{"id":532,"date":"2015-05-14T15:14:08","date_gmt":"2015-05-14T13:14:08","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=532"},"modified":"2015-05-15T15:16:06","modified_gmt":"2015-05-15T13:16:06","slug":"schweizer-post-gav-als-katastrophe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=532","title":{"rendered":"Schweizer Post-GAV als Katastrophe?"},"content":{"rendered":"<p>jok. Der neue GAV f\u00fcr die Post ist beschlossene Sache. Syndicom und transfair sehen ihn als Erfolg. Die kleinere \u00abSchweizerische Autonome P\u00f6stlergewerkschaft\u00bb (SAP) hingegen spricht von einer Katastrophe, die besonders gewerkschaftliche AktivistInnen treffe<!--more-->, und k\u00fcndigt Kampfmassnahmen an. Die Gewerkschaftsdelegation, die den neuen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) ausgehandelt hat, schaue \u00abmit Zufriedenheit und einem bisschen Stolz auf das Erreichte\u00bb, das \u00abausgewogen und akzeptabel\u00bb sei, schreibt der syndicom-Pr\u00e4sident Alain Carrupt in einem GAV-Extrablatt. \u00abEine Katastrophe\u00bb ist der GAV hingegen f\u00fcr die kleinere \u00abSchweizerische Autonome P\u00f6stlergewerkschaft\u00bb (SAP), \u00fcberdies macht sie den gr\u00f6sseren Konkurrenzgewerkschaften heftige Vorw\u00fcrfe. Was ist geschehen?<\/p>\n<p><b>Abbau mit Umbau<\/b><\/p>\n<p>Seit August 2013 verhandelten die Post und die ihr angegliederten Unternehmen mit den beiden Gewerkschaften syndicom und transfair \u00fcber einen neuen GAV. Es schien ein z\u00e4hes Ringen gewesen zu sein. \u00dcber Monate wurden die Verhandlungen sogar ausgesetzt. Das allerdings darf nicht verwundern, denn der alte Vertrag ist seit 2002 in Kraft. Und vor \u00fcber zehn Jahren konnte sich noch kaum jemand die heutige Wirtschaftslage ausmalen, daf\u00fcr war die Umwandlung des Staatsunternehmens in eine spezialgesetzliche Aktiengesellschaft schon in vollem Gange. Eine AG ist die Post seit Neujahr 2013, den Beamtenstatus verloren die P\u00f6stlerInnen jedoch bereits 2001 mit der Inkraftsetzung des neuen Bundespersonalgesetzes.<\/p>\n<p>Nun ist der neue Vertrag also unter Dach und Fach. Rund Dreiviertel der 250 Gewerkschaftsdelegierten haben in Bern f\u00fcr seine Annahme gestimmt, wobei die Zustimmung der Angestellten der Post AG nur 66 Prozent erreichte. Unterstellt sind dem GAV rund 60000 Angestellte der Post AG, der PostFinance AG und der PostAuto Schweiz AG sowie neu auch die ChauffeurInnen der privaten PostautobetreiberInnen. Das war eine der gewerkschaftlichen Forderungen. \u00abAlles Gelbe\u00bb geh\u00f6re \u00abunter ein Dach\u00bb. Den neuen, manchmal auch als \u00abmodernisiert\u00bb bezeichneten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen begegneten die Gewerkschaften zudem mit dem Motto \u00abUmbau ja \u2013 Abbau nein\u00bb. Aber offenbar besteht bei den ArbeiterInnen der Post keine Einigkeit dar\u00fcber, was einen \u00abAbbau\u00bb genau ausmacht.<\/p>\n<p><b>SAP sieht betriebliche AktivistInnen in Gefahr<\/b><\/p>\n<p>Fakt ist, dass der neue GAV durchaus einige Verbesserungen beinhaltet. Im Detail sticht hier besonders die ausgedehnte Abdeckung hervor, die neu auch Lernende, Aushilfen sowie das erw\u00e4hnte private Busfahrpersonal mit einschliesst. Doch bereits mit diesem Punkt waren nicht alle ChauffeurInnen zufrieden. So legte fast die H\u00e4lfte aller Berner ChauffeurInnen mittels einer Petition ihren Widerspruch ein. Grund war die Reduktion der Zuschl\u00e4ge f\u00fcr Sonntags- und Nachtarbeit, welche die oppositionellen BusfahrerInnen als eine Folge der Ausweitung des GAVs sehen.<\/p>\n<p>Auf Verbesserungen k\u00f6nnen hingegen frischgebackene M\u00fctter und V\u00e4ter z\u00e4hlen, deren Urlaubstage merklich erh\u00f6ht werden. Zudem sind die verschiedenen Lohnzulagen neu in der Pensionskasse versichert und damit rentenbildend. So viel zum Positiven.<\/p>\n<p>Doch f\u00fcr Olivier Cottagnoud, Pr\u00e4sident der <a href=\"http:\/\/www.sap-ch.org\/\">Basisgewerkschaft SAP<\/a>, \u00fcberwiegen eindeutig die Verschlechterungen. Am schlimmsten sei der Wegfall der garantierten Wiedereinstellung im Falle einer missbr\u00e4uchlichen K\u00fcndigung. K\u00fcnftig erhalten illegal Gek\u00fcndigte 12 Monatsl\u00f6hne ausbezahlt. Syndicom h\u00e4lt das f\u00fcr einen pr\u00e4ventiven Schutz, nicht so Cottagnoud: \u00abF\u00fcr die Post ist das nicht schlimm, sie hat das Geld dazu!