auf einfache \u201eAnh\u00e4nger\u201c eines nicht mehr wirklich gemeinsamen Kampfes reduziert. Sobald sich Bewegungen um charismatische Individuen und Gro\u00dfm\u00e4uler zusammenzuschlie\u00dfen beginnen, ist es nur selbstverst\u00e4ndlich, dass die \u00c4rmsten und K\u00e4mpferischsten \u2013 und f\u00fcr gew\u00f6hnlich am st\u00e4rksten rassistisch Marginalisierten \u2013 (z.B. Joshua Williams, Red Fawn) den Gro\u00dfteil der Repressionen abbekommen. Es ist also sinnf\u00e4llig, dass von Ferguson und Standing Rock bis Bordeaux und Toulouse die kompromisslosesten und entschlossensten Aktionen heute nicht von den politischen Cliquen und Aktivisten-Netzwerken ausgehen. Die Kluft zwischen den Ideologen und den eigentlichen Revolution\u00e4ren wird immer gr\u00f6\u00dfer. Da ihre Vorstellungen von der Natur und der Bedeutung des Kampfes immer asymmetrischer werden, werden sie einander immer unverst\u00e4ndlicher.<\/p>\n<p>Die\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>\u00a0sind keine traditionelle soziale Bewegung. Das Paradigma der sozialen Bewegung bezieht sich auf einen Prozess, bei dem sich Gruppen um eine bestimmte Erfahrung mit gesellschaftlichen Institutionen (oder um eine bestimmte Erfahrung von Unterdr\u00fcckung, wie im Falle der Neuen Linken) organisieren, die Interessen ihrer jeweiligen Gruppen f\u00f6rdern und sich dabei mit anderen institutionellen Segmenten verbinden. Von den \u201eArbeiter-Studierenden-Aktionskomitees\u201c im Mai 1968 bis hin zu der gescheiterten Allianz zwischen franz\u00f6sischen Eisenbahnarbeitern und Akademikerinnen genau 50 Jahre sp\u00e4ter \u00fcbt dieses trotzkistische Organisationsmodell weiterhin einen starken Einfluss auf die Vorstellung von der Eskalation eines Konflikts aus.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>\u00a0Da jede konstituierende Gruppe durch ihr institutionelles Bewusstsein politisiert worden zu sein scheint, wird die Zusammensetzung vorgestellt, als f\u00e4nde sie Segment um Segment statt, durch eine \u201eKonvergenz der K\u00e4mpfe\u201c, die letztlich in einen Generalstreik m\u00fcnden soll. Doch der gegenw\u00e4rtige Augenblick hat wenig bis gar keine Verbreitung von kleinen oder partiellen Subjektivit\u00e4ten, keine \u201e<em>Queer<\/em>\u00a0Gilets jaunes\u201c, \u201e<em>Studierende<\/em>\u00a0Gilets jaunes\u201c oder \u201e<em>Arbeiter<\/em>\u00a0Gilets jaunes\u201c hervorgebracht. Kaum jemand besteht auf bestimmten sozio-institutionellen Eigenschaften und traditionellen Kampfformen unter Ausschluss der jeweils anderen. W\u00e4hrend noch niemand sagen kann, wohin sie f\u00fchren wird, haben die\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>\u00a0gezeigt, dass es m\u00f6glich ist, eine praktische Sequenz von Aufst\u00e4nden zu schaffen, an denen\u00a0<em>jede*r<\/em>\u00a0ohne sich einreihen zu m\u00fcssen teilnehmen kann, ohne die besonderen Interessen marginalisierter Gruppen in den Vordergrund zu stellen\u00a0<em>oder<\/em>\u00a0sich nach einer wei\u00dfen, patriarchalischen, kleinb\u00fcrgerlichen oder anderweitig hegemonialen Leidensgrammatik zu richten. Das ist die Herausforderung, vor die uns die gegenw\u00e4rtige Bewegung stellt, und die Revolution\u00e4re \u00fcberall durchdenken m\u00fcssen.<\/p>\n<p>An sich betrachtet bringt das Anziehen einer Warnweste weder eine vereinheitlichende Ideologie, ein Prinzip oder eine Forderung noch eine bestimmte Subjektposition oder Identit\u00e4t mit sich. Es funktioniert wie das, was wir ein \u201eMeme mit Kraft\u201c nennen k\u00f6nnten. Ein Meme \u00e4ndert nicht unbedingt den\u00a0<em>Inhalt<\/em>\u00a0eines Kampfes. In Frankreich zum Beispiel resultieren die katalysierenden Faktoren aus einem sehr vertrauten gesellschaftlichen Druck: steigende Lebenshaltungskosten, sinkende soziale Mobilit\u00e4t, K\u00fcrzungen in der \u00f6ffentlichen Ausgaben, eine triumphierende neoliberale Regierung, die den arbeitenden Armen ins Gesicht spuckt, usw. Was das Meme der\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>\u00a0bietet, ist eine plastische\u00a0<em>Form<\/em>, in der dieser Inhalt die Kraft einer Intervention annehmen kann. In jedem politischen Kampf gibt es eine minimale Formalisierung; insofern stellt das Meme erneut die grundlegende Frage der Partei und bietet die minimale Grundlage f\u00fcr die Organisation einer Bruchkraft im 21. Jahrhundert. Die Flie\u00dff\u00e4higkeit des Memes erm\u00f6glicht es, sich einer Demo, einer Blockade oder der Besetzung eines Kreisverkehrs anzuschlie\u00dfen, ohne sich in ein \u201egemeinsames Interesse\u201c oder die legitimierenden \u201e\u00dcberzeugungen\u201c einer Bewegung einf\u00fcgen zu m\u00fcssen. Anstatt sie zu l\u00f6sen, verschiebt es die Frage nach einer gemeinsamen Leidensgrammatik auf einen sp\u00e4teren Zeitpunkt.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>\u00a0In der Zwischenzeit hat es jedoch die Macht, die Stilllegungen, die unsere gesellschaftliche Trennung in der Metropole definieren, au\u00dfer Kraft zu setzen. Unterschiedliche Erfahrungen oder Ideologien werden weder beseitigt noch gel\u00f6st, aber ihre L\u00f6sung ist nicht l\u00e4nger Voraussetzung f\u00fcr den Umgang mit anderen. Das Meme erlaubt es allen, auf der Grundlage ihrer jeweiligen Erfahrungen mit den \u201eEliten\u201c (ein bewusst\u00a0<em>unter<\/em>konstruierter Feind) zu handeln \u2013 wie ein Stapel Tarotkarten, in dem das Publikum den pers\u00f6nlichen Inhalt ausf\u00fcllt. Jeder von uns ist eingeladen, gegen den Feind vorzugehen, ohne zu warten oder um Erlaubnis zu bitten, und zwar aus eigenen Gr\u00fcnden. Menschenmassen sind in der Lage, zusammenzuarbeiten und nebeneinander zu agieren, ihre gesellschaftliche Wut und Frustration auszudr\u00fccken, ohne auf konventionelle Gemeinschafts- und Organisationsmodelle zur\u00fcckzugreifen, um die Distanzen innerhalb und zwischen gesellschaftlichen Gruppen (politischen Parteien, direktdemokratischen Versammlungen, Gangs, usw.) zu vermitteln. Trotz seiner scheinbar monochromatischen Homogenit\u00e4t erm\u00f6glicht das Meme daher tats\u00e4chlich die radikalste Bejahung der Singularit\u00e4t. Es gibt keine andere Form der gesellschaftlichen Zusammensetzung, die uns direkter ermutigt, auf die Angemessenheit unserer eigenen Wahrnehmung zu vertrauen und auf unsere Auffassung von Situation zu reagieren.