{"id":5345,"date":"2019-05-17T17:57:45","date_gmt":"2019-05-17T15:57:45","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5345"},"modified":"2019-05-17T17:57:45","modified_gmt":"2019-05-17T15:57:45","slug":"six-mois-deja-ein-halbes-jahr-gelbwesten-protest-ist-voll","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5345","title":{"rendered":"Six mois d\u00e9j\u00e0:\u00a0Ein halbes Jahr \u201cGelbwesten\u201d-Protest ist voll"},"content":{"rendered":"<p><em>Bernard Schmid. <\/em><strong>E<\/strong>i<strong>n paar Schlaglichter auf eine \u00fcberaus \u201euntypische\u201d Protestbewegung. Und zu den unterschiedlichen Darstellungen aus der deutschsprachigen Linken und dar\u00fcber hinaus.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Ein halbes Jahr ist es am heutigen Tag her, sechs Monate, dass dieses Ph\u00e4nomen begonnen hat, mit ersten Manifestationen am 17. November 2018.<\/p>\n<p>Viel, ziemlich viel, sehr viel ist \u2013 \u00fcberwiegend \u2013 in den ersten Wochen in deutscher Spache und aus linker Sicht zu diesem (in seiner Erscheinungsform und seiner Dynamik neuartigen) Ph\u00e4nomen geschrieben wurden. Es geht um die Protestbewegung der\u00a0<em>\u201egelben Westen\u201c<\/em>\u00a0in Frankreich, ihrem Ausgangsland, auch wenn das Symbol seitdem international vielfach Nachahmung gefunden hat.<\/p>\n<p>Viel ver\u00f6ffentlicht wurde dazu im deutschsprachigen Raum im November und in der ersten Dezemberh\u00e4lfte 2018; damals musste sich quasi Alles, was irgendwo links dazu war, sich in irgendeiner Weise dazu \u00e4u\u00dfern (Vgl. u.a. die Vielzahl und Vielfalt von Stellungnahmen an dieser Stelle:\u00a0<a href=\"http:\/\/trend.infopartisan.net\/trd1218\/inhalt.html\">infopartisan.net&#8230;<\/a>)<\/p>\n<p>Doch seitdem ist die Karawane anscheinend weitergezogen. Es gibt seit dem Jahreswechsel 2018\/19 kaum noch linke deutschsprachige Stellungnahmen dazu einzuholen. Aber\u00a0<em>on the ground<\/em>\u00a0(oder\u00a0<em>sur le terrain<\/em>, wie man auf Franz\u00f6sisch formulieren w\u00fcrde) ging die Sache weitgehend ungebrochen weiter. Dies deutet im \u00dcbrigen bereits auf den \u201euntypischen\u201c, mit keinerlei bisherigen gesellschaftlichen Bewegungen der letzten Jahrzehnte \u2013 in Frankreich \u2013 zu vergleichenden Charakter dieses Ph\u00e4nomens hin. Ein Schlusspunkt, ein allgemein als solches wahrgenommenes Ende dieses Ph\u00e4nomens ist zu diesem Zeitpunkt nicht in Sicht.<\/p>\n<p>Auch die innenpolitische Krise, die daraus erwachsende Vertrauens- und Glaubw\u00fcrdigkeitskrise f\u00fcr Emmanuel Macron und seine Regierung brechen nicht ab. Am 25. April 2019 verk\u00fcndete Staatspr\u00e4sident Macron, zum zweiten Mal (nach dem 10. Dezember 18), im franz\u00f6sischen Fernsehen einige Ma\u00dfnahmen, einige Zugest\u00e4ndnisse an die Protestierenden, und zum zweiten Male wurden diese als Antwort auf den Unmut der \u201eGelben Westen\u201c verkauft. Doch die Ank\u00fcndigungen und ihre Wirkung sind in der \u00f6ffentlichen Meinung weitgehend verpufft. Kaum jemand w\u00fcrde sich hinstellen und als \u201emit ihnen zufrieden\u201c bezeichnen.