{"id":5313,"date":"2019-05-08T16:59:17","date_gmt":"2019-05-08T14:59:17","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5313"},"modified":"2019-05-08T16:59:17","modified_gmt":"2019-05-08T14:59:17","slug":"die-iranische-arbeiterinnenklasse-unter-einer-flut-des-elends","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5313","title":{"rendered":"Die iranische Arbeiter*innenklasse unter einer Flut des Elends"},"content":{"rendered":"<p><em>Nima Pour Jakub*.<\/em> <strong>Am 1. Mai versammelten sich Hunderte von Arbeiter*innen, Student*innen und Pensionierte vor dem Parlament in Teheran, der Hauptstadt des Irans. Die Polizei <!--more-->ging gewaltsam gegen sie vor; Dutzende wurden zusammengeschlagen und mindestens 40 M\u00e4nner und Frauen festgenommen. Am 2. Mai protestierten die Lehrer*innen in verschiedenen St\u00e4dten vor den Bildungs\u00e4mtern. Die Polizei hat drei von ihnen bei diesen Protesten festgenommen.<\/strong><\/p>\n<p>Die Lebenssituation der Arbeiter*innen hat sich gegen\u00fcber dem letzten Jahr verschlechtert, die Regierung hat die Repression gegen die unabh\u00e4ngigen Gewerkschaften versch\u00e4rft und die Hochwasser von diesem Fr\u00fchjahr haben die Lebensgrundlagen vieler Arbeiter*innen vollkommen zerst\u00f6rt. Im vergangenen Jahr betrug die Inflation 26.9%, der Wert der Landesw\u00e4hrung ist um mindestens 100% gefallen und die Arbeitslosigkeit liegt bei 12.1%.<\/p>\n<p>Nach den Angaben des Statistischen Amtes des Irans waren im vergangenen Jahr 3.26 Millionen Personen arbeitslos; 38.5% davon sind Menschen mit Universit\u00e4tsabschluss, 1.4% \u00fcber dem Wert vom vergangenen Jahr. 26.1% dieser universit\u00e4r Ausgebildeten sind M\u00e4nner \u2013 1.7% mehr als letztes Jahr \u2013 und 63.9% davon sind Frauen \u2013 1.6% mehr als letztes Jahr.<\/p>\n<p>Zudem haben viele Arbeiter*innen auch ihre Arbeitspl\u00e4tze verloren. So wurden beispielsweise 300\u2019000 der 800&#8217;000 Arbeiter und Arbeiterinnen der Fabriken f\u00fcr Autoteile vergangenes Jahr aus ihrem Job geworfen.<\/p>\n<p>Hossein Raghfar, ein regierungsnaher \u00d6konomieprofessor der Teheraner Universit\u00e4t, hat die absolute Armutsgrenze f\u00fcr eine 4-k\u00f6pfige Familie in Teheran auf 95 Dollar im Monat gesch\u00e4tzt. Er sagte auch, dass 33% der Iraner*innen mit weniger auskommen m\u00fcssten. Trotzdem betr\u00e4gt der Durchschnittslohn lediglich 26.36 Dollar im Monat. Nach den Angaben von Herrn Raghfar leben 6% der Bev\u00f6lkerung, d.h. 5 Millionen, unterhalb der Armutsgrenze und ihr Einkommen reicht nicht aus f\u00fcr eine ausreichende Ern\u00e4hrung.<\/p>\n<p>Aber viele Arbeiter*innen bekommen nicht einmal diesen mickrigen Lohn. Viele Arbeiter*innen im Iran erhielten w\u00e4hrend zweier Monate bis zu einem Jahr \u00fcberhaupt keinen Lohn. Hassan Sadeghi, der Vorsitzende einer regimeh\u00f6rigen Gewerkschaft, sagte, dass 97\u2019300 Arbeiter*innen von 400 Firmen unter Lohnausst\u00e4nden leiden w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Nach den staatlichen Angaben arbeiten 85% der Arbeiter und Arbeiterinnen auf der Basis von Einzelauftr\u00e4gen und werden nicht eingestellt.<\/p>\n<p>Zudem ist der Arbeitsmarkt im Iran sehr frauenfeindlich. Im letzten Bericht des Weltwirtschaftsforums vom Jahr 2018 \u00fcber die geschlechtsspezifischen Diskriminierungen rangiert der Iran von 149 L\u00e4ndern gerademal hinten auf Platz 142. Nach diesem Bericht kommen im Iran auf 100 arbeitslose M\u00e4nner 230 arbeitslose Frauen.<\/p>\n<p>Im Iran ist die Korruption weit verbreitet und tief verankert. Im letzten Bericht von Transparency International \u00fcber Korruption, ihre Verbreitung und die Massnahmen dagegen war der Iran im Jahr 2018 das 138. Land unter 180 L\u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>Die Proteste der Arbeiter*innen und die staatliche Repression<\/strong><\/p>\n<p>Die Arbeiter*innen im Iran weiteten ihre Proteste vergangenes Jahr noch st\u00e4rker aus. Es kam zu vier landesweiten Streikwellen der LKW-Fahrer und Fahrerinnen, die Lehrer*innen k\u00e4mpften w\u00e4hrend 3 zweit\u00e4gigen nationalen Streiks, die Arbeiter und Arbeiterinnen der Haft-Tappeh Rohrzucker-Fabrik in Schusch und der Stahlfabrik in Ahwaz im S\u00fcden des Landes demonstrierten \u00fcber mehr als einen Monat in ihren St\u00e4dten. Dies sind nur einige Beispiele aus Hunderten von Protesten von Arbeiter*innen im vergangenen Jahr.