<\/p>\n<p>Die\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>\u00a0sind keine \u201eKoalition\u201c verschiedener, aber bereits bestehender politischer Gruppen. Das Konzept der Koalition geh\u00f6rt nach wie vor zum Horizont der \u201eKonvergenz der K\u00e4mpfe\u201c. Aber bisher produzieren die\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>\u00a0weit mehr als sie repr\u00e4sentieren. Wenn sie weiterhin die Initiative behalten, wenn ihr produktives und erfinderisches Verm\u00f6gen nicht der Logik von Forderungen und Verhandlungen untergeordnet wird, wenn sie nicht beginnen, ihre irruptiven Interventionen im Namen einer stabilen Bev\u00f6lkerung oder einer Interessengruppe durchzuf\u00fchren, k\u00f6nnte es gerade ihnen gelingen, den depressiven Zyklus der Revolutionen des 20. Jahrhunderts zu beenden, in dem eine Regierung im schnellen Wechsel durch eine andere ersetzt wird.<\/p>\n<p>Niemand wei\u00df im Voraus, was die kompositorischen Grenzen eines Memes sind; seine Koh\u00e4renz dr\u00fcckt sich\u00a0<em>a posteriori<\/em>, Woche f\u00fcr Woche, St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck, aus. Was die \u201e<em>Gilets jaunes<\/em>\u201c bedeuten werden, wird von ihren konkreten Auswirkungen zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten abh\u00e4ngen. Aus dieser Offenheit resultiert ihre besondere St\u00e4rke, da sie von jedem aufgenommen und in praktisch jede Richtung bewegt werden kann. Nachdem sie sich von jeglichem inh\u00e4renten Bezug auf ein stabiles \u201eSubjekt\u201c befreit hat, \u00f6ffnet sie sich auf einen grenzenlosen Horizont des Experimentierens. Wie bei jedem Meme h\u00e4ngt sein Kurs von seiner F\u00e4higkeit ab, sich zu erweitern und neu zu erfinden, zu schwingen und sich mit neuen Inhalten und Ausdrucksmodi zu kombinieren. Die Reinheit steht hier mit der St\u00e4rke in umgekehrter Korrelation. Das Meme ist nicht der Universalit\u00e4t der Idee nachempfunden, sondern der\u00a0<em>unbegrenzten<\/em>\u00a0Bewegung des Simulakrums, denn seine Vitalit\u00e4t nimmt zu, indem es sich vermehrt, verwandelt und viral verbreitet. In dem Moment, in dem es nicht mehr in der Lage ist, Hindernisse zu \u00fcberwinden und den Prozess der Verwandlung fortzusetzen, in dem es gezwungen ist, seine Grenzen zu \u00fcberwachen, Anspruchsberechtigte von Betr\u00fcgern, authentische Mitglieder von \u201egewaltt\u00e4tigen Agitatoren\u201c zu trennen, verliert es seinen kreativen und experimentellen Rand und versandet.<\/p>\n<p><strong>Der<em> Cort\u00e8ge de t\u00eate<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Das Ph\u00e4nomen des\u00a0<em>cort\u00e8ge de t\u00eate<\/em>\u00a0(\u201eDemospitze\u201c) w\u00e4hrend der Bewegung gegen das\u00a0<em>Loi travail<\/em>\u00a02016 markierte den ersten Moment in der j\u00fcngeren franz\u00f6sischen Geschichte, in dem es einer sozialen Bewegung gelang, ein Meme neben und in sich selbst zu produzieren. Da er die ersten Reihen besetzt, gibt der\u00a0<em>cort\u00e8ge de t\u00eate<\/em>\u00a0den Rhythmus, das Tempo und die Slogans der gro\u00dfen Demos vor. F\u00fcr gew\u00f6hnlich eifers\u00fcchtig bewacht von Gewerkschaften und anderen Organisationen, deren Anf\u00fchrer ihn als B\u00fchne zur Selbstdarstellung hinter pseudo-unitarischen Bannern betrachten, wurde der Raum 2016 von Graffitispr\u00fcherinnen, YouTubern, Studierenden und allen m\u00f6glichen anderen Jugendlichen eingenommen, die ihm die Erscheinung eines Splittermarsches verliehen. Diese Geste des \u201eErgreifens der Spitzenposition\u201c selbst wurde schnell zu einem Meme und bald bei jeder gro\u00dfen Demo in dieser einige Monate w\u00e4hrenden Sequenz von K\u00e4mpfen wiederholt. Aufgrund seiner wilden Energie und aggressiven Haltung gegen\u00fcber der Polizei provozierte der\u00a0<em>cort\u00e8ge de t\u00eate<\/em>\u00a0andauernd Zusammenst\u00f6\u00dfe, was dazu f\u00fchrte, dass sich mit jeder Demo mehr Menschen anschlossen und eine noch bessere materielle Vorbereitung m\u00f6glich wurde. Der\u00a0<em>cort\u00e8ge<\/em>\u00a0funktionierte wie \u201eein Aggregationspunkt, physisch wie politisch. Nach und nach magnetisierte er den Wunsch nach Revolte, die Wut, die Masse der widerspenstigen K\u00f6rper, der Verwundeten, der Ungehorsamen, und der Unregierbaren.\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>\u00a0Nat\u00fcrlich kann es, wie der Name schon sagt, keinen\u00a0<em>cort\u00e8ge de t\u00eate <\/em>geben, ohne dass die Gewerkschaftsprozessionen hinterhermarschieren, eine Tatsache, die daf\u00fcr sorgte, dass die Ansteckungskraft im Wesentlichen in der raum-zeitlichen Logik der traditionellen sozialen Bewegung gefangen blieb. Trotz dieser Einschr\u00e4nkung, und \u00e4hnlich wie bei den\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>, erm\u00f6glichte das\u00a0<em>cort\u00e8ge de t\u00eate<\/em>-Meme die Schaffung eines Raumes, in dem eine neue Weise der Mischung von Menschen entstehen konnte, die ebenfalls dazu neigte, alle fr\u00fcheren institutionellen Rollen und Identit\u00e4ten auszusetzen. Wie damals ein Musiker schrieb:<\/p>\n<p>Die Einzigartigkeit des\u00a0<em>cort\u00e8ge de t\u00eate<\/em>\u00a0liegt in seinem generischen Charakter, der sich der Erfassung durch jegliche Identit\u00e4t entzieht. In ihm begegnen Menschen einander, die sich im Rahmen des normalen Laufs der Dinge nie treffen w\u00fcrden, deren zugewiesene Positionen radikal unvereinbar erscheinen. Was k\u00f6nnte f\u00fcr die Macht beunruhigender sein, als das praktische Zusammenweben eben jener K\u00f6rper zu beobachten, deren Trennung voneinander ihre Hauptbesch\u00e4ftigung ist? [\u2026] Wenn das Revolution\u00e4rwerden irgendetwas bedeutet, dann ist es genau diese Annahme des\u00a0<em>clinamen<\/em>, diese Selbstaufgabe, diese kompromisslose Auseinandersetzung mit dem M\u00f6glichen, das durch die Situation er\u00f6ffnet wird [\u2026] Der\u00a0<em>cort\u00e8ge de t\u00eate<\/em>\u00a0verk\u00f6rpert die neutrale und anonyme Vereinigung, das Irgendwerwerden dieser ganzen menschlichen Vielfalt, deren spezifische Urspr\u00fcnge lokal und punktuell ausgesetzt sind.