<\/p>\n<p>Diese Protestbewegung weist weitere \u201euntypische\u201c, bislang in dieser Form nicht dagewesene Erscheinungsmerkmale auf. Da ist ihr heterogener, ihr ausgesprochen ausgepr\u00e4gter Patchwork-Charakter auf politisch-ideologischem Gebiet; ihm entspricht auch eine uneinheitliche Klassenzusammensetzung. (Vergr\u00f6bert und im \u00dcberblick k\u00f6nnte man sagen, man trifft auf eine Komponenten aus den am st\u00e4rksten verarmten sozialen Unterklassen \u2013\u00a0<em>die Verzweifelten\u00a0<\/em>-, auf eine Komponente aus bestimmten Lohnabh\u00e4ngigengruppen mit einem Schwerpunkt bei dem auch anderweitig mobilisierten Gesundheitspersonal:\u00a0<em>die k\u00e4mpferischen Belegschaften oder Belegschaftsteile \u2013 allerdings nur in geringf\u00fcgigem Ausma\u00df aus der Privatindustrie -,<\/em>\u00a0auf eine Komponente von Lohnabh\u00e4ngigen aus Klein- und Kleinstbetrieben ohne Aussicht auf gewerkschaftliche Organisierung innerhalb ihrer Arbeitsverh\u00e4ltnisse, sowie auf eine Komponenten von Kleinunternehmern, Selbst\u00e4ndigen und abstiegsbedrohten oder sich vom Abstieg bedroht w\u00e4hnenden Mittelklassenangeh\u00f6rigen:\u00a0<em>die rasenden Kleinb\u00fcrger<\/em>.)<\/p>\n<p>Jedenfalls in der Vergangenheit konnte man bei sozialen Protestbewegungen in Frankreich aussagen, ob bzw. dass\u00a0<strong>entweder eine linke und gewerkschaftliche Beteiligung<\/strong>\u00a0an ihnen zu beobachten war, vom Mai 1968 \u00fcber die Sozialprotestbewegungen in den \u00f6ffentlichen Diensten 1995 und gegen den Angriff auf den K\u00fcndigungsschutz im Winter\/Fr\u00fchjahr 2006 bis zum Protest gegen die Arbeitsrechts-\u201eReform\u201c im Fr\u00fchjahr und Fr\u00fchsommer 2016,\u00a0<strong>oder eine politisch rechte Komponente<\/strong>: vom Kampf zur Verteidigung der \u00fcberwiegend katholischen Privatschulen im Fr\u00fchjahr 1984 zur Massenbewegung gegen die \u00d6ffnung der Ehe f\u00fcr homosexuelle Paare 2012\/13\/14. Hingegen l\u00e4sst sich bei der \u201eGelbwesten\u201c-Protestbewegung eine solche Bestimmung nicht vornehmen, denn man findet tats\u00e4chlich beides in ihr, und noch andere, zus\u00e4tzliche ideologische Komponenten: organisierte und unorganisierte Linke, organisierte und unorganisierte Rechte, daneben Totalverstrahlte und Verschw\u00f6rungsgl\u00e4ubige, daneben sich f\u00fcr\u00a0<em>\u201ebislang unpolitisch\u201c<\/em>\u00a0haltende Ehrlichemp\u00f6rte.<\/p>\n<p>Dass sich diese unterschiedlichen Milieus zusammenfinden und zu einer heterogenen, doch objektiv und z.T. auch subjektiv gemeinsam wirkenden Protestbewegung zusammenballen konnten, h\u00e4ngt mit Bestimmtheit auch damit zusammen, dass vorausgegangene K\u00e4mpfe auf gewerkschaftlicher (plus linker) Grundlage \u2013 wie gegen die Arbeitsrechts-\u201eReform\u201c von M\u00e4rz bis Juli 2016, gegen deren Versch\u00e4rfung von September bis November 2017, bei der franz\u00f6sischen Eisenbahn im Fr\u00fchjahr 2018 \u2013 mit erkennbaren Niederlagen endeten.<\/p>\n<p>Sicherlich hat zum Teil eine\u00a0<strong>Entmischung<\/strong>\u00a0stattgefunden; rechte Aktivb\u00fcrger und Wutsubjekte, die in den Anfangswochen im Herbst 2018 etwa (im Namen von\u00a0<em>\u201ewir, das Volk\u201c<\/em>) diese Protestbewegung als ihre Verb\u00fcndete betrachteten, p\u00f6beln nunmehr mitunter in der Nachbarschaft von Demonstrationen herum \u2013 wie etwa vom Verfasser am diesj\u00e4hrigen 1. Mai auf der H\u00f6he der Nahverkehrsstation Port-Royal und in der N\u00e4he einer Festnahmeszene beobachtet -, weil ihnen der Protest nunmehr zu lang andauernd und zu un\u00fcbersichtlich ist.