<\/p>\n<p>Wenn diese Arbeiter*innen versuchen, ihre eigenen unabh\u00e4ngigen Gewerkschaften zu bilden, so werden sie unter Anklagen wie \u00abAktion gegen die nationale Sicherheit\u00bb festgenommen und eingekerkert.<\/p>\n<p>So wurde im August 2018 Mohammad Habibi, ein Lehrer, wegen seiner gewerkschaftlichen Aktivit\u00e4ten verhaftet und auf zehn Jahre Gef\u00e4ngnis verurteilt. Im September 2018 wurden 6 weitere Lehrer*innen wegen ihren friedlichen Aktivit\u00e4ten f\u00fcr h\u00f6here L\u00f6hne ausgepeitscht und mit Gef\u00e4ngnis bestraft. 12 weitere Lehrer*innen wurden im Oktober und November festgenommen und ins Gef\u00e4ngnis gesteckt. Sie hatten kein Recht, sich einen Anwalt zu nehmen, oder Berufung gegen das Urteil einzulegen.<\/p>\n<p>Nach den Protesten der Arbeiter*innen der Rohrzuckerfabrik in Schusch wurden 18 von ihnen festgenommen. Esmail Bakhshi ist einer unter ihnen, der nach 4 Monaten immer noch in Untersuchungshaft sitzt. Die juristischen und geheimdienstlichen Beh\u00f6rden der Provinz Khuzestan haben 40 Arbeiter der Ahwaz Stahlfabrik festgenommen. Die Islamische Republik ist die Quelle der Armut und der schlechten Lebenssituation der Arbeiter*innen und gleichzeitig reagiert sie auf jeden Protest mit Gewalt und Repression.<\/p>\n<p><strong>Das Hochwasser reisst das Leben der Arbeiter*innen mit!<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Arbeiter*innen im Iran mit einer schwierigen Lebenssituation k\u00e4mpfen m\u00fcssen, haben die \u00dcberflutungen seit dem Beginn des Fr\u00fchlings Zehntausende von H\u00e4usern zerst\u00f6rt und in vielen St\u00e4dten und D\u00f6rfern nur Schlamm und zerst\u00f6rte B\u00f6den hinterlassen. Die Provinz Lorestan geh\u00f6rt zu jenen Regionen, die am schlimmsten vom Hochwasser betroffen worden sind; sie ist zudem eine der \u00e4rmsten Regionen des Landes. Letztes Jahr sagte ein Mitglied der Industrie- &amp; Handelskammer der Provinz, dass 68% der Industrie dieser Provinz vollst\u00e4ndig bankrott sei. Gem\u00e4ss einem Parlamentsmitglied lag die Arbeitslosigkeit in dieser Provinz bereits vor den \u00dcberflutungen auf 40%. Die Beh\u00f6rden des Arbeitsministeriums sagten, dass zehntausend Arbeiter*innen wegen der \u00dcberflutungen ihre Arbeit verloren haben.<\/p>\n<p>Allein in der n\u00f6rdlichen Provinz Golestan haben drei- bis f\u00fcnftausend Arbeiter*innen in 200 Industriebetrieben aufgrund der \u00dcberschwemmungen ihre Arbeitspl\u00e4tze verloren.<\/p>\n<p>In der Provinz Lorestan und vor allem in den St\u00e4dten Mamulan und Poldokhtar haben mindestens 5300 Arbeiter*innen ihre Arbeit verloren. Nach den stattlichen Angaben waren 1300 dieser Arbeiter*innen auf Baustellen und viertausend in kleinen Betrieben t\u00e4tig. 300 Arbeiter*innen wurden obdachlos.<\/p>\n<p>Viele Landwirte haben bei den \u00dcberschwemmungen ihr ganzes Land verloren. In der Provinz Khuzestan wurde die Rohrzucker-Fabrik vollst\u00e4ndig geschlossen und wenn diese Situation andauert, werden weitere sechstausend Arbeiter*innen ihren Job verlieren.<\/p>\n<p>Jegliche Hoffnung auf die Regierung und das Arbeitsministerium ist vergeblich. Denn der Lohnausfall wird nur an diejenigen bezahlt, die schon seit mindestens 24 Monaten versichert sind. Dieser Lohnausfall wird den Verheirateten nur w\u00e4hrend 12 Monaten und den Unverheirateten nur w\u00e4hrend 6 Monaten bezahlt. Die \u00dcberflutungen, die ein Resultat von 40 Jahren Korruption und falscher Politik der Islamischen Republik waren und nur deswegen viel verheerender ausfielen als bei fr\u00fcheren starken Regenf\u00e4llen, hat die Arbeiter*innen in vielen Regionen vor die grossen Fragen \u00fcber ihre Zukunft gestellt. Die Arbeiter*innen im Iran brauchen heute umso mehr die Solidarit\u00e4t ihrer Genoss*innen auf der Welt, um ihre Anstrengungen fortzusetzen, die Islamische Republik zu st\u00fcrzen und eine neue Gesellschaft aufzubauen, die auf Freiheit und sozialer und politischer Gerechtigkeit basiert. Eine Gesellschaft, die den Reichtum des iranischen Volkes f\u00fcr den Aufbau des Landes einsetzt und nicht f\u00fcr die Unterst\u00fctzung von Diktatoren wie das Al-Assad Regime in Syrien.<\/p>\n<p>*<em>Nima Pour Jakub ist Menschenrechtsaktivist aus dem Iran und lebt seit einigen Jahren in der Schweiz. Er schreibt regelm\u00e4ssig f\u00fcr sozialismus.ch \u00fcber den Iran.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nima Pour Jakub*. Am 1. Mai versammelten sich Hunderte von Arbeiter*innen, Student*innen und Pensionierte vor dem Parlament in Teheran, der Hauptstadt des Irans. 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