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Zumindest was Metropolen wie Paris betrifft (die Blockaden im Westen stehen auf einem anderen Blatt), wurden die Macht und die Grenzen der Sequenz 2016 durch die F\u00e4higkeit bestimmt, der Logik einer \u201eKonvergenz der K\u00e4mpfe\u201c zu entkommen, und es war eine memetische Kompositionsmethode, die diese Fluchtlinie erm\u00f6glichte. Das anonyme Werden des\u00a0<em>cort\u00e8ge de t\u00eate<\/em>\u00a0beschr\u00e4nkte sich jedoch auf die Form des\u00a0<em>riots<\/em>, dessen Dauer wiederum vollst\u00e4ndig an den von den Gewerkschaftsfunktion\u00e4ren vorgegebenen Rhythmus gebunden war. Ohne einen Gewerkschaftsumzug gab es auch keine Spitzenposition, die man an sich rei\u00dfen konnte. Trotz seiner enormen St\u00e4rke war es die unverwechselbare Form des\u00a0<em>cort\u00e8ge<\/em>-Memes, die seine Ausdehnungs- und Wandlungsf\u00e4higkeit begrenzte und ihn schlie\u00dflich erdr\u00fcckte.<\/p>\n<p>Memes erfordern weniger Interpretation als Improvisation. Die Haltung oder Neigung, die anzunehmen sie uns herausfordern, ist nicht die des Gelehrten. Es ist die des Vision\u00e4rs, der auf der Suche nach\u00a0<em>wiederholbaren Gesten<\/em>\u00a0ist \u2013 jenen kreativen Handlungen, die eine neue Sequenz experimenteller Wiederholung in sich tragen.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p><strong>Entsetzung und Ort<\/strong><\/p>\n<p>Eine kommunistische Revolution ist nicht die Summe seiner\u00a0<em>riots<\/em>, Aufst\u00e4nde oder Schlachten. Sie ist nichts anderes als der Prozess, bei dem es Millionen von Menschen gelingt, ihre t\u00e4gliche Existenz nach nicht-wirtschaftlichen Vorstellungen davon, wie Gl\u00fcck oder das gute Leben aussehen kann und sollte, neu zu organisieren. W\u00e4hrend die radikalen Bewegungen, Besetzungen und Aufst\u00e4nde der letzten zehn Jahre es unz\u00e4hligen Menschen erm\u00f6glicht haben, die Intelligenz und Erhabenheit kollektiver Selbstorganisation ohne Vermittlung durch Geld aus erster Hand zu erfahren, sind solche \u201ekommunistischen Ma\u00dfnahmen\u201c letztlich nur von historischer Bedeutung, wenn sie unumkehrbar werden. Ohne die Schaffung einer zuversichtlichen, dauerhaften,\u00a0<em>gemeinsamen Sensibilit\u00e4t<\/em>\u00a0fallen die Stillstellungen dieser Welt immer wieder in alte Muster zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Autonome und kommunistische Formen und Praktiken m\u00fcssen einen Weg finden, sich zu verbreiten und zu bestehen \u2013 aber wie? Das ist eine Frage, die sich alle, die schonmal die Macht und Erhabenheit eines Aufstands erlebt haben, zweifellos gestellt haben \u2013 in dem Moment, in dem sie zu den Videospielen, Social-Media-Profilen und dem \u201eBusiness-Casual\u201c zur\u00fcckkehren m\u00fcssen, die den Raum des privaten Lebens einschlie\u00dfen.\u00a0<em>Die Ordnung des\u00a0<\/em>riots<em>\u00a0wird flankiert von der Unordnung des normalen Lebens<\/em>. Wie k\u00f6nnen wir den Sprung von der Stillstellung der Zeit hin zu ihrer Reorganisation schaffen und dauerhafte Formen anarchischer Kollektivit\u00e4t erzeugen? Ist es m\u00f6glich (wie z.B. Joshua Clover nahezulegen scheint), dass der\u00a0<em>riot<\/em>\u00a0\u00fcber seine Form hinausgeht, dass eine \u201ekaskadierende Serie\u201c von\u00a0<em>riots<\/em>\u00a0aus eigener Kraft \u201eihre eigenen Existenzen erhalten und gleichzeitig andere K\u00e4mpfe hervorbringen kann, um ihre Chance gegen die sich ausbreitende Unordnung zu ergreifen\u201c?<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a>\u00a0K\u00f6nnen\u00a0<em>riots<\/em>\u00a0<em>gemeinsam reproduktive<\/em>\u00a0Formen der Selbstorganisation hervorrufen? Oder ist es notwendig, dass neben ihnen eine andere, ganz eigene Kampfdynamik entsteht?<\/p>\n<p>Was die Aktion betrifft, so gibt es in der Bewegung der\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>\u00a0nicht zwei gegens\u00e4tzliche Tendenzen: eine, die in den St\u00e4dten randaliert, und eine andere, die Kreisverkehre blockiert und Gemeinschaftskantinen baut. W\u00e4hrend beide zweifellos stattfinden, ist es entscheidend zu verstehen, wie diese beiden Dynamiken zusammenh\u00e4ngen, denn darin liegt die Erkl\u00e4rung sowohl f\u00fcr die Originalit\u00e4t als auch f\u00fcr die Beharrlichkeit der Bewegung. Die\u00a0<em>riots<\/em>\u00a0in den St\u00e4dten sind in einem parallelen Prozess eng miteinander verbunden, welcher die Erfahrung von Politik selbst neu verortet hat. Es ist die Konstitution kollektiver\u00a0<em>Orte<\/em>, die den entsetzenden\/revolution\u00e4ren Kern der Bewegung bildet und die den Gegensatz zwischen\u00a0<em>riot<\/em>\u00a0und Alltag \u00fcberwindet. Ein Pariser Brief an das\u00a0<em>Liaisons<\/em>-Kollektiv stellte k\u00fcrzlich fest, dass \u201edas Vorrecht der\u00a0<em>Gilets jaunes <\/em>darin besteht, sich dort zu organisieren, wo sie leben, auf regionaler Ebene und nicht im Hinblick auf eine klar umrissene politische Identit\u00e4t. Es ist also kein Zufall, dass, in einer bestimmten Region, gerade der Kreisverkehr die minimale Verbindungseinheit ist\u201c.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a>\u00a0Wie die Verfasser uns erinnern, rufen kleine Kreisverkehre im l\u00e4ndlichen Frankreich eine andere Assoziation wach als die zentralen Pl\u00e4tze der gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dte, die 2016 der\u00a0<em>locus classicus<\/em>\u00a0der B\u00fcrger-Versammlungen der\u00a0<em>Nuit debout<\/em>\u00a0waren und die bisher von den\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>\u00a0eben\u00a0<em>nicht\u00a0<\/em>besetzt wurden. F\u00fcr uns deutet diese Beobachtung auf einen gr\u00f6\u00dferen ethisch-politischen Einsatz hin: In dem Paradigma der Entsetzung, das die kommende Politik definiert, wird der\u00a0<em>Ort<\/em>\u00a0die\u00a0<em>Position<\/em>\u00a0ersetzen. Die Notwendigkeit, neue Orte oder \u201elebendige Orte\u201c zu schaffen und zu verteidigen, wird die zentrale Bedeutung von \u201esozialen\u201c Differenzierungen wie Identit\u00e4ten und symbolischen\u00a0<em>Positionen<\/em>\u00a0innerhalb einer Matrix der Unterdr\u00fcckung in den Hintergrund treten lassen. Was bedeutet es, einen \u201eOrt\u201c zu etablieren, und wie haben die\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>\u00a0die Schaffung von Orten mit den\u00a0<em>riots<\/em>\u00a0und Blockaden verkn\u00fcpft, die f\u00fcr die gegenw\u00e4rtigen K\u00e4mpfe so bestimmend geworden sind?