<\/p>\n<p>Das rechte Wutb\u00fcrger- und Wutmob-Spektrum hat sich insgesamt in Teilen eher von den \u201eGelbwesten\u201c entfernt. Umgekehrt verankert dies das Spektrum der aktiv Bleibenden eher klarer im linken oder jedenfalls demokratischen Bereich. J\u00fcngst kamen etwa zu einer explizit antifaschistischen Diskussionsveranstaltung im westfranz\u00f6sischen Tours (vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/larotative.info\/ugo-palheta-le-durcissement-3284.html\">larotative.info&#8230;<\/a>), an welcher rund 80 Personen teilnahmen, allein zwanzig \u201eGelbe Westen\u201c, darunter auch zwei \u00f6rtliche Begr\u00fcnderinnen des \u201eGelbwesten\u201c-Protests. Und wer \u2013 wie der Verfasser \u2013 als Augenzeuge die Pr\u00e4senz der h\u00f6chst fitten, und herkunftsm\u00e4\u00dfig erkennbar gemischten, \u201eGelbwesten\u201c-Frauengruppe\u00a0<em>Femmes Gilets jaunes Ile-de-France<\/em>\u00a0bei der j\u00fcngsten Gro\u00dfveranstaltung \u201eEmmanuel Macrons Prozess\u201c (vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/watch\/?v=1774722749297768\">facebook.com&#8230;<\/a>\u00a0und\u00a0<a href=\"https:\/\/la-bas.org\/la-bas-magazine\/entretiens\/grand-proces-de-macron-la-video\">la-bas.org&#8230;<\/a>) im Pariser Gewerkschaftshaus mitbekommen hat, kann gar nicht umhin zu sagen: Es gibt aktive, progressive, optimistisch stimmende, sympathische Kr\u00e4fte innerhalb dieser (heterogenen) Protestbewegung. Wahrscheinlich bestimmen sie dieselbe sogar mehr und mehr. Auch wenn es die anderen, die eben nicht aktiv, progressiv, optimistisch stimmend und sympathisch sind, durchaus auch gibt \u2013 vgl. unseren nebenstehenden heutigen Artikel \u00fcber eine Pr\u00e4senz von bestimmten \u201eGelbwesten\u201c-Vertreter\/inne\/n auf rechtsextremen Listen in Frankreich. Nein, Letztere bestimmen nicht allein das Bild, nein, Letztere machen nicht die Substanz der \u201eGelbwesten\u201c-Bewegung als solche aus, um es ein f\u00fcr allemal klarzustellen.<\/p>\n<p>Untypisch f\u00fcr soziale Protestbewegungen mit breitem R\u00fcckhalt (denn einen solchen hat es in den Umfragen lange Monate hindurch gegeben, von eher 70 Prozent Zustimmung im November \/Dezember 2018 zu eher 50 Prozent Zustimmung im Januar\/Februar 2019, derzeit ist der Wert eher relativ unbekannt) ist auch der\u00a0<strong>faktische Avantgarde-Charakter<\/strong>\u00a0dieser Protestbewegung. Dies ist nicht im Sinne einer politisch-ideologisch klar bewussten, strukturierten, gar ideologisch vereinheitlichen Avantgarde(organisation) gemeint, was ganz gewiss nicht zutreffen w\u00fcrde. Aber es trifft in dem Sinne zu, dass ein stark geh\u00e4rteter und entschlossener \u201eharter Kern\u201c aus mehreren Zehntausenden Personen die Proteste tr\u00e4gt, was die aktive Beteiligung an ihnen betrifft; bestehend aus Menschen, die bereit sind, \u00fcber Monate hinaus mehr oder minder viel von ihrer Zeit f\u00fcr eine ihnen auf den N\u00e4geln brennende \u201eSache\u201c zu verwenden. Genau deswegen geht diesem Protest im \u00dcbrigen auch bislang nicht oder nicht vollst\u00e4ndig die Puste aus, denn je breiter eine Bewegung von ihrer quantitativen Zusammensetzung her ist, desto schneller wirkt die \u201esoziale Schwerkraft\u201c auf sie, also der Druck auf viele Beteiligten, sich vorrangig wieder um\u2019s Geldverdienen, um die Familie oder die eigenen Arzttermine zu k\u00fcmmern, weil diese Notwendigkeiten sich wieder ins Ged\u00e4chtnis rufen.