\u00bb Doch f\u00fcr die engagierten Leute an der Front sei das bedrohlich. Schon heute sei es schwierig, die KollegInnen f\u00fcr den Kampf zu motivieren, da viele Repressalien f\u00fcrchteten. Bruno Schmucki, Mediensprecher von syndicom, h\u00e4lt dem entgegen, dass der Paragraph zur Wiedereinstellung ohnehin kaum zur Anwendung gekommen sei und dass neu der Preis f\u00fcr eine K\u00fcndigung deutlich gestiegen sei und so durchaus pr\u00e4ventiven Charakter habe. Cottagnoud dagegen fragt rhetorisch: \u00abWarum war es der Post denn ein Anliegen, dass dieser K\u00fcndigungsschutz wegf\u00e4llt, wenn er doch kaum zur Anwendung kam?\u00bb<\/p>\n<p>Weitere Einbussen muss das Personal bei den Treuepr\u00e4mien machen, aber auch bei der Arbeitszeit, die partiell leicht erh\u00f6ht wird. Weiter wird den Postangestellten noch immer lediglich eine 15-min\u00fctige bezahlte Pause gew\u00e4hrt, aber auch nur dann, wenn sie vorher bereits 3,5 Stunden gearbeitet haben. Weiter entf\u00e4llt die automatische Lohnerh\u00f6hung abgestuft nach Anstellungsdauer. An ihrer Stelle tritt die individuelle Leistungserh\u00f6hung. Dieser individuelle Lohnanteil macht zwar bloss 0,4 Prozent aus, war gem\u00e4ss Schmucki aber nicht verhandelbar. \u00abHier zeigte sich die ideologische Seite der Post\u00bb.<\/p>\n<p><b>Von \u00abStellvertreterpolitik\u00bb und \u00abGeheimverhandlungen\u00bb<\/b><\/p>\n<p>Auch ein dezidiert linker Z\u00fcrcher Brieftr\u00e4ger, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, sagt dem vorw\u00e4rts: \u00abBei aller berechtigten Kritik an den Gewerkschaften; es ist die Post, die einen schlechteren GAV wollte!\u00bb Doch unter den KollegInnen sei die Entt\u00e4uschung dennoch verbreitet. Auch Cottagnoud weiss von Frustrierten, die nun der syndicom den R\u00fccken zukehren. Doch weshalb hat die Basis, wenn auch weit weniger klar als in anderen Jahren, den GAV durchgewinkt? \u00abEigentlich wollte man mit einer Mobilisierungsgruppe kontinuierlich Druck aufbauen\u00bb, erinnert sich der Z\u00fcrcher Brieftr\u00e4ger, \u00abdoch alle Versuche in diese Richtung wurden von oben demobilisiert.\u00bb Unter den KollegInnen seien die GAV-Verhandlungen als Geheimverhandlungen wahrgenommen worden. \u00abWie soll Druck aufgebaut werden, wenn kaum Informationen an die Basis gelangen?\u00bb Der monatelange Verhandlungsunterbruch sei etwa eine Folge der Kritik an dieser Arbeitsweise gewesen. Dabei bem\u00fchte sich syndicom, Transparenz zu schaffen und setzte ein 50-k\u00f6pfiges \u00abSoundigboard\u00bb ein, eine Beobachtungsgruppe, die den Prozess begleitete. Das kampflose Abschliessen des GAVs ist f\u00fcr den Brieftr\u00e4ger auch eine Folge l\u00e4ngj\u00e4hriger \u00abStellvertreterpolitik\u00bb der Gewerkschaften.<\/p>\n<p>Die autonome P\u00f6stlerInnen der SAP teilen diese Kritik: \u00abDas, was die Gewerkschaften in den noblen Salons nicht erreichen, m\u00fcssen sie sich erk\u00e4mpfen! Doch an den Kampf sind sie nicht mehr gewohnt.\u00bb Deshalb gr\u00fcndeten gewerkschaftliche DissidentInnen vor zehn Jahren die SAP, die st\u00e4ndig wachsend, heute rund 700 Mitglieder z\u00e4hlt, kein Geld von der Post erh\u00e4lt, daf\u00fcr in einem internationalen Netzwerk von Basisgewerkschaften vernetzt ist und auch mal nach Tunis an das Weltsozialforum reist. Von den GAV-Verhandlungen war sie hingegen ausgeschlossen, trotz unz\u00e4hliger Einspr\u00fcche, zuletzt beim Bundesgericht. Daf\u00fcr hat sie nun eine Klage bei der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) eingereicht und m\u00f6chte sich, wenn auch nicht mehr mit Streik, so doch mit symbolischen Kampfmassnahmen gegen den neuen GAV \u00e4ussern.<\/p>\n<p><i>Quelle: Vorw\u00e4rts vom 8. Mai 2015<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>jok. Der neue GAV f\u00fcr die Post ist beschlossene Sache. Syndicom und transfair sehen ihn als Erfolg. 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