<\/p>\n<p><strong>Kreisverkehre<\/strong><\/p>\n<p>Indem sie die Kreisverkehre auf eine Weise besetzen, die es den Teilnehmenden erm\u00f6glicht, dort zu leben \u2013 ungef\u00e4hr 200 H\u00fctten und Geb\u00e4ude wurden auf den Kreisverkehren errichtet, in denen gegessen, geteilt und sich verschworen wird \u2013, schaffen die\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>\u00a0einen lebendigen Ort inmitten der toten R\u00e4ume der sp\u00e4tkapitalistischen Zirkulation. Eine \u00e4hnlich unwahrscheinliche Leistung lie\u00df sich k\u00fcrzlich auch in Chico, Kalifornien, beobachten, wo Klimafl\u00fcchtlinge nach den Waldbr\u00e4nden Anfang des Jahres ein Lager auf einem Wal-Mart-Parkplatz aufbauten. Ob bewusst oder nicht, haben sie etwas von der Geste der ZAD und der No-TAV-Bewegungen, der Zapatistas in Chiapas und der Kurden in Rojava geerbt. Es waren diese letztgenannten K\u00e4mpfe, die die strategische Wirksamkeit der Nutzung des \u201eOrtes\u201c als Angriffselement, der Umwandlung des\u00a0<em>lebendigen Bewohnens<\/em>\u00a0eines intensiv besiedelten Territoriums in ein Mittel zur Delegitimierung der staatlichen und wirtschaftlichen Verwaltung am deutlichsten unter Beweis gestellt haben.<\/p>\n<p>Gleichzeitig ist das Man\u00f6ver der\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>\u00a0anders gelagert. Anstatt dass viele Menschen aus ganz Europa in zwei oder drei \u201ezones \u00e0 d\u00e9fendre\u201c zusammenkommen \u2013 wobei Vinci &amp; Co die Initiative behalten und den Standort der Politik festlegen \u2013 bleiben die\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>-Kreisverkehre dem Alltag nahe. Diese N\u00e4he zum Alltag ist der Schl\u00fcssel zum revolution\u00e4ren Potenzial der Bewegung: Je n\u00e4her die Blockaden an der Heimat der Teilnehmenden liegen, desto eher k\u00f6nnen diese Orte auf Millionen andere Weisen pers\u00f6nlich und wichtig werden. Und die Tatsache, dass es sich um einen Kreisverkehr handelt, der besetzt ist \u2013 und nicht um einen Wald oder ein Tal \u2013 entzieht diesen Bewegungen den pr\u00e4figurativen und utopischen Inhalt. Dies mag auf den ersten Blick wie eine Schw\u00e4che erscheinen, kann sich aber als St\u00e4rke erweisen.<\/p>\n<p>Wie jede, die schonmal die ZAD besucht hat und in die Stadt zur\u00fcckgekehrt ist, best\u00e4tigen kann, verschwindet das Gef\u00fchl der Macht, das sich in der polizeifreien Zone einstellt, sobald man diese wieder verl\u00e4sst. Die ZAD ist ein lebender Ausnahmezustand gegen\u00fcber der Welt um sie herum (wenn auch ein realer, und nicht eine juristische Fiktion). Im Gegensatz dazu erm\u00f6glicht es die Besetzung des Kreisverkehrs\u00a0<em>in der<\/em>\u00a0<em>N\u00e4he<\/em>\u00a0des Wohnortes, dass das kollektive Vertrauen, die taktische Intelligenz und die gemeinsame politische Sensibilit\u00e4t, die die\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>\u00a0aufbauen, auch auf die Netzwerke, Verpflichtungen, Freundschaften und Bindungen des gesellschaftlichen Lebens in diesen Gebieten wirken und diese durchziehen. Was in den\u00a0<em>action camps<\/em>\u00a0utopische Gef\u00fchle waren, sickert durch die Kreiselblockaden in den Alltagsraum, anstatt sich davon fernzuhalten. Ebenso wenig bewahrt der Kreisverkehr eine extraterrestrische Existenz neben dem normalen Leben \u2013 wie es bei den \u201eradikalen\u201c R\u00e4umen Berlins der Fall ist.<\/p>\n<p>Die Heftigkeit der Samstags<em>riots<\/em>\u00a0l\u00e4sst sich nur durch die Affinit\u00e4ten erkl\u00e4ren, die man in den Kreisverkehren findet. Allen Berichten zufolge besteht die Menge mit jedem weiteren Samstag zunehmend aus gut organisierten Kleingruppen, die bereit sind, taktisch und intelligent zusammenzuarbeiten. Da sich selten jemand lange genug in Paris, Bordeaux oder Toulouse aufh\u00e4lt, um soziale Bindungen zu kn\u00fcpfen, liegt es nahe, dass es eben die im Alltag entstandenen Bindungen, die jetzt durch die Kreisverkehre \u201egefiltert\u201c werden, sind, die bei den \u201eActes\u201c jedes Wochenende in die Offensive gehen. Der Gegensatz liegt nicht, wie bisweilen nahegelegt wurde, zwischen der strategischen Front der Samstags<em>riots<\/em>\u00a0und der der Kreisverkehre.\u00a0<em>Der Kreisverkehr ist die Membran, der Ber\u00fchrungspunkt zwischen dem\u00a0<\/em>riot<em>\u00a0und dem t\u00e4glichen Leben, die ihre jeweils eigenen, unverwechselbaren Rhythmen und Texturen haben.<\/em><\/p>\n<p>Es ist diese Kombination aus einem memetischen Kompositionsmodus und einem entsetzenden oder ortsschaffenden Modus des Zusammenlebens, die die beispiellose Heftigkeit und Langlebigkeit der Bewegung erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p><strong>Ekstatischer Populismus<\/strong><\/p>\n<p>Haben wir es mit einer \u201epopulistischen\u201c Bewegung zu tun? Sind die\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>\u00a0ein populistisches Symbol geworden?<\/p>\n<p>Die Idee des \u201eVolkes\u201c (Lat.:\u00a0<em>populus<\/em>\u00a0\/\u00a0<em>popularis<\/em>) hatte schon immer zwei Bedeutungen. Auf der einen Seite brauchen westliche Staaten die Spektralfigur des \u201eVolkes\u201c aus einem pr\u00e4zisen juristischen Grund, n\u00e4mlich um die Quelle ihrer Autorit\u00e4t au\u00dferhalb ihrer selbst so zu positionieren, dass diese Quelle nie tats\u00e4chlich\u00a0<em>erscheint<\/em>. Das Volk in diesem rechtlichen Sinne ist das, worin sich das Gesetz selbst voraussetzt \u2013 eine reine Fiktion, die nur auf dem Papier oder im Munde der Politiker existiert. Andererseits hat der Begriff immer auch die Armen, die Benachteiligten, die \u201enormalen Menschen\u201c gemeint. Es ist ein wechselnder Platzhalter, analog zu dem, was jahrhundertelang als \u201ePlebs\u201c bezeichnet wurde.