<\/p>\n<p>Die Teilnehmer\/innen\/zahlen bei den \u201eGelbwesten\u201c-Protesten betrugen an den ersten Samstagen der Protestbewegung im November\/ Dezember 2018 kurzzeitig bis zu rund 300.000 w\u00f6chentlich (vielleicht auch punktuell eine halbe Million), im M\u00e4rz und April 2019 dagegen lag sie in aller Regel bei 30.000 bis h\u00f6chstens 50.000. (Allerdings lagen sie bei den letzten beiden Protest-Samstagen, am 04. Mai und am 11. Mai, dieses Jahres jeweils \u201enur\u201c bei rund 19.000 frankreichweit laut Regierungszahlen, die sicherlich in einem gewissen Ausma\u00df untertrieben sein d\u00fcrften. Inhaltlich waren hingegen die Anliegen in beiden F\u00e4llen glasklar sozial &amp; progressiv, denn am 04. Mai wurden die Zust\u00e4nde im Gesundheitswesen in den Mittelpunkt ger\u00fcckt \u2013 wie wir berichteten (vgl.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/internationales\/frankreich\/gewerkschaften-frankreich\/breite-mobilisierung-zur-verteidigung-des-oeffentlichen-dienstes-in-frankreich-aus-gutem-grund-besonders-an-den-schulen\/\">labournet.de&#8230;<\/a>) \u2013 und am 11. Mai wurde die Solidarit\u00e4t mit den streikenden Teil des Lehrpersonals an \u00f6ffentlichen Bildungsanstalten hervorgehoben. Nunmehr wird inhaltlich am 27. Mai die\u00a0<em>\u201eMobilisierung der Verletzten\u201c,<\/em>\u00a0d.h. der Opfer der phasenweise absolut massiven Polizeigewalt in den letzten Wochen und Monaten, bemerkenswert ausfallen.)<\/p>\n<p>Dieses Ausma\u00df ist f\u00fcr einen Marathonprotest, dem jedenfalls in Teilen\u00a0<em>\u201enicht die Puste ausgeht\u201c\u00a0<\/em>und der nach wie vor die \u00f6ffentliche Meinung besch\u00e4ftigt \u2013 zum Halb-Jahres-Tag am heutigen 17. Mai 19 nehmen die\u00a0<em>\u201eGelben Westen\u201c<\/em>\u00a0etwa die Titelseiten der an den M\u00e9tro-Ausg\u00e4ngen verteilten Gratispresse ein -, ausgesprochen viel; doch in absoluten Zahlen gemessen ist es nicht derma\u00dfen viel. Die quantitative Protestmobilisierung auf den Stra\u00dfen war bei Sozialprotestbewegungen wie jener vom Februar\/M\u00e4rz\/April 2006 gegen die Attacke auf den K\u00fcndigungsschutz in Gestalt des CPE oder \u201eErsteinstellungsvertrags\u201c (es handelt sich um die bisher letzte Bewegung in Frankreich, die einer Regierung eine Totalniederlage bei ihrem Thema, ihrem Protestgegenstand beibringen konnte) um einen Faktor Zehn bis Hundert so gro\u00df. Vom Mai 1968, mit zeitweilig bis zu acht Millionen Streikenden Lohnabh\u00e4ngigen, gar nicht erst zu reden\u2026<\/p>\n<p>Deswegen ist es i.\u00dc. auch absolut grotesker Unfug, wenn man beispielsweise in schriftlichen Quellen aus dem Tal der Ahnungslosen lesen kann, es handele sich beim \u201eGelbwesten\u201c-Protest um, Zitat, \u201e<em>The largest uprising in France since 1968\u2033<\/em>. (Vgl. dazu:\u00a0<a href=\"https:\/\/communemag.com\/the-counter-insurrection-is-failing\/\">communemag.com&#8230;<\/a>) \u2013 Sorry, aber nein: Setzen, Sechs, Thema verfehlt! Bitte erst um die Realit\u00e4t k\u00fcmmern und erst danach dummes Zeug behaupten!)<\/p>\n<p><strong>Linke deutsche Projektionen<\/strong><\/p>\n<p>Viel ist auf diese Bewegung, deren Analyse betreffend Ursachen und (kurz-, v.a. jedoch mittel- und l\u00e4ngerfristige) Auswirkungen noch aussteht, projiziert worden. Linke wollten in ihre eine linke Protestbewegung erkennen, weil sie \u201eihre\u201c oder ihnen liebe Symbole oder Personen in ihr wiederfanden, Rechten wollte eine rechte Bewegung in ihr erkennen und Totalverstrahlte eine verschw\u00f6rungsideologische Protestbewegung. Doch sie war entweder nichts davon, oder Alles davon auf einmal. Der Verfasser behauptet damit nicht, dass dies die Analyse einfacher mache.<\/p>\n<p>Einige der erw\u00e4hnten Beitr\u00e4ge zur Protestbewegung, die von entsprechenden Projektionen gepr\u00e4gt waren, zeichneten sich durch ein ausgesprochenes Wunschdenken aus. Nehmen wir\u00a0<em>in pars pro toto\u00a0<\/em>(als Teil f\u00fcr das Ganze stellvertretend) nur folgenden Beitrag:\u00a0<a href=\"http:\/\/trend.infopartisan.net\/trd1218\/t121218.html\">infopartisan.net&#8230;<\/a>; Auszug als Zitat:\u00a0<em>\u201eAll diese Behauptungen sind L\u00fcgen. Tats\u00e4chlich war es die Polizei, die von Anfang an auf \u2018Krawall geb\u00fcrstet\u2019 war und die \u2018Sprache der Gewalt\u2019 benutzte. (\u2026)\u201eDas entspricht der Linie der franz\u00f6sischen Gewerkschaften und Pseudolinken, die ebenfalls argumentieren, die Proteste w\u00fcrden die extreme Rechte st\u00e4rken. In Wirklichkeit sind Figuren wie Sarkozy in der Bev\u00f6lkerung verhasst, und die extreme Rechte denunziert die \u2018Gelben Westen\u2019\u2026<\/em>\u201c Sorry, aber Unfug: Die extremen Rechte ist in Teilen (in Teilen!) dieser derzeitigen Bewegung ziemlich massiv verankert, ob man es nun wahrhaben m\u00f6chte oder nicht \u2013 man sollte zumindest das Problem erkennen, bevor man dar\u00fcber diskutiert, welche Strategie man ihr vielleicht entgegensetzt -; und, doch, Gruppen aus dieser Protestbewegung gingen in sehr massiver Weise gewaltf\u00f6rmig vor, jedenfalls im Sinne von \u201eGewalt-gegen-Sachen\u201c, wesentlich weniger im Sinne von Auseinandersetzung mit Personen (\u2026 abgesehen von Auseinandersetzungen mit der Polizei, doch mittlerweile ist tats\u00e4chlich haupts\u00e4chlich die Polizei gewaltt\u00e4tig). Auch hier lautet die eigentliche Frage, wie man dies nun bewertet.<\/p>\n<p>Andere Stimmen zeichnen sich eher durch Skepsis aus, doch auch dort ist nicht alles richtig und zutreffend, was aufgeschrieben wird. Auch hier nehmen wir stellvertretend eine Stimme heraus (deren \u00c4u\u00dferungen immerhin anerkennenswerter durch das Bem\u00fchen gepr\u00e4gt sind, die Realit\u00e4t mitsamt unsch\u00f6nen Aspekten als solche wahrzunehmen!) (vgl.:\u00a0<a href=\"http:\/\/trend.infopartisan.net\/trd1218\/t371218.html\">infopartisan.net&#8230;<\/a>) \u2013 Hier liest man zu den Inhalten: \u201e(FORDERUNG:)\u00a0<strong><em>Keine Personen mehr ohne festen Wohnsitz.<\/em><\/strong>\u00a0<em>(<\/em>ANTWORT \/ ANALYSE:)\u00a0<em>Der leider allgegenw\u00e4rtige Rassismus gegen Sinti und Roma. Bettler, Obdachlose und \u2018illegale\u2019 Migranten sollen auch vertrieben werden, vermutlich interniert und als \u2018Problem\u2019 beseitigt werden.\u201c\u00a0<\/em>Sorry, aber auch dies ist grundfalsch. W\u00f6rtlich \u00fcbersetzt bedeutet\u00a0<em>Sans domicile fixe<\/em>\u00a0(SDF) \u2013 als administrative Bezeichnung jener Personengruppe, um die es an dieser Stelle in einem Forderungskatalog im Namen der \u201eGelbwesten\u201c ging \u2013 so viel wie \u201eOhne festen Wohnsitz\u201c. Inhaltlich bedeutet der Begriff nicht anderes als Obdachlose, Menschen ohne Wohnungen. Und intendiert, gemeint war mit der oben zitierten Forderung der \u201eGelbwesten\u201c nichts Anderes als dies:\u00a0<strong>\u201eKeine Obdachlosigkeit mehr, Wohnraum f\u00fcr Alle!