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a>\u00a0Die beiden Bedeutungen des Begriffs haben au\u00dfer dem Namen nichts gemeinsam. Noch wichtiger ist, wie Marcello Tar\u00ed uns erinnert, dass sie sich in der Praxis tats\u00e4chlich gegenseitig ausschlie\u00dfen: \u201eSo wie es Aufstand als Ideologie nur dann gibt, wenn es keinen Aufstand gibt, so gibt es Populismus nur, wenn die Menschen abwesend sind\u201c.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a>\u00a0Wenn die Menschen wirklich auf der Stra\u00dfe sind, kann die Regierung nicht regieren, und die neumodischen parlamentarischen Populismen von\u00a0<em>Syriza<\/em>\u00a0in Griechenland bis\u00a0<em>Podemos<\/em>\u00a0in Spanien erschienen genau in dem Moment, als die\u00a0<em>riots<\/em>\u00a0und Platzbesetzungen der Jahre 2011-12 besiegt waren. Die\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>\u00a0sind nicht das \u201eVolk\u201c, in dessen Namen das Gesetz spricht. Wenn \u00fcberhaupt, dann ist die Warnweste die Uniform des\u00a0<em>Ex<\/em>-B\u00fcrgers, das Symbol eines negativen oder ekstatischen Populismus, der aus dem Gesetz, das sich in seinem Namen legitimiert, herausgetreten ist. Es ist nicht zu bestreiten, dass der grundlegende Antagonist in diesem Kampf die \u201eEliten in der Regierung\u201c bleiben, f\u00fcr die der Sprechchor\u00a0<em>Macron, D\u00e9mission!<\/em>, eine Forderung nach Entthronung, sinnbildlich ist. Doch es w\u00e4re viel zu fr\u00fch zu behaupten, dass, hinter den Tr\u00e4nengasschwaden, die jede Woche die St\u00e4dte f\u00fcllen, ein neues konstitutives Subjekt erkennbar wird. Das Einzige, was wir sicher sehen, ist eine Menge von Individuen und kleinen Gruppen, die sich an fast v\u00f6llig unvermittelten Handlungen beteiligen, um einen\u00a0<em>rapport de force<\/em>\u00a0mit der Regierung aufzubauen, dessen Ergebnis noch niemand vorhersagen kann.<\/p>\n<p>Es ist wichtig, diese ballistische Neigung der\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>, ihre Vorliebe f\u00fcr Kr\u00e4ftebeziehungen und direkte Konfrontation zu betonen, da sich so die Verschiebung in der Funktion des Sprechens innerhalb der Bewegung erkl\u00e4ren l\u00e4sst. Die Dinge l\u00e4gen in der Tat anders, wenn die\u00a0<em>Gilets jaunes <\/em>nun auch die Pl\u00e4tze der St\u00e4dte besetzten und sich in der Sorte direktdemokratischer Vollversammlungen engagieren w\u00fcrden, die die\u00a0<em>Nuit Debout<\/em>-Bewegung 2016 und die Bewegung der Berufst\u00e4tigen davor definiert hatten. W\u00e4hrend die Forderung nach einem \u201eB\u00fcrgerreferendum\u201c nach wie vor aus verschiedenen Teilen der Bewegung kommt, haben sich die\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>\u00a0gr\u00f6\u00dftenteils und auf bewundernswerte Weise geweigert, ihre praktische Initiative gegen politische Repr\u00e4sentation einzutauschen, und sich dem Staat weniger als Gespr\u00e4chspartner denn als kinetischem und physischem Gegner entgegengestellt. Kundgebungen und \u00f6ffentliche Versammlungen haben im Kampf bisher keine gro\u00dfe Rolle gespielt. W\u00e4hrend Versammlungen und Sprechergremien verschiedene Kreisverkehre zusammenbringen, behalten sie den Charakter lokaler, strategischer, situativer Momente logistischer Selbstorganisation und Koordination. Sobald sich irgendwer als Repr\u00e4sentant der Bewegung zu inszenieren versucht oder f\u00fcr sich die Legitimit\u00e4t beansprucht, f\u00fcr die gesamte Bewegung zu sprechen, st\u00f6\u00dft er auf taube Ohren. Niemand kann die Stimme der Bewegung in \u00fcberzeugender Weise \u00fcbernehmen, am wenigsten diejenigen, die das behaupten. Der akephale Charakter des taktischen Repertoires der\u00a0<em>Giletes jaunes<\/em>\u00a0\u2013\u00a0<em>riot<\/em>, Blockaden, die Aneignung von Mautstellen, Kreiselbesetzungen usw. \u2013 hat zu einer radikalen Schw\u00e4chung der Macht der \u201eoffiziellen\u201c politischen Rede beigetragen. Und genau das hat \u2013 zumindest f\u00fcrs Erste \u2013 daf\u00fcr gesorgt, dass der besondere Populismus ekstatisch und plebejisch bleibt; dass die Des-Identifikation\u00a0<em>sowohl<\/em>\u00a0mit den Ordnungskr\u00e4ften\u00a0<em>als auch<\/em>\u00a0mit der einsamen Atomisierung, die der Bewegung vorausgeht, sich gegen die Versuchungen der Repr\u00e4sentation und der Assimilation durchsetzt; und dass dort, wo gesprochen wird, dies in erster Linie dazu dient, unser Engagement zur Verteidigung jener Orte des kollektiven Lebens \u2013 gesammelt w\u00e4hrend der Bewegung, von Kreisverkehr zu Kreisverkehr \u2013 zu erneuern und auszuweiten: dies ist eine Redeweise, die sich qualitativ vom Verk\u00fcndungs-Universum der Politiker unterscheidet. Es ist absehbar, dass, in genau dem Moment, in dem sie sich auf die Rolle einer konstituierenden Kraft in dem in Frankreich allzu bekannten gro\u00dfen Spiel der Demokratie reduzieren l\u00e4sst (und in dem eine \u201eSechste Republik\u201c die derzeitige Dummheit ersetzen w\u00fcrde), die Bewegung zerschlagen wird und alle ihre revolution\u00e4ren Bestrebungen zunichte gemacht werden.<\/p>\n<p><strong>Pl\u00fcndern als antifaschistische Massnahme<\/strong><\/p>\n<p>Eine der wichtigsten Neuerungen der Bewegung der\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>\u00a0liegt in der beispiellosen Diskrepanz zwischen dem schnellen Wachstum der kollektiven Macht einerseits und dem Fehlen eines positiven Horizonts andererseits. Selten haben wir ein so ausgepr\u00e4gtes Verm\u00f6gen, alles zum Erliegen zu bringen, zusammengehen sehen mit einer \u00e4hnlichen Unbestimmtheit was Forderung, Identit\u00e4t, ideologische Konsistenz oder Programm angeht. Der \u201eoffizielle\u201c Antagonismus hat sich fast ausschlie\u00dflich auf ein Machtzentrum konzentriert, n\u00e4mlich die Macron-Regierung. Ideologisch ist das sicher verd\u00e4chtig, da es lediglich ein \u201eMismanagement\u201c der kapitalistischen Klassenbeziehung, eine Verwechslung von Ursache und Wirkung nahegelegt. Trotzdem, auch wenn es als Machtanalyse philosophisch und kritisch unzureichend ist, hat es praktisch einem breiten Querschnitt von Menschen erm\u00f6glicht, gemeinsame Ziele zu erkennen, so dass die Polarisierung so allgemein wie m\u00f6glich bleibt. Gerade die ideologische Unbestimmtheit der Situation, unterst\u00fctzt durch die\u00a0<em>Unter<\/em>konstruktion des Feindes durch die Bewegung, hat es erm\u00f6glicht, dass sich der Bruch ausdehnt und intensiviert.<\/p>\n<p>Dies wirft eine ernste Frage auf: was hat verhindert, dass die Bewegung einer faschistischen Tendenz erliegt? Sicherlich hat die bew\u00e4hrte antifaschistische Taktik von Angriff und Verjagung organisierter Rechtsextremer aus den Demos es diesen erschwert, einen \u00fcberproportionalen Einfluss zu erlangen. Wir glauben jedoch, dass vor allem der weit verbreitete Vandalismus den Einfluss der Nationalisten eingeschr\u00e4nkt hat. Die\u00a0<em>Gilets jaunes <\/em>haben uns gelehrt, wie wichtig es ist, aktiv an Bewegungen teilzunehmen, die nicht von einer erkennbaren linken Grammatik ausgehen, und stattdessen daran zu arbeiten, die Zerst\u00f6rung von Eigentum in ihnen zu legitimieren.<\/p>\n<p>Der Maidan ist ein gutes Beispiel. Da der Nationalismus (der demokratische wie der faschistische) eine Technik zur Bildung von Allianzen zwischen Reichen und Armen \u201eim Namen des Volkes\u201c darstellt, ist es wichtig zu betonen, dass die Zerst\u00f6rung von Unternehmenseigentum in der EuroMaidan-Bewegung in Kiew als inakzeptabel galt und daher selten passierte. Im Gegensatz zu zivilen Unruhen in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern wie Griechenland, Spanien, Italien, Portugal und Frankreich, wo bei lebhaften Demonstrationen regelm\u00e4\u00dfig Schaufenster angegriffen werden, stellt ein Artikel in der\u00a0<em>Kyiv Post <\/em>vom 20. Januar 2014 fest, dass \u201ein zwei Monaten der Konfrontation in der Innenstadt von Kiew kein einziges Schaufenster kaputt gegangen ist. Zugegeben, die ukrainischen Demonstranten scheuen sich nicht, Z\u00e4une auseinanderzunehmen oder Pflastersteine herauszurei\u00dfen, aber dieser Vandalismus dient auch dem gr\u00f6\u00dferen Plan\u201c.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>Liberalismus und Faschismus \u00fcben den Schulterschluss, wenn es darum geht, die kapitalistische Produktion zu verteidigen. Sie sind sich lediglich uneins dar\u00fcber, wer in welchem Umfang an ihren gesetzm\u00e4\u00dfigen Institutionen teilnehmen darf. Diese Gruppen haben gro\u00dfe Schwierigkeiten damit, die Zerst\u00f6rung von Eigentum ideologisch zu dulden. Wo sie es tolerieren, muss diese Zerst\u00f6rung ethnisiert werden. Nationalisten k\u00f6nnen ihre eigenen Angriffe auf Anlagen und Objekte nur auf ethno-nationalistische und politische Weise erkl\u00e4ren. Die 2017 in einer Synagoge in der Innenstadt von Chicago eingeschlagenen Scheiben waren ein\u00a0<em>pers\u00f6nlicher<\/em>\u00a0und rassistischer Angriff auf die Mitglieder der Gemeinde. Was sie nicht akzeptieren k\u00f6nnen, sind allgemeine Angriffe auf Privateigentum, eine Gewalt, die eindeutig den Markt angreift: antikapitalistische Gewalt. Es ist eine Sache, eine Gewerkschaftshalle oder ein Regierungsb\u00fcro anzugreifen, es ist eine ganz andere, ganze Einkaufsviertel zu zerst\u00f6ren. Dies in amerikanischen Bewegungen einzuf\u00fchren, wo Sachsch\u00e4den und Vandalismus als unbesonnen und strategisch sinnlos angesehen werden, ist vielleicht die schwierigste Aufgabe.<\/p>\n<p><strong>Schluss: Eine Wette<\/strong><\/p>\n<p>In den kommenden Jahren k\u00f6nnten K\u00e4mpfe um ein Gef\u00fchl des Ekels anstatt um eine gemeinsame Leidenserfahrung entstehen. Aus unserer Sicht k\u00f6nnte heute nichts besser sein. Die charakteristische menschliche Erfahrung in den amerikanischen Vororten und im Hinterland ist eine ganz andere als die der Gro\u00dfstadtfabriken, auf denen die Arbeiterbewegung aufbaute. Die heutige vorst\u00e4dtische und l\u00e4ndliche Ausbreitung f\u00fchrt zu extremer Entfremdung, Isolation und Einsamkeit. Die amerikanische Gesellschaft ist durch immer komplexere Differenzierungslinien getrennt: Klasse, Beruf, Rasse, Geschlecht, Sexualit\u00e4t, Alter, Religion, Gewicht, Politik, Subkultur, Ern\u00e4hrung, Gesundheitsprofil, astrologische Identit\u00e4t, usw. Sicherlich werden weiterhin K\u00e4mpfe auf der Grundlage von Alterit\u00e4t und politischer Differenz entstehen, aber wir glauben nicht, dass es sich hierbei um Freiheitsk\u00e4mpfe handeln wird. Es ist an diesem Punkt wahrscheinlicher, dass Freiheitsk\u00e4mpfe aus einem Wirbel wie den\u00a0<em>Gilets jaunes <\/em>entstehen werden, in dem verschiedene Praktiken in einen gemeinsamen Artikulationsbereich einflie\u00dfen, als aus den fortgesetzten Zusammenst\u00f6\u00dfen rivalisierender politischer Gruppen oder den K\u00e4mpfen marginalisierter Gruppen, um ihre Interessen innerhalb des zunehmend hohlen \u201eZentrums\u201c der normativen Gesellschaft zu vertreten. Sicherlich wird das Gegenteil immer schwieriger vorstellbar: dass sich ein breiter Querschnitt der USA unter einer einzigen Identit\u00e4t und einem einzigen Banner vereinen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Ein Kampf dieser Art k\u00f6nnte so aussehen:<\/p>\n<p><em>W\u00fctende und entrechtete Menschen beginnen, in die Innenst\u00e4dte oder in logistische Bereiche (wie Flugh\u00e4fen und H\u00e4fen) einzufallen. Ihre w\u00fctende Invasion spricht in einer bestimmten, parallelen Weise Menschen an, die in marginalisierten oder einkommensschwachen Vierteln entweder innerhalb der Stadt oder an ihren R\u00e4ndern leben (Graffiti-Crews, Rednecks, LKW-Fahrer*innen, Drogendealer, Sexarbeiter*innen, ehemalige Gefangene, Rentner*innen). Ethische Extremisten verschiedener ideologischer oder subkultureller \u00dcberzeugungen agieren nebeneinander auf der Stra\u00dfe, nur vereint durch ihre mangelnde Bereitschaft, die gegen das System