\u201c<\/strong>\u00a0\u2013 und nicht etwa \u201eKZ f\u00fcr Roma\u201c. M\u00f6glicherweise liegt die Fehlerquelle hier in der \u00dcbersetzung, doch es macht an dieser Stelle dann doch einen Unterschied ums Ganze\u2026<\/p>\n<p>Erwartungsgem\u00e4\u00df sieht man auch auf sonstiger Seite gerne das, was man sehen w\u00fcrde; etwa spricht bei nach rechts (ja bis rechtsau\u00dfen) driftenden Gestalten aus der Ex-Linken der dringliche Wunsch, sich dergestalt best\u00e4tigt zu finden, dass man lobend erw\u00e4hnen kann, hier sei sozialer Protest endlich nicht mehr links besetzt.<\/p>\n<p>Beispielsweise bei den nach weit rechts abdriftenden M\u00e4rchenonkeln von der\u00a0<em>Bahamas<\/em>\u00a0(nein, nicht der Inselgruppe mit Anziehungskraft f\u00fcr Steuerfl\u00fcchtlinge; gemeint ist das Witzbl\u00e4ttchen f\u00fcr \u201eAntideutsche\u201c, die nun nicht mehr so hei\u00dfen m\u00f6gen, sondern sich mittlerweile \u201e<em>Ideologiekritiker\u201c\u00a0<\/em>schimpfen (vgl.\u00a0<a href=\"http:\/\/redaktion-bahamas.org\/img\/cover\/800w1\/81.jpg\">redaktion-bahamas.org&#8230;<\/a>). Dort ist man im Kern haupts\u00e4chlich froh dar\u00fcber, es mal mit einer sozialen Bewegung zu tun zu haben, die \u2013 so wird behauptet \u2013 nicht str\u00e4flich links sei, von ein paar b\u00f6sen Eindringlingen abgesehen. Nat\u00fcrlich wird, sonst w\u00e4re die\u00a0<em>Bahamas<\/em>\u00a0nicht die\u00a0<em>Bahamas<\/em>, mehrfach mit dem Antisemitismus-Begriff um sich geworfen (ansonsten w\u00fcrde es ja langweilig). Es folgt die nur noch l\u00e4cherlich zu nennende Absurdit\u00e4t, es seien die Linken, die Antisemitismus in diese \u2013 wie oben erw\u00e4hnt, heterogene \u2013 Bewegung hinein tr\u00fcgen: Demnach (Zitat im Originalton) \u201e<em>geriet in der Phase des antifaschistischen und antirassistischen Einmarsches progressiver Kr\u00e4fte, die der zerfallenden Bewegung ihre linke Hegemonialpolitik aufdr\u00fcckten, jedenfalls medial ins Zentrum des Gelbwestenprotests: skrupelloser, gewaltbereiter Antisemitismus.\u201c<\/em>(Seite 21 der aktuellen Ausgabe Nummer 81, linke und mittlere Spalte (vgl.\u00a0<a href=\"http:\/\/redaktion-bahamas.org\/heft\/index.html#Nr81\">redaktion-bahamas.org&#8230;<\/a>)<\/p>\n<p>Um dann doch noch Positives aus seiner Weltsicht zu entdecken, behauptet Sektenh\u00e4uptling Justus Wertm\u00fcller jedoch auch, der Linkssozialdemokrat Jean-Luc M\u00e9lenchon (nat\u00fcrlich auch er \u2013 wie soll es anders sein \u2013 ihm zufolge Antisemit oder jedenfalls in seinen Worten\u00a0<em>\u201eselbstredend antizionistischer Marktschreier\u201c<\/em>, was in seinen Augen irgendwie ohnehin dasselbe bezeichnet; auch dies i.\u00dc. eine groteske Zuschreibung) sei zwar ein unguter Zeitgenosse, habe jedoch wenigstens Eines richtig erkannt. Wertm\u00fcller hebt unter M\u00e9lenchons S\u00e4tzen diesen einen positiv hervor:\u00a0<em>\u201eSie mahnen die R\u00fcckkehr zum Alltag an, die R\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t.