gerichtete Wut des jeweils anderen zu kontrollieren (mit allen Vor- und Nachteilen: Anarchist*innen, Neonazis, Fu\u00dfball-Hooligans, Gang-Mitglieder). Die verschiedenen sozialen Gruppen bilden nie ein gr\u00f6\u00dferes Ganzes, sondern bewegen sich einfach nebeneinander her, sto\u00dfen gelegentlich zusammen, kehren aber Woche f\u00fcr Woche zur\u00fcck, um die Hochglanz-Fassaden der St\u00e4dte zu zerst\u00f6ren und Polizei- und Regierungsgeb\u00e4ude anzugreifen. Diejenigen, die es nicht in die st\u00e4dtischen Zentren schaffen, blockieren die Stra\u00dfen und die arterielle Infrastruktur, von denen diese abh\u00e4ngen, von au\u00dfen. Diese heterogene Allianz aus \u201arandos\u2018 aus dem nahen und fernen Hinterland und urbanen ethischen Extremisten repolarisiert die politische Situation von oben und unten, nicht von links und rechts. Politiker, linke Organisationen, Gewerkschaften und NGOs distanzieren sich zun\u00e4chst vom verwirrenden Get\u00fcmmel<\/em>\u00a0<em>und verurteilen die Gewalt. Die Menge achtet nicht auf sie, denn sie hat nichts mit ihnen zu tun. Linke Organisationen, die erkennen, dass sie in den Hintergrund gedr\u00e4ngt wurden, haben keine andere Wahl, als einzuknicken und den Menschenmassen aus einer Nachhutposition hinterherzurennen, wobei sie auf alle m\u00f6glichen Arten versuchen, sie zu kooptieren, zu managen und schlie\u00dflich zu befrieden. Studenten und mittlere Manager aller Bev\u00f6lkerungsgruppen versuchen, die Randalierer rassistisch, sexistisch, geographisch, nach Klassen \u2013 auf jeder Identit\u00e4tsachse, die ihnen einf\u00e4llt \u2013 in Verruf zu bringen und zu spalten, um im Chaos Fu\u00df zu fassen. Gleichzeitig wird die Polizei ihre \u00fcblichen groben Fehler begehen, die (zun\u00e4chst) den Antagonismus erweitern und den Kampf ausweiten, was die Regierung zwingt, die Nationalgarde einzusetzen. Wenn sie an diesem Punkt ankommen, werden sich die K\u00e4mpfe entweder zerstreuen, oder es gelingt ihnen, die Streitkr\u00e4fte zu brechen und eine weit verbreitete gesellschaftliche Abtr\u00fcnnigkeit zu schaffen\u2026<\/em><\/p>\n<p>Revolution\u00e4re sollten vorbereitet sein, denn die Situation wird wahrscheinlich noch verwirrender. Es erscheint uns unwahrscheinlich, dass das Land in einen B\u00fcrgerkrieg zwischen Antifaschisten, Neonazis und der extremen Mitte st\u00fcrzen wird. Ebenfalls ist es unm\u00f6glich, sich einen neuen politischen Konsens zwischen Demokraten und Republikanern vorzustellen, der auf irgendeine Weise den \u00c4ngsten und Tumulten unserer Zeit angemessen ist. Wenn etwas wie die\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>\u00a0in die USA kommt, k\u00f6nnt ihr sicher sein, dass es noch verwirrender und unheimlicher wird, noch gewaltt\u00e4tiger und unbequemer. Wir wetten jedoch, dass die kommenden Bewegungen nicht ohne ihren eigenen Charme, ihre eigenen Innovationen, ihre eigene Sch\u00f6nheit sein werden.<\/p>\n<p><strong>Postscriptum: Sechs Notizen f\u00fcr zuk\u00fcnftige K\u00e4mpfe<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li>Um eine unregierbare Idee von gemeinsamem Gl\u00fcck zu verbreiten, ist es zun\u00e4chst notwendig, unregierbar zu werden.<\/li>\n<li>Memes mit Kraft \/ durchschlagende Memes erm\u00f6glichen es Menschen, sich selbst zu authorisieren, so dass sie direkt auf ihr Leiden reagieren k\u00f6nnen. Auf diese Weise untergraben sie die Verwaltung unserer Bewegungen durch die interne und externe Polizei.<\/li>\n<li>Memes, die die Situation von oben nach unten polarisieren und die Feindseligkeit auf ein Ziel in der Mitte konzentrieren, lassen den gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Antagonismus entstehen. So machen sie es den Reformern schwer, den Aufstand zu verhindern, und er\u00f6ffnen die M\u00f6glichkeit des Kommunismus auf eine echte und praktische Weise.<\/li>\n<li>Schlie\u00dft \u201eKonservative\u201c nicht ideologisch von der Bewegung aus, sondern popularisiert Gesten, die ihre Ideologie nicht unterst\u00fctzen kann. Eine M\u00f6glichkeit, dies zu tun, besteht darin, die Zerst\u00f6rung von Eigentum gegen die Superreichen zu legitimieren. Zeigen, nicht sagen.<\/li>\n<li>Obwohl der Einsatz von Graffiti und anderer Botschaften notwendig sein k\u00f6nnte, um dem Einfluss rechter Slogans fr\u00fchzeitig entgegenzuwirken, lasst nicht zu, dass eine Gruppe oder Tendenz das Meme hegemonisiert, bevor der Staat die Kontrolle komplett verloren hat.<\/li>\n<\/ol>\n<p>5.1. Graffiti sollte nur auf zwei Arten verwendet werden: einerseits, um die Feindseligkeit gegen\u00fcber dem gemeinsamen Feind\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 auszudr\u00fccken und, andererseits, um das taktische Repertoire, das ihr sehen wollt, sowie die Heldentaten der Bewegung als\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 Ganzes zu feiern. Sprecht nicht im Namen eines \u201eSubjekts\u201c und schlie\u00dft keine Teile der Bewegung aus.<\/p>\n<ol start=\"6\">\n<li>Wenn die Macht des Aufstands, soziale Identit\u00e4ten und Pr\u00e4dikate auszusetzen, nicht neben sich selbst territoriale Orte erzeugen kann, in denen er sich ausdehnen, fortbestehen und in die Dauerhaftigkeit des Alltags \u00fcbergehen kann, wird er zu einem grausamen Festival.<\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.the-hydra.world\/index.php\/2019\/05\/04\/durchschlagende-memes-was-wir-von-den-gilets-jaunes-lernen-konnen\/\"><em>the-hydra.world&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. Mai 2019<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>Tatsache ist, dass, selbst wenn unsere sozialen Identit\u00e4ten unsere politischen Positionen irgendwie mechanisch programmieren w\u00fcrden (was sie nicht tun), dies uns heute nicht helfen w\u00fcrde. Die gro\u00dfen Figuren \u201emilitanter Subjektivit\u00e4t\u201c k\u00f6nnen nicht so einfach aus dem Nichts wiederbelebt werden. Wie unsere marxistischen Freunde uns immer wieder in Erinnerung rufen, schrumpft die industrielle Gewinnmarge, die die materielle \u201eBasis\u201c f\u00fcr das politische Bewusstsein der Arbeiterbewegung in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts lieferte, seit den 1970er Jahren kontinuierlich und treibt damit die Arbeiterbewegung in die Defensive. Das Ergebnis ist eine seit vier Jahrzehnten andauernde depressive Spirale, wobei die gro\u00dfe Mehrheit der Arbeitsk\u00e4mpfe im Westen so gut wie ausschlie\u00dflich defensiv geworden ist und trotzdem immer weiter verliert. In der Zwischenzeit hat sich die revolution\u00e4re Vorstellungskraft des Westens ersch\u00f6pft und ist gezwungen, sich von anderen Grunds\u00e4tzen ausgehend neu zu erfinden.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Zu diesem Punkt siehe Fredy Perlmans klassischen Artikel \u201eWorker-Student Action Committees, May 1968\u201c, hier verf\u00fcgbar: <a href=\"https:\/\/theanarchistlibrary.org\/library\/roger-gregoire-fredy-perlman-worker-student-action-committees-france-may-68\">https:\/\/theanarchistlibrary.org\/library\/roger-gregoire-fredy-perlman-worker-student-action-committees-france-may-68<\/a>. \u201eIn den Ex-Universit\u00e4ten wurde die Trennung zwischen \u201eStudentinnen\u201c und \u201eArbeitern\u201c in der Praxis, in der t\u00e4glichen Praxis der Bewohner, aufgehoben; es gab keine speziellen \u201eStudentenaufgaben\u201c und \u201eArbeiteraufgaben\u201c.\u00a0<em>Die Aktion ging jedoch \u00fcber das Bewusstsein hinaus<\/em>. Indem sie zu den \u201eArbeitern\u201c gingen, sahen die Menschen die Arbeiterinnen als einen spezialisierten Sektor der Gesellschaft, sie akzeptierten die Arbeitsteilung\u201c (Hervorh. d. Verf.).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Diese Frage lautet: K\u00f6nnen Menschen, deren Leben von unvergleichbaren Gewaltformen gepr\u00e4gt sind, die gleiche Welt, die gleiche Sprache, eine gemeinsame Vision von Freiheit erfahren? Das Meme l\u00f6st diese Inkommensurabilit\u00e4t weder auf, noch unterdr\u00fcckt es sie \u2013 es gibt keine Abk\u00fcrzung zu einem existentiellen Gemeinwesen. Vielmehr l\u00f6st es diese Unterschiede von jedem Erfordernis der Einheit, indem es unsere vergleichende Gewohnheit \u2013 d.h. eine Form des Leidens durch Abw\u00e4gung gegen eine andere zu legitimieren \u2013 ausschaltet. Die gelbe Weste \u00f6ffnet das Feld der Politik: Pl\u00f6tzlich ist das Zentrum \u00fcberall, und jede*r kann aus eigenen Gr\u00fcnden angreifen und sich organisieren, egal ob sich die Gr\u00fcnde miteinander vereinbaren lassen oder nicht.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Mauvaise Troupe, \u201eCort\u00e8ge de T\u00eate\u201c, in\u00a0<em>Riots and Militant Occupations.\u00a0Smashing a System, Building a World. A Critical Introduction,<\/em>\u00a0Alissa Starodub und Andrew Robinson (Hrsg,), London, 2018.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Anonym, \u201eThe Unassignable Riot\u201c, in\u00a0<em>War on the Streets. <\/em><em>Tactical Lessons from the Global Civil War,\u00a0<\/em>Ill Will Editions, 2016, S.61-62. Zuerst ver\u00f6ffentlicht in\u00a0<em>Lundi matin<\/em>, Juni 2016.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Als z.B. Mitte Dezember die\u00a0<em>Gilets jaunes<\/em>\u00a0haupts\u00e4chlich auf Mautstationen, Kreisverkehre und die samst\u00e4glichen\u00a0<em>riots<\/em>\u00a0ausgerichtet waren, begannen einige kleinere St\u00e4dte damit, \u201eBrotkr\u00fcmel-Demos\u201c zu organisieren, bei denen mit Brotkr\u00fcmeln die Wege zu H\u00e4usern lokaler Politiker markiert wurden. Bei ihrer Ankunft zerst\u00f6rten die Teilnehmer*innen Eigentum oder bedrohten die Amtstr\u00e4ger, manchmal schossen sie sogar mit Pistolen in die Luft \u2013 unn\u00f6tig zu erw\u00e4hnen, dass das eine Seltenheit in Frankreich ist. Dies war eine wiederholbare Geste, die in der Lage war, das taktische Repertoire des Kampfes strategisch zu erweitern und eine neue Form des Kampfes in den Alltag zu tragen. F\u00fcr eine hilfreiche Diskussion \u00fcber Wiederholbarkeit und Improvisation auf der Ebene von Stra\u00dfenk\u00e4mpfen siehe (Anonym), \u201eYes, And\u2026\u201c, in\u00a0<em>War on the Streets.\u00a0<\/em><em>Tactical Lessons from the Global Civil War,\u00a0<\/em>Ill Will Editions, 2016. Hier verf\u00fcgbar: <a href=\"http:\/\/ill-will-editions.tumblr.com\/post\/154103163849\/war-in-the-streets-tactical-lessons-from-the\">http:\/\/ill-will-editions.tumblr.com\/post\/154103163849\/war-in-the-streets-tactical-lessons-from-the<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Joshua Clover,\u00a0<em>Riot, Strike, Riot<\/em>, Verso Books, 2016, S. 187.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Liaisons, \u201eEncore. A Second Letter from Paris,\u201c\u00a0<em>The New Inquiry,\u00a0<\/em>04. Januar 2019. Hier verf\u00fcgbar: <a href=\"https:\/\/thenewinquiry.com\/encore\/\">https:\/\/thenewinquiry.com\/encore\/<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Siehe Al\u00e8ssi Dell\u2019Umbria, \u201cFull Metal Yellow Jacket\u201d, Ill Will Editions, 2019. Zuerst ver\u00f6ffentlicht in\u00a0<em>Lundi matin<\/em>, 22. Januar 2019. Hier verf\u00fcgbar: <a href=\"http:\/\/ill-will-editions.tumblr.com\/post\/182503015824\/full-metal-yellow-jacket-al%C3%A8ssi-dellumbria\">http:\/\/ill-will-editions.tumblr.com\/post\/182503015824\/full-metal-yellow-jacket-al%C3%A8ssi-dellumbria<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Marcello Tar\u00ed,\u00a0<em>Non esiste la rivoluzione infelice<\/em>, Rom, 2016).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Ivan Verstyuk, \u201eNo looting or anarchy in this EuroMaidan revolution\u201c,\u00a0<em>Kyiv Post<\/em>, 20.01.2014. Hier verf\u00fcgbar: <a href=\"https:\/\/www.kyivpost.com\/article\/opinion\/op-ed\/no-looting-or-anarchy-in-this-euromaidan-revolution-335296.html\">https:\/\/www.kyivpost.com\/article\/opinion\/op-ed\/no-looting-or-anarchy-in-this-euromaidan-revolution-335296.html<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Adrian Wohlleben und Paul Torino. Der Moment der\u00a0Gilets jaunes\u00a0(\u201eGelbwesten\u201c) hat den Konsens der Politik und des gesellschaftlichen Lebens in Frankreich gebrochen. 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