\u201c<\/em>\u00a0(Seite 19 der oben zitierten Publikation, rechte Spalte) Wertm\u00fcller bekommt sich an diesem einen Punkt kaum mehr ein vor Begeisterung:\u00a0<em>\u201eMit einem Halbsatz\u00a0<\/em>\u2026\u00a0<em>hat M\u00e9lenchon seine Rolle als gelittener Jammeronkel der Modernisierungsverlierer aufgegeben, als er gar nicht revolution\u00e4r, sondern scheinbar altbacken und retrospektiv<\/em>\u2026\u00a0<em>die R\u00fcckkehr zum Alltag und damit zur Normalit\u00e4t anmahnte. Diese Aufblitzen von Wahrheit ist nicht auf seinem Mistbeet gewachsen, sondern ihm von Leuten zugeflogen, an deren Spitze er stehen will\u00a0<\/em>(\u2026).\u201c (Ebenda) Den Satz fand J.W. im \u00dcbrigen derart sch\u00f6n, dass er auch gleich noch eine Artikel\u00fcberschrift daraus bastelte:\u00a0<em>\u201eF\u00fcr die R\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t\u201c\u00a0<\/em>(vgl. Seite 17).<\/p>\n<p>Ungl\u00fccklicherweise (f\u00fcr ihn) hat Wertm\u00fcller jedoch an dieser Stelle Jean-Luc M\u00e9lenchon einen Satz in den Mund gelegt \u2013 und einen ganzen mehrseitigen Artikel um ihn herum konstruiert -, den er zu 100 % falsch interpretiert. Gemeint hatte der Linkssozialdemokrat und Linkspatriot M\u00e9lenchon n\u00e4mlich just das Gegenteil. Sein Satz bedeutete genau so viel wie: Die Regierung und die Medien mahnen uns jetzt best\u00e4ndig dazu, \u201ezur Normalit\u00e4t zur\u00fcckzukehren\u201c, also mit dem Protestieren aufzuh\u00f6ren. Dies werden wir jedoch nicht tun. Denn, so f\u00e4hrt er im n\u00e4chsten Satz fort:\u00a0<em>\u201eAber es ist das Normale und das Allt\u00e4gliche, das im Leben dieser Menschen unertr\u00e4glich ist\u201c, <\/em>gemeint ist damit das bestehende soziale und \u00f6konomische System. Was der \u201eantideutsche\u201c deutsche Schn\u00f6sel hingegen sucht, ist eine Best\u00e4tigung f\u00fcr das Bestreben seiner von Psychosen durchsetzten Selbsthilfegruppe f\u00fcr fr\u00fchere Linke, die bitte, bitte keine Linke mehr sein m\u00f6chten.<\/p>\n<p>Als emanzipativ ausgerichteter Linker wird man nun nicht auf einen \u201estarken Mann\u201c in Gestalt von Jean-Luc M\u00e9lenchon vertrauen, nein, nicht wirklich. Doch besser als solch ein\u00a0<em>Bahamas-<\/em>Schreiberling versteht er die Welt, und auch die Protestbewegung, allemal.<\/p>\n<p>Kurz und gut, bzw. schlecht: An Projektionen auf diese Bewegung mangelte und mangelt es nicht, doch beschreiben die Projizierenden weitestgehend nur sich selbst oder ihre W\u00fcnsche.<\/p>\n<p>Was erst noch bevorsteht, ist die wirkliche, vorbehaltlose und keine wichtigen Aspekte vernachl\u00e4ssigende Auswertung dessen, was sechs Monate \u2013 und bald wohl noch mehr \u2013 an Protesten der \u201eGelbwesten\u201c bedeuteten, ausl\u00f6sten, bewirkten, darstellten.<\/p>\n<p>Die Debatte darum ist er\u00f6ffnet, und steht erst am Anfang \u2013 nicht an ihrem Ende.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/internationales\/frankreich\/soziale_konflikte-frankreich\/six-mois-deja-ein-halbes-jahr-gelbwesten-protest-ist-voll-ein-paar-schlaglichter-auf-eine-ueberaus-untypische-protestbewegung-und-zu-den-unterschiedlichen-darst\/\"><em>labournet.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 17. Mai 2017<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernard Schmid. Ein paar Schlaglichter auf eine \u00fcberaus \u201euntypische\u201d Protestbewegung. 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